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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Nach diesen Worten setzte der König seine Haube auf das Haupt, und ließ sich auf seinen Sitz nieder.

Im Saale aber riefen die Männer: »Wir ziehen, wir ziehen.«

Dann wurde gerufen: »Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem großen und mächtigen Könige.«

»Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem großen Könige«, riefen sie wieder.

Da stand Witiko von seinem Sitze auf.

»Hört Witiko«, riefen Stimmen.

»Hört Witiko«, rief Predbor.

Und als es nach und nach stiller geworden war, sprach Witiko: »Ich rede noch von einem Dinge, das bei den Menschen groß und erhaben ist, und über ihre Länder und ihr Leben hinaus reicht, von dem Ruhme. Wenn ein Mann das Höchste tut, das preiswürdig ist, wenn viele Männer, wenn ganze Völker das Höchste tun: so kömmt es in den Mund der Menschen, sie erzählen es, sie preisen es, einer sagt es dem andern, und wieder sagt es einer dem andern, und dann kömmt es in die Lieder, und die Lieder und die Erzählungen tönen in allen Zungen der Völker, und die das Große getan haben, sind in der Liebe und Bewunderung der Menschen, und ihre Ehre und ihre Macht wächst gegen die Wolken empor. Und die Menschen haben die Kunst erfunden, ihre Worte in Buchstaben zu legen, die dauern, und durch diese Erfindung und durch das, was noch erfunden werden wird, lebt der Ruhm fort, wenn die, welche Großes verübt haben, längst schon vor dem Throne Gottes sind. So haben schon Männer vor uns aufgeschrieben, was geschehen ist, und so schreiben Männer jetzt auf, was geschieht. Und das wirkt in die Zeiten; denn die Worte sind so mächtig, daß sie alles bewegen, wie das feste Recht der Taten die Menschheit gestaltet. Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder, und die Mäßigung besiegt den Erdkreis. Wenn wir nach Italien gehen, so sind wir in einem Lande, auf welches die Völker schon in den ältesten Zeiten geschaut haben, als das größte Reich der Welt von Italien ausgegangen ist, und auf das jetzt die Völker schauen, weil dort der Herrscher aller christlichen Seelen seinen Sitz hat. Und wenn wir in dem schönen Lande siegreich die Ordnung und das Recht wieder einführen geholfen haben, und der Übermut zu unsern Füßen geworfen ist, so kömmt unser Land in die Erzählungen von weiten Völkern, weil es vor weiten Völkern gehandelt hat, und es kömmt in die Lieder und Schriften, und durch sie in die folgenden Zeiten, und unser Volk ist geachtet und stark unter den Völkern. Und daß es geachtet und stark bleibe, müssen wir einig sein, daß nicht jeder nach einem andern Sinne geht. Wären die Christen unseres Weltteiles gegen die Ungläubigen einig, und stünde das griechische Reich aufrichtig zu uns, so wäre das Land Jerusalem, das noch heiliger ist als Italien, gesichert bei den Gläubigen, während nun ein starker Mann, welcher die Heiden einmal einigt, alles an sich reißt. Ich bin nicht zu dem Zuge in das Heilige Land gegangen, weil ich gesehen habe, daß er mit seinen Mitteln die Ziele nicht erreicht. Und er hat sie nicht erreicht. Aber Friedrich wird mit Ruhmesschimmer seinen Zug vollenden, und wenn wir heimkehren, wird dieser Schimmer von unsern Helmen, von unsern Schilden, von unsern Schwertern, von unsern Panzern leuchten.«

Er setzte sich nach diesen Worten wieder auf seinen Stuhl.

Nun riefen viele Stimmen: »Witiko, Witiko, Witiko.«

Dann riefen sie: »Wir ziehen mit, wir ziehen mit.«

Andere riefen: »Verzagte bleiben.«

Da sprang Kochan auf, und schrie, daß es alles Rufen übertönte: »Laßt mich reden.«

Als er aber nicht gehört wurde, schrie er noch stärker: »Laßt mich reden.«

Und das wiederholte er mehrere Male.

Und da man ihn vernommen hatte, und da es stiller geworden war, rief er: »Ich habe in der Versammlung auf dem Wyšehrad, da der Herzog Wladislaw gewählt wurde, gesagt: Es sollen gar keine Herzoge mehr sein, sondern es sollen die Herren der Länder herrschen, wie man erzählt, daß es einst das gewesen ist. Und da sich der neugewählte Herzog Konrad und der früher gewählte Herzog Wladislaw bekämpften, habe ich gehofft, sie werden sich beide zu Grunde richten, und dann werden die Lechen in Frieden die Länder verwalten, und wir werden sie zu gleichen Rechten, zu gleicher Macht und gleicher Herrschaft führen. Aber ich habe mich in allen Dingen geirrt, und es sind mir andere Gedanken in meinem Sinne kund geworden. Viele der mächtigen Lechen haben nur für sich Nutzen erstrebt, und jeder suchte über den andern empor zu kommen, und wenn es ihm gelungen wäre, so wäre er gewalttätiger geworden, als alle Herzoge je gewesen sind. Da kehrte ich meinen Willen zu dem erlauchten Herzoge Wladislaw, und der erlauchte Herzog gedachte nicht mehr meines früheren Tuns, und ich lernte den erlauchten Herzog kennen, und liebte ihn. Ich bin zu dem Kaiser Friedrich gegangen. Ich habe sein schönes Angesicht und seinen goldenen Bart gesehen und den starken Blick seiner blauen Augen, und ich habe seine tönende Stimme gehört. Ich habe ihn auf seinem Zuge gegen die Räuber gesehen, auf Reichstagen, und unter den Abgesandten fremder Könige. Und mit ihm und mit unserem hocherlauchten Könige Wladislaw zu ziehen, und in Gemeinschaft mit tapferen Rittern Siege zu erkämpfen, ist eine Freude, welche für einen Mann keine gleiche hat. Und du, Bogdan, und du, alter Rodmil, denen der erlauchte Herzog ihre Tat gegen Zdik verziehen hat, der nun in dem Himmel ist, ihr solltet nicht gegen den Herzog sein, weil er nun ein König ist, sondern ihn in Demut bitten, daß er euch mit sich ziehen läßt. So rede ich, und habe ein Recht; denn ich bin nie ein Knecht eines Herzogs oder Königs gewesen, und bin nun der Freund des Königs.«

»Nein, nein, nie ein Knecht, Kochan«, riefen Stimmen.

Und es entstand ein Rufen des Beifalles in dem Saale.

Jetzt stand Rowno auf, und rief: »Ich ziehe mit unserem erhabenen Könige, und meine Sippen ziehen mit, und alle die sollen nicht Ehre und Macht erringen, die sie für sich allein wollen.«

Diet rief von seinem Sitze: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

»Und ich und meine Söhne und die Meinigen ziehen mit«, rief Osel.

Odolen schrie: »Die Sache ist so schimmerreich, daß nicht jeder zu sagen braucht: ich ziehe mit; sonst werden wir mit dem Hören fertig, wenn der Sieg erfochten ist. Der König rüstet, wir rüsten, und wenn gezogen wird, ziehen wir.«

»Und wenn du es auch verbietest«, rief Predbor mit seiner starken Stimme, »ich habe heute schon viel gerufen, und rufe jetzt: ich ziehe mit, und weiche dort nicht von dem Platze, bis jeder niedergeschmettert ist, der Übermut gegen uns erhebt.«

Dann stand Bogdan auf, und schrie: »Wenn einer sagt, ich sitze zu Hause, und tändle mit Weibern, den verfluche ich. Und ich ziehe mit, und werde mit meinem Schwerte zeigen, daß kein Schwert dem meinen gleicht.«

»Ich aber rufe«, sagte Welislaw, »Leib und Leben und Gut und Blut für die Ehre und den erlauchten Ritter, den König.«

»Leib und Leben und Gut und Blut«, riefen die Männer.

Nun stand Lubomir auf, und sprach: »Hoher König Wladislaw, wenn auch schon viele Jahre auf meinem Scheitel sind, so ziehe ich doch mit dir, und meine Männer und Sippen ziehen mit, und meine Söhne werden wohl auch mitziehen.«

Radosta, der Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

Moyslaw, der andere Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

Und ein großer Ruf der Billigung erscholl in dem Saale.

»Mein Alter soll mich nicht von dem Zuge abhalten«, rief Slawibor.

»Ich ziehe mit«, rief Nemoy.

Jetzt erhob sich wieder langsam der alte Wšebor von seinem Sitze, stieg wieder auf seinen Schemel, und sprach: »Ich tändle zwar nicht in meinem Hause mit Weibern; aber ich kann nicht mehr nach Italien ziehen, weil die vielen Jahre meinen Körper dazu untauglich gemacht haben. Ich und mein Weib, das in meinem Hause alt geworden ist, beten für dich, o König. Aber meine Männer und Sippen ziehen mit.«

Ein Jubelruf erhob sich nach diesen Worten.

Wšebor setzte sich wieder langsam auf seinen Stuhl.

Nach ihm stand Preda auf, und sagte: »Ich spreche wie Wšebor, und meine Männer werden nicht die letzten sein, die unter den Rittern genannt sind, wenn Ruhm erworben wird, wie der junge Mann Witiko gesagt hat. Sie werden ihn ehrlich mit denen teilen, die noch Freude an ihm haben.«

Und es ertönte wieder ein Ruf der Zustimmung.

»Ich habe nie mit Weibern getändelt«, schrie Bozebor, »und mein Schwert soll es in Italien erhärten, daß ich ein Mann bin, und die Schwerter der Meinigen sollen erhärten, daß sie Männer sind.«

Nach diesen Worten erhob sich der König.

Es wurde sogleich ganz stille, und er sprach: »Ich danke dir, alter Wšebor, ich danke dir, Preda, ich danke dir, Lubomir, ich danke dir, Diwiš, und dir, Slawibor, und dir, Nemoy, und auch dir, Bozebor, und allen. Ich frage nun die Versammlung, ob einer in ihr ist, der noch seine Rede in einem anderen Sinne oder über ein anderes Ding erheben will, als über den Zug nach Italien.«

Es antwortete niemand.

»So kann keiner sagen, daß ihm seine Rede entzogen worden ist«, sprach Wladislaw.

»Keiner, keiner«, riefen die Männer.

»Es ist aber nun nicht mehr nötig, daß ein jeder, der nach Italien ziehen will, es ausdrücklich verkündige«, sagte der König.

»Wir ziehen, wir ziehen«, riefen fast alle Männer in dem Saale.

»So danke ich euch von dem Grunde meines Gemütes«, sagte der König, »und wie ich ein schlichter Herzog gewesen bin, so werde ich ein schlichter König sein, und wenn ich es vergessen sollte, so werden mich meine alten Freunde und Räte erinnern. Und so schließen wir die Versammlung. Und wer bei dem Zuge nach Italien sein will, der komme in der Mitte des Monates Mai nach Prag, daß wir uns vereinigen. Und ehe der Sommer erscheint, sind wir in den lombardischen Ländern, und gehen mit Gott nach Mailand.«

»Nach Mailand, nach Mailand, nach Mailand«, riefen im Sturme die Männer.

Und sie erhoben sich schnell, und scharten sich um den König, und riefen ihm zu, und sprachen zu ihm.

Und der König verließ seinen Sitz, reichte ihnen die Hände, und sprach mit vielen. Und er ging in dem Saale von der einen Stelle zu der andern, wo Männer waren.

Als er so eine Zeit mit ihnen gesprochen hatte, und als sie mit ihm gesprochen hatten, ging er wieder zu seinem Sitze, grüßte noch einmal alle, verabschiedete sich, und verließ im Geleite von Hofherren die Versammlung.

Aber die Männer blieben noch in dem Saale, und sprachen mit einander. Und als sie sich zerstreuten, und im Freien waren, zogen immer mehrere mit einander, und sprachen noch eifrig.

Die nicht in Prag wohnten, eilten in ihre Heimat, um sich zu rüsten.

Witiko ritt mit den Seinigen gegen den mittäglichen Wald. Und es gesellten sich noch viele, die im Mittage wohnten, zu ihm, um mit ihm zu ziehen.

Nun begannen die Rüstungen bei den Jungen und bei den Alten. Die Sache von dem Zuge nach Mailand breitete sich unter den Bewohnern der Länder aus, und es entstand eine Begierde, bei dem Zuge zu sein. Die Krieger unter den jungen Männern sprachen von Mailand, die Leute aus dem Volke redeten von Mailand, es wurden Lieder auf den Zug nach Mailand gemacht, und gesungen. Es wurden Waffen herbeigeschafft und ausgebessert, und Landleute achteten nicht mehr des Pfluges, und Arbeiter nicht mehr des Pfriemens, und wollten an dem Zuge teilnehmen.

Als Witiko in seine Burg gekommen war, rief er seine Männer, und die, welche in der Nähe der Burg wohnten, zusammen, und verkündigte ihnen den Zug, und sagte, wer mitgehen wolle, müsse sich bereiten. Dann ritt er in die Herberge der unteren Moldau, in den Kirchenschlag, und nach Plan, und an andere Stellen, und versammelte überall die Männer, und sprach mit ihnen von dem Zuge. Sie riefen ihm zu, daß sie mitgehen wollen. Und er sagte, in Friedberg sei im Anfange des Monates Mai die Versammlung. Und die Männer in dem Walde rüsteten sich, und es rüsteten sich die Männer der Burg. Wolf, der mit Bertha in das Witikohaus gekommen war, hatte reiten gelernt, wie die Reiter des Waldes, und hatte sich in Reiterwaffen geübt. Er durfte, weil er bat, mit dem Zuge gehen.

Als sich der Tag der Versammlung näherte, übergab Witiko die Herrschaft der Burg an Bertha, die Verteidigung derselben und den Befehl über die Männer und die Geschäfte des Gebietes an Beda. Benno wollte mit nach Mailand gehen. Witiko aber bat ihn, in der Burg zu bleiben, und mit Rat und Zuspruch bei der Hand zu sein. Benno fügte sich. Die Base Hiltrut bat Witiko, sie möge, bis er wieder komme, bei Bertha, Wentila und den Seinigen bleiben. Sie versprach es.

Am Tage der Versammlung ging Witiko, da er gerüstet war, zu seiner Mutter und Hiltrut, um den letzten Abschied zu nehmen. Die Frauen segneten ihn. Dann ging er zu Bertha. Sie kam ihm entgegen, und trug einen Kranz von roten Waldrosen auf dem Haupte.

»Bertha, du hast jetzt Rosen?« sagte er.

»Sie sind von dem Strauche, der an der Seite des Burghofes in dem gläsernen Schreine steht, und haben mich heuer sehr bald begrüßt«, antwortete Bertha.

»Ich habe einmal am Waldfels zu dir gesagt: Die dunkelrote Waldrose ist dein schönster Schmuck, und er ist dein schönster«, entgegnete Witiko, »ich habe mehrere Tage den Strauch nicht gesehen, und habe nicht gewußt, daß seine Blumen blühen.«

»Sie blühen«, antwortete Bertha, »und ich habe sie heute genommen. Witiko, du bist ein Mann, sei ein Mann, und gedenke derer, die zu Hause sind.«

Dann nahm sie ihn an der Hand, und führte ihn in eine Kammer, in welcher die Kinder schliefen. Es waren zwei Knaben, Witiko und Heinrich. Eine Wärterin saß auf einem Stuhle.

Witiko ging zu jedem Bettlein, und machte in der Luft ein Kreuz über die schlafenden Knaben.

Dann wandte er sich um, und schloß Bertha in die Arme, und sie küßten sich auf die Lippen.

Die Wärterin weinte.

Dann ging Witiko zu Benno, und dann gingen alle in die Kirche, und Benno feierte das heilige Opfer.

Von der Kirche ging Witiko in den Burghof, und bestieg sein Pferd. Von dem Pferde grüßte er noch die Seinigen, und alle, die da standen, und grüßte auch Huldrik, welcher mit den Armen Zeichen machte. Dann gesellte er sich zu den Kriegern, die sich gesammelt hatten, und ritt mit ihnen zu den andern hinaus, die schon vor der Burg waren.

Und von da ritten sie durch den Wald nach Friedberg hinunter.

Als sie in Friedberg angekommen waren, fand Witiko die Krieger schon von der Kirche aufwärts zwischen den Häusern aufgestellt. Ihre Lager waren auf den Angern an der Moldau zerstreut. Es waren um vieles mehr Männer gekommen, als versprochen hatten, und als in dem mährischen Kriege gewesen waren. Alle Abteilungen trugen ihre Zeichen. Die Frauen und Mädchen von Friedberg sagten, sie geben denen vom Eckschlage ein schöneres Zeichen, als ihre Geierfedern sind; die Männer vom Eckschlage lehnten es aber ab. Witiko ordnete die Scharen wie in dem mährischen Kriege, und versammelte die Obmänner. Diese waren die nämlichen, nur statt derer, die ein zu hohes Alter hatten, waren jüngere gewählt worden. Mit den Obmännern untersuchte er die Krieger, und vorzüglich die Reiter. Mit den Obmännern und seinen Befehlsträgern schloß er die, welche unzulänglich gerüstet waren, oder deren Waffengeschick man nicht kannte, oder von denen man nicht wußte, ob man ihrer Tauglichkeit vertrauen könne, von dem Zuge aus. Die andern wurden eingeteilt, und erhielten die Weisung, bereit zu sein, daß sie am Morgen des nächsten Tages ihren Weg betreten können.

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