Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
Schließen

Navigation:

Indessen diese Dinge geschahen, kamen aus Italien Botschaften, daß sich die Städte bekriegen, daß Mailand die Freunde des Kaisers unterdrücke und unterwerfe, daß es die Mahnungen des Kaisers nicht achte, und daß es sich mit seinen Feinden verbinde.

Friedrich richtete nun ein Schreiben an alle geistlichen und weltlichen Fürsten, und sagte: ›Mailand hat sich gegen das Römische Reich aufgelehnt, und höhnet die Ehrfurcht, welche die Untertanen ihrem Beherrscher schuldig sind, wenn auch derselbe von ihnen entfernt ist. Es strebt darnach, Italien seiner Herrschaft zu unterwerfen, und hält uns für unfähig, es zu besiegen und zu bestrafen. Ein solcher Frevel darf jetzt und in der Zukunft nicht gelingen. Wir müssen die Widerspenstigen mit unserer ganzen Macht bekämpfen, und das üble Glied von dem Körper schneiden, daß er nicht auch die Verderbnis empfange, und zu Grunde gehe.‹

Es wurde wegen Italiens auf den sechsten Tag des Monates Jänner des Jahres 1158 ein Reichstag nach Regensburg ausgeschrieben. Auf diesen Reichstag kamen die Fürsten und Herren des deutschen Reiches, und es kam Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, mit dem zahlreichsten Geleite, das er bisher gehabt hatte. Es wurde für den Sommer ein Zug nach Italien festgesetzt, und alle, die da waren, stimmten ein, und versprachen ihre Zurüstungen.

Am fünften Tage der Versammlung gab Friedrich, der römisch-deutsche Kaiser, Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und Mähren, in Anerkennung seiner Tugenden und seiner großen Dienste in der Gegenwart aller Fürsten eine Königskrone, Wladislaw wurde mit Feierlichkeit als König von Böhmen gekrönt, und von allen Fürsten als König von Böhmen begrüßt. Und diese Königswürde sollte von nun an auf alle seine Nachfolger übergehen.

Es war in allen Lagern und es war unter den Begleitern Wladislaws eine große Freude über dieses Ereignis.

Und als er heimkehrte, kamen ihm in seinem Lande ganze Scharen von Menschen entgegen, und riefen ihm Heil und Segen und Jubel zu, und streuten Tannenzweige auf seinen Weg, und geleiteten ihn große Strecken. Viele junge Krieger und Herren kamen herzu, und zogen mit ihm nach Prag. In Prag wurde er von dem Volke mit Feierlichkeit empfangen, mit Freude begrüßt, und er und Judith wurden in kirchlicher Festlichkeit als König und Königin anerkannt.

Er berief darauf eine große Versammlung in die Königsburg.

Und als der Tag der Versammlung gekommen war, und als sich die hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren und die Herren der Kirche in einer so großen Zahl eingefunden hatten, wie sie sonst nie herbei gezogen waren, sprach der König zu ihnen: »Erhabene Herren der Kirche, Söhne des Stammes Premysl, Herren, Männer und Krieger der Länder Böhmen und Mähren, höret meine Worte. Sie zielen nun nicht mehr wie in der vergangenen Zeit auf die Not und das Unglück unserer Länder, um Abhilfe zu verlangen; sie zielen auf das Ansehen und die Ehre unseres Reiches, daß es mit andern Reichen wirke, ihnen gleich sei, und geachtet und gefürchtet werde. In Italien ist die große und mächtige und reiche Stadt Mailand durch Gewalt, durch Kühnheit, durch Verrat, durch Frechheit und durch Verhöhnung aller göttlichen und menschlichen Gesetze die Beherrscherin des oberen Teiles des Landes geworden. Die Krämer, die Händler, die Handwerker der Stadt sind tapfer, sie spotten aber jedes Rittertumes, jedes Kriegertumes, und möchten die Herren aller Dinge sein. Und sie werden nach und nach die Herren der Dinge werden, wenn ihnen nicht Einhalt getan wird, und sie werden wachsen, und nach uns allen greifen. Es ist daher ein Bund gegen sie entstanden. Friedrich, der König der Deutschen, der auch in Rom zum römischen Kaiser gekrönt worden ist, der in Pavia die lombardische Krone empfangen hat, und dessen Untertanin daher die Stadt Mailand ist, dessen Ansehen und Befehlen sich aber die Stadt widersetzt, ist der Führer des Bundes. Alle deutschen Fürsten gehen mit ihm. Das Land Ungarn wird Reiter senden, Polen wird Kriegsvölker stellen, und andere werden vielleicht desgleichen tun. Das große schöne Land Italien soll geeinigt und geordnet werden. Ich habe dem Kaiser versprochen, daß ich zu seinem Zuge gehen, und daß ich die Männer zu ihm führen werde, die sich mir zugesellen wollen. So wird, wie schon andere Ehren unserem Lande zu Teil geworden sind, auch aus dieser großen Sache Ehre und Macht für das Land erwachsen. Ich verkündige euch dieses, daß ihr es wisset, und daß jeder, der nach Mailand zu ziehen gesonnen ist, sich rüsten könne. Mit dem Frühlinge beginnt der Auszug.«

Da der König gesprochen hatte, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

Mehrere Männer erhoben den Ruf: »Wir ziehen, wir ziehen.«

Andere riefen darunter, und man verstand ihre Worte nicht, und es wurde, ehe einer der vorzüglicheren Männer reden konnte, ein Rufen in dem ganzen Saale, aus dem nichts Deutliches vernommen werden konnte.

Dann drang wieder der Ruf durch: »Wir ziehen.«

Dann erscholl der Ruf: »Wir ziehen nicht.«

Dann tönten Stimmen: »Es darf nicht sein«, »es ist gegen das Recht.«

Dann riefen andere dagegen, und es entstand ein verworrenes Geschrei, das stärker wurde, als es früher gewesen war. Dann sprangen viele von ihren Sitzen auf, und schlugen an ihre Schwerter. Andere sprangen nun auch auf, und schlugen auch an ihre Schwerter wie gleichsam zur Antwort.

Der König blieb auf seinem Stuhle, und sah auf die Männer.

Casta hob seine Haube mit dem rechten Arme empor, und schwang sie in den Lüften.

Es achtete aber niemand auf dieses Zeichen.

Immer mehrere erhoben sich von ihren Sitzen, bis fast alle, die in dem Saale waren, standen.

Nun stieg Wecel auf seinen Stuhl, und machte mit seinen Armen Zeichen.

Das Schreien wurde aber noch stärker, und die Nächsten zogen ihn von seinem Stuhle wieder herunter.

Jetzt stand Diwiš auf, und ging von den Stühlen in den freien Raum, daß er von allen gesehen werden konnte, und hob seine beiden Arme empor.

Das Schreien minderte sich aber nicht.

Diwiš ging wieder zu seinem Sitze.

Nun tat Lubomir das nämliche, was Diwiš getan hatte.

Aber das Schreien dauerte fort, und zu Zeiten rasselten die Waffen.

Lubomir ging wieder zu seinem Stuhle.

Nun stand langsam der alte Wšebor mit seinem weißen Barte auf. Er stieg auf den Schemel, den man ihm seines Alters willen vor seinen Stuhl gestellt hatte. Er nahm seine Haube ab, und hielt sie vor die Brust. So blieb er stehen, und regte sich nicht.

Und wie er immer so stand, minderte sich das Schreien allgemach. Es minderte sich stets, und man hörte den Ruf: »Wšebor.«

Da schrie Predbor mit gewaltiger Stimme: »Wšebor.«

Dann riefen mehrere: »Wšebor.«

Dann rief Predbor vernehmlich: »Wšebor liebt Land und Leute, höret ihn.«

»Wšebor, Wšebor, Wšebor«, riefen nun viele Stimmen.

Dann wurde es stiller, und es war endlich kein Laut mehr in dem Saale.

Darauf sprach Wšebor, da er auf dem Schemel stand: »Liebe, gute Landesgenossen. Ich danke euch, daß ihr mit meinem Alter Nachsicht habt, und euern Unwillen beschwichtigt. Ich bin jetzt der Älteste in dem Saale, seit Bolemil ist, wo die Jahre nicht mehr gezählt werden. Gönnet mir, daß ich Worte sage, was ich in meinem Leben erfahren habe. Bolemil spricht nicht mehr, und mein Mund ist viel schlechter.«

»Rede, rede«, riefen viele Stimmen.

Wšebor sprach: »Es sind viele hundert Jahre vergangen, seit der Vater Cech mit seinen Begleitern über die Ströme in dieses Land gekommen ist. Und sie haben ruhig gelebt, und haben die Nachbarn nicht beraubt. Und wenn Feinde gegen das Land gekommen sind, so haben sie dieselben abgewehrt. Die Fremden, welche als Gäste gekommen sind, haben sie beherbergt und gepflegt. Und wenn ein fremder Mann einem Manne dieses Landes ein Geschenk gegeben hat, so hat er es dankbar angenommen, und hat den fremden Mann wieder beschenkt. Aber niemals haben sie von dem Fremden ein Geschenk für das Land angenommen, daß er nicht ein Recht an das Land bekomme. Darum haben sie auch nicht in entfernten Ländern Hilfe leisten müssen. So sind sie daheim in ihrer Sitte geblieben, und es ist das Gesetz geworden, daß sie nicht in Kriegszüge weit über die Grenzen des Landes gehen dürfen. Hocherlauchter König Wladislaw, wenn du die Dinge, ehe sie geschehen sind, vor den Rat deiner Männer gebracht hättest, so wären vielleicht von der Weisheit der Männer andere Wege zum Heile der Länder gefunden worden.«

Als er diese Worte geredet hatte, stieg er wieder von seinem Schemel herab, und setzte sich auf seinen Stuhl.

Von den Männern in dem Saale aber riefen viele: »Das ist wahr«, »das ist gut«, »so muß es sein.«

Und es entstand wieder ein Durcheinanderrufen.

Dann erhob sich Gezo, der Abt von Strahow, um zu sprechen.

Als es stille geworden war, redete er: »Wir haben die Heiligtümer in unserer uralten Stadt Prag, und haben den goldenen Sitz unserer Fürsten im Wyšehrad, welche Burg noch älter ist als Prag, und welche eine goldene Burg bei den Heiden gewesen ist, und eine goldene Burg mit herrlichen Kirchen bei den Christen geworden ist. Zu den Heiligtümern schaut das ganze Volk, und betet bei ihnen zu Gott, und zu den Heiligtümern wallfahren Fremde, um ihrer Wunder teilhaftig zu werden. In unserem Lande ist die Säule unsers Gebetes, ist die Säule unserer Andacht, ist die Säule unserer Macht, und ist die Säule unserer Ehre. Bei den Deutschen aber sind allerlei Pfalzen der Könige, sind allerlei Städte, und der König hat in keiner seinen goldenen Stuhl, und zieht von der einen zu der andern.«

Es erhob sich nach diesen Worten ein dröhnender Lärm in dem Saale. Die Männer schlugen an ihre Schwerter, und. manche schwangen sie mit der Scheide um ihr Haupt.

Gezo aber setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

Keine Stimme redete gegen Gezo.

Es erhob sich Peter, der Abt von Brewnow.

Man machte ihm endlich Raum zum Reden, und er sprach; »Wie der hochehrwürdige Abt von Strahow, und wie der hohe Leche Wšebor geredet haben, so rede auch ich. Wenn wir unser Land aus seinen Gesetzen und aus seinen Sitten und Gewohnheiten in die Schicksale anderer Länder heben, so ruht es nicht mehr in sich, und kann stürzen. Ich beklage jede Änderung, die nicht reiflich in dem Rate seiner Söhne erwogen worden ist.«

Nach dieser Rede entstand ein großes Beifallrufen, und es entstand auch ein Rufen des Mißbilligens.

Mehrere Männer sprangen zugleich empor, um zu sprechen.

Da es stiller geworden war, erhob sich der König, und da man ihn vernehmen konnte, sprach er: »Es soll ein jeder, der in dieser Sache reden will, reden. Er rede, was er in seinem Sinne für recht und gut hält, und rede, so lange es ihm genehm ist. Ich werde jeden hören, und bitte aber auch die Männer, daß ein jeder den andern anhöre, wie er selbst angehört zu werden wünscht. Da jedoch nicht mehrere zugleich reden können, wenn sie auch zugleich zum Reden aufgestanden sind, so meine ich es geziemend, daß dem Ältern zuerst das Wort gegönnt werde.«

»Ja, ja«, riefen fast alle Stimmen im Saale.

»Lubomir«, sagte der König, »ich glaube, daß du schon vor einer Zeit von deinem Sitze aufgestanden bist. Und wenn es auch nicht so wäre, so bist du doch der Älteste. Sprich.«

Lubomir sprach: »Hocherlauchter König, wenn du mich hören willst, und wenn mich die Versammlung hören will, so werde ich reden.«

»Rede, rede«, riefen viele Männer in dem Saale.

Lubomir schwieg einen Augenblick. Dann redete er: »Liebe hochehrwürdige Herren der Kirche und der Länder. Wie mir nach meinen geringen Einsichten und nach meinen Jahren mein Sinn eingibt, ist die Veränderung, die sich in unseren Ländern zugetragen hat, sehr wert, daß wir derselben unsere genaue Aufmerksamkeit schenken. Wir wissen jetzt noch nicht, was aus alledem werden wird. Wir wissen nicht, was werden wird, wenn unser Herzog ein König ist, und wenn alle unsere künftigen Herzoge Könige sind. Werden die Könige die Art der Herzoge fortbehalten, oder wird eine andere Art werden? Sind unsere Länder in der alten Lage gegen ihre Nachbarn, oder wird die Lage neu sein? Werden wir in Pflichten gegen die kommen, welche die Ehre gespendet haben? Wenn wir alles erst wohl überdacht haben, wenn ein jeder das, was ihm zu Sinne gekommen ist, den andern in Lieb und Treue mitgeteilt hat, dann können wir beraten, wie das Gute, das in den Dingen liegt, von uns nach unsern Rechten und Pflichten dem Lande zugeführt werden kann, und wie wir das Üble, das die Sache hat, von dem Lande fern zu halten vermögen. Ich denke wohl, daß es gut gewesen wäre, wenn vorher alle Obliegenheiten und Notwendigkeiten der Sache beraten und festgestellt worden wären. Aber ihr wisset alle sehr gut, wie unser erlauchter Herzog Wladislaw, seit er auf dem Fürstenstuhle ist, immer in den Dingen des Landes den Rat zusammen berufen hat, und wie in dem Rate beschlossen worden ist. Wenn er es jetzt nicht getan hat, so wird er Ursachen dazu gehabt haben. Er wird alles sehr reiflich erwogen haben, und er kann uns am sichersten sagen, was in dieser Angelegenheit liegt, und was nicht in ihr liegt.«

»Das ist wahr, das ist gut«, riefen mehrere Männer.

»Er hätte es aber heute sagen sollen«, rief eine Stimme.

Und es wurde ein Rufen des Beifalls und des Tadels.

Lubomir setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

»Preda, sprich«, sagte der König.

Preda, welcher stand, redete nun: »Meine Worte sind die Worte Lubomirs. Es kann sehr Übles für die Länder in der Sache sein. Ich füge nur hinzu, daß es jetzt fast ist, als wären die, welche viele Jahre dem Lande gedient haben, nicht mehr die Räte und nicht mehr die Freunde des Herzogs.«

»So ist es«, riefen viele Männer.

Preda setzte sich auf seinen Stuhl nieder.

»Slawibor, rede«, sagte der König.

Slawibor sprach: »Wir haben in unserem Reiche gelebt, und die Herzoge haben nur uns über die Angelegenheiten befragt. Wratislaw, der Großvater unseres erlauchten Herzoges, ist ein König gewesen; aber es war nur ein Ehrenkleid, und er hat als Herzog fortgeschaltet. Und nach ihm sind wieder Herzoge gewesen, wie Wladislaw, der Vater unsers jetzigen Königs, der gute und großmütige, und wie Sobeslaw, der Oheim und Vorgänger unsers jetzigen Königs, der feste und ruhmreiche, und wie unser Herzog, der bis jetzt auch ein Herzog gewesen ist. Nun ist das Land für alle Zeiten ohne Ratschluß in ein Königreich umgewandelt worden, und Pflichten und Abhängigkeiten sind im Wege, und das Blut soll in das Ausland gegossen werden. Vor diesen Dingen stehen wir, und ich sage: Wenn der erlauchte Herzog nicht unsern offenen Rat gehabt hat, so hat er geheimen gehabt, und diesen trifft Verantwortung und Strafe.«

»Die Strafe, die Strafe, die Strafe«, riefen Männer durcheinander.

»Nein, nein, nein«, riefen andere.

Und es wurde wieder ein wüster Lärm.

 << Kapitel 101  Kapitel 103 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.