Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kurd Laßwitz >

Wirklichkeiten

Kurd Laßwitz: Wirklichkeiten - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/lasswitz/wirklich/wirklich.xml
typetractate
authorKurd Laßwitz
titleWirklichkeiten
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunVierte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111020
projectid6d1d7b9a
Schließen

Navigation:

VII.

Energie

Energie-Umsatz wird das Weltgeschehen genannt, wenn man es rein naturwissenschaftlich betrachtet. Was soll das besagen?

Das Wort »Energie«, Wirksamkeit, das aus dem griechischen in die meisten modernen Sprachen übergegangen ist, bedeutet nach dem gewöhnlichen Gebrauch eine moralische Eigenschaft, eine entschlossene und besonnene Betätigung des Willens, kurzweg: Tatkraft. Aber allmählich ist es zu einem technischen Ausdruck der Naturwissenschaft geworden und hat eine Bedeutung gewonnen, in der es geradezu das Schlagwort für eine neue Auffassung der in der Natur stattfindenden Vorgänge darstellt. Früher sprach man von »Stoff und Kraft«, wenn man die Grundlage alles Naturgeschehens bezeichnen wollte, die sich bei jeder Veränderung der Dinge unwandelbar erhält. »Gesetz von der Erhaltung der Kraft« nannte man Robert Mayers umwälzende Entdeckung, wodurch er erwies, daß bei dem Übergang von Bewegung in Wärme, bei allen Umwandlungen der Naturwirkungen überhaupt, ein gewisses Etwas, das die Größe der möglichen Arbeitsleistung bestimmt, einen bleibenden Wert behält. Damit trat die Kraft in Parallele zur Materie, oder, wie der Physiker mit größerer Präzision sagt, zur Masse, und die Sätze, daß einerseits die Kraft, andererseits die Masse in der Natur eine unveränderliche Größe beibehalten, bildeten die Grundlage nicht nur der berechtigten Naturforschung, sondern auch mancher weniger berechtigten Spekulationen.

Jetzt hat der Begriff der »Energie« dem Stoffe und der Kraft die Herrschaft im Grunde der Naturerscheinungen entrissen. Man spricht nur noch von dem Gesetz von der »Erhaltung der Energie«, und unter dem Namen der »Energetik« hat sich eine eigene moderne Wissenschaft herausgebildet, worin Kraft und Stoff unter einem höheren Gesichtspunkte behandelt werden.

Energie ist nicht Kraft, wenn man letzteres Wort im strengen, wissenschaftlichen Sinne gebrauchen will und nicht bloß in der allgemeinen, verschwommenen Bedeutung, wie man von Naturkräften überhaupt spricht. Die Anziehung eines Steins durch die Erde, der Druck der Luft oder des Dampfes gegen den Kolben einer Maschine, die Spannung einer elastischen Haut oder einer Sprungfeder, das sind Kräfte. Energie aber nennt man die in allen Körpern steckende Realität überhaupt, vermöge deren sie eine bestimmte Wirkungsfähigkeit besitzen. Soweit es sich um Bewegungen handelt, ist die Kraft ein Faktor der Energie, und letztere läßt sich am anschaulichsten messen und bezeichnen durch die Arbeit, die der Körper mittels der Kraft leistet. Wenn wir einen Stein von einem Kilogramm ein Meter hoch gehoben haben, so kann er nunmehr, indem er herabfällt, eine Arbeit leisten, die man als ein Meterkilogramm bezeichnet. Ein sich bewegender Körper von bestimmter Geschwindigkeit besitzt eine bestimmte Energie, z.B. ein fliegendes Geschoß oder ein dahinbrausender Eisenbahnzug. Der Druck des Dampfes leistet Arbeit, die wir dadurch messen, daß wir die Größe des Druckes mit dem Raume multiplizieren, in welchem er bei der Ausdehnung einen Widerstand überwindet. Dieses Produkt aus Kraft und Weg, die Arbeit, und nicht die Kraft für sich, ist gleichartig der Energie. Und diese Größe ist es, die bei allen Umwandlungen der Natur sich unverändert erhält; sie gibt das Mittel, alle Naturerscheinungen auf gleiches Maß zu beziehen.

Die angeführten Beispiele entnahmen wir der Mechanik. Man unterscheidet hier diejenige Energie, die ein Körper vermöge seiner augenblicklichen Lage im Räume zu andern Körpern hat, und diejenige, die er in Folge seiner aktuellen Geschwindigkeit besitzt. Erstere heißt potenzielle, letztere kinetische Energie, wofür auch die zutreffenden Bezeichnungen Raumenergie und Bewegungsenergie eingeführt sind. Beide Arten der Energie sind mechanische Energien. Raumenergie oder, wie man auch sagt, Energie der Lage, besitzen z.B. ein aufgezogenes Gewicht, das Wasser in einem erhöhten Bassin, eine gespannte Feder, ein zusammengedrücktes Gas; sie alle können dadurch Arbeit leisten, daß sie eine bestimmte Lage, die sie andern Körpern gegenüber innehaben, verändern. Das großartigste Beispiel der Raumenergie bietet die Gravitation der Planeten nach der Sonne, das bekannteste auf der Erde die Schwere. Die Körper besitzen durch ihre Lage die Fähigkeit, eine bestimmte Wirkung auszuüben. Beginnt der Körper zu fallen, das Wasser herab zu fließen, die Feder sich zu entspannen, das Gas sich auszudehnen, bewegt sich der Planet, von der Sonnenferne nach der Sonnennähe hin, so verwandelt sich die Raumenergie in Bewegungsenergie, und zwar entsteht immer genau so viel Bewegungsenergie, wie Raumenergie verschwindet. Die Körper erhalten jetzt eine bestimmte Geschwindigkeit, und vermöge dieser Geschwindigkeit können sie Arbeit leisten; die Bewegungsenergie des fließenden Wassers z.B. setzt eine Mühle in Bewegung; der Planet vermag sich wieder von der Sonne zu entfernen und seinen Umschwung fortzusetzen; das sinkende Pendel steigt wieder zu gleicher Höhe empor.

Aber es gibt nicht nur mechanische Energie, sondern eine solche bei allen Umwandlungen sich erhaltende Größe läßt sich bei allen anderen Erscheinungen ermitteln; man unterscheidet je nachdem: Wärmeenergie, elektrische, magnetische, chemische Energie und Energie der Strahlung. Es ist bekannt, wie diese Vorgänge in einander übergeführt weiden können; die Energie verbindet sie alle durch das Gesetz, daß stets so viel Energie der einen Art (z.B. Wärme) verschwindet, wie Energie der andern Art (z.B. Elektrizität ) auftritt. Wenn wir durch chemische Vereinigung von Kohle und Sauerstoff Wärme erzeugen, wenn diese den Dampf ausdehnt und mechanische Arbeit leistet, wenn hierdurch in der Dynamomaschine elektrischer Strom bewirkt, durch diesen wieder ein Körper chemisch zersetzt oder ein anderer erhitzt wird, wenn Licht entsteht und ausstrahlt, so bestimmt jede Arbeit die andre; in allen diesen Fällen bleibt, so verschieden auch die sinnlichen Wirkungen sind, eine Größe bestehen, die sich messen läßt und zwischen allen diesen Erscheinungen ein exaktes Band bildet; sie ist es, die man Energie nennt. Sie kommt stets wieder zum Vorschein und läßt sich ihrem Betrage nach angeben. Darin besteht die außerordentliche Bedeutung dieses Begriffs, daß er eine meßbare, also genau definierte Äquivalenz zwischen sämtlichen Naturerscheinungen herstellt. Was an Energie irgend einer Art verschwindet, muß als Energie irgend einer anderen Art wieder auftreten, so daß in einem System von Körpern, dem keine Energie von außen zugeführt und keine entzogen wird, die Summe aller Energien konstant bleibt. Das ist der bekannte Satz von der Erhaltung der Energie. Betrachtet man das Universum als ein solches System, so kann man sagen, die Gesamtenergie der Welt bleibt unverändert. Es ist aber besser, gar nicht vom Universum zu sprechen. Man verläßt damit das Gebiet der Naturwissenschaft und verirrt sich in das kosmologische Problem mit allen seinen Widersprüchen. Ob die Gesetze, die doch nur unter der Voraussetzung begrenzter Systeme gelten, auf das absolut gedachte All Anwendung finden, das über alle Erfahrung hinausgeht, darüber läßt sich in keiner Weise entscheiden, und am wenigsten durch die Mittel der Naturerkenntnis (vgl. S. 273).

Bleiben wir aber innerhalb der Grenzen der Naturwissenschaft und damit der notwendigen Voraussetzungen zur Anwendung des Energiebegriffs, so gilt der Satz: Energie kann ebenso wenig entstehen als vergehen, und in der Natur gibt es keine anderen Veränderungen als die Umwandlung der Energieformen in einander. Was wir Materie nennen, jene tast- und sichtbare Vereinigung von Eigenschaften an den Körpern, erscheint demnach nur als die Tatsache, daß der Wechsel der Energieformen an bestimmte räumliche Gruppierungen dieser Energiearten gesetzlich gebunden ist. Das unvertilgliche Sein in Raum und Zeit ist nicht eine tote Körperwelt, von welcher man nicht weiß, wie sich das Gesetz ihrer bemächtigt, sondern der Wandel der Formen selbst ist das Naturgesetz, und das Beharrliche im Wandel, ohne welches ein solcher nicht denkbar ist, nennen wir Energie; sie ist die eigentliche Realität der Natur.

Zum Verständnis des Naturgeschehens kann indessen das Gesetz von der Erhaltung der Energie allein keineswegs genügen, denn es lehrt uns nur, daß, falls Energiewandel eintritt, keine Energie verloren geht. Aber das Gesetz würde auch erfüllt bleiben, wenn überhaupt keine Veränderung stattfände und alles in ewiger Ruhe verharrte. Wodurch, fragen wir, erfolgt das Eintreten einer Umwandlung der Energie, worin doch alles Geschehen besteht? Wodurch wird der Übergang der Energie von einem Körper zum anderen, wodurch die Verwandlung einer Energieform in die andere bestimmt? Hier liegt ein Stück Eis; es schmilzt vor unseren Augen im Zimmer, warum schmilzt, es nicht draußen in der Winterluft? Das Erhaltungsgesetz bleibt in der Veränderung wie in der Ruhe erfüllt; es sagt uns nichts darüber, wann eine Veränderung eintreten muß. Hierzu gehört ein neues Gesetz.

Dieses zweite Grundgesetz der Energetik, ein Naturgesetz von ebenso allgemeiner Gültigkeit wie das Erhaltungsgesetz, ist das nach Helm benannte und von Ostwald ergänzte Intensitätsgesetz. Es gibt an, unter welchen Bedingungen das Gleichgewicht der Energie gestört wird und in welcher Hinsicht dies stattfindet, es bestimmt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit überhaupt etwas geschieht.

Daß etwas geschieht, daß an einer Stelle des Raumes ein Energieausgleich eintritt, hängt nämlich nicht von der Größe der daselbst an einander grenzenden Energien ab, sondern von der Größe eines gewissen Faktors derselben, den man Intensität nennt. Rings um uns stoßen Körper von den verschiedensten Energiemengen an einander; aber eine Veränderung tritt nur dort ein, wo die Geschwindigkeit, der Druck, die Temperatur, die elektrische Spannung, die chemische Anziehung der benachbarten Teile eine verschiedene ist. So steckt z.B. im Wasser eines ringsum geschlossenen Bergsees eine ungeheure Energiemenge, doch ruhig und still liegt sein Spiegel, keine Bewegung zeigt sich, weil der Druck an allen Teilen der Oberfläche derselbe ist. Durchbrechen wir indes an einer Stelle das Ufer, so erfolgt hier, soweit der Gegendruck der Wände entfernt wird, eine Druckerniedrigung im See, das Wasser stürzt zu Tale, indem seine Raumenergie sich in Bewegungsenergie umwandelt, und nicht eher tritt Ruhe ein, bis alle Wasserteilchen wieder in gleichem Horizont, also schließlich im Meeresniveau sich befinden. In diesem Falle ist es der Druck, der die Intensität der Energie darstellt, und Energieübergang kann nur eintreten, wo Stellen mit verschieden großem Druck an einander grenzen. Die Veränderung erfolgt dann stets in dem Sinne, daß die Energie von der Stelle des höheren zu der des niedrigeren Drucks übergeht.

Nehmen wir ein Beispiel von der Wärme. Jeder Körper enthält eine gewisse Wärmemenge, aber so lange er sich in einer Umgebung von gleicher Temperatur befindet, geschieht nichts. Stecken wir die Hand in einen See, so ist die im Wasser (trotz seiner niedrigen Temperatur) enthaltene Wärmemenge ungeheuer viel größer als die unserer Hand oder unseres ganzen Körpers; dennoch geht keine Wärme in letzteren über, wohl aber wird, wenn die Temperatur des Wassers niedriger ist als die des eingetauchten Körpers, diesem Wärme entzogen. Stets begibt sich die Wärme vom wärmeren zum kälteren Körper, und zwar solange, bis die Temperatur an allen Stellen gleich groß ist. Hier entspricht die Wärmemenge der Energie, die Temperatur dagegen der Intensität, und nur auf diese kommt es an; das Intensitätsgesetz bestimmt, daß Energieausgleich immer von der höheren zur niederen Intensität stattfindet. Daß also Wasser nicht bergauf fließt, und daß der kältere Körper von seiner Wärme nichts an den wärmeren abgibt, sind nur spezielle Fälle, des allgemeinen Intensitätsgesetzes, das sich dahin aussprechen läßt: Ein Energieausgleich findet nur statt, wo Energien von verschiedenen Intensitäten an einander grenzen;, und er findet alsdann stets statt im Sinne des Ausgleichs der Intensitäten.

Geht man die verschiedenen Formen der Energie durch, so läßt sich bei jeder von ihnen ein solcher Intensitätsfaktor absondern. Diese Intensitäten sind, wie die Energie, in Zahlen meßbare Größen; der alsdann von der Energie noch übrig bleibende Faktor heißt die »Kapazität«; er gibt an, in welchem Verhältnis die Energie zu ihrer Intensität in dem betreffenden Räume steht. Weist sind die Intensitätsfaktoren der Energie zugleich die Größen, die wir direkt in der Empfindung wahrnehmen, wie wir dies am Druck und an der Temperatur gesehen haben. Diejenigen Ursachen der Veränderungen, die man Kräfte zu nennen pflegt, enthüllen sich jetzt als solche Intensitätsfaktoren des allgemeinen Begriffs der Energie.

Was ist nun das, was man die Masse nennt und als das eigentlich Charakteristische des Materiellen zu betrachten Pflegt? Die Erfahrung lehrt, daß bei gleicher Geschwindigkeit und gleicher Ausdehnung verschiedenen Körpern, z. B. einer Holz- und einer Bleikugel, doch sehr verschieden große Energien zukommen. Diese Eigenschaft nun, die angibt, wieviel Bewegungsenergie ein Körper im Vergleich mit einem andern bei gleicher Geschwindigkeit aufnimmt, nennt man seine Masse. So nimmt Gold unter gleichen Umständen zwanzigmal so viel Bewegungsenergie auf als Eichenholz; seine Kapazität ist zwanzigmal so groß. Die Masse stellt sich somit dar als der Kapazitätsfaktor der Bewegungsenergie. Eine nähere Erläuterung dieser Beziehungen würde jedoch ohne mathematische Ausführungen nicht zu geben sein. Wir beschränken uns daher auf den Hinweis, daß die Bedeutung des Intensitätsgesetzes in der großen Verallgemeinerung liegt, wodurch es die in der Natur wirksamen Ursachen in einem mathematischen Ausdrucke mit der Energie verbindet.

Das Gesetz ist indessen noch nicht vollständig. Nicht überall, wo verschiedene Intensitäten sind, tritt Veränderung ein; wir sehen ja überall die Körper in verhältnismäßiger Dauer beharren. Man muß noch hinzusetzen: Wenn die Intensitäten nicht von derselben Form sind (wie z. B. die Temperatur zweier benachbarter Körper), sondern verschiedener Form (z. B. magnetische Anziehung und Schwerkraft), so können sie sich gegenseitig kompensieren. Der Wind, d.h. die Bewegungsenergie der fließenden Luft, hebt das Blatt auf unserm Schreibtisch; wir legen einen Stein darauf und es bleibt in Ruhe; wir haben damit die Intensität der Bewegungsenergie durch die der Raumenergie, d. h. Geschwindigkeit durch Schwere, kompensiert. Wodurch wird das Wasser im See zurückgehalten? Durch die kompensierende Raumintensität der Uferwände; und wenn wir diese durch die Bewegungsintensität unserer Werkzeuge an einer Stelle kompensieren (d. h. eine Öffnung herstellen), so wird dort die Raumenergie des Wassers frei, und der Ausfluß erfolgt. Überall, im Innern wie an den Grenzen der Körper, sind kompensierte Intensitäten der verschiedensten Energieformen; überall, wo die Kompensation aufgehoben wird, geht Energie über, und es geschieht etwas. Ob nun Bewegung erfolgt oder Erwärmung, elektrische Entladung oder chemische Zersetzung, Licht oder Schall, das hängt von der Natur der Umgebung und der Art der ausgelösten Energie ab. In der Frage, unter welchen Umständen und bis zu welchem Betrage sich Energieformen kompensieren und in welcher Energieart sie gegebenenfalls sich umwandeln, liegt nun offenbar die Aufgabe, die der Naturwissenschaft zufällt, wenn bestimmt werden soll, was überhaupt geschieht. Wenn die Verteilung der Energien und ihrer Intensitäten nach Größe und Art im Räume für einen bestimmten Zeitpunkt gegeben ist, so handelt es sich darum, zu wissen, welche neue Verteilung im nächsten Zeitmoment eintreten muß. Die beiden allgemeinsten Sätze der Naturwissenschaft, das Erhaltungsgesetz und das Intensitätsgesetz, bestimmen dies Geschehen noch nicht vollständig; sie liefern nur einen Teil der Bedingungen, unter denen alle Veränderung stehen muß. Es müssen noch außerdem die Gesetze bekannt sein, wonach die Umwandlung der Energieformen in einander erfolgt.

Man denke sich beispielsweise irgend eine einfache Vorrichtung, etwa ein zylindrisches, mit Luft gefülltes Gefäß, worin ein Kolben sich luftdicht verschieben läßt; es möge ihm eine gewisse Wärmemenge zugeführt werden. Was geschieht? Um dies zu bestimmen, muß man zunächst wissen, daß eben diese Körper in diesem Zusammenhange, d. h. diese bestimmten Energieverteilungen im Raume gegeben sind. Man muß aber auch noch wissen, welches Gesetz besteht zwischen dem Widerstand des Gefäßes, dem Druck, der Temperatur, dem Volumen der Luft und der möglichen Verschiebung des Kolbens. Alles das sind Beziehungen zwischen veränderlichen Größen, die sich in Gleichungen angeben lassen. Diese Gleichungen sind teils durch die Daten der speziellen Aufgabe gegeben – aus der Gestalt und Einrichtung des Apparates – teils aus den allgemeinen, durch Erfahrung und Beobachtung gewonnenen Gesetzen über das Verhalten der Körper in Bezug auf Druck, Temperatur usw. Sie alle zusammen bestimmen alsdann das, was im gegebenen Falle eintreten muß. Nennen wir, um für diese Bedingungen (die sog. Maschinengleichungen) einen kurzen Ausdruck zu haben, ihre Gesamtheit, insofern sie den Zustand eines Gebildes bestimmt, das Gefüge des Gebildes, so enthalten nunmehr die mathematischen Gleichungen, die dieses Gefüge darstellen, diejenigen Beziehungen, die zum Erhaltungs- und Intensitätsgesetz noch hinzutreten müssen, um den zukünftigen Zustand aus dem vorangegangenen berechnen zu können. In dem Begriff des Gefüges steckt dann alles das, was man die allgemeinen Eigenschaften der Materie und die speziellen physikalischen und chemischen Gesetze nennt. Denn diese gewöhnlich unter dem Namen der »Naturgesetze« zusammengefaßten Beziehungen sind für den Standpunkt der Energetik nichts anderes als die Regeln, die für die Art der Umwandlung der Energie unter gegebenen Umständen gelten. Sie belehren darüber, ob zwischen zwei Körpern die in ihnen vorhandene Energie in Form von Bewegung, Wärme, chemischer Wirkung, Elektrizität oder wie sonst übergeht, und welche Faktoren der Energie dabei unverändert bleiben. Was man Materie nennt, bedeutet daher nur die Tatsache, daß zwischen den Faktoren der Energie gesetzmäßige und an den Raum geknüpfte Beziehungen bestehen. So ist z. B. die Masse ein solcher Faktor der Energie, der bei allen Energiewandlungen unverändert bleibt; Masse läßt sich auf keine Weise neu erzeugen oder vernichten – das ist das Gesetz von der Erhaltung des »Stoffes«. Dagegen ist Geschwindigkeit, d. h. also die Bewegung, ein Energiefaktor, der sehr häufig bei Energiewandlungen auftritt und wieder verschwindet, wenn andere Energieformen z. B. die Wärme oder die Elektrizität, an ihre Stelle treten. Bei fast allen Umwandlungen der Energie zeigt sich zugleich auch Wärmeerzeugung oder Wärmeverbrauch.

Das Verhalten der Körper beurteilen wir vornehmlich danach, ob die in ihnen enthaltenen Energien sich dauerhaft kompensieren lassen oder nicht, ja wir sind gewöhnt, die leicht kompensierbaren Energiekomplexe als das eigentlich Körperliche zu betrachten. Die Strahlung ist eine Energieform, die sich überhaupt durch keine andere kompensieren läßt; wir kennen sie als Licht, als strahlende Wärme und als elektrische Strahlung, und diese Erscheinungen Pflegen wir nicht als Körper zu bezeichnen. Dagegen ist die chemische Energie eine sehr gut und dauerhaft kompensierbare; sie erhält sich in den Körpern unbegrenzte Zeit hindurch und macht das aus, was wir ihre bleibende stoffliche Beschaffenheit nennen. Da das chemische Verbindungsgewicht für einen und denselben Körper zugleich dem Volumen, dem Gewicht und der Masse proportional ist, und da diese Energieformen stets vereinigt an demselben Raumteile vorkommen, so nennen wir eben einen solchen konstanten räumlichen Komplex von Energieformen einen Körper, z. B. ein Stück Blei.

Die chemische Energie hat noch den Vorzug, daß sie eine außerordentlich konzentrierte Energieform ist. In einem einzigen Gramm Wasserstoff steckt soviel Energie, daß sie bei der Verbindung mit Sauerstoff Wärme genug liefert, um, falls die Wärme vollständig in Bewegungsenergie verwandelt würde, 280 Zentner ein Meter hoch zu heben. Darum bewahren wir auch unsere Energievorräte in Gestalt chemischer Energie auf. Wir legen sie als Kohlen in unsern Keller oder führen sie auf Schiffen mit, um daraus Wärme Licht, Arbeit nach Bedarf zu erzeugen wir heben sie in Gestalt von Nahrungsmitteln auf, um die Energie für die Verrichtungen unseres Körpers daraus zu gewinnen. Alle organischen Wesen entnehmen ihren Energiebedarf der chemischen Energie durch Atmung und Verdauung. Der ursprüngliche Hauptquell aller Energie auf Erden ist aber bekanntlich die Strahlung der Sonne, durch welche die chemischen Energien der Stoffe in verbrauchbarem Zustande, vornehmlich in den Pflanzen, aufgespeichert werden.

Das gesamte Naturgeschehen zeigt sich nun als ein gesetzmäßiger Wandel von Energie. Das Erhaltungsgesetz lehrt die Energie kennen als das Bleibende in allem Wechsel, es entspricht dem philosophischen Begriffe der Substanz. Das Intensitätsgesetz weist die Richtung, in welcher alle Umwandlung von Energie vor sich geht; es ist der allgemeinste naturwissenschaftliche Ausdruck des Kausalgesetzes. Damit aber das Naturgeschehen im einzelnen Falle bestimmt sei, müssen sämtliche Energiefaktoren eines Gebildes in ihrer Wechselwirkung bestimmt sein als ein Gefüge, sie müssen einen Zusammenhang, eine Einheit, ein System bilden, worin jeder Teil das Verhalten des Ganzen, das Ganze das Verhalten jedes Teiles mitbestimmt (vgl. S. 56, 84 f). Die Erfahrung zeigt, soweit sie reicht, überall diese Bestimmbarkeit des Naturgeschehens; d. h. wir finden die ganze Natur als einen Zusammenhang solcher Gefüge, die sich zu Gefügen immer höherer Art aufbauen bis zu dem komplizierten System eines Organismus oder dem kosmischen System eines Weltkörpers.

Als ein solches einheitliches System stehen wir mit unserm eigenen Körper in dem unermeßlichen Energievorräte der Natur, und unser Leben erhält sich durch eine fortgesetzte regelmäßige Kompensation und Aufhebung von Kompensation der uns umgebenden Energien. Je nachdem die Intensität der Wärme, der Bewegung usw. in der Umgebung größer oder kleiner ist als in unserm Körper, werden wir Wärme aufnehmen oder abgeben, fortgetrieben werden oder selbst Arbeit leisten. Es kommt nur auf die räumliche Verteilung der Energiefaktoren in dem Gefüge an, das unser Körper mit der Außenwelt bildet, um zu bestimmen, welcher Art der Energieaustausch zwischen unserm Nervensystem und der Umgebung ist. Jede Wahrnehmung, jede Empfindung setzt einen solchen Energieaustausch voraus. Bestehen an den Grenzen unseres Nervensystems zwischen diesem und der Umgebung nicht-kompensierte Intensitätsunterschiede, z. B. verschiedener Druck, so wird Energieaustausch eintreten, und unser Nervensystem erleidet eine Veränderung. Gehört unser Gehirn mit in dieses Gefüge, so macht sich uns dieser Energieaustausch als Empfindung bemerklich.

So hat sich der Begriff der Energie, wie ihn die moderne Naturwissenschaft auffaßt, als ein äußerst erfolgreiches Mittel erwiesen, die Einheit des Naturgeschehens unter einem weiten Gesichtspunkte zu begreifen und auf Gesetze von größter Allgemeinheit zurückzuführen. Eine Bemerkung jedoch über eine naheliegende Überschätzung des Ausdrucks Energie, dürfte nicht überflüssig sein.

Der Begriff der Energie ist ein durchaus naturwissenschaftlicher, denn er bezieht sich immer nur auf Dinge, insofern sie im Raume sind. Energie ist eine meßbare, mathematisch definierte Größe und ist stets an den Raum gebunden: sie bezeichnet eben diejenige Realität, wodurch die Natur als ein in Raum und Zeit dauernder, gesetzlicher Inhalt bestimmt wird, innerhalb dessen notwendiges Geschehen stattfindet. Daher ist es nicht erlaubt, diesen naturwissenschaftlichen Begriff der Energie auf das geistige Leben zu übertragen und von einer Energie in der geistigen Welt zu sprechen, die sich in gleicher Größe erhält oder etwa im Gegensatz zur physischen Energie im Wachstum begriffen sei. Gedanken, Gefühle, Willenskraft sind, als subjektive Zustände betrachtet, nicht im Raume, sie haben keine Breite, Länge und Dicke und daher auch keine Energie. Energie besitzen sie nur, insofern sie physiologische Veränderungen in Gehirn, Nerven usw. sind. Wir haben schon oft hervorgehoben, daß die Tatsache der Bewußtheit zum physischen Vorgang nichts hinzubringt. Spricht man also von einer Energie im Leben des Geistes, so gebraucht man nur ein Bild; aber gerade das fällt fort, was den Begriff der Energie in der Natur so wichtig und grundlegend macht: die bestimmte Definierbarkeit als Große. Energie ist eine Realität im Raume und unterscheidet dadurch die Natur als das Gebiet des notwendigen Geschehens von dem geistigen Gebiete, das wir erleben. Gerade darum, weil in diesem Reiche des Erlebnisses die mathematische Bestimmbarkeit des Geschehens, die im Energiegesetze sich darbietet, nicht von uns zu vollziehen ist, gerade darum erscheinen wir uns frei.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.