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Wirklichkeiten

Kurd Laßwitz: Wirklichkeiten - Kapitel 22
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authorKurd Laßwitz
titleWirklichkeiten
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XX.

Weltuntergang

Untergang der Welt, Ende der Dinge, was ist's? Der Abgrund des Nichts, der das All verschlingt, wie der Rachen des Fenriswolfes, wann die Götterdämmerung einbricht? Lodert die Welt in verzehrenden Flammen auf? Erstarrt sie in alltötender Kälte, bewegungslos, kraftlos? Öffnen sich die Gräber bei den Posaunen des jüngsten Gerichts, springen die Tore der Ewigkeit auf und soll fortan keine Zeit mehr sein? Und wenn keine Zeit, was dann? Das Nichts! Kann auch das Nichts sein?

Wie oft das Wort vom Untergange der Welt, vom Ende aller Dinge gebraucht worden ist, in vollem Ernste, d.h. in diesem strengen Sinne, daß nun nichts mehr sei, hat es sicherlich niemand gemeint. Denn in allen Sagen der Nationen, in allen religiösen Vorstellungen, bedeutet es immer nur den Untergang dieser Welt, das Ende der jetzt einfrierenden Schöpfung, im Gegensatz zum Beginn einer neuen Schöpfung, einer andern Aera des Weltgeschehens. Wenn die Asen von den Riesen erschlagen werden und die Erde verschlungen wird, so erblüht ein neues Menschengeschlecht unter neuen Göttern; wenn auf diese zeitliche Welt das ewige Reich Gottes folgen soll, so ist damit keineswegs an ein Nichtsein gedacht, sondern vielmehr an ein absolutes Sein, im Gegensatz zu dem vergänglichen Sein, das wir unsre Welt nennen; aber auch jenes absolute Sein läßt sich auf keine andere Weise vorstellen, als indem wir aus unserm irdischen Leben sinnliche Tatsachen, Farben und Töne entlehnen. Wenn die Naturforschung von dem allgemeinen Erstarrungstode der Welt spricht, so kann sie damit nur einen allgemeinen Gleichgewichtszustand aller Kräfte meinen, indem alle Wirkungen gegenseitig kompensiert sind, und nichts mehr geschieht. Aber dann existiert doch immer dieser Gleichgewichtszustand, und der Sinn des Wortes Existenz liegt weiter in dem heimlichen Gedanken, daß er gestört werden könnte. Unmöglich jedoch ist es, das Nichts als folgend auf das Sein zu denken. Denn die Überzeugung, daß etwas ist, schöpfen wir allein daraus, daß wir etwas erleben. Die Bedingung aber, daß ich etwas erlebe, ist der Wechsel von Zuständen in meinem Bewußtsein, den wir die Zeit nennen. Nur an der Veränderung erfahren wir die Zeit, und ohne Zeit kein Geschehen. Wenn also einmal keine Zeit sein soll, so kann dies nur den Sinn haben, daß hinfort nichts mehr geschehen, daß keine Veränderung mehr stattfinden werde. Was aber soll es heißen, daß alle Veränderung aufhört? Selbstquälerischer, unerträglicher Gedanke! Ein Erstarren des Moments zur Ewigkeit, ein Zusammenschrumpfen der Ewigkeit zum Moment! Keine Veränderung, wenn dieses Weltende eintritt, – aber wie kann etwas eintreten, wenn es keine Zeit mehr gibt? Also ein Stehenbleiben im letzten Augenblick, das letzte Gefühl, der letzte Gedanke unveränderlich festgehalten – wer versucht es sich vorzustellen? Eine ungeheure Einöde ohne Wechsel, furchtbarer als die Wüste, denn über sie schreitet die Sonne, über sie eilt der Gedanke hinweg in blühende Gefilde, in der Zeitlosigkeit aber ist die Bewegung unmöglich, ist die Einbildungskraft abgedorrt. Man mag sich diese Starrheit nun denken als einen Zustand der Seligkeit oder Unseligkeit, in jedem Falle ist die Perspektive trostlos; Leben kann das nicht heißen, denn Leben ist Wechsel, ist Wandel; es ist also Vernichtung, wirkliche Vernichtung. Aber eben diese können wir uns doch nicht vorstellen, denn was wir vorstellen, muß in der Zeit sein; dadurch, daß wir es vorstellen, bringen wir es in einen zeitlichen Zusammenhang mit der Gesamtheit unserer Vorstellungen – wir geben ihm Zeit und damit Sein. Der Versuch, das Nichts vorzustellen, scheitert daran, daß das Denken nicht ohne Inhalt sein, nicht sich selbst wegdenken kann.

Doch wie kommen wir überhaupt dazu, ein Weltende zu denken? Innerhalb der Welt, bei den Dingen der Natur, bei großen und kleinen Werken und Einrichtungen, überall beobachten wir ein Werden und Vergehen, ein Kommen und Schwinden. Überall folgt auf das Leben der Tod, auf das Sein ein Nichtsein. Müssen wir nicht schließen, daß das Weltganze dem Geschick, das alles einzelne trifft, nicht entgehen wird?

Das Weltganze! Hier liegt der Fehler. Nicht das geringste Recht haben wir, auf das Weltganze die Erfahrung auszudehnen, die wir nur innerhalb desselben machen können. (Vgl. S. 101.) Was heißt es denn, es hört etwas auf zu sein? Doch nur, daß an seiner Stelle etwas anderes anfängt. Das Weltganze soll aber das bedeuten, was alles Sein einschließt; außerhalb davon gibt es nichts mehr: da kann von andrem Sein, also auch von einer Grenze, nicht die Rede sein. Für die Totalität des Seins verlieren die Worte Anfang und Ende ihren Sinn.

Demnach weisen wir den Verstand mit seiner Frage nach dem Ende der Dinge einfürallemal ab; sie ist gegen die Gesetzlichkeit des Denkens gestellt und verbietet daher jede Entscheidung, diese falle, wie sie wolle. Das klingt freilich wenig befriedigend; die naive Wißbegier verzichtet nicht gern; trotzdem muß sie sich mit der Antwort begnügen, daß der Verstand über seine Grenzen hinaus nicht kann.

Der Verstand! Aber der Verstand ist noch nicht der Mensch. Ein neues Moment tritt hier hinzu. Wichtiger als das Erkenntnisbedürfnis bewegt uns bei der Frage nach dem Weltende das Interesse des Gefühls. Die innerste Lebenseinheit fühlt sich in Frage gestellt; das Bewußtsein selbst, das diese Welt umfaßt, kann nicht aus der Welt fortgedacht werden. Darum fordern wir eine neue Untersuchung der Frage. Zugegeben, der Verstand kann nichts ausmachen über das Ende der Welt als Ganzes.

Aber ihre einzelnen Teile, die unsrer Erkenntnis in der Erfahrung unterliegen, die Sterne, die Planeten, die Menschen, – wie steht es damit? In der Tat hier ist die Frage ganz an ihrer Stelle. Nach dem Schicksale unseres Sonnensystems oder nach dem Schicksale unserer Erde kann man fragen, und wenn man vielleicht auch keine ausreichende Antwort erhält, so ist das Problem doch ein berechtigtes. Denn hier haben wir es mit Gegenständen und Vorgängen zu tun, die selbst unter Bedingungen stehen und nicht, wie das Weltganze, in das unerreichbare Unbedingte verschwimmen. Und streng genommen kommt es uns ja auch nur auf die Zukunft unseres eigenen Systems, auf das Erdengeschick ernstlich an. Was unter anderen Sonnen auf anderen Welten sich ereignen möchte, das ist uns in praktischer Hinsicht ziemlich gleichgültig; aber was aus uns Menschen wird, das möchten wir wissen.

Darum wollen wir jetzt an die Naturwissenschaft die Frage richten, was sie uns etwa über die Zukunft zu lehren vermag. Wir müssen zu diesem Zwecke dreierlei unterscheiden; das Schicksal unseres Sonnensystems, das Schicksal der Erde, das Schicksal der Menschheit.

Es war am Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine große Beruhigung für ängstliche Gemüter, daß Laplace nachgewiesen hatte, unser Planetensystem sei stabil; bei allen Veränderungen in der Lage der Bahnebenen der Planeten sei doch der Bestand der einzelnen Bahnen nicht gefährdet; die großen Bahn-Axen oder, um verständlicher zu reden, die durchschnittlichen Entfernungen der Planeten von der Sonne sind konstant, das war sein endgültiges Ergebnis. Daraus folgt auch, daß die mittleren Entfernungen der Planeten von einander und die Umlaufszeiten um die Sonne sich in Ewigkeit unverändert erhalten; so war von astronomischer Seite für den Weltbestand nichts zu fürchten.

Indessen, hierbei waren zwei Voraussetzungen gemacht. Es war zunächst vorausgesetzt, daß das Sonnensystem keine Störung erfahre, daß es sich selbst überlassen sei, daß es von außen her keine neuen Massen oder Kräfte empfange oder solche nach außen hin abgebe. Und es war zweitens vorausgesetzt, daß die Sonne und die um sie kreisenden Planeten und Monde starre Körper seien, d.h. daß auf der Sonne und den Planeten keine Vorgänge stattfinden, die durch Reibung oder andere Prozesse die Bewegung der Massen verzögern. Beide Voraussetzungen treffen nicht zu. Das mußte sich klar ergeben, als man die Umwandlung der Naturkräfte in einander näher kennen lernte. Mit der Entdeckung des Satzes von der Erhaltung der Energie wurde die Stabilität des Planetensystems aufgehoben. Denn dieser Satz lehrt, daß bei irgend einem Übergänge einer Energieform in eine andere, z.B. wenn Bewegung in Druck oder in Wärme oder in Elektrizität usw. sich verwandelt, daß dann die neue Energieform nicht aus dem Nichts erschaffen, sondern immer aus einer der bereits vorhandenen Formen entnommen wird. Erhitzt sich der Bohrer im Holze, so geschieht dies auf Kosten der drehenden Bewegung. Lassen wir unsere elektrische Lampe brennen, so bremsen wir die Dampfmaschine in der Zentrale. Bringen wir nun die beiden oben genannten Voraussetzungen auf die moderne Ausdrucksweise, so sieht man sofort, daß sie nicht erfüllt sein können. Die erste Annahme würde dann lauten: Das Planetensystem empfängt keine Energie von außen und gibt keine ab. Die zweite würde lauten: Im Planetensystem finden keine inneren Veränderungen statt, durch welche die Bewegungsenergie des Planetenumlaufs verbraucht würde.

Nun sehen wir aber Folgendes. Die Sonne gibt fortwährend Energie an den Weltraum ab, indem sie Licht, Wärme und Elektrizität in ungeheurer Menge entsendet. Dieser Wärmeverlust hat für uns eine doppelte Bedeutung. Entweder, er wird nicht ersetzt, so muß die Sonne erkalten. Die Sonnenwärme aber ist diejenige Energiequelle, von welcher das ganze Leben der Erde zehrt, Pflanze, Tier und Mensch. Das braucht nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Wenn also die Sonne keine Wärme mehr abgeben kann, so müssen wir schließlich erfrieren. Oder zweitens – der Wärmeverlust wird ersetzt. Dann kann dies nur auf Kosten einer anderen Energieform geschehen, und das kann schließlich nur sein die Energie der Lage und diejenige der Bewegung; die einzelnen Massen des Systems müssen näher aneinander rücken oder sich langsamer bewegen – die Wärme wird ersetzt auf Kosten der Gravitation, indem die Sonne sich immer mehr und mehr zusammenzieht, und zum kleinen Teil auch auf Kosten der Bewegung, indem fortwährend kosmische Massen – Meteore und Kometen – in die Sonne stürzen, wo ihre Bewegung in Wärme verwandelt wird. Dadurch muß aber, genügend lange Zeiträume vorausgesetzt, schließlich der gegenwärtige Zustand des Planetensystems sich ändern. Gleichviel, welche astronomischen Folgerungen sich etwa direkt hieraus ergeben mögen, physikalisch ist jedenfalls klar, daß auch der Ersatz der Sonnenwärme nicht ewig dauern kann. Wir sehen an den zahllosen Sonnen, die uns im Sternenhimmel leuchten, verschiedene Phasen dieser allmählichen Weltabkühlungen an den Farben der Sterne; die weißen sind die heißesten, dann kommen die gelben, die roten, endlich die dunklen, die schon zu kalt sind, um zu leuchten. Unsre Sonne ist bereits in das Stadium der gelben Sterne getreten, sie wird zweifellos auch rot und endlich dunkel werden. Freilich kann man ja nicht wissen, was etwa noch von äußeren Einflüssen an unser Sonnensystem herantreten kann, um. der Sonne neue Energie zuzuführen. Es können neue Massen auf ihrem Zuge durch den Weltraum das Sonnensystem treffen, wenngleich es nicht sehr wahrscheinlich ist. Aber auch das Sonnensystem selbst bewegt sich durch den Raum mit erheblicher Geschwindigkeit. Wer kann wissen, was für Regionen es auf seinem Wege durchzieht? Es kann in Wolken kosmischen Staubes geraten, die ihm sozusagen neue Nahrung geben, es kann in die Nähe anderer Sterne gelangen, mit denen es ein System neuer Ordnung bildet, es kann mit Widerständen zusammenrennen, daß alles in einem großen Weltbrande auflodert – wer weiß das? Doch gleichviel, jedenfalls steht fest, daß das Sonnensystem nicht eine unabhängige Welt für sich ist. Und das ist die Hauptsache. Wir besitzen zwar im Sonnensystem eine weitreichende Selbständigkeit und Stabilität, die uns mit dem Vertrauen erfüllen kann, daß wir in einer leidlich soliden Welt leben; aber auch das Sonnensystem ist nur ein Teil eines höheren Systems, es steht in Wechselwirkung mit dem gesamten Energieaustausch des Universums; und an dieser Tatsache scheitern zuletzt alle Versuche einer Voraussagung seiner Zukunft. Sobald wir in unserm Problem gezwungen sind, auf die Unendlichkeit des Weltalls zurückzugreifen, sind wir am Ende unsrer Weisheit.

Man kann nun sagen: Gut, man weiß nicht, was von außen kommt; was aber ist in unserm Systeme, wenn es sich, selbst überlassen wäre, zu erwarten? Nun, hier gelangen wir zu einem sehr ungünstigen Resultate. Unsre zweite Voraussetzung für die Stabilität des Systems war, daß keine inneren Veränderungen stattfinden, welche die Bewegungsenergie der Planeten aufzehren. Solche sind aber ganz sicher vorhanden. Erstens ist der Weltraum nicht leer. Abgesehen von den verdunkelnden Massen, die an den sternenleeren Himmelsstellen vermutet werden, ist überhaupt im Weltraum Staub vorhanden. Nicht gerade viel, aber doch genug, um schließlich dem Lichte den Durchgang zu verwehren, wenn es mit seiner Geschwindigkeit von 300 000 km in der Sekunde seine 10 – 15000 Jahre durchlaufen hat, sodaß selbst unsre größten Fernröhre am Ende versagen. Zahllose Kometen mit ihren Schweifen zerstäuben; man braucht nur an die Unmasse von Sternschnuppen und Meteoren zu denken, die allein auf die Erde niederfallen. Es ist also sicher, daß die Planeten einen Widerstand bei ihrer Bewegung finden, und wenn er auch so klein ist, daß ihn die Astronomen noch nicht zweifellos nachweisen konnten, so ist er doch vorhanden, und wenn sie in ein paar hunderttausend Jahren wieder nachsehen wollen, werden sie ihn haben. Indessen, das ist das Wenigste, Viel bedenklicher wirkt es, daß die Planeten keine starren Massen sind. Beschränken wir uns nur auf unsre Erde, so haben wir an der Atmosphäre, an den Ozeanen, wahrscheinlich auch an dem überhitzten Erdinnern Massen, die bei der Rotation der Erde und den entstehenden Flutbewegungen eine innere und äußere Reibung erleiden. Dadurch wird fortwährend Energie verbraucht, die der Bewegung der Erde selbst entzogen wird. Es ist dies gerade so, als wenn wir mit einer Flasche Wein im Tornister und vielleicht noch einigen anderen Sachen, die nicht fest verpackt sind, einen Berg hinaufsteigen. Alsdann schlingert der Wein und die Sachen klappern aneinander: dazu ist Energie erforderlich, und diese Energie wird ganz allein der Bewegung entnommen, die wir durch unsern Gang dem Tornister mitteilen. Diese Energie kommt aber der Bergbesteigung nicht zustatten, sondern sie wird gänzlich vergeudet, teils um den Wein und die Sachen zu schütteln, teils um als Wärme, erzeugt durch die Reibung, und als Schall zu entweichen. In ähnlicher Weise wird den Planeten durch ihre beweglichen Bestandteile Energie entzogen, so daß ihre kosmische Bewegung gehemmt wird. Und hier muß sich als schließliches Resultat ergeben, daß die Umlaufszeit des Planeten sich verkürzt, die Anziehung nach der Sonne überwiegt, und der Planet in immer enger und enger werdenden Spiralen sich endlich an die Sonne heranschraubt. Es hat ja noch Zeit, aber es ist so. Die Wärme, die hierdurch erzeugt wird, kommt zwar dem System zu gute, aber sie wird doch schließlich wieder in den Weltraum ausgestrahlt.

Und dies ist überhaupt die Stelle, wo über das Geschick alles physischen Geschehens entschieden wird, nämlich durch die Strahlung. Die Strahlung läßt sich nicht aufhalten, nur durch Gegenstrahlung ersetzen. Sie bildet zugleich das große kosmische Band, wodurch alle Welten des Universums in Wechselwirkung ihres Energieaustausches stehen. Und ganz allein auf den Verlauf dieser kosmischen Strahlung wird es ankommen, ob ein System sich erhalten wird oder nicht. Denn nur die gegenseitige Bestrahlung der Systeme kann schließlich die Verteilung der Energiemengen im Universum regeln: wie aber diese Bestrahlung sich regelt, davon wissen wir natürlich nichts. So viel indessen ist klar: Wenn ein kosmisches System Wärme ausstrahlt, ohne daß ihm die gleiche Menge durch Einstrahlung Wieder ersetzt wird, so muß es mit der Zeit bewegungslos erstarren. Nun wäre es ja möglich, und es. ist bei der im Universum herrschenden Tendenz nach Ausgleichung eigentlich das Wahrscheinlichste, daß unser System schließlich durch Einstrahlung ebensoviel Energie empfängt, wie es selbst ausgibt. Aber auf die Dauer würde das auch nichts helfen. Unser System würde zwar keine Energie mehr nach außen verlieren, es würde dann ein in sich abgeschlossenes System darstellen, aber gerade ein solches System muß allmählich in sich selbst erstarren. Dies ist die Folge des Grundgesetzes alles Geschehens; auf dem Gesetz, worauf es beruht, daß überhaupt etwas geschieht, beruht es auch, daß schließlich nichts mehr geschehen kann. Das Gesetz führt den gelehrten Namen »Zweiter Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie«, ist aber nur ein Spezialfall des allgemeinen Intensitätsgesetzes der Energie und ist in seiner Anwendung alltäglich und geläufig. Jeder Körper, der sich selbst überlassen ist, fällt von oben nach unten und nicht umgekehrt; das Wasser fließt von dem höheren Niveau nach den tieferen, der größere Druck treibt die Körper nach den Stellen geringeren Druckes hin, der elektrische Strom geht von dem höheren Potenzial nach dem niedern, Wärme geht von selbst nur über von der höhern zur niedern Temperatur und nicht umgekehrt (vergl. S. 102 f.). Bei jeder Veränderung findet ein Ausgleich statt, irgend etwas muß tiefer sinken, weniger gedrückt werden, weniger gespannt, kälter werden. Nun findet ja auch immer wieder teilweise eine Rückkehr, eine Hebung statt, aber nicht alle Vorgänge können rückgängig gemacht werden. Alle Umwandlungen der Energie geschehn zu guterletzt auf Kosten der Temperatur; irgend etwas wird schließlich dabei kälter. Dieser Wärmeverlust läßt sich innerhalb des Systems nicht wieder einbringen, die Gesamttemperatur muß sinken, und die schließliche Folge ist allgemeine Erstarrung und Tod.

Der einzige Ausweg für die Erhaltung unsres Systems wäre also, daß ihm von außen mehr Wärme zustrahlt, als es selbst ausgibt. Aber auch diese Wärme muß doch irgendwoher kommen, und sie muß erschöpft werden, falls das Weltall nicht unendlich ist. Wir stehen also hier wieder vor der Frage, die wir nicht lösen können; es ist unmöglich zu wissen, wie der Zusammenhang unseres endlichen Systems mit der unendlichen Zahl der Weltsysteme sich regelt. Und es mag dabei nochmals betont werden, daß die Rede vom »Erstarrungstod des Weltalls« in dieser Form keinen Sinn hat, weil alle Naturgesetze nur Geltung innerhalb der Grenzen einer möglichen Erfahrung besitzen. Das Sonnensystem freilich, für sich selbst betrachtet, muß einmal zugrunde gehen. Das Resultat kann uns nicht überraschen. Denn es ist eine allgemeine Eigenschaft der endlichen Systeme, daß sie nur eine begrenzte Stabilität besitzen und in ihrer Dauer von ihrem Zusammenhange mit den unter- und übergeordneten Systemen abhängig sind.

Mit dem Geschick des Sonnensystems ist nun das Schicksal der Erde besiegelt. Tritt nicht etwas ein, wovon wir nichts wissen, so fällt die Erde schließlich in die Sonne. Vorher aber wird wahrscheinlich die Sonne und somit auch die Erde schon erstarrt sein, sie wird erfroren sein. Die einzelnen Planeten altern schneller als das ganze System. Wie der Mensch, bevor ihn des Lebens natürlicher Schluß ereilt, seinen Haarschmuck verliert, seine Säfte vertrocknen fühlt, so wird auch die Erde ihr Greisenalter haben. Wir brauchen hier nicht an die drohende Wiederkehr der Eiszeit zu denken; denn was auch ihre Ursache sein mag, sie ist offenbar eine periodische Erscheinung, und die Erde kann sie überstehen. Auch die fortschreitende Abkühlung der Erde, wodurch der Erdball eine weitere Zusammenziehung erfährt, kann uns kalt lassen. Der Einfluß der Hitze des Erdinnern ist für uns Bewohner der Oberfläche schon jetzt verschwindend gegenüber der Sonnenstrahlung. Bedeutsamer ist die Auswahl, welche die Zusammensetzung unsrer Atmosphäre in Bezug auf Ein- und Ausstrahlung trifft; hier könnte eine Veränderung in dieser Zusammensetzung bewirken, daß es sehr viel kälter oder wärmer wird. Auf die Dauer würde aber dadurch der Alterungsprozeß nicht gehindert werden. Und sollten durch die Zusammenziehung der Erde allmählich neue Gebirgsfalten Heraufwachsen, so werden sie im Laufe der Jahrmillionen auch allmählich wieder heruntergewaschen werden. Denn die Tendenz der Erdgestaltung geht auf Abflachung. Die Felsmassen der Gebirge werden von Luft und Wasser zersetzt, abgesprengt und in die Ebenen, in die Meere geführt. Die Berge werden niedriger, die Meere seichter. Doch dies würde ja die Erde nur wohnlicher machen. Es gibt aber einen Umstand, der für die Menschheit viel gefährlicher und auf die Dauer verderblich ist, das ist das allmähliche Verschwinden des Wassers in seiner flüssigen Gestalt. Ein Teil des auf der Erde vorhandenen Wassers geht mit den Gesteinsmassen im Innern der Erde feste Verbindungen ein, aus denen es nicht wieder abgeschieden wird. Die Folge dieses chemischen Prozesses muß eine zwar langsam aber sicher fortschreitende Austrocknung der Erde sein. Mit der Menge des Wassers wird sich wohl schließlich auch sein Kreislauf vermindern, die Niederschläge nehmen ab, und das Wüstenklima herrscht Vor. Selbst die Atmosphäre ist uns keineswegs gesichert, auch sie wird vielleicht nach und nach in den Weltraum verduften. Der Ausblick ist also nicht sehr erfreulich; man weiß nur nicht, ob man erst verdürsten und dann erfrieren, oder erst erfrieren und dann verdursten wird. Eines aber kann uns bei alledem trösten – die Menschen, wie wir sie heute in ihrer Lebensweise kennen und verstehen, werden diese Eventualität nicht erleben. Sobald wir einmal soweit gekommen sind, daß die Lebensbedingungen auf der Erde von den heutigen sich wesentlich unterscheiden, so werden auch die Bewohner von den jetzigen Menschen so weit verschieden sein, daß es schwer ist, sich ein Bild von dem zukünftigen Schicksal dieser Welten zu machen. Immerhin will ich versuchen, die Aussichten der Menschheit mit einem kurzen Blick zu streifen.

Eine plötzliche Katastrophe, welche die ganze Menschheit mit einem Schlage vernichtet, ist ja möglich, aber sie ist sehr unwahrscheinlich. Unsre Erfahrungen mit den Kometen haben gezeigt, daß wir von diesen Weltbummlern nicht viel zu fürchten haben; wir können durch sie hindurch gehen, ohne mehr zu riskieren als ein Brillantfeuerwerk von Sternschnuppen, ihre Massen sind zu gering, um der Erde ernstlich wehe zu tun.

Die ganz langsamen Veränderungen sind in der Natur die vorherrschenden. Wenn also die Erde kälter, starrer, trockner wird, wenn sie etwa den Zustand des Mars annimmt, der weniger Wasser, weniger Luft und weniger Sonnenwärme besitzt als die Erde, oder wenn sie gar in den starren, luft- und wasserlosen Schlackenzustand des Mondes übergeht, so werden die Bewohner Zeit haben, sich diesen veränderten Bedingungen anzupassen. Was sind da nicht alles für Möglichkeiten denkbar? Ich will nur, um nicht zu sehr ins Phantastische zu geraten, eine kurze Andeutung geben. Zunächst darf man erwarten, daß bei den sehr langsamen Veränderungen des Klimas eine Anpassung in physiologischer Hinsicht stattfinden wird. Diejenigen Individuen und Völker, deren körperliche Beschaffenheit den äußeren Verhältnissen am besten entspricht, werden sich erhalten, die übrigen zugrunde gehen, so daß die Gesamtheit der Existierenden sich immer annähernd auf einem Niveau erhält, das ihr Bestehen ermöglicht. Die Menschheit kann ja wandern und wandert tatsächlich auf dem Erdball; schon die kurze Spanne Zeit, die wir in den paar tausend Jahren der menschlichen Geschichte überblicken, zeigt uns, wie die Zentren der Kultur ihren Sitz auf der Erde von einem Weltteil nach dem andern verlegt haben. Kontinente sinken langsam unter das Meer, andere steigen empor. Denken wir uns das Niveau Europas nur um 50 oder 100 Meter höher oder tiefer gelegt, so gewinnt die Landkarte ein völlig anderes Bild. Schon durch derartige Schwankungen werden die Menschen gezwungen, ihre Wohnsitze und Einrichtungen zu verändern. Oder lassen wir die mittlere Temperatur der Erde um einige Grad sinken; dann werden sich die Kulturstätten in den äquatorialen Gegenden erheben und Afrika wird der weltbeherrschende Erdteil. Die Temperatur mag noch weiter sinken, das Wasser mag rar werden, der Pflanzenwuchs verkümmern. Auch dann wäre es denkbar, daß neue Generationen sich diesen Lebensbedingungen anpassen. Die Funktionen des Magens können gegenüber der Lunge zurücktreten, die Menschen werden vielleicht um so kräftiger atmen. Zwar daß durch natürliche Auslese ein Geschlecht geflügelter Menschen entstehe, darf man nicht erwarten; unsre Arme und Beine sind zu gut konsolidiert, um sich zu Flügeln zu entwickeln. Wenn die Idee der Schöpfung derartig organisierte Vernunftwesen gestattete, so hätten wir nur erwarten können, daß sie aus dem Reiche der Insekten hervorgegangen wären; hier sind genügende Extremitäten vorhanden, um für Laufen, Greifen und Fliegen besondere Organe auszubilden. Aber die Insekten, denen ich keineswegs Intelligenz absprechen möchte, haben es doch nicht zur Entwicklung freier Persönlichkeiten gebracht; und ich möchte daraus schließen, daß eben der Mangel ausreichender Bewegungsorgane zu den Bedingungen gehörte, die das Aufsteigen der Wirbeltierreihe bis zum Menschen, bis zum Vernunftwesen ermöglichte.

Nicht die Ausbildung der Muskeln und Gelenke und des motorischen Nervensystems erhob uns zur Herrschaft, sondern die Verfeinerung des zentralen Nervensystems, des Gehirns. Und deswegen ist kaum anzunehmen, daß wesentlich neue Formen von höheren Lebewesen auf der Erde auftreten werden. Die Natur hat im Menschen ein neues Prinzip entwickelt, den Kampf ums Dasein zu führen, das ihre blinde Verschwendung beschränkt. Allen Fortschritt der Zukunft haben wir in der Menschheit nur in der Vervollkommnung unsres nervösen Apparats zu sehen. Die Organe, deren, Wechselwirkung die menschliche Kultur bedeuten, sind die Gehirne. Und deswegen dürfen wir die Überwindung der Schwierigkeiten, welche die Zukunft unsres Wohnplatzes uns schaffen wird, nicht von einer Vervollkommnung unsrer äußeren Leibesbeschaffenheit, sondern von den Mitteln der Kultur, nicht von unsern Sinnes-Organen, sondern von unsern Gedanken erwarten. Nicht unser Auge ist besser geworden, aber unser Verstand hat uns das Mikroskop und das Fernrohr gegeben; wir laufen, schwimmen, fliegen nicht besser als die Tiere, aber unsre Technik trägt uns mit Windeseile in alle Fernen; wir sind nicht stärker, aber wir haben Dampf und Elektrizität und sind nicht auf die Energie unsres Körpers angewiesen; wir sind nicht rüstiger, aber wir haben die Heilkunst; wir leben nicht Jahrhunderte lang, aber die Erfahrungen von Jahrtaufenden begegnen sich in unserm Gehirn. Was heute in uns denkt, das ist Platon und Aristoteles, das ist Galilei und Newton, das ist Kant und Helmholtz. Und also ist in der Kultur durch die Arbeit der Bildung gegenüber den Mächten der Natur ein Herr erwachsen, der Wohl geeignet ist, ihren Eventualitäten zu begegnen. Pflanzen- und Tierwelt mögen verschwinden, wir werden Kohlehydrate und Albuminate künstlich aus den Gesteinen herstellen; das Wasser möge vertrocknen, wir werden einen Ersatz zu schaffen wissen; die Sonnenwärme mag sich verringern, wir werden weiter arbeiten; und bevor es soweit kommt, daß der Planet uns keine Energie mehr zu liefern vermag, werden wir längst unabhängig geworden sein von diesem Schlackenhaufen. Zwischen den Planeten und zwischen den Steinensonnen strahlt die Energie in ewigem Kreislauf. Heute messen wir daraus die Geschwindigkeit der Sterne und erkennen ihre Massen und Stoffe, einst werden wir auch jene Welten in das Bereich unsrer Herrschaft ziehen, und wenn die Erde uns nicht mehr genügt, werden wir über den Weltraum gebieten, oder wenn die Sonne sich genügend abgekühlt hat, werden wir zur Sonne wandern und als Sonnenbürger unsre Kultur fortsetzen. Die kühnste Phantasie kann das nicht erreichen, was wirklich geschehen wird; vielleicht hat die Vernunft ganz andere Mittel, als unser Verstand sie heute zu begreifen vermag, um das Leben ihrer Organe, der vernünftigen Einzelwesen, im Wandel der Energieausgleiche zu erhalten. Vielleicht ist der Untergang der einzelnen Weltkörper gerade das Mittel, höhere Vernunfteinheiten zu schaffen, wie ja überall die Individuen zu gunsten der Gesamtheit aufgezehrt werden. Wer kann dies wissen?

Auf jeden Fall mag hier noch darauf hingewiesen werden, daß selbst dann, wenn in unserm Sonnensystem mehr und mehr die Energie ausgestrahlt und der Umsatz der Energie geschwächt wird, die Fülle des bewußten Lebens darunter durchaus nicht zu leiden braucht. Denn diese hängt nicht davon ab, daß große Mengen von Energie von Körper zu Körper übergehen, sondern vornehmlich von der Zahl dieser Übergänge. Nimmt nun die Spannung der Energie (Intensitätsdifferenz, (s. S. 102) ab, so mindert sich auch stets die Menge der jedesmal übergehenden Energie, und es kann sich die vorhandene Energie nur durch eine unendliche Anzahl von Übergängen, also auch nur in unendlicher Zeit erschöpfen. Nun kommt es aber für die Bewertung des Lebens gar nicht auf die absolute Größe der Spannung beim Energieübergange an, sondern auf die relativen Intensitätsunterschiede (William Stern), so daß die Stärke des Lebens unabhängig ist von der Stärke der Spannung der Energie. Für die Empfindung zeigt uns ja das Gesetz der Schwelle, daß sie nicht dem absoluten, sondern dem relativen Reizunterschiede proportional ist (s. S. 125). Dazu kommt, daß die Entwicklung des Lebens die Tendenz hat, immer haushälterischer zu verfahren und mit gleichen Energiemengen immer bedeutendere Leistungen zu vollbringen. Es können also, selbst wenn nur ganz minimale Energiemengen zur Verfügung stehen, doch höchst intensive Lebenserscheinungen durch sie erzeugt werden, und es können sich Weltenschicksale in mikroskopischen Räumen abspielen. Unser Gehirn zeigt uns bereits solche Welten, wenn auch zunächst noch im Zusammenhang mit den, makrokosmischen Gewalten.

Für die psychische Deutung der biologischen Verhältnisse möchte ich noch darauf hinweisen, daß der Wert des Lebens durchaus von der Stärke des Gefühls abhängt, das mit den psychophysischen Veränderungen verknüpft ist. Für das Gefühl aber kommt nach meiner Annahme (s. S. 143 f.) nur die psychophysische Kapazität in Betracht, und die Schwankungen dieses Energiefaktors werden vor allem davon abhängen, wie eng und einheitlich verbunden das gesamte Energiegefüge des Organismus ist. Die Struktur des energetischen Zusammenhangs kann den Energiegehalt für psychophysische Zwecke ersetzen.

Es bieten sich somit schon vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkte her Gesichtspunkte genug, unter denen der allgemeine Weltentod als ein Gespenst erscheint, das niemand zu fürchten braucht. Und schließlich, muß denn das Bewußtsein an die Eiweißsubstanz des Plasmas gebunden sein? Sind nicht vielleicht die Sterne nur Molekeln eines höheren Weltenplasmas?

Eines aber ist gewiß. So sicher die Menschen, wie wir solche repräsentieren, in dieser Weise nicht dauernd leben werden, ebenso gewiß wird die Gemeinschaft der Vernunftwesen niemals sterben. Wenn auch die Weltkörper vergehen, die Idee vernünftiger Wesen kann nicht vergehen. Das Wort Vergänglichkeit hat einen Sinn nur in der Zeit. Raum und Zeit aber sind bloß die Mittel der Vernunft, sich selbst zu verwirklichen. Mit dem Augenblick, in welchem das vergängliche Einzelwesen sich bewußt wird, selbst ein Teil der Vernunft, ein lebendiger Selbstzweck zu sein, mit diesem Augenblick hat es die Schranken des Endlichen abgestreift und einen unendlichen Inhalt gewonnen. Die ganze Natur und unser eigenes Leben in, der Zeit erkennen wir dann als bloßes Mittel zur Gestaltung unsrer freien Persönlichkeit.

Ich habe im Beginn dieser Betrachtung die Frage nach dem Ende der Dinge abgewiesen, weil es überhaupt keinen Sinn habe, sie inbezug auf das Weltall zu stellen. Ich habe dann inbezug auf die Teile des Weltalls, das Sonnensystem, die Erde, ihre heutigen Bewohner, die Frage dahin beantwortet, daß sie notwendig zugrunde gehen müssen; denn wie sie nur unter Bedingungen innerhalb der Natur entstanden sind, so müssen sie auch innerhalb der Natur ein Ende haben und anderen Zuständen das Feld räumen. Endlich habe ich behauptet, daß trotz alledem die Gemeinschaft vernünftiger Wesen nicht vergehen kann.

Liegt hierin nicht ein Widerspruch? Wenn es die Grenzen der Erkenntnis übersteigt, über das Weltall etwas auszusagen, wie kann ich von der Gemeinschaft vernünftiger Wesen diese positive Behauptung aufstellen? Also ist es wohl nur ein frommer Wunsch, wenn wir als vernünftige Wesen glauben, vom Gesetze der Natur emanzipiert zu sein?

Eine Durchbrechung der Naturgesetzlichkeit gibt es nicht; insofern wir zur Natur gehören, unterliegen wir ihrem Wandel, der einzelne, die Völker, die Menschheit, das wissen wir. Aber inwieweit gehören wir zur Natur? Es ist wohl die kühnste Frage, die der Mensch stellen kann; doch eben die Tatsache, daß wir sie zu stellen vermögen, beweist, daß wir nicht allein aus der Natur stammen können, sondern daß die Natur in uns einem Zwecke dient. Und wir können die Frage auch beantworten. Wir gehören zur Natur vollständig und ausnahmslos, insoweit unsere Erkenntnis reicht, insoweit wir Gegenstand des Denkens, der theoretischen Forschung, der technischen Behandlung sind. Was erkannt wird, muß notwendigen Bestimmungen unterliegen, es muß den Gesetzen der Ursache und Wirkung unterworfen sein. Deswegen kann, die Naturwissenschaft auch im Menschen nie etwas anderes sehen als das Produkt der Natur, als den komplizierten Mechanismus, der in der Wechselwirkung zahlloser Ursachen in Raum und Zeit sich gebildet hat und sich behauptet. Und darum dürfen wir auch die Naturwissenschaft nicht anklagen, wenn sie in der Natur das nicht findet, was sie dort nicht finden kann, weil es nicht da ist; nämlich unsern Willen und unser Gefühl. Daß wir sind, das wissen wir nicht durch die Erkenntnis; das kann uns niemand beweisen. Wenn wir darauf angewiesen wären, daß man uns unsere Existenz beweist, so wären wir überhaupt nicht (vgl. S. 141 ff.). Aber eben darum kann man uns nicht beweisen, daß wir einmal nicht existieren könnten. Das Bewußtsein unseres Daseins stammt überhaupt nicht aus der Natur, denn es stammt nicht aus der Erkenntnis, sondern es stammt aus dem Gefühl; daß ich bin, ist absolut gewiß. Wüßte ich nur von mir, insoweit ich mich erkenne, so wäre ich für mich nichts anderes als die äußeren Objekte in Raum und Zeit, und so müßte ich auch zugeben, daß ich nur ein Naturprodukt bin; und eben, genau soweit, wie ich erkannt werde – nicht bloß von mir, sondern überhaupt von den Menschen als dieses Individuum, – genau soweit bin ich bloßes Naturprodukt und allen Gesetzen der Natur unterworfen; soweit ich erkannt werde, das heißt als Objekt der Erkenntnis, bin ich ein Zellenbau, durchzogen von einem Nervensystem, worin chemische Umsetzungen vor sich gehen, die wieder in andern ähnlichen Körpern ähnliche Energieumwandlungen hervorrufen, wodurch ich im Wechselverkehr mit diesen – meinen Mitmenschen – stehe; als dieser Komplex von Wirkungen bin ich im Laufe zahlloser Generationen vorbereitet, bin eines Tages zur Welt gekommen und werde ebenso eines Tages von der Welt verschwinden und wahrscheinlich durch Hitze in Kohlensäure, Wasserdampf und einige unverbrennliche Aschenbestandteile dissoziiert werden.

Von den Energieumsätzen, die von meinem Gehirn ausgegangen sind, werden vielleicht in andern Gehirnen ähnliche Umwandlungen ausgelöst, und es wird sich, auch wenn mein Gehirn nicht mehr besteht, in andern Gehirnen seine Tätigkeit fortsetzen, oder infolge gewisser Unterschiede der Lichtabsorption von Druckerschwärze und Papier nach Jahren wieder erweckt werden. In diesem allen stehe ich unter den Bedingungen der Natur, dies ist meine Wirkung in Raum und Zeit, als Objekt unter Objekten, als ein Einzelwesen, das mit andern Einzelwesen verknüpft ist und in dieser Verknüpfung auch eine Dauer in Raum und Zeit besitzt, die über den Raum und die Dauer meines Leibes hinausgeht. Das alles ist schließlich vergänglich; aber das alles ist noch lange nicht das, was ich bin. Es ist nur das, was andere von mir wissen oder im besten Falle wissen können. Es ist das, wodurch meine Mitmenschen wissen, daß ich bin, und wodurch, umgekehrt, ich von den andern Menschen weiß, daß sie sind, und soviel von ihnen wissen kann und nicht mehr. Ich aber, daß ich bin, das weiß ich dadurch nicht; das weiß ich aus einer ganz andern Quelle. Alles, was andere von mir wissen und was ich selbst an mir erkenne, könnte Täuschung sein; aber ich bin, und daß ich bin, weiß ich absolut sicher aus meinem Gefühl. Alle Erkenntnis ist relativ; um zu erkennen, daß etwas ist, muß ich es durch etwas andres begründen, durch eine Ursache: diese Ursache wieder durch eine Ursache und so fort ohne Ende; alles besteht nur unter Bedingungen, darum ist alles vergänglich. Aber mein Gefühl ist absolut; hier bin ich Ich, hier gibt es keine Bedingungen. Ja noch mehr! Hier schreibe ich selbst Bedingungen vor. In der Natur ist alles, wie es ist; daß etwas anders sein sollte, als es ist, das ist eine Forderung, die in der Natur nicht vorkommt. Ich aber habe sie im Gefühl meines Willens, trotz der Natur und ihrer Notwendigkeit, trotz aller Grenzen der Erfahrung habe ich das Bewußtsein: Es soll! Aus dieser Quelle der unbedingten Setzung im Bewußtsein, aus dieser Idee der Freiheit stammt alles das, was unbedingt ist und unvergänglich in der Welt – unvergänglich, weil es gar nicht in der Zeit ist, sondern das ist, wodurch überhaupt erst die Zeit möglich wird, die zeitlose Forderung des Gesetzes. Und darum ist dieses Ich keinem Weltuntergang erreichbar, es ist vielmehr die Bestimmung, daß überhaupt eine Welt sein soll.

Dieses Ich, von dem ich hier gesprochen habe, das kennen wir alle an uns selbst, und wir kennen es nur an uns und jeder für sich allein; daß wir uns unterscheiden, macht die Natur, nämlich der verschiedenartige an uns erkennbare Inhalt an Gesicht und Gliedern, Lebensverhältnissen und Erfahrungen; daß wir sind, das macht diese Bestimmung, die in dem unbeschreibbaren Ich gesetzt ist, und diese Bestimmung ist für uns alle eine einzige, es ist eben dieselbe, sie heißt: Ich soll sein! Ich soll sein und Du sollst sein, und wir sollen sein – das ist eine unbedingte Forderung, die im Bewußtsein unserer Existenz gesetzt ist; diese unbedingte Forderung sollen wir verwirklichen trotz der verschiedenen Natur, in der wir uns als einzelne finden; d. h. wir sollen, obwohl verschiedene Einzelwesen, doch ein einziges Sollen als eine Gemeinschaft verwirklichen. Nun, diese absolute Forderung, trotz aller Verschiedenheit, doch ein einziges Ich zu sein, diese Forderung nennt man das Sittengesetz; es sagt im Grunde nichts anderes als: Achte jedes Ich als dein eigenes, d. h. achte in jedem Menschen die Menschheit selbst. Ein Wesen, das sich dieses Gesetzes als Aufgabe bewußt ist, das die Idee der Menschheit mit freiem Willen in sich aufnimmt, nennen wir eine Persönlichkeit. Und hierin haben wir die absolute Gewißheit unsrer Unvergänglichkeit: die Bestimmung des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit. Diese gehört nicht mehr zur Natur und kann daher nirgends in der Natur entdeckt werden, sondern sie ist der Selbstzweck, dem die Natur selbst als Mittel dient. Sie ist das absolute Gesetz.

Das hier Gesagte ist nur eine kurze Zusammenfassung der Gedanken, die in den Abschnitten über Ideen, Persönlichkeit und Religion schon ausführlich dargelegt wurden. Aber sie haben hier den besonderen Zweck, den Sinn zu erläutern, den die Hoffnung auf die Unsterblichkeit der Menschheit gegenüber dem Weltuntergang besitzt.

Es ist also nicht ein frommer Wunsch, geschweige denn äußere Autorität, der wir nachgeben, wenn wir unsere Existenz als Vernunftwesen überordnen allem Gesetze der Natur; denn die Existenz der Natur hat überhaupt keinen Sinn, wenn nicht vernünftige Wesen sind. Diese vernünftigen Wesen haben ihre Wurzel im Unbedingten, nämlich in ihrer Bestimmung als Selbstzweck. Und die Gewißheit, daß solche Wesen sind, liegt in der persönlichen Gewißheit meiner sittlichen Bestimmung. Habe ich die nicht, nun dann bin ich kein Vernunftwesen, dann werde ich verwehen im Weltuntergange; hab' ich sie, so ist in mir etwas, das unerkennbar, unbedingt, und darum unvernichtbar ist. Dies ist mein Wille; nicht mein Wille, sondern das Gesetz des Wollens in mir, der unendliche Wille, den ich will und dem ich in Freiheit mich füge.

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