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Wirklichkeiten

Kurd Laßwitz: Wirklichkeiten - Kapitel 17
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authorKurd Laßwitz
titleWirklichkeiten
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
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XV.

Die Grenzen des Gefühls

Es ist vielfach gesagt worden, und es ist leider wahr: wir haben heute keine Zeit zur Philosophie. Es fragt sich nur, ob wir sie uns nicht doch öfter nehmen sollten. Man kann allerdings in der Technik des täglichen Lebens ohne Philosophie durchkommen, sowie man ja auch lebt und ißt und atmet, ohne von den Funktionen des Körpers ein wissenschaftliches Bewußtsein zu haben. Aber wenn die Maschinerie an irgend einer Stelle stockt, so wendet man sich an den Arzt, der die Lebensprozesse und die Beschaffenheit der Organe zu seinem Studium gemacht hat. Man hört dagegen kaum, daß man sich an den Philosophen wendet, wenn in dem geistigen Prozeß der Menschheit eine Unordnung eintritt, oder eine Veränderung in seinen Bedingungen und Organen, eine Operation vorgenommen werden soll. Die Politiker, die alsdann die Sache führen, bedürfen offenbar des Rates der Philosophen nicht, und man kann daraus den erfreulichen Schluß ziehen, daß sie allesamt treffliche Philosophen sind.

Kein Zweifel. Denn schließlich ist ja doch das Gedeihen der Gesellschaft, nach welchem sie streben, abhängig von dem Fortschritt der Kultur; und wenn man für die Kultur tätig sein will, so muß man sich die Begriffe klargelegt haben, die in ihr zusammenwirken; eine solche sorgfältige Analyse und Erwägung der Begriffe ist ganz gewiß eine ausschließlich philosophische Aufgabe. Und insofern ist auch Philosophie eine Voraussetzung zu prinzipieller Klarheit bei der Wirksamkeit im praktischen Leben.

Indessen, solche Ansichten gelten als pedantisch, man wittert Doktrinarismus. In den meisten Fällen genügen praktische Lebenserfahrung, politischer Takt, Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, Menschenkunde, Umsicht und Gewandtheit. Gewiß, und wer möchte auch diese schönen Eigenschaften vermissen? Und weil sie unerläßlich sind, so scheint es, als könne man aller philosophischen Abzirkelung von Grundbegriffen entbehren, die ja doch in unfruchtbaren Theorien stecken bleibe.

Nun kommt es aber vor, daß einmal wirkliche Grundbegriffe in Betracht und zur Sprache kommen. Technische Fragen der staatlichen Organisation führen auf prinzipielle Probleme zurück, und auf einmal erhebt sich die Debatte in großem Stil über rein philosophische Begriffe: Religion, Moral, Erkenntnis, Kunst, also direkt über die Richtungen der Kultur. Dann kann es einen seltsamen Eindruck machen, wenn Begriffe, an deren Klarstellung die Philosophen ihre Lebensarbeit gesetzt haben, behandelt werden, als kämen sie eben auf den Markt wie eine neue Ware, worüber jeder seine eigene Meinung haben könne; als hätte die wissenschaftliche Forschung der größten Denker nicht gewisse Grundsätze herausgearbeitet, die der modernen Kultur zugrunde liegen. Und dann stellt man sich unwillkürlich die oben erwähnte Frage: Sollten wir uns nicht doch öfter Zeit zur Philosophie nehmen?

Aber die Philosophen, sagt der Praktikus, liegen ja selbst im Streit. Der eine behauptet dies, der andere jenes, und der dritte bestreitet beides. Wie soll man sich da orientieren? Wem soll man vertrauen? Muß man nicht in Zweifel geraten, ob die Überlegung durch die Vernunft nicht gerade in den schwierigsten Fragen den Menschen im Stich läßt? Da ist es doch vielleicht geratener, sich an eine Quelle zu wenden, die jeder unverfälscht und gewiß in sich selber trägt, an unser Gefühl. Lassen wir den Streit der Vernunft den Philosophen und entscheiden wir getrost nach unserm Gefühl!

Wir wollen einmal gar nicht untersuchen, wie es mit der angeblichen Uneinigkeit der Gelehrten steht; wir wollen auch nicht fragen, ob nicht der Meinungsstreit selbst schon ausreiche, vielerlei daraus zu lernen gerade für die Stellungnahme zu Fragen, die selbst noch nicht entschieden sind; vielleicht handelt es sich eben darum, zu erkennen, wieweit die Vernunft ihr Gebiet erstreckt, und worüber sie Recht zu sprechen hat. Wir wollen nur die angerufene Gegeninstanz des Gefühls ein wenig prüfen, worauf sie denn – als Gefühl – ihren Beruf zum Mitreden gründen wolle, und wie sich das Gefühl als Richter in Kulturfragen legitimieren könne.

Ja in Kulturfragen, denn darum handelt es sich. Ob der eine die tragische Oper vorzieht, der andere eine Posse, ob man einen Band Gedichte liebt oder eine Skatpartie oder einen Schoßhund, das ist reine Gefühlssache, dabei wollen wir niemand mit Vernunftgründen behelligen. Aber wenn jemand die Lebensführung anderer beeinflussen und in der Welt wirken will, wenn es sich um die Grenzen der Freiheit öffentlicher Aufführungen oder künstlerischer Darstellungen handelt, oder um die Beschäftigung der Jugend, oder um den Schutz der Tiere, dann treten wir in das Gebiet der Fragen ein, aus welchen schließlich in ihrer Gesamtheit das Kulturproblem, somit der Fortschritt der Menschheit, sich zusammensetzt; und dann fragt es sich, welche Grenzen dem Einflusse des individuellen Gefühls im Kulturleben gezogen sind.

Was ist Gefühl? Wenn die Schildbürger nach dem Festtrunk untereinander gerollt sind und sich nicht mehr einigen können, welches Paar von Beinen eigentlich einem jeden zugehöre, so lassen sie sich von einem vorübergehenden Eulenspiegel ordentlich darauf hauen, und sogleich findet jeder seine Beine wieder. Das ist Gefühl. Es ist dasjenige, wodurch ein jeder merkt, was seinem eigenen Ich zugehört. Aber wenn Faust von Gretchen über seinen Gottesbegriff katechisiert wird, so sagt er von dem Heiligsten, was seine Seele füllt, ebenfalls: »Gefühl ist alles«. Das ist doch wohl etwas anderes? Die Köchin hat es »im Gefühl «, wieviel Salz sie zur Suppe zusetzen muß, und der Künstler hat es »im Gefühl«, wodurch er seinem Werke das Unbeschreibliche gibt, was Stimmung macht. Auf sein Gefühl beruft sich der Schwärmer, der Phantast, der Egoist, wenn er seine Hirngespinste und Launen zu Gesetzen stempelt, die er der Welt vorzuschreiben sich anmaßt. Was ist nun das Gemeinsame in allen diesen Gefühlen?

Vom Gefühl reden wir überall dort, wo sich für unser Bewußtsein ein Inhalt geltend macht, dessen objektive Bestimmung in keiner Weise möglich ist. Wenn die Schildbürger ihre Beine durch das Gefühl bestimmen, so bestimmt eben jeder nur seine eigenen, also rein subjektiv, und er erfährt dadurch nichts von den Beinen der andern. Wüßte die Köchin, wieviel Gramm Salz sie nehmen muß, so brauchte sie's nicht im Gefühl zu haben. Die Schöpfung des Genies und die Gewalt des religiösen Gefühls lassen sich nicht in Begriffe fassen, sie wurzeln im Erlebnisse des einzelnen, darum sind sie Gefühl. Und eben weil der Schwärmer und Egoist sich auf kein allgemeingültiges Vernunftgesetz berufen kann, sondern nur auf seine subjektive Willkür, darum preist er das Gefühl als die maßgebende Bestimmung. Gefühl ist stets das Zeichen, daß eine nur subjektive Einheit entscheidend ist.

Aber sind nicht die subjektiven Einheiten im Grunde die einzigen, deren wir sicher sind? Muß nicht alles in einem Ich erlebt werden, damit überhaupt versucht werden kann, Gesetze als objektive Einheiten dafür aufzufinden? Die Entwicklung der Kultur ist gewiß eine objektive Realität, ja sie ist die umfassendste Realität überhaupt, die sich der Erfahrung darbietet. Aber sie vollzieht sich in dem Erlebnis und der Tat der einzelnen, in der Selbstbestimmung von Persönlichkeiten. Und von dem einfachsten Organismus, der auf einen Reiz mit einer Bewegung antwortet, bis zu dem kompliziertesten Willensentschluß des Menschen entscheidet schließlich über die Richtung der ausgeführten Bewegung das allgemeine Gesetz der Individuen, daß sie sich Dingen und Vorstellungen zuwenden, sie sich aneignen und bewahren, oder daß sie solche zurückstoßen und vergessen, je nachdem die Dinge durch die Wirkung auf das Gefühl Wert besitzen oder nicht. Psychologisch erscheint das Gefühl im letzten Grunde als maßgebend dafür, welche Auswahl das Individuum aus den Reizen trifft, die sich im Getriebe der Welt ihm darbieten. Denn eben im Gefühl kommt jene Einheit zum Ausdruck, daß wir ein Ich sind und unsere Kreise um uns ziehen. Daher finden wir in allem und jedem das Gefühl wieder, weil wir alles und jedes auf uns in irgend einer Weise beziehen müssen, wenn wir davon erfahren sollen. Unsere Empfindungen, die den Raum mit Widerständen und Farben, mit Temperaturen und Tönen erfüllen, sind mit Gefühlen verbunden; unsere Vorstellungen, seien sie nun theoretischen, ethischen oder ästhetischen Charakters, nicht minder. Das Gefühl beherrscht die Richtung unserer Entwicklung, das ist Tatsache. Das Gefühl aber ist ja das gänzlich Subjektive, das aller objektiven Bestimmung Unzugängliche. Wie könnten objektive Ordnungen, wie könnten Gesetze des Daseins, wie Natur und Wissenschaft, Staat, Recht und Sittlichkeit möglich sein, wenn das ewig Unbestimmbare, das subjektive Gefühl entscheidend wäre für die Arbeit der Kultur? Diese Schwierigkeit, aus der Einheit des Gefühls zur Einheit des Gesetzes zu gelangen, muß uns mißtrauisch machen gegen die Rolle, welche die Gewalt des Gefühls in der Welt spielt, sie muß uns warnen, einer Überschätzung des Gefühlselements in der Wirklichkeit uns hinzugeben. Das Gefühl hat Macht, doch ob es auch Recht hat? Wollte man sich nur an die Macht halten, so käme man zur Schwärmerei.

»Sie fragen mich, wo der Hang zu der jetzt so überhand nehmenden Schwärmerei herkommen möge, und wie diesem Übel abgeholfen werden könne? Beides ist für die Seelenärzte eine ebenso schwer zu lösende Aufgabe, als der vor einigen Jahren postschnell seinen Umlauf um die Welt machende, in Wien sogenannte russische Katarrh, Influenza, der unaufhaltsam viele befiel, aber von selbst bald aufhörte, es für unsere Leibesärzte war, die mit jenen darin viel Ähnliches haben, daß sie die Krankheiten besser beschreiben, als ihren Ursprung einsehen oder ihnen abhelfen können.«

Die Zeilen klingen, als wären sie heute geschrieben – abgesehen von dem Ausdrucke »postschnell«, der uns im Zeitalter des Telegraphen wohl nicht mehr entschlüpfen würde. Im übrigen aber passen sie vollständig in die Gegenwart, obwohl sie vor mehr als einem Jahrhundert von Immanuel Kant im Jahre 1790 an Borowski gerichtet wurden. Oder sollte vielleicht jemand den Kopf über die Behauptung schütteln, daß der »Hang zur Schwärmerei« jetzt überhandnehme? Leben wir nicht in einem Zeitalter des Materialismus, der Nüchternheit, der kalten Verstandesherrschaft? Klagen wir nicht über den Mangel an Idealen bei der Jugend, die nur nach Brot und Stellung strebt? Wo ist da die Schwärmerei? Nun, wir meinen, sie ist allerdings da, und zwar in höchst bedenklicher Weise, nämlich als die unklare und darum erst recht gefährliche Reaktion auf eine Überschätzung des Verstandeselements in der Weltauffassung, die nun in eine wüste und kulturwidrige Unterschätzung alles dessen umzuschlagen droht, was Theorie und Wissenschaft leisten.

Die überraschenden Fortschritte, die von der Wissenschaft im letzten Jahrhundert gemacht wurden, und die im engsten Zusammenhange damit gewonnene technische Beherrschung der Natur haben einen Rausch der Begeisterung hervorgebracht, als ob man von der theoretischen Erkenntnis, in Verbindung mit der Machterweiterung der Menschheit, die Lösung aller Probleme des Daseins erwarten dürfe. Die Weltanschauung des Materialismus bildete sich ein, mit naturwissenschaftlichen Erklärungen die tiefsten Bedürfnisse des Menschengemüts beschwichtigen zu können, und die Flachheit und Zuversichtlichkeit ihrer Dogmen machte sie populär. Es schien, als sei die Beschreibung, die der Naturforscher von den Erscheinungen in Raum und Zeit gibt und nicht anders geben kann, als sei diese die Welt selbst, die ganze und die einzige Welt. Kein Wunder, daß dieser Irrtum nicht lange vorhalten konnte. Das lebendige Gefühl der Menschenseele, das Bewußtsein freier, persönlicher Selbstbestimmung vermag die Fesseln nicht zu ertragen, die das kalte Verstandesgesetz der Welt auferlegt hat. Es revoltiert gegen die Anmaßungen einer einseitigen Weltauffassung, die das subjektive Freiheitsgefühl aufhebt und verwechselt schließlich diesen engen Gedankenbann mit dem Vernunftgesetz selbst. Es entsteht die Meinung, als zerstöre die Wissenschaft geradezu die Freiheit. Und nun soll auf einmal das Gefühl alles sein, das Wissen überhaupt nichts gelten.

Der auf die Erkenntnis gegründete Kulturfortschritt hat tausende und abertausende von geistigen Kräften frei gemacht, welche die Muße, die sie der stillen und aufopfernden Arbeit des Forschers verdanken, nun dazu benutzen, die Früchte dieser Arbeit in den Staub zu treten. Weil andere für sie die Begriffe geschärft und geklärt haben, kommt es ihnen überhaupt nicht zum Bewußtsein, daß der folgerichtige Gedanke das Material ist, auf welchem die Kultur sich aufgebaut hat. Das verstehen sie nicht. Sie haben nur ein unbestimmtes Gefühl, daß das Wissen nicht die Kultur selbst ist. Daran hat aber ein vernünftiger Mensch nie gezweifelt. Niemals ist es dem »trockenen Gelehrten«, dem »bebrillten Bücherwurm«, dem »hochmütigen Professor« eingefallen zu behaupten, daß theoretische Erkenntnis allein genüge, die Welt glücklich zu machen. Nur daß und warum die Welt ohne feste Begriffe nicht bestehen kann, wissen jene »Stubenhocker«. Diejenigen aber, die das nicht wissen, finden beim Erwachen aus dem materialistischen und dogmatischen Götzendienste der Zeit zu ihrem Erstaunen, daß sie ein Herz in der Brust haben, daß sie Menschen, daß sie »Individualitäten« sind. Und die Individualität habe ihnen der böse Büchermensch rauben wollen!

Natürlich! Es ist ja klar – die Naturwissenschaft (an diese wird doch immer gedacht) hat bekanntlich niemals die Aufgabe, religiöse, ethische, ästhetische Fragen zu lösen; sie hat den Menschen nur als Naturobjekt zu betrachten und die subjektive Seite geht sie nichts an. Nun ist aber dieses Subjektive, was der Mensch als bewußtes, fühlendes, wollendes Wesen erlebt, gerade dasjenige, was den innersten Wert des Lebens ausmacht. Da ist es denn sehr einleuchtend, zu erklären: Wozu brauchen wir die Wissenschaft, wenn sie gerade unser bestes Leben von sich ausschließt? Freilich kann man mit demselben Recht fragen: Wozu braucht man Nahrung und Kleidung, wenn man nur ein gutes Gewissen hat?

Die Wissenschaft ist es ja gerade, die uns über das gegenseitige Verhältnis von Gemüt und Verstand aufklärt und uns die Grenzen und Rechte in den verschiedenen Richtungen der Lebensmächte nachweist. Wer wüßte nicht, daß nicht in der einseitigen Ausbildung der Verstandestätigkeit, sondern in der harmonischen Pflege der Persönlichkeit das Lebensideal besteht? Die Kunst der unklaren Köpfe erweist sich nun darin, daß sie einen solchen Gemeinplatz als neueste Entdeckung auf den Markt werfen und sich dabei als Retter der Menschheit – oder mindestens des »Deutschtums« – aufspielen, als die Vertreter des wahren, edlen Gefühlsmenschen, des deutschen Gemüts, das von dem nüchternen, rechnenden Verstande so schmählich unterdrückt werde. Und so gipfelt ihre Weisheit in dem Schlagwort: »Fort mit der Wissenschaft! Fort mit dem Doktrinarismus! Seid wieder Menschen!«

Wahrscheinlich waren Kant, Schiller und Goethe keine Menschen, weil sie unglücklicher Weise auch Gelehrte waren. Aber denen ist nun freilich nicht mehr zu helfen. Unsere Schuljugend dagegen, die erst zu »Menschen« werden soll, wird jedenfalls das Axiom mit Jubel begrüßen, daß »Wissen« Nebensache ist. Individualität ist schon jeder von selbst, das braucht nicht erst gelernt zu werden.

Es ist nun das Gefährliche, daß die Leute, die mit vollem Rechte die Gefühlsseite des Lebens und die Gemütsbildung in ihrer Bedeutung betonen, sich daran nicht genügen lassen, sondern daß sie diese positive Seite ihrer Auffassung verbinden mit einer Polemik gegen die Grundlagen der modernen Kultur überhaupt, vor allem gegen den Ernst der wissenschaftlichen Forschung. Sie halten es für statthaft, die persönliche Gesinnung des einzelnen an Stelle des Vernunftgesetzes unterzuschieben, sie konstruieren einen falsch verstandenen Gegensatz von Gemüt und Verstand, und sie bringen dieses unklare Gewirr von Gefühlen und hohlen Phrasen in die Öffentlichkeit und machen daraus ein System der Konfusion.

Diese Schwärmerei erstreckt sich leider viel weiter als auf die Anbeterschaft jener Unklarheit, die sich in geistreich scheinenden Deklamationen oder Aphorismen ausspricht. Wir haben in diesen Volkspädagogen, deren Kunst darin besteht, mit Worten und Bildern zu spielen, die sich in ihrem begrifflichen Sinn überall selbst widersprechen, nur eine Teilerscheinung jener wissenschaftsfeindlichen Strömung, die alle die trüben Geister mit sich führt, die im reinen Quell des Denkens sich abzuklären nicht in der Lage sind.

Es gehört hierher die ganze Masse derjenigen, die irgend ein Gemütsbedürfnis nicht in Einklang zu bringen verstehen mit den Forderungen des Verstandes oder den ihnen zugänglichen traditionellen Begriffen, und die, zu bequem oder zu unfähig die großen Denker der Menschheit zu verstehen, nunmehr aus einem subjektiven Gefühle ein objektives System sich zurechtzimmern. Da ist der ganze Schwarm der Okkultisten und Mystosophen, die gern mehr wissen möchten, als dem Menschen beschieden ist. Da sind die Anhänger des Vegetarismus und die zartfühlenden Gegner der Vivisektion, denen die armen Tiere leid tun, und die nun aus ihrem Mitleidsgefühle durch eine Reihe unklarer Schlüsse zu einem Systeme kommen, nach welchem eigentlich der Mensch sich den Tieren aufzuopfern hat. Da sind auch viele jener mit »Anti« anfangenden undeutlichen Parteigänger, denen irgend etwas an einzelnen Individuen nicht gefällt, und die ebenfalls aus dieser subjektiven Abneigung ein Dogma formulieren, indem sie aus einem persönlichen Unbehagen eine kulturfeindliche Theorie machen. Sie alle gehören zu derselben Kategorie der modernen Schwärmer. Sie alle verbindet der gemeinsame Grundzug, daß ihnen die feste Basis mangelt, auf der allein Klarheit des Lebens sich aufbaut: Achtung vor der ehrlichen Arbeit der Wissenschaft.

Man hat daher, weil alle jene Schwärmereien in einer gemeinsamen Disposition des Geistes wurzeln, nicht selten beobachtet, wie gerade lebhafte Gemüter jene Zustände von Stufe zu Stufe durchlaufen, um endlich im wüstesten Aberglauben unter Verkümmerung des Intellekts zu enden. Es gibt darunter begabte Schriftsteller, die sich in dieser Weise verlieren, weil sie die Lebhaftigkeit ihrer Phantasie nicht zu zügeln wissen durch Gründlichkeit des Studiums und philosophische Schulung.

Schwärmer sind sie alle, denn sie alle mißachten das Gesetz des Gedankens, sie verkehren den Standpunkt der Vernunft, indem sie den Zug ihres Herzens höher stellen als die ruhige und ernste Erwägung dessen, was nach menschlichem Ermessen möglich ist im Zusammenhang der Erfahrung. Unaufhaltsam schweift in jedem Menschen der Wunsch und die Phantasie über die Grenzen der Wirklichkeit; und dies ist eine geheiligte Gabe der Menschheit, in der die goldene Blüte der Kunst ihre ewigen Wurzeln hat. Aber nur der Kunst ist beschieden, in diesem Reiche der Freiheit zu walten. Wer seine Phantasie mißbraucht, um seine Neigungen zu Gesetzen zu stempeln, denen eine Geltung in der Wirklichkeit zukommen solle, der ist ein Schwärmer.

Warum jedoch soll man die Schwärmer nicht gelten lassen? Ist es denn nicht ganz berechtigt, die innere Stimme, das individuelle Gefühl laut und deutlich zur Wirkung zu bringen? Ist dies nicht gerade der Urquell alles echt Menschlichen, aus dem alle Strömungen des Lebens immer aufs Frische sich erneuern? Und sind es nicht die Schwärmer, welche allgemeinen Stimmungen, die ein Zeitalter beherrschen, Ausdruck und Geltung durch ihre persönliche Tat verschaffen?

Hieran ist nur so viel richtig, daß allerdings das Gefühlsleben der Mittelpunkt ist, aus dem die Strebungen des einzelnen wie die neuen Kulturregungen der Menschheit ihren Ursprung nehmen, und aus dem die lebendigen Kräfte der Bewegung fließen. Aber mehr bieten die dunklen Gewalten eben nicht als die wilde Kraft des Elements, das ohne den Zügel des regelnden Verstandes nur zerstört. Dauernde Schöpfungen fließen nicht aus der Schwärmerei. Denn das Gefühl ist nicht imstande Gesetze zu geben. Dies ist allein Sache des Verstandes und der Vernunft. Das Gefühl gleicht den elementaren Mächten des Windes und des Wassers, von denen unser physisches Erdenleben abhängt. Aber nur das Gesetz zügelt sie zur Wohltat der Kultur. Nur der konsequente Gedanke fügt die festen Ordnungen und lehrt sie erkennen, auf denen die Herrschaft über die Elemente sich aufrichtet. Daher ist die Betonung des Gefühlslebens als Kulturmacht bloß berechtigt, insofern man die subjektiven Anregungen des Gesellschaftslebens in Betracht zieht. Hier hat es die Aufgabe, innerhalb der Persönlichkeit die Richtung zu bestimmen, in der der einzelne seine Anlagen zur Geltung zu bringen suche. Aber seine Wirkung setzt die Gesetzlichkeit des Verstandes, die Fügung der Begriffe voraus als die objektive Macht, die allein Verständnis und dadurch Wirkung im Zusammen der Individuen möglich macht. Sobald das Gefühl seine Grenzen überschreitet und die objektiven Ordnungen ersetzen will durch die Willkür des subjektiven Triebes, wird es zum Fanatismus und wirkt als kulturfeindliche Kraft.

Denn das ist das allgemeine Kennzeichen der Schwärmerei, daß sie als die oberste gesetzgebende Macht nicht die Vernunft anerkennt, sondern vermeint, es gebe über dieser noch irgend ein unklares Etwas, das in der Unbestimmtheit des Gefühls sich verrate und dadurch der Quell von Weltgesetzen werden könnte. Und das ist ein verderblicher Irrtum. Denn es liegt eben im Wesen der Wirklichkeit, daß sie bestimmt sein muß, jede Bestimmung aber, die objektiv gültig sein soll, muß ein Gesetz sein; und somit verbietet es sich von selbst, aus der ewig unbestimmbaren Subjektivität Gesetze ableiten zu wollen. Es gibt Moralgesetze und es gibt Erkenntnisgesetze; beide konstituieren objektive Mächte, die Sittlichkeit und die Natur. Es gibt außerdem als objektive Realität die Beziehung des Gefühls zu jenen objektiven Mächten in den ästhetischen Gesetzen der Kunst. Aber Gesetze des rein individuellen Gefühls für sich gibt es nicht in dem Sinne, daß daraus eine objektive Macht von allgemeingültiger Kraft entspringen könnte. Die Schwärmerei jedoch will gerade dies Widersinnige.

Dem widerspricht ja nicht, daß unter der Voraussetzung der Regelung durch den Verstand das Gefühl zu mächtiger Kraftentfaltung anregt. Für solche vorübergehende Lebenswellen haben wir die Begeisterung, den Enthusiasmus notwendig; den Enthusiasmus aber zum Prinzip machen, hieße die Verwirrung auf den Thron setzen. Enthusiasmus ist ein momentaner Zustand, der auch den »gesundesten Verstand« bisweilen ergreift; er ist ein Affekt und als solcher zwar »zügellos«, unter Umständen jedoch unentbehrlich. In der Schwärmerei aber wird dieser Zustand chronisch, die Phantasie »regellos«. Sie ist kein Affekt mehr, sondern eine, eingewurzelte Leidenschaft, eine Krankheit, die den Verstand zerrüttet, weil sie ihn für überflüssig erklärt.

Es ist freilich viel leichter, kühn zu schwärmen als ruhig zu denken. Deswegen ist es auch leicht, ein großes Publikum für die literarischen Ausbrüche eines lebhaften Gefühls zu finden, das ja im Wesen des Menschen berechtigt ist. Und es ist sehr schwierig, dem gegenüber klar zu machen, daß es die Begriffssysteme sind, die Resultate der trockenen Gedankenarbeit, die allein die Garantie geben, daß die Kulturentwicklung einen stetigen Fortschritt aufweist und nicht ein bloßes Chaos ist von sich überstürzenden und widerstreitenden Gewaltakten. Denn hierzu sind Kenntnisse notwendig, die durch kein noch so lebendiges »menschliches« Gefühl ersetzt werden können. Was im Leben Erfahrung schafft, was den praktischen Mann macht, das ist nicht das Gefühlselement, sondern das ist die Überlegung, das ist das theoretische Element, das zum Gefühl und zum Willen hinzukommen muß, wenn es »ganze Menschen« geben soll.

Was soll es eigentlich heißen, wenn man immer das frische, junge Leben in einen Gegensatz zur »öden« Theorie zu bringen sucht? Keiner vernünftigen Theorie kann es beikommen, das Recht des Lebens einschränken zu wollen; sie weiß ja, daß sie selbst ein Teil des Lebens ist, aber sie weiß sich auch als denjenigen Teil, durch den allein das Leben in seinem ewig schwankenden Hin und Her der Affekte das feste Gerippe erhält, worauf dauernde Gestaltung sich zu stützen vermag. Dieser mühsame Aufbau, der langsam Gesetz an Gesetz reiht, um aus dem immer frisch strömenden Quell der Subjektivität objektive Kulturgebilde herauszukristallisieren und sie festzuhalten als einen Unterbau für die Zukunft, ist freilich langweiliger als die bloße Hingabe an die individuelle Neigung. Aber gelänge es erst, diese sichere Stütze der Kultur, den trockenen, nüchternen Ernst der Wissenschaft, zu untergraben und der nationalen Mißachtung preiszugeben, so wäre es mit jedem Fortschritte der Kultur vorbei. Ohne den Verstand vermag das Leben nichts Positives zu schaffen; es kann Brände anzünden, aber nicht ein Streichhölzchen erfinden. (Vgl. »Seelen und Ziele«, Abschn. XII.)

Eigentlich sollte man sich genieren, etwas so Selbstverständliches erst zu sagen, wie den Satz von der Notwendigkeit der theoretischen Forschung. Dennoch wird diese fortwährend angegriffen und als etwas sehr Nebensächliches hingestellt; nichts wird soviel verspottet wie die Gründlichkeit der deutschen Wissenschaft, die sich dadurch dem Leben entfremde. Das ist aber nicht zu vermeiden. Der Ernst der Beschränkung, die strenge Vorsicht der Methode, mit einem Wort die Gründlichkeit, ist das Moralgesetz der Wissenschaft, das ihr das Recht des Daseins gibt. Wer mit leichtsinnigen Hypothesen, mit raschem Phantasieflug, mit Nachgiebigkeit gegen die Interessen des Tages und die momentanen Gefühlsstimmungen den bedächtigen Schritt der Forschung glaubt beschleunigen zu können, der versündigt sich an der Wissenschaft und damit an der Kultur. Man muß daher das scheinbar Selbstverständliche immer wieder betonen: Nicht die Lebhaftigkeit des Gefühls, sondern die Zucht des Gedankens, die Schulung des Verstandes ist das Grundelement der Kultur, ist die Grundbedingung, ohne welche wir dem Verfall entgegeneilen würden. Noch hat es bisher als die höchste Auszeichnung und der Stolz der deutschen Wissenschaft gegolten, daß sie lediglich Selbstzweck ist und daß sie gründlich ist. Hoffentlich wird sie sich diese Würde nie rauben lassen. Man ruft ihr freilich entgegen:

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.«

Unglücklicher kann man aber nicht zitieren. Denn dies sagt bekanntlich Mephisto, der Lügengeist, um den unschuldigen Schüler irre zu machen an der Möglichkeit und Aufgabe der Erkenntnis, nachdem er vorher sein Programm in den Worten entwickelt hat:

»Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft, ...
So hab ich dich schon unbedingt.«

Und was ist denn nun diese angeblich so gefährliche, verknöchernde, das freie, frische Leben ruinierende, den Volksgeist zersetzende Theorie? Goethe, der zwar ein Gelehrter, aber doch wohl kein verknöcherter und verknöchernder, nicht einmal ein bebrillter war, sagt in seinen Sprüchen: »Das Höchste wäre, zu erkennen, daß alles Faktische schon Theorie ist.« Ein tiefsinniges Wort. Der Gegensatz von Wirklichkeit und Theorie besteht nur der unvollständigen, mangelhaften, nicht aber der vollkommenen Theorie gegenüber; denn diese ist sich des Ideals bewußt, dem sie zustrebt, und der allgemeinen Kulturbedingungen, unter denen sie steht.

Eine solche Theorie hütet sich, ihre Grenzen zu überschreiten. Sie weiß, daß »Wirklichkeit« nicht ein so einfaches Ding ist, wie das Wort im gewöhnlichen Leben bezeichnet. Bedeutet Wirklichkeit dasjenige, was bestimmten Gesetzen unterliegt, sei es nun der Kausalzusammenhang der Natur, sei es die sittliche Ordnung des Gesellschaftslebens, so ist allerdings alles Faktische schon Theorie; denn Gesetzlichkeit ist nur auf eine Weise darstellbar, nämlich durch Begriffe, und was in Begriffen dargestellt ist, wird erkannt und heißt Theorie. Nur darf man diese Theorie nicht verwechseln mit den subjektiven Aufstellungen eines beliebigen Theoretikers; sie bedeutet vielmehr die Wirklichkeit selbst in der Form des Gesetzes, d. h. das, was allen subjektiven Neigungen und Gelüsten enthoben den Charakter der objektiven Realität trägt. Und insofern ist es das Höchste, zu erkennen, daß alles Wirkliche schon Theorie ist. Eine solche Theorie hat aber damit ihr Gebiet begrenzt, denn sie hat die Wirklichkeit beschränkt auf das Gesetz. Sie hat damit das Leben zugleich befreit von jedem Übergriffe der Theorie. Denn es bleibt noch im Leben jene subjektive Realität, das Erlebnis selbst, sofern es noch nicht erkannt, noch nicht im Rahmen des Gesetzes zum Objekt gemacht ist. Und diesem subjektiven Elemente, das im Gefühle sein unfaßbares, aber ursprüngliches Dasein führt, ist die Schranke der Theorie nicht auferlegt. Im Innern der lebendigen Menschenseele flutet es mit dem warmen Lebensatem göttlicher Freiheit. Nur soll man dieses Leben, die subjektive Realität, nicht Wirklichkeit nennen im Sinne jener objektiven Gestaltung, zu der es sich erst herausarbeitet im Gesetze; und man soll nicht vergessen, daß wir wohl jeder unser eigenes Leben »unverknöchert« von jeder Theorie leben und uns auf seinem goldenen Baum so grün fühlen können, wie wir wollen; daß wir aber nicht den Anspruch machen dürfen, mit diesen subjektiven Einfällen im gemeinsamen Kulturleben der Menschheit wirken zu wollen.

Was das Gefühl auszeichnet, ist sein subjektiver Charakter. Daher kann aus ihm nur verständlich werden, wie die Einheit des Individuums sich behauptet, nicht aber der Zusammenhang dieser Individuen. Denn ein solcher Zusammenhang bedeutet eben, daß neben der subjektiven Einheit ein objektives Prinzip vorliegt. Die Gesamtentwicklung der Kultur läßt sich nicht aus dem Gefühl ableiten, sondern nur aus der Idee einer Gesetzlichkeit, unter welcher alle Richtungen des Bewußtseins zusammenwirken, aus der Idee eines Zweckes. Ein Zweck aber kann immer nur objektiv bestimmt sein, denn er setzt den Begriff des Zieles voraus, dessen Verwirklichung erreicht werden soll. Dadurch eben unterscheidet sich die Kultur als eine Aufgabe sich selbst bestimmender Persönlichkeiten von dem gefühlsmäßigen Triebleben, aus welchem sie sich herausarbeitet, und daher betonen wir, daß wir in der Kultur zwar überall auf Gefühle stoßen, die da treiben, uns aber nicht treiben sollen. In der Kultur erweist sich die Menschheit als eine Einheit, die nicht mehr bloß nach der Befriedigung subjektiver Gefühle strebt, sondern sich eine objektive Bestimmung setzt, d. h. sich dem Gedanken einer Gesetzlichkeit unterordnet. Diese Gesetzlichkeit aber darf nicht eine solche bedeuten, die dem Menschen durch irgend einen Zwang auferlegt ist, sondern sie ist die innere Gesetzlichkeit, die mit dem Wesen des Menschen gegeben ist und die Bedingung dafür enthält, daß sich die Menschheit die Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen selbst zum Zweck setzt. Diese Bedingung, daß eine solche Aufgabe überhaupt möglich ist, nennt man Vernunft. Man kann daher in einer kurzen Formel die Kultur bezeichnen als die Selbstbestimmung des Menschen durch Vernunft.

Hierin liegt zunächst, daß die Kultur niemals etwas Abgeschlossenes ist, sondern selbst eine Entwickelung darstellt, in der durch die Selbstbestimmung der Vernunft immer neue Aufgaben gestellt werden. Und es sind darin die beiden charakteristischen Momente der Kultur ausgedrückt, dasjenige der Notwendigkeit und dasjenige der Freiheit. Vernunft bedeutet nichts anderes, als die gesamte Grundgesetzlichkeit des Bewußtseins überhaupt, auf der alle theoretische, ethische und ästhetische Betätigung beruht. Sie umfaßt ebensowohl das Verstandesgesetz, das die Erkenntnis der Natur bedingt, als die Idee der Freiheit, unter welcher der Wille sich dem Sittengesetz beugt, als auch die Idee der Zweckmäßigkeit, unter der alles praktische Können und alles ästhetische Schaffen steht; sie bezeichnet zugleich die Einheit aller dieser Kulturrichtungen im Wesen der Persönlichkeit, wie sie dem einzelnen im religiösen Gefühl, im Verhältnis seines Ich zur allumfassenden Einheit Gottes zum Bewußtsein kommt. In diesem Sinne ist Kultur Entwicklung des Menschen unter Vernunftgesetzen. Der Mensch aber ist Selbstzweck und darf nie bloß als Mittel gebraucht werden. Daher ist eine Bestimmung des Menschen, durch welche seine Würde als Selbstzweck nicht angetastet werden soll, nur denkbar als freie Selbstbestimmung und Vernunft in ihrem umfassenden Sinne bedeutet die einzige und oberste Instanz, an der überhaupt die Dinge geprüft werden können.

Wer diesen Fortschritt der Kultur als Aufgabe der Menschheit anerkennt, muß auch zugeben, daß das Gefühl als Kulturmittel nicht wirken kann. Denn die Vernunft kann kein anderes Gesetz über sich haben. Hier aber liegt die Gefahr, daß die einseitige Betonung des Gefühls die Neigung erweckt, dieses dem objektiven Gesetz überzuordnen. Das ist gerade, was der Schwärmer will. Er will das Gefühl, den Ausdruck der subjektiven Bestimmung, über die Vernunft setzen, oder richtiger – er will überhaupt keine Gesetzlichkeit als höchste Instanz zulassen, diese soll vielmehr das Gefühl sein. Insofern der Gefühlsenthusiast die Vernunft als Macht anerkennt, verlangt er den gesetzlosen Gebrauch der Vernunft. Alsdann ist die Vernunft nicht mehr autonom, ihr Begriff wird aufgehoben. Die vollständige Anarchie, die Willkür des subjektiven Gefühls, tritt an ihre Stelle. Die verhängnisvollen Folgen, die Kulturwidrigkeit solcher Gefühlsherrschaft, sind oben gekennzeichnet worden. Die Berufung auf das Gefühl endet im besten Fall im subjektiven Genügen; sobald die harte Arbeit der Wirklichkeit angegriffen werden soll, findet sich das Gefühl ohne den Leitfaden der Vernunft überall in Widersprüche verwickelt, weil es die Dinge nirgends in ihrem objektiven, gesetzlichen Zusammenhang erfaßt, sondern stets nur in ihrer Beziehung zu der subjektiven Geistesrichtung. Kultur aber ist Arbeit, intellektuelle, moralische, ästhetische Arbeit. Wollte man einen der modernen Schwärmer auf eine seiner Klagen festnageln, daß er einen positiven Vorschlag mache, wie die Dinge besser werden sollen, so würde sich in jedem Falle herausstellen, daß er entweder keinen Vorschlag hat, oder daß er ihn den Vernunftgesetzen entlehnt, oder endlich, wenn er ihn wirklich aus dem Gefühle schöpft, daß es dann vielleicht scheinbar besser für ihn, für die Allgemeinheit und demnach schließlich auch für den einzelnen schlimmer werden würde. Ein Gegner der Vivisektion oder der Impfung würde sich vielleicht sehr wohl fühlen, wenn er diese Operationen verbieten könnte, aber die Menschheit würde in ihrem Gesundheitszustande leiden; wenn der Quietismus allgemeines Gesetz würde, wäre es mit der Kultur zu Ende; und so weiter!

Wenn wir nun auch überall auf die Spuren des Gefühls stoßen, so wollen wir doch nie vergessen, daß sie für unsere Handlungen keine Wegweiser sein dürfen. Freilich bleibt das Gefühl das allein Wertbestimmende und in sofern eine ursprüngliche Kulturbedingung; aber als Kulturmittel weisen wir es zurück. Es besitzt eine allgemeine Bedeutung dadurch, daß eine Übereinstimmung der Individuen in ihren Gefühlen bis zu einem gewissen Grade tatsächlich besteht. Weil aber der Grad dieser Übereinstimmung sich nicht erkennen und gesetzlich begründen läßt, so kann er uns nicht zur Richtschnur dienen. Vielmehr ist es gerade der allgemeine Einfluß des Gefühls, der die Unbestimmtheit und die unerklärlichen Schwankungen in der Richtung der Kulturentwicklung hervorruft. Das Gefühl ist dasjenige in der Kultur, was innerhalb ihrer Arbeit ohne Rücksicht auf das Vernunftgesetz das jedesmalige Bedürfnis bestimmt, die momentane Richtung, nach welcher die Kulturarbeit sich wendet, endlich die wechselnde Anordnung der Ergebnisse dieser Arbeit, die Beachtung, die Darstellung, die sie finden. Diese Wirkung des Gefühls dürfte man wohl als den Stil der Kultur bezeichnen. Dieselbe Gedankenentwicklung mit denselben Resultaten kann von zwei verschiedenen Autoren in ganz verschiedener Weise geführt werden; aber man wird darum diesen ihren Stil nicht als das Maßgebende für das Arbeitsresultat halten. Das Gefühl wählt nur von den vielerlei Wegen, die zum Ziele der Kultur führen, einzelne aus, aber es bestimmt nicht das Ziel. Der Kunststil sucht den Ausdruck der Idee des Schönen, aber schafft dafür wesentlich abweichende Formen. Die verschiedenen Formen der Gottesverehrung können aufgefaßt werden als verschiedene Stilarten, in denen im Grunde die gleiche religiöse Idee nur zu verschiedenem Ausdruck gelangt. Selbst die abstraktesten Wissenschaften, die reinen Theorien, haben ihren Stil. Der Inhalt der mathematischen Lehrsätze bleibt offenbar, so lange sie bekannt sind, derselbe; aber die Art der Beweise, die systematische Anordnung, die Methode ihrer Gewinnung wechselt; hierin liegt ein individueller Zug, der innerhalb der Grenzen derselben Gesetzlichkeit eine gewisse Freiheit gestattet. Was diese Richtung bestimmt, nur das wird man dem Gefühl zuschreiben dürfen. Selbst von der Physik, die sich seit dem 17. Jahrhundert die Darstellung der Bewegungsgesetze zur Aufgabe gemacht hat, mag dies gelten. Wenn man bisher die Bewegung der Massen selbst, oder anziehende und abstoßende Kräfte zugrunde legte, so strebt man jetzt nach Darstellungen, die auf dem Übergang der Energie basieren; der Stil ist ein anderer in der Forschung von Huygens, Newton, Lagrange als in der von Helmholtz, Thomson, Ostwald; aber die Absicht und der Inhalt der Wissenschaft ist seit Galilei derselbe, nämlich die gesetzliche Festlegung der in der Natur stattfindenden Veränderungen.

Es scheint freilich, als ob in ethischen Fragen das Gefühl nicht bloß den Weg, sondern auch das Ziel bestimme, wenn man an die Wirkung des Humanitätsgefühls denkt in Bezug auf die Sklaverei, die Art der Kriegführung, das Strafrecht. Dennoch würde auch hier der mächtige Trieb des Gefühls nur zu unbestimmter Schwärmerei, nicht aber zu einer Kulturwirkung gelangen, wenn nicht die objektive Macht der Vernunft das Ziel in der Erkenntnis setzte, daß der Mensch Selbstzweck ist. Und wie steht es mit den großen Fragen der Vernunft nach der Seele und ihrer Unsterblichkeit, nach dem Willen und seiner Freiheit, nach Gott und seinen Prädikaten? Die Erörterung dieser Begriffe ist in der Menschheit unausrottbar, ihr Gebrauch ist von der einschneidendsten Kulturbedeutung. Erfahrung, die sonst das Kriterium der Wahrheit ist, gibt es hier nicht; denn jene Begriffe übersteigen alle Anschauung und Erfahrung. Da wäre nun wohl die rechte Stelle, wo das Gefühl das letzte Wort zu sprechen hätte?

Auch dies weisen wir prinzipiell ab und schränken das Recht des Gefühls auf einen einzigen Punkt ein, auf das rein Individuelle. Soweit diese Fragen jeder einzelne für sich, in seinem Erlebnis, in seinem subjektiven Glauben oder in seiner Phantasie als Dichter behandelt und gestaltet, da wird und darf er lediglich seinem Gefühl sich überlassen. Sobald aber diese Fragen Gegenstände des allgemeinen Interesses, der Philosophie, der Rechtswissenschaft, der Theologie werden, sobald der Anspruch erhoben wird, daß sie zur Begründung einer Weltanschauung der Gesellschaft dienen, da wieder muß das Gefühl schweigen, und nur die Vernunft und ihre Gesetzlichkeit darf sprechen. Denn auch hier würde das Gefühl als subjektiv nur Verwirrung anrichten. Je nach der individuellen Neigung wird es in der Seelenfrage zu Mystizismus und Aberglauben, in der sozialen Gemeinschaft zur Willkür oder Anarchie, in der Theologie zum Unglauben oder zum Glaubenszwang führen. Auch hier ist es nur die Vernunft, die entscheiden darf, und über der keine höhere Instanz stehen kann.

Es bleibt also nur das eine, was aus der reinen Subjektivität des Gefühls fließt. Seine unersetzliche Geltung beruht in der unmittelbaren Gewißheit, die es dem einzelnen verleiht. Unser Gefühl kann uns niemand abstreiten. Nun läge freilich der Schluß nahe: Im Gefühl besitzen wir Wahrheit von unbedingter Gültigkeit. Was bedürfen wir noch der mühseligen Grübelei nach Begriffen, der künstlichen Abstraktion, der trockenen Arbeit, die ja so oft doch bloß zum Irrtum führt? Philosophieren wir lieber aus Gefühlen, hier haben wir ja das Leben selbst, hier die tiefste Realität, hier kann uns niemand widerlegen! Nur leider, wir können auch niemand etwas beweisen! Der Versuch, aus Gefühlen zu philosophieren, wäre der Tod der Wissenschaft. »Wissen« heißt, etwas für wahr halten aus zureichenden objektiven Gründen, »glauben« etwas für wahr halten aus zureichenden subjektiven Gründen; wenn die Gründe nicht zureichen, so kann man immer noch etwas für wahr halten, das nennt man »meinen«. Wer aber aus Gefühlen Geheimnisse ergründen will, der beruft sich auf eine vierte Art des »Fürwahr-haltens«, nämlich auf das »Ahnen«. Das ist kein Erkennen, das ist Mystik. Man »ahnt« z. B. in der Natur geheime Kräfte, hinter der sinnlichen Welt eine übersinnliche und dergl. Wenn dieses Ahnen eine höhere Gewißheit bedeuten soll, als bloßes Meinen, so ist das sinnlos. Denn niemand kann doch etwas ahnen, wovon er nicht schon eine Anschauung gehabt hat; vom Übersinnlichen aber kann man keine Anschauung haben. Also wer »ahnt«, der »meint« nur, im besten Fall »glaubt« er.

Die Berufung auf das Gefühl als das Kennzeichen unmittelbarer Gewißheit tritt nur dort in ihr Recht, wo es sich darum handelt, in, die Einheit des Individuums die Überzeugung von der Einheit der Vernunft aufzunehmen, d. h. die Grundlage zu sichern für die Entwicklung der Persönlichkeit (vgl. Abschn. XII). Diese Berufung ist unvermeidlich und notwendig, weil ohne sie überhaupt die Realität der eigenen Existenz, der Welt und der Kultur in Frage stände. Im Gefühl ist der Glaube an die Realität der Vernunft gegeben, der Glaube an Gott als die allumfassende Einheit, wodurch Vernunft, d. h. Natur, Freiheit und Zweckmäßigkeit allein möglich sind. Ohne den Glauben an diese Einheit würde alle Erkenntnis in der Luft der bloßen Vermutung schweben, denn er bezieht sich auf die ursprüngliche Tatsache, durch die allein objektive Realität alles Daseins garantiert ist. Die Existenz einer Vernunfteinheit von absoluter Realität muß gewiß sein, sonst hebt sich das Dasein selbst auf. Und diese Gewißheit gibt uns das religiöse Gefühl. Dieses ist die zentrale Einheit, auf der sich die Persönlichkeit als das Wesen erhebt, worin die Vernunft als Kulturarbeit sich vollzieht. Damit aber muß auch die Rolle des Gefühls für diese Kulturarbeit ausgespielt sein. Es sichert die Ausgestaltung des Persönlichen; zwischen den Persönlichkeiten aber können nur objektive Vernunftgesetze vermitteln; ist einmal durch das Gefühl die Vernunft als das höchste Gesetz gewährleistet, so kann diese allein nunmehr bestimmend sein für die Entwicklung der Kultur. Und diese erfordert die ehrliche Abgrenzung der Gebiete; denn nur hierdurch ist beides möglich; ein ehrlicher Glaube und eine ehrliche Wissenschaft.

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