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Wirklichkeiten

Kurd Laßwitz: Wirklichkeiten - Kapitel 11
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authorKurd Laßwitz
titleWirklichkeiten
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
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IX.

Das Gesetz der Schwelle

Wenn alles Psychische mit in den Naturzusammenhang eingerechnet wird, so darf man verlangen, daß die Eigentümlichkeiten, die der individuelle Geist zeigt, näher verständlich gemacht werden. Warum erlebt sich das Ich als eine so unbestimmte und schwankende Einheit, wie ich sie an mir, dem gebrechlichen, vergänglichen, irrenden Menschen kenne? Wenn das psychische Erlebnis eine Einheit gleicher Art ist, wie das physische Gesetz, gewissermaßen nur von innen, in sich selber gesehen, warum erlebe ich nicht die gesamte Natur, wie sie ist? Es soll ja der wirkliche Mond sein, den ich in mein Ich mit aufnehme, wenn ich ihn sehe; so muß das ganze Weltall in mir enthalten sein, seine Gesetze müssen sich mir klar enthüllen, in mir alles, leben und weben, durchschauen müßt' ich mit einem Blicke das Weltgeheimnis! Die Natur ist doch ein einziger gesetzmäßiger Zusammenhang; aber ich merke nichts davon. Die Bewegung der Luft ist bedingt durch die gesetzmäßigen Beziehungen von Sonne und Erde, Wasser und Land, aber der Schiffer auf sturmbewegtem Meere weiß nichts von dieser notwendigen Bestimmung, ungewiß bleibt ihm der Ausgang des Unwetters und die glückliche Rettung im Hafen. Bewegungen der Körper, Wellen des Schalls und Lichts treffen fortwährend meinen Leib, aber ich merke nichts davon, und doch sind sie vorhanden. Der Physiker bestimmt Bruchteile von Milligrammen mit Genauigkeit, aber ob du 100 oder 110 Gramm auf meine Hand legst, das kann ich am Gewicht nicht unterscheiden. Die Welt geht ihren Gang, aber ich schlafe oder ich sterbe und weiß nichts davon. Die physische Einheit bleibt bestehen, die psychische nicht. Erkläre mir diese Beziehung des individuellen Ich zur Natur!

Und weiter, wenn sich mein individuelles Bewußtsein in Abhängigkeit von der Natur befindet, wie soll ich es verstehen, daß die kritische Auffassung nun dem persönlichen Bewußtsein doch einen Rang über der Natur zugesteht? Soll es denn außer meinem individuellen Bewußtsein noch ein anderes Bewußtsein in mir geben, das von der Natur abhängig ist? Dann würde ja alles, was wir eben als gesetzmäßig anerkannt haben, wieder aufgehoben, die vollständige Anarchie würde in meinem Ich erklärt werden, ich könnte nach Belieben das Naturgesetz oder eine übernatürliche Gewalt in mir annehmen. Mein individuelles Ich, sagt der kritische Philosoph, soll Natur sein; darüber aber soll meine freie, sich selbstbestimmende Persönlichkeit stehen. Was soll das für einen Sinn haben? Wo ist denn diese Persönlichkeit, wenn sie nicht eben mein individuelles Ich ist? Was soll ich mir unter Persönlichkeit denken? Erkläre mir diese Beziehung des individuellen Bewußtseins zum persönlichen!

Innerhalb der Naturwissenschaft gibt es nicht Persönlichkeiten, sondern nur Individuen. Der Naturforscher hat daher mit dieser Frage gar nichts zu tun; erst insofern er die Frage aufwirft, wie die Naturwissenschaft sich zur Ethik, Ästhetik und Religion zu stellen hat, tritt der Begriff des Persönlichen auf. Und diesen Begriff der Persönlichkeit, oder, wenn man lieber will, des Vernunftgesetzes, klarzulegen gegenüber dem Naturgesetz, das in ihm enthalten ist, das eben ist die Aufgabe der Kritik der Erkenntnis.

Wahrlich der schwierigsten Aufgabe eine, wohl die schwierigste von allen. Nicht nur darum, weil der Gegenstand selbst als Problem so schwer der Lösung entgegen zu führen ist. Auch wenn man sich als Philosoph so gut wie möglich Rechenschaft über die Sachlage gegeben hat, so steht man vor der Forderung, diese Gedanken allgemeinverständlich auszudrücken, fast so ratlos wie der Mathematiker, wenn man verlangt, daß er den Inhalt seiner Formeln in gewöhnlicher Sprache darlege. Die Sprache entnimmt ihre Bezeichnungen der Anschauung, und wenn sie ihnen auch zur Benennung des Abstrakten einen übertragenen Sinn beilegt, so bleiben doch für das Sprachgefühl immer ursprüngliche Elemente darin, welche die Gedanken mißverstehen lassen. Und nicht selten fehlt überhaupt ein taugliches Wort. Es mag ja wahr sein, daß manchmal, wo Begriffe fehlen, zur rechten Zeit ein Wort sich einstellt; meistens ist es aber in der Philosophie umgekehrt; die Begriffe sind da, nur das Wort will sich nicht einstellen, das sie knapp und unzweideutig bezeichnet.

So fehlt uns in der gebräuchlichen Sprache ein Wort zur gemeinsamen Bezeichnung des Physischen und Psychischen. Wir nannten beide Bewußtseinsinhalt; wir könnten sie auch Erscheinungen oder Phänomene nennen. Aber diese Ausdrücke werden stets der Mißdeutung unterliegen. Bei Bewußtseinsinhalt ist man immer geneigt, an etwas Subjektives zu denken, an den Inhalt eines individuellen Bewußtseins. Es sieht dann aus, als wollten wir das Physische zu etwas Psychischen machen, während wir doch gerade sagen wollen, daß beide denselben Inhalt bedeuten, nur unterschieden nach der Art, wie er je nach seiner Gruppierung als Einheit auftritt. Sagt man aber Erscheinung oder übersetzt man das Wort ins Griechische mit Phänomenon, so bleibt diese Terminologie Kants, wie sehr man sich auch dagegen verwahren mag, immer der Mißdeutung unterworfen, als wolle man von einem bloßen »Schein« sprechen, als wäre die Erscheinung nicht das wirklich Gegebene, eben das, was da ist, sondern eine Täuschung, eine Illusion. Und hat man dies glücklich dargelegt, daß Erscheinungen nicht scheinbare, sondern tatsächliche Erfahrungen bezeichnen sollen, so wird damit wieder die hartnäckige Behauptung erweckt, den Erscheinungen müsse doch auch etwas zugrunde liegen, das in ihnen erscheint. Das meinen wir aber eben nicht, wie oben dargelegt, daß Physisches und Psychisches Erscheinungsformen eines unbekannten Dritten seien, sondern sie sind das Wirkliche in Raum und Zeit selbst. Also vermeiden wir auch diesen Ausdruck und versuchen mit dem einfachen Worte »Inhalt« auszukommen.

Alles, was ein Individuum vom andern unterscheidet, ist nur sein Inhalt. Der Bettler und der König, der Dummkopf und das Genie, der Ungebildete und der Gelehrte, desgleichen irgend zwei beliebige Menschen, Peter und Paul, sind nur darum nicht dasselbe, weil in ihrem Ich ein sehr verschiedenartiger Inhalt zu einer Einheit verbunden ist. Aber nicht die Eigenschaft, ein Ich zu sein, trennt die Individuen, sie ist vielmehr gerade das, was allen gemeinsam ist; der Bettler wie der König, Peter wie Paul, wissen und fühlen sich als ein Ich. Daß sie trotzdem nicht dasselbe Ich sind, wird dadurch bedingt, daß jedem ein andrer räumlich-zeitlicher Inhalt zukommt. Der eine findet sich im Schmutz der Straße, notdürftig gelingt es ihm, die Wechselbeziehungen aufrecht zu erhalten, die seine Existenz ermöglichen, eng und klein ist der Kreis, der sein Leben ausfüllt; der andre findet sich in der Pracht des Palastes, die Fülle des Inhalts drängt sich ihm entgegen, weit und groß erstrecken sich die Wirkungen, wenn Veränderungen an seinem Bewußtseinsinhalt sich vollziehen. Dies sind extreme Beispiele der Verschiedenheit des Inhalts zweier Individuen. Nun ist aber allen Menschen gemeinsam, daß zum Inhalt ihres Ich jene räumliche Konfiguration von Beziehungen gehört, die wir unsere leibliche Organisation nennen, und daß alles, was Inhalt unseres Ich werden soll, die Bedingung erfüllen muß, mit diesem Leibe, und zwar mit dessen Zentralnervensystem, in Verbindung zu treten. Diese Organisation, deren Entwicklung wir zurückverfolgen können bis zu den einfachsten Systemen der Zelle und des Protoplasmas, stellt die Einheit jenes Systems dar, das wir erleben; und die Gesamtheit des Inhalts, der mit diesem unserm Nervensystem in eine Beziehung tritt, so daß es seinen Zustand verändert, ist unser Erlebnis und heißt, als die sich erlebende Einheit gedacht, unser individueller Geist. Dieses Ich, das also nichts ist als ein Zusammenschluß von räumlich-zeitlichen Bestimmungen zu einem Inhalte, ist ein Teil der Natur, in welchem die Natur sich selbst erlebt. Aber eben nur ein Teil! Damit beantworten wir die Frage, warum wir nicht die Natur als das gesetzmäßige System physischer Veränderungen, sondern als die schwankende psychische Erscheinung erleben – wir sind als Individuen ein solcher Teil der Natur, daß nur ganz bestimmte, ausgewählte Veränderungen unsern Inhalt abzuändern vermögen.

Eine Einwirkung auf das Nervensystem, also einen Energieaustausch zwischen einer Nervenendigung und der Umgebung, nennt man bekanntlich einen Reiz. Man unterscheidet äußere und innere Reize, je nachdem sie durch äußere Wirkung auf ein Sinnesorgan gegeben werden, oder durch Beeinflussung von seiten der Prozesse, die im Innern des Organismus vor sich gehen. Wir werden im folgenden nur von äußeren Reizen handeln und daher unter Reiz schlechthin stets einen äußeren Reiz verstehen. Ein solcher besitzt immer eine bestimmte Größe, die durch die Mittel der Naturwissenschaft meßbar ist. Wir können den Druck eines Gewichts auf unsere Haut, die Wärme eines uns berührenden Gegenstandes, den Verdünnungsgrad einer geschmeckten Salzlösung u. s. w. mit Genauigkeit messen, also objektiv bestimmen. Zugleich aber können wir einen solchen Reiz danach beurteilen, wie er unmittelbar, abgesehen von seiner objektiven Bestimmbarkeit, von uns wahrgenommen wird, wie wir subjektiv den Druck oder die Temperatur empfinden, die gelöste Substanz schmecken. Und dann zeigt sich die eigentümliche Tatsache, daß diese subjektive Beurteilung nur in sehr unbestimmter Weise eine Schätzung der Größe des Reizes ergibt. Hierin haben wir also einen der Beobachtung und Vergleichung zugänglichen Unterschied zwischen dem objektiven Energieaustausch und der subjektiven Empfindung. Man nennt diese Tatsache, die insbesondere durch G. Th. Fechner auf einen wissenschaftlichen Ausdruck gebracht worden ist, das »Gesetz der Schwelle«. Es muß nämlich der Reiz eine bestimmte Größe erreichen, um subjektiv wahrgenommen zu werden, d. h. die Schwelle des Bewußtseins zu überschreiten.

Es ist jedermann bekannt, daß man es nicht bemerkt, wenn sich ein Blütenblatt leise auf unser Haupt senkt, wohl aber, wenn ein Apfel darauf fällt. Man hört in einiger Entfernung ein herabfallendes Körnchen nicht, dagegen vernimmt man ein deutliches Geräusch, wenn man hundert oder tausend Körner ausschüttet. Einen hellen Körper sieht man nicht mehr, wenn man ihn weiter und weiter vom Auge entfernt, sobald der Gesichtswinkel unter eine Bogenminute herabsinkt, oder wenn der Beleuchtungsunterschied gegenüber der Umgebung zu schwach wird, ohne deshalb aufgehoben zu sein. Ein Gramm Zucker auf ein Liter Wasser wird nicht mehr geschmeckt, und man braucht die schärfste Säure nur genügend zu verdünnen, um sie für die Zunge unmerklich zu machen, während sie chemisch sehr wohl nachweisbar ist. Dasselbe gilt von Gerüchen. Auch ein galvanischer Strom, den wir durch unsern Körper senden, ist bereits objektiv meßbar, ehe wir ihn direkt wahrnehmen. In allen diesen Fällen zeigt es sich, daß fortwährend Reize unsern Körper und unsere Nervenendigungen treffen, ohne daß ihnen ein mit Bewußtsein verbundener Prozeß entspricht, daß aber diese selben Reize, ohne daß sich an ihrer Natur etwas ändert, bei genügender Verstärkung uns als Empfindungen bewußt werden. Diese Empfindungen nehmen auch ihrerseits an Intensität zu, wenn die Reize verstärkt werden, und werden bei fortgesetzter Steigerung schmerzhaft. So lange nun die Reize noch nicht als Empfindungen bemerklich sind, sagt man, sie befinden sich unter der Reizschwelle; man sagt, sie erreichen die Schwelle, wenn sie die Grenze der Merklichkeit eben gewinnen; sie sind über der Schwelle, so lange sie mit Bewußtsein verbunden sind. Eine obere Schwelle, die man Reizhöhe nennt, wird gewonnen, wenn eine weitere Steigerung des Reizes, wie z. B. ein übergrelles Licht, keine Steigerung der Empfindung mehr zur Folge hat; hier ist gewöhnlich auch die Grenze für die Leistungsfähigkeit der Organe erreicht, deren Überschreitung ihre vorübergehende oder dauernde Zerstörung bewirken würde.

Die Größe jener Schwelle, mit welcher die Ebenmerklichkeit der Reize beginnt, ist für die verschiedenen Sinnesorgane sehr verschieden und nicht nur von der Art der Reize, sondern auch von der individuellen Disposition des Beobachters abhängig. Die Zahlen, die sich für diese Reizschwelle ermitteln lassen, haben daher nur den Wert, von Annäherungen, die aus zahlreichen Beobachtungen gewonnen sind. Das Minimalgewicht, dessen Druck wir auf der Oberfläche des Körpers gerade noch verspüren, wechselt nach der Stelle der Haut, die gereizt wird. Auf der Stirn vermag man allenfalls noch einen Druck von zwei Milligramm als Berührung wahrzunehmen, während auf den Fingernägeln die Reizschwelle bis auf ein Gramm steigt. Damit eine Drehung des Armes im Gelenk, die bei geschlossenen Augen passiv, d. h. durch einen andern, an uns ausgeführt wird, noch eben merklich werde, muß sie den dritten Teil eines Grades überschreiten. Bei manchen Geruchsstoffen liegt die Reizschwelle außerordentlich niedrig; so wird von dem sehr übel riechenden Mercaptan schon der 460 millionste Teil eines Milligramms in einem Liter Luft wahrgenommen. Zuckerlösung wird als eben merklich geschmeckt bei einem Gehalt von 1 auf 83 Teile, Saccharin schon bei 1 auf 200 000, Strychnin sogar schon bei 1 auf 2 Millionen. Bei Organen, die, wie die Netzhaut inbezug auf Licht und die Haut inbezug auf Wärme, niemals ganz frei von inneren Reizen (schon durch die Blutzirkulation) sind, läßt sich eine solche untere Reizschwelle nicht gut angeben. Hier kommt wesentlich die zweite Art von Ebenmerklichkeit des Reizes in Betracht, die man die Unterschiedsreizschwelle nennt.

Es bleibt nämlich ein Reiz nicht bloß dann unmerklich, wenn er für sich zu klein ist, sondern auch dann, wenn er zwar diese untere Reizschwelle übersteigt, aber zu einem andern, schon vorhandenen Reize hinzutritt, dem gegenüber er relativ zu schwach ist. Wenn man ein Gewicht von 10 Gramm hebt, so merkt man es; aber man hebe ein Pfund gleich 500 Gramm, und dann 510 Gramm, und man merkt keinen Unterschied. Das Gewicht von 10 Gramm verschwindet für die Empfindung gegenüber dem von 500 Gramm. Wir hören in der Stille der Nacht das Ticken der Taschenuhr, den entfernten Schritt eines Vorübergehenden – im allgemeinen Geräusch des Tages entgehen diese Töne unserm Ohr, sie verschwinden gegenüber dem stärkern Lärm. Die Sterne sehen wir nur am Nachthimmel, sie erblassen in der Dämmerung; doch scheinen sie auch bei Tage, wie wir uns mit genügend starkem Fernrohr überzeugen können: indessen mit bloßem Auge erblicken wir sie nicht.

Man versteht nun unter »Unterschiedsschwelle« das Verhältnis, in welchem man einen vorhandenen Reiz vergrößern muß, um den hinzugetretenen Zuwachs überhaupt wahrzunehmen. Die Größe dieser Vermehrung ist nämlich abhängig von der Größe des bereits vorhandenen Reizes; d.h. man muß den Zuwachs zu einem Reize um so größer wählen, je größer dieser Reiz selbst ist. Es gilt dabei im allgemeinen die Regel, daß das Verhältnis, in welchem man einen Reiz wachsen lassen muß, damit die Zunahme merklich wird, für dasselbe Sinnesgebiet sich nicht ändert, auch wenn der vorhandene Reiz verschiedene Größen hat. Man muß z.B., damit die Zunahme des Drucks, den ein Gewicht auf unsere ruhende Handfläche ausübt, merklich wird, zu 30 Gramm 10 Gramm zulegen, zu 60 Gramm aber 20 Gramm, zu 300 Gramm 100 Gramm, d.h. der Zuwachs des Reizes muß hier zum vorhandenen Reiz stets im Verhältnis von 1:3 stehen (Webersches Gesetz). Die Unterschiedsschwelle beträgt hier ein Drittel. Schätzt man das Gewicht, indem man es mit der Hand aufhebt, so beträgt die Unterschiedsschwelle für die Muskelempfindung bedeutend weniger, ungefähr ein Vierzigstel; d.h. man kann gerade noch durch Heben 40 und 41 Gramm unterscheiden, aber nicht mehr 80 und 81, sondern dann muß man schon bis 82 Gramm, und bei 400 Gramm bis 410 Gramm gehen, um einen Unterschied eben noch empfinden zu können. Die Stärke des Lichts muß um etwa 1 Prozent, die des Schalls um etwa 30 Prozent der vorhandenen Licht-, bezw. Schallstärke wachsen, um als Vermehrung des Eindrucks wahrgenommen zu werden.

Durch das Gesetz der Schwelle ist also folgende Eigentümlichkeit ausgesprochen. Vermehrt man einen Reiz allmählich, so vermehrt man zunächst nicht die unmittelbare Empfindung; erst wenn die Vermehrung eine gewisse Größe erreicht hat, wird die Empfindung merklich stärker. Diese subjektive Empfindung – wir wollen sie die psychologische nennen – enthält also stets eine Unbestimmtheit, sie gestattet uns nicht, der zusammenhängenden objektiven Veränderung der Reize mit derselben Sicherheit zu folgen, wie dies durch die wissenschaftliche Messung möglich ist. Es finden fortwährend Einwirkungen auf unser Nervensystem statt, von denen wir direkt nichts merken, weil sie unter der Schwelle bleiben; trotzdem sind diese Einwirkungen vorhanden, sie gehen auch für unser Nervensystem nicht verloren, sondern sie können sich gegenseitig verstärken und dann gelegentlich über die Schwelle des Bewußtseins treten. Wenn diese untermerklichen Reize auch nicht unmittelbar bewußt sind, so besitzen sie doch einen indirekten Einfluß auf unser psychisches Leben. Man hat daher das Wort Empfindung über seine rein psychologische Bedeutung als Zeichen des Reizes ausgedehnt und spricht auch inbezug auf die unter der Schwelle bleibenden Reize von Empfindungen, die dann »unbewußte«, »kleine«, »unmerkliche« oder »untermerkliche« Empfindungen heißen. Hiermit schreibt man diesen Reizen eine psychische Existenz zu, die sie tatsächlich nicht besitzen; sie sind uns vielmehr nur bekannt im Gesamtzusammenhange der Erfahrung als Energieänderungen des Nervensystems, also physiologisch. Es würde sich daher zur Vermeidung von Mißverständnissen empfehlen, mit Natorp von der psychologischen Empfindung die physiologische Empfindung zu unterscheiden, indem wir darunter alle diejenigen Prozesse verstehen, die direkt oder indirekt in unser psychisches Leben eingreifen, während psychologische Empfindung nur die unmittelbar bewußten Zustände bezeichnet. In der physiologischen Empfindung stellen sich uns die Veränderungen unseres Bewußtseinszustandes als eine zusammenhängende Reihe dar, die den Energieänderungen im Nervensystem entspricht. Dabei haben wir aber die Lücken, die unsere psychologische Empfindung in Folge des Gesetzes der Schwelle zeigt, durch die untermerklichen Empfindungen künstlich ausgefüllt. Und gerade in dieser Lücke steckt die Schwierigkeit der Frage, in welcher Beziehung die subjektive Erscheinung zu dem objektiven physischen Prozeß steht.

Was kann uns nun das Schwellengesetz über dieses Problem lehren? Die Existenz der Schwelle, d.h. die Tatsache, daß der Energiezusammenhang der Welt nicht in seiner kontinuierlichen Gesetzlichkeit in unserm Bewußtsein direkt auftritt, sondern daß zahllose Veränderungen vor sich gehen selbst in unserm eigenen Leibe und Nervensystem, von denen wir nichts wissen, diese Tatsache der Erfahrung stellt sich uns zunächst als eine unübersteigliche Schranke, für die Naturwissenschaft entgegen. Denn viele Vorgänge, die wir mit Hilfe der mathematischen Naturwissenschaft als objektive bestimmen und unterscheiden, verlieren diese Bestimmtheit und fließen unterschiedslos zusammen, wenn wir die subjektiven Empfindungen aufsuchen, die ihnen entsprechen. Entweder sind die Reize selbst zu schwach, oder sie werden bei ihrer Fortpflanzung durch die Organe und Nerven bis zum Gehirn so umgewandelt und geschwächt, daß sie unter der Schwelle bleiben. Die objektiven Quantitäten und Qualitäten, die wir als Energiefaktoren berechnen, stellen daher ein ungleich umfassenderes Gebiet vor als die subjektiv uns zugänglichen Sinnesqualitäten, in denen jene feinen objektiven Unterschiede verwischt sind.

Aber diese durch das Schwellengesetz bedingte Schranke ist offenbar andrerseits das Mittel, wodurch wir überhaupt als organische Einheiten in dem unendlichen Energieaustausch des Universums zu existieren vermögen. Individuen sind nur möglich durch Abgrenzungen gegen einander und gegen das allgemeine Weltgetriebe. Diese schützende Grenze für unser individuelles Bewußtsein ist durch das Gesetz der Schwelle gewährleistet; ja man kann geradezu sagen, die Entwicklung von Organismen ist daran geknüpft, daß die unendliche Reizmenge, die auf jedes Energiegefüge eindringt, durch seinen eigentümlichen Bau eine Auswahl und Zurückweisung erfährt. Dieser Schutz, der uns einen verhältnismäßig ungestörten eigenen Zustand sichert, ist es eben, durch welchen wir uns als Individuen erhalten. Die Bedingung unserer Endlichkeit und Begrenztheit ist zugleich die Bedingung unserer Individualität. Durch den Bau unseres Leibes und Nervensystems bilden wir einen beschränkten Teil in dem allgemeinen Energiesystem der Welt, eine kleine Welt für sich; und darin haben wir nun auch den Grund zu suchen, daß unser individuelles Bewußtsein, unser seelischer Zustand, als eine Einheit ganz anderen Charakters erscheint als jene umfassende Einheit, die unter dem Namen des Naturgesetzes den Energiehaushalt des Weltsystems bestimmt und regelt.

Bau und Funktion des Nervensystems werden am ehesten verständlich, wenn man sie als Produkt der fortgesetzten Differenzierung von Vorgängen auffaßt, die schon in dem einfachsten organischen Energiegefüge, dem Protoplasma, sich finden. Wird ein Teil des Protoplasmas durch einen Reiz erregt, d.h. findet eine Energieänderung an einem Teile statt, so kann sich diese durch das Protoplasma fortpflanzen und an einem anderen Teile Bewegungen hervorrufen. Bei der fortschreitenden Arbeitsteilung in der Entwicklung der Organismen stellen nun die Nerven besondere Organe dar, die ausschließlich der Fortleitung von Reizen angepaßt sind, so daß durch Energieübertragung in ihnen Veränderungen an einem Teile des Körpers solche an andern bewirken, die der Erhaltung des ganzen Systems zustatten kommen. Die am Schluß dieses Prozesses auftretende Energie ist gewöhnlich Bewegungsenergie, z.B. das Ausstrecken des Organs nach der Nahrung, das Zurückziehen vor einer Gefahr, weil nur solche Organismen sich erhalten, die sich der Einwirkung fördernder Reize nähern, derjenigen schädlicher sich entziehen. Die Elemente alles nervösen Gefüges, die man als Neuronen bezeichnet, zeigen nun folgendes Grundschema. In einer Nervenzelle, dem Ganglion, treffen zwei Nervenfasern zusammen, von denen die eine von außen kommt und durch Vermittlung eines mehr oder weniger komplizierten Sinnesorgans die äußern Reize aufnimmt und sie zentripetal leitet, die andre, die an einer Muskelfaser endet, die dem Ganglion übermittelte Energieänderung zentrifugal leitet und in dem Muskel in Bewegung umsetzt. Erstere Nerven heißen daher sensible, letztere motorische, und der angegebene Verlauf ist das einfachste Schema eines nervösen Vorgangs, den man, insofern er sich ohne Bewußtsein vollzieht, Reflex nennt. Indem zahllose Ganglienzellen durch zahllose Nervenfasern und ihre Verzweigungen in Verbindung stehen, findet ein inniger Zusammenhang und dadurch Energieübertragung zwischen den verschiedensten Teilen des Körpers statt, zugleich mit der Aufspeicherung und Verwertung der Energie an geeigneten Orten. Allen einzelnen Neuronen kommt der Charakter eines selbständigen Gefüges zu; je komplizierter aber der Bau des Organismus wird, um so mehr werden die einzelnen Neuronen von einander und von der Einheit der Systeme abhängig, die sich aus ihnen aufbauen, um so mehr stellt der ganze Körper ein einheitliches System vor. So besitzt z.B. beim Tintenfisch jeder Saugnapf am Arm des Tieres ein besonderes Ganglion, wodurch er für sich zur Bewegung gebracht werden kann, und dieser Apparat bleibt daher noch tätig, wenn der Arm vom Tiere getrennt ist. Zugleich aber sind die Ganglien unter einander und mit dem Schlundring (dem Zentralorgan) des Tieres durch Nerven verbunden, so daß alle Saugnäpfe auch gemeinschaftlich in Tätigkeit treten können. Diese gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Zentren von höheren Zentren wächst, wenn wir im Tierreich aufsteigen, sie ist z.B. geringer bei kaltblütigen Tieren als bei warmblütigen. Trotzdem behalten jene Zentren immer eine gewisse Selbständigkeit. So besitzt der Nervus sympathicus mit seinen Verzweigungen, die sich hauptsächlich zu den sog. glatten Muskeln erstrecken, ein Gefüge, wodurch die Bewegungen der Eingeweide, des Herzens, des Magens, usw. kurz die sog. automatischen Bewegungen bewirkt werden, die im normalen Zustande ohne Bewußtsein vor sich gehen. Ebenso ist das Rückenmark der Sitz zahlreicher Reflexzentren. Beide aber hängen zugleich von der Verbindung mit dem verlängerten Mark ab, von dessen Zentren aus ihre Tätigkeit eine Regulierung erfährt. Hier liegt das Zentrum der Atmung, des regulatorischen Herznervensystems, der Absonderungstätigkeit verschiedener Drüsen u. a. Je mehr man sich nun dem Zentralsystem des Gehirns nähert, um so komplizierter wird das Ineinandergreifen der einzelnen Gangliensysteme, bis endlich das unentwirrbare Geflecht der Milliarden von Zellen und Fasern des Großhirns die innerste Einheit des ganzen nervösen Gefüges herstellt. Im Gehirn finden sämtliche inneren und äußeren Reize die Möglichkeit ihrer Verbindung und die Regulierung ihrer Wirkungen zur Gesamterhaltung des Individuums.

Man könnte sich vorstellen, daß dieser gesamte Energieumsatz und die Wechselwirkung der menschlichen Gehirne, die das Kulturleben bildet, vor sich geht, ohne daß jemand davon ein Bewußtsein hätte, sowie wir von zahlreichen Verrichtungen unseres Leibes kein Bewußtsein haben. Aber die Grundtatsache aller Erfahrung, daß wir eben unseres Daseins im Gefühl uns bewußt sind, läßt uns vielmehr darauf schließen, daß allen Energieänderungen eines einheitlichen Systems ein gewisses Fühlen als psychische Seite entspricht, daß aber dieses Gefühl der niederen Zentren um so mehr zurücktritt gegenüber dem Bewußtsein der höheren, als jene in der engeren Einheit höherer Zentren aufgehen. Es würde dies ganz dem Gesetz der Schwelle entsprechen, daß die schwächeren Grade der Empfindung stärkeren gegenüber nicht ins Bewußtsein treten. Und es entspricht dies auch der Erfahrung, daß ursprünglich mit Bewußtsein ausgeführte Tätigkeiten allmählich ohne Bewußtsein ausgeführt werden. Jedenfalls steht die Tatfache fest, daß für uns Menschen in der gegenwärtigen Entwicklung nur diejenigen Energieänderungen mit Gefühl, d. h. mit Bewußtsein verbunden sind, die im Gehirn, speziell in bestimmten Teilen der Großhirnrinde statthaben.

Das Gehirn mitsamt dem Nervensystem stellt demnach einen Apparat vor, durch welchen die unendliche Mannigfaltigkeit aller in der Welt vorkommenden Energieänderungen in eine solche Beziehung der Einheit gesetzt wird, daß nicht nur die gegenwärtigen Reize zur Erhaltung des Individuums ausgeglichen und benutzt werden, sondern daß auch die früher stattgefundenen ihre Spuren zurücklassen. Diese Spuren wirken auf die nachfolgenden ein, und letztere verbinden sich mit ersteren, so daß jene komplizierten Gehirnvorgänge entstehen, die uns als Vorstellung, Erinnerung, Gedächtnis und Erfahrung bewußt sind, – daß endlich durch die Arbeit der ganzen Menschheit in zahllosen Generationen, deren Zusammenhang diese Gehirne vermitteln, die Reize der Vergangenheit in der Form der Erfahrung zu einer Einheit gelangen, die wir in ihren unübersehbaren Verzweigungen die Entwicklung der Kultur nennen. Das römische Recht, die Lehre des Christentums, die Philosophie Kants, das Leben Goethes, die moderne Naturwissenschaft sind naturnotwendig entwickelte Gesetzmäßigkeiten im Verlauf der Energieänderungen, die sich in den Ganglienzellen der menschlichen Gehirne vollziehen. Sie bilden Systeme, deren Wesen darin besteht, daß die Bewegungsvorgänge in zahllosen Gehirnen gesetzmäßig ablaufen und jene Handlungen der menschlichen Leiber zur Folge haben, die wir im modernen Gesellschaftsleben beobachten.

Daß ein solcher Apparat möglich ist, würden wir wahrscheinlich nicht glauben, wenn er nicht wirklich da wäre. Aber es ist Tatsache, daß wir allein durch die Tätigkeit des Gehirns, die objektiv nur Energieänderung sein kann, imstande sind, Kulturaufgaben zu lösen, wie sie im modernen Staat, in der Technik und Wissenschaft als lebendige Systeme vorliegen. Durch die psychophysische Energie, die in den Gehirnen der Menschen ein Gefüge bildet, das uns als das System der Naturerkenntnis bewußt wird, besitzen wir jene Einheit des Gesetzes. Ja die ganze objektive Natur ist nichts anderes als die Einheit, die in der Entwickelung des Denkens vorliegt, weil sie eben mit den menschlichen Gehirnen ein Gefüge ausmacht. Das Denkgesetz ist das Naturgesetz selbst. Oder vielleicht wird jemand lieber sagen, die Gesetzlichkeit der Natur ist diejenige Verbindung von Inhalt, die nicht anders gedacht werden kann. Der Unterschied zwischen Denken und Sein verliert seine Bedeutung, wenn wir sie beide als das allumfassende Objekt begreifen.

In der physischen Welt gibt es keine Schwelle. Die Gesetze der physischen Welt sind ausdrückbar in mathematischen Gleichungen. Durch sie berechnen wir den Energieaustausch zwischen den einzelnen Raumteilen. Hier lassen sich die Größen bis zu beliebig kleinen Unterschieden mit Genauigkeit bestimmen. Allerdings ergeben sich in jedem einzelnen Falle durch die Bedingungen des Problems endliche Grenzen, jenseits deren die Rechnung keine Geltung hat, weil die Bedingungen der Aufgabe andre werden. Der gesetzlichen, d. h. mathematischen Natur der Größe nach sind indessen solche Grenzen nicht vorhanden. Druck, Temperatur, Volumen, die Energie selbst können in ihren Unterschieden von jedem noch so kleinen Grade gedacht werden. Nehmen wir die Beschleunigung eines fallenden Körpers, die Steigerung der Temperatur oder des Drucks eines Gases, so sind diese, mathematisch genommen, stetige Größen, wir können sie auf Tausendteile des Millimeters, des Grades, des Milligramms rechnerisch bestimmen, d. h. die Gesetze ihrer Veränderung bleiben in Gültigkeit, wenn sich eine dieser Größen, auch nur um einen verschwindend kleinen Bruchteil ihres Weites ändert. So setzen wir auch voraus, daß jede geringste Veränderung tatsächlich – wenngleich unsrer Beobachtung nicht mehr zugänglich – durch das ganze Weltall ihren Einfluß ausübt; rein theoretisch genommen erhöht der Fall eines Sandkorns seine Temperatur, und seine Wärme strahlt bis zu den fernsten Nebelflecken des Himmels. Das eben ist der Sinn des unendlichen naturnotwendigen Zusammenhangs des Alls.

Aber in dieser Einheit tritt das Seiende niemals im Denken des einzelnen auf. Der Bewußtseinsinhalt eines Ich, eines Individuums, ist niemals der Weltinhalt, sondern nur ein mangelhaft bestimmbares Bruchstück des Ganzen. Und daher rührt es, daß die objektiv gedachten Vorgänge, die wir als Energievorgänge im Räume bezeichnen, nur lückenhaft und ungeformt im Gehirn des einzelnen und damit im Bewußtsein des Ich auftreten. Und so ergibt sich denn jene mangelhafte Fähigkeit unseres individuellen Bewußtseins, vermöge deren wir fortwährend Fehler begehen in der Beurteilung des objektiven Vorgangs. Beschränken wir unsere Wahrnehmung auf den einzelnen Akt eines Sinnesvorgangs, indem wir z. B. bei geschlossenen Augen ein Gewicht auf unsere Hand legen lassen, so sind wir nicht imstande, 500 Gramm von 600 Gramm zu unterscheiden. Ziehen wir aber alle Organe zu Rate und die Gehirntätigkeit der Menschen, die in der modernen Technik vorliegt, so bestimmt sich ein Druckunterschied in der Gesamtheit der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methoden mit beliebiger Genauigkeit. Und dies ist dann das objektiv Physische, der Weltinhalt in seiner gesetzlichen Bestimmtheit.

Die außerordentlich geringe Temperaturerhöhung z. B., die der Mond bewirkt, ist physikalisch bestimmbar; dagegen vermag kein Mensch sie direkt zu spüren. Sie übt zweifellos auf unsern Körper ebenso Wirkungen aus wie auf andre, aber als psychologische Empfindung ist sie nicht vorhanden. Jeder Energieaustausch zwischen unserm Körper und seiner Umgebung muß in ersterem eine Veränderung hervorrufen; psychisch nennen wir aber nur diejenige, die wir als Empfindung erleben. Es ist also nur ein Teil der Energie unsres Nervensystems, der eine Einheit bildet, die sich selbst erlebt. Wir nennen diesen Teil psychophysische Energie; damit ist ausgedrückt, daß diese Energie etwas Physisches ist, aber ein begrenzter Teil der Gesamtenergie, nämlich derjenige, den wir psychisch erleben. Wir dürfen annehmen, daß es der eigentümliche Bau unseres Zentralnervensystems sowohl als unsrer Sinnesorgane ist, wodurch jene Abgrenzung, die wir das Gesetz der Schwelle nennen, bedingt wird. Dieses Gesetz der Schwelle ist also der wissenschaftliche Ausdruck dafür, daß wir endliche Geister find, die dem Allgemeinbewußtsein gegenüber nur Bruchstücke erleben; dadurch ist unsre Wahrnehmung begrenzt, unsicher, irrig; dadurch wird der Inhalt, den wir unser Ich nennen, unbestimmt; dadurch wird die Natur für uns eine unendliche Aufgabe, deren umfassender Gesetzlichkeit wir uns immer nur unzureichend annähern können; dadurch unterscheidet sich unser subjektives Naturerkennen von der objektiven Gesetzlichkeit, die wir in der Natur voraussetzen. Im Bau des Organismus ist ein gesetzliches System entstanden, das sich durch seine Begrenztheit als eine Einheit erhalten kann, wie es sich in der Wechselwirkung der Reize zu solcher Einheit entwickelt hat. Dadurch sind wir ein Ich und erkennen uns der Natur gegenüber als ein Ich.

Auch hier wird also betont, daß der Unterschied zwischen Natur und individuellem Geist nur ein Unterschied des Inhalts ist. In der Natur haben wir den Inhalt, in welchem jeder Teil durch sämtliche Beziehungen bestimmt ist, die er zu sämtlichen übrigen Teilen besitzt. Der Mond ist bestimmt durch alle seine Beziehungen zur Erde wie zu sämtlichen Himmelskörpern, desgleichen durch seine Beziehungen zu seinen eignen Teilen (in seiner chemisch-physikalischen Zusammensetzung), desgleichen durch seine Beziehungen zu allen irgendwie und wo existierenden Nervensystemen usw. Damit ist er vollständig und notwendig bestimmt, und das ist objektive Natur. Dagegen haben wir in unserm Ich einen Inhalt, der nur durch eine Auswahl von Beziehungen bestimmt ist, nämlich durch diejenigen Möglichkeiten des Energieaustauschs, welche die Schwelle überschreiten in gerade diesem meinem Nervensystem; und dadurch ist es nicht vollständig bestimmt und bleibt die subjektive, mir speziell zugehörige und zahllosen Zufälligkeiten unterworfene Erscheinung.

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