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Wir waren alle verrückt

Gustav Hochstetter: Wir waren alle verrückt - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Hochstetter
titleWir waren alle verrückt
publisherTheod. Thomas Leipzig
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidc0956eef
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Drittes Schriftstück

Du wirst ein wenig erstaunt sein, liebe Mutter, über den Inhalt des kleinen Paketes, worin sich dieses Schreiben und eine Mappe befindet. Eine seidige, goldglänzende Mappe. Innen wie außen: seidig, goldglänzend. Und doch ist es keine Seide, aus der diese Mappe hergestellt ist. Betrachte Dir das Geflecht genau, liebe Mutter, es ist Menschenhaar. Mädchenhaar. Blondes Mädchenhaar – genau so blond wie meines heute ist und wie Deines, liebste Mutter, noch war als ich Dich vor fünf Jahren zum letzten Male sah.

In dem gleichen Augenblick, als ich unter wirrem alten Gerumpel vor wenigen Tagen diese Mappe wiederfand, wußte ich: sie ist dazu bestimmt, daß in ihr die Blätter bewahrt werden, die Dir die Geschichte meines Lebens und meines Liebens erzählen. Ein Wunder übrigens, daß sie mir nicht längst gestohlen wurde, meine Mappe aus Menschenhaar! Ich verschließe die Möbel meines Zimmers nie; wenn ich weggehe, bleibt die Stubentür unverschlossen, und jeder Mieter der Frau Sebastian, auch die Wirtin selbst, kommt herein und borgt sich diese oder jene Kleinigkeit. Manchmal bleibt sogar die Entreetür nach der Treppe zu stundenlang offenstehen, denn der Frau Sebastian gehören ja die beiden Etagenhälften und dem alten Faktotum, der Laura, ist es beim Reinmachen und Aufräumen zu mühsam, jedesmal den Schlüssel anzufassen, wenn das alte Faktotum von hüben nach drüben oder von drüben nach hüben rast. Es ist, als ob hier oben, im Berliner Westen, Gartenhaus, vier Treppen hoch, plötzlich die Weltstadt aufhöre und ein kleines Reich für sich existiere. Ein paar russische Studenten wohnen da, bescheidene stille junge Menschen, die sich nicht getrauen, das Wort an mich zu richten. Ein Bankbeamter, dessen »unglückliche Liebe« ich bin. Er trägt Blumen oder Bonbonschachteln in mein Zimmer, aber nur, wenn ich nicht zu Hause bin, und legt sie mit seiner Visitenkarte auf den Mahagonitisch. Wenn ich ihn im Flur oder auf der Treppe treffe und reiche ihm dankend die Hand, wird er rot bis hinter die Ohren, stammelt ein paar unverständliche Worte und macht sich schleunigst aus dem Staube. Dann wohnt eine stark parfümierte Dame da, die sich als geschiedene Gräfin ausgibt, angeblich sich für die Filmerei ausbilden läßt; sie plaudert mehr als nötig mit einem frechen, unsympathischen jungen Militärarzt, der Dr. Sartorius heißt, die zwei teuersten Zimmer bewohnt und sich die größte Mühe gibt, mit mir bekannt zu werden.

Einer meiner besten Freunde, der Hauptmann Hans Korn, schickte mir kürzlich einen Korb Sekt; ich verstaute die Flaschen in dem linken unteren Schreibtischfach. Hat doch dieser Dr. Sartorius die Frechheit, sich während meiner Abwesenheit abends einfach eine Pulle herauszuholen, die er in Gesellschaft der geschiedenen Filmgräfin in seinem Zimmer austrank. Ich habe ihn allerdings in Verdacht, daß er auch diesen Sektdiebstahl nur beging, um ihn bei mir als Annäherungsversuch auszuschlachten. Ich ließ ihm durch das alte Faktotum, die Laura, meine Ansicht gründlich mitteilen, er schrieb drei Entschuldigungsbriefe und schickte als Ersatz für den »geliehenen« deutschen Sekt eine teure Flasche französischen Champagner. Ich ließ den widerlichen Jüngling nichts mehr von mir hören. Mag er ruhig bei seiner geschiedenen, übel parfümierten Filmdame bleiben. Aber wenn er beim Herumkramen in meinen Schreibtischfächern statt des Sektes die Menschenhaarmappe herausgenommen hätte – wer weiß, vielleicht wären dann alle meine Berichte für Dich, liebste Mutter, ungeschrieben geblieben. Denn sie erinnerte mich an das Versprechen, das ich Dir gegeben hatte. Davon später!

Noch einen Bewohner der Pension Sebastian muß ich Dir schildern, Mutter! Das ist Karlchen, das zwölfjährige Söhnchen der Frau Sebastian. Man kann jetzt für Besorgungen so schwer Boten bekommen, deshalb wandten sich die Mieter oft mit kleinen Aufträgen an Karlchen, der aber immer nein sagte. Zu essen hat Karlchen ja vollauf und die schlechten Papierscheine, die man jetzt »Geld« nennt, die reizen ihn nicht. Einmal bat ich ihn, für mich ein Paket zur Post zu tragen. »Ja,« sagte er, »aber nur, wenn ich Ihnen einen Kuß geben darf!« Dieser Bengel! Aber er ist ein hübscher Junge und dann ist er ja auch nur ein Kind, mit seinen zwölf Jahren. Er trägt also mein Paket zur Post. Als er wiederkommt, biete ich ihm ein paar kleine Papierscheine an, aber nein, er besteht auf seinem Kuß. Ich halte ihm die Wange hin und wahrhaftig, der Bengel drückt seine Lippen darauf, schüchtern, aber er drückt. »Ach, Fräulein Meister,« sagt er dann, »Sie sind so schön, Sie müssen meine Frau werden!«

»Karlchen,« pruste ich, »du bist wohl verrückt? Wir sind zwar in diesen aufgeregten Inflationszeiten alle ein bißchen verrückt – aber du ganz besonders!«

»Aber gar nicht,« antwortet er sachlich, »ich habe mir das lange überlegt, es gibt viele Ehen, wo die Frau ein paar Jahre älter ist als der Mann. Ich bin zwölf und Sie sind einundzwanzig, das paßt ganz schön, Sie brauchen nur noch ein paar Jahre zu warten. Versprechen Sie mir, Fräulein Meister, daß Sie warten? Passen Sie auf, dann wird auch ein tüchtiger Mann aus mir.«

Also – auch der! Auch der will mich heiraten! Es wäre zum Totlachen, wenn es nicht so traurig wäre, daß ich mit meinem bißchen Schönheit so viel Unheil anrichte.

»Karlchen,« sagte ich ernst, »wir wollen die Sache umgekehrt halten. Werde erst einmal ein tüchtiger Mann, nachher reden wir weiter.« Seit der Zeit lernt Karlchen seine Schulaufgaben so fleißig, daß Frau Sebastian ihn nie mehr dazu anhalten braucht.

Wenn ich sage, liebe Mutter, daß ich die Mappe aus Menschenhaar kürzlich unter meinem »Gerümpel« fand, so meine ich damit nicht etwa, daß sie zum Gerümpel gehört. Im Gegenteil. Sie ist außerordentlich wertvoll. Der Antiquar, bei dem sie für einen sehr hohen Preis gekauft wurde, sagte, daß eine zweite derartige Arbeit auf der Welt nicht vorhanden ist.

Du siehst, ich habe meine triftigen Gründe, die Mappe nicht hier zu behalten. Verwahre Du sie gut, geliebte Mutter, in mein Stübchen paßt diese Kostbarkeit nicht. Namentlich dann nicht mehr, wenn sie mit meinen Berichten gefüllt ist. Denn dann soll kein Dr. Sartorius darin herumschnüffeln, wenn er für seine Filmflamme meinen Sekt stiehlt. Aber so kostbar die Mappe auch sein mag – für heute, finde ich, ist genug über sie geplaudert und ich will Dir, liebste Mutter, statt dessen erzählen, wie die schöne Freundschaft weiter wuchs, die heute meinen Maler und mich verbindet.

Wir hatten verabredet, daß ich gleich nach Tisch, um drei zu ihm kommen sollte. Es war ein heller Tag im Oktober und Erhard nahm an, daß das Tageslicht bis gegen halb fünf Uhr vorhalten werde. Ich kam unpünktlich, wie immer, etwas nach halb vier. Erhard nahm mir das ernstlich übel, ich hatte geradezu Mühe, ihn – in der allerersten Viertelstunde meines allerersten Besuches bei ihm – in eine einigermaßen annehmbare Stimmung zurückzuversetzen. Da nimmt man nun an, ein Künstler müsse sich freuen, daß solch ein schönes Mädchen wie ich ihm Modell stehen will, stattdessen kommt man drei Viertelstunden zu spät und kriegt dafür einen Anschnauzer wie ein Schulkind. Bei all meinen früheren Freunden brauchte ich auf den Vorwurf: »So spät kommst du, Dolly?« nur lächelnd zu antworten: »Aber jetzt bin ich da!« dann war's wieder gut. Nicht so bei Erhard. Er war ein Fanatiker der Pünktlichkeit, kam selber zu jeder Verabredung lieber eine Stunde zu früh als eine Sekunde zu spät und verlangte diese gleiche Höflichkeit von seinen Freunden unbedingt.

»Zuspätkommen ist Dummheit, Dolly. Dummheit und meine Dolly, das paßt nicht zusammen!«

»Sieh, Erhard, ich habe keine zuverlässige Uhr in meiner Stube.«

Er ging ins nächste Zimmer und kam gleich wieder mit einer zierlichen Weckuhr in der Hand zurück: »Schenk ich dir, Dolly. Hab genug von dem Zeug. Damit deine letzte Ausrede fällt. Denn du sollst noch oft hierher kommen, und von heute ab immer pünktlich.«

Daß ich's nur gleich sage, Mutter: was keinem gelungen war, war mit diesen wenigen Worten erreicht – von dem Tag an war ich pünktlich. Wenigstens für Erhard.

Seine Frau war mit dem Jungen spazieren gegangen. Ich bettelte so lange, bis mich Erhard in alle seine Zimmer einen Blick tun ließ. Außer dem großen Atelier ist nur noch ein gemeinsames Schlafzimmer für Eltern und Kind da und ein kleines Eßzimmer. So bescheiden wohnen die Leute, reich sind sie nicht, das sah man. Wie das »Mädchen für alles« einholen gegangen war, schnupperte ich auch ein bißchen in der Küche, in der Speisekammer und in der Mädchenstube herum. Ich bin neugierig, ich weiß. Aber trotzdem, das tat ich nicht aus Neugierde, sondern aus Interesse für Erhard. Denn immer fester setzte sich bei mir die Überzeugung, daß er und ich nie voneinander lassen können. Ich weiß genau, ihn kann ich fesseln so lange ich will – und wie sicher muß er sich meiner fühlen, wenn er bei meinem Eintritt mich wegen Unpünktlichkeit abkanzelt, anstatt mich in den Arm zu nehmen und meinen Mund zu küssen.

In die anderen Zimmer warf ich nur einen kurzen Blick, aber das Atelier durfte ich gründlich nach Herzenslust durchstöbern und jede Kleinigkeit herholen und betrachten. Endlos viele schöne Sachen gab es da zu sehen. Zuletzt ließ mich der Maler seine Frühlingslandschaft sehen und zeigte mir den Platz, wo nach seiner Ansicht eine nackte weibliche Gestalt als Staffage fehle.

»Fangen wir an?« fragte ich.

»Aber Dolly!« lachte Erhard und wies auf die Weckuhr; sie zeigte – sieben Uhr. Jetzt erinnerte ich mich, daß Erhard schon vor mehr als einer Stunde das elektrische Licht angeknipst hatte. Das Tageslicht war längst zu Ende. Für heute war es also zu spät mit dem Malen, bald kam das Dienstmädchen herein und fragte, ob der Herr zu Tisch käme.

Als ich nun beim Weggehen mit vielen Worten versprach, morgen wirklich pünktlich um drei Uhr wiederzukommen, war mir so zumute, als ob ich da vielleicht doch ein bißchen zu viel verspräche. Aber, wie gesagt, es gelang. Von da ab war es bei all meinen Verabredungen mit Erhard, als ob seine Ordnungsliebe und Pünktlichkeit mich in einen Bann geschlagen hätte, der auch mich zur Genauheit zwang. Es fiel mir nicht schwer, auf die Minute da zu sein, es geschah geradezu automatisch.

Eine wunderbare Zeit kam nun für mich. Ich fühlte, wie Erhard sich immer mehr in mich verliebte. In sein Atelier bat er mich nur zu Zeiten, wo er annehmen konnte, daß seine Frau nicht zu Hause sein würde. Denn obwohl er in seiner eigenen Wohnung mir bis dahin nicht die geringste Zärtlichkeit erwiesen, ja nicht einmal einen Kuß auf die Hand gedrückt hatte, gestand er mir, daß es für ihn ein schmerzliches Gefühl sei, seine Frau, die er achte und ehre, gleichzeitig in der Etage zu wissen mit einer anderen, die er heiß und innig liebe. Daß ich kam, das ließ sich ja nicht ändern. Hätte er das Bild außer Hause vollendet, so wäre ein Verdacht entstanden, der Erhards Frau um so peinlicher gewesen wäre. Künstlergattinnen sind in dieser Hinsicht wahrhaftig nicht zu beneiden. Wenn ein Kaufmann seine Frau hintergeht, so braucht sie es nicht zu erfahren, und erfährt es auch in weitaus den meisten Fällen nicht. Aber die Maler und die Bildhauer brauchen Frauenschönheit wie's liebe Brot, und von der Begeisterung, die eine Fremde in dem Künstler erweckt, bezahlt er schließlich das Essen für Frau und Kind. Ich meine, eine Künstlersgattin kommt aus dieser Klemme verhältnismäßig am glücklichsten heraus, wenn sie sich auf alle Fälle krampfhaft einredet, daß ihr Mann jene Schönheit nur platonisch verehrt hat. Und in vielen Fällen ist es ja auch schließlich so. Ich lese immer wieder Heinrich Heines »Buch der Lieder«, Heine hat von den hunderten von Frauen, die er besang, gewiß nicht jede einzelne im Bett gesehen. Freilich, wenn ich mir vorstelle, Erhard würde einmal frei, ich heiratete ihn dann, er malte eine andere ohne Kleider, und ich sollte an platonische Verehrung glauben – aber doch, ich könnte daran glauben! ich sehe ja, daß er in seinem Atelier, bei der Arbeit, stundenlang mit mir zusammen sein kann ohne mir auch nur die Fingerspitzen zu küssen. Wenn ich seine Frau wäre, ließe ich es trotzdem nicht darauf ankommen, daß er eine andere malt. Nicht einmal, wenn ich dabei wäre. Mich, nur mich müßte er malen, – und ich würde nie aufhören, mich ihm immer wieder in einer neuen reizvollen Art zu zeigen, damit er in mir allein alle Frauen findet, die er nur suchen mag.

Es wurde nun so, daß ich alle acht bis vierzehn Tage einmal nachmittags in Erhards Atelier ging. Sonst sahen wir uns ab und zu in meinem Zimmerchen; er kam, wenn er gerade Zeit hatte, meist konnte er es nicht im voraus bestimmen. Nur selten traf er mich nicht an, in dieser Beziehung hatten wir Glück miteinander, meist hatte ich geradezu eine Ahnung: heute kommt er, um diese Stunde kommt er – und dann traf es auch ein. Aber in einer anderen Beziehung hatte Erhard entschieden Pech: häufig, wenn er da war, mußte er irgendetwas wahrnehmen, das ihn an das Vorhandensein anderer Freundschaften erinnerte. Einmal hatte Paul Trapp seinen Stock mit der Goldkrücke in der Ecke meines Zimmers zurückgelassen. Ein andermal kam das alte Faktotum, die Laura, an die Tür und rief in ihrer ungehobelten Art, ohne zu öffnen, mit brüllender Stimme: »Herr Hauptmann Korn ist am Telephon, Fräulein Meister!« Der Apparat ist drüben, in Frau Sebastians anderer Etagenhälfte. Als ich vom Telephonieren zurückkam, saß Erhard an meinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt und beim Eintreten sah ich gerade noch, daß sein Rücken zuckte wie der eines schmerzlich Weinenden. Ich vermied, ihm ins Gesicht zu schauen, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte, aber ich konnte auch dann noch Spuren von Tränen in seinem Gesicht sehen. Am schlimmsten war es ein drittes Mal, da klopfte Laura an die Tür und rief: »Herr Leutnant Kröner ist da, er sagt, er hätte nur zwei Tage Urlaub aus Breslau und müsse das gnädige Fräulein unbedingt sprechen.«

»Laß dich nicht stören,« sprach Erhard, dem fast die Stimme versagte. Er hatte den Namen Kröner schon von mir gehört und zweifelte nicht daran, daß das eine alte, längst zu den Akten gelegte Freundschaft war. Ich sprach im Korridor ein paar Worte mit Kröner und schickte ihn so schnell wie möglich weg. Als ich wieder in mein Zimmer trat, versuchte Erhard ruhig zu scheinen, aber die hellen Tränen strömten ihm nur so über die Wangen. Als ich ihn durch einen Kuß trösten wollte, bog er sanft meinen Kopf fort, nahm seinen Hut, drückte mir die Hand und ging.

Ohne, daß wir viele Worte machten, wußten Erhard und ich, daß es unser herrlichstes Glück wäre, wenn er nur mir und ich ihm angehören könnten, aber wir fanden den Weg nicht.

So war ich wieder wie damals in Hannover, vom Schicksal zwischen drei Männer gestellt, die mich fürs ganze Leben begehrten. Erhard sprach das Begehren noch nicht aus – aber die beiden anderen, Hauptmann Korn und der stille, blasse, kranke Paul Trapp wurden nicht müde, mir ihre freundlichen Heiratsanträge endlos zu wiederholen. Ich verschwieg keinem von beiden, daß ich das Modell des bekannten Malers Erhard König geworden war. In ihrer eitlen Verblendung nahmen beide ohne weiteres als selbstverständlich an, daß ich nur sein Modell sei, nicht seine Geliebte. Hans Korn und Paul Trapp – jeder von beiden glaubt, daß ich einzig und allein ihn liebe und ihm Tag und Nacht treu sei; sie sind beide wohlhabend und jeder von ihnen glaubt mir soviel Geld zu geben, daß ich, seine »künftige Frau«, damit auskomme. Jeder gibt mir monatlich eine hübsche runde Summe. Und keiner von beiden ahnt, daß ich auch mit dem Doppelten noch lange nicht auskomme. Es ist eigentlich unglaublich! In diesem armseligen möblierten Stübchen hocke ich – und verbrauche jeden Monat ein Vermögen! Das bißchen, das Vater von seinem Gehalt eines Geheimen Regierungsrats für mich absparen kann und mir monatlich durch Dich übersenden läßt, zählt überhaupt nicht mit! Ich weiß nicht recht, wo das viele Geld herkommt und ich weiß erst recht nicht wo es hingeht. Halt, ja, ich weiß ... ich muß mich anziehen! Ich kann nun einmal nicht in Flanell herumlaufen! Ein Paar seidene Strümpfe kosten heute eine Masse und halten keinen halben Tag! Eine seidene Wäschegarnitur kostet noch mehr und wenn sie besonders schön ist, noch einmal mehr. Und die Kleider! Immer wieder kommt Frau Sebastian herein, die mit allen möglichen Schleichhändlern und Hintertreppenkrämern bekannt ist, und hat etwas anderes für mich: »Fräulein Meister, hier ist mir Stoff zu einem Kleid angeboten, ganz billig«, oder »Fräulein Meister, da ist ein Blaufuchs, den kann man um ein Butterbrot kriegen, direkt geschenkt.« Ich kaufe fast alles, was ich brauche, durch sie, in meinem Zimmer. Sie sagt mir erst gar nicht, was es kostet; sie schreibt es einfach mit auf die Rechnung. Und wenn ich sie frage, warum sie so für mich sorgt, sagt sie: »Ich kann mir nicht helfen, Fräulein Dolly, ich hab' nun mal 'nen Narren an Ihnen gefressen. Meine eigene Tochter, bevor sie nach Amerika ging, hab' ich nicht halb so lieb gehabt wie ich Sie habe!«

Frau Sebastian verläßt sich steif und fest darauf, daß einmal ein Märchenprinz kommen und meine Rechnung bei ihr bezahlen wird. Wie das noch enden sollte, war mir immer schleierhaft. Im Oktober kam sie in meine Stube und brachte einen wunderbaren Persianer-Pelzmantel mit breitem herrlichem Skunksbesatz. »Es wird kalt, Fräulein Meister,« sagte sie, »zu all Ihren prächtigen Kleidern müssen Sie doch auch einen schönen Pelzmantel haben, da ist mir gerade was angeboten!«

Ich lachte sie aus: »Um Himmelswillen, das Stück kostet ja ein Palais.«

»Was es kostet, geht Sie nichts an. Das kommt auf die Rechnung. Ich hab' nun mal 'nen Narren an Ihnen gefressen. Meine eigene Tochter, bevor sie nach Amerika ging, hab' ich nicht halb so lieb gehabt, wie ich Sie habe!«

»Den Mantel, Frau Sebastian, kaufe ich auf keinen Fall!«

»Na, ich laß ihn Ihnen mal vorläufig hier liegen, wir werden schon einig werden!« Sie ging und ließ den Mantel in meinem Zimmerchen. Wie eine Fürstin sah ich darin aus. Damals gab es allerdings keine richtigen Fürstinnen mehr. Ich trug ihn beim Ausgehen, jedes Auge schaute mir bewundernd nach. Da war ein prächtiger Pelzmantel in meinem Schrank – und ich wußte nicht: gehört er mir oder gehört er mir nicht?

Trotz all ihrer Freundschaft hatte ich Frau Sebastian immer im Verdacht, daß sie an den Waren, die einmal mein Märchenprinz bezahlen sollte, recht dick zu verdienen wünschte. Wenn Hans Korn und Paul Trapp am Monatsanfang mir Geld gebracht hatten, gab ich es der Frau Sebastian – aber davon wurde meine Rechnung bei ihr kaum geringer; denn sie gab mir, so oft ich zu Hause aß, die herrlichsten Braten, alles »hintenherum« gekauft, und man weiß ja, was das in diesen Zeiten kostet. Gänsebraten zum Mittag, Schweinebraten zum Abend, morgens ein paar Rühreier in richtiger Butter – für solch eine Verpflegung geht allein schon viel Geld im Monat weg. Und trotzdem Frau Sebastian dabei natürlich »nicht zusetzt«, sieht man ihr an: es macht ihr Vergnügen, so für mich zu sorgen. »Vor allem die Schönheit erhalten und die Jugend«, predigt sie mir immer, »dann wird schon mal einer kommen, der die Rechnung bezahlt!«

Sie war wahrhaftig leichtsinniger als ich. Ich zerbrach mir oft den Kopf: wer soll es denn endlich sein, der diese stets wachsenden Schulden abträgt? Etwa der Hauptmann a. D. Hans Korn, der in einer Kunstseidenfabrik als Prokurist arbeitete und mir so schon die Hälfte seines Einkommens abgab? Er schenkte mit einmal ein Platinarmband; dazu mußte er sein Vermögen angreifen, Wertpapiere verkaufen. Oder wird Paul Trapp mein Märchenprinz werden? Er sieht mir nicht danach aus. Er ist der Besitzer einer Holzgroßhandlung, die er selbst gegründet hat, er verdient auch recht gut, aber er erzählt mir ständig, daß er alles Verdiente braucht, um seinen stillen Sozius herunterzuzahlen. Bliebe dann noch der dritte und letzte von meinen Verehrern: Erhard König, der Maler, der mit Frau und Kind in seiner bescheidenen Dreizimmerwohnung haust! Der wäre gerade der Rechte. Bei den zwei anderen hab' ich mich manchmal in dem stillen Verdacht, daß ich sie auch wegen ihrer Wohlhabenheit mag – aber bei Erhard bin ich mir klar darüber, daß ich einen interessanten armen Teufel von Herzen liebhabe.

Der stille, blasse, kranke Paul handelte also »en gros« mit Holz, er fuhr mich oft im Taxameter nach seinem großen Lagerplatz nach Oberschöneweide hinaus, wo er eine Wohnvilla bauen lassen will, sobald ich mich bereit erkläre, in ihr die Hausfrau zu werden. Noch immer weiß Hans nichts von Paul, Paul nichts von Hans. Jedem sage ich, wenn ich ihn loswerden will: »Ich muß bei Erhard König Modell stehen« – ob's nun gerade wahr ist oder nicht. Nur dem Maler selber sage ich über alle meine Beziehungen die Wahrheit. Ich sehe, wie er unter meinen Geständnissen leidet, aber ihn kann ich nicht belügen.

Aber da kam die Dezember-Revolution! Nicht für Deutschland, nicht für Preußen, sondern nur für Fräulein Dolly Meister, für meine bescheidene (Du lächelst, Mutter?) also für meine unbescheidene Persönlichkeit.

Es war am Vormittag des vierundzwanzigsten Dezember, des Weihnachtsabends. Ich hatte mich noch nicht entschieden, ob ich den heutigen Abend bei Hans Korn oder bei Paul Trapp verbringen würde, jeder wünschte natürlich, daß ich käme. Erhard, der Verheiratete, der Vater, kam für den Abend nicht in Betracht. Frühmorgens, von neun Uhr an, bis nach zehn, klingelte ich allviertelstündlich vergebens nach meinem Frühstück. Beim fünften Klingeln kommt endlich Frau Sebastian herein, bringt nichts weiter als eine Tasse Ersatzkaffee und eine trockene Scheibe Kriegsbrot, keine Wurst, keine Butter – ich merke: es ist ein Gewitter im Anzug. Und richtig: unter dem Kaffeetablett zieht sie ihr »Hauptbuch« hervor, schlägt mein »Konto« auf, schnappt erst nach Luft und legt dann los: »So kann das nicht weiter gehen, Fräulein Meister. Wissen Sie, wie groß Ihre Schulden jetzt sind?«

Sie nannte die Ziffer. Das Geld ist jetzt weniger als ein Zehntel so viel wert wie vor dem Krieg. Man ist an hohe Summen gewöhnt. Aber diese Ziffer erschreckte mich trotzdem durch ihre Höhe. Ich war wie vom Donner gerührt. Ich wiederholte die Zahl: »Frau Sebastian, ist es möglich? In diesem Stübchen habe ich solch eine Summe verbraucht? Ja, wie ist denn das denkbar?«

»Denkbar? Werden Sie ehrlichen Leuten am Ende gar ihr reelles Guthaben bestreiten! Stübchen? Hat sich was, wenn man immer in Pelz und Seide dahergeht! Bitte sehr. Sehen Sie sich jeden Posten genau an! Addieren Sie gründlich nach, Fräulein Meister! Silbernes Handtäschchen – Seidengarnitur – Stoff zum Kleid – Abendtoilette – zwölf Paar seidene Strümpfe – ein Persianermantel –«

Mir war es noch immer nicht faßbar. Noch einmal wiederholte ich fragend die schreckliche Zahl.

»Jawohlchen. Und nun hat's geschnappt. Mehr Kredit gibt die alte Sebastianen nicht. Und der Persianermantel – den haben Sie ja noch nicht richtig gekauft, den nehm' ich wieder an mich. Morgen, am ersten Feiertag, kommt eine Baronin her, die will ihn kaufen. Die gibt mir das Doppelte als was ich Ihnen dafür angeschrieben hab'. Entweder Sie bezahlen bis morgen das Geld – oder die Baronin kriegt den Persianermantel.«

Die Wirtin nahm den Pelz aus meinem Schrank, drei Schritte, und sie war mit ihm zur Tür hinaus.

Die Szene hatte mich so aufgeregt, daß ich wie zerbrochen in den gobelinbezogenen Klubsessel sank. Ich hatte mich nun so an den herrlichen Pelz gewöhnt! Meine älteren Wintermäntel hatte ich schon alle weggeschenkt. Jetzt war auch der Pelzmantel weg – das Wetter war bitter kalt, ich konnte einfach nicht zum Hause hinaus, nicht auf die Straße konnte ich, ich hatte in wahrstem Sinne des Wortes nichts anzuziehen. Was sollte ich nun anfangen? Diese Riesensumme konnte mir in ein paar Stunden weder Hans Korn noch Paul Trapp verschaffen. Ich hatte noch nie Hans oder Paul um Geld gebeten. Was sie mir gaben, gaben sie von selbst, so wie der Vater Dir, liebste Mutter, das Wirtschaftsgeld gab. Einfach weil sich das so gehört. Ich war in einer entsetzlichen Stimmung, ich wollte mich am heutigen Weihnachtsabend verkriechen und einsam zu Hause bleiben; hätte ich jetzt Paul oder Hans telephoniert, so wäre ich um irgendeine Verabredung nicht herumgekommen, das wollte ich auf keinen Fall.

Und Erhard? Er hatte immer ausdrücklich gewünscht, daß ich ihm nicht telephoniere. Er kam, wenn er arbeitete, nie selbst an den Apparat und er arbeitete fast immer, wenn er zu Hause war. Da wäre also nun das Hausmädchen an den Fernsprecher gekommen und hätte gefragt, was es dem Herrn bestellen darf. Albern. Was hätte auch die Telephoniererei mit Erhard nützen können! Der arme Maler mit der Dreizimmerwohnung – und diese entsetzliche Summe, die mir nur helfen konnte, wenn ich sie noch heute bekam.

Trotz alledem! Mit einem Menschen mußte ich reden! Aus dem Haus heraus konnte ich nicht, ohne Mantel bei der Kälte. Frau Sebastians liebenswürdige Mieter? ich fühlte: die wußten – und lachten Hohn. Also blieb das Telephon. Und da wieder nur Erhard. Mit einer unerklärlichen Gewalt zog es mich zu dem Apparat. Unschlüssig stand ich davor – da schrillt die Glocke! Ich nehme den Hörer. Ich melde mich: »Hier Pension Sebastian.« Und ich hätte aufschreien mögen vor Freude, als es mir entgegenschallt: »Ist Fräulein Meister am Apparat? Ja? Hier ist Erhard. Darf ich eben zu dir heraufkommen und dir ein kleines Weihnachtsgeschenk bringen?«

Eine Viertelstunde später war er bei mir. Er schien sehr traurig. Und er wurde noch trauriger, als er mein betrübtes Gesicht sah. F. ließ das riesige Paket, das er sehr vorsichtig trug, noch geschlossen. »Das ist nicht die rechte Stimmung für mein Geschenk«, sagte er. »Was fehlt dir, Dolly?«

»Geld!« platzte ich heraus, und nannte die schreckliche Ziffer. Mir tat gleich wieder leid, das gesagt zu haben. Nun drängte er, bettelte und bat, bis ich ihm die Szene von vorhin haarklein berichtet hatte. Ich zögerte, ich stockte immer wieder. »Wozu mache ich dir's Herz schwer, Erhard, du kannst mir ja doch nicht helfen, niemand kann mir helfen, das ist nun mein Weihnachten.«

Er zog seine Unterlippe schweigend zwischen seine Zähne, immer wieder, bis sie zu bluten begann.

»In zwei Stunden komme ich wieder,« sagte er dann, küßte mich, nahm sein Paket ungeöffnet wieder mit und ging langsam hinaus.

Pünktlich, auf die Minute, kam er nach zwei Stunden wieder. Jetzt trug er ein anderes Paket unterm Arm. Es machte den Eindruck einer Zigarrenkiste, die hundert kleine Zigarren enthalten könnte.

»Ich will, daß dein schönes Gesicht wieder sorgenlos lächelt,« sagte er, »hier ist das Geld.« Er öffnete das Paket – es enthielt keine Zigarrenkiste, es enthielt einen Stapel von Geldscheinen. »Es sind fünfundzwanzig Päckchen,« erklärte er mir, »jedes Päckchen enthält zwanzig Scheine. Gib es deiner Wirtin.«

Mir versagte die Sprache. Ungläubig schaute ich ihn an. Träumte ich? War der Märchenprinz wirklich gekommen?

»Nimm es ruhig. Es gehört dir sowieso. Was ich dir vor zwei Stunden bringen wollte, war die Frühlingslandschaft mit deinem Bild. Ich habe sie jetzt verkauft. Nicht du hast mir zu danken, sondern ich dir. Durch dich habe ich mein Glück gemacht. Ich hätte nie den Mut gehabt, diese Summe zu verlangen, wenn du sie mir nicht vorhin genannt hättest. So aber –! Es war ein Kunde im Laden des Kunsthändlers, ein Inflationsgewinnler; dem gefiel das Bild – ich weiß wohl: weil deine Gestalt ihm gefiel, Dolly, – er wollte es haben, unbedingt, auf alle Fälle, ihm fehle für heute abend noch gerade so was unter den Baum, sagte er. Der Kunsthändler nahm mich beiseite ins Privatkontor. Ich dachte ja eigentlich, es bliebe bei einem Fünftel, ja bei einem Zehntel dieser Summe. Das hättest du der Frau Sebastian als Abschlagszahlung gegeben. Aber ich verlangte den vollen Betrag – und ich bekam ihn nicht nur, sondern der Inflationsgewinnler will für »eine neue Villa recht bald noch ein »Pendant« von mir haben, »selbst wenn die Extraanfertigung das Doppelte kostet«, hat er gesagt. Wie er draußen war, gestand mir der Kunsthändler, ich sei immer viel zu billig gewesen und er könne sich recht gut denken, daß die schöne Frau da auf dem Bilde mir endlich den Blick fürs Leben beigebracht habe. Dolly! Ich verdanke dir nicht nur das Glück von heute, sondern noch vieles kommende Glück!« So war also Frau Sebastians Märchenprinz gekommen, um zum Heiligen Abend die Rechnung zu bezahlen ...

Ich küßte ihn – auf den Mund, der so lieb reden konnte. Auf die Augen, die immer so durstig waren nach meiner Schönheit. Auf die Hände, die meinen Reiz verewigt hatten. Dann lief ich mit dem Gelde hinein zu Frau Sebastian, warf es ihr auf den Küchentisch und labte mich an ihrem Freudenschreck. Schnell brachte sie mir den Pelzmantel her; ich ihn über den Arm und zurück zu meinem Maler. »Das wird ein frohes Weihnachten!« jauchzte ich. Da fiel mir auf, wie traurig er war.

»Für mich nicht!« sprach er. »Was hast du denn für den Abend vor?«

»Ich sagte dir ja schon, Erhard. Hans Korn und Paul Trapp, jeder von beiden hat mich eingeladen.«

»Ja, ja. Und du wolltest zu Hause bleiben, weil dir der Pelzmantel fehlte. Du hast ihn wieder. Was tust du nun?«

»Ich will sie beide niemals wiedersehen, weder Paul noch Hans. Da ich heute den Weihnachtsabend nicht bei dir verbringen kann, Erhard, werde ich still zu Hause sitzen, allein, und mich freuen, wenn ich weiß, daß du wenigstens ein winzig kleines bißchen an mich denken willst.«

»Allein zu Hause sitzen. Wie ich.«

»Du Erhard? Ja, um Himmels willen, was ist denn? Verbringst du nicht den Abend mit deiner Frau und deinem Jungen beim Weihnachtsbaum in deinem Atelier?«

»Im Atelier ist der Baum aufgebaut. Aber meine Frau ist gestern abend abgereist. Nach Konstanz. Zu ihren Eltern.«

»Erhard! Und der Heinz, dein Junge?«

»Den hat sie mitgenommen; ihre Eltern wollten es so; ihr Vater, der Herr Landgerichtsrat, schrieb mir eine lange juristische Abhandlung: in schwierigen Lagen gehöre das Kind zur Mutter. Und die Frau Landgerichtsrätin schickte mir einen zwar kürzeren, aber überzeugenderen Brief mit: in Berlin erwarte man für den Januar große Unruhen, in Konstanz sei alles friedlich; in Berlin sei für den Jungen das Essen so knapp, in Konstanz sei alles reichlich vorhanden, weil aus der Schweiz schon vieles herbeikäme. Da hab' ich denn meiner Frau den Heinz mitgegeben. ›Weihnachten bei den Großeltern‹ ist für ihn die Spitzmarke der merkwürdigen Winterreise geworden. Weihnachten ohne den Vater. Wie lange wird seine vaterlose Zeit dauern!«

»Erhard! Erhard – deine Frau will sich ... von dir ...?«

Er nickte.

»Bin ich der Grund?«

»Ja und nein. Mein Schwiegervater schreibt in seiner juristischen Abhandlung, seine Tochter habe einen Landschaftsmaler geheiratet und keinen Weibermaler.«

»Weiber? Außer mir hast du ja, seit du verheiratet bist –?«

»Keine außer dir. Und darum muß ich nun meinen Jungen hergeben. Weihnachten ohne mein Kind, Vielleicht mein Leben ohne mein Kind. Und ohne meine Frau.«

»Du liebst sie? Trotz allem?«

Wieder nickte er still. Dann sprach er:

»Welcher Mann könnte sagen, daß er die Mutter seines Kindes nicht liebt? Trotz alledem und alledem.«

»Es wird vielleicht alles wieder gut werden, Erhard.«

»Hoffen wir. Weihnacht ist ja so recht ein Fest des Hoffens.«

»Du wirst traurig sein heute abend, Erhard ...« begann ich; aber dann schlug meine Stimmung um. »Nein, Erhard,« rief ich, »lustig wirst du sein heute abend – denn ich komme zu dir, mein schönstes Kleid will ich anziehen, meine beste Laune will ich mitbringen; ich sorge dafür, daß etwas Gutes zu essen und zu trinken da sein wird, Laß mich nur machen. Wenn ich will, kann ich soviel Fröhlichkeit ausstrahlen, daß die eisigste Rinde schmelzen muß – –«

»Du bist ein guter Kerl, Dolly. Du meinst, weil ich dir in deiner Verlegenheit geholfen habe, mußt du mir aus meiner helfen. Nein. Geh zu Hans Korn. Oder geh zu Paul Trapp. Sie würden sich freuen. Ich muß allein bleiben mit meiner endlos tiefen Trauer.«

Nur meine Hand drückte er an seine Lippen, dann ließ er mich in meinem Stübchen allein.

Kaum war er fort, kam Hans Korn angestürmt, der Hauptmann a. D. und Kunstseidenprokurist, beladen mit Paketen: Blumen, Rotwein, Rheinwein, Sekt, Butter, Fleischwaren, Schokolade, Keks. Ich nahm die teuren Gaben kühl entgegen. Endlich erschien die Hauptsache, aus der Rocktasche. Ein Etui. Mit etwas Goldigem drin. »Nimm es wieder mit, Hans, ich komme heute abend nicht zu dir.«

Er bat und bettelte.

»Sag mir wenigstens, wo du hingehst, Dolly?«

»Zu Frau König,« log ich.

»Der Gattin des Kunstmalers? Hm. Sehen wir uns morgen?«

»Wir sehen uns niemals wieder, Hans.«

»Du hast heute deinen launischen Tag. Ausgerechnet am vierundzwanzigsten Dezember.«

»Ich bin nicht launisch, Hans, ich bin deiner überdrüssig. Ich will dich nicht zum Mann, ich will dich auch nicht länger zum Freund. Die Blumen und die Kleinigkeiten darfst du hier lassen. Das Etui mußt du wieder einstecken. Jetzt geh.«

»Du verdirbst mir das ganze Fest.«

»Immer noch besser als das ganze Leben, Hans.«

»Wie willst du am Ersten deine Rechnung bezahlen!«

»Laß das meine Sorge sein, Hans, und geh jetzt.«

Als er sich immer noch nicht rührte, gab ich ihm seinen Hut und seinen Stock in die Hand und öffnete die Stubentür. So niederträchtig war ich, aber ich mußte allein sein, allein um jeden Preis.

Nicht lange erfreute ich mich der teuer erkauften Einsamkeit. Paul Trapp kam. Er kam ohne Geschenke. »Was liegt hier alles umher? Sekt? Blumen?«

Wieder war eine Lüge nötig. »Ja. Von Frau König, der Kunstmalersgattin, mit der ich jetzt sehr befreundet bin.« Paul ist immer so blaß und leidend. Man muß ihn schonen.

»Da verbringst du wohl gar den Weihnachtsabend bei Königs? Zu schade. Ich bin gestern umgezogen. Ich wohne nicht mehr im Hotel Keßler ...«

»Aber da warst du doch monatelang so zufrieden?«

»Es ist von einem Ministerium als Bureau beschlagnahmt. Ich bin jetzt ins Hotel Böttner gezogen. Da habe ich ein viel schönres Zimmer. Zu schade. Nun ist schon alles aufgebaut. Der Baum. Und die kleinen Geschenke. Du weißt ja, viel schenke ich nie. Du sollst nie dazu kommen, mich meiner Geschenke wegen gern zu haben.«

»Ja, es ist schade, daß ich nicht kann. Aber ich muß zu Königs.«

»Hör mal, Dolly! Da bleibst du doch höchstens bis elf, zwölf Uhr. Komm doch dann wenigstens. Ich werde dem Nachtportier Bescheid sagen.«

»Nein, Paul, ich komme nicht.«

»Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich habe dem Direktor gesagt, ich ziehe nur unter der Bedingung dauernd ins Hotel, daß meine Braut mich unbelästigt zu jeder Zeit besuchen kann. Versprich mir nichts, Dolly, aber schlage mir auch nichts ab. Ich habe das Zimmer Nummer dreiundsechzig, es ist im zweiten Stock, gleich die erste Tür links. Ich lasse die Nacht über offen, der Portier ist genau instruiert. Komm, Dolly! Ja?«

Und während ich mich auf die Antwort noch besann, die ihm das Nein erklären sollte, war er langsam gegangen.

So viel mußte ich lügen, um meinem Plan, am Weihnachtsabend allein zu bleiben, auch nur näher zu kommen.

Gegen fünf Uhr, als es dunkel wurde, kam Frau Sebastian herein, die mich tausendmal um Entschuldigung bat wegen ihrer Erregtheit von heute früh. Sie hatte sich gestern abend verleiten lassen, mit der Filmgräfin einen Spielklub zu besuchen, hatte viel Geld verloren und insbesondere ... ihre Ruhe. Jetzt war alles wieder gut und sie bestand darauf, auch ich müsse wieder gut sein, ich solle den Weihnachtsabend mit ihr und ihrem Karlchen verbringen. Denn sie habe einen Narren an mir gefressen und habe mich lieber als ihre eigene Tochter in Amerika drüben.

Da log ich denn zum drittenmal den gleichen Schwindel von der Einladung bei den Künstlersleuten – aber dieses Mal mit einem besonderen Erfolg: -

»Ei, das ist ja glänzend!« rief Frau Sebastian und klatschte in die Hände. »Da kann ich ja mit Karlchen und seinen zwei Freunden, den Waisenkindern, unseren Baum hier in Ihrer Stube aufstellen ...«

So wurde ich für den heiligen Abend aus meiner eigenen Stube vertrieben.

Wohin sollte ich nun gehen?

Ich wußte es.

Ich hatte es schon den ganzen Nachmittag über gewußt:

Zu Erhard! Zu meinem Maler!

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