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Wir waren alle verrückt

Gustav Hochstetter: Wir waren alle verrückt - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Hochstetter
titleWir waren alle verrückt
publisherTheod. Thomas Leipzig
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidc0956eef
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Zweites Schriftstück

Du fragst mich, meine über alles geliebte Mutter, welches jene einzige bittere Stunde ist, die ich aus meinem Leben auslöschen möchte. Aber ich kann Deine Frage heute noch nicht beantworten. Laß mir Zeit, ich komme gewiß von selbst darauf zurück. Aber gern will ich Deine zweite Frage, wie es weiter zwischen Erhard und mir wurde, heute beantworten.

Fast so gut wie Du selbst, liebe Mutter, verstand es Erhard, mir den Mund zur Wahrheit zu öffnen, mich keine Lüge erzählen zu lassen, oder doch nur – seien wir ehrlich – sehr wenige. »Es muß Dir schlecht ergangen sein, als Du dieses Zimmer mietetest,« sagte er mit einfacher Selbstverständlichkeit. Nun erzählte ich wahrheitsgetreu, daß ich arm war wie eine Kirchenmaus, als ich hier einzog; daß ich zu jener Zeit mit einem einzigen winzigen Köfferchen aus Hannover durchgebrannt war, wo drei Männer mich dem Wahnsinn nahebrachten, weil jeder von ihnen durchaus wollte, daß ich ihn heiraten solle, während nicht einer mir gut genug gefiel, daß ich mich auch nur auf drei Jahre an ihn hätte binden mögen.

Über jeden dieser Freunde erzählte ich dem Maler ausführlich. Ich verschwieg nicht, daß der kleine Udo von Tillberg sich meinethalben bedenklich in Schulden gestürzt hat. Ich gestand auch, daß Major Stübner mich nie anders sehen wollte als in hochgeschlossenen Kleidern, die ich mir besonders machen ließ, die vorn herunter von oben bis unten zu knöpfen gingen, mit einem einzigen Ruck aufzureißen und so eng waren, daß unter ihnen nur mein nackter Körper Platz fand, aber nicht ein einziges Wäschestück. Ich erzählte Erhard, daß der General a. D. Graf Klarau, die alte Exzellenz, nicht weniger als acht Kinder hatte, fünf davon schon verheiratet, und sich trotzdem scheiden lassen wollte, um sich mit mir trauen lassen zu können.

Erhard hörte mich schweigend an.

»Daß wir uns in Hannover nie sahen!«

»Sie haben – du hast in Hannover gewohnt, Erhard?«

»Und viel mit Militärs verkehrt, ich kannte Tillberg, Stübner und den Grafen Klarau.«

»Merkwürdig, Erhard.«

»Und nun noch etwas viel Merkwürdigeres, meine schöne, arme Freundin! Alle drei sind dann im Weltkrieg gefallen. Tillberg im Westen, Major Stübner am Isonzo, Graf Klarau wurde in Serbien von einer Fliegerbombe getötet. Und alle starben am gleichen Tag, am 26. Juli.«

Ich schrie auf.

»Was hast du denn, Dolly?« fragte Erhard.

»Der 26. Juli ist mein Geburtstag,« sprach ich leise.

Die Nachricht, die dreifache Unglücksnachricht, kam mir so überraschend, daß ich dem Maler fast einen üblen Scherz zutraute. Aber es war alles wahr. Wir unterhielten uns lange und ausführlich über die drei Toten, die unsere gemeinsamen Bekannten geworden waren. Am gleichen Tage des Jahres 1918, an meinem Geburtstag, waren sie alle drei aus dem Leben geschieden, sie, die – ohne daß es einer vom andern ahnte – durch ihre unerschütterlichen Heiratspläne mich fast zum Selbstmord getrieben hatten, bis ich die hübsche Vierzimmerwohnung im Stich ließ, die mir Udo Tillberg eingerichtet hatte, die schönen Kleider, mit denen sie alle drei mich beschenkt hatten, und mit dem kleinen Köfferchen nach Berlin durchgebrannt war.

Wie schrecklich, daß ich nie weinen kann. Der heftigste Schmerz selbst läßt mir die Augen trocken. Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, in meinem gobelinbezogenen Klubsessel, im weiten, weichen, weißen Bademantel. Als ich mich in die Wirklichkeit zurückgefunden hatte, sah ich, daß Erhard einen kleinen Zeichenblock in der Hand hielt, dessen oberstes Blatt mein Gesicht in Bleistiftstrichen zeigte. »Man sieht es diesen schönen Zügen an, daß die Trauer bei ihnen ein seltener Gast ist,« sprach Erhard, »gerade deshalb wirkt sie um so ergreifender.«

Ich schaute mir das Blatt an. Da geschah etwas Seltsames. Als ich meine, von Erhards Hand wiedergegebene, tränenlose Trauer in der Zeichnung sah, rührte sie mich so tief, daß ich – seit Jahren zum erstenmal – zu weinen begann. Wie wohl mir das tat, als mein Schmerz sich in den salzigen Tropfen zu lösen begann. Frei und leicht wurde mir zumute. Als Erhard mir die dreifache Todesbotschaft verkündet hatte, dachte ich, ich sei eine dreifache Mörderin. Wie aber die Tränen zu fließen begannen, fühlte ich, daß ich nicht die Schuld am Tode der drei braven Menschen trage. Ich hatte den Dreien alles Gute gewünscht, alles Gute, nur nicht – – mich! Nicht mich als angetraute Ehegattin. Wer weiß ja auch, ob das ein Gutes für einen von ihnen gewesen wäre.

»Willst du die kleine Zeichnung von mir annehmen?« fragte Erhard.

Meine Antwort war ein leiser Kuß mit zurückhaltenden, beherrschten Lippen.

»Es ist seit Jahren das erstemal, daß ich etwas anderes skizziere als nur immer Landschaftliches. In meinem Atelier habe ich eine Frühlingslandschaft stehen; der fehlt als Staffage die weibliche Gestalt; die wollte mir bis heute nicht gelingen. Wenn du, blonder Liebling, mir sitzen würdest, müßte mir die Figur glücken.«

»Ob ich will, du Lieber!« Wieder küßte ich ihn. Diesmal nicht ganz so beherrscht, aber noch ein wenig verhalten.

»Ich weiß nicht, ob ich es von dir verlangen darf; denn die Figur muß ... darf nicht ... darf keine Kleider tragen ...«

»Ich will nackt vor dir stehen,« rief ich. Und gab ihm den dritten Kuß, in den ich all meine Leidenschaft legte.

Nachschrift: Als ich diesen Bericht an Dich, liebe Mutter, vor dem Absenden noch einmal durchlas, bereitete es mir ein besonderes Vergnügen, festzustellen, mit wie tadelloser Rechtschreibung ich ihn abgefaßt habe. Ja, Mutter, ich danke Dir, daß Du mich etwas Ordentliches hast lernen lassen! Die kenntnisreiche Frau tritt im Leben sicherer auf als die ungebildete und tastende. Und weißt Du, bei welcher Beobachtung ich auf dieses Dankbarkeitsgefühl für Dich kam? Als ich sah, wir richtig ich bei Dir, dir, Dich, dich usw. mit dem großen D und dem kleinen d abwechsle. In der brieflichen Anrede immer Du, Dir, Dich, – in der »erzählenden Prosa« immer du, dir, dich, wie sich das so gehört. Wer schön sein will, muß auch eine schöne Handschrift schreiben und eine schöne Orthographie!

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