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Wir waren alle verrückt

Gustav Hochstetter: Wir waren alle verrückt - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Hochstetter
titleWir waren alle verrückt
publisherTheod. Thomas Leipzig
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidc0956eef
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Als ich an einem warmen Septembertage im Garten meines Landhauses zu Bad Saarow, das damals noch den Namen Saarow-Pieskow trug, allein in dem kleinen Pavillon saß, vor dem das sommerliche Grün der Blätter sanft ins Rotbraun des Herbstes spielte, sah ich auf der Straße, dem breiten Kronprinzendamm, eine Frau von mittleren Jahren erregt auf und ab gehen.

Die Frau schien mit einem Entschlusse zu kämpfen.

Endlich trat sie in meinen Garten, kam zu mir in den Pavillon, zog ein längliches Paket unter ihrem weiten Mantel hervor, und sprach, indem sie den Packen vor mich auf den runden Kiefernholztisch legte, mit bebender Stimme:

» Erfüllen Sie den Wunsch einer Toten. Wir waren alle verrückt

Ohne Gruß verließ die Erregte den kleinen Pavillon.

Aber bevor ich mich von meinem Staunen so weit erholen konnte, daß ich an das Öffnen des Päckchens dachte, war sie umgekehrt.

Wieder trat sie zu mir heran.

Ein unverständliches Gemurmel, das wohl als eine Entschuldigung zu deuten war, und die Frau öffnete das Paket.

Es enthielt eine Mappe aus fremdartigem, seidig glänzenden Gewebe.

Die Frau entnahm der großen, seidig glänzenden Mappe ein dickes Bündel beschriebener Papiere. Das legte sie vor mich hin. Die Mappe nahm sie an sich, wandte sich zum Gehen, versuchte noch einmal zu sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Endlich sprach sie. Sie wiederholte den kurzen Satz von vorhin:

» Wir waren alle verrückt

Dann ging die Frau. Ohne Gruß. Wie sie gekommen war. Ich sah sie nie wieder. So oft ich an sie denke, muß ich mich immer wieder darüber wundern, daß meine vier Hunde, die sonst jeden Besuch geräuschvoll anmelden, diese Frau kommen und gehen ließen, ohne daß die Tiere einen Laut von sich gaben.

Das Bündel beschriebener Papiere erwies sich als ein Zusammenhang von zwölf einzelnen Schriftstücken. Die Handschrift war die eines gebildeten, klugen, aber allzu selbstbewußten jungen Mädchens: große, steile Buchstaben, meist von einprägsamer Deutlichkeit, zuweilen aber bis zur Unlesbarkeit verschnörkelt, im ganzen jedoch eine sympathische Schrift, der das Auge gerne folgt.

Obwohl die ersten Schriftstücke nichts anderes sein wollten als die abwechslungsreichen Geständnisse einer lebensdurstigen Schönheit, waren sie für mich von der Tragik der Geleitworte umzittert, mit denen mir die Blätter überreicht worden waren. Wer war die Tote? War es die junge schöne Schreiberin dieser Briefe? Wer war die zitternde Frau, die mir das Bündel gebracht hatte? Wie ein Blinder ging ich durch den Irrgarten der ersten Seiten.

Weiter und weiter las ich. Das glitzernde Buch strahlender Lebensfreude, – was hatte es mit Tod und Grauen zu schaffen? Schien es bereits ein Unerhörtes, daß eine Tochter der eigenen Mutter solche Geständnisse der Genußfreude schrieb, wie erschütternd packten mich erst die Offenbarungen, die ich auf den letzten Seiten der Sammlung fand.

Als ich so weit gelesen hatte, wußte ich: es war Dolly Dolorosas Mutter, die mir das Bündel Briefe gebracht hatte.

Dolly Dolorosa – diesen Doppelnamen hat nicht das schöne Mädchen in seinen Briefen sich gegeben. Ich gab ihn ihr. Nach dem Lesen ihrer Geständnisse. »Dolly«, so hieß sie für mich im ersten, im glitzernd lebensfrohen Teil ihrer Briefe. Als »Dolorosa« erschien sie mir, als sie der eigenen Mutter bitterste Vorwürfe schreiben mußte.

Einen Roman der Rache hätte ich das Buch nennen mögen, als ich es zu Ende gelesen hatte, der fürchterlichsten Rache, die je eine getäuschte Gattin ersann und vollzog ...

Die Namen in den Blättern habe ich geändert. Die allzu häufige Erwähnung der Geldnöte aus der Inflationszeit merzte ich aus, sie sind ja uns allen bekannt. Jahrelang zögerte ich, das Buch zu veröffentlichen; jetzt endlich halte ich die Zeit dazu für gekommen. Wer meinen Stil kennt, wird bemerken, wie wenig meine Feder verändert hat an den Mitteilungen der schönen Briefschreiberin, deren Worte sich an manchen Stellen zu gedankenreicher Größe erheben. Es sollen ihre eigenen Worte sein, die, gleich Glocken ehern läutend, den Schluß dieser kurzen Vorrede bilden mögen:

»Der Himmel hat uns die Jugend nicht gegeben, damit wir sie vertollen und verschleudern. Reize geschenkt hat er dem Mädchen, damit es die Neigung eines Manneseines Mannes! – erwerbe, mit ihm ein neues Geschlecht gründe und so fürs späte Alter die Blume der Liebe pflanze, der Liebe, die die einstige Jugend verbinden soll mit der Jugend von heute. Nur so kann die Welt bestehen.«

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