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Wir waren alle verrückt

Gustav Hochstetter: Wir waren alle verrückt - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Hochstetter
titleWir waren alle verrückt
publisherTheod. Thomas Leipzig
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidc0956eef
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Letztes Schriftstück

Vor wenigen Stunden, Mutter, habe ich Deinen Brief erhalten.

Nach wenigen Stunden, Mutter, wird Deine Tochter nicht mehr am Leben sein. Die scherzhafte Geschichte mit den vier Mauersteinen, die der Polier erzählte, hat mir zu gut gefallen. Sobald ich diesen letzten Brief an Dich, Mutter, zur Post getragen habe, trage ich vier Mauersteine und meinen dicken grünen Flauschmantel in unser hübsches neues Ruderboot, rudere allein hinaus, und wenn ich an eine einsame Stelle des Scharmützelsees komme, ziehe ich im Boot den dicken grünen Flauschmantel an, stecke mir die vier Mauersteine in die Taschen und neige mich langsam über den Rand des kleinen Fahrzeugs. Wenn die kühlen Fluten mich umarmen, will ich vergessen, daß ich eine gute Schwimmerin war, vergessen, daß ich eine gute Tochter war, vergessen, daß ich eine angebetete Mutter hatte, die mich verraten hat.

Mutter, wie konntest Du das tun! Wie konntest Du so an mir handeln!

Immer wieder muß ich Deinen Brief lesen, der Vaters Anklage entkräften will, und der doch nichts weiter ist als Deine eigene Anklage gegen Dich selbst. Noch bin ich geblendet von dem grellen Glanze der unheimlichen Rache, die Du nun seit Jahren an meinem Vater nimmst, Du unersättliche Rächerin! Daß Du mich in die Fremde schicktest, daß Du mich ansporntest, in der Fremde alle Freuden des Lebens auszukosten, daß Du mir das Versprechen abnahmst, Dir über all meine Liebesfreuden ausführlich zu berichten – alles Deine Rache, Deine Rache an meinem Vater, dem Du nun seit Jahren Tag für Tag jede Mahlzeit vergiftest durch das immer aufs neue wiederholte Vorlesen meiner Briefe ...

Ich sehe Dich vor mir, Mutter, ich höre Dich, wie Du – die Linke auf meinen Blättern, die Rechte drohend erhoben – ihm täglich in die Ohren rufst: »Das hast du Schuft aus deiner Tochter gemacht!«

Dich, Mutter, versagtest Du ihm. Aus Haß. Die anderen Frauen verwehrtest Du ihm. Aus Eifersucht. Deshalb ließest Du ihn nie allein, kamst nie zu Deiner Dich rufenden Tochter!

Mutter, Du, die ich über alles liebte! Mutter, Du, zu der grenzenloses Vertrauen mich erfüllte! Mutter, meine treue Liebe zu Dir hast Du mißbraucht, hast Du erniedrigt zum Werkzeug der gräßlichsten Rache! Aber auch gegen Dich tritt das Schicksal als Rächerin: Du hast das Unglück, mir Dein Geständnis in dem verhängnisvollsten Augenblick meines Lebens geschrieben zu haben, zu einer Zeit, da ich aus anderem, aus bitterstem Anlaß Deines Trostes stärker bedurft hätte als je zuvor, an einem Tage, wo die Tücke des Daseins mich schon so mürbe und elend gemacht hat, daß das Geständnis Deines Verrates mich nun zu Boden werfen mußte.

Noch ein paar Stunden – und ich lebe nicht mehr. Das ist mein einziger Trost.

Schrieb ich Dir, daß Heinrich, der Chauffeur, hinter mir her war wie der Teufel hinter der armen Seele? Er ist ein hübscher, brauner Bursche. Aber sein Duft war mir widerlich, ich mochte ihn nicht. Selbst als er drohte, dem Holzhändler Paul all meine kleinen Geheimnisse zu verraten, half dem Chauffeur das nicht. Ich würde mich bei Paul schon wieder herausgeredet haben. Aber Heinrich schwieg – und als er mit mir allein in der Villa war, überfiel er mich und machte mich, seit gestern weiß ich's, machte mich krank. Keine gefährliche Krankheit, aber so häßlich, so häßlich ...

»Domina Dolorosa« nannten sie mich, als ich zur Bühne ging ... Ach! auch das ist anders gekommen, als ich mir gedacht hatte! Schrieb ich Dir damals nicht, daß der lateinische Doppelname nur zur Hälfte für mich passe? Als Domina, als »Herrin«, fühlte ich mich, weil ich wähnte, daß meine Schönheit mich zur Herrscherin über das starke Geschlecht mache. Wie habe ich mich getäuscht! Meine Schönheit war der Tyrann, unter dessen Joch meine Seele seufzte, unter dessen Druck mein besseres Ich zugrunde ging!

Dolorosa, die »Schmerzensreiche«, ja, nun fühle ich: ich bin es – und im tiefsten Innern meines Herzens war ich es immer; schmerzensreich, denn nie fand ich den Einen, dessen Leben ich ausfüllen durfte, den Einen, dem ich alles, der mir alles hätte sein können!

In der gleichen Viertelstunde erfuhr ich vom Arzt meine Erkrankung und noch eines: ich soll Mutter werden. Mutter eines kranken, gar eines blinden Kindes? Und weiß ich nun, ob ich des Chauffeurs widerliches Leiden nicht weitergegeben habe? Armer Paul, armer Erhard!

Du einstmals von mir über alles geliebte Mutter! Erkenne heute, wozu Du Deine Tochter erzogen hast! Vater unterlag seiner Schwäche – das war menschlich! Du aber, meine Mutter, Du unterlagst Deiner Rache – und die überstieg alles Menschliche – denn sie war wider alles Menschentum! Ja, die schreckliche Zeit macht uns alle wahnsinnig – aber Dein Wahnsinn, ist er denn denkbar?

Wie ward, wie entstand dies alles?

Ich kam aus der Pension zurück in Euer Haus. Ohne Widerspruch sahst Du, wie verliebt Vater mich streichelte, küßte, drückte, auf den Schoß nahm. Konnte ich ahnen, daß nicht das Vaterherz dies tat, sondern der ausgehungerte Sinn eines Mannes, den Deine Launenhaftigkeit just an Liebe darben ließ? Ich glich Dir an Gesicht und Gestalt – seine arme, verwirrte Seele liebte Dich, die sich ihm schrullenhaft versagte, seine Sinne griffen nach mir, die von alledem nichts ahnen konnte. Wie gering erscheint mir, obwohl ich das Opfer war, Vaters Vergehen – im Vergleich zu dem irrsinnigen Verbrechen Deiner Rache, das mich so tief erniedrigt, daß ich nie wieder mich aufzurichten vermag. Die Entschleierung meiner Seele und meines Körpers, nur für das Auge der verstehenden und verzeihenden Mutter in meinen Briefen Dir dargeboten, Du nahmst sie mit heuchlerischen Worten von mir entgegen und gabst alle die Worte, die meinem Innersten entströmten, dem Ohr des Mannes preis, der auf der Welt keinen Sproß, keinen Nachkommen besitzt als mich.

Was ich für den Weg der Freude hielt, war der Pfad des bittersten Leides, der tiefsten Schmerzen – für meinen Vater und nun für mich. Und für Dich.

Wurde je eine schrecklichere Rache ersonnen! Wie mußte Vater mich verachten – Dich aber hassen! Sein Haß gegen Dich wurde zum Mühlstein, Dein Haß gegen ihn wurde zum Mühlstein, und das Mahlen dieser Steine hat mich, Euer einziges Kind, zu Staub zerrieben, zu dem Staube des Welkens und Verwesens. Schlechtes Geld, schlechte Menschen. In guten, glücklicheren Zeiten hätte all das nie so werden können. Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles! Ach wir Armen ...

Soll ich weiter leben, um das Schreckliche noch tiefer auszukosten? Soll ich weiter leben, um zu erfahren, ob ich meinem Freunde Erhard und meinem Gatten Paul, den beiden Männern, die ich liebe, das Leiden des Chauffeurs weitergab.

Den beiden Männern, die ich liebe! – Da steht es geschrieben, das Gräßliche, das ich Dir so oft schrieb, daß es meiner Feder schon zur altgewohnten Wendung geworden ist. Kann eine Frau zwei Männer lieben? Nein und tausendmal nein! Nur Deine entsetzliche Rache ist es, Mutter, die mich zu solchen Verkehrtheiten erzogen hat! Der Keim zu bösen Dingen schlummert in jeder Jugend; das Alter, die Älteren, die Eltern – sie sind dazu da, Jugendunkraut aus den jungen Seelen zu jäten, Gutes an dessen Stelle zu pflanzen, Lehrer und Vorbild zu sein. Warst Du, Mutter, mir Lehrerin und Vorbild?

Wahnsinnige Rache übtest Du! Du, eine Frau – also geschaffen zum Verzeihen!

Ein übles Beispiel wurdest Du Deinem Kinde, das Du zum Werkzeug Deines Rächens machtest, ob es auch darunter zerbrach und zu Trümmern ging.

Ich will nicht, daß Du an meinem Grabe betest. Im See will ich versinken, wo er am tiefsten ist. Und am schlammigsten. Da gehöre ich hin. Tief in den Schlamm. Da ist mein Platz. Du hast ihn, Mutter, mir bestimmt.

Freilich, einen günstigen Nährboden bot meine närrische Eitelkeit dem Rachegift, das Du in mich sätest! Was für eine bin ich geworden! Den Gatten, den ich liebe, betrog ich tausendmal, tausendmal den Freund, den ich verehre. Wen habe ich glücklich gemacht? Keinen, keinen, keinen! Drei Freunde fielen im Felde, der kleine Udo von Tillberg, Major Stübner und General Graf Klarau, von denen keiner wußte, daß ich mit den beiden anderen ihn betrog. Wahnsinn umnachtet das Hirn meines Freundes Hans Korn, der in meinem Stübchen in der Düsseldorfer Straße sich einen Ersatz für meine unstete Liebe erziehen wollte. In Campina modert die Leiche des alten Barons Uzzicanu, des Petroleum-Magnaten, der sich erschossen hat, weil ich ihm meine Hand versagte, und in Bukarest im Garten der Villa hinterm Cismigiu-Park liegt der kleine Affe begraben, das goldige Peterchen, das den Verlust meiner Jugendschönheit nicht zu ertragen vermochte. Noch jeder, dem ich für eine flüchtige Stunde mich schenkte, hat tiefes Leid erfahren, weil ich für die lange Zeit des Lebens mich ihm versagte. Glücklich? Es ist keiner, den ich glücklich gemacht hätte. Und ich weiß, welch ein bitteres Leid morgen über Erhard, heute über Paul kommen wird, wenn sie erfahren, daß ich gestorben bin.

Und wenn Du nun auch meine Mörderin bist, Mutter, ich bin noch schlimmer als Du, ich bin die Schlimmste. Es ist gut, daß ich Elende ausgelöscht werde aus der Liste der Lebenden. Der Himmel hat uns die Jugend nicht gegeben, damit wir sie vertollen und verschleudern. Reize geschenkt hat er dem Mädchen, damit es die Neigung eines Manneseines Mannes – erwerbe, mit ihm ein neues Geschlecht gründe und so fürs späte Alter die Blume der Liebe pflanze, der Liebe, die einstige Jugend verbinden soll mit der Jugend von heute. Nur so kann die Welt bestehen. Ich habe gefrevelt. Verküßt und vertanzt habe ich meine Jugend. Trostlos entgegenstarren würde mir die Zukunft, wenn ich ihr entgegengehen wollte. Ich will es nicht. Ich sterbe. Und die Welt? Wird die Welt bestehen? Wird die Welt eine Zeit überstehen können, wo nach den Milliarden Billionen kamen? Werden nach den Billionen die Billiarden kommen? Nach den Billiarden die Trillionen? und endlich der Untergang?

Du, Mutter, hast mich getötet. Dir das Rachewerkzeug zu liefern, sollte ich mich ausleben! Mich ausleben, um Dir meine Tollheit in Briefen beichten zu können, die Du gegen Vater schleudertest. Und wie endet das Laster? Ein Kind trag' ich unterm Herzen; bliebe ich am Leben und gäbe das Leben dem Kinde, hohnlachend müßte ich an den Fingern der Hand abzählen: Wer ist des Kindes Vater? Der Maler, der Gatte, der Chauffeur? Ich muß sterben um Deine Schuld, meine Schuld und den Wahnsinn der Zeit zu büßen. Das arme Ungeborene muß mit mir zugrunde gehen. Von den Sünden der Väter spricht die Bibel, aber noch schlimmer sind die Sünden der Mütter, die Sünden meiner Mutter.

Die Bibel. Welch anderes Buch lehrt die Todesstunde uns lesen, wenn nicht die Bibel? Ja. Ich lief in unser Herrenzimmer, zur Bibliothek – die ja wohl von der Bibel ihren Namen hat – holte mir »Die heilige Schrift« und fragte sie um ihren Beistand in diesen schweren Stunden.

Was hat mir die Bibel geantwortet?

Das Buch Sirach spricht zu den Gerechten in seinem neunten Kapitel also:

»Fliehe die Buhlerin, daß du nicht in ihre Stricke fallest. Gewöhne dich nicht zur Sängerin, daß sie dich nicht fange mit ihren Reizen. Wende dein Angesicht von schönen Frauen, und siehe nicht nach der Gestalt anderer Weiber; denn schöne Frauen haben manchen betöret, und böse Lust entbrennt davon, wie ein Feuer. – Sitze nicht bei eines anderen Weibe und herze dich nicht mit ihr, und prasse nicht mit ihr, daß dein Herz nicht an sie gerate, und deine Sinne nicht betöret werden.«

Mutter, so verdammte Dich und mich das Buch Sirach! Ich schlug die Sprüche Salomos auf und ihr fünftes Kapitel donnerte mich an:

»Mein Kind, merke auf meine Weisheit; neige dein Ohr zu meiner Lehre, daß du behaltest guten Rat und dein Mund wisse Unterschied zu haben; denn die Lippen der Hure sind süß wie Honigseim, und ihre Kehle ist glätter denn Öl. Aber hernach bitter wie Wermut, und scharf wie ein zweischneidig Schwert. Ihre Füße laufen zum Tode hinunter, ihr Gänge verlangen die Hölle. Sie geht nicht stracks auf dem Wege des Lebens; unstät sind ihre Tritte, daß sie nicht weiß, wo sie gehet. Laß deine Wege fern von ihr sein und nahe nicht zur Tür ihres Hauses.«

Und das siebente Kapitel des Buches Salomos, Mutter, spottete Deiner und meiner also:

»Sprich zur Weisheit: du bist meine Schwester, und nenne die Klugheit deine Freundin; daß du behütet werdest vor dem fremden Weibe, vor einer anderen, die glatte Worte gibt; denn am Fenster meines Hauses schauete ich durchs Gitter, und sah unter die Albernen, und ward gewahr, unter den Kindern, eines närrischen Jünglings; der ging auf der Gasse an einer Ecke, und trat daher auf dem Wege an ihrem Hause, in der Dämmerung, am Abend des Tages, da es Nacht ward und dunkel war. Und siehe, da begegnete ihm ein Weib im Hurenschmucke, listig, wild und unbändig, daß ihre Füße in ihrem Hause nicht bleiben können. Jetzt ist sie draußen, jetzt auf der Gasse, und lauert an allen Ecken; und erhaschte ihn, und küßte ihn unverschämt, und sprach zu ihm: ›Ich habe mein Bett schön geschmückt mit bunten Teppichen aus Ägypten. Ich habe mein Lager mit Myrrhen, Aloe und Cynnamen besprenget. Komm, laß uns genug buhlen, bis an den Morgen, und laß uns der Liebe pflegen.‹ Sie überredete ihn mit vielen Worten, und gewann ihn mit ihrem glatten Munde. Er folgte ihr bald nach, wie ein Ochs zur Fleischbank geführt wird, und wie zur Fessel, damit man die Narren züchtigt. Bis sie ihm mit dem Pfeile die Leber spaltete; wie ein Vogel zum Strick eilt, und weiß nicht, daß es ihm das Leben gilt. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man hinunter fährt in des Todes Kammer.«

Mutter, Mutter! Ich brauche keinen Priester mehr an meinem feuchten Grabe; denn Salomo hat mir die Leichenrede gehalten. Er hat mir gesagt, daß ich der schlimmsten Dirnen eine bin und zur Hölle fahren muß; seine Worte waren, als ob sie vor Tausenden von Jahren nur für mich geschrieben worden seien. Da glaubt man nun wer weiß wie eitel, ein modernes Leben geführt zu haben, man rechtfertigt alle Lotterei und Bummelei mit der nagelneuen Nervosität, die durch die Erschütterungen der Billionenzeit in unser Dasein getragen worden ist. Und man schlägt ein uraltes Buch auf und liest, daß schon vor Jahrtausenden die Menschen so verderbt waren wie heute. Nur ich bin noch schlechter als jene; denn Du, Mutter, warst allzu grausam gegen mich. Gegen den Vater und gegen mich. Von Deiner Niedertracht steht noch nichts im Buche Sirach und in den Sprüchen Salomos.

Als die Prediger so mir ihren Trost verweigert hatten, suchte ich Trost bei den Tieren. Bei meinem toten, goldigen Peterchen suchte ich Trost; denn just vor einer Stunde kam mit einem Lastauto aus Berlin der Monteur, der den von Paul gekauften Vorführungsapparat für Lichtbilder brachte und in der Diele montierte. Peterchens Film wollte ich zum Trost mir vorführen in der Diele, die gegen alles Tageslicht abblendbar gemacht worden ist. Wie oft hatte ich den kleinen Kasten in der Hand gehabt, der den aufgerollten Film barg. Ich schloß ihn auch jetzt wieder aus dem linken, unteren Schubfach meines Schreibtisches. Der Monteur schnürte ihn auf, wickelte das Celluloid aus der vielfachen Umhüllung und – lachte laut auf. »Das ist kein Film mehr, gnädige Frau,« grinste er mich an, »das ist ein Celluloidklumpen.« Er reichte mir den Inhalt des Pakets. Mit dem Film meines goldigen Äffchens war eine grausame chemische Veränderung vorgegangen: mein Schreibtisch stand zu nahe an den Rillen der Zentralheizung, die Wärme hatte auf die Masse eingewirkt, statt des hundert Meter langen Streifens hielt ich einen harten Klumpen in der Hand, der Peterchens Bild nicht mehr zeigen kann. Nun bleibt mir auch dieser letzte schwache Trost versagt. Ich muß aus der Welt gehen, ohne noch einmal über die Possierlichkeit meines goldigen Äffchens gelächelt zu haben.

Warum konntest nicht Du mit Vater in einer Ehe leben wie die anmutige Frau Marietta sie mit ihrem Gatten, dem Kunstmaler Egon Ebers lebt? Seit mehr als einem Dutzend von Jahren, seit sie miteinander verheiratet sind, hat noch nie einer von beiden einen Bissen gegessen oder einen Schluck getrunken, ohne daß der andere dabei ist. In treuer Liebe schützen sie sich gegenseitig vor allen Tücken des Daseins ...

Warum konntest Du nicht mit Vater eine Ehe führen, wie die hübsche, rassige, blauschwarzhaarige Frau Lisa sie mit ihrem Gatten, dem Dramatiker Theodor Petrowski führt? Verzeihend begleitet sie den Dichter durch alle Fährnisse und Verlockungen seines schönen Lebens ...

Du aber, Mutter, wachtest nicht zur rechten Zeit und hast nicht verziehen zur rechten Zeit, Du lebtest in den Tag hinein, erzogst mich dazu, in den Tag hinein zu leben, kanntest nichts Höheres als Deine Rache und hast ihr Dein eigenes einziges Kind zum Opfer gebracht. So wurde ich zur Verworfensten, die der Erdboden trägt.

Trägt. Nicht lange mehr. Noch Viertelstunden und die kühlen Fluten des Sees haben Deine Rache ausgelöscht.

Mutter, lebe wohl! Ein Opfer lege ich Dir auf.

Höre.

Diese Blätter waren nur für ein einziges Augenpaar bestimmt, für die Augen einer von mir einst über alles geliebten Mutter. Geliebt, weil ich Dich nicht kannte. Weil ich Deinen heuchlerischen Worten traute, die süß waren wie Honigseim und glätter denn Öl. Weil ich Deinen Worten traute, die mich zum Schlechten erzogen, und mit der Beichte meiner Schlechtigkeit Dir das Rachewerkzeug lieferten, das Du gegen meinen Vater führtest. Da nun einem Zweiten, meinem armen Vater, die Geheimnisse dieser Blätter durch Deine rohe Rache entschleiert sind, soll der Inhalt meiner Briefe auch für die ganze Welt entschleiert sein!

Das Opfer, das ich Dir auferlege:

Gib diese Blätter einem Schriftsteller, der sie so überarbeiten mag, daß ein Buch aus ihnen wird. Dann soll eine Verlagsanstalt das Buch vertreiben, damit Tausende es lesen, auf daß mein Leben mit meinem jammervollen Tode Tausenden und aber Tausenden von Vätern, Müttern und Töchtern ein warnendes Zeichen werde. Das Buch rufe ihnen zu:

»Vater! wahre den Deinen die Treue!«

»Mutter! schütze den Gatten und verzeihe ihm!«

»Tochter! halte dich rein für einen, dem du ein Leben weihst!« – –

Nun gehe ich zur Post und gebe diesen Brief auf. Dann kehre ich in unser Landhaus zurück, lege den Fox an die Kette, damit er mir nicht folgt, trage meinen dicken, grünen Flauschmantel und vier Mauersteine ins Ruderboot. An einer stillen Stelle des Sees will ich mich über den Rand des leichten Fahrzeuges neigen.

Wenn mein arges, warnendes Dasein, erblickt im Spiegel dieser Blätter, einen Vater, eine Mutter, eine Tochter auf den rechten Weg führen wird, dann habe ich nicht umsonst gelitten und gebeichtet. Und da wir doch alle in diesen schlimmen Zeiten närrisch sind, so erfüllt auch mich ein stiller, hoffnungsvoller Wahn –: vielleicht wird unsere entsetzliche Zeit durch mein Todesopfer entsühnt. Vielleicht war mein Tod der letzte Schrecken, den diese fürchterliche Billionenzeit heischte. Und wenn die Stellen des Sees sich über meinen versinkenden Körper geschlossen haben, dann erlischt vielleicht die Not unseres Landes. Dann brauchen nicht erst noch die Billiarden und Trillionen für den Dollar gezahlt zu werden, sondern die Rettung wird erstehen und bessere Tage werden kommen für unser gequältes Volk. Wenn von dieser, meiner närrischen Hoffnung nur ein Fünkchen sich erfüllt, dann bin ich nicht vergebens dahingegangen.

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