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Wir waren alle verrückt

Gustav Hochstetter: Wir waren alle verrückt - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Hochstetter
titleWir waren alle verrückt
publisherTheod. Thomas Leipzig
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidc0956eef
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Elftes Schriftstück

Es hat sich auch inzwischen wenig Besonderes ereignet, das ich Dir hätte berichten müssen.

Die letzten Wochen sind ohne eigentliche Veränderungen in meinem Leben dahingegangen und brachten keine Überraschungen. Zwischen der stillen, ruhigen Liebe Pauls, des Holzhändlers und Villenbesitzers zu Saarow-Pieskow, und der stürmisch anbetenden Verehrung meines Professors in der Fürther Straße zu Berlin pendelt für mich der Pulsschlag meines lebensfroh genießenden Daseins.

Weiter nichts.

Indem ich die beiden Worte »weiter nichts« aufs Papier setze, fühle ich, welche Lüge sie darstellen ...

»Weiter nichts« –? gäbe es nicht noch tausenderlei, das ich Dir, beste Mutter, zu schreiben hätte, ja, auf Grund des Versprechens, das ich beim Verlassen meines Elternhauses gab, schreiben müßte? Aber selbst beim allerbesten Willen kann man nicht all und jedes Erlebte zu Papier bringen. Bald will das Herz, doch die Feder versagt. Bald zuckt die Feder vor Schreiblust, aber das Herz hat just einen Tag, an dem es Geständnisse scheut. Vielleicht ist solch ein Tag heute für mich. Was man dann schreibt, sind leere Worte.

Leere Worte?

Lügen!

Nein. Ich bin zu hart gegen mich selbst. Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Soll ich Dir sagen, auf was ich mich heute am meisten freue? Ich schrieb Dir einmal, daß ich in Bukarest einen kleinen lustigen, vierhändigen Kameraden hatte, mein goldiges Peterchen, das süße Kapuzineräffchen. Und schrieb Dir wohl auch, daß im Garten des Theaters Carol bei grellem Tageslicht einmal eine Filmaufnahme stattfand, die zum ewigen Gedächtnis der Freundschaft zwischen Peterchen und Dolorosa, uns beide beim Mocca-Trinken festhält. Der Film ruht im tiefsten Fach meines Schreibtisches, schon hatten wir ihn fast vergessen, da fragte mich Paul kürzlich, was er mir anläßlich eines großen geschäftlichen Abschlusses zum Geschenk machen solle. Denn der Holzhandel zieht noch immer riesige papierne Gewinne aus der verfluchten Inflation.

Peterchens Film fiel mir ein, und ich bat Paul, mir einen Lichtbild-Vorführ-Apparat zu schenken, mit dem wir hier in Saarow das goldige Peterchen auf der Leinwand wieder auferstehen lassen können. Paul versprach's, in den nächsten Tagen soll die Maschine trotz des hohen Billionenpreises geliefert werden und ich freue mich kindisch, mein goldiges Peterchen wiederzusehen.

Kindisch? Auch eine Lüge. Mütterlich freue ich mich; denn Peterchen war mir wie ein Kind.

Und ich sagte, Peterchens Film sei das, worauf ich mich am meisten freue? Wieder ertappe ich mich beim Lügen. Noch weit mehr freue ich mich auf das kleine, diskrete Atelierfest, das Erhard nächstens mir und ein paar zuverlässigen Freunden in der stillen Fürther Straße geben will.

Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Ich kann noch so offen und ehrlich sein, manchmal ist das trotzdem nicht wahr, was ich sage! Aber geht das nicht jedem Menschen so? Mindestens jeder Frau? Gleichzeitig an- und ausgezogen wollen wir sein, gleichzeitig anziehend und abstoßend. So durchbrochen wie unsere Blusen sind all unsere Pläne. So durchsichtig wie unsere seidenen Strümpfe ist unser Leben. Die Ehefrauen klagen über die Konkurrenz der Kokotten, die Kokotten beschweren sich über die Konkurrenz der verehelichten Damen. Ja, gibt es denn bei den Geschäften der Männer etwa keinen unlauteren Wettbewerb?

Erhard, den ich so innig liebe, was habe ich ihn schon gequält und werde ihn noch quälen, indem ich ihm aus meiner Vergangenheit Erinnerungen auftische, die nichts sind als Lügen. Noch kürzlich beichtete ich ihm erst eine Stunde lang, was mir in den Sinn kam –: daß ich mich in Hannover einem reichen Warenhausbesitzer hingegeben hätte, nur um einmal nachts, allein mit ihm, im leeren Laden alle schönen Kleider und Wäschestücke anprobieren zu können; daß ich mich dem Besitzer einer Bar in Hannover schenkte, weil er mir versprach, während der ganzen Nacht, die ich in seinem Schlafzimmer verbrachte, nebenan im Herrenzimmer die Bar-Kapelle konzertieren zu lassen; daß ich in der Wohnung des kleinen Udo von Tillberg ein Sektbad genommen hätte, zu dem Udo und fünf andere Offiziere in Uniform mein unbekleidetes Ich im Triumph aus Udos Salon in das Badezimmer getragen hätten. Und das alles lüge ich nur, um zu sehen, was Erhard für ein Gesicht dazu macht, und mit unendlicher Freude anzuhören, wenn er endlich zu mir sagt:

»Bei allen anderen Frauen, Dolorosa, war immer irgend etwas, das ich sozusagen mit geschlossenen Augen lieben, also übersehen mußte. Entweder war es in Sprache, Stimme, Lachen oder es war im Gang, am Körper. Du, Dolorosa, du bist die Vollkommenheit; auch dein Charakter, deine Erlebnisse passen zu dir!«

Und damit hat Erhard mehr recht als er ahnt; denn ein kleines bißchen von all dem Erschwindelten war doch wahr, und zum mindesten blieb wahr, daß ich alles Erzählte gewünscht, ersehnt, erträumt hatte. Und dieser gequälte Professor bleibt dabei: weil ich so bin, wie ich bin, eben darum kann er nie von mir lassen. Nie? Ich fürchte – da lügt auch er!

Ist am Ende die Liebe nicht auch eine Lüge? Ich, die Künstlerin der Liebe, werde nicht klug daraus, was Liebe ist. Ich könnte jedes Verbrechen für Erhard begehen, ich könnte mir die Hand für ihn abhacken lassen, aber wenn er mich fragt: »Dolorosa, liebst du mich?«, dann bin ich imstande, ihm zu antworten: »Bilde dir nichts ein!« und stecke ihm die Zunge heraus.

So bin ich auch imstande, ihm mit der brennenden Zigarette die Wange oder den Handrücken anzusengen und dabei kokett zu lachen: »Tut das weh?« Ich will sehen, wie weh es tut – und belohne ihn dann tausendfach. Die Welt ist für mich ein großer Harem, ein Männerharem, und alle Männer warten auf mich. Erhard ist mein Lieblings-Sklave, mein Favorit, weiter nichts. Warum ziehen wir schönen Frauen die klugen Männer so unwiderstehlich an? Weil wir schon mehr erlebt haben als die anderen Frauen, mehr aus der Schule des Lebens gelernt haben – weil also »Schönheit« bei der Frau oft beinahe auch »Klugheit« bedeutet.

Schönheit! sie ist das höchste! sie ist das Ideal, das ich verehre. Las ich die Worte irgendwo oder habe ich sie mir selbst geprägt? mir kommen sie nie aus dem Sinn; sie lauten: »Ein Quentchen Schönheit, ein goldener Fetzen vom Krönungsmantel der Natur, ist mehr wert als alles sonst, das wir erleben und erlernen können in diesem Jammertal.« Freilich gehört zur Schönheit auch der rechte Rahmen: Dollars, Markbillionen, Körperpflege, Zeit ... Venus von Milo in einer Rumpelkammer wäre keine Venus mehr.

Gestern hat mich Frau Sebastian besucht, sie konnte sich nicht sattsehen und sattriechen an den duftenden blühenden Herrlichkeiten unseres Gartens. Zehnmal hat sie wieder gesagt: »Ich kann mir nicht helfen, ich hab nun mal 'nen Narren an Ihnen gefressen. Meine eigene Tochter, bevor sie nach Amerika ging, hab ich nicht halb so lieb gehabt, wie ich Sie habe!« Und sie habe nun doppelt recht behalten, denn es sei nicht nur ein Märchenprinz gekommen, der meine Rechnung in der Pension Sebastian bezahlt habe, sondern noch ein zweiter Märchenprinz, dem ich die Villa, den Garten, das eigene Auto und die vielen Dollars zu danken habe. Ihre amerikanische Tochter werde demnächst von ihr verstoßen werden; denn das ungeratene Kind schicke keine Dollars. Karlchen ließe mich grüßen, aber seit dem Tage, wo er von meiner Verehelichung mit dem Holzhändler gehört habe, sei Karlchen in der Schule wieder faul geworden und im häuslichen Leben unordentlich, weil er mich nun nicht mehr heiraten könne. Bis zu jenem Tage habe er oft den Ausspruch wiederholt, mit dem ich den Heiratsantrag des Schulknaben pariert hatte: »Werde erst einmal ein tüchtiger Mann, dann reden wir weiter!« Nun, da er mich verheiratet glaubt, wollte er auch nicht mehr ein tüchtiger Mann werden. Er sagt, Tüchtigkeit nütze überhaupt nichts; denn die Milliarden, die man heute verdient, seien ja morgen doch bloß die Hälfte wert.

Die Welt sei überhaupt sehr schlecht geworden, klagte Frau Sebastian; da das alte Faktotum, die Laura, immer noch die Entreetür der Doppelwohnung in der Düsseldorfer Straße offen stehen lasse, hatten flinke Diebeshände alle Korridorteppiche gestohlen. Ein Ausländer hat in der Pension Sebastian bei seiner Abreise einen Scheck in Zahlung gegeben, der sich hinterher als gefälscht erwies. Der Hofjuweliersohn, der junge Engelke, der seinem Vater kostbaren Schmuck entwendet und damit die falsche Filmgräfin beschenkt hatte, ist vom Gericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und die dumme Filmgräfin ist daraufhin noch stolzer als zuvor. »Für mich gehen die Männer ins Zuchthaus,« sagt sie. Aber sie ist jetzt keine Gräfin mehr, sondern hat den unsympathischen Militärarzt a. D., den Doktor Sartorius, kirchlich und standesamtlich geheiratet. Frau Sebastian war zu den beiden Feierlichkeiten geladen, sogar als Trauzeugin beim Standesamt. Dann ist das junge Paar nach Hamburg abgereist, wo Dr. Sartorius jetzt praktiziert.

Mein Bankbeamter mit der stillen Liebe war unter Mitnahme eines veruntreuten Postens Dollarnoten und einer siebenunddreißigjährigen Braut ins Ausland geflohen. Ja, die Welt war sehr verrückt und sehr schlecht geworden nach dem Kriege.

Das blonde Mädel, das mein ehemaliger Freund Hans Korn, der Hauptmann a. D. und Kunstseidenprokurist, als Dolly-Ersatz in mein altes Zimmerchen eingemietet hatte, war von ihm bitter gepeinigt worden, weil sie den gewünschten Grad von Ähnlichkeit mit der Original-Dolly nicht erreichen konnte. Sie mußte sich, wenn ihr Prokurist zu ihr kam, eine schwarze Larve vors Gesicht binden, dann küßte er ihr blondes Haar, das in Farbe und Frisur meinem glich, und rief dabei meinen Namen. Er ließ ihr genau die gleichen Kleider machen, wie ich sie früher trug, führte sie in die Restaurants, die er früher mit mir besuchte, und zwang sie sogar, dort meine Lieblingsgerichte zu essen. Endlich entdeckten seine Freunde und Kollegen deutliche Spuren aufdämmernden Wahnsinns bei ihm, baten seine in Frankfurt am Main lebenden Verwandten nach Berlin und veranlaßten sie, den armen Hauptmann in einer Heilanstalt unterzubringen. Das blonde Mädel atmete auf, als sie ihn los war. Sie hat nun einen forschen, lieben Referendar aus reicher Familie zum Freund, der sie, wirklich heiraten will, sobald er sich als Rechtsanwalt selbständig gemacht haben wird. »Wer ist nun verrückt,« fragte Frau Sebastian, »der Hauptmann oder der Referendar? Wir sind eben alle verrückt in dieser entsetzlichen Billionenzeit.«

Aber am meisten hatte mir Frau Sebastian von der falschen Filmgräfin zu erzählen, die nun Frau Dr. Sartorius geworden ist. Dreimal hatte die Pensionsinhaberin dem blondgefärbten Fräulein die Zimmer gekündigt, aber die Edeldame zog nicht aus. Durch allnächtliches Anlegen von zehn Metallklammern, die ihre zehn Fingerspitzen schlanker formen sollten, waren die beiden Hände der »Gräfin Fifi« allmählich so gebrauchsunfähig geworden, daß die Pseudogräfin den Suppenlöffel nicht mehr benutzen konnte, ohne Flecke aufs Tischtuch zu bringen, die Zigarettenasche fiel ihr ins Weinglas, die Blusen, in denen sie zum Mittagessen kam, zeigten Reste des Wochen-Menüs. Gegen Laura, das alte Faktotum, war Fifi immer unerträglicher geworden. Die Gräfin gab dem Mädchen Ohrfeigen – dazu waren ihre Hände gebrauchsfähig; ihre Verehrer mußten die Ohrfeigen nachher durch Trinkgelder wieder gut machen. Wenn Laura die Gräfin vor dem Mittagessen weckte, verabreichte die Edeldame dem alten Faktotum einen schallenden Klaps und rief: »Was fällt Ihnen ein, mich so früh zu stören!« Unterließ Laura das Wecken, dann stürmte Fifi später in die Küche, hieb auf das alte Faktotum ein und schrie: »Was fällt Ihnen ein, mich nicht zu Mittag zu wecken?« Ihren Rotwein trank die Gräfin aus dem Weißbierglas und als bei Tisch einmal die Rede darauf kam, daß Domina Dolorosa, die nun in Bukarest gastiere, die türkische Sprache ein wenig kenne, renommierte Gräfin Fifi: »Ich kann auch türkisch; sogar sehr gut; warten Sie mal, ich kann auf Türkisch Prosit sagen – wie heißt es doch gleich? ach, jetzt hab ich's grade vergessen, aber sonst weiß ich's immer ganz genau!«

Die Filmgräfin log zu unverschämt, sie log ohne Sinn und Verstand. Als bei Tisch ein Gast über das Bad Oeynhausen sprach, sagte Fifi: »O, da war ich auch vorigen Sommer. Der Direktor des Sommertheaters war ein so bildhübscher Mann, daß ich ihm zu Gefallen einmal in einer Operette die Hauptrolle spielte. Was war es doch gleich? Ach ja, »Die schöne Helena«. Da sang ich die Helena und er sang die männliche Hauptrolle. Ich habe einen rasenden Erfolg gehabt, aber ich trat nur einen einzigen Abend auf, das war mir zu anstrengend, das hab' ich nicht nötig. Ich habe auch dem Direktor gesagt, er muß neben meinen Namen auf den Theaterzettel setzen lassen: »Aus Liebe zur Kunst,« damit die Leute nicht etwa glauben, ich hätte es nötig, für Geld aufzutreten.« – Jetzt setzte sich Dr. Sartorius, der aus Hamburg zu Besuch da war, ans Klavier, spielte ein paar Melodien aus der »Schönen Helena«. Fifi schaute ihn dumm und dämlich an und fragte: »Sind die Gassenhauer aus der neuen Fuchsbaurevue? Albernes Zeug, da geh ich nicht hin ...« Sie kann nicht singen, ist noch nie im Leben aufgetreten, auch nicht in der »Schönen Helena«, lügt ohne Zweck und Sinn – aber geheiratet hat er sie doch. So sind die Männer.

Von mir weiß ich: aus Lust am Lügen habe ich nie gelogen. Meine Schwindeleien waren entweder Notlügen oder – Prüfungen, die ich einem Manne auferlegte, um ihn dann desto fester an mich zu ketten.

Übrigens hatte ich Frau Sebastian im Verdacht, daß sie die Ehe zwischen dem Doktor und der Gräfin gestiftet hat. Gestiftet, um die Gräfin endgültig loszuwerden; denn der unsympathische Arzt kam, seit er in Hamburg wohnte, immer als Durchreisender in die Pension. Jetzt wohnt Fifi als seine Gemahlin endlich in Hamburg. Als ich Frau Sebastian meinen Ehevermittlungs-Verdacht aussprach, lachte sie schlau: ja, sie hatte sich ein bißchen hinter die Kartenlegerin gesteckt, zu der die Gräfin alle paar Tage lief; die Kartenlegerin hat das Orakel so gehandhabt, wie es den Plänen von Frau Sebastian günstig war; die Gräfin begehrte von dem Doktor ein Heiratsversprechen und der Freund ihrer gefälschten Blondheit fiel darauf herein.

* * *

So weit war ich vorgestern mit meinem Brief für Dich, meine über alles geliebte Mutter, gekommen – da geschah das Unerwartete, das Unglaubliche. Die Post brachte mir einen Brief aus der Heimat, einen Brief, der nicht Deine Handschrift zeigte, sondern Vaters Handschrift!

Vater, der Dir gelobt hat, sich nie mit mir in Verbindung zu setzen, hat seinen Eid gebrochen, hat an die Tochter geschrieben, der er einstmals so Schlimmes angetan hat. Auch was er mir in seinem, vorgestern in der Saarower Villa eingetroffenen Briefe antut, ist wieder etwas bitter Schlimmes. Kaum kann ich es ausdrücken. Aber das muß ja sein. Also, teure, gute Mutter: in seinem Briefe verleumdet Dich mein Vater, Dein Mann, auf das schrecklichste. Er behauptet, Du habest alle die großen, ausführlichen »Beichtbriefe« – so nennt er die Berichte, die ich auf Deinen Wunsch Dir versprochen und Dir geschrieben habe – also: alle diese »Beichtbriefe« habest Du ausgenützt, um ihn schändlich zu foltern und zu quälen, indem Du ihm immer wieder aufs neue allwöchentlich, fast alltäglich, aus meinen Briefen diejenigen Stellen vorgelesen habest, die seinem Vaterherzen am meisten wehtun mußten.

Bevor ich weiterschreibe, teure Mutter, nimm die Versicherung, daß ich aus Vaters Brief kein Wort glaube. Du bist zu rein, zu erhaben, um eine so niedrige Rache an Vater zu nehmen. Du bist zu edel, bist zu groß, um Deine arme Tochter zum Werkzeug solcher Rache zu erniedrigen. Ich bin felsenfest überzeugt davon, liebe Mutter, Du bist schuldlos. Wie sagt Frau Sebastian? »Wir sind eben alle verrückt in dieser entsetzlichen Billionenzeit.« Armer Vater. Auch er?

Aber der Inhalt von Vaters Brief beweist, daß Vater zum mindesten Proben aus meinen Briefen kennt. Wie kommt er dazu? Das Herz der Tochter sträubt sich gegen den Gedanken, daß Vater etwa den einen oder den anderen meiner Berichte gestohlen – nein, das schreckliche Wort soll nicht gelten, ich will sagen: an sich gebracht hat. Diesen Verdacht weise ich weit von mir – ich habe seit vorgestern, seit ich Vaters Vorwürfe las, hin- und hergesonnen, welchen Zusammenhang das gräßliche Ereignis haben könne. Als beste Lösung blieb mir die Vermutung, daß vielleicht irgendein unlauterer Dritter seine Hand im Spiel gehabt haben mag, der Dir, teure Mutter, ohne daß Du es wußtest, etwas von den wohlverwahrten Dokumenten entwendet hat und es meinem Vater in die Hände spielte.

Nicht wahr, so ist es, Mutter?

Nur so darf es sein.

Es ist dann immer noch schrecklich genug; denn mir graut bei dem Gedanken, daß nun mein Vater um Worte weiß, die ich Dir unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses anvertraut habe, die nur für Dein Augenpaar, liebste Mutter, bestimmt waren und für kein zweites auf der Welt.

Schreibe mir, Mutter, schreibe mir bald! Schicke mir Trost!

Ich bedarf Deines Trostes; denn seit vorgestern sind noch andere Dinge auf mich eingestürmt, die mein Herz, meine Seele und meinen Körper zerreißen wollen.

Ich mache mir nichts mehr aus Erhards Anbetung, aus Pauls ruhiger Liebe, aus den Glutblicken meines Chauffeurs. Ich will nicht mehr tändeln, nicht mehr lachen, nicht mehr küssen. Nur das Eine will ich: Deine Antwort, Du liebste, beste, teuerste Mutter, Du mein Einziges auf der Welt!

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