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Wir hatten mal ein Kind

Hans Fallada: Wir hatten mal ein Kind - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWir hatten mal ein Kind
publisherRowohlt
year1934
printrun1.-20. Tausend
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechster Abschnitt

Wir hatten mal ein Kind

Wenn ein Flieger über diesen Teil des Mecklenburger Landes fliegt, so sieht er Wälder und Seen, Seen und Wälder. Kaum Feld, kaum Wiese, kaum ein Haus. Toteneinsamkeit. Das Ende der Welt ...

In einem solchen Walde, an einem solchen See liegt nun doch ein Haus. Und in dem Garten dieses Hauses sitzt eine Frau, zwischen den Knien eine weiße Emailleschüssel, in der grüne Bohnen liegen. Mit einem Messer entfernt sie die Fäden. Dann zerschnitzelt sie die Bohnen. Es ist eine große ältliche Frau mit weißgrauem Haar, einem vollblütigen, roten Gesicht, das einen ziemlich bösartig gereizten Ausdruck trägt, sehr dick. Sie trägt ein blaues Waschkleid und über dem Waschkleid wieder eine bunte Haushaltsschürze.

Die Arbeit geht ihr nicht recht vonstatten, denn der Hauptteil ihrer Aufmerksamkeit gehört einem Fenster in ihrem Rücken. Das Fenster steht halb offen, und sie hört Stimmen. Die Stimme einer Frau und die Stimme eines Mannes.

Streiten, sagt die ältliche Frau, streiten schon wieder.

Sie runzelt die Stirn und setzt heftiger ihre Schnitzelei fort. Denn drinnen im Haus ist mit einem Krach die Tür zugeschmettert worden. Nun fällt eine zweite Tür zu. Und jemand kommt vom Haus her gegangen. Die Frau schnitzelt ohne hochzusehen. Ihr Gesicht sieht jetzt sehr böse aus. Ein Schatten fällt auf sie und ihre Arbeit. Sie sagt bissig: Meine Türen schließen auch, wenn man sie leise zumacht, Herr Gäntschow.

Gäntschow bleibt bei ihr stehen und sagt mit grimmiger Entschlossenheit: Keine Angst, Bullenbeißer, das Haus ist gesund.

Ich habe Ihnen zehnmal gesagt, sagt die Frau rasch, daß Sie mich nicht Bullenbeißer nennen sollen. Ich heiße Haase.

Sie müssen selbst einsehen, Frau, sagt Gäntschow, daß Haase ein völliger Unsinn ist. – Der Kahn ist da?

Der Kahn ist nicht da.

Zum Teufel, sagt Gäntschow wütend, ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen den Kahn nicht wegnehmen, ohne es mir zu sagen.

Zum Teufel, sagt die Frau, ebenso hitzig, wem gehört der Kahn: Ihnen oder mir?

Ihrem Mann, sagt Gäntschow, dem bemitleidenswerten Hassen.

Sie sollen meinen Mann ...

Nicht so nennen, ich weiß schon, Bullenbeißer, ergänzt Gäntschow. Wo ist er hin?

Ich weiß nicht, sagt die Frau mürrisch.

Wenn er nämlich, sagt Gäntschow mit erhobener Stimme, wieder angeln gegangen ist, und wenn wir wieder Fische zu Mittag bekommen sollen ... Er bricht ab und sagt kurz: Haben Sie Fleisch besorgt, wie ich Ihnen gesagt habe?

Haben Sie Geld besorgt, wie ich Ihnen gesagt habe? fragt die Frau dagegen.

Geld, Geld ... Sie werden Ihr Geld schon kriegen.

Fleisch, Fleisch, äfft die Frau böse nach und steht hastig auf, Sie werden Ihr Fleisch schon kriegen.

Die Emailleschüssel mit den Bohnen ist ins Fallen geraten, und nun liegen die Bohnen im Gartensand. Die Frau starrt etwas fassungslos auf das Ergebnis ihrer Arbeit. Da liegt unser Mittagessen, sagt sie.

Und da soll es liegenbleiben! schreit Gäntschow. Es ist das drittemal in dieser Woche, daß wir Schnitzelbohnen haben sollen! Er trampelt wild auf den Bohnen herum.

Sie sollen das nicht! schreit die Frau. Frau Gäntschow! Sehen Sie, was Ihr Mann ...

Aus dem Hause kommt langsam Christiane. Sie ist sehr weiß, sie hat dunkle Schatten um die Augen. Sei nicht kindisch, Hannes, sagt sie ruhig. Geh jetzt spazieren.

Die aufgeregten Gemüter der beiden haben sich sofort beruhigt. Sie sehen beide auf die Frau.

Aber sagen Sie ihm, daß er nicht zu meinem Mann geht, sagt die Wirtin. Er hält ihn nur von der Arbeit ab, oder macht ihn wieder besoffen.

Christiane lächelt: Also geh schon, Hannes, und tu, was die Häsin sagt. Deine Laune ist heute wirklich nicht erfreulich.

Wie wenn ich ein Kind wäre, werde ich behandelt, murrt Gäntschow. Ich habe genau die Launen, die ihr verdient.

Die du verdienst, mein Freund, verbessert Christiane. Also, lauf dich aus.

Ich muß Geld haben, Frau Gäntschow, sagt die Wirtin entschlossen. Sie müssen was Vernünftiges zu essen kriegen in Ihrem Zustand, und ich kann nichts kaufen.

Nun? fragt Christiane und sieht Gäntschow an. Wie steht es mit unserer Kriegs- und Wanderkasse?

Wie steht es mit dem Schnee vom vorigen Jahr? fragt er zurück.

Du mußt einsehen, Hannes, sagt Christiane nachdrücklich, daß Frau Haase Geld haben muß.

Frau Haase hat zwei ganz gute Schweine im Stall, sagt Gäntschow böse. Sie kann das eine an den Fleischer verkaufen und das andere schlachten. Dann hat sie Geld, und wir haben Fleisch.

Frau Haase sieht dunkelrot aus, wie ein Vulkan vor dem Ausbruch. Aber sie blickt nur auf Christiane.

Ich fürchte, du überschätzt die Liebe der Menschen für dich, Hannes, sagt Christiane kühl. Wenn heute wieder kein Geld kommt, wirst du rauffahren müssen.

Ich fahre nicht auf diese verdammte Insel, sagt er hitzig.

Dann muß ich schreiben, sagt Christiane.

Du? Nie! sagt er.

Dann fährst du.

Nie!

Also muß ich ...

Nein, du mußt nicht! schreit er. Frau Haase kann warten. Schämen Sie sich nicht, wenn Sie sehen, was Sie da anrichten?

Ich mich schämen, sagt die Frau, Sie sich, wollten Sie sagen. Sie sind überhaupt kein Mann, Sie sind ...

Sie fahren alle herum, denn der Hofhund hat angeschlagen. Nun kommt der Briefträger den Gartensteig herunter. Er hat nur einen Brief für Frau Gäntschow.

Kein Geld? fragt Gäntschow.

Nichts sonst, sagt der Bote.

Noch etwas mitzunehmen? Nein? Guten Morgen!

Sie stehen alle und sehen auf den Brief, den Christiane in der Hand hält.

Von Stupps, sagt sie erklärend und sieht nachdenklich auf die Adresse.

Auch Gäntschows Gesicht ist nachdenklich geworden. Also, Tia, sagt er plötzlich sanft, ich fahre dann morgen.

Er nickt ihr noch einmal zu und geht rasch aus dem Garten in den Wald. Er geht und geht. Er geht mit seinem großen, räumigen Schritt durch Schonungen und Hochwald. Er ist tief in Gedanken. Manchmal bleibt er wohl stehen und sieht einem Specht zu, der mit seinem Hämmern das Gewürm im morschen Baum freßreif erschreckt. Aber er sieht es doch nicht, sondern denkt immer weiter nach.

Er hat heute nacht im Traum eine Sandgrube gesehen, in dieser Sandgrube liegt etwas, das für ihn bestimmt ist, das dort für ihn niedergelegt ist, und nun überlegt er, welche Sandgrube es wohl sein könnte. So geht es ihm jetzt, er ist zum erstenmal in seinem Leben beschäftigungslos, da fallen ihm solche Dinge ein. Er träumt von ihnen sogar.

Er kennt sie, diese Sandgrube aus dem Traum. Er hat sie bestimmt schon einmal gesehen, mit ihren Ginsterbüschen am abgebrochenen Rand und der Krüppelkiefer rechts – aber er weiß nicht mehr, wo er sie gesehen hat. Nun, das wird er schon herausbekommen. Vielleicht ist es wirklich die Grube bei der Försterei. Davon will er sich jetzt überzeugen. Aber vielleicht ist es auch eine ganz andere Sandgrube, in einem ganz andern Lande: es war nicht nur der Brief von Stupps, der ihn so rasch die Reise hatte versprechen lassen.

Wie er da so hingeht durch den Wald, sieht sein Gesicht hell und fast fröhlich aus. Seine Augen glänzen vor Nachdenken und Beschäftigtsein. Jeder Ärger über den Morgenstreit ist längst verflogen. Es sind ja nur Frauen, hat er einmal flüchtig gedacht.

Aber jetzt ist er schon längst weiter. In der letzten Zeit geschehen seltsame Dinge mit ihm. Er träumt etwas, er bekommt Weisungen im Traum. Und diese Weisungen stimmen. Irgend etwas ist los mit seinem Leben, das ist seltsam, wenn das eine versagt, kommt etwas Neues, Besseres. Nicht, daß etwa Christiane versagt hätte, sie ist unaussprechlich herrlich. Vor allem, seit sie ein Kind erwarten, aber es ist so viel Kleinkrams dabei, Geldgeschichten, dieser lächerliche Bullenbeißer, den sie viel zu wichtig nimmt. Käme es auf ihn an, er hätte der Frau längst die Schweine aus dem Stall verkauft. Sie wird ihr Geld schon eines Tages wiederbekommen. Sie soll sich bloß nicht so haben.

Jawohl, Christiane ist herrlich, aber sie ist ein bißchen sehr selbständig und voll von Wünschen. Elise hat sich in allen Dingen stets nach ihm gerichtet, und was er tat, war gut. Christiane hat so komische Ansprüche. Er soll sich beispielsweise regelmäßig sein Haar waschen, was er noch nie im Leben getan hat, und er soll nicht nachts um zwei Licht anmachen und im Bett nachdenklich seine Pfeife rauchen. Das Leben ist kompliziert. Er soll durchaus nicht so leben, wie er möchte: sie will sich mit ihm unterhalten, und er hat keine Lust zum Sprechen. Elise ist sofort auf solch eine Stimmung eingegangen. Christiane denkt gar nicht daran.

Jawohl, Christiane ist ausgezeichnet. Aber es ist so eine komische Art von Glück, aus lauter Splittern. Vielleicht gibt es keine andern Glücksmöglichkeiten als diese. Immer nur auf der mittleren Linie, mit Einschränkungen und Kompromissen. Er fragt sich schon lange, ob nicht all dies Geschwafel von Glück eine sehr überschätzte Angelegenheit ist. Die Menschen haben jahrtausendelang ein derartiges Gefasel von diesen Dingen gemacht. Es ist nicht ganz einfach, hinter diesen Schleier aus Lügen und Redensarten und Augenverblendungen zu gucken – er jedenfalls fühlt sich im Augenblick recht wohl, daß er hier so allein durch den Wald pilgert, hinter einer Sandgrube her, die er im Traum gesehen hat.

Wenn es überhaupt ein Traum war. Auch Traum ist nur ein Wort für eine ziemlich unverständliche Geschichte. Jawohl, das gibt es alles noch. Er weiß genau, seine Ahnen haben noch an Hexen und Zauberei geglaubt, man konnte Vieh besprechen, und es gab vor nicht langer Zeit noch eine Frau, die sich in eine Krähe verwandeln konnte.

Mit Christiane war natürlich über so etwas nicht zu reden, mit keinem Menschen war über so etwas zu reden. Und übrigens war all dieser Aberglaube blanker Unsinn, niedrige Form einer tieferen Sache zum mindesten.

Aber wie war es mit jenem Stein gewesen in dem Gasthausgarten bei München? Er war dreimal oder dreizehnmal über ihr gestolpert. Er kannte diesen Schurken ganz genau. Aber er stolperte immer wieder über ihn. Es war, als läge dieser Bold da, um ihn zu verhöhnen, bis er ihn eines Tages ausnahm. Der hatte ihn genug geärgert. Er wollte ihn über einen Zaun schmettern.

Es war kein übermäßig großer Stein. Zehn oder zwölf Pfund. Aber er warf ihn dann doch nicht, sondern versteckte ihn zutiefst in seinen Koffer. Es erwies sich nämlich, daß in den Stein etwas eingeritzt war. Links etwas wie eine Sonne, die aber nur nach einer Seite strahlte, nach einem andern Ding, das etwas wie ein langgezogener Kreis war. Und rechts war wieder etwas wie ein Dreieck, dem aber eine Seite fehlte.

Komische Zeichnung in einem Stein. Vor Jahrtausenden vielleicht eingeschlagen. Nicht mehr sehr deutlich. Er hatte keinen übermäßigen Wert darauf gelegt zuerst, aber er hatte diesen ewigen Stolperstein immerhin nicht weggeworfen. Nun, und drei Wochen nach diesem Fund berichtete ihm Christiane, daß sie ein Kind zu erwarten hätten. In demselben Augenblick war natürlich alles himmelsklar. Die Sonne mit den Strahlen nach der einen Seite, das war er, und das Ovale war das Ei, das Kind, und die beiden Dreieckseiten, das waren die Beine, zwischen denen das Kind hervorkam. Die einfachste Sache von der Welt. Er hatte es Christiane gezeigt, aber sie kapierte es doch nicht! Sie lachte nur.

Ach was, Hannes, sagte sie. Freust du dich denn gar nicht über das Kind? Du freust dich ja bald mehr über den ollen, dummen Stein mit seinem Krickelkrakel als über das Kind!

Natürlich freute er sich über das Kind. Aber daß sie nicht sehen konnte, was vor Augen war –! Der Stein war eine Botschaft gewesen, nicht umsonst war er immer wieder über ihn gestolpert. Er hatte vielleicht seit Jahrtausenden gelegen und auf ihn gewartet!

Nein, er legte den Stein wieder fort. Er lachte sogar mit ihr mit. Plötzlich, in einer kristallklaren Sekunde begriff er, daß es ein Gesetz geben müsse, mit Nichtauserwählten nicht von diesen Dingen zu reden. Er war berufen, und sie war nicht berufen, so war es.

Da geht er dahin durch den Wald. Er hat im Traum eine Sandgrube gesehen, die sucht er nun. Dort wird wieder eine Botschaft für ihn liegen. Es gab schon mehrere solcher Botschaften. Immer tiefer dringt er in eine geheimnisvolle Welt ein. Im Grunde hat er eine Niederlage erlitten. Es erweist sich noch einmal, daß er auch mit dem liebsten Menschen nicht leben kann. Aber er hat doch keine Niederlage erlitten –?!

Die Menschen sind es, die wieder einmal verloren haben. Nicht umsonst hat er ihnen von Jugend auf mißtraut.

Da geht er dahin durch den Wald, er ist groß und stark, er hat ein festes Gesicht, gut anzuschauen, mit starken, kühnen Augen. Aber etwas in ihm ist verkorkst, er strahlt gradezu vor Stolz und Menschenverachtung. Er ist die Schlußsumme einer unendlichen Kette von Gäntschows, in ihnen, mit ihnen hat er alle erdenklichen menschlichen Schwächen und Narrheiten erlebt. Nun ist es Schluß damit. Er ist ein Gletscher, ist ein ganzer Berg voller Gletscher, ein Eisberg. Er hat die herrlichste Frau von der Welt, sie erwarten ein Kind – siehe da, er ist doch nicht die Schlußsumme, es geht weiter hinter ihm – aber wie soll es eigentlich hinter ihm weitergehen?

Dicht bei dem Haaseschen Wohnhaus geht ein Uferweg am See. Das Menschenverlorenste an Weg, das man sich erträumen kann. Christiane geht da gerne. Er könnte da jetzt mit Christiane gehen, die er ein Leben lang geliebt hat, unter den uralten, knorrigen Föhren, auf dem Weg, der so glatt ist von rotbraunen Nadeln ... Nichts da, er geht nach einer Sandgrube, von der er geträumt hat.

Nach einer Weile kommt er an der Försterei vorbei. Der Förster ist auf dem Hofe zugange. Er ruft dem Wanderer etwas zu, aber der hat jetzt keine Zeit, er winkt bloß mit der Hand eilig ab und geht weiter.

Der Weg steigt etwas. Hier stehen Kiefern im Sand. Dann senkt sich der Weg, und er sieht die gelbweiße Wand der Sandgrube. Sofort weiß er, das ist nicht die Sandgrube, von der er geträumt hat. An dieser stehen Birken, an jener Wacholder und eine Krüppelkiefer. Er setzt sich hin. Er weiß zwar bestimmt, daß er seine Sandgrube schon finden wird, aber enttäuscht ist er doch. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, daß er morgen nach Fiddichow fahren wird. Vorhin, als Christiane den Brief von Herrn Wendland in der Hand hielt, fiel ihm ein, auf dem Bullenberge gab es auch so eine Grube. Er ist lange nicht da gewesen. Er hat keine Ahnung, wie sie heute aussieht. Aber es ist schon möglich, daß sie es ist. Alles hängt zusammen: der Brief von Stupps, sein Versprechen an Tia, der Geldmangel, die Reise.

Er sitzt in der Sonne da und döst. Die Spannung, in der er hierher lief, hat etwas nachgelassen. Er ist ein klein wenig leer und hohl. Es wäre schon richtig, wenn er einmal nach dem Hof sähe. Mit rechten Dingen geht es nicht zu, daß er nie mehr Antwort bekommt. Als er vor einem halben Jahr mit Christiane auf Reisen ging, hat er schriftlich einen jungen Verwalter eingesetzt, ihm gewisse Vollmachten gegeben. Zuerst hat der Rest des Sparkassenbuches vorgehalten, dann hat er den Auftrag gegeben, daß dies und jenes zu verkaufen sei: zwei Kühe, die fetten Schweine.

Zweimal hat er noch Geld bekommen, seitdem nichts. Seit Wochen nicht einmal eine Antwort. Er hat kaum einen Zweifel, daß Elise dahinter steckt. Nun gut. Morgen abend wird er Bescheid wissen.

Mittlerweile wüßte er gerne, wo er das Reisegeld herkriegen soll. Er hat nichts mehr. Er hat nicht einmal Geld für das bißchen Tabak. Christiane hat natürlich Geld, Christiane kann auch jederzeit Geld bekommen, aber das kommt nicht in Frage. Nein, das Geld käme nicht von Herrn Wendland. Christiane hatte natürlich ein Erbteil, aber doch: für Christiane hat er die Sorge übernommen.

Er liegt da in der Sonne. Er ist ein rechtes Männermuster. Man muß schon eine Elise sein, um es nicht zu sehen. Christiane ist keine Elise.

Jawohl, er hat die Sorge für mich übernommen, sagt sie sich etwa, während sie mit Frau Haase die frischgepflückten Bohnen schnitzelt, und wunder denkt er, was er für mich tut. Aber immerhin sitze ich jetzt hier mit meinem Kindlein in der tiefsten Einsamkeit, und ich habe ihm hundertmal gesagt, daß ich ein bißchen Menschen und Leben gern habe. Und immerhin nähre ich mich jetzt nicht allzu üppig, und ich habe grade jetzt einen fabelhaften Appetit auf ein paar gute Sachen, die hier in der Wälderwildnis unmöglich zu erreichen sind. Übelwollen? Lieblosigkeit? Gleichgültigkeit? I wo, keine Spur. Aber er hat es längst vergessen, daß ich es ihm gesagt habe. Und wenn ich es ihm noch hundertmal sagen würde, würde er es noch hundertmal vergessen. Er fühlt sich wohl hier, und also ist es selbstverständlich, daß auch ich mich wohl fühle. Er denkt überhaupt nicht daran.

Sie seufzt leise.

Dann denkt sie: Es ist komisch eingerichtet auf dieser Welt: was der eine zu wenig hat, hat der andre zu viel. Stupps hat mich immer zu Tode geelendet mit seinen Erkundigungen, ob ich mich auch wohl fühle, und was ich jetzt gerne möchte, und ob das Kissen denn auch wirklich richtig liegt. Hannes sollte mich nur einmal nach so etwas fragen. – Sie seufzt wieder. – Es ist schon eine verdrehte Geschichte, und ich weiß noch viel weniger als vor einem halben Jahr, was daraus werden soll. An Heiraten denkt er, glaube ich, schon überhaupt nicht mehr. Das hat er vollständig vergessen. Ich bin ja auch so bei ihm. Und wenn morgen der Gäntschowsche Erb- und Fürstenhof nicht zieht, ihn nicht festhält und ihm eine vernünftige Arbeit gibt, daß er mich nachholt ...

Sie seufzt ein drittes Mal.

Jetzt haben Sie dreimal geseufzt, Frau Gäntschow, sagt Frau Haase ziemlich scharf. Mitten in der schönsten Sonne kann einem über Ihrem Seufzen ganz plöterig zumut werden. Wenn Sie aber wegen des Geldes seufzen, so lassen Sie das man. Mit dem Gelde das wird sich schon alles finden ...

Das ist furchtbar nett von Ihnen, Frau Haase, sagt Christiane. Aber es ist natürlich nicht das Geld. Geld habe ich genug da. Nur, ich habe Gäntschow versprochen, nichts damit zu bezahlen, weil es nämlich mein Privatgeld und nicht sein Geld ist ...

I du meine Güte, sagt Frau Haase, sieht aber gar nicht nach Güte, sondern wie ein rechter Bullenbeißer aus, so etwas lebt ja nun wohl wirklich nicht mehr. Sie haben Geld, und ich zerbreche mir den ganzen Tag den Kopf, wie ich vom Fleischer Fleisch herkriege, ohne ihm die Rechnung zu bezahlen. Und Sie geben es nur nicht her, weil Sie es Ihrem Mann versprochen haben. Liebe Frau Gäntschow, wenn Sie das noch nicht wissen, daß die Männer belogen werden müssen von vorne und von hinten, daß die Männer immer glücklicher werden, je mehr man sie belügt, dann sind Sie entweder dumm oder ganz jung verheiratet.

Stimmt, sagt Christiane.

Aber das sage ich Ihnen, so viel Lügen gibt es gar nicht, daß sie ein Mann nicht verträgt, und je faustdicker man es macht, und manchmal denke ich doch, er klebt mir jetzt eine, aber es geht ihm ein wie Kunsthonig. Und Sie wollen hier sitzen und sich und mich und ihn ärgern, und das ungeborene Lüttekind dazu, bloß weil Sie einem Mann mal was gesagt haben.

Frau Haase schüttelte in völliger Ratlosigkeit den Kopf.

Und ich will Sie ja nicht fragen, Frau Gäntschow, was er Ihnen alles versprochen hat, woran er heute überhaupt nicht mehr im Traume denkt. Aber wenn Sie glauben, daß ich mir diesen Unsinn noch länger ansehe, dann irren Sie sich gewaltig. Und wenn Sie jetzt nicht sofort ins Haus gehen und holen mir das Geld, es macht hundertdreiundachtzig Mark alles in allem, dann schwöre ich Ihnen, ich breche Ihren Koffer auf, wenn Sie spazieren gehen, und wühle so lange, bis ich es gefunden habe. Und wenn Sie zehnmal den Landjäger rufen. Denn alles kann ich vertragen, aber wenn ich diesen quatschigen, ausgedachten Männerblödsinn höre, dann ist es mir gleich wie Schwefel und Galle, und ich möchte sie alle auf einen Klump hier haben in Gestalt meines Haase, und dann wüßte ich, was ihnen passierte.

Nun ja, sagt Christiane ergebungsvoll, so ungefähr habe ich es mir ja auch gedacht. Aber bis er morgen abgereist ist, müssen Sie sich nun doch gedulden, Frau Haase, denn das bringe ich nicht übers Herz, ihn ins Gesicht hinein anzulügen. Dann will ich es schon lieber in seiner Abwesenheit hinter seinem Rücken tun und beichten, wenn er wiederkommt.

O du lieber Gott, sagt Frau Haase. Mir kommt es doch wahr und wahrhaftig nicht auf vierundzwanzig Stunden oder auch nicht auf vierundzwanzig Tage an. Aber Sie wissen ja selbst, wie knapp die Pension für viere reicht. Und wenn mein Haase nicht bald mit einer Portion Fische kommt, so haben wir heute mittag eben nur die grünen Bohnen mit ein bißchen Speck. Und Speck ist eigentlich auch schon zu viel gesagt. Denn viel mehr als eine Schwarte ist es nicht. Und wenn die Männer es abkönnen und ich es abkann, Sie mit dem Wurm im Bauch können es nicht ab – und daran sollten Sie auch ein bißchen denken, Frau Gäntschow.

Als wenn ich nicht den ganzen Tag daran dächte, sagt Christiane, und die halbe Nacht noch dazu. Aber es soll von morgen ab auch bestimmt anders werden. Und alle Männerdummheiten will ich auch nicht mehr mitmachen. – Aber jetzt haben wir wohl genug Bohnen geschnitzelt, für mit und ohne Fisch, und so will ich denn meinen Uferweg entlangzotteln und sehen, ob ich einen von unsern Männern zu sehen bekomme. Guten Tag, Frau Haase. Es geht doch einmal nichts über ein vernünftiges Frauengespräch.

Und damit ging Christiane los.

Sie bekam aber keinen von den Männern zu sehen, denn die saßen zu der Stunde beisammen in der Sandgrube, und der Förster mit seinem haarigen Hund Rautendelein, der gottlob aber nur Raut gerufen wurde, saß auch noch dabei.

Ich traue mich ja nun heute wieder einmal wahrhaftig nicht nach Haus, sagte der pensionierte Telegraphenbauoberinspektor Haase und schnüffelte kummervoll durch seine Nase. Daß ich keine Fische mit nach Haus bringe, das Lamento darüber bin ich ja nun schon gewöhnt und kann es ertragen. Aber daß ich nun auch noch die Angelrute mit dem ganzen Darrzeug verloren habe und daß ich überhaupt nicht mehr angeln gehen kann, das wird ja nun wieder solch ein Geschrei und Geballer geben, daß ich lieber sofort mit dem Tode abginge, als das Zeug zum tausendsten Male in all seinen Stadien bis zur Versöhnung anzuhören.

Kauf dir doch neues Angelzeug, Gottlieb, schlug der Förster Hundertmark vor. Und kauf dir gleich zwei ausgewachsene doppelschlächtige Hechte dazu. Dann hast du deine Ruhe. Ich habe übrigens grade die Hechte, die du brauchst, in meinem Fischkasten.

Kaufen – sagte der Oberinspektor Haase noch viel betrübter, ja, wenn hier unser Rittergutsbesitzer, Herr Gäntschow, ein klein wenig flüssiger wäre – ist es denn gar nicht zu machen, Herr Gäntschow? Etwa zwei bis drei Mark? Kommen Sie her, seien Sie ein Kerl.

Gäntschow lag noch immer faul ausgestreckt und blinzelte nach den beiden durch die heiße Sonne.

Ich will morgen auf meinen Hof nach Fiddichow fahren und Geld holen, sagte er. Aber ich brauche erst einmal Reisegeld.

Es ist gar nicht zu sagen, ein wie langes, gedrücktes Schweigen nach diesen Worten entstand. Dann aber machte der pensionierte Telegraphenbauoberinspektor einige Ansätze zum Reden, er räusperte sich, krächzte, seufzte ...

Nein, nein, Gottlieb, sagte der Förster Hundertmark hastig, mein Graf ist auch schon seit drei Monaten mit meinem Gehalt rückständig. Und wenn deine Frau keift, so heult meine ewig – und was da besser ist, das will ich nicht entscheiden. – Was tut eigentlich Ihre Frau, Herr Gäntschow?

Aber Gäntschow antwortete nicht. Er hatte sich auf den Bauch gewälzt und biß gedankenvoll in einen Grashalm hinein.

Und wo Ihre Frau auch noch ein Kleines erwartet! sagte Haase sehr kummervoll.

Vom Walde her drang der Ruf eines Eichelhähers: Rätsch-Rätsch-Miäh!, als wollte er die Männer verhöhnen. Der Förster rückte hin und her, rief seinen Raut-Hund und wollte hoch.

Bleiben Sie sitzen, Mann, rief Gäntschow. Ich habe vielleicht eine Idee.

Der Förster brummte etwas, blieb aber sitzen.

Wieviel Hechte haben Sie in Ihrem Fischkasten, Hundertmark? fragte Gäntschow.

Na, Stücker zehne, zwölfe werden es sein, sagte der Förster zögernd.

Und was kostet das Pfund?

Fünfzig Pfennig, sagte der Förster, aber es kauft jetzt keiner welche. Die Sommergäste in Tütz stoßen sich immer an den Gräten.

Und gibt es sonst noch Wild? fragte Gäntschow.

Was soll es denn jetzt für Wild geben, Herr Gäntschow? fragte der Förster vorwurfsvoll. Die Böcke sind noch nicht auf. Und mit den Rebhühnern ist es auch nicht anders. Nein, es ist nichts, und es wird nichts. Und wie Sie morgen nach Ihrem Fiddichow kommen, das will ich mir heute nacht einmal träumen lassen. Zwei Hechte schenke ich dir aber gerne, Gottlieb, wenn du dafür ein anderes Gesicht machen möchtest.

Danke schön, Hundertmark, fängt Haase grade an ...

Aber Gäntschow unterbricht ihn. Er hat sich aufgesetzt und sieht sehr belebt um sich. Sie sollen ihm gar keine Hechte schenken, Hundertmark, erklärt er. Sie sollen jetzt alle Ihre Hechte in einen Sack tun, und damit marschieren wir alle drei nach Tütz zu dem dicken, versoffenen Hotelier – wie heißt er doch?

Bieratz, sagte der Förster. Aber das ist Unsinn, Herr Gäntschow. Bieratz kauft doch auch keine Hechte, und nun gar sechzig Pfund in der Sommerzeit.

Er soll sie auch gar nicht kaufen, wir schenken sie ihm. – Wir kommen hin, erklärte er, als besuchten wir ihn wie richtige Gäste und verehren ihm die Hechte und bestellen uns ein schönes Mittagessen – ich habe schon lange verdammten Hunger auf ein ordentliches Stück Fleisch – mit einer guten Pulle Wein – es können aber auch dreie oder viere werden – und wir laden ihn ein dazu, und wenn der richtige Moment gekommen ist, pumpe ich ihn um einen Hunderter an. Und Sie, Hundertmark, kriegen dann Ihre Hechte von mir bezahlt, und Sie, Haase, kriegen was a conto. Und von dem Rest fahre ich nach Fiddichow.

O Gott, sagt Haase überwältigt, aber mehr durch die Aussicht auf Getränk.

Das kann höllisch schief gehen, sagt Hundertmark bedenklich. Wenn Bieratz schlechte Laune hat, zeigt er uns wegen Zechprellerei an.

Ich nehme es alles auf meine Kappe, tröstet Gäntschow, aber nun los! Mit sechzig Pfund Hechten laufen wir zwei Stunden bis Tütz.

Bei den Fischkästen müßt ihr aber leise sein, verlangt Hundertmark. Wenn meine Frau merkt, wir wollen nach Tütz und noch dazu zur Mittagsstunde, wo sie das Essen fertig hat, dann läuft sie heulend so lange hinter uns her, bis ich es satt habe und umdrehe. Und die Hechte müssen dann auch wieder mit umdrehen. Und recht hat sie ja eigentlich, Herr Gäntschow. Denn was Sie wollen, ist völlig verrückt.

Na, laß man sein, Hundertmark, sagt Haase und schnüffelt, aber nicht kummervoll, sondern wie der Raut-Hund, wenn er was wittert. Du kommst ja auch ganz gerne mit, wenn Herr Gäntschow den Kopf dafür hinhält. Du hast doch sicher auch schon davon gehört, daß der Bieratz wieder eine neue Mamsell hat. Und die soll ja nun ein solches Muster sein, daß der ganze Gesangverein »Harmonie« aus dem Takt kommt, wenn sie nur die Biergläser hinstellt.

Also, ich gehe jetzt jedenfalls los, erklärte Gäntschow und strich sich Sand und Heidekrautstengel von den Kleidern, und wegen der Fische brauchen Sie sich nicht zu bemühen, Hundertmark, die hole ich mir alleine, und die trage ich mir auch alleine. Und das Geld behalte ich auch ganz gern für mich alleine.

Damit ging er los, denn wo die Fischkästen lagen, das wußte er, und wie er zu ihnen kam, ohne vom Forsthaus gesehen zu werden, das hatte er sich auch schon überlegt.

Die beiden Männer aber, Hundertmark und Haase, sahen einander bedeutungsvoll an, und Haase sagte schnüffelnd: Da geht er hin! Und du kannst Gift darauf nehmen, Hundertmark, daß er keine drei Minuten mehr auf uns wartet. Denn wenn der was im Kopf hat, so sitzt es, und keine hundert Pferde bringen ihn davon ab. Und dabei ist es bei ihm auch noch immer so, als wenn er das ganze Leben wie einen Witz nähme. Wie der Mann aber mit solcher Auffassung so alt geworden ist, das bleibt mir ewig ein Rätsel. Wir werden es ja heute abend wieder erleben. Und da er meine Frau klein gekriegt hat, wird er auch den Bieratz klein kriegen. Aber wir beide haben nur aufzupassen, daß wir genug eingeschenkt kriegen und daß wir beim Löhnungsappell noch zählen können.

Darüber waren sie nun auch beim Bootssteg angelangt und sahen ihren Gäntschow, wie er schon mit dem Fangnetz im Fischkasten herumfuhrwerkte.

Lassen Sie mich das man machen, Herr Gäntschow, sagte der Förster mißbilligend, wir die Arbeit und Sie die Verrücktheiten. Na, ich freue mich jedenfalls schon auf meine Frau heute abend.

Es war aber nicht Abend, als Christiane wieder etwas von den Männern merkte, sondern es war schon Nacht. Nein, es war auch schon nicht mehr Nacht, sondern es war schon beinahe Morgen, und ein erster, rötlicher, lichter Streif erhellte den östlichen Himmel.

Sie war wachgeworden von irgendeinem scheußlichen Geräusch, und nun lag sie da – »Lüttekind und ich«, wie sie jetzt so gerne von sich sagte –, lag sie da und überlegte, ob das Geräusch noch in ihren Traum gehörte, oder ob es wirklich war. Gäntschows Bett jedenfalls war noch immer leer. Und nun hörte sie das Geräusch wieder, laut und deutlich durch das offene Fenster vom Garten her, ein schauerliches, krächzendes, hartes, unmenschliches Geräusch.

Sie sprang mit einem Satz aus dem Bett, und ohne sich zu besinnen, hob sie die Beine über das Fensterbrett, sprang in das Gartengras und stand lauschend da. Jawohl, das Geräusch kam von der kleinen Gerätebude am Ende des Gartens, und schon lief sie, so schnell sie nur konnte, zu der Bude. Und ohne zu zögern, stieß sie die Tür auf, horchte in den dunklen Raum und fragte atemlos: Ist hier jemand?

Niemand antwortete. Aber aus der Ecke krächzte und rasselte es so schauerlich, daß sie fühlte, wie sich ihre Kopfhaut zusammenzog und ein Rieseln über ihren Rücken lief. Aber sie bezwang sich, und trotzdem sie ununterbrochen an Lüttekind in ihrem Schoß denken mußte (»Ich darf mich ja nicht aufregen«), trat sie in die Bude hinein, und da sah sie nun freilich eine dunkle Masse in der Ecke liegen ...

Herr Haase, fragte sie halblaut, um Gottes willen, Herr Haase, was ist denn bloß?

Aber die Masse krächzte und rasselte nur weiter. Und so ging sie mutig heran, fühlte, bekam etwas zu fassen, was ein Arm war – und nun stemmte sie sich gegen den Boden und zog und schleifte das Paket zur Tür in das Morgenlicht.

Warum sie aber so handelte, das wußte sie beim besten Willen nicht, wenn es nicht das Geräusch war. Denn dieses fürchterliche, krächzende, ächzende Geräusch hatte fast nichts Menschliches mehr und ließ den Gedanken an eine bloße harmlose Betrunkenheit gar nicht erst aufkommen.

Als da nun ihr Wirt im Morgenlicht vor ihr lag und sie sich das blaurote Gesicht und die hervorgetretenen, verdrehten Augen und die gräßliche, schwarzblaue Zunge ansah, und das krächzende Atmen klang noch viel schlimmer im Garten als in der dunklen Bude, da war sie nun freilich in der größten Versuchung, auf der Stelle kehrt zu machen und die Männer ihre Dummheiten allein ausfressen zu lassen. Ein Ungeborenes hat mehr Recht als ein verkorkstes Großes.

Aber sie bezwang sich und drehte den schrecklichen alten Kopf zurück und sah den Strick um den Hals, der so schauerlich eingeschnitten hatte. Und sie sah auch, daß der Strick abgerissen war, die Schlinge aber sich so fest zugezogen hatte, daß er sie in seiner halben Bewußtlosigkeit nicht wieder hatte aufbekommen können. Sie machte sie los und stand einen Augenblick unentschlossen neben dem Besinnungslosen, und dann lief sie eilig in das Haus zurück, kletterte wieder durch das Fenster und holte Eau de Cologne und Wasser und eine Creme. Aber bei alldem überlegte sie ganz klar, ob sie Frau Haase nicht doch lieber wecken sollte, und kam zu dem Entschluß, daß die besser nichts von alldem erfuhr. Sonst würde Herr Haase vor lauter Vormundschaft und Beaufsichtigung wohl nie wieder eine ruhige Stunde in seinem Leben bekommen.

Und sie wusch ihm das Gesicht mit Kölnisch und fettete ihm den Hals ein – »wie zittern meine Finger, ach Gott, das Lüttekind« – und wenn sie jetzt grade ihren Johannes Gäntschow dagehabt hätte, so wäre ihm wohl einiges gesagt worden. Denn daß Hannes mit all diesem hier zu tun hatte, daran zweifelte sie nicht einen Augenblick.

Wie der alte Mann allmählich unter ihren Händen wieder ins Leben kam und sich in seinem eigenen Baumgarten zweifelnd umsah, als könnte er es gar nicht glauben, und wie er dann sie ansah, die da in ihrem Pyjama in der frischen Morgenluft ein wenig zitternd neben ihm hockte – und nicht nur von der Morgenluft zitternd – und wie er dann die Hände vor's Gesicht schlug und fassungslos zu weinen anfing, und sie hatte ihn zu trösten ...

Und hätte selber jeden erdenklichen Trost gebraucht, aber keiner war weit und breit zu sehen, da hatte sie doch einen weißglühenden Zorn in sich, und sie war in dieser Minute schon gar nicht mehr im Zweifel darüber, daß der Karren so verfahren war, daß kaum einer ihn aus dem Dreck holen könnte – und er schon gar nicht!

Sie hörte sich das Schluchzen an, und sie redete ihm gut zu. Und sie hörte auch gut zu, wie der pensionierte Telegraphenbauoberinspektor Haase zu berichten anfing von dem Nachmittag und von der Nacht. Aber nicht nur davon, sondern eigentlich von seinem ganzen Leben, das gar nicht so schlecht gewesen war, bis ...

Ja, gnädige Frau, bis ich eben pensioniert wurde. Da reichen ja keine hundertmal, daß mir meine älteren Kollegen gesagt haben: Gottlieb, du wirst es noch erleben, und du wirst noch an uns denken, wenn du erst einmal nicht mehr im Dienst bist. Jetzt bist du ein großer Herr und hast zwanzig Arbeiter unter dir und liegst den ganzen Tag in deinem kleinen Laubfrosch von Auto auf der Landstraße. Und wenn du nach Haus kommst, ist alles schön in Ordnung. Aber wenn du erst einmal pensioniert bist, dann werden dir schon die Augen übergehen, von wegen großer Herr und Zuhause. Und du wirst die Pensionskrankheit kriegen, wie wir alle.

Und ich Dämlack habe noch gesagt und gelacht: ich habe meinen Gartenfimmel, und ich freu' mich schon darauf. Und ich zieh' ganz ins Einsame, aber wo Wasser ist, denn den Angelfimmel hab' ich noch dazu ...

Na, und liebe gnädige Frau, Sie sitzen hier so schön im Gras bei mir und an haben Sie auch so gut wie nichts und zittern tun Sie auch. Aber erzählen muß ich es Ihnen jetzt doch, was Sie da angerichtet haben, als Sie mich in all Ihrer Herzensunschuld aus der Bude gezogen und mir das Leben wiedergeschenkt haben – und was ich damit anfangen soll, das weiß ich beim besten Willen nicht. Aber das ist wohl so Frauenart: Leben geschenkt, und nun sieh, was du damit machst ...

Sie wollten mir von der Pensionskrankheit erzählen, unterbrach Christiane den haltlos Redenden. Halt, trinken Sie erst nochmal einen Schluck Wasser.

Ja, danke auch schön. Richtig, die Pensionskrankheit, über die ich gelacht habe – und keine sechs Wochen, daß wir hier draußen so recht in unserem Eigenen und in unserer Gemütlichkeit saßen, da hatte sie mich. Und von Gemütlichkeit konnte nicht mehr die Rede sein. Es ist gar nicht auszudenken, gnädige Frau, wenn man sein Lebtag seine Arbeit gehabt und sein Kommando geführt hat – und bei den feinsten Leuten bin ich in den Wohnungen gewesen und habe mit ihnen geredet, wie ich jetzt mit Ihnen rede, und habe in Riesengeschäftshäusern und Schlössern die Telephonapparate legen lassen – und plötzlich sitzt man da und ist genau so gesund und rüstig wie vor sechs Wochen, und nichts mehr zu tun und nicht einmal ein Telephon in der Wohnung, das mal klingelt ...

Er setzte sich zurecht. Nein, jetzt, wo er einmal reden durfte, sah er gar nicht mehr so jammervoll aus, Christiane freilich ...

Und wenn man morgens aufwacht, und sonst hat man's eilig gehabt in den Dienst, und wenn man's nicht eilig gehabt hat, weil man nämlich zu früh aufgewacht ist, dann hat man sich's zurecht gelegt, wie man die Leitung am besten zieht, daß man den Leuten die Kosten spart. – Und plötzlich nichts. Jawohl, der Garten – aber keiner hat einen getrieben, und es ist ganz egal gewesen, ob man was tut oder nichts tut. Und das Angeln, auf das ich mich so gefreut hatte – aber wenn man immer angeln kann, macht es auch keinen Spaß mehr.

Nein, das tut es nicht, sagt Christiane sehr aufmerksam, und ihr ist beinahe so, als rede der alte Telegraphenbauoberinspektor von ganz etwas anderm.

Schließlich ist es mir so gewesen, als wäre das alles Quatsch, was ich tue. Als täte ich es bloß, um die Zeit hinzutrödeln, bis ich sterbe. Als könnte ich ebensogut im Bett liegen bleiben – und was das für ein grausiges Gefühl ist, Frau Gäntschow, das kann ich Ihnen gar nicht beschreiben.

Doch, doch, sagt sie. Das war also die Pensionskrankheit.

Das war die Pensionskrankheit, sagt Haase und setzt sich ganz gerade. Aber das ist nur ein ganz kleines Stück von ihr, und die Hauptüberraschung stand mir noch bevor. Denn die Hauptüberraschung war – er flüsterte es nur mit einem scheuen Blick zum Haus – die Hauptüberraschung war meine Frau. Was das ist, und was man da erlebt, gnädige Frau, das kann ja wohl kein sterblicher Mensch sagen und sich ausdenken. Was meine Frau und ich sind, wir sind ja nun gut fünfunddreißig Jahre verheiratet. Und wenn es auch keine berühmte Ehe gewesen ist, denn wir sind alle beide nie Turteltauben gewesen – so ist's doch eine richtige Ehe aus dem Dutzend gewesen, und keine schlechte dazu! – Aber was nun losging, das kann ich Ihnen gar nicht erzählen. Und Sie können es mir glauben oder nicht: nach fünfunddreißigjähriger Ehe habe ich meine Frau überhaupt noch nicht gekannt und keine blasse Ahnung gehabt, wer und was sie eigentlich ist. Aber nun ging ja das Kennenlernen los. Und wir hatten plötzlich beide alle Zeit dafür und saßen ja auch den ganzen Tag schön dicht beieinander. Und von morgens bis abends ging das: Tu das, Gottlieb – das hast du wieder falsch gemacht, Mann – eil dich doch ein bißchen, Oller – stink' hier in meiner guten Stube nicht mit deinem Tabak rum – ach, gnädige Frau, ich habe ja doch wahrhaftig nicht eine ruhige Minute mehr gehabt.

Er seufzte schwer und kummervoll in dem Garten, der von der aufgehenden Sonne immer heller wurde.

Ja, sagte er, und ich bin ein Mann gewesen, der mit den schwierigsten Arbeiten fertiggeworden ist. Und nie hat ein Vorgesetzter an mir rumgemäkelt, meine Sache hat immer geklappt – und nun von morgens bis abends dies ewige Gedröhne in den Ohren: Tu das und tu das nicht – ja, gnädige Frau, wozu denn? Meine Arbeit auf dieser Erde habe ich getan. Ich hab' bloß noch zu sterben – und das je eher je besser. Und nun haben Sie mich doch wahrhaftig gerettet!

Er sah kopfschüttelnd auf den zerrissenen Strick neben sich im Grase. Er hatte kein Grauen und keinen Ekel vor ihm, er sah ihn an.

Nun, ich will Ihnen beileibe keine Vorwürfe machen, gnädige Frau. Es ist wohl Menschenart, daß wir keinen so einfach ausreißen lassen, sondern recht froh über all die lieben Leidensgefährten sind. Ich hätt's wohl auch nicht anders gemacht. Aber zum Verzweifeln ist es. Und heute nacht waren wir noch so fidel. Und was haben wir über Ihren lieben Mann gelacht. Und wir haben ihn noch alle drei richtig in seinen Zug gesetzt und fort nach Fiddichow gewinkt: der Hundertmark, der Bieratz und ich.

Aber weil wir den Kanal nicht voll kriegen konnten und weil das Nachhausekommen nach solch langem, unentschuldigtem Ausbleiben nicht schön ist, haben wir wieder mit Trinken angefangen. Und da sind doch glücklich die zwanzig Mark, die mir Ihr Mann gegeben hat, draufgegangen und damit meine beste Entschuldigung und Möglichkeit, ohne allzuviel Gebrumme bei meiner Frau durchzukommen.

Und wie ich so nach Haus komme, und es war die schlimme Stunde um drei, wo einem schon so immer so traurig zumute ist, und ich mach' die Tür auf, und da sitzt doch wahrhaftig meine Frau im Lehnstuhl, den Ausklopfer vor sich, aber eingeschlafen, da habe ich gedacht: Nee, Gottlieb, die Melodie mit Schinkenkloppen, die willst du nun auf deine alten Tage nicht mehr singen lernen – und bin hier in den Schuppen gegangen, und schwer ist es mir nicht geworden, liebe gnädige Frau. Schwer ist mir nur das Aufwachen geworden.

Er sah sie trübe zwinkernd, aber doch merklich erleichtert an.

Ja, ja, sagte Christiane gedankenvoll und erwiderte seinen Blick. Und da wir nun wissen, wie der Kranke zu seiner Krankheit gekommen ist, was machen wir nun mit Ihnen?

Was soll man da machen? sagte Haase. Bei mir ist gar nichts mehr zu machen. Sie wird wohl fürchterlich schimpfen. Aber dieses Mal ist es nicht so schlimm. Ich werde daran denken, daß wir hier so in aller Tau- und Morgenfrühe zusammengesessen haben und uns gegenseitig getröstet.

Gegenseitig getröstet? dachte Christiane flüchtig, dann aber sagte sie: Ich werde Ihnen jetzt erst einmal zweihundert Mark geben, Herr Haase, und Sie erzählen Ihrer Frau, die haben Sie meinem Mann abgejagt, und deswegen sind Sie zu spät gekommen ...

Ach Gott, nein, sagte Haase ganz verblüfft. Sie haben Geld? Und Ihr Mann pumpt sich was auf Hundertmarks Hechte hin und fährt in die Welt, um was anzuschaffen – ach nee, ich Schaf denke immer, ich hab' allein so 'ne meschuggene Ehe, aber ...

Unsinn, Herr Haase, sagte Christiane. Natürlich weiß mein Mann, daß ich Geld habe.

Und nichtsdestotrotz? Herr Haase schüttelte seinen Kopf noch viel mehr. Ich sage ja, man lebt immerzu und hat von nichts 'ne Ahnung.

Nein, die haben Sie freilich nicht, Herr Haase, und die werden Sie auch nicht mehr bekommen. Und vergessen Sie nicht, sich um den Hals ein Tuch zu binden, der sieht schlimm aus, und Ihre Frau würde einen schönen Schrecken kriegen.

Es ist mir nicht so um den Schrecken, gnädige Frau, sondern das Tuch binde ich um, damit sie nicht eine Minute lang denkt, sie hat die Oberhand.

Und damit Sie hier mal ein bißchen rauskommen und was zu tun kriegen, werde ich Sie heute mittag mit einem Brief zu meinem Mann nach Fiddichow schicken, vielleicht können Sie da ein paar Wochen bleiben. Mit Ihrer Frau mache ich es schon in Ordnung.

O Gott, gnädige Frau, wenn Sie mir wirklich das Geld geben, und es wird was aus der Reise – dann ist es ja noch gar nicht so schlecht. Und man könnte noch einmal versuchen, ob es einem nicht wieder ein bißchen Spaß macht ...

Also kommen Sie mit. Das Geld reiche ich Ihnen zum Fenster hinaus. Und vergessen Sie unter keinen Umständen das Tuch ...

Dann stand Christiane noch eine Weile in ihrem Zimmer. Sie fror, und am liebsten wäre sie wieder ins Bett gegangen, trotzdem sie wußte, daß sie nicht mehr würde schlafen können. Aber sie hatte das Gefühl, als müßte sie warten. Und so hörte sie denn lange aufmerksam auf das Laut und Leise der Stimmen im Nebenzimmer. Stand und lauschte, bis die sich beruhigten und sie sich sagen konnte, es hatte sich wieder einmal eingerenkt. Mit ein bißchen Lüge eingerenkt. Für nichts und gar nichts eingerenkt.

Da aber war sie nun in der rechten Stimmung, ihren Brief an den Hannes zu schreiben. Und sofort setzte sie sich hin und schrieb los. Es fehlte ihr nicht an Stoff, und so füllte sie Seite um Seite – und schließlich lehnte sie sich zurück und überlas das Geschriebene.

Während sie aber so saß und las, fühlte sie eine leichte Bewegung unter ihrem Herzen. Einen Augenblick stand es vor Schrecken still, und dann klopfte es rascher und rascher vor stürmischer Freude, daß sie die Hand darauf legte, wie um es schweigen zu machen, daß es den schlaftrunkenen Ruf des Schläfers nicht übertöne.

Der aber meldete sich nicht wieder, so lange sie auch mit vorgeneigtem Kopf achtsam und stille horchte. Es war, als habe nur ein sachter Finger einmal mahnend angeklopft ... Dann nahm sie den Brief und riß alle Bogen durch ... Was war das schon? Vorwürfe, Beschuldigungen, Ermahnungen – wohin hatte sie sich denn verloren? Sie hatte doch einmal von sich sagen können – und das war nicht sehr lange her – ich bin »die Christiane«.

Sie saß eine Weile aufmerksam da und dachte nach. Sie dachte an den Boten, den sie dem Hannes schickte. Sie dachte an die vergangene Nacht mit dem grausig krächzenden Weckruf. Sie dachte an seine Unbekümmertheit, mit Menschenschicksalen umzuspringen, und sie dachte zuerst und zuletzt und allermeist an den mahnenden Schläfer in ihrem Leib.

Dann nahm sie ihre Füllfeder und schrieb quer über den ganzen Bogen: Liebster Hannes, es geht um den Hals. Deine Christiane. Und nun legte sie sich wirklich ins Bett.

Draußen war es ganz hell. Die Sonne war ihre Bahn über die Kiefern hochgestiegen und erfüllte den ganzen Garten mit ihrem Licht. Die Vögel waren längst wach. Aus dem Walde rief und lockte es.

Sie lag so schön und säuberlich zwischen den kühlen Leinentüchern. Sie hatte die Augen zugemacht. Und was für diesen Morgen zu tun war, das hatte sie getan.

Nun lag sie da und konnte warten. Sie hatte alle Zeit, die Gott werden läßt, und schließlich rührte es sich dann wohl einmal wieder.

Um etwa die gleiche Stunde wurde Gäntschow in seinem Fiddichower Zuge wach. Der Zug hielt bei Fiddichower Fähre. Am andern Ufer des Boddens standen ein paar Häuser. Ein ganz leichter silbriger Dunst lag über dem Wasser, die Sonne schien stark und fröhlich.

Er stand auf, stieg aus dem Wagen, und während die Lokomotive umständlich einen Güterwagen auf die eifrig tickende Benzolfähre schob, ging er ein wenig auf der Landstraße neben den Schienen hin und her. Sein Kopf war noch dumpf und trübe, so wie sein Schlaf dumpf und trübe gewesen war, erfüllt mit häßlichen, ungestalten Träumen. Er hatte einen widerlichen Geschmack im Munde. Ein peinigender, qualvoller Zorn erfüllte ihn. Er hätte sie jetzt hier haben mögen, diese Jammergestalten, die Bieratz, Haase, Hundertmark. Die Zechkumpane der vergangenen Nacht, er hätte es ihnen wohl weisen mögen!

Mit erbittertem Ekel dachte er an ihr Saufen, ihre zotigen Witze, die hochblonde Mamsell aus Berlin mit ihrer halb sentimental, halb frech frisierten Schnauze. Er dachte daran, wie er sich mit Scherzen und Schmeicheleien hatte entwürdigen müssen, um diesen zwei Zentnern Menschenfleisch Bieratz hundert Mark abzujagen – und wieder stellte sich bei ihm das kühle, beherrschte Gesicht Wendlands ein.

»Ein anständiger Mensch begibt sich nicht in solche Lagen.«

Was war mit ihm los? Wie kam es, daß ihm letzten Endes bisher im Leben alles schief gegangen war?

Er brüllte eine alte Bauersfrau, die kopflos wie ein Huhn zu der mit dem Güterwagen abstoßenden Fähre hinunterlief und ihn dabei anrannte, mit einem »dämliches Frauenzimmer, verdammtes« an, drehte sich um und stellte sich wieder an die Uferkante.

Der leichte Wind, der vom Wasser kühl heraufwehte, tat ihm gut. Er hatte jene salzige Frische, die es an keinem Binnenlandfleck gab. Plötzlich dachte er zum erstenmal wieder richtig an seinen Hof. Weizen und Roggen, die jetzt wohl schon gemäht auf den Feldern standen, hatte er noch gesät. Wie würde es daheim aussehen? Eine starke Spannung erfüllte ihn. Acht Monate hatte er nur an den Hof gedacht, wenn er Geld brauchte. Schlecht hatte er an ihn gedacht. Christiane war daran schuld. Was hatte es für einen Sinn, idiotisch da in einem kleinen Landhäuschen an einem Mecklenburger See zu hausen und nichts zu tun? In diesem Augenblick verstand er die ganzen vergangenen acht Monate nicht mehr. Es war immer dasselbe, sobald er sich mit Menschen einließ – und es mochten die besten von der Welt sein – wurde er sich untreu und beging nur Dummheiten.

Übrigens war er jetzt vollkommen sicher, daß Wendland den Satz von den anständigen Menschen, die sich nicht in solche Lagen begeben, nie gesprochen hatte. Das war nichts wie eine Erinnerung an die häßlichen Träume der vergangenen Nacht. Hier, angesichts der geliebten Halbinsel, glättete es sich wieder einmal, wurde übersichtlich und klar.

Es war seine dritte Heimkehr: Das erstemal mit dem Vater nach der Typhuserkrankung in Haarlem, das zweitemal mit Elise, als die Mutter ihnen mit fast schwarzer Stirn entgegentrat, nun heute das drittemal – allein.

Aber er würde rasch alles ordnen. Elise konnte endlich zu ihrer Mutter ziehen, den Hof verlassen, dann kam Christiane ... Und er hatte den Hof wieder und seine Arbeit.

Es würde Christiane schon gefallen. Und eines Tages würden die Leute auch aufhören mit reden, namentlich, wenn erst die Scheidung ausgesprochen war. Dazu würden sie eines Tages ein Kind haben, einen Erben für den Hof, etwas Herrliches.

Schön. Er würde heute noch auf den Bullenberg in die Sandgrube gehen. Er war überzeugt, die Botschaft, die dort für ihn lag, betraf das Kind.

Der Zug fuhr eilig schnaufend durch das Land. Überall blitzte hinter Feldern, Wald und Dächern bald blau, bald grün, bald silbergrau die See auf ...

Es gab eine Stelle, kurz vor Kirchdorf, wo man einen kurzen Augenblick eine Aussicht auf den Warderhof hatte. Man mußte sehr aufpassen, die Stelle nicht zu verfehlen, der Zug verschwand sofort wieder in der Trasse, die in das Gelände einschnitt.

Er paßte sehr gut auf – und setzte sich schwer, als habe ihn etwas gegen den Kopf geschlagen, wieder hin. Es war nicht möglich, ja es war unmöglich. Dies ging nicht. Es war Alkoholdunst aus der letzten Nacht ...

Er hatte viele Monate nicht mehr an Elise gedacht, jetzt dachte er an sie. Er hatte sie zum letztenmal am Weihnachtsfest des vergangenen Jahres gesehen. Er war zu den Wendlands geritten. Wie hatte sie gerufen? »Ich verzeihe dir nie. Ich hasse dich!«

Ach, Unsinn, so hatte sie nicht gerufen. Außerdem sagen Frauenzimmer leicht etwas Übertriebenes. Kein Mensch bringt es übers Herz, wegen vorübergehender Streitigkeiten sich so an hilflosem Gewächs zu versündigen.

Der Zug fuhr langsamer. Da war die Kirchdorfer Windmühle, an der er in fünf Minuten vorübergehen würde. Nun bremsten die Wagen, und der Zug hielt.

Er stand einen Augenblick in merkwürdiger Unentschlossenheit vor dem kleinen Bahnhofsgebäude. Er war jetzt vollkommen sicher, daß er sich eben bei dem raschen Blick geirrt hatte, übrigens würde er schon in fünf Minuten Gewißheit haben ...

Aber er ging nun doch nicht in der Richtung, er ging nicht nach dem Warderhofe zu, er ging nach Kirchdorf hinein. Jetzt waren die mürrischen und zornigen Geister der Nacht verflogen. Er ging achtsam, nicht übermäßig rasch, aber ohne sich um die Menschen auf der Straße zu kümmern.

Er ging durch Kirchdorf, immer vom Hofe weg. Sein Gesicht hatte einen ernsten, etwas angespannten Ausdruck. Er war ein Mensch, dem eine wichtige Entscheidung bevorsteht, etwas, das über das ganze künftige Leben entscheidet. – Und jetzt ging er vor dem Richterspruch noch fünf Minuten vor der Tür des Gerichtssaals auf und ab. Natürlich, er würde die Tür schon aufmachen und die Entscheidung hören.

Ein Weilchen stand er zögernd mitten auf dem Kirchdorfer Marktplatz und sah abwechselnd zu der Superintendantur und zum Schwedischen Hof. Die Superintendantur lag still wie schlafend hinter den gestutzten und verschnittenen Lindenkronen. Damals hatte er noch mit Christiane aus dem Fenster der Studierstube hinaussehen können. Jetzt war alles ganz mit Grün bedeckt. Wie die Bäume gewachsen waren seitdem!

Er runzelte die Stirn, als er an das Wachsen dieser Bäume dachte, drehte sich um und sah wieder nach dem Schwedischen Hof.

Auf dem Hof in der offenen Torfahrt stand jetzt der Reese. Er fuhr zusammen, als er Gäntschows Ruf hörte, erwiderte dann aber das Guten Morgen und verschwand im Hof.

Gäntschow ging rasch in das Gastzimmer des Hotels und bestellte sich dort bei dem Mädchen ein Frühstück. Er war der einzige Gast in dem Zimmer, heimgekehrt auf seine Insel. Er saß da allein und wartete auf Herrn Reese. Aber Herr Reese kam nicht. Das Mädchen brachte das Frühstück. Er sagte ihr, daß er Herrn Reese sprechen möchte. Herr Reese ist fortgefahren. Er sah dem Mädchen an, daß es log. Aber er sagte nur gleichmütig: Schön, schön, und goß sich seinen Kaffee ein.

Er wartete, bis er wieder allein im Gastzimmer war, dann trat er auf den Gang hinaus, ging den Gang hinunter, stieg die Treppe nach oben hinauf, klopfte kurz an Reeses Tür und trat ein. Reese saß mitten im Zimmer an einem Tisch und frühstückte auch.

Guten Morgen, Nachbar, sagte Gäntschow. Ich wollte mir nur einmal ansehen, wohin du gefahren bist.

Reese stand langsam auf. Trotz seines Silberhaars konnte er noch sehr erröten. Er tat es. Hat das dumme Mädchen dir gesagt, ich bin weggefahren, Hannes? Dies Mädchen ist wieder einmal zu rein gar nichts zu gebrauchen. Ich wollte gleich wegfahren, sollte sie dir sagen, Hannes.

Ja, ja, sagte Gäntschow gedankenvoll. Er sah sich den silberhaarigen Apostel in Schlafrock und Hausschuhen aufmerksam an, er verstand nicht mehr, daß er aus diesem Munde sein Urteil hatte hören wollen.

Also, denn guten Appetit, Reese, sagte er und ging aus dem Zimmer.

Er war schon beim Treppenabsatz, als er den andern hinter sich rufen hörte: Hannes! Hannes!

Was ist los? fragte er ungeduldig und drehte sich um.

Reese war jetzt nicht mehr rot, sondern sehr blaß. Ich wollte dich noch bitten, Hannes, nicht mehr in meinem Lokal zu verkehren. Und unter dem Blick des andern: Ich muß auf meine Gäste Rücksicht nehmen.

So ist es also doch noch eine Art Urteil geworden, murmelte Gäntschow und lachte plötzlich böse los: Das wäre so eine Sache, was, Nachbar, wenn der Wendland an einem Tisch säße und versöffe seinen Kummer und ich am andern? Nein, richtig, seine Ordnung muß aller Kram haben. Ich werde in Rieck im Löwen saufen müssen. Ich sehe es ein. Das macht sich dann viel besser. Er stieg eilig die Treppe hinunter. Schon ärgerte er sich, daß er dem Reese überhaupt geantwortet hatte. Er machte jetzt so vieles falsch. In letzter Zeit war ihm so vieles mißglückt. Es war unmöglich, so weiter zu leben. Er hatte sich zu tief mit den Menschen eingelassen. Er mußte da wieder raus.

Er holte sich aus der Gaststube seine Sachen. Das Frühstück ließ er stehen und ging nun eilig die Dorfstraße wieder zurück ...

Diesmal sah er aufmerksam um sich. Es waren kaum Menschen unterwegs. Aber die er sah, kannte er. Doch sie schienen ihn nicht zu kennen. Nun, nun, sagte er beruhigend zu sich. Aber er mußte doch daran denken, daß er dem alten Wehrle da, der mit so krummem Rücken in einer Nebengasse verschwand, im letzten Herbst noch einen Kasten Kartoffeln geschenkt hatte. Er war nicht etwa erbittert – das wußte er ja nun schon lange, daß die Menschen niemanden so hassen wie den, der ihnen Wohltaten tut: sie warten nur darauf, daß sie sich für die Wohltaten rächen können.

Also, nun kam er auf den Windmühlenhügel. Es wäre lächerlich gewesen, jetzt noch kurz vor der Entscheidung den Schritt zu verlangsamen, also beschleunigte er ihn schon.

Er hatte recht gesehen. Natürlich hatte er recht gesehen. Er war ja noch normal. Seinen Augen konnte er trauen: baumlos lag im flachen Lande der Hof. Keine Linde mehr, nichts mehr von Pappeln. Ach, von hier aus müßte er wenigstens die Obstbaumwipfel aus dem kleinen Bauerngarten sehen, aber es war brandleer über den Dächern, nur blauer Himmel.

Er stand da, lange, gedrängt atmend. Was die Mutter begonnen, hatte die Frau vollendet. Aber schon dachte er nicht mehr daran. Er dachte an die Bäume. Jahrhunderte hatten die Linden gebraucht, um das zu werden, was sie gewesen waren: fort! Abgehauen und fort! Fort die Pappeln, fort die Obstbäume!

Er würde nie mehr den Hof erleben, wie er ihn gekannt hatte. Er mochte pflanzen, düngen und treiben, was und wie er wollte – fort und vorbei.

Er stand lange da. Etwas löste sich in ihm. Ach, schon war es nicht mehr ganz sein Hof, der Gäntschow'sche Hof, auf den er hinuntersah. Nicht mehr im leisen Sommerwind das Spiel der silbrigen und glänzenden Pappelblätter. Nicht mehr an den Herbstabenden das Sturmgeräusch in den großen Linden, bei dem er eingeschlafen und aufgewacht war, seit seiner Kindheit. Verloren, vertan!

Er sah um sich, in sich. Jetzt sah er wieder Elise. Aber Elise war ein Wurm, eine Wanze am Rande des Daseins. Sie hatte ihn mit Gift bespritzen wollen, und das hatte sie nun getan ...

Aber was war mit Christiane? Ich hätte mich auch immerhin ein bißchen um den Hof kümmern können. Man reist nicht so in die Welt, dachte er trübe beim Weitergehen. Aber dann kam es doch wieder: was war mit Christiane? Er grübelte, er versuchte, sie sich vorzustellen als Herrin auf diesem Bauernhof, das Hühnervolk besorgend, in dem kleinen Bauerngarten säend und jätend, in der verräucherten Küche die Zentrifuge drehend und am Abwaschstein fettige Teller waschend. Es war Unsinn, Nonsens – aber wieso hatte er sich in diesen Unsinn eingelassen? War er denn ein Flachkopf geworden?! Jawohl, der Harras, ein Reitpferd – jetzt würde er gleich dem Harras guten Tag sagen können. Nun schön, er würde sich aus der Geschirrkammer einen kräftigen Hammer holen und dem Harras eins vor den Kopf als guten Tag geben. Ein Bauer und ein Reitpferd! Wieso hatte er nur diese Hirnverbranntheiten Monate und Monate ertragen? Warum waren ihm nicht die Augen darüber aufgegangen. Elise, das war doch wahrhaftig schon ein gerüttelt und geschüttelt Maß Unheil gewesen. Aber nun erst Christiane!

Liebe, herrlich. Sie machten einen Schmus darum, sie umlogen und umkitschten das. Aber sie kam aus dem Bauch, wo die Verdauung vor sich ging. Und so war sie auch. Etwas Groteskes, etwas Wahnsinniges, gemeinste Fallenstellerei und Augenverblendung – er würde denen nicht noch einmal auf ihren Kitsch hereinfallen! Liebe – wahrhaftigen Gottes – und wehrlose Bäume mußten es büßen, es war eine herrliche Welt!

Er geht immer schneller. Er hat es jetzt gewissermaßen für acht Monate eilig, wieder auf den Hof zu kommen, Ordnung zu schaffen und Elise ziemlich deutlich zu sagen, was er von ihr und ihren Liebestaten hält. Mit dem Hammer vielleicht auch? Ach, Hammer riecht nach Mord, nach Tragik. Mit Hämmern erschlägt man keine Wanzen. Aber er besitzt eine hübsche schwippe Reitpeitsche mit einer silbernen Kugel, mit sowas geigt man den Idioten die Melodie zu ihren Taten.

Nein, nein, nicht so eilig. Er läuft ja schon beinahe. Jetzt läuft er schon zwischen seinen Feldern – er hat sich eingebildet, er hat Roggen und Weizen gesät? Nichts hat er gesät, wenn hier etwas gesät ist, so heißt es Unkraut, heißt es Melde, Quecke, Kornblume, Rade, Mohn ... So heißt das! Man müßte den Bauern, der seinen Acker so verkommen läßt, mit den Ohren an das Scheunentor nageln, den Bauern, der in Liebesangelegenheiten durch die Welt reist und sein Erbe so vertut!

Die Bauern hatten schon ganz recht, wenn sie sich nicht auf die Liebe einließen, wenn sie ihre Frauen wie Haustiere hielten, wenn sie nur, wie es dem Hof guttat, heirateten. Der Hof lebte, die Menschen starben, Acker blieb immer, aber Liebe verging. Liebe war ein Garnichts! Was war er schon für ein Bauer gewesen? An das Scheunentor mit ihm!

Er kommt beinahe laufend auf den Hof, er rennt über die leere Dungstätte, er stößt die Stalltüren auf, er schiebt die Scheunentore zurück, er reißt die Geschirrkammertür auf ... Jawohl, jawohl, Gäntschow, hol dir den Hammer und gib dem Harras eins vor den Schädel: es gibt keinen Hammer mehr, es gibt keinen Harras mehr, alles ist leer! Die Scheunen sind leer und die Ställe sind leer. Es gibt keine Ackerwagen mehr, es gibt kein Gerät mehr, Ratten huschen, Mäuse laufen. So war es schon einmal unter einem Gäntschow.

Langsam mit schweren Füßen steigt er an den blutenden Lindenstümpfen vorbei, die Treppe zum Haus empor. Er stößt die Tür auf. Voller Angst starrt er in den halbdunklen Vorraum. Nein, kein Schrank mehr, der Schritt hallt wieder, die Zimmer sind geleert, die Spinnen weben in den Ecken ihre Netze, die Scheiben sind grau, verstaubt. Ein peinigender Trieb, doch wenigstens irgend etwas noch zu finden, treibt ihn die Treppe hoch, er öffnet die Tür zu seinem Kinderzimmer: auch das Kinderzimmer ist leer.

Nein, es ist nicht leer. In der Mitte der ausgeräumten Stube steht ein häßlicher, eiserner Gartenstuhl und über dem Stuhl, mit Bindfaden angemacht, hängt ein Pappschild, ein Stück Karton, mit Rotstift darüber gemalt in Elises Schrift: Herzlich Willkommen!

Er starrt auf das Schild. Seine Augen werden langsam blind vor überquellenden Tränen. Er läßt sich langsam und schwerfällig auf diesen Eisenstuhl des Hasses nieder, und dann stützt er den Kopf in die Hände und fängt an zu weinen, wie er noch nie in seinem ganzen Leben geweint hat.

Nach einer langen Weile stand er auf. Es war eine etwas ungewohnte Beschäftigung, sich das Gesicht mit einem Taschentuch abzutrocknen. Als er das letztemal geweint hatte, hatte er es wohl noch mit einem Jackenärmel getan, aber er hatte nicht die Absicht, sich zu schämen. Er hatte überhaupt nicht die Absicht, so etwas in aller Zukunft zu tun. Er würde von nun an genau das machen, was er wollte, und alle Leute und alle Gefühle gingen ihn einen Dreck an. Er wollte es ihnen zeigen, auf der Stelle!

Er ging durch das dumpf widerhallende Haus. Innen an der Tür steckt« der große Urvaterschlüssel, der an einigen Stellen von Bronze schimmerte – aber es war nichts zu verschließen. Er konnte das Haus ruhig offenstehen lassen, wie es gewesen war. Niemand würde etwas holen – also schloß er es ab.

Er wollte sich das Gesicht an der Pumpe frisch machen, aber es gab keine Pumpe mehr. Eine der beiden Hauslinden hatte sie wohl beim Fallen zerschlagen. Holz- und Eisenteile lagen herum, wie sie gefallen waren. Es gab nicht einmal Wasser mehr auf diesem von allen Menschen verlassenen Hof. Das Notwendigste fehlte, das, was alle Kreatur braucht. Er sah mit einem fremden Blick über all diese Verwüstung und Zerstörung, es sah so fremd aus ohne Bäume. Es konnte ebensogut eines andern Mannes Hof sein – es war eines andern Mannes Hof!

Er ging um die Scheunenecke herum. Hier hatte ehemals der Stinkteich gelegen, der jetzt wieder ein Wassertümpel geworden war, in ihm wusch er sich das Gesicht. Dann ging er langsam über die Felder, auf den fernen Giebel des Hauses von Gemeindevorsteher Wilms zu.

Er kam über einen Rübenacker, er blieb stehen und besann sich. Dies war kein gewöhnlicher Rübenacker. Hier hatte vor ein paar Jahren noch ein Haus gestanden, ein ganzes kleines Anwesen, mit Kuh und Doppelpony. Man nannte so etwas eine Büdnerei. Hier, wo jetzt die Rüben wuchsen, hatte sich sein Bruder Max aufgehängt und war verbrannt mit vier Menschen dazu. Eine nachdenkliche Geschichte für einen Gäntschow. Er sah sich um und betrachtete abschätzend den eigenen Hof. Nun, selbst ohne Bäume machte er noch einen recht stattlichen Eindruck. Die Grundmauern aus Feldsteinen waren sehr solid, und auch die durch das heilende Seeklima konservierten Backsteine sahen nicht so aus, als würden sie leicht den Rüben das Feld räumen.

Er nickte nachdenklich und zufrieden vor sich hin. Er war auch schon auf dem richtigen Wege. Man konnte wohl mal einen Augenblick in einer Kammer sitzen und heulen, aber dann ging man weiter und tat, was nötig war. Wir weinen nicht über weggeschwommene Felle, wir gerben uns andere. Und wie wir gerben wollen!

Er drehte wieder um und ging weiter.

Der alte Gemeindevorsteher Wilms, weißhaarig und mit zerknittertem, braunem Gesicht, saß, eine Nickelbrille auf der Nase, am Fenster und schrieb.

Kiek, der Hannes! sagte er. Nein, der Herr Gäntschow, verbesserte er sich und schrieb weiter.

Ich denke doch, immer noch der Hannes, sagte Gäntschow.

Nee, nee, sagte der alte Mann böse und glubschte ihn hinter der Brille funkelnd an. Das habe ich einmal gedacht, wie du heimgekommen bist. Das denke ich nicht wieder.

Ein seltsames Gefühl von Befangenheit und Schuld, das er noch nie gefühlt, überkam Gäntschow.

Hast du deinen Hof gesehen? fragte der alte Mann zornig. Schämst du dich nicht in Grund und Boden? Und du trittst noch in meine Stube und sagst, du bist der Hannes Gäntschow? Ein Hofmörder bist du!

Der alte Mann stand zitternd vor Erregung da. Er blitzte Gäntschow an ... Dann, da der stumm blieb, sagte er ruhiger: Ich habe den Hof gekannt seit deinem Großvater. Es ist ein herrlicher Hof. Fast alles Acker erster Klasse. Was denkst du, was ich daraus gemacht hätte, der ich vier Fünftel Sand habe –? Solch Mann wär ich! Er hob die Hand zur Decke. – Und was hast du damit gemacht? Hast du es gesehen? Bist du da mal durchgegangen? Hast du deinen Acker angesehen? Wir Warderleute sind ja ein Gespött auf der ganzen Halbinsel geworden! Unkraut wie auf Gäntschows Acker heißt das jetzt!

Er hielt wieder inne, er bezwang sich, aber seine schmalen, langen Lippen zitterten.

Dein Vater ist auch manchmal schlimm gewesen, sagte er dann. Dein Großvater ist später, als die Justine ihm starb, ein bißchen überspöhnig geworden – aber ihre Arbeit haben sie gemacht, jederzeit, so gut sie grade konnten. Sie haben den Hof nicht im Stich gelassen!

Ich habe keine Ahnung gehabt, was hier in den acht Monaten vorgegangen ist, sagte Gäntschow finster.

Rede dich darauf raus! schrie der Gemeindevorsteher, das habe ich schon einmal von dir gehört. Und wer hat die Vollmacht unterschrieben für den Lumpen, den du auf den Hof gesetzt hast? Du wohl nicht, nein?

Der Mann war gut empfohlen.

Um so schlimmer. Um so schlimmer für dich. Man führt die Menschen nicht in Versuchung. Man setzt nicht junge Bengels auf einen Hof und kümmert sich nicht um sie. Man läßt sie nicht allein zusammenhausen mit einer Frau, die man geschlagen und mißhandelt hat und die nur noch an Rache denkt.

Ich habe Elise nie geschlagen! ruft Gäntschow.

Dann lügen die Leute, sagt der Gemeindevorsteher, aber du wirst ihr auch so genug Herzeleid angetan haben, daß sie dir zur Rache den dummen Bengel verführt hat und in den Ehebruch geraten ist. Aber freilich, was macht dir Ehebruch?

Vadder Wilms! ruft Gäntschow drohend.

Ja, freilich, das willst du nicht hören. Das sind die großen Herren, für die gelten die Gebote und Gesetze nicht. Da fährt man in der Welt herum mit anderer Leute Frauen, läßt den eigenen Hof verkommen, und wenn's einem gesagt wird, wie's ist, dann will man's nicht anhören.

Der alte Mann sagt plötzlich ganz ruhig: Ich hab' oft gedacht, es heißt ja nicht umsonst, daß man bei einer Frau schläft. Man schläft ja nicht bei ihr, aber die Frau ist nur für die Nacht da, das heißt es. Für den Tag haben wir unsere Arbeit.

Er steht wieder eine Weile still. Der Mann am Ofen benagt seine Lippen mit den Zähnen. Der alte Wilms hat recht mit dem, was er von den Frauen sagt. Er hat überhaupt mit allem recht.

Was willst du hier eigentlich? fragt der Gemeindevorsteher.

Ich wollte dich um etwas Hilfe bitten, sagt Gäntschow zögernd. Ich will den Hof wieder in Gang setzen.

Hast du Geld? fragt der Gemeindevorsteher dagegen. Du brauchst, wenn es ganz wenig ist, fünftausend Mark. Es ist nicht so viel wie ein Hackenstiel auf dem Hof.

Nein, ich habe nichts, sagt Gäntschow.

Du bekommst kein Geld von mir, sagt der Gemeindevorsteher kurz und greift wieder nach seinen Papieren.

Weißt du, wohin meine Frau ist? fragt Gäntschow zögernd.

Nein, und ich will es auch nicht wissen, sagt der alte Mann, wohin sie mit dem Lump ist.

Er sitzt schon wieder am Tisch und hat die Feder in der Hand.

Die hast du auch auf dem Gewissen, Hannes. Vielleicht war wirklich nicht viel mit ihr los. Und eine Bauernfrau war sie sicher nicht. Aber was für ein lütt gut Mäten war das mal.

Er hat den Kopf vorgebeugt und fängt an zu schreiben.

Dreihundertachtzig Mark Gemeindesteuern sind auch noch rückständig. Lange warte ich nun nicht mehr mit der Zwangsbeitreibung.

Gäntschow sieht noch einmal auf die beim Schreiben hochgezogenen Schultern in der grauen Joppe. Er will noch etwas sagen, begreiflich machen, daß jetzt alles anders werden wird, aber dann versteht er den alten Bauern doch zu gut, und er geht leise, ohne ein Wort, aus der Stube.

Draußen ist noch immer schöner, strahlender Sommertag. Es ist nicht viel Zeit vergangen, und es ist auch nicht viel vorgegangen. Ein Mensch hat abgelehnt, ihm zu helfen. Das wird ihm noch oft so gehen in diesen Tagen, aber es macht nichts. Er wird so lange suchen, bis er Hilfe hat. Geld hat, heißt das. Und dann wird er es ihnen allen zeigen! Er wird den Hof so in Ordnung bringen, daß sie staunen sollen, aber die alten Bäume werden nicht zurückkommen, spricht eine traurige Stimme in ihm.

Es wird Leben herrschen auf dem Hof, Blühen, Gedeihen und Vorwärtskommen, – aber du wirst allein sein, spricht die traurige Stimme.

Er kommt einen Feldrain entlang. Auf der einen Seite liegt sein Acker, auf der andern Kirchdorfer Kleinleuteland. Siehe da, die kleinen Leute sind gewachsen. Da ist ein Beet Buschbohnen über den Rain gerutscht und hier ein ganz hübscher Schlag Kohl. Es möchte ihn Zorn fassen. Diese Menschen rechnen schon gar zu unverschämt nicht mehr mit ihm. Aber dann betrachtet er die Kohlköpfe. Es ist ein Winterkohl, ein später Weißkohl, gerade das Rechte für die Sauerkrautfabriken in Stralsund. Trotzdem es noch recht früh dafür ist, hat der Kohl schon schöne Köpfe gebildet. Man sieht jetzt schon, es wird ein Prachtkohl.

Richtig, das ist eine Idee. Er hat den passenden Boden dafür. Er kann gut dreihundert Zentner Kohl vom Morgen ernten, sagen wir ganz vorsichtig sieben Mark für den Zentner, das sind rund zweitausend Mark vom Morgen. Rechnet er dagegen Kartoffeln hundertsechzig Zentner zu eins fünfzig, mehr bringen sie hier nie, macht zweihundertvierzig Mark. Er pfeift langgezogen vor sich hin.

Da ist etwas Herrliches, etwas, das ihn vorwärtsbringen kann. Er wird nicht mit zuviel anfangen, zehn Morgen vielleicht, oh, Mann Gottes, zweitausend Mark macht zwanzigtausend Mark, ein Vermögen, ein Schatz! Wohlgefällig sieht er auf das Kleinleutestück, das sich über seinen Feldrain geschlichen hat. Er träumt davon, wie es sich ausbreiten wird. Er sieht den Schlag bestanden, Kopf an Kopf ... Oh, wie ungeduldig er ist, das wirklich zu sehen. Gewiß, für dies Jahr ist es zu spät. Gewiß, die zweitausend, zwanzigtausend fallen einem nicht in den Schoß – er braucht mehr Dünger, mehr Anspannung, viel mehr Löhne, er muß sich die Pflanzen selbst ziehen ... Aber das ist eine Frage des Betriebskapitals, und das wird er sich nun verschaffen.

Nein, sagt der kleine verwachsene Kantor Bockmann, ich bin immer dagegen gewesen, daß dein Vater dich zum Superintendenten in den Unterricht gegeben hat, Johannes. Gewiß, gewiß, Herr Marder in allen Ehren, trotzdem du ja sicher weißt, daß er jetzt in der Stralsunder Heilanstalt ist ... Aber er wird ja nicht mehr heil. Es ist Altersschwachsinn. Die Ärzte nennen es dementia senilis ...

Also wie ist es mit dem Kredit bei Raiffeisen? fragt Johannes den Vorsitzenden der Genossenschaft.

Es geht nicht, Johannes. Der Bucklige bewegt die Schultern. Ich könnte dir etwas vorreden, dich einen Antrag stellen lassen und in der Sitzung dann dagegen sprechen, ohne daß du etwas davon erfährst. Aber ich sage dir jetzt gleich: ich werde dagegen sein. Ich bin vor ein paar Wochen über deinen Hof gegangen. Nun ja, du sagst fünftausend Mark, »nur« fünftausend Mark – ... Gewiß, ich gebe zu, dem Wert des Hofes entsprechend ist das gar nichts. Aber für die Genossenschaft ist es viel Geld. Es würde nicht eine Stimme dafür sein.

Ich werde jeden Pfennig von dem Geld in den Hof stecken. Es sind ja dann die Gegenwerte da.

Gegenwerte, Hannes, man hat es doch gesehen. Grade auf deinem Hof hat man es erlebt. Ackerwagen, schöne, vierzöllige Rüstwagen – weggegangen mit fünfzig Mark. Vierjährige frisch melkende Kühe, Wert vierhundert Mark – verschleudert mit zweihundert. Es war ja, als brennte es denen auf den Fingern, so eilig hatten sie es mit dem Verkauf. Nein, Johannes, mit den Gegenwerten auf so einem Hof sieht es nur schlecht aus.

So etwas kommt nicht wieder vor, sagt Johannes. Ich gehe nicht wieder runter vom Hof.

Nimm di nix vör, denn sleit di nix fehl, sagt man, Hannes.

Also unter keinen Umständen?

Unter keinen Umständen, sagt der Bucklige und sieht Gäntschow freundlich an.

Es ist nicht weit vom Schulhaus zur Bahn. Gäntschow erreicht noch den Abendzug nach Bergen. Er sitzt in der Bahn und überlegt hin und her. Immerhin ist es die erste Begegnung mit solchen Dingen in seinem Leben. Bisher war immer Geld da, wenn er es brauchte. Oder er konnte ohne Geld auskommen. Dieses Mal, zum erstenmal, stemmt sich alles gegen ihn. Den alten Wilms mag er gerne, aber schon da war es schwer erträglich. Doch noch vor einem Jahr hätte so ein Schwachkopf wie der Kantor Bockmann ihm kommen sollen – ach, sie hätten es einfach nicht gewagt! Und jetzt? Ja, er erträgt es. Er erträgt es zähneknirschend, voll Wut, aber er erträgt es, denn der Hof muß gerettet werden.

Er zweifelt keinen Augenblick daran, daß er es schaffen wird. Aber bis dahin muß er durchhalten. Er muß sich den Menschen fügen. Ihr eingebildetes, albernes Geschwätz ertragen – um des Geldes willen. Dies Geld, das er früher verachtet hat, das er für nichts angesehen hat. Ach, es ist auch jetzt das gleiche geblieben. Es hat sich nicht verwandelt, es ist Mist, Dünger, Verrottetes, das dem Hof neue Kraft geben soll, darum muß er es haben: Geld an sich ist nichts.

Es ist unbegreiflich, daß sie sich seinem Willen nicht fügen, es ist Frechheit, daß sie sich weigern, ihm zu glauben, wenn er versichert, so etwas ereignet sich nicht wieder – zum erstenmal in seinem Leben braucht er Menschen, und alle versagen. Wenn er erst sein Geld hat, wird er sich allen versagen.

Es ist beinahe sieben Uhr abends, als er in Bergen ankommt. Er hat den ganzen Tag noch nichts gegessen, er kauft sich etwas Brot und Äpfel, er muß seine paar Mark zu Rate halten. Er weiß ja nicht, wie schnell er das Geld bekommen wird. Er steigt zum Rugard hinauf, er sitzt da auf einer Bank und ißt sein gutes Essen, er schaut auf das friedliche Land hinab, es sieht schön aus mit seinen Feldern, Wäldern, Meeresausblick und Bodden. Man möchte beinahe vergessen, daß es ein Land ist, in dem Verrat und Gemeinheit, Kälte und die beiden Geschwister: die sogenannten Haß und Liebe hausen. Er geht lange um den Turm herum, auf und ab, er muß noch die Pest der Liebespaare überstehen. Aber schließlich kann er sich – es hat drunten schon Mitternacht geschlagen – kann er sich in ein Gebüsch legen und schlafen. Der Großbauer Johannes Gäntschow, der Geliebte der ehemaligen Freiin Fidde, der reichsten Frau auf Fiddichow, mit noch siebzehn Mark in der Tasche.

Auf dem Grundbuchamt am nächsten Morgen geht alles glatt. Er weist sich aus und bekommt seinen Grundbuchauszug. Kostet drei dreißig. Aber es steht auch darin, daß dieser Hof von hundertachtzig Morgen ohne alle Hypotheken ist.

So weit hat die Vollmacht nun doch nicht gereicht, Elise, denkt er mit grimmiger Befriedigung.

Auch auf der Kreissparkasse geht alles glatt. Ohne Mühe wird er beim Leiter der Hypothekenabteilung vorgelassen, so und so, ein völlig unbelasteter Hof, eine erste Hypothek von zehn oder fünfzehntausend Mark.

Sagen wir zwanzig, sagt Herr Dr. Pfeifer, ist eine schöne runde Zahl. Und Geld kann man immer brauchen, nicht wahr?

Er lacht. Er sieht schwärzlich und freundlich aus, wie eine Spitzmaus. Und er lacht auch so, wie eine Spitzmaus lachen müßte, findet Gäntschow. Es klappt also mit dem Gelde, denkt Gäntschow erleichtert. Nun wird er es denen weisen. Er hört nur flüchtig die Bedingungen: vierundneunzig Prozent Auszahlung, achteinhalb Prozent Zinsen, ein Prozent Amortisation, einhalb Prozent Verwaltungskosten, Summe zehn Prozent. Es sind die Jahre des Goldstroms aus Amerika, die Hypothek wird also auch Goldmark-Hypothek heißen.

Ja, es kann sehr schnell gehen. Man kann es vielleicht heute nachmittag noch notariell machen. Darf ich bitte noch einmal den Grundbuchauszug sehen?

Gäntschow sieht, wie der Dr. Pfeifer plötzlich zusammenzuckt. Er scheint weiter zu lesen. Aber er starrt immer auf eine Stelle. Er tut nur so, als ob er liest, aber er grübelt. Seine Stirn ist so faltig.

Johannes Gäntschow weiß schon Bescheid. Er könnte sich ebensogut seinen Grundbuchauszug ausbitten, aufstehen und fortgehen. Es hat ihn wieder geschnappt, im letzten Augenblick noch. Die ganze Insel ist voll Geschwätz.

Sie sind Herr Gäntschow selbst? fragt Dr. Pfeifer behutsam.

Das sagte ich schon, erklärt Gäntschow.

Bei der Vorstellung versteht man ja nie Namen, lächelt spitzmäusisch Herr Pfeifer. Und Ihr Hof liegt doch bei Fidde?

Bei Kirchdorf, sagt Gäntschow.

Aber der andere steht schon an der Kreiskarte. Da ist Fidde, murmelt er, und da Warder. Na also! Er kümmert sich nicht mehr sehr um diesen Gäntschow. Wissen Sie, sagt er, mir ist eben eingefallen, daß wir in den nächsten Tagen ein paar große Zahlungen zu leisten haben. Sie bekommen dann schriftlich endgültigen Bescheid.

Ich habe aber Ihre Zusage, Herr Doktor, sagt Gäntschow.

Meine Zusage? Keine Spur. Ich darf ja gar nicht zusagen. Das hängt ja groß im Schalterraum, daß mündliche Abmachungen ohne schriftliche, doppelt gezeichnete Bestätigung ungültig sind. Nein, nein, sagt er plötzlich wieder lächelnd, Sie bekommen unsern schriftlichen Entscheid schon in den nächsten Tagen.

Ich nehme an, sagt Gäntschow, daß Ihre heutige mündliche Absage schon bindend und gültig ist, und erlasse Ihnen alle Schreiberei. Guten Morgen, Herr Doktor.

Er kauft sich wieder Brot und Äpfel. Er setzt sich wieder in einen Zug. Diesmal fährt er nach Stralsund. Er entfernt sich immer weiter vom Warderhof und nähert sich Christiane. Wer da aber glauben wollte, daß er sich Christiane tatsächlich nähert, der irrt sich. Er fährt zu Herrn Schöning.

Herr Schöning in Stralsund leitet ein großes, vom Vater ererbtes Geschäft, ein Getreide-, Futter- und Düngemittelgeschäft, wie so etwas ein wenig umständlich heißt. Sein großer Getreidesilo mit Elevatoren und Exhaustoren für Schiffs- und Bahnverladung steht ragend wie ein amerikanischer Wolkenkratzer am Stralsunder Hafen. Und Herr Schöning ist ein großer Kaufmann, derart, daß er nur mit Rittergutsbesitzern Geschäfte macht. Die vom Vater ererbte Bauernkundschaft hat er vorsichtig und zielbewußt als »Läpperkundschaft« aus dem Hause gedrängt.

Der noch junge Herr Schöning ist ein studierter Mann. Er hat seinen Doktor, ist Nationalökonom, aber davon macht er keinen Gebrauch. Er ist einfach Herr Schöning. Er geht bei den Großgrundbesitzern zur Jagd. Das genügt ihm. Gäntschow hat, trotzdem er nur ein Bauer ist, im vergangenen Jahr ein paarmal mit ihm Geschäfte gemacht. Wendland hatte ihn dahin empfohlen. Und diese ihm neue Art, Geschäfte zu machen, ohne Handelei, hatte ihm gefallen.

Die Mühlen zahlen jetzt für Weizen das und das, sagte Herr Schöning am Telephon. Soundsoviel will ich verdienen. Bleibt soundsoviel für Sie. Würde Ihnen das recht sein?

Johannes Gäntschow, der zwei Nächte in keinem Bett geschlafen hat, der sich seit drei Tagen nicht rasiert hat, und der sich zum letztenmal gewaschen hat, als er sich die Tränen auf Warderhof abwusch, wird nicht ohne Schwierigkeit von den jungen Leuten in das Privatkontor des Chefs gelassen. Mit seinem hageren, stoppligen Gesicht, den großen, finster glühenden Augen, dem zerknitterten Anzug sieht er ziemlich nach »Wilder Mann« aus und überhaupt nicht nach Großgrundbesitzerkundschaft.

Aber er kommt vor. Er haucht diese Herrchen an, daß sie erbleichen. Und Herr Schöning selbst ist ein viel zu selbstbeherrschter Mann, um irgendwelche Verwunderung zu zeigen. Lang und semmelblond, sehr gepflegt, sehr englisch sitzt er in seinem Sessel. Er nimmt seinem Besucher auch alle Erklärungen ab:

Ich weiß Bescheid, sagte er. Sie ahnen sicher nicht, was die Fiddichower klatschen.

Er betrachtet eindringlich und lange seine Fingerspitzen und fragt plötzlich: Verkaufen möchten Sie den Hof nicht?

Nein.

Natürlich, sagt Herr Schöning, ich bitte um Entschuldigung.

Er seufzt leise und denkt dann weiter nach.

Ich will mir den Fall überlegen, sagt er abschließend. Hypothekenkredite vergebe ich natürlich nicht, und Kontokorrentkredit würde viel zu teuer für Sie. Fünftausend sind natürlich Unsinn, verzeihen Sie. Fünftausend sind rausgeschmissenes Geld. Sie müssen zwanzigtausend, vielleicht sogar dreißigtausend haben. Aber das lohnt sich nicht für mich, bei einem so kleinen Objekt.

Also eine Absage, sagt Gäntschow und steht auf.

Neunzig Prozent Absage, erklärt Herr Schöning, aber die zehn Prozent gibt es doch. Es flattert immer mal Geld in der Welt herum, das eine gute Anlage sucht. Ich werde darüber nachdenken. Sagen wir in vierundzwanzig Stunden endgültiger Bescheid. Sie wohnen in Warder?

Ich komme vorbei, sagt Gäntschow und verabschiedet sich.

Herr Schöning tut ein übriges. Er steht auf und sieht seinem Besucher nach. Der große, starke Mann dort unten geht mit räumigen, festen Schritten, ohne sich umzusehen, die kleine Gasse hinauf. Kein schlechtes Pferd, denkt Herr Schöning. Aber der andre Tip ist vielleicht noch besser. Er läßt sich mit Kirchdorf (Fiddichow) Nummer eins verbinden.

Unterdes geht Gäntschow zur Bahn. Er setzt sich wieder in einen Zug. Er fährt für fast sein letztes Geld wiederum Christiane näher. Aber wiederum fährt er nicht zu Christiane, sondern er fährt nach Grimmen. Die Stadt Grimmen ist die Heimat seiner Frau Elise, geborenen Schütt. Er hat die Absicht, sich nach Elise umzusehen, festzustellen, ob nicht wenigstens etwas von all dem Geld übriggeblieben ist. Dann wird er es ihr und dem Jüngling abnehmen, notfalls mit Gewalt.

Sonst ist er aber nicht mehr sehr gewalttätig im Hinblick auf seine Frau gestimmt. Es geht jetzt um den Hof. Elise ist ganz am Rande seines Daseins, etwas ohne alle Wichtigkeit. Ein Schöning ist tausendmal wichtiger als das kleine Huhn Elise.

Trotzdem hat Gäntschow, in Grimmen angekommen, das Bedürfnis, sich vor der kommenden Auseinandersetzung etwas zugute zu tun. Er trinkt in einer Gastwirtschaft langsam und mit Genuß auf seinen Äpfel- und Brotmagen drei große Kognaks. Dazu raucht er eine dicke, schwarze Zigarre. Er erfährt, daß seine Schwiegermutter im Grünen Grunde vor der Stadt in einer Villa wohnt, und macht sich dahin auf den Weg.

Wie das so in kleinen Orten ist: weder Vorgarten noch Haus sind abgeschlossen, Gäntschow steht plötzlich wie ein Geist in der Küche, mit seinem grünen Filz, dem zerknitterten Anzug, dem dicken Stock und der dicken Zigarre – und die glühenden Augen hat er dazu.

Schwiegermutter und Schwägerin haben beide in der Küche herumgewirtschaftet, sie starren ihn erbleichend an wie ein Gespenst, und dann stürzen beide an das Fenster und schreien hinaus: Hilfe! Überfall! Mörder!

Gäntschow rückt sich einen Küchenstuhl vor die Tür, damit sie nicht ausreißen können, und hört sich das Gezeter an. Es ist natürlich vollkommene Hirnlosigkeit, dieses Schreien, Frauenart, Hühnerart, denn die Villen im Grünen Grunde liegen vollkommen isoliert. Die Frauen sehen das auch ein, am ersten die Schwiegermutter, sie geben das Schreien auf und drehen sich langsam nach ihm um.

Gehen Sie aus meiner Küche, sagt die Schwiegermutter etwas hilflos.

Wo ist Elise? fragt Gäntschow.

Eine komische Frage für einen Ehemann, sagt die Schwägerin spitz.

Ehen sind eine unübersichtliche Sache, sagt Gäntschow gemütlich. Sie sind immer gegen mich gewesen, Schwiegermamama, aber ich bin auch immer gegen mich gewesen.

Er sitzt da und sieht die beiden an.

Sie sollen weggehen, protestiert die Schwiegermutter schwach. Ich will nichts mit Ihnen zu tun haben.

Ich gehe sofort, sobald Sie mir gesagt haben, wo ich Elise finde. – Ist sie etwa oben? fragt er und deutet mit dem Kopf nach der Decke.

Sie werden doch nicht glauben, sagt die Studienrätin mit dem Zwicker empört, daß wir mit ihr in einem Haus zusammenleben?! Dazu ist uns unser guter Ruf doch zu schade. Asphaltmoden machen wir nicht mit.

Danke, sagt Gäntschow höflich. Und dann: Hören Sie mal zu, Schwiegermamama ...

Lassen Sie doch das schreckliche Wort, Johannes, ich bin für Sie nur Frau Schütt.

Schön, schön, gnädige Frau, sagt Gäntschow, ganz wie Sie wollen. Aber passen Sie auf: Ihre liebe Tochter Elise hat mir ungefähr zwanzigtausend Mark geklaut. Davon will ich mir wiederholen, was noch übrig ist. Geben Sie mir die Adresse, mache ich es ganz still und sachte, ohne daß Ihrer Tochter was geschieht. Aber wenn Sie sich weigern, gehe ich schnurstracks von hier zur Polizei, erstatte Strafanzeige, und in einer halben Stunde haben Sie die Polizei zur Haussuchung hier.

Johannes, sagt Frau Schütt bittend, ich ...

Laß dich doch nicht bluffen, Mama, sagt die Studienrätin, es gibt gar keine Strafanzeige und Haussuchung, denn unter Eheleuten gibt es keinen Diebstahl.

Kieke da, sagt Gäntschow verblüfft. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Da haben Sie vollkommen recht. – Er überlegt. Nun, sagt er, wie zu sich, wenn ich erst einmal weiß, wo sie wohnt, komme ich schon zu meinem Recht.

Johannes, sagt Frau Schütt ernst und geht auf ihn zu, haben Sie Elise geschlagen?

Feste, sagt er, mit Knüppeln und mit Stangen.

Und haben Sie sie, als sie das Kind erwartete, gezwungen, Fenster zu putzen auf der glatten Fensterbank?

Aber natürlich, sagt Gäntschow. Hinterher hat sie noch aufs Dach steigen müssen und die Schornsteine fegen.

Na also, sagt Frau Schütt sehr befriedigt, ich hatte vollkommen recht, als ich gegen die Heirat mit Elise war. Elise versteht nie im Leben Ironie und nimmt alles für bare Münze. Noch nie hat sie einen Witz kapiert. Aber ich bin jetzt doch sehr beruhigt, daß alles bloßes Geklatsche ist – soviel verstehe ich nun doch von Menschen.

Oh, ich hätte sie auch geschlagen, sagt Gäntschow nachdenklich, wenn es grade so gepaßt hätte. Nur, ich schlage ja überhaupt nicht gern.

Sie haben einfach nicht zusammengepaßt, sagt Frau Schütt. Für Elise ist es natürlich schlimm, denn sie begreift nichts von allem und tut, was sie tut, aus purem Trotz und Verzweiflung. Nun, wenn sie das mit dem Bengel durchgemacht hat, darf sie wieder hierher kommen. Ich nehme die Scheidung in die Hand, Sie machen keine Schwierigkeiten, natürlich nehmen Sie alle Schuld auf sich. Dann kann sie wieder Lehrerin werden, sitzt irgendwo auf dem Lande, und in fünf Jahren ist sie ganz glücklich über ihrer dämlichen Briefekiste, als verlassene Frau.

Sie ist und bleibt eben ein Dummchen, sagt Linda mit dem Zwicker nachdrücklich.

Und wo ist sie jetzt? beharrt Gäntschow.

Stellen Sie sich vor, Johannes, sagt seine Schwiegermutter empört, sie ist doch hier wahrhaftig mit ihrem Jüngling angerückt gekommen und wollte bei mir einziehen. Und wie verändert sie war! Max, faß dir nicht ins Gesicht! Max, lache nicht so albern! Max, binde dir deinen Schlips ordentlich – ununterbrochen kommandieren. Es war doch, als wollte sie alles auf einmal nachholen, was sie bei Ihnen versäumt hat. Auch in meinem Haushalt war ihr nichts recht. Mama, Samtportieren hat man nicht mehr. Mama, zum Tee gibt man nicht Milch, sondern Sahne. So macht man es zum Beispiel auf Schloß Fidde. – Denken Sie sich so was aus, Schwiegersohn!

Sie sah ihn funkelnd an.

Vollkommen durchgedreht, sagt Gäntschow, und ein leises, bekümmertes Gefühl über das, was er zerstört, beschleicht ihn. Arme Elise – wenn du nun schon mit deinem einen ärmlichen Teebesuch auf Fidde prahlst ...!

Nun, sagt die Schwiegermutter zufrieden, in vierundzwanzig Stunden waren sie natürlich wieder fort. Dafür habe ich gesorgt. Und wo sind sie jetzt? fragt Gäntschow.

Lieber Schwiegersohn, sagt die Alte, was hat es für einen Sinn? Sie schreibt schon, sie müssen sich jetzt einschränken. Und wenn sie sich erst einschränken, werde ich ihr wohl bald das Reisegeld schicken müssen. Aber nur ihr, das schwöre ich Ihnen, nur ihr!

Ich gehe hier nicht eher aus der Küchentür, sagt Gäntschow hartnäckig, bis ich die Adresse weiß.

Sie lernen auch nichts mehr in Ihrem ganzen Leben, sagt Frau Schütt eifrig. Aber schön. Wenn Sie mir fest versprechen wollen, es gibt keinen Mord und Totschlag ...

Nicht die Spur, sagt Gäntschow.

Also dann! sagt sie. Tutzing, Oberbayern, Villa Erika.

Oberbayern ist bitter, sagt Gäntschow und klappert mit seinen letzten Groschen in der Tasche. Da will ich man lieber nach Fiddichow fahren. Guten Morgen.

Er steht überraschend auf und geht auch schon aus der Tür.

Halt, halt, sagt die Alte. Sie wollen doch nicht etwa so weg? Jetzt geht gar kein Zug nach Stralsund. Erst essen Sie mal Mittag mit uns. Und dann gebe ich Ihnen ein Badetuch, und Sie waschen und schrubben sich gründlich. Und von Elises Vater ist auch noch Rasierzeug da – unterdes mache ich Ihren Anzug sauber und bügle ihn. Sie sehen ja mal wieder aus!

O Gott, klagt Gäntschow, und sowas schreit nun Mord und Überfall. Auf keinen Feind kann man sich mehr verlassen.

Geld kriegen Sie natürlich keinen Pfennig von mir. Na, so weit kennen Sie mich schon. – Übrigens bei Geld fällt mir ein: Alimente zahlen Sie der Elise natürlich nicht, trotzdem Sie schuldig geschieden werden. Sonst kriegt das Mädel nur neue Einbildungen in den Kopf.

Ach, Schwiegermamama, seufzt Gäntschow, warum sind Sie nicht dreißig Jahre jünger? Sie wären gerade die rechte Frau für mich.

Na sehen Sie, sagt die Alte triumphierend und strahlt über das ganze Gesicht. Das habe ich mir ja doch gedacht, und darauf habe ich die ganze Zeit schon gelauert, daß es mit der neuen auch wieder nichts ist. Aber wenn ich wirklich dreißig Jahre jünger wäre, dann würde ich mich schönstens für Sie bedanken. So ist es nun mal mit Ihnen, lieber Schwiegersohn, die Sie kriegen, können Sie nicht gebrauchen, und die Sie gebrauchen können, die kriegen Sie nicht. Da ist es schon besser, Sie bleiben allein und schlagen sich allein die Welt kaputt. Es ist gewissermaßen anständiger, Schwiegersohn.

Und sich zur Tochter umdrehend: Los, Linda, hol' aus dem Keller ein Glas mit Rippenbraten, drei Pfund, der Mann ist ja ganz ausgehungert. Und dazu machen wir frischen Wirsing – mögen Sie sowas –?

Sowas mag ich, sagt Gäntschow, und nun geben Sie mir mal 'ne Tasse Milch und einen Kanten Brot, sonst fällt Ihnen noch der Mörder in Ihrer Küche um, und Sie haben die Scherereien.

Am Abend ist Gäntschow auf der Walze nach Stralsund. Seine Groschen reichen nicht mehr für die Bahn. Nachts wird er auf irgendeinem Strohhaufen übernachten, trotzdem das dem Glanz des frisch gebügelten Anzugs nicht dienlich sein wird. Was von Stralsund aus sein wird, weiß er noch nicht so recht. Die paar Groschen für die Fähre nach Rügen rüber hat er noch, und dann muß er eben sehen, wie er sich zu Fuß durchschlägt, ganz wie in den alten Holland-Tagen. Komisch, er hat einen leichten Horror davor. All die Unbequemlichkeiten, die ihm bevorstehen, schrecken ihn etwas. Er ist knapp fünfzehn Jahre älter seitdem geworden, er ist dreiunddreißig. Das ist kein Alter. Aber die letzten Jahre haben ihn bequem gemacht.

Das muß alles wieder anders werden, sagt er sich. Na warte, Junge, wenn du erst in Warder wieder selbst anfassen mußt, du sollst dich wundern. Und zu dem englischen Herrn, dem Schöning, gehe ich auch nicht. Meinen Korb lasse ich da ruhig stehen, der gewinnt durch persönliches Abholen auch nichts. Meine andere Idee ist viel besser ...

Er hat sich ausgedacht, daß er bis auf einen Rest von zwanzig oder dreißig Morgen all sein Land verpachten wird – Pächter genug. All die Bauern können ja gar nicht genug Land kriegen, und nun noch solcher Boden. Und er wird auf drei oder fünf Jahre verpachten und sich die ganze Pachtsumme im voraus zahlen lassen, und mit dem Geld wird er den Hof langsam und vorsichtig wieder in Gang bringen.

Das wird bestimmt was. Und in fünf Jahren bin ich dann so weit, daß ich alles wieder übernehmen kann und brauche dann kein fremdes Geld mehr. Übrigens kriege ich bis dahin bestimmt wieder Hypotheken.

Er pfeift gemütlich vor sich hin und schreitet in den Abend hinein. Er wird gut schlafen, fühlt er. Und die fünfundzwanzig Kilometer bis Stralsund sind gar nichts. Morgen um zehn Uhr ist er in der Stadt.

Es war nicht eher als an diesem nächsten Morgen, es war genau dann, als er die ersten Bäckerläden Stralsunds unter sein aufmerksames Auge nahm, daß er die Feststellung machte, seine paar letzten Groschen waren nicht mehr da. Die Feststellung, wo sie geblieben waren, war nicht schwierig: ehe er seiner Schwiegermutter – der verwitweten Schütt – mit nacktem Arm die Kleider aus der Badestube gereicht hatte, waren von ihm die restgebliebenen fünfundneunzig Pfennige in einem Häuflein über der Badewanne auf der Glasplatte niedergelegt worden.

Und wenn sie nicht gefunden sind, dann liegen sie da noch heute. Er war grade in der richtigen Stimmung, gallig grinsende Betrachtungen über die immer am falschen Platz sich betätigende Ordnungs- und Sauberkeitswut der Weiber anzustellen. Am Ende war ihm seine Frau nicht darum mit einem ganzen Hofinventar, totem wie lebendem, in die Welt gelaufen, daß seine Schwiegermutter ihn unter der Vorgabe, sich eines zerknitterten Anzugs zu erbarmen, nun auch noch um sein Allerletztes brachte. Dazu gibt es Sätze, Sprichwörter, Redensarten, die in ihrer schlichten Einfachheit etwas Niederschmetterndes haben, wenn man grade in der richtigen inneren Verfassung ist, sie sich eingehen zu lassen. Gäntschow war vollkommen gegen Sprichwörter. Aber augenblicklich war er in der inneren Verfassung, und der schlichte Satz »Hunger tut weh« ging ihm widerstandslos ein. Er tat tatsächlich weh. An diesem Satz war nicht zu drehen und zu deuteln. Ein Mittagessen, um zwei Uhr des vorhergehenden Tages noch ein gewaltiges Plus, ist um zehn Uhr des folgenden nichts als ein schreckliches Minus.

Gäntschow ging zum Hafen. Der Hunger hatte sein Gehirn Blasen treiben lassen, wunderliche Blasen. Er bildete sich ein, daß da vom Ausladen der Schiffe gewaltige Mengen Lebensmittel herumliegen müßten.

Aber außer einem toten Dorsch und Apfelsinenschalen fand er nichts. An einer dieser Schalen kaute er, als er am Markt in das Hotel Zum Goldenen Löwen eintrat. Er schrieb sich in das Gästebuch ein als Johannes Gäntschow, Bauernhofsbesitzer aus Fiddichow. Und danach sah er denn wohl auch aus. Der Zimmerkellner fragte, ob man seine Koffer von der Bahn oder vom Dampfer holen sollte, und Gäntschow antwortete, nein, das sollte man nicht.

Damit ging er in den Speisesaal und aß gewaltig. Dazu trank er zwei Flaschen Wein. Danach erhob er sich und ging aus dem Speisesaal, der Oberkellner stürzte ihm nach und bemerkte flüsternd, daß Essen sofort bezahlt würde ...

Gäntschow schnaubte fürchterlich durch die Nase, schrie: Regenwürmer, Bakterien, Mikroben – und die Sekunde, die der Ober angedonnert stand, genügte, daß er aus Speisesaal und Hotel kam. Vorsatz, Zechprellerei zu begehen, lag nicht vor. Dem widersprach schon die Eintragung ins Gästebuch, und ausgefüttert, wie er jetzt war, würde er in den nächsten drei Stunden Geld beschaffen. Sein Aufgabenkreis hatte sich freilich etwas verengert. Von fünf- bis zwanzigtausend Mark war er auf zehn bis zwanzig Mark geraten. Aber darum war seine Stimmung nicht schlechter.

Diese Welt war genau so verdreht, wie sie sein mußte. Und kein Mensch konnte wissen, in was er noch hineingeriet. Jedenfalls war dies alles nicht langweilig. Die ganzen letzten achtundvierzig Stunden hatte er sich nicht eine Minute gelangweilt, während die achtundvierzig Monate vorher – nun ja, manchmal war es auch ganz schön gewesen. Aber seltsam blieb es doch, wie rasch sich Gewesenes verbrauchte, unwahr wurde ... Und wie sehr jedes Seiende recht hatte.

Es fielen ihm mindestens ein Dutzend Leute ein, die er um Geld angehen konnte. Aber leider wohnte keiner von denen in Stralsund. Da er also auf nichts Besseres kam, ging er noch einmal zu Herrn Schöning. Weiß der Himmel, wenn der Engländer ihm seinen Korb gab, würde ihm schon etwas Rechtes einfallen, man mußte immer erst alle Möglichkeiten ausschöpfen und ganz im Ausweglosen stehen, und sofort war die schönste Chaussee fertig. Herr Schöning war zu sprechen. Dieses Mal stand er sogar auf, ging seinem Besucher entgegen und drückte ihm die Hand. Keine schlechte Präambel für einen Korb, dachte Gäntschow. Ein gerissener Hund.

Ich habe Sie schon am Vormittag um elf erwartet, sagte Herr Schöning. Ich habe nicht gern soviel Bargeld im Haus liegen.

Gäntschow sah Herrn Schöning an und lächelte etwas dünn.

Die Sache ist also in Ordnung. Das Geld steht zu Ihrer Verfügung.

Wann? fragte Gäntschow etwas atemlos. In seinem Gehirn schoß es auf in tausend strahlenden Flammen. Diesmal war er völlig erschlagen.

Als Antwort auf seine Frage hatte Herr Schöning nur auf einen Klingelknopf gedrückt und sagte nun zu dem jungen Mann: Bringen Sie das Geld für Herrn Gäntschow, Warderhof.

Wieviel? fragte Gäntschow.

Vierzigtausend, sagte Herr Schöning.

Hier wurde selbst dem pfenniglosen Gäntschow aus dem leergestohlenen Hof die Sache zu bunt, und er sagte grob: Vierzigtausend sind Unsinn, ich brauche keine vierzigtausend.

Man kann nie Geld genug haben, beruhigte Herr Schöning.

Aber zuviel Schulden, sagte Gäntschow. Zwanzigtausend und keinen Pfennig mehr.

Herr Schöning dachte nach. Dann sagte er: Vierzigtausend ist Bedingung. Hören Sie zu, Herr Gäntschow. Sie kennen den Geldmarkt nicht so wie ich. Die Sache ist ganz einfach. Jemand möchte vierzigtausend anlegen. Kurzfristig, zu einer guten Verzinsung. Sie sind sein Mann. Aber er will den Geldbetrag nicht teilen, er will mit einem Schuldner zu tun haben, aber nicht mit zweien oder sieben. Das ist doch verständlich.

Jaha, sagte Gäntschow gedehnt, und wer ist dieser Jemand?

Ein Kaufmann aus Berlin, sagte Herr Schöning. Übrigens haben Sie mit dem Mann nichts zu tun. Es ist genau so, als gäbe ich Ihnen das Geld. Ich gebe es Ihnen ja auch.

Die Tür tut sich auf, und herein kommt der junge Mann mit dem Geld. Es ist erstaunlich wenig Papier für soviel Geld. Für so ungeheuer viel, was man mit diesem Gelde anfangen kann. Jetzt liegt dies Geld vor Herrn Schöning auf dem Schreibtisch. Es ist, als habe sich die Luft in diesem Zimmer geändert.

Wie sind die Bedingungen? fragt Gäntschow kurz, fast gereizt. Sie geben uns vier Halbjahrswechsel à zehntausend Mark. Der Wechselkredit ist mit zwölf Prozent zu verzinsen. Sie verpflichten sich schriftlich, während der Laufzeit der Wechsel den Hof nicht hypothekarisch zu belasten.

Gäntschow lächelt. Halbjahreswechsel, das bedeutet erster März. Bis dahin habe ich nicht einen Pfennig Einnahmen aus dem Hof gehabt. Das ist blanker Unsinn.

Sie glauben doch nicht, Herr Gäntschow, daß Sie aus einer Jahreseinnahme des Hofes die Wechsel abdecken können?

Nein, nein, sagt Gäntschow ärgerlich, aber ...

Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Sie müssen natürlich sehen, daß Sie in diesem halben Jahr sich einen Hypothekenkredit verschaffen. Das wird unter den veränderten Umständen nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Ich habe mich erkundigt. Ihr Hof hat mit vollem Beschlag einen Wert von mindestens fünfundsiebenzigtausend Mark.

Neunzig, sagt Gäntschow.

Na sehen Sie, sagt Herr Schöning ermunternd.

Aber ich soll mich ja verpflichten, keine Hypotheken in dieser Zeit aufzunehmen?

Wenn Sie die Hypotheken zur Abdeckung Ihrer Wechselschuld verwenden, legen wir Ihnen natürlich nichts in den Weg.

Gäntschow denkt nach.

Es ist ja alles ganz einfach, sagt Herr Schöning dann. Aber ich rate Ihnen nicht einmal zu. Es ist teures Geld. Der Gläubiger macht ein gutes Geschäft. Zwölf Prozent Halbjahreszinsen sind ein hübscher Verdienst.

Halbjahreszinsen? fragt Gäntschow. Ich dachte Jahreszinsen.

Nein, Halbjahreszinsen, sagt Herr Schöning, geduldig lächelnd. Ach, Gäntschow ist fast erleichtert, als er hört, daß er vierundzwanzig Prozent Zinsen zahlen soll. Es ist alles in bester Ordnung. Es ist ein richtiges Wuchergeschäft, Halsabschneiderei. Gottlob, er hatte beinahe etwas anderes gedacht. Etwas Schlimmes. Nun gut, damit ist es nichts. Er reitet den Hof bös herein. Er braucht mindestens zehn Jahre, um das wieder herauszuholen. Aber er wird es wieder herausholen.

Plötzlich fällt ihm Christiane ein. Er hat in allen diesen Tagen kaum an sie gedacht. Aber jetzt fällt sie ihm wieder ein. Er ist damals aus ihrem Schlitten gesprungen. Nun zeigt es sich, er hätte nie wieder zu ihr einsteigen sollen. Dann war da das Sparkassenbuch von ihrem Vater – seltsame Zusammenhänge. Ohne das Buch hätte es keinen Harras gegeben, und ohne den Harras wäre alles anders gekommen.

Nein, das Geld der Fiddes hat ihm nie Glück gebracht, aber dies ist kein Fidde-Geld – es ist gewöhnliches, schmutziges Berliner Wuchergeld. Komisch eigentlich, daß ein so frisch gewaschener, säuberlicher Engländer sich auch mit Derartigem befaßt. Nun, er macht wohl auch seinen Schnitt dabei.

Ich bin einverstanden, sagt Gäntschow. Ich werde dann unterschreiben.

Eine halbe Stunde später sitzt er im Goldenen Löwen und schreibt. Inzwischen hat er schon den Inhaber eines Papierwarengeschäftes in Wut versetzt. Er hatte einen Schreibblock und Bleistift, Gesamtpreis fünfundachtzig Pfennige, gekauft und verlangt, man solle ihm auf tausend Mark herausgegeben.

Man geht nicht mit solchen Scheinen in unsere Läden! hatte der ehrbare Papierkaufmann geschrien. Man verhöhnt uns nicht in unserer Not.

Nun aber sitzt Gäntschow da und schreibt. Er ist nicht etwa in Stralsund im Goldenen Löwen, er ist daheim auf Warderhof. Er geht von Stall zu Stall und schreibt.

Acht Kühe, schreibt er. Vier tragende Färsen, schreibt er. Drei Melkschemel. Eine Dungforke. Eine Dungkarre, schreibt er. Zwölf Kuhketten, schreibt er. Ein Rübenschneider. Ein Ölkuchenbrecher. Vier Stalleimer. Sechs Melkeimer. Zwei Strickhalfter, schreibt er. Er sieht sich um im Stall. Zwei, nein, drei Glühbirnen ...

Und nun das Futter: Heu, Stroh, Schrot, Erdnußkuchenmehl, Soja-Schrot, Leinsamen, Salzsteine ...

Ach, dieser Mann, dieser große Mann von einem Zentner siebzig – da sitzt er und phantasiert, er rechnet! Er rechnet aus: soundsoviel Heu pro Tag und Kopf, die und die Futtermischung. Und wie hat er über seine junge Freundin Elise in verrauschten Klein-Kirschbaumer Zeiten gelacht, wenn sie einrichtete: ein Büfett mit oder ohne Aufsatz, was denkst du, ist besser, Hannes?

Nun richtet er ein, aber er denkt nicht an das Vergangene, es gäbe wieder einmal gute Gelegenheit, eines jener Sprichwörter anzuwenden, gegen die er so ist: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe ... Aber auch diesmal ist er nicht in der Lage, darüber nachzudenken. Er empfindet es nicht am eigenen Leibe. Elise würde vielleicht daran denken, wenn sie bei ihm säße, aber Elise sitzt in Oberbayern. In Tutzing.

Er sitzt viele Stunden, er schreibt, er rechnet. Nein, jetzt braucht er keinen Alkohol. Von Zeit zu Zeit klingelt er und bestellt sich Kaffee. Sein Hirn ist hoch und klar. Nun fragen die Kellner auch nicht mehr nach Geld. Dieser Gast springt auf, stürzt an den Apparat, erkundigt sich nach Preisen, läuft wieder hinauf, schreibt, rechnet, hört nichts. Dann kommt er wieder hinunter und fragt den Portier nach Pferdehändlern.

Wie der Nachmittag vorrückt, wird es lebhafter um sein Zimmer. Die Kunde hat sich ausgebreitet in der Stadt. Geld kann verdient werden, Provisionen, Stallgelder. Schwärzliche Pferdehändler, borstige Viehtreiber und rote Fleischer klopfen an seine Zimmertür und machen Angebote. Er schmeißt sie alle hinaus, dann erläßt er ein Verbot, jemanden zu ihm heraufzulassen. Und als auch das nichts hilft, riegelt er sich ein und ist taub für Verführungen.

Aber nun wird es lebendig vor seinem Fenster. Aus der Ossenreyerstraße um die schöne Ecke des Rathauses in seiner Backsteingotik latschen mit ihren flachen Füßen Rinder, trappeln aufgeregt Pferde. Sie nehmen vor seinem Fenster Aufstellung, und beschwörende Stimmen dringen durch das Schlüsselloch: nur einen einzigen kurzen Blick auf den Marktplatz zu werfen. Offene Jagdwagen mit Paßpferden klappern über das Kopfsteinpflaster, Briefe werden unter der Tür durchgeschoben.

Langsam wird es Nacht. Der Trubel läßt nach. Er sitzt immer noch bei seiner Rechnerei, er zieht die Schlußsumme: siehe da, Herr Schöning hat recht gehabt, man kann nie zuviel Geld haben. Mit zwanzigtausend Mark ist gar nichts zu machen. Jetzt sind es schon zweiunddreißig. Und vieles wird er noch vergessen haben, auch das Haus ist noch ganz leer. Darin steht immer noch nur ein Eisenstuhl mit einem Pappschild: Herzlich Willkommen.

Er muß sich vielleicht entscheiden, wie er das Haus einrichtet. Für Christiane oder für sich. Es ist solch ein Unding – ach was, diese Entscheidung schiebt er noch hinaus! Er kann Christiane sowieso nicht in den Trubel der ersten Wochen hineinnehmen. Wenn Christiane kommt, muß er auch Zeit für sie haben, und die nächsten Wochen hat er überhaupt gar keine Zeit. Morgen oder übermorgen wird er ihr schreiben.

Er nimmt Hut und Stock und geht eine Weile hinaus in die frische Luft. Er steigt hinunter nach dem Hafen, er geht da umher, im Halbdunkel, über Trossen stolpernd, und starrt nach den Positionslampen der Schiffe, die grün und rot durch die Nacht leuchten. Heute morgen ist er hier herumgelaufen und hat sich etwas zu essen gesucht. Jetzt trägt er vierzigtausend Mark in der Tasche bei sich, lose, in Scheinen, wie es seine Art ist ... Man muß das Geld nicht lieben, aber man muß das lieben, was man mit dem Gelde tun kann. Ach, er lebt ja jetzt den herrlichsten Rausch seines Lebens, einen Rausch weit über alle Weinräusche, Liebesräusche hinaus. Sein Scheitel stößt an die Sterne. Seine Hände tun das Werk auf dieser fruchtbaren Erde. Er schafft etwas, nein, er ist der Schöpfer. Aus dem Warderhof wird sein Geschöpf.

Er schläft tief und traumlos, und am nächsten Tag beginnt es von neuem: Rausch ohne Reue, Tat ohne Zweifel, Arbeit ohne Müdigkeit.

Er fängt an zu kaufen – oh, die haben gedacht, sie hätten einen Flachkopf vor sich, einen Idioten, dem es nicht aufs Geld ankommt. Sie haben einen Bauerssohn vor sich, selbst einen Bauern. Er geht lachend aus ihren Ställen, spottend über diese Mißgeburten von Kühen, diese Gäule mit abgeschliffenen Zahnkunden, wie aus der Eiszeit. Er läßt sie jammernd und beteuernd hinter sich herlaufen, die Händler. Widerwillig geht er noch einmal in den Stall, sagt ein letztes Wort. Dann ein allerletztes. Geht wieder fort, in gespieltem Zorn. Er wickelt alle heiligen Riten des Viehhandels ab, er zelebriert die Messe des Geldes, und langsam kommt er vorwärts.

Drei Tage lang kauft er zäh, besonnen, geizig ein. Er will nur das Beste. Aber das Beste will er billig. Er hat unendlich viel zu bedenken, zu disponieren, zu bestimmen. Ehe das Vieh auf den leeren Hof kommt, muß Futter da sein. Ehe das Futter da ist, muß das Gerät da sein, es zu verstauen. Ehe das Gerät da ist, müssen Leute, Arbeiter da sein. Ehe die Leute da sind, müssen Einrichtungsgegenstände, Eßgerät da sein ...

Es muß alles klappen – und er weiß schon, es wird trotzdem gar nichts klappen. Es wird ein wildes Tohuwabohu sein.

Was aber die Leute angeht, so nimmt er keine Pommern, schon gar keine Rüganer, auch keine Norddeutschen. Er engagiert nur Sachsen und Thüringer. Er distanziert sich von vornherein von der Halbinsel Fiddichow. Er hat genug von seinen Landsleuten. Er wird eine Insel auf der Insel sein, nichts mehr von Nachbarn – aber die sollen ihm kommen! Die werden ihm kommen, blaß, grün und gelb vor Neid, demütig – kennt er sie denn nicht, kennt er die Menschen etwa nicht?!

Nein, dieses Mal kein Reitpferd, aber dafür fünf tüchtige Zugpferde im Stall, fünf Rappen, fast gleich aussehend mit ihrer weißen Blesse und ihren weißen Strümpfen – ein Gespann, das auffällt. Sie sollen sagen: Da fährt der Gäntschow aus Warder. Er will sich ihnen einhämmern, nein, er will nicht vergessen werden. Er will sie immer wieder an sich erinnern. Sie sollen an ihn denken, diesen Schandfleck der Insel, diesen Dorn im Auge, dieses Wundmal.

Jawohl, jawohl, er wird auch Christiane zu sich nehmen, auch dadurch sollen sie an ihn denken. Er wird ihnen nichts ersparen, sie werden ihn ertragen müssen, sie werden am Ende alle, alle kuschen.

Er trifft mit einem Abendzug auf Fiddichow ein. Er hat schon drei oder vier Leute mitgebracht, einen Wagen voll Hausgerät, einen Plattenwagen, den man diesen ersten Tag schieben kann. Wie der kleine Bahnbeamte devot die Hand grüßend an den Mützenrand legt, als er Gäntschows ansichtig wird, weiß der schon, die Kunde ist ihm von Stralsund vorausgeeilt: zum mindesten ist er der Mann, der gegrüßt werden muß.

Sie fangen sofort an mit Ausladen. Sie laden den Plattenwagen halb voll und schieben ihn an dem Mühlenberg vorbei, dem Hof zu ...

Da liegt Warder unter dem geröteten Abendhimmel, still und schweigend und verlassen – es ist kaum auszudenken, daß es all diese Tage hier so still und schlafend dalag, während solches Leben für es brauste. Aber nicht ganz schlafend – sie schieben den Wagen durch die Einfahrt, und in einem Zimmer brennt Licht. Eine dürftige Kerze brennt dort hinter den Scheiben.

Einen Augenblick hält Gäntschows Herzschlag an. Dann ruft er seinen Leuten zu: Da! Vor das Haus hin! und läuft ihnen voran, über den Hofplatz, die Stufen hinauf ...

Elise, denkt er, Christiane, denkt er.

In seinem Arbeitszimmer liegt auf Stroh ein Mann, in Kleidern, und schläft. Gäntschows Erregung läßt nach. Lächerlich, sich so aufzuregen – hat er nicht beinahe Angst gehabt vor der Störung, die eine Frau jetzt in seine Arbeit gebracht hätte? Ein unbekannter Mann – irgendein Stromer und Penner, der die Gelegenheit des verlaßnen Hauses erspäht und sich hier eingerichtet hat.

Gäntschow hört den Plattenwagen vor das Haus rollen und stößt den Mann kräftig mit dem Fuß an. Hehl Sie! Mann! ruft er befehlend.

Der Mann richtet sich langsam auf. Er sieht ihn verschlafen an. Es ist sein Wirt, es ist Herr Haase.

Was machen Sie denn hier? fragt er verblüfft.

Sind Sie doch gekommen? fragt Herr Haase. Seit drei Tagen warte ich hier auf Sie. Heute nacht wollte ich nun fahren. Ich dachte, Sie kämen nicht mehr.

Wir kommen immer wieder hierher, sagt Gäntschow. Aber was wollen Sie hier?

Die Leute fragen: Wo sollen wir das hinsetzen, welche Kisten sollen zuerst aufgemacht werden? Wie kriegen wir Licht? Er antwortet, er ordnet an, er kommt zurück.

Einen Brief haben Sie von meiner Frau? Geben Sie her!

Er nimmt ihn und muß hinter dem Licht herlaufen, das sich die Leute geholt haben. Zwischen Hammerschlägen, Geschwätz, Zurufen, liest er: Lieber Hannes! Es geht um den Hals. Deine Christiane.

Was für ein Unsinn. Soll er sich jetzt noch etwas überlegen – als wenn man es nicht geahnt hätte, daß sie ihm immer dazwischenkommt bei seiner Arbeit.

Er sieht böse auf seinen ehemaligen Wirt Haase, der mit schuldbewußt gesenktem Kopf vor ihm steht.

Was ist los mit meiner Frau? fragt er.

Nichts, sagt Herr Haase, Frau Gäntschow ist ganz in Ordnung.

Nein, nein, schreit Gäntschow wütend. Zuerst die Kiste mit den Glühbirnen, damit wir Licht haben. Zu essen kriegt ihr schon früh genug. – Na also, warum schreibt sie denn sowas?

Er tut, als müßte Haase wissen, was in dem Brief steht. Einen Augenblick, bittet Herr Haase, immer noch mit derselben schuldbewußten Miene.

Ich habe keine Zeit, sagt Gäntschow ungeduldig. Sie sehen doch selbst, daß ich hier nicht weg kann. Reden Sie sich aus, was ist los? Um alles in der Welt, was ist los?

Haase sieht ihn mit seinen großen, kugligen Augen vorwurfsvoll an. Dann macht er sich langsam daran, den Schal, den er um den Hals trägt, zu lösen. Er schielt dabei scheu nach den Leuten.

Da! zeigt er.

Und schluckend, wie um Verzeihung bittend: Ich hatte mich aufgehängt, und die gnädige Frau hat mich gerettet.

Gott sei's getrommelt und gepfiffen: Ihr Hals ist das, sagt Gäntschow unaussprechlich erleichtert. Mann Gottes, was machen Sie für Sachen. Warum denn in aller Welt! Nun, Sie werden es mir schon erzählen. Jetzt müssen wir erst losarbeiten. Los! Los. Fix, Mann, Sie können auch mit anfassen. Wir müssen noch zwei Fuhren von der Bahn holen. Habe ich doch wahrhaftig gedacht, es ginge meiner Frau schlecht. Na, gottlob – mögen Sie mit anfassen?

So lange und so doll Sie wollen, sagte der pensionierte Telegraphenbauoberinspektor.

Und sie fangen an mit dem Einrichten.

Die Tage vergehen, und die Wochen vergehen. Und Monate werden aus den Wochen. Der Hof wächst und gedeiht. Über die vernachlässigten Felder ziehen die Pflüge ihre schwarzbraunen Furchen, Kultivatoren lockern den Boden auf, Eggen zerreißen das Unkraut, lassen ihm keine Ruhe, werfen es auf die trockene Oberfläche des Ackers. Und so oft es auch wieder versucht, Wurzel zu fassen, immer wieder wird es losgerissen, bis es auf Haufen zusammengerecht, abgefahren und auf den Komposthaufen gebracht wird. Zum Verrotten, Verfaulen, fruchttragend zu werden.

Es scheint dem Johannes Gäntschow, wenn er diesen Kampf mit dem Unkraut führt, immer mit neuen Listen, Einfällen, Werkzeugen – denn auf die gewöhnliche Weise ist noch kein Mensch der Quecken Herr geworden –, als führe er nicht nur diesen Kampf, sondern als streite er noch für etwas ganz anderes in seinem Leben.

Da ist nun sein Haushalt in dieser alten Bauernkate, gewiß, er hatte zwei Mädchen angenommen, Frauen also, mit langen Haaren. Sie liefen da herum und taten gewaltig beschäftigt, und immerzu tratschten sie – aber es klappte nichts. Das Essen schmeckte schlecht und war unpünktlich, die Zimmer waren nicht aufgeräumt. Sie vergaßen alles, was man ihnen sagte, und das elendeste von allem: sobald diese Weiberröcke rauschten, hoben die Kerls die Nasen und schnüffelten.

Er hätte irgendeine Haushälterin nehmen müssen, ein altes Reibeisen, mit Haaren auf den Zähnen – aber wozu in aller Welt! Vielleicht konnte man auch irgendwann abends, wenn man beim kleinen Teich im Grugenstuhl saß und so wohlig müde war von einer guten Arbeit – man konnte dann vielleicht auch einmal an Christiane denken – aber was in aller Welt sollte sie in diesem Betriebe? Sie hätte noch ein Mädchen für sich gebraucht. Schöne Möbel, saubere, helle Zimmer, klares Porzellan, Silber, gute, reine, ausgewählte Speisen. Man hätte täglich den Hof für sie fegen müssen, und womöglich hätte sie Pferde zum Ausfahren gebraucht, Pferde, die auf dem Acker brandnötig waren.

Man kann nur eines recht tun, nicht zweierlei. Frauen sind eine Ablenkung, gewiß, sie sind gut, wenn man Zeit für sie hat, irgendeine Luxussache, für nichtstuende Städter. Aber er war ein Bauer, er mußte jetzt Roggen und Weizen säen, zum Weizen mußte Stalldung da sein. Auf dem Hof aber gab es keinen. Den Leuten auf Fiddichow kaufte er nichts ab – er setzte sich auf die Bahn und fuhr nach Stralsund. Soundsoviel Waggons Schlachthofdünger, Tiefstallmist, bitte!

Den Mädchen kündigte er am Fünfzehnten. Aus Stettin verschrieb er sich einen Schiffskoch. Dazu machte ein fünfzehnjähriger Bengel die Zimmer rein – wie das klappte! Wie das Essen schmeckte!

Sie saßen alle zusammen in der Leutestube. Sollte er sich etwa extra servieren lassen, auf einem einsamen Thron, König auf hundertachtzig Morgen?! Es war Bauernart, mit den Leuten zu essen. Ohne Zeitversäumnis konnte die Wirtschaft durchgesprochen, Faule vor versammelter Mannschaft gehechelt werden – welch ein Schiff in voller Fahrt, was für eine Besatzung! Er war der Kapitän, Haase der Steuermann. Und da saßen sie alle um den langen, weißgescheuerten Tisch, um die Back, bis zum jüngsten Schiffsjungen Emil, der Kajüte und Mannschaftslogis in Ordnung hielt! Lange Geschichte mit Waschtischen? Wir waschen uns alle unter der Pumpe! Was essen wir morgen? Lange Disputationen – Labskaus, Erbsen mit Schweinsfüßen, Rumfutsch!

Bei den Frauen hatte es immer geheißen: das geht nicht und das macht zuviel Arbeit. Jetzt saßen sie alle zusammen widerspruchslos nach Feierabend und schälten gemeinsam die Kartoffeln für den nächsten Tag. Für die Weiber hätte mal einer so etwas von ihnen verlangen sollen! Kapitän Gäntschow saß dabei, schmökte die Pfeife und las Zeitung.

Da die Frauen vom Hof waren, gab es auch keinen Streit mehr unter den Männern. War etwas los in Kirchdorf oder Rieck, so gingen sie alle gemeinsam los und hielten zusammen. Der Kapitän und der Steuermann hüteten unterdes Haus und Hof, besorgten das Vieh.

Die Gäntschower kommen! hieß es in den Gastwirtschaften. Es hatte sich von selbst gegeben. Sie trugen auch ihre besondere Tracht. Extra machten sie sich kenntlich vor den Leuten! Das war daher gekommen, daß man sie zuerst aufgezogen hatte mit ihrem verrückten Chef und seinen Weibergeschichten, der ausgebimsten Gräfin, die auch schon wieder verflossen war. Die Leute hatten allerlei zu hören bekommen. Es hatte Schlägereien gegeben, wüstes Getümmel, nicht Freund, nicht Feind mehr zu erkennen – sie hatten mit ihrem Kapitän darüber gesprochen.

Tüchtig, tüchtig, hatte der gesagt. Und zum nächsten Ausgang hätte jeder eine blaue Marinehose, vorne mit einem Latz zu knöpfen, was Herrliches für jüngere Mannsleute, eine rote Schärpe um den Bauch, einen Hamburger Zimmermannshut, ein Jackett aus grauem Manchester. Die reine Maskerade. Sie grinsten sich an vor den Spiegeln. Sie freuten sich direkt auf die Gesichter der Leute.

Die bekamen sie denn ja auch richtig, tüchtig zu sehen, als sie anmarschierten im Tanzsaal. Acht Mann hoch. Der dicke Schiffskoch Ziegenspeck an der Spitze. Der spacke, blasse Emil am Schluß. Was für ein Hallo! Was für Gesichter!

Aber bei den Gesichtern blieb es nun auch. Mit denen hatte es sein Bewenden. Denn wenn jetzt einer von den achten fragte: Willst du etwas? – so fragten es sieben hinterher. Nichts zu machen!

Und die Mädels – die Mädels, wie sie toll waren auf die Kerls! Ein frauenloser Haushalt – wie ein Schiff geführt: war es nicht wahr, daß dieser verrückte Gäntschow die Treppe zum ersten Stock hatte absägen und verfeuern lassen und dafür eine Strickleiter angemacht hatte? Jawohl, das war wahr, logen sie. Das war noch gar nichts. Nachts pfiff er, und sie mußten alle aus den Hängematten. Hängematten? Jawohl, Hängematten! – Und alle Wagen- und Ackergeräte mußten aus der Nordostrichtung in die Südwestrichtung gezurrt werden, weil der Wind sich gedreht hatte. Ein Pflug hieß nicht etwa Pflug, beileibe nicht, sondern Pinasse, eine Egge war ein Beiboot, und der Roggenschlag an der Chaussee der Golf von Biscaya.

Verrückt war der Gäntschow? Feste war er verrückt! Großartig war er verrückt! Es konnte gar nicht verrückt genug mit ihm kommen! Seine Frau hatte er aus dem Haus gedroschen? Recht so, er würde wohl gewußt haben, warum. Aber wenn er so einen kleinen molligen Käfer wie dich gekriegt hätte, Mariechen, dann würde er wohl auch nicht an Dreschen gedacht haben, sondern ... Leg noch mal bei mit deinem Schnudelmündchen! Seine Gräfin ist ihm weggelaufen? Na, zuerst ist sie wohl mit ihm weggelaufen, und ich möchte den dreckigen Bauern auf Fiddichow sehen, dem sowas noch passiert ist!

Ach, wie das Geschwätz wieder aufbrandete auf der Halbinsel Fiddichow! Da hatten sie ihn schon in der Irrenanstalt und im Armenhaus gesehen, verschollen, als Mörder, als versoffenen Penner. Und nun saß er wieder auf seinem Hof und ein Scheuel und ein Greuel, das schlechteste Beispiel und Ärgernis für die ganze Welt! Da saß er wieder im Fetten – und wie im Fetten! – In Hab und Gut. Und keiner wußte, wieso eigentlich und warum. Hat es ihm etwa die aus Fidde gegeben? Aber das paßte wieder nicht zu den Geschichten, daß sie ihm fortgelaufen war. Der Briefträger soll erzählt haben, er schreibt ihr manchmal Briefe, und er bekommt auch Briefe von ihr. Was waren das also alles für Geschichten?!

Seine Leute hielten jedenfalls wie Pech und Schwefel zu ihm. Kein Wunder. Er verdarb die Löhne in der ganzen Gegend. Er scherte sich den Henker um Tariflohn. Er zahlte, was ihm paßte. Er kümmerte sich nicht um festgesetzte Arbeitszeiten, seine Leute arbeiteten, wie die Arbeit war.

Da saß er auf seinem Hof! Da ging er! So lief er! Da steht er! Mit den gallenbitteren Falten von den Nasenflügeln zum Mund, mit den kalten, bösen Augen – paß auf, wenn du nicht gleich einschläfst, holt dich der böse Gäntschow! –

Er geht durch das Dorf, und die Leute grüßen ihn. Der Kaufmann Stavenhagen reißt die Mütze tief ab, der Kantor Bockmann hat schon angefragt (schriftlich), ob er seinen Kunstdünger nicht von Raiffeisen beziehen wolle. Gastwirt Reese hat sogar einen Versöhnungsbesuch gemacht.

Da geht er durch das Dorf. Er sieht keinen. Er grüßt keinen, er bleibt vor der Schmiede stehen.

Morgen beschlägst du meine Pferde. Um neun! befiehlt er.

Aber, fängt der Schmied an, der andere Arbeit vor hat.

In Ordnung, sagt Gäntschow, oder ich nehme mir einen eigenen Schmied.

Er nickt kurz und geht. Er trieft vor Haß und Menschenverachtung. Er freut sich, da er sieht, daß sie alle verächtlich sind. Er genießt seine Einsamkeit. Er ist ein Schädling, er ist der Feind, er ist das Unsozialste, was sich nur denken läßt. Er schlägt allen ins Gesicht, und er ist noch stolz darauf, daß er allen ins Gesicht schlägt. Er meint, das sei was Rechtes. Er braucht keinen, und er ist stolz darauf, daß er keinen braucht. Er meint, so müßten Männer sein. Er verachtet Dummheit, er verachtet Schwachheit, er verachtet alle Gefühle, alle Frauen, alle Menschen überhaupt. Nur sich nicht. Nein, er verachtet sich auch (ein wenig). Er ist zweimal unterlegen, er ist zweimal schwach gewesen, so ist das.

Das kann er nicht vergessen. Er macht sich stark, er stählt sein Rückgrat, er beweist sich immer wieder, daß die Menschen keine Erzengel sind, und an dem Beweise mästet er sich.

Er geht in die Reesesche Gaststube, wie sie ganz voll ist. Es wird totenstill. Er geht bis zur Theke. Reese stürzt ihm entgegen: Sie wünschen? Du wünschest, Hannes?

Gar nichts von euch, sagt er und dreht sich um und geht wieder raus.

Eine Ohrfeige, jawohl, eine Backpfeife für damals, als du mir dein Lokal verboten hast, vor versammelter Insel verabreicht. Gar nichts von euch, umgedreht und raus, so macht man das.

Was hat er davon?

Ja, das kann er noch. Er kann eine Blüte zu sich biegen, sie lange betrachten und vorsichtig zurückschnellen lassen. Er schmeckt andächtig Erde, und ein gutgepflügter Acker bringt ihn zum Entzücken. Er wird tollwütig, wenn man ein Pferd gedankenlos schlägt, wenn der Stallschweizer die Kuh mit der Forke in die Seite stößt. Er ist etwas Letztes, Widernatur, etwas Unfruchtbares, von elf Geschwistern der einzige, aber auch er lebt fast nicht mehr. Er war kein übler Junge gewesen, er hatte Anlagen, er war so uneben nicht, er hatte Aus- und Einsichten, aber es hatte sich alles verbraucht.

Da sitzt in der Ferne die Frau, die er geliebt hat. Christiane, Tia, die Jugendgespielin, die Freundin, Mutter seines erwarteten Kindes. Kein Gedanke, daß er nun etwa töricht schwieg, sich tot stellte. Nein, der Briefträger hatte vollkommen recht gehabt: sie wechseln sogar Briefe. In der ersten Woche, nein, in den ersten vierzehn Tagen, da konnte er noch schweigen, aber als er dann begriffen hatte, daß dieser einzeilige, von Haase gebrachte Brief wirklich keine Weibertragödie war, sondern nichts als die Empfehlung eines unseligen, an Arbeitslosigkeit krepierenden Mannes, wie sich dann seine Aufgabe immer mehr herausgebildet hatte, wie dieser Schiffshaushalt entstanden war – da schrieb er.

Er schrieb nicht etwa Briefe von einer Zeile oder auch nur zehn Zeilen – in den ersten Tagen hatte er daran gedacht, ihr einen Brief zu schreiben: Liebe Christiane! Es geht um den Hof! Dein Hannes. Aus Zeitmangel war er nicht dazu gekommen, auch war Christiane seinem Hirn zeitweise ganz entschwunden gewesen, nein, nein, nein, er schrieb schöne, ausführliche Briefe. Drei Seiten, fünf Seiten.

Er schrieb über das, was er vorgefunden, über seine Schwiegermutter, den Wechselkredit, die frauenlose Wirtschaft, er schrieb über seinen Kuhstall, er hatte von acht Kühen hundertundfünfzig Liter Milch. Heute haben wir Roggen gedrillt, schrieb er, es war grade das rechte Wetter, ein bißchen bedeckt. Kaum Wind, es roch direkt nach Regen. Wenn ich morgen früh aufwache, werden die Dachrinnen pladdern. Ja, schrieb er, den Haase würde er vorläufig hierbehalten, es sei nicht einmal ein Opfer, er sei sogar brauchbar. Von der Landwirtschaft natürlich keine Spur von Ahnung, aber ein richtiger Beamter, zuverlässig bis zum äußersten. Zuverlässig durch sieben Wände hindurch, kein Geschwätz und jeden Befehl wortlos ausführend. Er erzählte, er habe Mist fahren lassen, er habe dem Haase eingeschärft, der Mist müsse gut angeklopft werden auf dem Wagen, daß nichts verlorengehe. Nun, es ging doch Mist verloren. Als Herr Haase mittags nach Haus kam, brachte er zwei Mistbrocken in den Händen mit. So wurden Befehle ausgeführt! Buchstäblich! Kein Gehirn, aber zuverlässig. Man sollte nur mit solchen Leuten leben und arbeiten.

Du hast natürlich vollkommen recht, Hannes, antwortete Christiane, die Hauptsache ist, man lebt so, daß einem nichts auf dieser Erde mehr was anhaben kann. Mir geht es mit meiner Häsin auch nicht anders. Früher habe ich manchmal vor ihren Bullenbeißerlaunen rechte Angst gehabt. Jetzt hat sie Angst. Vor ihrer Verlassenheit nämlich. Daß ich in den Wald gehe und allein bleibe mit meinem Kind. Manchmal komme ich mir nämlich wirklich wie eine echte vertriebene Land- und Pfalzgräfin vor, die im wilden Walde haust, auf ihr Kindlein wartet und auf den Hohen Herrn, der sie aus der Tannennadeleinsamkeit erlösen und auf sein Schloß führen wird. Wobei ich ganz und gar nicht auf deinen Warderhof anspiele, den ich mir, Männerparadies, der er für euch ist, als eine wahre Weiberhölle vorstelle, all das entbehrend, was Frauen das Leben erst wert macht. Dein tüchtiger Ziegenspeck (so sehr sein Kochen von euch allen gerühmt wird) erregt mir schon durch seinen Namen in meinem jetzigen Zustand einen wahren Horror. Und ich will hundertmal lieber eine Haasenküche essen als ein Ziegenspeckdiner. Hast du übrigens einmal Ziegenspeck gesehen, ich meine richtigen, wirklichen? Es gibt schon ausgefallene Dinge, auf die ich jetzt gerate, und ich hoffe nur, unsere Tochter oder unser Sohn wird im Leben nicht daran leiden müssen, an alldem, an was seine Mutter jetzt denkt. Nein, es bleibt dabei, ich bleibe hier in meiner Einsamkeit sitzen, bis du zu Weihnachten deinen Glanz in meine niedere Hütte trägst. Und dann werde ich wohl gleich unter deinem Beistand nach Berlin in die Privatklinik übersiedeln. Ich denke, etwa so um Neujahr herum. Dann aber, mein lieber Hannes, wird alles Augenzukneifen (worin du tüchtiger bist, rauher Mann, als du annimmst) nichts mehr helfen. Wir werden reden müssen. Oder vielmehr: ich werde reden müssen, und du wirst dein Ja oder Nein sagen. Dann ist ja auch die mir von Wendland gesetzte Frist herum, und wir sind frei, zu tun oder zu lassen, was wir wollen. – Hast du übrigens Wendland nie gesehen? Es wäre doch seltsam, daß du ihm auf der kleinen Halbinsel nicht einmal in die Arme gelaufen sein solltest. Nein, verzeih, nicht gerade in die Arme ...

Solche Briefe kamen. Und ein anderer Mann hätte vielleicht anderes daraus gelesen, als Gäntschow las. Gewiß, sie rührten ihn an, eine Saite erklang. Diese Mischung von Mut, Offenheit und Selbstironie war einmal auch auf seinem eigenen Acker gewachsen. Aber die dankbare Rührung, die er nach dem Lesen dieser Briefe doch spürte, kam hauptsächlich daher, daß sie ihm sein Leben ließ, daß sie ihm nicht lästig fiel mit Klagen, Forderungen, Vorwürfen. Sicher, Christiane blieb schon das Beste, was es unter den Frauen gab, eine Kiste mit alten Briefen schleppte sie nicht mit sich umher. Sie war anpassungsfähig, sie lernte etwas dazu, sie war weder starr noch zwanzigjährig in ihrer Entwicklung fertig.

Aber hatte er denn rechte Zeit für diese Briefe? Er las sie hastig, in Absätzen, zehnmal fortgerufen. Er rannte mit Haase zu irgendeiner Maschine, die entzweigegangen war. Er vergaß den Brief bis zum Abend ganz. Er vergaß ihn bis zum dritten Tage vollkommen. Und wenn er ihn dann, zwischen Futterproben und Rauchtabakresten, aus der Joppentasche zog, hatte er sich irgendwie, trotzdem er noch gar nicht gelesen war, verbraucht, war alt geworden, überholt. Es ist ja eine ganze Woche her, seit sie ihn geschrieben hat, dachte er unmutig, das Datum ansehend. Jetzt denkt sie schon wieder an ganz andere Dinge. Dann überflog er ihn flüchtig.

Aber das war nun keine Flüchtigkeit, daß er ihr auf die Frage nach einem Treffen mit Wendland nicht antwortete. Denn die beiden hatten sich getroffen. Christianes Vermutung war vollkommen richtig gewesen. Nur daß es nicht der Zufall gemacht hatte, sondern Herr Gäntschow war von Herrn Wendland aufgesucht worden. Das war an einem Tage gewesen, da die Düngerstreumaschine »Westfalia« drei Meter breit über den Acker zog. Es wurde Kalk für Klee gestreut, und Gäntschow führte die Maschine selbst. Der Tag war nicht schlecht gewählt für solche Arbeit, es war fast windstill, ein seltener Tag im Fiddichower Herbst, der fast immer weht und stürmt. Aber der feingemahlene Kalk hatte trotzdem die Männer von oben bis unten eingestäubt, ihre Kleider waren wie die Kleider von Müllerburschen und ihre Gesichter und Hände waren weißlich-grau, von einem trüben Weißgrau, etwas gespenstisch. Die Bürsten der Augenbrauen, ja selbst die Lidhaare saßen voll von Staubkalk, und das gab den Blicken einen angestrengten und gezwungenen Ausdruck.

Der Herr wartet da wohl auf Sie, sagte ein Mann zu Gäntschow. Und schon an der Stimme hörte Gäntschow, daß da nicht ein beliebiger Herr wartete. Er steuerte aber ruhig weiter seine Bahn, achtsam, daß die Maschine nicht aus ihrer Richtung kam, und warf nur einen raschen Blick unter den buschigen Brauen hervor auf den Reiter, der dort im Feldwege hielt.

Richtig, es mußte fast dieselbe Stelle sein, an der dieser Reiter, damals aber nicht allein, schon einmal auf ihn gewartet hatte. Der Herr war damals nicht sehr entzückt gewesen über die Arbeit, die der Freund seines Hauses da verrichtete, es war wohl kaum ein Zweifel, daß er jetzt Arbeit und Aussehen des Freundes seiner Frau nicht weniger mißbilligen würde.

Die »Westfalia« klapperte noch einmal auf dem Vorgewende des Ackers und stand still. Die Leute gingen von selbst zum Wagen, um neue Säcke mit Kalk zu holen. Er stand nicht sehr weit ab, die Leute blieben in Hörweite, und nun standen sich die beiden Gegner in sechs Meter Abstand gegenüber.

Wendland saß bewegungslos auf dem Pferde. Er machte keine Anstalten, näherzureiten, und Gäntschow betätigte sich da an seiner Maschine, als wüßte er von keinem Reiter was. Er klappte die Deckel zum Schüttkasten behutsam einen nach dem andern auf.

Wie ich höre, behelfen Sie sich ohne Frau Wendland, kam die Stimme des andern zu Gäntschow hinüber.

Der sah langsam und böse auf. Er brauchte nur einen Blick, um seine Antwort zu wissen.

Sie lautete: Wie ich sehe, saufen Sie wieder.

An dem Kastenwagen lachte einer auf, brach aber sofort wie erschrocken wieder ab.

Wendlands fahles Gesicht sah fast gelb aus. Sicher dachte auch er an ein Versprechen, das er einmal seiner Frau gegeben hatte.

Sie haben nicht die Absicht, Frau Wendland hierherzuholen? fragte der Fidder Herr.

Sagen Sie Ihrem Stallburschen, daß er den Sattelgurt fester schnallen muß, antwortete Gäntschow.

Und nach seinen Leuten brüllend: Verdammte Trödelei, wo bleibt ihr denn mit den Säcken?

Das Pferd kam, in die Kandare schäumend, fast auf den Hinterbeinen tanzend, auf ihn zu wie ein Blitz. Er hörte noch den Schrei seiner Männer, dann das dumpf splitternde Anschlagen eines Pferdehufs gegen den Holzkasten der Maschine, dann gelang ihm der Sprung zur Seite ...

Er war direkt neben Wendland. Er sah die blaßblauen Augen mit einem Ausdruck beinahe irrsinnigen Hasses auf sich gerichtet – und schon umfaßte er eisern die Hand, die mit der Reitpeitsche nach ihm schlagen wollte. Nein, er ließ nicht los. Das Pferd schoß noch zehn, zwölf Sätze in den Acker hinein, bis es schnaubend stand. Er ließ sich von dem Arm des Gegners mitschleifen und kam sofort wieder auf die Füße. Die Leute liefen mit erschrockenen Gesichtern herbei.

Was wird es mit dem Einschütten! rief er ungeduldig. Ihr habt hier gar nichts zu suchen!

Dabei brach er wie gedankenlos die Hand um den Reitpeitschengriff, Finger für Finger, auf.

Wendland hockte seltsam zusammengefallen auf dem Gaul, mit einem grauen, faltigen Gesicht. Gäntschow hatte die Peitsche. Er betrachtete sie nachdenklich, er kannte sie. Es war eine schöne Peitsche. Der Knauf war ein großflächig geschliffener Blutstein. Gäntschow wußte, Wendland hing an dieser Peitsche, sie hatte Erinnerungen für ihn.

Der Gedanke, die Peitsche zu zerbrechen, verging. Er gab sie zurück in die Hand, die er eben aufgebrochen hatte, die Hand schloß sich mechanisch darum. Er trat weg vom Pferde und dem grauen, bewegungslos darauf erstarrten Mann. Dann ging er zu der Maschine.

Die Leute hatten den Kalk noch immer nicht eingeschüttet. Sie machten sich nun, da er näherkam, mit stummen, schuldbewußten Gesichtern, wie ertappte Diebe, daran.

Fertig? Los! rief Gäntschow, als die Kasten klappend zufielen, und nahm das Steuer. Die Pferde zogen an.

Der Reiter hielt noch immer auf dem Acker. Er hielt direkt in der Spur, die sie kamen. Sie hätten über ihn hinweggemußt. Er machte keine Anstalten, auszuweichen. Der Pferdeknecht zauderte, warf einen Blick auf seinen Herrn ...

Links ausbiegen, schrie Gäntschow, und die schnurgerade Radspur verlassend, steuerte er die Maschine in einem Bogen an dem noch immer bewegungslos Haltenden vorüber.

Als er am andern Feldende wieder einkehrte, war der Reiter verschwunden. Nur auf dem weißgekalkten Acker war ein runder, schwarzer Halbkreis, dort, wo Herr Wendland gehalten hatte.

Ja, so war diese Zusammenkunft verlaufen, von der Johannes nichts an Christiane schrieb. Sie war nicht unrühmlich für ihn verlaufen. Immerhin hatte er die Peitsche nicht zerbrochen, er hatte sie auch nicht konfisziert und dann triumphierend zurückgeschickt, wie es einst sein Großvater mit einer Drillingsbüchse des Fidder Herrn getan hatte. Aber es war schließlich auch nichts Rühmenswertes dabei gewesen. Der Sieger kann leicht großmütig sein. Mit der Großmütigkeit hapert es immer nur bei den Besiegten.

Etwas anderes hätte sich Gäntschow vielleicht eher anrechnen können. Daß er sich nämlich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg machte und wieder einmal die alten Feldraine nach Schloß Fidde wanderte. Diesmal kletterte er über das Parkgitter, und dann stand er lange unten bei den Teppichbeeten am Schloß. Viele Fenster waren hell, und wie ein rechter Narr hielt er da unter ihnen und sah zu ihnen empor. Er roch den Blumenduft von den Beeten, von Vernachlässigung und Sichgehenlassen und sinnloser Sauferei war hier unten jedenfalls nichts zu spüren: die Gartenwege waren sauber geharkt und unkrautfrei. Das Herbstlaub war entfernt, und die Beete, wie gesagt, trugen ordnungsgemäß ihren Blumenflor.

Wie ein rechter Narr, wahrhaftig! Wenn ein Schuß fallen sollte, dann fiel er, ob er hier unten stand oder nicht. Aber natürlich fiel er nicht. Herr Wendland, der korrekte Hamburger Bürgerssohn, würde so etwas nicht tun. Dagegen sprach schon der Zustand seines Parkes. Jaha, man konnte sich einmal gehen lassen, man konnte auch eine Niederlage einstecken, man konnte sogar so weit gehen, daß einem trotz aller Korrektheit und Wohlerzogenheit Meinung und Gerede der Leute vollkommen gleichgültig wurden. Man willigte nicht sofort in eine Scheidung, nein, man setzte eine Frist und hielt den Park in Ordnung, was ja alles gar nichts anderes hieß, als daß man noch nicht ganz ohne Hoffnung war. Ja, seht, so weit konnte man sich dann noch versteigen, daß man mit dem Gedanken spielte, die Frau wieder zurückzunehmen.

Aber wenn das eigentlich alles recht günstig stand, wenn der andere sich »ohne Frau Wendland behalf«, dann kriegte man Angst vor seinem eigenen Mut, setzte sich auf sein Pferd und wollte von diesem Vierhufer herunter auf dem Felde die beiden wieder zusammenbringen.

War es so oder war es nicht so? Es gab viele Deutungsmöglichkeiten. Auch Herr Wendland war nur ein Mensch – und sicher kein Gäntschow. Er handelte nicht geradlinig, er konnte in der einen Stunde das wollen, was er in der andern fürchtete.

Gäntschow hier unten im Park sieht ein Licht nach dem andern verlöschen und hat natürlich mit solchen Dingen überhaupt nichts zu tun. Es könnte vielleicht nach Reue aussehen oder nach Sorge, daß er hier steht und auf einen Schuß wartet, aber, wie gesagt, nichts davon! Er steht hier eben, und nun brennt nur noch das Licht in der Diele.

Er kennt ja genau die Lage aller Räume, und er kann sich ziemlich gut vorstellen, wie Herr Wendland (Stupps) da an einem Tischchen sitzt und Whisky trinkt, bis seine Augen dorschhaft geworden sind.

Gäntschow kann sich auch vorstellen, daß er selbst jetzt von der Terrasse an einer Regenrinne zu dem offenen Gangfenster dort emporklettert und einsteigt. Das ist nicht schwierig.

Drei Minuten später steht er auf der Diele bei dem Trinkenden, sagt: Sie gestatten doch –, holt sich ein Glas, und nun trinken die beiden gemeinsam durch die Nacht, der verlassene Ehemann und der treulose Liebhaber – eine wunderhübsche Szene für einen Film.

Aber Johannes Gäntschow bleibt mit kalten Füßen unten im Park stehen, schließlich geht das Licht auf der Diele doch einmal aus. Nun ist das Treppenhaus hell, und Gäntschow verfolgt den Weg von Herrn Wendland durch das obere Stockwerk, bis in das Schlafzimmer von Frau Wendland. Ja, dort wird es nun hell, und so lange Gäntschow auch steht und wartet: es wird nicht wieder dunkel. Herr Wendland macht im Schlafzimmer seiner Frau nicht nur einen Abendbesuch, er scheint dort zu bleiben, er hat sich – eine zweite Elise – gewissermaßen in seinen Erinnerungen eingerichtet.

Jedenfalls ist es nun Zeit, auf den eigenen Hof zu gehen, wenn man noch ein paar Stunden schlafen will. Die Füße sind auch kalt genug. Mit einem Schuß ist nicht zu rechnen, so weit ist alles in Ordnung. Nicht in Ordnung ist das seltsame Gefühl in der Brust und im Herzen, als hätte man sich einer Sache zu schämen. Gäntschow kommt plötzlich auf die groteske Idee, als könnte der Wendland im Schlafzimmer seiner Frau, im Bett seiner Frau, auch die Wäsche seiner Frau angezogen haben. Und zu dem Gefühl von Scham gesellt sich ein Gefühl von leichtem Grauen.

Was sie alles machen! denkt er. Wie sie sich abstrampeln. Es ist doch nur der Bauch, nichts kapieren sie.

Plötzlich fällt ihm ein, daß er dem Wendland eigentlich unbedingt und auf der Stelle sagen müßte, daß Tia und er ein Kind erwarten. Als würde dann Wendland aus Christianes Zimmer ausziehen und nicht mehr solche Dinge treiben ...

Aber nun ist er schon wieder halbwegs in Warder, und es ist überhaupt nur eine Nachtidee, für drei Uhr sehr passend, also ein Gespenst. Er hat morgen stramm zu arbeiten, er hat jeden Tag stramm zu arbeiten, er hat für Überflüssigkeiten keine Zeit. Jedenfalls wird es nicht knallen, und so kann er in aller Ruhe weiterarbeiten.

Man kann im August sich ohne Schwierigkeiten einbilden, daß der Dezember noch unendlich weit ab wäre. Auch im September braucht man nicht an das Weihnachtsfest zu denken. Man hat ja auch nichts vorzubereiten, man hat nur abzuwarten. Im Oktober mit seinem Fall der letzten Blätter, mit seinen Stürmen und den früher und trüber werdenden Abenden, muß man sich mit dem Gedanken an den Winter schon eher vertraut machen. Der November bringt den ersten Schnee, der zwar gleich wieder zergeht, aber nun gut, jetzt ist es bald Weihnachten.

Wie ist das eigentlich? fragt Gäntschow seinen Steuermann Haase. Fahren Sie nun eigentlich mit mir über Weihnachten?

Aber, Herr Gäntschow, sagt Haase vorwurfsvoll, und was wird hier auf dem Hof? Sie wissen doch, wie knapp wir mit dem Heu sind. Wir fänden ja wohl nicht ein Stengelchen mehr vor, wenn wir den Knechten das Füttern überließen.

Schönschön, sagt Gäntschow leichthin und seufzt ein bißchen.

Er seufzt. Es ist aber natürlich gar kein Gedanke daran, daß diese Weihnachtsreise aufgeschoben oder gar aufgehoben wird. Gereist wird am zwanzigsten Dezember, soviel steht fest. Es ist natürlich nicht ganz leicht, sich grade jetzt vom Hof zu trennen. Die Städter denken immer: im Winter hat der Bauer nichts zu tun. Aber im Winter muß man grade helle sein. Man muß ja die Leute beschäftigen, sie sollen die teure Zeit nicht unnütz vertrödeln, der Winterschlaf darf überhaupt nicht erst aufkommen. Vom halben Tag zum halben Tag grübelt man: was macht der und was tut jener? Holzfahren, Kompost umstechen, Baumgruben ausheben, Maschinen nachsehen, Messer schleifen – immerzu etwas Neues, ein tausendfältiges Mosaik von Kleinarbeit, aber sie macht den Hof für das nächste Jahr schlagfertig!

Haase bringt das natürlich nie fertig, wenn er es ihm auch noch so genau aufschreibt und immer wieder predigt. Er ist nicht wendig genug, er kann sich und seine Arbeit nicht in einer Stunde von Regen- auf Frostwetter umstellen. Wenn die schwarzbunte Färse wirklich grade in den Tagen zum Kalben kommt, wird er erst in Ekstase geraten und dann den Kopf verlieren.

Gäntschow sagt also: Schönschön, und seufzt ein bißchen. Die paar Tage muß es also gehen. Anfang Januar, gleich nach der Entbindung, wird er zurück sein. Die Färse wird ein Einsehen haben und so lange warten. Er schüttelt allen die Hand, er verteilt Weihnachtsgeld, und Haase hat Weihnachtszigarren und Weihnachtsgetränk in Verwahrung. Ein Weihnachtsbaum ist nicht da. Aber wenn die Jungen einen haben wollen, werden sie schon einen besorgen.

Alles Gute, Kapitän! Feiern Sie man auch recht vergnügt, sagt Ziegenspeck im Namen der Mannschaft.

Am Windmühlenberg bleibt Gäntschow noch einmal stehen und sieht auf den Hof zurück. Es ist und bleibt ein schändlicher Anblick. In vier Monaten hat er sich noch nicht daran gewöhnt. Er wird sich auch in vier Jahren noch nicht daran gewöhnt haben. Die Bäume, die er neu gepflanzt hat, diese jämmerlichen, kleinen Besen machen es nur noch schlimmer. Es ist eine ewige, quälende Mahnung, was die Frau, seine Frau, was Elise in seinem Leben angerichtet hat.

Jetzt fährt er wieder einmal vom Hof fort, zu einer Frau. Aber er fährt nur über Weihnachten, aber es gibt keine Wiederholungen. Anfang Januar ist er zurück, und dann endgültig.

Der Zug ist gesteckt voll von Fiddichowern, die nach Bergen oder Stralsund zu den letzten Weihnachtsbesorgungen fahren. Aber er kennt immer noch keinen von seinen lieben Landsleuten. Außerdem sitzt er in der zweiten Klasse – allein. Er trägt einen Pelz und raucht eine gute Zigarre, er sitzt für sich allein. Er ist wirklich wie ein Seemann, der nach langer Fahrt an Land geht. Nun wird er zu seiner Familie hineinsehen – und dann wird er wieder auf Fahrt gehen.

Tausend Frauen leben so – zehntausend. Es ist keine schlechte Lösung. Er lächelt zufrieden, daß ihm dies eingefallen ist. Tia will Aussprache, Klärung. Nun gut, sie soll reden dürfen, so viel sie will, er wird sich alles anhören. Aber es wird auf diese Lösung hinauskommen. Es ist ja nicht einmal Platz genug für sie im Haus.

Der Zug rattert und rattert. Jede Radumdrehung bringt ihn ihr näher. Aber er denkt schon wieder an die Wirtschaft. Hoffentlich friert es jetzt nicht zu hart, wo kein Schnee liegt. Der Weizen gefällt ihm nicht recht. Er muß im Frühjahr Chilesalpeter auf den Kopf haben. Den Roggen hätte er vielleicht doch gegen Schneeschimmel beizen sollen.

Er schläft ein. Als er in Bergen aufwacht und umsteigt, findet er kein leeres Abteil. Zwei Frauen sitzen da ... Er ist verschlafen und unlustig. Vierzehn Tage liegen vor ihm, in denen er rein gar nichts zu tun hat, als bei einer Frau zu sitzen. Schon diese Bahnfahrt von drei Stunden wird unerträglich endlos. Er erheitert sich erst wieder, als er merkt, wie entrüstet die beiden Damen über seine qualmende Pfeife sind. Also nebelt er das ganze Abteil ein.

Schließlich gegen Abend kommt er in Tütz an. Es ist niemand an der Bahn. Das ist so schlecht nicht, so kann er nun noch seine anderthalb Stunden still durch den Wald für sich gehen. Hier liegt etwas Schnee. Er geht langsam. Ab und zu bleibt er stehen und sieht sich etwas an: ein verlassenes Hasenlager oder einen eingeschneiten Tannenbaum. Er hat keine Eile. Er könnte sogar noch einmal nach Tütz zurückgehen und den Bieratz fragen, ob er das Geld auch richtig bekommen hat.

Aber wie langsam er auch geht, schließlich lichtet sich der Wald. Und da liegt das kleine einsame Haus am Seerande. Hinter einem Fenster brennt Licht. Es leuchtet gelblich warm zu ihm hinüber – plötzlich faßt ihn der Gedanke an, daß sie all diese Wochen und Monate, in denen er so tätig war, hinter diesem Fenster gesessen und nur auf ihn gewartet hat. Er fühlt die einsame, beschränkte Stille unter dem demütigen Dach. Sie war doch einmal eine strahlende Frau in einem Schloß – da steht er und sieht auf das helle Fenster.

Dann geht er langsam auf das Haus zu, in das Haus hinein. Da sitzt sie neben Frau Haase, in dem kleinen, banalen Wohnzimmer, sie hat irgend etwas aus weicher Wolle gehäkelt, das sie nun in den Schoß sinken läßt.

Da bist du ja, sagt sie einfach und sieht zu ihm auf. Sie bleibt sitzen. Sie reicht ihm ihre Hand, die sich so warm und lebendig um die seine schließt. Guten Abend, Hannes, sagt sie und sieht ihn an.

O Tia, Tia, sagt er erschüttert und beugt sich über ihre Hand. Er hat eben ihr Gesicht gesehen – ach, er hat nichts begriffen. Er hat all die Monate und Jahre nichts begriffen, er hat vielleicht sein ganzes Leben nichts begriffen und alles falsch gemacht ... Aber nun kommt die Woge. Sie hebt ihn, sie strudelt dahin über sein ganzes Leben, er wird mitgerissen, er atmet eine andere Luft ... Tia, sagt er ergriffen, Tia ...

Ja, Hannes, sagt sie und nickt, nun ist es bald so weit.

Sie lächelt dabei. Was ist das? Eine Frau, ein Wesen mit langem Haar, mit einer überentwickelten Brust, einem schweren Bauch, der auf den gespreizten Oberschenkeln zu ruhen scheint. In dem Gesicht sind alle Linien verändert und scheinen weicher geworden, es ist breiter ... Der Mund ist halb geöffnet, als fiele ihr das Atmen schwer, sie lächelt von ferne her – und alles ist anders geworden, alles ist sinnlos geworden.

Hier ist Wärme und Nähe. Hier ist der geheimste und letzte Sinn alles Daseins enthüllt. Nein, er denkt nicht an sein Kind. Es ist ja nicht sein Kind, es ist ihr Kind, noch allein ihr Kind.

Aber es ist Christiane, es ist Tia, es ist seine Jugendgespielin, nach der er sich ewige Jahre gesehnt, die er dann bekommen, und die er dann wieder verlassen hat. Er weiß wahrhaftig nicht warum.

Setz dich ein bißchen an den Ofen, du bist kalt. Frau Haase macht gleich Kaffee. Geht alles gut auf dem Hof?

Sie tut, als merke sie nichts von seiner Erregung. Sie streicht einmal schnell über sein Haar. Nein, nun mußt du dich erst einmal aufwärmen. Jetzt haben nicht du noch ich das Regiment, sondern es.

Sie lächelt wieder einen Augenblick. Und nie noch hat er wie in diesem Augenblick ihre Einfachheit, ihre natürliche Schlichtheit, all ihre Herzensgüte begriffen.

Du hast Haase nicht mitgebracht? Er kann wohl schlecht abkommen auf dem Hof? Nun, du mußt sehen, daß es sich vielleicht doch für zwei, drei Weihnachtstage machen läßt. Die Frau grämt sich ja sonst zu Tode.

Tia, sagt er, ich bin ein Narr gewesen, ich verstehe wahrhaftig nicht, warum ich dich nicht längst geholt habe ...

Nein, nein, mein Freund, sagt sie und sieht ihn kopfschüttelnd an. Ich hab es dir ja geschrieben: nachher! Nachher!

Sie sieht vor sich hin, in irgendeine Ferne.

Jetzt mußt du deine stürmische Ungeduld schon ein wenig bezwingen ...

Sie sieht ihn an, und ihr Blick nimmt den Worten jede Bitterkeit.

Erzähle mir ein bißchen von Fiddichow. Bist du einmal auf dem Bullenberge gewesen? Hast du den alten Marder besucht? Wer verwaltet jetzt die Superintendantur?

Nein, er ist nicht da gewesen. Er weiß eigentlich nichts. Aber dann kommt er doch ins Erzählen. Er erzählt von seinem Hof, von seiner Arbeit. Er gerät in Eifer. Alles, was er in tausend Einzelarbeiten durch Wochen und Monate aufgebaut hat, bekommt einen großen Zusammenhang.

Sie hört zu, und sie fragt dazwischen. Manchmal lacht sie auch. Manchmal sagt sie etwas.

Nein, sagt sie, findest du es so schlimm und verächtlich, wenn die Menschen gerne Geld verdienen? Daß sie dir jetzt nachlaufen, ist doch kein Wunder. Hunger tut allen weh. Und wie wir sterben werden, wissen wir alle nicht. Und wir möchten doch alle ohne allzuviel Sorgen leben. Hast du übrigens Stupps gesehen?

Nein, sagt Gäntschow.

Es entsteht eine kleine Pause.

Du wirst es mir also später erzählen, mein Freund. Lügen kannst du immer noch nicht richtig. – Ihr Mann kommt übrigens am Vierundzwanzigsten mittags, Frau Haase, und bleibt über die Feiertage. Gäntschow konnte ihn noch nicht eher entbehren. Er ist so tüchtig.

Die kleine Lampe brennt gelblich unter ihrer weißen Kuppel. Der Ofen summt und seufzt etwas. Gäntschow meint, die große Stille, die draußen niedergeht, fast körperlich zu spüren.

Jetzt wird es für uns beide Zeit, sagt Christiane dann. Und das »uns beide« ist so gesagt, daß Johannes auf der Stelle begreift, er ist nicht als der zweite gemeint.

Du gehst vielleicht noch ein bißchen in den Wald und holst dir Appetit fürs Abendessen. Wir schlafen dann schon. Und morgen vormittag wanderst du vielleicht einmal nach Tütz hinüber und besuchst Herrn Bieratz. Er ist doch schwer gekränkt, daß du ihm das Geld ohne ein Wort zurückgeschickt hast. Wir sehen uns dann morgen mittag wieder.

Sie gibt ihm die Hand. Einen Augenblick ist er in Versuchung, sie zu küssen. Da begegnet er dem Blick ihrer Augen. Und diese Augen sind mit einem kleinen, schelmischen Leuchten auf ihn gerichtet, mit einer letzten Spur von gutmütigem Spott, als sei er völlig durchschaut ...

Gute Nacht, mein Freund.

Und so bleibt es nun. Er muß in diesen Tagen mehr spazierengehen, als ihm lieb ist. Und plötzlich empfindet er Alleinsein als eine Last. Sie mißt die Stunden, die er bei ihr sein darf, sehr knapp zu – und das schlimmste ist, er fühlt genau, daß das nicht etwa eine Strafe ist, eine kleinliche Rache. Sondern sie braucht ihn einfach nicht, sie will ihn nicht haben, sie hat ein Bündnis mit dem Werdenden abgeschlossen, mit dem ist sie gerne zusammen, und er bleibt ausgeschlossen von dem Bund. Es kommt so weit, daß er sie fragt: Geht es dir heute gut?

Siehe da, er denkt an so etwas, und sie antwortet: O ja, schon, und lächelt dabei.

Und er sieht doch, daß sie Schmerzen hat, aber sie lügt nicht, es geht ihr eben doch gut. Sie liebt auch ihre Schmerzen.

Er hat es noch nie der Mühe wert gehalten, andere Menschen viel zu beobachten, ihre Stimmungen und Gefühle waren ihm gleichgültig, sie mußten sich nach seinen Stimmungen und Gefühlen richten. Nun geht er umher und sieht sie an und lauscht auf die leiseste Schwingung in ihren Worten. Er findet in einer Zeitschrift ein Bild, ein Bild zu Weihnachten. Es ist die Reproduktion eines Gemäldes von einem Mann namens Fra Angelico. Nie hätte er früher solch ein Bild angesehen. Plötzlich versteht er etwas von der ehrfurchtsvoll grüßenden Gebärde des Engels und dem Abstand zwischen ihm und der leise lächelnden Mutter. Plötzlich versteht er, daß manche Frauen noch einmal wieder diesen himmlischen Glanz auf die Erde zurückholen, das ferne selige Lächeln und den Strahlenkranz.

Er geht umher und steht lange an einem Fleck im Walde im Schnee, und er weiß, daß nun alles anders werden wird, daß er jetzt erst begriffen hat, was Menschen sind, und er sehnt den Tag der Entbindung herbei. Und wenn das Kind erst da sein wird, werden sie über alles sprechen und alles richtig einrichten. Was für ein Narr er gewesen ist, an eine Seemannsheirat zu denken, mit seltenem Landbesuch, er hat sich des Besten im Leben berauben wollen!

Wenn aber Gäntschow nun gemeint hatte, in Berlin werde alles ganz anders werden, und er werde dort gewissermaßen die Frau Haase als Gesellschafterin ersetzen – ein etwas kleiner Ehrgeiz für einen so großen Mann –, so irrte er sich auch darin ganz gewaltig. Ach, es stellte sich von der ersten Stunde an heraus, daß Christiane alles bis aufs kleinste vorbedacht und vorbereitet hatte, und in der vornehmen Fremdenpension im Berliner Westen, wo sie nun Quartier nahmen, war Christiane von früher, von ihrem Papa her, noch so gut bekannt und befreundet, daß die neue Wirtin sie wie eine Tochter begrüßte. Und kein Mensch kam auf die Idee, sie trotz der Anwesenheit von 1 Meter 87 Zentimeter Gäntschow Frau Gäntschow zu nennen, sondern sie wurde hier »unsere junge Baronesse« genannt oder auch einfach von der Tochter des Hauses Christiane und von einem ältlichen Dienstmädchen, dem Herr Gäntschow übrigens gar nicht zu gefallen schien, sogar Frau Wendland.

Ja, wenn nun auch ihre Zimmer nebeneinander lagen und Christiane nicht einmal den Versuch machte, die Verbindungstür zwischen den beiden Räumen abzuschließen – da war eine Mauer zwischen den beiden Räumen und eine Schranke zwischen den beiden Menschen. Aufgerichtet von Christiane. Die war höher und fester als jede Scheidewand und jede Holztür.

Am ersten Abend konnte Gäntschow vielleicht noch den Versuch machen, nach kurzem Anklopfen zu einem kleinen Besuch bei ihr einzutreten. Aber Christiane hatte da nun so eine verfluchte Art, ihn ganz ehrlich erstaunt anzusehen und ihn aufzufordern, Platz zu nehmen, und sich nach seinen Wünschen zu erkundigen – nun gut, er blieb keine fünf Minuten und kam unaufgefordert nicht wieder.

Aber das schlimmste war vielleicht, daß am Abend ihrer Ankunft ein ältliches Mädchen eintraf, mit einem scharfen Vogelgesicht und dünnem Haar, von Christiane Berta und du genannt, das nun die gnädige Frau betreute – und daß er sich bestimmt zu erinnern glaubte, diese Berta schon auf Schloß Fidde gesehen zu haben, und das nicht unter angenehmen Umständen. Als er aber bei Christiane vorsichtig deswegen anklopfte, denn von dem alten Reibeisen war keinerlei Auskunft zu erlangen und es kniff seine schmalen, dünnen Lippen nur immer fester zusammen und behandelte ihn überhaupt mit jener mitleidigen Verachtung, die alle Frauen (Christiane ausgenommen) den Männern gegenüber vor einem solchen Ereignis anzunehmen schienen – als er sich also bei Christiane nach dieser Berta erkundigte, da nickte sie wie ganz selbstverständlich mit dem Kopf und sagte: Ja, Stupps hat daran gedacht, sie mir zu schicken.

Alle schienen an alles gedacht zu haben und er allein an gar nichts. Er war in einer solch verwirrten und gereizten Stimmung. Immerzu geschahen Dinge, und sie betrafen alle die Geburt seines Kindes, und er wußte gar nichts und erfuhr alles nur durch Zufall. Er erfuhr durch Zufall – Christiane erwähnte es ganz beiläufig –, daß sie bei einer Ärztin wegen der Geburt gewesen war. Schon zwei- oder dreimal war sie von Haases aus dort gewesen, und sie hatte ihm kein Wort darüber geschrieben! Es ist alles in Ordnung, mein Freund, sagte sie nachdenklich und sah irritierenderweise auf seine Augenbrauen und nicht in seine Augen, nein, es ist alles in bester Ordnung, und du brauchst dir nicht die geringsten Gedanken zu machen.

Das aber war es ja gerade, was er wollte. Er wollte sich Gedanken machen, er wollte dabei sein, und so gab er zu bedenken, ob nicht ein Arzt vielleicht doch besser sei. Er wolle nichts gegen Frauen als Ärztinnen sagen, als Kinderärztinnen könnte er sie sich ganz vorzüglich vorstellen, aber als Geburtshelferin ... Es gehöre doch einfach schon eine gewisse Portion körperliche Kraft dazu, wie er wenigstens gehört hätte ...

Christiane aber fing einfach an zu lachen. Und sie belehrte ihn, daß Frau Dr. Säule so etwas wie eine Prominenz sei und schon über viertausend Kinder geholt habe. Da er aber so skeptisch sei, solle er morgen früh um neun zu ihr gehen, mit einem Fläschchen Urin zur Untersuchung, und vielleicht werde er sie da selbst kennen lernen. Sie sei überhaupt die herrlichste Frau von der Welt, eine Schwäbin, bald schon Siebzig ...

Und wenn ich jemals zu einem Menschen Vertrauen gehabt habe, so zu ihr. Und ich werde mein ganzes Leben lang blindlings tun, was sie verlangt.

Am nächsten Morgen aber, als er noch schlief, kam die Berta einfach in sein Zimmer und stellte das Fläschchen, schon in weißes Papier gewickelt, auf seinen Nachttisch und weckte ihn auf. Sie sagte, es sei jetzt aber die höchste Zeit zu dem Weg, wenn er Frau Doktor noch antreffen wolle. Und an Rasieren und vorher Frühstücken war kein Gedanke mehr.

Gäntschow zog sich hastig an und machte sich auf den Weg. Er dachte ärgerlich und fröstelnd darüber nach, daß dieses Biest, die Berta, ihn mit einem so deutlichen Vorwurf behandle, als sei er an allem und allem in der Welt schuld. Und dann dachte er ebenso ärgerlich an diesen für eine Frauenärztin und Geburtshelferin besonders lächerlichen Namen Säule. Und dann dachte er, daß es in keiner Weise wünschenswert sei, daß seine Geburt als eine einfache Nummer zwischen viertausend und fünftausend stattfinde. Bei solchem Massenbetrieb könne es nichts Besseres sein als etwas aus dem Dutzend.

In dem großen Mietshaus aber bat ihn der Portier mit einer gewissen Beflissenheit in den Fahrstuhl, als er den Namen Frau Doktor Säule nannte, und eine ganz weiß gekleidete Schwester führte ihn in ein Wartezimmer, das gar nicht wie ein Wartezimmer aussah, sondern ein so schöner, heller Raum war mit schönen Blumen und heiteren Bildern und vertrauenerweckenden Büchern, wie er ihn bisher in seinem ganzen Leben nur auf Schloß Fidde gesehen hatte. Nein, auch dort nicht. Denn dort war alles viel düsterer.

Die Wartezeit wurde ihm nicht lang. Da stand er und sah die Bilder an. Und nun kam eine große Frau mit weißem Haar zu ihm herein und gab ihm die Hand und sagte: So, das ist also der Herr Gäntschow.

Und sie sah ihn an.

Ja, vielleicht mochte sie wirklich an die Siebzig sein, wie Christiane ihm gesagt hatte. Aber davon war nichts zu sehen. Das Alter hatte die hohe Gestalt noch nicht beugen können und die festen, breiten Schultern noch nicht krumm ziehen. Es war ein Gesicht mit wenigen klaren, deutlichen Linien, wie aus einem alten Holzschnitt, das ihn anschaute. Es waren große blaue Augen, genau wie die seinen, die ihn ansahen. Es war ein altes Bauerngesicht, das da vor ihm war – und ob es vertrauenerweckend war! Und ob Christiane recht hatte!

Nur eben, daß diese Augen einen Glanz von Güte und menschlichem Interesse hatten, den seine nie gehabt hatten, und davon kamen wohl ihre Gewalt und ihr Zauber.

Nein, sagte die Ärztin, keine Spur von Eiweiß, alles in bester Ordnung. Eine fabelhafte Frau. Und welcher Mut, welche Natürlichkeit.

Sie sah Gäntschow fast lächelnd an. Und in dem seltsamen Zustand, in dem er diese Tage war, begriff er natürlich, daß sie ihn sofort durchschaut hatte und wußte, daß ihm dieser Mut noch nicht so sehr aufgefallen war.

Sie sollte sich nicht zu viel Sorgen machen, die kleine Frau, sagte die Ärztin nachdenklich. Nun, das steht wohl nicht in ihrer Macht. Und das war nun wieder so gesagt, daß Gäntschow nicht wußte, stand es nicht in seiner Macht, oder stand es nicht in Christianes Macht? Aber er bezog es auf sich und nahm es wieder als den Vorwurf, den ihm jetzt alle machten.

Ja, und nun schreiben Sie sich noch die drei Telephonnummern auf. Die junge Frau hat sie zwar schon, und das Telephonfräulein in Ihrer Pension hat sie auch schon. Aber wenn es so weit ist, verlieren manchmal auch die Frauen den Kopf. Und es kann ja dann selbst einmal geschehen, daß ein Mann ihn oben behält. Sie lächelte wieder rasch. Und nun mußte er sich die Nummern von der Ärztin und von der Hebamme und von der Privatklinik notieren, und dann durfte er gehen.

Er hatte aber nicht die geringste Lust, jetzt in seine Pension zu gehen und dort zu frühstücken, und Christiane würde er doch nicht vor Mittag zu sehen bekommen. So setzte er sich in ein morgendlich unaufgeräumtes kaltes Café und ließ sich dort ein Frühstück geben.

Gedankenvoll rührte er in seiner Tasse Kaffee herum und grübelte über den seltsamen Zustand von Verzauberung nach, in den er seit einer Woche geraten war. Es schien sein Schicksal, daß ihn die Frauen immer wieder aus der Bahn rissen. Wenn er an seinen Hof dachte, an den er jetzt schon über eine ganze Woche kaum gedacht, so spürte er etwas wie einen Schmerz in sich, auch wie eine Unruhe, auch wie ein Schuldgefühl.

Aber der Hof verschwand rasch, wie er gekommen war, doch das Schuldgefühl blieb, und es verstärkte sich noch, wenn er an Christiane dachte. Ging er logisch vor und dachte über den Fall gründlich nach, so hatte er sich nicht das geringste vorzuwerfen. Er hatte Christiane nie wie etwa Elise angeschnauzt, er hatte seine Stimmung im Zaum gehalten, er hatte über ein halbes Jahr fast ausschließlich für sie gelebt, so daß er dadurch sogar in große wirtschaftliche Bedrängnis geraten war.

Sie hatte ihn dann selbst nach Warder geschickt, und kein Mensch konnte ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er dort erst einmal aufgeräumt und Ordnung gemacht hatte. Er hatte völlig richtig gehandelt. Das Seltsame war nun nur, daß trotz allen logischen Denkens und trotz allen Richtig-Handelns das Schuldgefühl nicht etwa schwächer wurde, nein, sich verstärkte.

Es war wirklich eine verzauberte Welt, in die er ahnungslos am zwanzigsten Dezember hineingefahren war, und der Zauber hatte ihn sofort ergriffen, als er das helle gelbe Fensterquadrat des verschneiten Haaseschen Häuschens gesehen hatte. Es war ein großmächtiger Zauber, und er war ihm auch prompt verfallen, nur, er durchschaute ihn.

Es war ja so, daß die Frauen, die sonst nicht viel zu sagen hatten, sich diese eine Welt zurecht gemacht hatten, bewußt und unbewußt hielten sie die Männer von ihr fern. Bewußt wie die Berta, die ihn einfach schlecht behandelte wie einen überwiesenen Verbrecher, unbewußt wie die Ärztin eben, die nachdenklich zu ihm sagte: Aber das steht wohl nicht in Ihrer Macht. Christiane tat auch alles unbewußt. Aber schon die Art, wie sie lächelte, wie sie mit ihm sprach, ihn fern hielt von allen Vorbereitungen, das zeigte doch, wie sehr in diesen Wochen die Frauen in einem Geheimbunde gegen die Männer lagen.

Er hätte sich ja nun den ganzen Kram ganz anders und sehr viel schöner vorstellen können. Wenn nämlich der Mann als der künftige Vater und der ehemalige Liebende an allem teilnahm. Er fühlte alle Fähigkeiten dafür in sich, aber man ließ ihn nicht zu, er durfte mit ihr nur Mittag essen, und wenn er zu dem riet und vor jenem warnte, so fand er in der höflichen Zerstreutheit, mit der ja und nein gesagt und etwas ganz anderes getan wurde, wieder jene Sonderwelt, die ihn so irritierte.

Ja, sie irritierte ihn, und er durchschaute sie. Aber so gut er auch alle diese Frauenmachenschaften durchschaute, das Schuldgefühl blieb. Irgendein Rest blieb. Und das wenigstens muß dem selbstherrlichen Grübler am Frühstückstisch des Romanischen Cafés zugute gehalten werden, daß er sich nun nicht damit beruhigte, daß alles von seiner Seite aus logisch, rechtlich und gefühlsmäßig stimmte, sondern daß er jetzt zum Beispiel aufstand, zahlte und schnurstracks nach jener Privatklinik marschierte, deren Adresse er eben erfahren hatte. Was er da eigentlich wollte, wußte er so genau nicht. Aber er war jedenfalls auf der Jagd, diesem Schuldgefühl auf den Grund zu kommen.

In der Klinik fand er nun freilich den Grund auch nicht. Er kam vorläufig überhaupt der Sache nicht sehr viel näher. In der Klinik fand er nur nach einigen Fragen der eiligen Schwestern eine ältliche, grauhaarige Oberin, die ihm kurzweg erklärte, daß sie gar keine Zeit für Unterhaltungen habe, daß sie weder etwas von einer Frau Wendland, noch einer Frau Gäntschow wisse und darum auch deren zukünftiges Zimmer nicht zeigen könne. Daß aber Frau Doktor Säule für die nächste Zeit fünf Geburten angezeigt habe, und daß darunter die Dame wohl auch sein werde, und: Übrigens, guten Morgen. Ich komme schon, Schwester Hilde. Nummer Sieben muß auch einen Eisbeutel kriegen.

Es war ein wundervoller Frauenbetrieb, genau wie er im Buch stand. Irgendeine Herabminderung männlichen Schuldgefühls kam hier keinesfalls in Frage. Und nie war Johannes Gäntschow so wie ein Mensch zweiter Güte behandelt worden wie von dieser Oberin. Die Vorstellung aber, daß sich Christiane schon unter den fünf von Frau Doktor Säule angezeigten Geburten befinden und dann als Nummer Sieben von diesem Drachen mit Eisbeuteln versorgt werden würde, hatte nicht das geringste Beruhigende.

Er stand also wieder auf der Straße. Es war erst vormittags um halb elf. Gegessen wurde um zwei. Zehn Minuten vorher wurde Christiane sichtbar. – Gäntschow winkte einer Taxe und ließ sich ins Alte Museum fahren.

Irgend etwas mußte er ja tun. Immer lesen konnte er nicht. Außerdem störten ihn in seinem Pensionszimmer die Geräusche aus Christianes Raum. Er war immer in Versuchung, hinzuhören, was sie mit der Berta redete, oder gar hinüber zu gehen und sich auf ihre Bettkante zu setzen. Das wäre schon eine ausgezeichnete Sache gewesen, da wieder einmal zu sitzen und zu plaudern wie in alten Kinderzeiten, ohne Vorbehalt, frisch von der Leber weg, der ganze Schurrmurr von Ansichten und Plänen und Lebensappetit.

Das ging nun freilich alles nicht mehr. Christiane war lieber allein. Ganz abgesehen davon, daß die holden Gärten der Kinderzeit längst abgeblüht waren und sich alles auf einen kleinen Fleck Erde beschränkt hatte und den Ehrgeiz, die beste Weizenernte einer ganzen Halbinsel da herausholen.

Nein, Gäntschow hatte für den Tag seine Museen, und so übel waren die schließlich auch nicht, wenn auch eine etwas ausgefallene Beschäftigung für einen stark verschuldeten Bauernhofsbesitzer, der daheim keine richtige Vertretung hatte. Er hatte durch Zufall die Museen entdeckt, erst die Bildergalerien, aber auch die, in denen Steine herumlagen und Skulpturen standen. Er ging da für sich herum mit seinem grünen Hütchen, er suchte sich Dinger nach seinem Geschmack aus. Er fand da Bilder, die irgendwie zu ihm sprachen. Es war etwas Neues in seinem Leben, manchmal kam doch noch etwas Neues dazu.

Für Steine besonders hatte er nun schon immer einige Sympathien gehabt. Und was er da so vorfand an Steinäxten und Messern und Pfeilspitzen, das tat seiner Seele gut. Aber mit der Bildhauerei war auch was los. Die Modernen sagten ihm zwar gar nichts, und mit den Griechen und Römern wußte er überhaupt nichts anzufangen. Aber da waren die ollen Ägypter und Assyrer, und da konnte man nun allerdings stundenlang dazwischen herumwandeln und so seine Betrachtung anstellen und war beinahe glücklich.

Es gab da eine Mutter, die ganz in einem Stein drinsteckte, nur der Kopf sah heraus, und ihr Kindlein steckte vor ihr den Schädel aus dem Stein. Nun ja, das war wirklich etwas. Das konnte man sich ansehen, und man hätte den Kerl dahaben mögen, der das gemacht hatte, mit dem hätte man schon ein Wort reden können.

Wenn man dann mittags mit Christiane am Tisch saß und sie anschaute, so konnte das einem grade wieder einfallen. Man betrachtete sie dann so, daß sie wirklich wieder einmal aufmerksam wurde und fragte, was wohl sei.

Wenn er dann aber erzählte, was er gesehen hatte, so war sie ganz nachdenklich, und sie konnte völlig mit dem alten Stimmklang sagen: Siehst du, Hannes, das gibt es alles noch auf der Welt. Und viel mehr noch, als du dir je träumen läßt.

Und dann sah nun sie wieder ihn so an, daß er am liebsten auch gefragt hätte, an was sie denn nun eigentlich dächte, aber das tat er nun doch nicht. Denn das wußte er ja aus mancher Erfahrung, auf eine solche Frage hatte noch nie ein Mann von einer Frau eine Antwort bekommen.

Wenn aber die Museen um drei oder vier schlossen, dann war er wieder heimatlos, denn nun blieben nur die Kaffeehäuser mit ihrer schrecklich lärmenden Musik, oder die Kinos, die ihn unsagbar müde, zerstreut und traurig machten.

Von sieben bis acht aß er mit Christiane zusammen, und dann mußte er wieder die Zeit vertrödeln bis zehn Uhr, wo er in seine Bar konnte.

Ja, dieser Bauer aus Fiddichow war ein Bargast geworden. Aus lauter Verzweiflung war er einmal in solch ein Ding hineingestolpert. Dann hatte er es aber gemütlich gefunden, da am hohen Bartisch auf seinem Hocker zu sitzen und abwechselnd Bier und Korn zu trinken, aber der hieß hier Aquavit und war schandbar teuer.

Es war eine stille kleine, anständige Bar mit Stammpublikum. Es gab nur einen einzigen Klavierspieler, der auch keinen Krach machte, und hinter der Bar saßen nur zwei Mädchen, eine etwas ältere, mit der man sich gut unterhalten konnte, und eine junge, kleine Schönheit, die mehr trank, als sie vertragen konnte, aber von der älteren und dem Wirt streng beobachtet wurde. Alles in allem genommen saß es sich hier so übel nicht. Die Mädchen hatten sich ganz an ihn gewöhnt und kümmerten sich nur um ihn, wenn er es wollte, und wandten sich erst dann mit einer Bitte an ihn, wenn der Durst gar zu groß wurde und andere Gäste gar nicht kommen wollten.

In Warder wäre sowas natürlich ein Unding gewesen, nach zehn Uhr abends noch auf zu sein und gar in eine Gastwirtschaft zu gehen. In Kirchdorf war der Reesesche Krug, wenn nichts Besonderes los war, schon um neun Uhr dunkel. Aber was war hier zu machen? Schlafen konnte man in dieser Höllenstadt doch noch nicht, ewig hupten und schliffen die Autos unter den Fenstern vorüber, um elf und um zwölf, um eins und um zwei, ja um drei noch kamen Gäste in die Pension zurück, die an den Schaltern drehten und Wasser plätschern und in Becken laufen ließen, die unterdrückt lachten. Früher, noch vor kurzer Zeit, hätte Gäntschow gegen schlaflose Nächte gar nichts einzuwenden gehabt, er hatte immer vieles zu bedenken und lag gerne wach in den Kissen, eine Pfeife im Mund und möglichst eine Pelzmütze auf dem Kopf –, die hatte er sich in den kalten Rüganer Wintern angewöhnt.

Aber in letzter Zeit hatte sich eben alles verändert. Er lebte in einer verzauberten Welt. Da saß er denn am liebsten in seiner kleinen Bar und redete auch einmal mit dem älteren von den beiden Mädchen und zog eine Hand aus der Tasche, einen Abguß nach einer alten ägyptischen Steinhand, den er sich gekauft. Sie betrachteten beide die Hand, und er sprach von der kleinen Lebenswelle, die in ihr nach zwei Jahrtausenden noch da war. Später sah er dann dem andern Mädchen zu, wie sie mit ihren Kavalieren dalberte und trank, und erkannte, wie verkorkst und aussichtslos sie war mit ihren neunzehn Jahren, und griff schließlich ein und verordnete ihr bitterböse einen leichten säuerlichen Mosel und verbot allen Whisky und Kognak.

Auch das hatte sich geändert: er war nicht mehr gegen Trinken, gegen allen Alkohol, aber er war immer noch gegen Betrunkensein. Hatte er genug, dann verabschiedete er sich, die Stimmung mochte sein, wie sie wollte, und fest mit seinem ländlichen Krückstock aufstoßend, ging er heim in die Pension, schloß leise sein Zimmer auf und zog sich leise aus. Kaum aber lag er in dem Bett, so kam die tiefe, satte, dunkle Schlaftrunkenheit des Alkohols über ihn, und er schlief ein und wachte nicht eher auf, als bis die mürrische Berta zur Frühstückszeit gegen seine Tür pochte. Einmal aber mitten in der Nacht wachte er doch auf, und sein Zimmer war hell, und mitten in seinem Zimmer stand Christiane in ihrem schwarzen Kimono mit den silbernen Reihern. Sie hatte einen verwirrten, ein wenig hilflosen Ausdruck im Gesicht. Und mit dem gleichen Ausdruck in den Augen sah sie ihn an, der sich im Bett hochrichtete.

Ist etwas, Tia? fragte er, ist es so weit?

Und er nahm die Beine über die Bettkante.

Nein, nein, sagte sie, bleib nur ruhig liegen, Hannes. Mir war nur ein wenig unruhig.

Sie sah ihn wieder nachdenklich an. Die Hilflosigkeit war aus ihrem Gesicht geschwunden, ein fast zärtlicher Schimmer lag über ihr ...

Eine Weile war es still zwischen ihnen.

Wie es stürmt, sagte sie dann und sah zusammenschaudernd hinter sich nach dem Fenster.

Soll ich nicht doch die Ärztin rufen? fragte er zweifelnd.

Nein, nein, sagte sie, schlaf schön. Es ist alles wieder vorbei. Und ich lege mich jetzt auch wieder. Gute Nacht.

Sie schaltete das Licht an der Tür aus. Dann schloß sie die Tür.

Er hörte drüben das Bett aufseufzen unter ihr, legte sich auf die Seite und schlief von neuem ein.

Er wachte davon auf, daß sie ihn anrief.

Durch die Stäbe der Jalousien drang schon das späte, graue Morgenlicht, die Deckenlampe brannte fahl. Aber nicht davon sah ihr Gesicht so grau aus.

Wache auf, mein Freund, sagte sie. Es ist so weit.

Er war sofort aus dem Bett. Ja, gleich, sagte er aufgeregt. Soll ich nicht nach Berta klingeln, daß sie anruft? Ich besorge unterdes das Auto.

Nein, sagte Christiane und versuchte zu lächeln. So weit ist es nun doch nicht. Du kannst Schwester Erna anrufen, daß sie heute früh hier vorbeikommt.

Während er sich schweigend und hastig anzog, hatte sie sich in den großen Sessel gesetzt und häkelte wieder an dem weichen, wolligen Ding.

Willst du wirklich noch nicht weg? Kann ich sonst nichts für dich tun?

Schwester Erna, sagte sie nur.

Er war fertig mit Anziehen. Also ich laufe nur rasch hinüber zur Telephonzentrale. Ich bin gleich wieder da, sagte er und sah sie prüfend an.

Sie stand schwerfällig auf und kam auf ihn zu. Ihr Gesicht trug einen seltsamen Ausdruck. Sie ging ganz dicht an ihn heran.

Plötzlich schlang sie wortlos beide Arme um seinen Hals, sie legte den gesenkten Kopf an seine Brust, sie schmiegte sich ganz an ihn. Er sah mit einem hilflosen Gefühl auf ihren dunklen Scheitel, seine Augen fingen an zu brennen. Er fühlte, daß sie Schmerzen hatte. Stärker als je überkam ihn das Schuldbewußtsein, aber auch er sprach nichts.

So standen sie eine Weile.

Ach, sagte sie leise. Und noch einmal: Ach!

Dann löste sie sich langsam und zart von ihm. Sie sah ihn an, sie sagte: Du mußt nicht glauben, daß ich Furcht habe. Davor habe ich keine Furcht. Sie sah ihn wieder ernst an. Er erwiderte den Blick, er hätte gerne etwas gesagt.

Sie setzte sich, nahm wieder die Häkelei auf.

Telephoniere jetzt, sagte sie. Aber nur mit Schwester Erna.

Er ging langsam, auf sie zurückschauend, sie sah auf ihre Arbeit. Er war drei Meter auf dem Gang, da hörte er einen Ruf aus dem Zimmer, mit einer hohen, schneidenden Stimme hatte sie: O mein Gott! gerufen.

Er stürzte zurück. Sie saß da mit zusammengepreßten Lippen und sah ihn böse an. Sie machte eine fortweisende, ungeduldige Gebärde, wie er sie nie an ihr gesehen.

Er stürzte fort zum Telephon.

Als er zurückkam mit der Botschaft, die Hebammenschwester werde in einer Viertelstunde hier sein, war sie in ihr Zimmer übergesiedelt. Das ältliche Stubenmädchen und das Fidder Mädchen Berta waren bei ihr. Christiane ging mit vorsichtigen, langen Schritten im Zimmer auf und ab. Das Stubenmädchen ordnete das Bett, Berta hatte die Fenster geöffnet, durch die ein Strom kalter, klarer Winterluft eindrang.

Es ist recht, sagte Christiane auf seine Botschaft, es ist gut.

Und sie fuhr fort, den Mädchen eine Geschichte von ihres Vaters Hühnerhund Treff zu erzählen, die Gäntschow schon kannte. Die Mädchen hörten aufmerksam zu, lachten bereitwillig und taten überhaupt so, als ob nichts Ungewöhnliches vorliege. Aber auch ihnen merkte Gäntschow die etwas krampfige, fieberhaft erwartungsvolle Stimmung an, die ihn erfüllte.

Nach einer Weile klopfte es an die Tür, und die Hebammenschwester kam herein.

Nun, fängt es an? fragte sie. Wie häufig, Frau Wendland?

Es kam Gäntschow seltsam vor, daß Christiane sich Frau Wendland nennen ließ, trotzdem es natürlich vollkommen richtig war, wie er sofort bei sich zugab.

Er wurde der Schwester vorgestellt. Sie hatte ein energisches, etwas trockenes, aber nicht ungütiges Gesicht.

Ja so, sagte sie rasch und sah ihn einen Augenblick prüfend an. Vielleicht warten Sie einen Augenblick nebenan? Ich komme dann sofort zu Ihnen.

Er ging in seinem Zimmer hin und wider, er hörte Christiane rasch und lebhaft von etwas sprechen. Er trat ans Fenster und lehnte den Kopf gegen die Scheiben. Es schien ihm falsch von Christiane, daß sie der Schwester so ausführlich und lang etwas erzählte, er hätte das auch wissen müssen, gleichviel, was es war. Aber mit ihm hatte sie nur einige wenige Worte geredet.

Nach einer Weile trat die Hebamme ein. Es ist noch sehr früh, sagte sie eilig, es kann noch sehr lange dauern.

Glauben Sie, Schwester ... fing er hastig an.

Nicht die geringsten Bedenken, sagte sie sofort. Alles so normal wie möglich. – Sie betrachtete ihn einen Augenblick und setzte hinzu: Und eine Frau, die entschlossen ist, alles so gut wie nur möglich zu machen. Das ist stets sehr viel wert.

Es kam ihm seltsam vor, daß hier von Willen und Entschlossenheit geredet wurde. Er hatte an einen Naturvorgang gedacht, den man über sich ergehen lassen mußte. Nun gut, sie war also entschlossen.

Wir fahren doch sofort in die Klinik? fragte er.

Nicht doch, sagte die Schwester. Was wollen Sie da? Es kann noch sehr lange dauern.

Sie unterbrach sich. Aus dem Nebenzimmer erklang ein schmerzliches Stöhnen. Die Schwester hatte den Kopf zur Tür gewandt und nickte zufrieden. Alles, wie's sein muß, sagte sie. Ich würde Ihnen raten, ein bißchen spazieren zu gehen. Drei, vier Stunden. Früher ist es bestimmt nichts.

Aber hören Sie doch, Schwester, rief er aufgeregt, denn das Stöhnen war wieder und stärker erklungen.

Männer taugen nicht zu so etwas, sagte die Schwester lächelnd. Es ist übrigens alles nach dem Wunsche von Frau Wendland. Guten Morgen.

Sie gab ihm eine feste, energische Hand und ging fort. Einen Augenblick stand er da, verblüfft. Dann stürzte er ihr bis auf die Treppe nach: Aber Schwester, wollen Sie nicht wenigstens noch einmal nach Frau Wendland sehen?

Nein, nein, sagte die Schwester, jetzt kann man gar nichts machen dabei.

Und drei, vier Stufen tiefer: Frau Wendland weiß genau Bescheid.

Und wieder etwas tiefer: Gehen Sie nur spazieren.

Die Haustür fiel zu. Er haßte diese Berliner Kaltschnäuzigkeit. Nicht eine Spur von Gefühl, von Sympathie, da kann man nichts machen – und sie stöhnte oben.

Er lief wieder hinauf.

Das Stöhnen war verstummt. Er klopfte behutsam an die Tür und trat ein. Christiane saß etwas fahl in einem Sessel, das Mädchen stand neben ihr und trocknete ihr die Stirn ab.

Wie geht es dir, Tia? fragte er sacht.

Sie sah ihn unter zusammengezogener Stirn an. Ich bitte dich, mein Freund, antwortete sie sehr hastig, geh jetzt drei, vier Stunden spazieren. Ich möchte allein sein.

Und als sie etwas wie Protest in seiner Miene las, sagte sie gereizt, mit böser Stimme: Ich verspreche dir, du wirst zu dem Ereignis noch zur rechten Zeit kommen.

So hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Er verbeugte sich und ging aus dem Zimmer. Er zog sich zum Ausgehen an, stand noch einmal lauschend an ihrer Tür, dann ging er seufzend auf die Straße.

Es schneite. Ein schneidend scharfer Westwind stiebte mit starken Stößen den feinen Schnee durch die Straßen, häufte ihn in den Vorgärten, in den Hauseingängen auf und jagte ihn mit neuen, grimmigen Stößen in andere Vorgärten, andere Eingänge.

Ungeduldig dagegen anlaufend, erreichte Gäntschow den Kurfürstendamm. Diese Prachtstraße sah an diesem Wintermorgen vollkommen trostlos, widersinniger denn je aus. Unentschlossen sah Gäntschow hin und her. Der Gedanke, drei, vier Stunden auf der Straße, in einem Lokal, einem Museum zubringen zu müssen, während Christiane zu Haus saß, ganz ihrer Aufgabe hingegeben, war fast unerträglich.

Er ging rasch in ein Bräu und ließ sich ein Kirschwasser geben, dann noch eins. Die Uhr an der Wand zeigte halb zehn. Er verglich sie mit der eigenen. Es stimmte, es war erst halb zehn. So viel war an diesem Morgen schon vorgefallen, aber es war noch nicht später als halb zehn.

Was sollte er bis halb eins anfangen? Er wußte keinen Menschen, zu dem er hätte gehen können. Er trank noch einen Schnaps. Aber dann ekelte ihn der Geschmack des Alkohols im Munde und er stand wieder auf der Straße. Die grotesk verschnittenen Bäume erinnerten ihn an Wald und Feld.

Er winkte rasch einem Auto und befahl dem ältlichen, sorgenvoll aussehenden Chauffeur, ihn möglichst weit hinauszufahren, gleichgültig, wohin.

Das Auto fuhr an, dann drehte der Fahrer den Kopf mit dem buschigen, traurigen Schnauzbart und fragte, ob Onkel Toms Hütte und der Teufelssee recht wären. Er winkte ungeduldig ja, und die Fahrt begann.

Sie schien ihm endlos. Immer neue Straßen, immer neue Straßenkreuzungen, immer neue Schneewirbel. Und alles war dasselbe, alles wiederholte sich, eintönig und trostlos, und es schien Gäntschow, als ob auch diese Fahrt die Wiederholung einer andern sei, er konnte sich nur nicht erinnern, welcher.

Das Auto hielt. Gäntschow stieg aus und sah verwirrt auf seine Umgebung, auf ein paar im Schneetreiben versunkene Villen und in den Schnee gesteckte Kiefern. Sie sahen wie schlecht gehaltene Reiserbesen aus.

Das ist nicht das Richtige, sagte er, noch weiter raus.

Der Chauffeur betrachtete ihn unmutig, setzte den Wagen aber wieder in Gang. Die Fahrerei begann von neuem. Und von neuem hielt nach endloser Zeit die Taxe, und Gäntschow sah sich wieder die Umgebung an. Sie hatte sich fast nicht verändert. Aus den Villen waren vielleicht Landhäuser geworden. Die Kiefern aber sahen jedenfalls noch genau so struppig aus wie vorher.

Seufzend sagte er: Wieder weiter, und seufzend setzte der Fahrer den Wagen in Gang. Dann aber schob er, langsam fahrend, den Kopf in den Wagen und sagte: Lieber Herr, ich weiß hier 'ne Kneipe, wo wir 'ne Stunde gemütlich sitzen können. Ich leiste Ihnen auch Gesellschaft, und die Wartezeit brauchen Sie mir nicht zu bezahlen.

Er sah seinen Fahrgast abwartend an und setzte erklärend hinzu, auf die Gegend draußen weisend: So bald kommt es hier doch nicht anders.

Gäntschow war kalt. Aber nicht darum nahm er das Angebot seines Chauffeurs an, sondern weil ihm zu seiner eigenen Überraschung die Aussicht auf die Gesellschaft dieses trübsinnigen Mannes nicht mißfiel.

Er bestellte für sie beide Grog, und da saßen sie nun, Fahrgast und Fahrer, beide stumm nach dem Schneetreiben sehend. Na, denn prost, sagte der Chauffeur, sein Glas erhebend. Es ist ja unbescheiden, wenn ich Ihnen zuproste, weil Sie den Grog bezahlen. Aber Sie denken ja doch wohl nicht daran, ehe er kalt ist.

Prost! sagte Gäntschow. Die Uhr war noch nicht ganz dreiviertel elf, noch zwei Stunden mußte er aushalten. Er setzte das Glas wieder ab und sagte unvermittelt zu seiner eigenen, tiefen Überraschung: Meine Frau kriegt nämlich ein Kind.

Jaja, sagte der trübsinnige Mann in der Lederkleidung, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und setzte dann hinzu: Da kann man nur zu Gott beten, daß alles gut geht.

Wieder war es eine Weile still. Dann raschelte die Wirtin hinter der Theke mit einer Zeitung, und der Mann sagte: Ich habe auch drei.

Wieder war es eine Weile still. Gäntschow spielte mit dem Löffel und sah aufmerksam den Mann an.

Vor allem, daß das Kindchen gesund ist, sagte der Mann. Und wie erklärend, ganz in Trübsinn versinkend: Mein letztes hat nämlich einen Wasserkopf.

Gäntschow saß da und starrte. Die Eiseskälte war von den Füßen an den Beinen hochgekrochen. Er fühlte, wie seine Hände zitterten, und er biß die Kinnbacken zusammen, damit er nicht mit den Zähnen klapperte. Aber die Kinnbacken machten sich wieder frei, und er klapperte doch.

Er stürzte den Rest des Getränkes hinunter und bestellte noch zwei Grog.

Er ist ja schon sieben Jahr, sagte der Fahrer, aber darum spürt er es nur um so mehr. Papachen, fragt er immer, wann wird denn nun meine Birne operiert? Meine Frau hat ihm das vorgeredet. Na ja, es ist ja auch schwer für so 'n Kind. Seine Geschwister sind ganz gesund und spielen auf der Straße. Er sitzt immer zu Haus, immer artig und folgsam. Wird meine Birne nie wieder gut, Papachen? fragt er.

Gäntschow saß und rührte in seinem Grog. Wäre er seinem ersten Impuls gefolgt, so wäre er aufgesprungen und hinausgelaufen oder hätte den Fahrer angebrüllt. Aber er war nicht seinem ersten Impuls gefolgt. Er war still sitzen geblieben und dachte bei sich: Halte es aus, du mußt es aushalten.

Hatte er sich nicht in den letzten Tagen manchmal den Kopf darüber zerbrochen, warum Christiane immer allein sein wollte und worüber sie ständig nachdachte. Hier hatte er ein Beispiel. Der Fahrer sagte es grade: Man weiß nie vorher, was dabei rauskommt. Ich habe bei meinem dritten auch nicht mehr getrunken als beim ersten und zweiten, aber nein, Wasserkopf! – Wasserkopf soll vom Trinken kommen. – Nun, bei den feinen Leuten kommt sowas wohl nicht vor.

Er sah Gäntschow abschätzend an, ob der auch zu den feinen Leuten gehörte.

Ich verstehe es, lieber Herr, sagte er hastig, ich verstehe es, wenn man da wegfahren möchte. Ich find's auch nicht feige. Schließlich fährt man ja doch nicht weg.

Also fahren wir zurück, sagte Gäntschow und stand auf. Das Schuldgefühl war unerträglich stark geworden.

Fahren Sie noch nicht, Herr, sagte der Chauffeur mahnend, man kommt als Vater immer noch zu früh. Ich muß das wissen. Ich habe drei. Immer bin ich zu früh gekommen.

Gäntschow hatte sich wirklich wieder hingesetzt. Er war in einem seltsamen Zustand von Willenlosigkeit. Seine Bereitschaft, sich in alles zu fügen, überraschte ihn. Er war sogar damit einverstanden, daß nun der Chauffeur einen Grog ausgab.

Es fällt schon dabei ab, sagte der beruhigend. Es ist ja eine schöne Fuhre. Sicher werden es zwanzig Mark.

Er sah seinen Fahrgast einen Augenblick in leiser Besorgnis an, beruhigte sich aber gleich wieder.

Gäntschow grübelte darüber nach, warum Christiane, als sie sich heute morgen an ihn gelehnt hatte, »ach« geseufzt hatte – waren es nur die Schmerzen gewesen, oder war es noch etwas anderes gewesen? Der Gedanke kam ihm, den Fahrer zu fragen, wie seine Frau zu ihm bei der Geburt sei – aber er schämte sich. Dann dachte er an das ältere Fräulein in der Bar, er hätte sie gern hier gehabt. Er könnte nachher vielleicht versuchen, ihre Adresse zu erfahren. Sie würde keine schlechte Gesellschaft für solchen Tag sein. Aber dann erschrak er vor sich selbst. Brauche ich denn Gesellschaft? fragte er sich erschrocken.

Er zwang sich, an den Hof zu denken. Das Problem mit der Eiweißfütterung der Kühe war noch nicht gelöst. Er hatte in diesen Tagen darüber nachdenken wollen – jetzt war Zeit! Aber der Hof verging wie ein Nichts, wie das unwichtigste Ding von der Welt, es zerging in Nebel und Traum.

Die Uhr war halb zwölf. Er stand auf: Fahren wir.

Auf der Treppe zur Pension war niemand, auf dem Gang war niemand, sein Zimmer war aufgeräumt und leer. Er stand einen Augenblick lauschend an der Verbindungstür, nichts rührte sich. Sein Herz ging in unruhigen Stößen. Sicher schlief sie – durfte er sie stören? Die Uhr war erst viertel eins. Die Hand auf der Türklinke, stand er lange da, schwankend zwischen Wunsch und Bescheidung.

Dann fing auf dem Flur ein in all der Stille unerträgliches Summen, Sausen und Schnarren an. Er stürzte hinaus. Da stand das ältliche Mädchen und machte den Flur mit dem Staubsauger sauber.

Wollen Sie hier mal nicht solchen Krach machen! brüllte er. Meine Frau schläft.

Sie starrte ihn an.

Die gnädige Frau ist schon seit einer Stunde in der Klinik.

Er starrte sie wieder an. Seine Lippen fingen plötzlich an zu beben, ein schneidender Schmerz schnitt in sein Herz.

Aus dem Wege geräumt! Versetzt! dachte er. Und von Christiane!

Aber jetzt war alles gleichgültig. Er lief in ihr Zimmer. Auch ihr Zimmer war schon aufgeräumt. Auf dem Tisch lag die wollige Häkelei, an der sie in den letzten Wochen stets gearbeitet. Er zwängte sie in seine Manteltasche und stürzte auf die Straße. Er lief nach rechts und nach links, aber kein Auto war zu sehen. Er blieb ratlos stehen, als sei nun alles verloren. Dann aber fiel ihm ein, daß ja gar nicht so weit zur Klinik zu gehen sei, und er fing an zu laufen.

Jetzt kommt es auf fünf Minuten auch nicht mehr an, sagte er sich beruhigend, während er atemlos gegen das Schneetreiben anlief. Sicher ist alles schon fertig, wenn ich komme, und ich habe einen Sohn oder eine Tochter.

Aber er glaubte nicht daran, daß er schon einen Sohn oder eine Tochter hätte. Er glaubte auch nicht daran, daß es auf fünf Minuten nicht ankäme, sondern er lief, so rasch er konnte.

Der schneidende Schmerz in seinem Herzen, daß sie ohne ihn hatte sein wollen, ließ nicht nach.

Er läutete Sturm an der Kliniktür, antwortete dem Portier nicht auf seine Frage, sondern lief eilig die Steintreppe zu dem großen Warteraum hinauf. Dort saßen Menschen, eine Schwester ging vorüber, er lief auf sie zu: Wo liegt meine Frau? fragte er atemlos.

Die Schwester sah ihn ferne und weiß an. Ich rufe die Oberin, sagte sie und verschwand.

Er stand an einem Fenster, keuchend. Plötzlich merkte er, daß ihn alle Menschen ansahen. Er drehte den Kopf fort und wischte sich das Gesicht ab. Wo blieb dieses verfluchte Weib, diese Oberin? Sollte er stehen hier und verrecken vor Angst? Er riß die Uhr aus der Tasche, er starrte auf das Zifferblatt. Jetzt warte ich noch drei Minuten, und dann fange ich an zu schreien!

Er sah auf die Zeiger, aber sofort vergaß er wieder, was er wollte, und sah suchend durch den Raum auf die Türen. Dann sah er wieder auf die Uhr: wie lange stand er schon hier – es mußte eine Ewigkeit sein.

Eine Tür klappte leise, und Christiane kam herein.

Er starrte sie an, als träumte er. Christiane, Tia, rief es in ihm. Ich bin nicht zu spät gekommen.

Sie trug den schwarzen Kimono mit den silbernen Reihern vom Morgen. Sie hatte die schwarzen Hausschuhe mit dem Daunenrand an, nur ihre Haare waren loser als sonst, und die Strümpfe warfen etwas Falten, als trüge sie keine Strumpfbänder.

Er sah alles. Er sah alles.

Sie kam mit einem stillen, einfachen Lächeln auf ihn zu. Sie hängte sich bei ihm ein, sie führte ihn durch den Warteraum auf einen langen, weißen Gang mit vielen Türen.

Sicher bist du schrecklich böse, mein Freund, aber ich habe dich nicht versetzen wollen. Nur plötzlich kamen die Wehen so überraschend stark, daß ich Angst kriegte, es könnte mich in der Pension überraschen.

Und jetzt? fragte er atemlos. Tia, und jetzt?

Alles in Ordnung, sagte sie. Es kann noch eine ganze Weile dauern.

Die böse Oberin kam den Gang entlang. Nun, sind Sie jetzt beruhigt? fragte sie. Haben wir Ihre Frau noch nicht umgebracht? – Er hat Schwester Hilde so angeschrien, sagte sie erklärend zu Christiane, daß sie gedacht hat, er bringt sie um.

Die beiden Frauen schwiegen einen Augenblick, auch Gäntschow schwieg. Alles, was er befürchtet hatte, war plötzlich zusammengefallen. Alles ging auf eine ganz einfache, natürliche Art vor sich. Er war ein Narr gewesen, so die Nerven zu verlieren!

Die Oberin sagte es. Wenn Sie sich jetzt zusammennehmen und vernünftig sein wollen, können Sie hier mit Ihrer Frau weiter auf dem Gang spazieren gehen. Aber nur dann. – Sie sah ihn prüfend an. Wenn es Ihnen aber zu viel ist, können Sie mich auch anrufen. Meinethalben alle zehn Minuten anrufen.

Nein, ich bleibe hier.

Es kann aber noch lange dauern, sagte die Oberin. Vor acht, neun wird es nichts.

Sie ging weg.

Ein ekelhaftes Weib, sagte Gäntschow ärgerlich. Eine Männerfeindin, wie sie im Buch steht.

Findest du? fragte Christiane sehr überrascht. Ich finde sie sehr nett. Und sicher ist sie sehr tüchtig. Sie hat so sympathische Hände.

Männer kann sie aber nicht ausstehen, entschied Gäntschow.

Nun, lachte Christiane, die lernt sie ja auch eigentlich hier nicht von ihrer besten Seite kennen.

Sie gingen auf und ab, ganz langsam und sachte den endlosen Gang auf und ab. Das Haus war totenstill. Hinter all den lackierten Türen kein Geräusch.

Was gibt es hier alles für Kranke? fragte Gäntschow unruhig über diese Stille.

Ich weiß nicht. Viele Operierte. Es sind eine ganze Menge Ärzte, die ihre Privatkranken hierher legen.

Sie müssen doch Schmerzen haben! Und man hört nichts!

Die Türen sind alle doppelt und schalldicht gepolstert, erklärte Christiane. Darum hört man nichts. Sie sind nicht so still, wie man denkt.

Sie schwieg einen Augenblick. Sie überlegte etwas, dann sagte sie es: Freilich, mich hörst du vielleicht heute abend doch noch, Hannes, sagte sie sanft. Man soll sehr schreien. – Aber du mußt dir nichts dabei denken, setzte sie hastig hinzu. Es muß so sein. – Sie lächelte mit einem Anflug ihrer alten Ironie. Es ist ein rein mechanischer Vorgang.

Wer erzählt dir solchen Blödsinn? sagte er empört. Du wirst ein Mittel kriegen und überhaupt keine Schmerzen haben und gar nicht schreien.

Aber man muß Schmerzen haben, mein Freund, sagte Christiane. Die Schmerzen sind die Wehen. Und ohne die Wehen kriegt man kein Kind.

Wo ist die Ärztin? fragte er. Man kann sich betäuben lassen. Ich weiß das bestimmt. Ich will sofort mit ihr reden.

Aber ich will kein Kind in der Betäubung haben, sagte Christiane fast singend. Ich will mein Kind bei Bewußtsein kriegen. Es soll nicht plötzlich da sein. – O Gott, mein Kind! sagte sie plötzlich überwältigt und machte sich frei von ihm und legte beide Hände gegen den Leib.

So steht sie einen Augenblick da. Dann nimmt sie seinen Arm, und sie gehen weiter auf und ab. Sie gehen viele, viele Male hin und her. Manchmal miteinander sprechend, meistens aber stumm. Von Zeit zu Zeit wird Christianes Schritt zögernder. Sie stützt sich fester auf seinen Arm, ihre Lippen öffnen sich, ihr Atem wird schwer. Dann führt er sie, so rasch es geht, zu ihrer Zimmertür. Sie verschwindet, und er steht dann wartend draußen. Fünf Minuten, zehn Minuten.

Christiane kommt zurück. Sie kommt zurück mit einem frischen Duft von Kölnisch Wasser, nimmt seinen Arm und geht weiter. War es dieses Mal sehr schlimm? fragt er wohl, wenn er den Ausdruck ihrer Augen bemerkt.

O nein, mein Freund, antwortet sie dann lächelnd, dieses Mal war es noch nicht schlimm.

Es dunkelt schon vor den Fenstern, und die weißen Lichtkugeln schimmern auf dem Gang, als Frau Doktor Säule kommt.

Nun junge Frau, ich muß doch einmal nach Ihnen sehen. Entschuldigen Sie, Herr Gäntschow.

Die beiden Frauen verschwinden. Er steht wieder da. Und wartet. Nach einer Weile kommt Frau Doktor, allein. Nein, nein, sagt sie lächelnd. Ihre Frau kommt auch gleich. Gehen Sie ruhig noch eine oder zwei Stunden mit ihr auf und ab. Solange sie es eben aushält. Das ist ihr nur gut. – Ich denke, nicht vor Mitternacht, sagt die Ärztin überlegend, Schwester Erna sieht jedenfalls um sieben noch einmal nach. – Sie lächelt ihn aufmunternd an. Es steht alles gut, sagt sie. Das Kind liegt ausgezeichnet. Alles wird rasch und glatt gehen, wenn es erst so weit ist. Sie nickt ihm noch einmal zu und geht.

Er findet es unverständlich, daß sie so fortgehen kann, zu irgendwelchen Privatdingen.

Nach einer Weile kommt Christiane wieder. Also marschieren wir weiter, sagt sie. Ich glaube, ich werde mein ganzes Leben von diesem Gang mit seinen lackierten Türen träumen. Weißt du noch, er ist beinahe wie der Gang im Gymnasium zu Stralsund, wo wir unser Einjähriges machten. Nur war der nicht so hell. Nun, wir haben ja auch damals unsere Prüfung gut bestanden.

Sie nickt ihm lächelnd zu, und sie gehen weiter. Die Pausen, in denen Christiane fort ist, werden länger. Dann kommt eine Pause, die völlig endlos zu sein scheint, und als sie dann doch wider alles Erwarten zurückkommt, gibt sie ihm nur rasch die Hand. Ich lege mich jetzt hin, mein Freund. Also dann auf nachher!

Sie nickt ihm flüchtig zu. Ihre Augen haben einen fieberischen, trockenen Glanz. Sie ist gar nicht recht bei ihm und bei dem Abschied.

Christiane! ruft er erschrocken. Tia! Er möchte sie an sich ziehen. Ja, ja, mein Freund, sagt sie plötzlich seltsam ernst. So ist es! Nun müssen wir zeigen, was mit uns los ist. Ich habe, sagt sie plötzlich nachdenklich, ich glaube, ich habe keine Furcht. Und nun nimmt sie ihn in ihre Arme, drückt ihn an sich, küßt ihn einmal ganz rasch.

Tia! ruft er. Ich wollte dir noch sagen ...

Aber der Gang ist leer. Hinter den Türen herrscht Schweigen. Er zieht die Uhr. Es ist sieben. Mitternacht, hat die Ärztin gesagt. Fünf Stunden! Nun, er wird sich doch noch fünf Stunden zusammennehmen können! Und dann ist alles gut. Er lehnt den Kopf gegen das kühle Fenster und beginnt zu warten.

Nach einer Weile dreht er sich um, sieht in den Gang und wartet so weiter. Drüben, über der Ausgangstür des Ganges ist eine große Tafel. Manchmal leuchten da lautlos weiße und rote und blaue Kreise auf. Schwestern gehen dann eilig über den Gang und verschwinden in Zimmern. Danach erlöschen die bunten Kreise. Er möchte gerne wissen, welcher Kreis Christianes Zimmer bedeutet, aber es geht niemand in Christianes Zimmer.

Er sieht sich um. Der Gang ist grade leer. Auf den Zehenspitzen geht er vor ihre Zimmertür und lauscht. Aber nichts ist zu hören. Dies Haus ist marternd still. Er geht wieder an sein Fenster.

Nun kommt die Hebammenschwester Erna den Gang herunter. Sie sieht ihn da stehen, aber sie nickt ihm nur kurz zu und geht in Christianes Zimmer. Er sieht auf die Uhr. Es ist neun Minuten nach sieben. Er hat jetzt neun Minuten von dreihundert gewartet. Wohlan!

Etwas später kommt Leben in das Haus, Mädchen in Schwarz, mit weißen Krausen im Haar und weißen Schürzen laufen mit Tabletts von Zimmer zu Zimmer. Das Abendessen wird verteilt. Er paßt genau auf, aber keines von den Mädchen geht in Christianes Zimmer. Sie bekommt also nichts mehr zu essen. Etwas wie ein Krampf packt ihn, die Verzweiflung schüttelt ihn, er stürmt den Gang auf und ab. Was ist das für ein Satz, den er da eben gedacht hat?! Sie bekommt nichts mehr zu essen ... Ist es so weit? Ja, es ist so weit.

Ein Mann in blaugestreifter Wärterkleidung kommt, ein Tischchen tragend. Er sieht Gäntschow an, als wollte er ihn etwas fragen. Und Gäntschow ist jetzt sehr bereit, selbst mit diesem unrasierten, düster aussehenden Pfleger ein Wort zu sprechen. Aber der Mann besinnt sich eines andern und stellt stumm das Tischchen an das Ende des Ganges. Er kommt wieder, und nun bringt er einen Korbsessel. Unerträglich langsam setzt er den Korbsessel an das Tischchen, rückt noch einmal daran herum, sieht prüfend die Aufstellung an und verschwindet.

Gäntschow ist wütend, mit welcher Langsamkeit das alles geschieht. Ein Tisch und ein Stuhl werden hingestellt. Es ist gar nichts. Nichts wird damit geändert, aber unterdes ändert sich da drin hinter der weißen Tür rasend die Welt.

Die können Menschen quälen, denkt er, und ein paar Wortfetzen fallen ihm ein: Herzen rösten. Herzen langsam auf dem Rost braten. Auf dem Rost seiner Eitelkeit schmoren ...

Er lauscht wieder. Nichts.

Eine wahnsinnige Erfindung, diese schalldichten Doppeltüren. Man kann dahinter sterben und vergehen. Niemand merkt etwas davon.

Ein Mädchen mit weißer Krause kommt mit einem Tablett. Sie stellt es auf dem Sessel ab, deckt umständlich den Tisch, Gäntschow sieht ihr aufmerksam zu.

Das Mädchen geht zu ihm hin. Sie sagt: Bitte sehr.

Er sieht sie verständnislos an.

Ihr Abendessen, sagt sie und lächelt ein wenig über seine Verwirrtheit.

Erst jetzt begreift er, daß das alles für ihn geschehen ist. Es hängt mit der Geburt zusammen. Er sagt höflich: Danke schön, und geht gehorsam an den Tisch. Er setzt sich hin, es ist natürlich ausgeschlossen, daß er etwas essen kann. Aber er ißt. Dabei grübelt er. Ihm ist etwas eingefallen. Er denkt darüber nach, warum Christiane ihn eigentlich in der letzten Zeit fast nur »mein Freund« angeredet hat. Früher hat sie immer nur Hannes gesagt, nie »mein Freund«. Es geschieht ganz ohne Absicht, sie merkt es vielleicht gar nicht einmal, und das ist das schlimmste.

Plötzlich denkt er bei sich: es steht nicht gut um uns. Wieso eigentlich?

Und er grübelt weiter. Er hat sich bestimmt nicht verändert. Aber Christiane hat sich verändert. Sie ist fern und kühl geworden.

Auch das hängt mit der Geburt zusammen, entscheidet er.

Das Mädchen kommt wieder, um den Tisch abzuräumen. Mit Verwunderung sieht er, daß er alles aufgegessen hat. Es ist nichts übriggeblieben. Aber dann erklärt er es sich. Er hat ja heute weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen.

Nun fing das Warten wieder an. Es war dreiviertel neun. Eine Weile half er sich damit, daß er sich in Wut auf die Ärztin redete, die noch immer nicht gekommen war. Aber auch das verging. Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe und seufzte. Wäre es doch erst vorbei, dachte er. Sein Herz schmerzte.

Er hörte einen Schritt. Die Oberin ging langsam und bedächtig über den Gang und verschwand mit strengem, ernstem Gesicht im Zimmer von Christiane. Er erhaschte etwas von einem matten Lichtschimmer, einer hellen Gestalt – war das denn noch immer Christiane, die auf war? Das konnte nicht richtig sein. Er hatte das sichere Gefühl, daß alles falsch und verkehrt gemacht wurde in diesem Haus, in dem er nur Frauen zu sehen bekommen hatte. Er überlegte fieberhaft, ob er nicht einen Arzt anrufen sollte. Er kannte keinen. Aber jeder Mann war besser als diese Frauen.

Er hatte sich grade dazu entschlossen und war im Weggehen, als die Oberin aus dem Zimmer kam. Sie ging auf ihn zu und sagte, wieder einmal – zum wievielten Male: Es ist alles in Ordnung. Nun geht es bald los. Frau Doktor ist in zehn Minuten hier.

Er setzte grade an zu sprechen. Er wollte etwas fragen. Da hörte er einen Schrei. Dieser Schrei war so entsetzlich, wie er noch nie einen in seinem ganzen Leben gehört. Er durchbrach alle Polstertüren und gellte in seinen Ohren.

Gäntschow fühlte, wie er schneeweiß wurde, er zitterte am ganzen Leibe, er sah entsetzt die Oberin an ...

Die Oberin hatte horchend den Kopf gesenkt. Sie nickte beifällig und sagte: Es fängt an.

Er lauschte weiter. Aber nach diesem einzelnen furchtbaren Schrei kam kein weiterer. Die Stille wurde wieder so tief, daß er sogar einen Augenblick meinte, er hätte sich eben getäuscht. Aber dann hörte er den Schrei wieder in seinen Ohren gellen, den konnte kein Mensch erfinden.

Die Oberin sah ihn einen Augenblick prüfend an. Vielleicht gehen Sie doch noch lieber eine Stunde spazieren, Herr Gäntschow, sagte sie ganz sanft. Er bewegte wie abwehrend den Kopf. Nun, dann soll uns Berta noch einen Sessel bringen. Ich leiste Ihnen hier Gesellschaft. Sie dürfen jetzt auch rauchen, wenn es nicht zu arg wird.

Sie saßen eine lange Weile schweigend da.

Einmal flüsterte er fragend: Wie lange kann es noch dauern?

Die Oberin bewegte die Schultern mit einer Geste, die deutlich sagte, daß jetzt nichts mehr darüber gesagt werden könnte.

Die Ärztin kam in einem weißen, langen Mantel, mit einer Gummischürze, in dicken Gummischuhen unbeholfen patschend über den Gang. Sie nickte den beiden kurz zu und verschwand im Zimmer. Kurz darauf ging die Oberin ihr nach. Es war gleich halb zehn. In diesem Augenblick begann es.

Der entsetzliche Schrei ertönte wieder. Aber ehe er noch so recht in seinem Ohr angelangt war, ertönte eine ganze Serie wilder Schreie, nur höher und verzweifelter als der erste. Und dazwischen wurde ein Winseln laut, ein qualvolles Heulen ...

Er raste auf die Tür zu, griff nach der Klinke ...

Es war unaussprechlich, unerträglich ...

Das sollte Christiane sein, das, oh, das!

Er riß sich zurück, er schlug taub den Kopf gegen die Wand, er stieß sich die Finger in die Ohren, er zog sich die Jacke über den Kopf ... Nur nicht hören! Nur nicht hören!

Aber die Schreie, das Heulen, das Röcheln, das Stöhnen, das Winseln, das Ächzen, klangen durch alles hindurch, es lärmte und toste in seinen Ohren ...

Laß es vorbei sein. O Gott, mein Herrgott, laß es vorbei sein, gleich auf der Stelle, das ist unmenschlich, das ist grausig ...

Er schlug mit dem Kopf gegen die Wand, aber er spürte keinen Schmerz. Dann ließ er die Hände sinken, und atemlos, am ganzen Leibe zitternd, starrte er die Tür an, aus der wieder das Geheul hervorquoll. Er wußte nicht, wie lange das schon dauerte, ob Minuten oder Stunden. Aber in diesem Augenblick hatte er schon alles begriffen ...

Er stand und starrte. Und plötzlich wurde es schreckenerregend still. Er hörte nichts mehr. Nicht einen Laut mehr. Also sie stirbt jetzt, dachte er mühsam. Sie ist schon tot. Es ist zu spät für mich.

Er stand da, sachte öffnete er die Tür, undeutlich sah er die weißen Gestalten der Frauen, die sich ihm zuwandten, aber dann sah er das Bett, das zerwühlte Bett – war das Christianes Gesicht –?

Ja, komm, rief sie und streckte die Arme nach ihm aus. Komm und hilf mir!

Sie ergriff seine kalten Hände mit ihren heißen, verschwitzten. Sie lachte fieberhaft. Aber ich habe keine Angst, Liebster, ich habe keine ...

Christianes Gesicht verzog sich. O mein Gott, schrie sie und ließ seine Hände fallen. Das ist grauenhaft! Das ist unerträglich! Geh weg! Geh weg! Ach, ich sterbe!

Ihr ganzes Gesicht war nur ein schwarzes, strudelndes, gurgelndes Loch, und aus dem Loch brachen die Schreie hervor, einer nach dem andern, einer grauenhafter, tierischer als der andere ... Er fühlte, wie jemand ihn fortführte. Der Gang leuchtete sanft, die Schreie tönten ferner ... So, setzen Sie sich hierhin, sagte die Oberin. Hier, auf das Sofa, ich gebe Ihnen gleich einen Kognak.

Aber er hatte alles begriffen. – Er hatte sie nie geliebt. Er hatte nie einen Menschen auf der Erde geliebt, er hatte immer nur sich geliebt – und nun war es zu spät. Nun starb sie!

Er saß da, bewegungslos, wie er hingesetzt worden war, das Glas Kognak stand vor ihm, manchmal war die Oberin da und manchmal war sie wieder fort. Er wußte nicht, wie lange er hier schon saß, ob es früh oder spät war.

Sein ganzes Leben lag vor ihm, klar, kalt, eine Schnee- und eine Eiswüste. Keine Blumen. Er wußte, jetzt kam die Strafe. Jetzt liebte er sie, und jetzt starb sie. Er erinnerte sich, wie sie heute morgen einmal in seinem Zimmer gewesen war und ein zweitesmal, sie hatte sich sogar an ihn gelehnt. Sie hatte auf ein einziges Zeichen seiner Liebe gewartet. Ach, sie hatte nur »ach« gesagt. Nichts. Trockenheit. Dürre. Eigensucht.

Eine Hand rührte an seine Schulter. Die Ärztin stand vor ihm.

Jetzt ist es vorbei, sagte sie. Selbst in all seinem Jammer sah er, wie das starke Kinn der großen Frau zitterte, daß ihr Gesicht gerötet, das Haar schweißnaß war.

Er hatte keine andere Botschaft erwartet. Läßt sie mir noch etwas sagen? fragte er zögernd, mit einer letzten Hoffnung.

Nein, nein, Sie müssen bedenken, wie erschöpft sie jetzt ist. Morgen vormittag vielleicht dürfen Sie zu ihr.

Sie sah die Veränderung in seinem Gesicht. Oh, ich dumme Person, rief sie. Ich habe Sie erschreckt. Sie haben gedacht, sie sei tot?

Er nickte. Er flüsterte: Und sie lebt?

Ja, sagte die Ärztin. Eine ganz normale Geburt. Es ist sogar viel schneller gegangen, als ich dachte.

Er schauderte. Aber dann überwog das Glück alles. Ein blendender Lichtschein war in diese fürchterliche, aussichtslose Nacht gefallen. Sie lebte. Es war noch nicht zu spät für ihn.

Aber das Kind macht mir Sorge, sagte die Ärztin. Es will nicht atmen, wie es sollte. Wir haben es jetzt unter dem Lichtbogen und geben ihm Sauerstoff. Aber ... Sie bewegte die Achseln. Ein kräftiges Kind, sagte sie. Ein Mädchen. Siebeneinhalbes Pfund. Ein Mädchen. Aber es will nicht atmen ...

Er stand da. Weiß es Christiane? flüsterte er.

Ich weiß nicht, sagte die Ärztin. Sicher ahnt sie etwas ...

Nein, warten Sie hier, ich sage Ihnen dann sofort Bescheid.

Sie schlürfte in ihren großen Gummischuhen mit müden, traurigen Schritten aus dem Zimmer.

Und das Warten begann von neuem. Es war ein anderes Warten. Ja, manchmal schien alles hell zu sein. Es war nicht zu spät für ihn. Dann fiel es ihm wieder ein, solche Dinge konnten ihm jetzt einfallen: sein Mädchen wollte nicht atmen, seine Tochter wollte sterben.

Da alles besser geworden war, da er endlich begriffen hatte, wo er gesündigt, da er wieder gutmachen konnte mit einem ganzen, ihr geweihten Leben – warum kam nun das?

Es schien so sinnlos zu sein. Er verstand es nicht. Es war, als hätte ihn das Leben über alles Erwarten und Hoffen hinaus beschenkt. Und nur damit die Freude nicht rein sei, versetzte es ihm noch einen Fußtritt hinterher.

Er grübelte, aber er konnte es nicht verstehen. Und seine Gedanken wanderten weiter von der kleinen Sterbenden, wanderten zu dem Hof. Er überlegte, wie er da alles einrichten würde. Er würde umbauen. Sie würde schöne helle Zimmer bekommen, mit klaren, guten Möbeln. Er würde sie, vom Felde kommend, besuchen, mit ihr plaudern ...

Die Hebammenschwester trat ein. Er wandte ihr den Blick zu. Auch sie sah todeserschöpft aus. Ihr Gesicht schien kein Fleisch mehr zu haben. Unter den Augen waren dunkle Löcher.

Kommen Sie bitte mit, sagte sie zu Gäntschow.

Und schon im Gehen: Nicht wahr, Sie wissen?

Er nickte langsam. Weiß es meine ...?

Frau Doktor ist jetzt bei ihr, sagte die Schwester.

Er wurde in Christianes Zimmer geführt. Aber Christiane war nicht mehr hier, in der dumpfen, heißen Luft. Christiane war fort aus dem Bett. Ein weißes Laken war darüber gebreitet. Auf dem Laken lag ein kleiner Körper.

Sie hatten ein Tuch über den Körper gelegt. Man sah das Hälschen, den Kopf, etwas von den gerundeten Schultern, dann die Ärmchen, die Hände über dem Tuch.

Er beugte sich, blind von Tränen, darüber. Er wischte an seinen Augen, es war so unendlich klein. Aber es war ein fertiges, strenges, ernstes Gesicht. Um den Mund lag ein bitterer Zug. Die Lippen waren fest geschlossen.

Es war eine uralte Frau, die da lag. Eine Frau, deren langes Leben Kummer und Sorgen bedeutet hatte, und die mit Entschlossenheit über die bittere Todesschwelle geschritten war.

Aber es war sein Kind, sein kleines Mädchen! Warum hatte sie nicht atmen wollen? Diese strenge Majestät – sie sah bitter, streng und hoheitsvoll aus. Nichts von Vorwürfen – sie war weit über alle Vorwürfe hinaus –

Er beugte sich über sie. Vielleicht dämmerte in dieser Sekunde in seinem Hirn die uralte Geschichte des Ahns Gäntschow auf, der seine Tochter geliebt hatte, als sie tot war. Den fraßen dann die Ratten. Vielleicht erfaßte ihn in dieser Sekunde etwas von dem, was er alles verloren, wie reich sein Leben durch diese kleine Verstorbene gewesen wäre. Vielleicht erfaßte er seine bitterste, äußerste Armut ...

Sehen Sie die Händchen an, die Fingerchen, die Nägelchen, alles so fertig und schön, und doch gestorben, rief die Oberin klagend.

Ja, man versteht es nicht, sagte die Hebammenschwester.

Die Ärztin trat ein. So, jetzt weiß sie es, sagte sie müde. Sie ist ruhig. Aber gehen Sie, bitte, noch eine halbe Stunde zu ihr hinüber, Frau Oberin. Gäntschow machte eine Bewegung.

Nein, Sie jetzt nicht, Herr Gäntschow. Kommen Sie, bitte, noch mit mir mit.

Die große, weißhaarige Frau saß erschöpft in einem Sessel des Oberinnenzimmers. Ein verschlafenes Mädchen brachte ihr Kaffee. Frau Wendland, sagte die Ärztin langsam, wünscht die Todesursache des Kindes zu wissen. Dazu ist eine Sektion notwendig. Würden Sie Einwendungen erheben?

Er dachte nach. Er sah das ernste, hoheitsvolle Gesicht vor sich. Er sah das blanke, schneidende Messer. Aber dann verging das wieder und er sagte: Nein, wenn Frau Wendland es wünscht ... Es ist ein verständlicher Wunsch, sagte die Ärztin. Auch ich teile ihn. Es war eine ganz normale Geburt, vielleicht eine Kleinigkeit zu rasch, aber ganz normal, und das kleine Ding ist ein Prachtmädchen. Sie will Klarheit haben, und Klarheit ist immer gut. Die Ärztin schwieg wieder. Aber sie war noch nicht fertig. Ein Gefühl nahen Unheils befiel Gäntschow.

Herr Wendland, sagte die Ärztin rasch, ist vor dem Gesetz der Vater des Kindes. Seine Erlaubnis zur Sektion ist notwendig. Frau Wendland hat mich gebeten, nach Fiddichow zu telegraphieren, damit Herr Wendland sofort kommt.

Die Ärztin trank. Es war ganz still im Raum.

Ja, ja, sagte Gäntschow gedankenlos. Er stand auf und sah sich in dem Zimmer um, als suchte er etwas.

Noch eins, Herr Gäntschow, sagte die Ärztin hastig, ja, Sie wollen nach Haus. Ich bin auch müde. Aber es ist Vorschrift, daß wir noch zwei Stunden nach der Geburt bei der Wöchnerin bleiben. Ich würde Sie sonst in meinem Auto mitnehmen. – Frau Wendland ist sehr schwach, und sie wird morgen eine aufregende Zusammenkunft mit Herrn Wendland haben. Es ist darum besser, Sie kommen morgen noch nicht.

Ja, ja, sagte Gäntschow gedankenlos.

Ich gebe Ihnen sofort Nachricht, sobald es geht. Sie bleiben doch in Ihrer Pension?

Ja, sagte er. Er sah die Ärztin an und sagte: Gute Nacht, Frau Doktor. Ich müßte Ihnen ja wohl eigentlich danken, aber ...

Er bewegte hilflos die Achseln und ging gegen die Tür. Plötzlich drehte er sich um und ging lebhaft auf die Ärztin zu: Frau Doktor, sagte er fieberhaft. Warum ist das Kind gestorben?

Sie sagte müde: Um das zu erfahren, wird es seziert.

Nein, nein, sagte er ungeduldig. Nicht woran! Das ist gleichgültig. Warum ist es gestorben?

Ja, Herr Gäntschow, sagte die Ärztin langsam, ich soll Ihnen also sagen, ob ein Gott im Himmel lebt, und ob er allgütig ist, und warum er die Welt geschaffen hat und uns arme Menschen ... Ja, mein lieber Herr Gäntschow, ich bin nur eine alte Frau, und Ihre Kleine dahinten weiß jetzt wahrscheinlich schon mehr als Sie und ich.

Johannes Gäntschow ging wortlos aus dem Zimmer.

Erst am dritten Tage danach wurde er von der Ärztin angerufen. Er hatte diese Tage in seinem öden Pensionszimmer verbracht, ohne eine andere Beschäftigung als seine Grübeleien. Er war aufgestanden und hatte sich hingesetzt. Er hatte gegessen und geraucht. Er hatte endlose Märsche Zimmer auf und ab gemacht, mit dem Ohr ewig nach dem Apparat hin: nichts.

Unbestreitbar blieb, was er auch denken mochte, die eine Tatsache, daß Herr Wendland mit ihr gesprochen hatte, und daß sie ihn noch immer warten ließ.

Nun aber sollte er zur Ärztin kommen. Nicht in die Klinik, sondern in die Wohnung. Wieder brachte ihn der höfliche Fahrstuhlführer hinauf, wieder ging er in das helle Zimmer mit den schönen Bildern, den vertrauenerweckenden Bücherrücken.

Dann ging die Tür auf, und die Ärztin trat ein. Sie hatte ihre frischen Farben wieder, die mutigen starken Augen, die vom Alter unberührte Gestalt.

Der Sektionsbericht ist da, sagte sie. Es ist alles genauestens untersucht. Nichts von Krankheit. Ihr kleines Mädchen hätte froh und gesund leben können – es war ein Unglücksfall.

Sie berichtete, zeichnete. Wie ich Ihnen schon sagte, die Geburt ging zu rasch. Der kleine, weiche Schädel, der sich sonst langsam anpaßt, ist mit zu großer Schnelligkeit in die engen Geburtswege gepreßt worden. Er wurde zusammengedrückt. Eine Blutung in das Gehirn trat ein – daran ist sie gestorben.

Kommt das häufig vor? fragte Gäntschow.

Selten. Äußerst selten. Ein Unglücksfall. Wie wenn jemandem ein Ziegel auf den Kopf fällt. Ich sage es wirklich nicht, um mich reinzuwaschen. Wenn ich einen Fehler begangen hätte, würde ich es auch sagen. Hier, lesen Sie den Bericht des Anatomen.

Er fand einen Satz in diesem Bericht, daß derartige Blutungen in das Hirn Neugeborener häufiger vorkämen, als angenommen würde. Das Hirn resorbiert das Blut, aber etwas bleibt zurück, mehr oder minder starker Schwachsinn, spätestens in der Pubertät auftretend. Er sah sein und Christianes Kind zwischen ihnen beiden aufwachsen, größer werden. Dann hörte er die Stimme des Chauffeurs vom Teufelssee: Papachen, wann wird denn meine Birne operiert?

Er schauderte. Er legte die Blätter aus der Hand, er fragte: Was ist aus dem Kind geworden?

Frau Wendland hatte den Wunsch, daß es kein Grab gäbe, daß es ... sie machte eine Bewegung, daß es verschwunden sei.

Früher oder später, dachte er. Es bleibt sich gleich. Ein Grabstein oder keiner, es bleibt sich gleich. Ich hätte doch nicht dort gekniet.

Es mußte einen Namen bekommen, sagte die Ärztin sachte. Das Standesamt verlangte es und die Polizei, weil es doch gelebt hat.

Ja? fragte er.

Sie hat es Christiane genannt, sagte die Ärztin.

Ein langes, drückendes Schweigen.

Ja, so war sie. Noch einmal sah er die Jugendgespielin strahlend in ihrem Mut, in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Sie ließ die alte Christiane sterben, ihr und sein Kind nahm den geliebten Namen von der Erde. Es gab keine Christiane mehr. Es gab nicht einmal einen Grabstein mehr. Vielleicht hätte er doch daran gekniet.

Er stand auf. Es geht Frau Wendland gut?

Noch nicht sehr, sagte sie, und rasch hinzusetzend: Aber sie ist sich über alles klar, was sie tut.

Ja, ja, sagte er und stand noch einen Augenblick an der Tür.

Sagen Sie, bitte, Frau Wendland, fing er an. Aber er unterbrach sich wieder. Nein. Nichts. Ich danke Ihnen sehr, Frau Doktor. Unvermittelt ging er.

Er ging zurück in sein Pensionszimmer und saß dort eine Weile stumm.

Jawohl, jawohl, ein kräftiger Schlag, so konnte man es nennen. Ein recht kräftiger Schlag. Aber es lag eigentlich in seiner Linie. Verdammt nochmal, es war gerecht. Wenn Dummheit und Roheit straflos blieben, was würde aus dieser Welt, welche Welt? Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß er dumm und roh gewesen war. Es hatte alles seine Ordnung. Es war genau richtig.

Nach einer Weile stand er auf und fing an zu packen. Er hatte einen Hof. Ein Schiff, das in starkem Sturm lag. Er war und wurde kein Kapitän Düllmann, der sich pensionieren ließ, wenn die ›Anna Katrein‹ absoff. Steuer rum und weiter!

Es klopfte. Das Mädchen meldete Herrn Wendland.

Herr Wendland trat ein. Er trug einen untadligen schwarzen Paletot, um den Hals ein rohseidenes gelbliches Tuch, in der Hand hatte er eine Melone. Sein Gesicht war fahl, mit dicken, körnigen Tränensäcken.

Guten Tag, Gäntschow, sagte er und blieb unter der Tür stehen.

Guten Tag, Wendland, sagte Gäntschow und sah von seinem Koffer hoch.

Als er das letztemal Herrn Wendland gesehen hatte, hatte der auf einem Pferde gesessen und mit einer Reitpeitsche schlagen wollen. Er hatte ihm die Peitsche abgenommen. Diesmal kam Herr Wendland mit einer Peitsche, die ihm nicht abzunehmen war, er konnte seinen Gegner schlagen, so stark er wollte. Der Gegner war wehrlos.

Gäntschow sah Wendland an.

Ich komme, sagte der korrekte Hamburger, um Ihnen eine Gemeinheit zu gestehen. Im vergangenen Sommer waren Sie in Geldverlegenheit. Ich hörte durch den Kaufmann Schöning davon. Ich räumte Ihnen durch diesen Strohmann einen Wechselkredit ein, aber ich sorgte auch gleichzeitig dafür, daß Sie nirgendwo Kredit bekamen. Ich wollte Sie von Ihrem Hof vertreiben, Gäntschow.

Und jetzt ist das nicht mehr nötig? fragte Gäntschow.

Nein, jetzt ist das nicht mehr nötig, bestätigte Wendland.

Das ist jetzt gleichgültig, sagte Gäntschow.

Nicht für mich, sagte Wendland, und auch nicht für Christiane.

Was stehen Sie noch hier, Mann, rief Gäntschow. Machen Sie mit Ihren Wechseln, machen Sie mit meinem Hof, was Sie wollen. Sie werden mich nie wieder auf Fiddichow sehen.

Ich kann Sie nicht bitten, sagte Herr Wendland, aber Christiane bittet Sie, auf den Hof zurückzukehren. Wir werden nicht mehr auf Fiddichow wohnen, sagte er hastig. Die Wirtschaft wird verpachtet werden, und das Schloß wird leer stehen.

Es ist ausgeschlossen, sagte Gäntschow wild, ich will Fiddichow nicht wiedersehen, ich hasse den Hof.

Gäntschow, bat Wendland, tun Sie einmal in Ihrem Leben einem andern Menschen etwas zuliebe. Können Sie nicht verstehen, daß Christiane der Gedanke unerträglich wäre, Sie durch mich von Ihrem Hof vertrieben zu wissen.

Das verstehe ich schon, sagte Gäntschow. Aber ich verstehe auch, daß zuliebe von Liebe kommt.

Eine kurze Stille entstand. Dann sagte Wendland: Ich wollte, es wäre so, wie Sie denken, Gäntschow.

Gäntschow trat hinter dem Koffer hervor, sein Gesicht zuckte. Er faßte den andern bei den Schultern und schüttelte ihn.

Aber wenn es so ist, wenn mich Christiane noch liebt, warum, warum das alles?

Wendland sah ihn an. In seine Augen kam etwas wie Staunen. Er sagte langsam: Weil sie Angst vor Ihnen hat, Gäntschow. Weil sie namenlose, zitternde, feige Angst vor Ihnen hat. Kann man denn ein Leben mit einem Menschen zusammenleben, vor dem man sich ängstigt?

Er sah ihn an, er murmelte: Auch ich habe Angst vor Ihnen. Jeder Mensch hat vor Ihnen Angst. Man weiß nie, was Sie in der nächsten Sekunde tun werden.

Gäntschow stand wieder hinter seinem Koffer. Er legte etwas darin zurecht.

Ich dachte es mir, sagte er, ich wußte es schon, als Sie hereinkamen, Wendland, daß Sie mich schlagen würden. Sie haben wacker zugeschlagen.

Er hatte einen Rasierspiegel in der Hand, er betrachtete aufmerksam sein fahles Gesicht mit den übergroßen Augen darin.

Grüßen Sie Christiane, Herr Wendland, ich bleibe auf dem Hof. Sozusagen ihr zuliebe.

Wendland stand noch einen Augenblick zögernd. Aber der andere war hinter dem Kofferdeckel verschwunden. Hinabgetaucht in die Ordnung oder Unordnung seiner Dinge.

Wendland ging langsam aus dem dunkel werdenden Zimmer. – Und wir gehen mit ihm. Wir lassen Johannes Gäntschow allein, ihn, der das Leben seiner Ahnen noch einmal erlebt hat. Noch einmal hat ihn der Fidder Herr auf den Stein gelegt als Opfer. Noch einmal hat er zu spät entdeckt, daß er lieben konnte, und muß sich nun in den eigenen Fesseln von den Ratten der Gewissensbisse auffressen lassen. Noch einmal ist er ins Leben gefahren auf der Suche nach der Silberkuh. Aber statt ihrer hat er eine Frau gefunden, und die Frau ist ihm gestorben. Und auch in seiner Kiste ist nichts anderes gewesen als in der Kiste seines Großvaters Düllmann: wertlose Unordnung und ein Kinderkleidchen, unbenutzt.

 

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