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Wir hatten mal ein Kind

Hans Fallada: Wir hatten mal ein Kind - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWir hatten mal ein Kind
publisherRowohlt
year1934
printrun1.-20. Tausend
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180510
projectid70a6d64b
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Fünfter Abschnitt

Wiedersehen mit einer Freundin

An einem fahlgrauen Novembernachmittag kamen sie in Kirchdorf aus Fiddichow an. Trotzdem sie ihre Ankunft gemeldet hatten, war weder ein Wagen noch die Mutter an der Bahn. Sie warteten noch einen Augenblick, dann sagte Johannes Gäntschow ungeduldig: Natürlich, es fängt gleich richtig an! Und ging los.

Sie ging eilig neben ihm her. Er trug das Gesicht unter dem grünen Hut grade gegen den Wind, als täte der ihm gut. Mit raschen Blicken sah er nach rechts und links. Sie kamen am Windmühlenflügel vorüber, auf dem er einst die Schnapsflasche des Vaters leergetrunken hatte, und nun war schon der Blick auf den Hof frei. Er blieb plötzlich stehen, sagte: Ah, und schaute. Dann besann er sich auf seine Frau, zeigte mit der Hand und sagte fast feierlich: Das ist der Hof.

Plötzlich veränderte sich sein Gesicht. Er sagte mit Schmerz und Wut in der Stimme: Sie haben Bäume geschlagen. Er zählte: Vier, fünf, sechs Pappeln. Sechs Pappeln! Sie waren über hundert Jahre alt.

Er stand still, als könnte er es nicht glauben, und sie neben ihm stand auch still. Also komm, sagte er schließlich. Und im Weitergehen machte er sie darauf aufmerksam, daß es auf dieser Halbinsel fast nur größere Bäume im Windschatten der Gehöfte gab. Es erforderte unermüdliche Geduld, immer neues Nachpflanzen, Pflege, Achtung, die Bäume durch die dauernden schweren Stürme hindurchzubringen, bis sie stark genug waren, dem Wind aus eigener Kraft zu widerstehen. Wer auf dieser Insel, sagte er fast feierlich, jedes Jahr seines Lebens einen Baum pflanzt und großhegt, wird nicht vergessen werden. Er setzte hinzu: Ich werde Bäume pflanzen. Sie legte sacht ihre Hand auf seine.

Sie kamen dem Hof näher. Jetzt gingen sie schon an Feldern entlang, die dazu gehörten. Seine Stirn umwölkte sich neu. Der Fahrweg nach Warder, von der Suhler Straße abbiegend, war kaum zu begehen, so sehr ertrank er in Nässe und Schmutz. Das Schild des Großvaters Malte war verschwunden. Das Tor hing schief in den Angeln. Der Mist verkam in der Jauche. Aus dem Kuhstall erscholl Weibergekreisch und Brummen von Männerstimmen. In die Strohdächer hatte der Wind Löcher gerissen. Ein einziges, mageres Huhn mit einem kranken, nackten Hals flüchtete schreiend vor ihnen. In der Hundehütte war kein Hund.

Auf der Türschwelle trat ihnen die Mutter entgegen. Um ihr verfallenes, verfaltetes Gesicht hingen einzelne, eisgraue Haarzotteln, ihre Stirn war jetzt ganz schwarz geworden. Da seid ihr ja doch, sagte sie langsam, wie aus einem Traum, ich dachte, du kämst mit dem Abendzug. Du bist nie pünktlich gewesen, Hannes. – Ach, Hannes!

Sie machte eine Bewegung zu ihm hin, legte die Arme um seinen Hals und weinte an seiner Brust. Solange er sich erinnern konnte, hatte sie ihn nie angerührt, außer, um ihm einen Schlag zu versetzen. Ein seltsames Gefühl durchrieselte ihn, er sah über den verwüsteten Hof, am Halse hing ihm die verweinte und verwüstete Mutter, die einen Mann und zehn Kinder überlebt hatte. Ihm war es, als sei er zu etwas heimgekommen, das doch zum Tode verurteilt war, und als sei nun auch er zum Tode verurteilt.

Die Mutter richtete sich schon wieder auf, sie wischte mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte jetzt in einem ganz andern Ton, auf Elise blickend: Und das sind also Sie.

Unsinn, Mutter, sagte Johannes, du wirst doch zu Elise nicht Sie sagen. Wieso sind eigentlich die Kerls bei den Mädels im Kuhstall?

Sie gingen ins Haus, und die Mutter fing eine lange Wehklage über die Leute an, die der Sohn kurz abschnitt: Ich sehe schon, die Leute tun, was sie wollen.

Im Haus sah es grauenvoll aus. Es gab nicht eine saubere Tasse. Elise mußte an den Abwaschstein, aber sie hätte eigentlich erst den Abwaschstein von monatealten Abfällen reinigen müssen. Das ganze Haus stank. Es herrschte die äußerste Armut, es gab nicht eine Kaffeebohne, nicht ein Gramm Zucker, ein elender Tee aus Brombeer- und Erdbeerblättern wurde aufgebrüht. Das selbstgebackene Brot war angebrannt und roch übel. Es gab keine Butter, sondern Margarine.

Es stellte sich heraus, daß nichts für den Empfang der beiden vorbereitet war. Es waren keine Betten da, auch keine Bettwäsche. In der Bodenstube, in der Johannes früher geschlafen hatte, regnete es durch. Hier war Elise an ihrem Platz. Ihre Fröhlichkeit, ihre Gabe, sich jeder Lage anzupassen, waren unersetzlich. Sie lief im Haus umher, faßte überall an, und sie fand sogar in dieser Dreckhölle etwas, das sie bewundern konnte: einen Myrtenstock, einen uralten Busch, jetzt im November ganz mit Blüten und Knospen übersät.

Während die Frauen im Hause umherwirtschafteten, ging Johannes in die Ställe. Alles war noch schlimmer, als er es sich beim trübseligen Teetrinken ausgemalt hatte. Das wenige Rindvieh halb verhungert und minderwertig, ein einsames Schwein in den Boxen, wo sein Vater dreißig gehalten hatte, die Pferde – nur drei statt vier – abgetrieben, mit offenen Wundstellen. Er erkannte einen alten Schimmel von früher wieder, er trat erfreut zu ihm in den Stand: Na, Alter, lebst du auch noch!? und versetzte ihm einen kräftigen Schlag. Der Schimmel wendete müde den Kopf, sein eines Auge war blauweiß vom Star, dann zog er die Lippen zurück, entblößte die gelben Zähne und machte einen lächerlich kläglichen Versuch, den neuen Herrn zu beißen.

Was an Knechten und Leuten sich in den Ställen herumdrückte, faul auf Futterkisten räkelte, war alles junges Volk, mit frechen oder gleichgültigen Gesichtern. Sie rückten kaum an ihren Schiebermützen, wenn er guten Abend sagte, und brummelten etwas Unverständliches. Irgendeine Auskunft war nicht von ihnen zu erlangen. Dafür konnten sie aber kräftig lachen, als der Schimmel nach ihm schnappte.

In der Futterküche sah Gäntschow endlich ein bekanntes Gesicht, den alten Leer, der schon bei seinem Vater gedient hatte. Ach Gott, Leer, rief er erfreut, sind Sie denn das wirklich noch? Sie müssen doch ...

Zweiundachtzig, Hannes, zweiundachtzig, sagte der alte Mann und sah ihn blinzelnd mit seinen fast wimperlosen Augen an.

Und wie geht es denn? Schmeckt das Essen noch?

Wenn wir was zu essen kriegen, dann soll es uns ja wohl auch schmecken, sagte der alte Mann und versuchte zu lachen.

Warum ist denn das Vieh so schlecht gefüttert, Leer? So waren Sie doch früher nicht.

Wenn es aber nichts zu füttern gibt, Hannes? Du mußt wissen, es gibt nichts, gar nichts. Den Hafer holen wir zentnerweise von Raiffeisen, auf Pump. Aber die wollen uns ja wohl auch nicht mehr pumpen. Das Schwein kriegt Kartoffelschalen, die Kuh Stroh.

Aber ihr müßt doch was geerntet haben, Leer? Wo ist denn eure Ernte geblieben?

Sie verkauft doch alles. Alles, was ein bißchen Geld bringt, verkauft sie. – Er sah Gäntschow aufmerksam an. Aber wo das Geld bleibt, weiß keiner. Manche sagen, sie hat's in der Truhe vom alten Kapitän Düllmann. Manche sagen aber auch, sie bezahlt die jungen Bengels dafür, daß sie ... Er sah den neuen Herrn wieder an und zog die Schultern hoch. Ich sage nichts, Hannes, ich habe nichts gesagt.

Es ist gut, Leer, sagte Hannes. Natürlich haben Sie nichts gesagt.

Er ging aus der Futterküche und stand lange still auf dem dunklen Hof. Im Haus, darin er einst geboren worden war, brannte Licht. Er hörte die helle Stimme seiner Frau. Dann lachte sie. Über ihm standen dieselben Sterne, wie sie über Schadeleben gestanden hatten. Aber er dachte nicht lange an Schadeleben, er mußte plötzlich an Stettin denken, wie er sich gequält hatte auf der Maschinenbauschule. Dann, wie er dem alten Lehrer – wie hieß er doch, er wußte es nicht mehr – die Hefte nach Haus getragen hatte, wie er den Fleischgötzen von Frau gesehen und, vor Schrecken erstarrt, alles hingeworfen hatte und geflohen war.

Jetzt konnte er nicht mehr alles hinwerfen und fliehen. Er war zehn Jahre älter geworden, man riß nicht mehr aus, sondern blieb da stehen, wo man hingestellt wurde, Ahnung von Unheil vorhin beim Anblick der Mutter – ah, bah! wenn man auf seinem väterlichen Hof stand, dann blieb man stehen, um nie wieder fortzugehen. Landwirtschaftlicher Beamter, Administrator, Herr über vierzig Pferde, hundertzwanzig Leute, ein großer Mann, angesehen bei allen Leuten – alles schön und gut. Nein, nein, nein. Das Leichtere war nicht das Bessere, das Leichtere war eigentlich nie das Bessere – gradedurch und wehr dich!

Er ging langsam im matten Sternenlicht um die Scheune herum, auf deren Rückseite die Pappeln gestanden hatten. Er fand die Stümpfe. Nicht einmal die Stubben hatten sie gerodet! Er ging weiter auf die Feldscheune zu. Er rannte gegen etwas an, fluchte leise und entzündete ein Streichholz.

Da lagen die Pappelstämme! Er brennt Streichholz auf Streichholz an. Er leuchtet die Schnittfläche an. Jawohl, da liegen sie, mindestens schon vor zwei Jahren geschlagen. Das Holz verstockt und nutzlos geworden, nutzlos die herrlichen Bäume geschlagen!

Er geht weiter. Er kommt ins Haus zurück, er spricht kein Wort. Erst nach dem Abendessen, als die Mutter wieder hastig fortstieben will, sagt er: Halt, bleib jetzt erst einmal hier, Mutter.

Aber ich habe keine Zeit, murmelte sie ängstlich. Ich muß noch in die Küche.

Du mußt gar nichts, Mutter, sagt er und legt die Hand auf ihre Schulter. Setz dich ruhig hin. Jetzt ist Elise da. Elise, geh du in die Küche.

Elise geht. Mutter und Sohn sitzen sich allein gegenüber. Die Mutter wendet den Kopf hin und her. Sie rückt auf ihrem Stuhl, als wollte sie immer noch fliehen. Aber sie wagt es nicht, sie hat Angst.

Wann ist eigentlich Vater gestorben? fragt der Sohn.

Vater? Aber ich weiß doch nicht. Vielleicht vor drei Jahren. Oder sind es schon vier?

Und wann ist Max gestorben? fragt er weiter.

Max? sagt sie ängstlich. Max? Ein bißchen später? Oder ein bißchen früher? Ich weiß es nicht mehr. Sie ist wieder still. Aber ihre Lippen bewegen sich weiter, als spräche sie noch mit sich selbst.

Warum hast du mir nie davon geschrieben, Mutter?

Geschrieben? Wohin denn? Ich wußte doch nicht, wo du warst.

Ich habe euch vier oder fünf Briefe geschrieben. Du hast gut gewußt, wo ich war.

Ich habe nie einen Brief bekommen, sagt sie hastig.

Das ist nicht wahr, Mutter, sagt er. Du hast ja gewußt, daß ich verheiratet war. Ich habe es wohl gesehen, als wir vorhin ankamen.

Sie wendet angstvoll den Kopf hin und her, als suchte sie einen Ausweg. Ich durfte doch nicht schreiben, sagt sie plötzlich. Du weißt, Vater wollte nichts von dir wissen.

Das ist wieder nicht wahr, Mutter, sagt der Sohn. Vater hatte sich längst ausgesöhnt mit mir.

Sie hebt den Kopf und sieht ihn zum ersten Male gerade an. Ich weiß, warum du kommst, sagte sie. Du bist draußen zu Ende. Und jetzt soll ich dich und deine feine Dame hier durchfüttern. Aber hier ist nichts, hier ist gar nichts. Alles haben die Männer verludert und versoffen und mit ihren Weibern verbracht.

Das ist auch nicht wahr, sagte der Sohn. Zu Vaters Zeiten war der Hof schön instand. Und Max ist doch vor dem Vater gestorben, nicht wahr?

Ich gehe nicht runter von dem Hof, schrie sie plötzlich. Es ist mein Hof. Hier habe ich meine Lebtage geschuftet und mich geelendet und bin ausgelacht worden von euch allen. Nun ist es auch mein Hof! Du bist fein in der Welt herumgereist, während ich nie eine gute Stunde gehabt habe. Du willst bauern? Wer so einen feinen Anzug trägt, der ist kein Bauer, war keiner, wird nie einer.

Das werde ich dir schon weisen, sagte der Sohn hitziger, wer besser wirtschaften kann, du oder ich.

Nicht auf meinem Hof, schrie sie. Ich lasse dich morgen mit dem Landjäger runterjagen.

Sieh doch den Hof an, Mutter, wie er aussieht, sagte Johannes überredend, du mußt doch selbst einsehen, daß du ihn nicht bewirtschaften kannst.

Aber er bringt Geld, murmelte die Mutter plötzlich listig, vieles, schönes Geld. Sie sah um sich, als erwachte sie. Also morgen reist du, sagte sie wieder. Was willst du auf einem Bauernhof? Deine Frau zieht ja zum Kartoffelschälen Handschuhe an. Handschuhe!

Sie lachte gespenstisch vor sich hin, dann schob sie sich aus dem Zimmer. Sie hatte völlig vergessen, sich vor dem Sohn zu fürchten.

Das Bett der beiden stand unter der Dachstelle der Giebelstube, die vielleicht nicht tropfen würde. Es gab nur ein Bett, mehr war nicht aufzutreiben gewesen. Zum erstenmal seit ihren Liebestagen im Lehrerhaus von Klein-Kirschbaum schliefen sie wieder eine ganze Nacht so nah beisammen. Aber der Abend mit all seinen Eindrücken, die eigentlich hätten niederdrücken sollen, ließ alles vergessen. Seit langer, langer Zeit zum erstenmal wieder sprachen sie eifrig miteinander. Jedes von seinen Plänen.

Die Mutter mußt du nicht zu scharf anfassen, sagte sie mahnend. Sie ist einfach krank und völlig verwirrt.

Vor allem muß ich sehen, wo sie mit dem Gelde geblieben ist, murmelte er. Das bißchen, was wir uns in den fünf Jahren gespart haben, reicht nicht, den Hof in Gang zu setzen. Und in Gang muß er!

Das sage ich auch, rief sie. Du solltest mal sehen, wie es in ihrer Schlafstube aussieht.

Ach, die Schlafstube, sagte er wegwerfend, aber der Hof – ich glaube, nicht ein Wagenrad ist mehr heil. Alles zuschanden gefahren.

Er sah bitter in die kleine, funzlige Glühbirne an der Decke, die rötlich glimmte.

Morgen gehe ich jedenfalls erst einmal zu Wilms, dem Gemeindevorsteher, damit ich weiß, was hier gespielt wird. Du paßt unterdes auf Mutter auf. Sie soll in einer braunen Truhe Geld haben. Paß gut auf. Und laß sie nie mit den Stallknechten allein.

Aber Hans, was denkst du denn!

Ich denke, daß du sie nie mit den Stallknechten allein lassen sollst. Das verstehst du doch?

Ja, so ging es doch weiter. Nebeneinander her, oder auch einmal gegeneinander. Aber die Nähe im Bett und die Heimat machten es, daß Elise endlich doch ihren Willen bekam. Und sie schwor sich, wenn es gut gegangen sein sollte, daß sie dieses Mal auf kein Fensterbrett steigen werde, es komme, wie es wolle.

Um fünf war er draußen und wartete auf Mägde und Knechte. Aber niemand kam. Als um sechs sich noch keiner hatte sehen lassen, schlug er mit der Faust gegen die Kammertüren. Aufstehen! Füttern, melken!

Um halb sieben war immer noch niemand da. Er hatte den Pferden schon ihr zweites Futter gegeben, den Kühen die Wruken geschnitten.

Unter der Hofpumpe füllte er zwei Eimer mit kaltem Brunnenwasser, ging ins Haus, hob leicht die Tür zur Knechtekammer aus den Angeln und starrte doch, als er die drei Betten leer sah.

Aus der Mägdekammer aber hörte er wispern und tuscheln. Er überlegte einen Augenblick, dann hob er auch die Tür aus (die alten Angeln taugten alle nichts) und sandte die zwei Güsse aufs Geratewohl in den dunklen Raum.

Er kümmerte sich nicht um das Schimpfen und ging in den Kuhstall, wo er mit Melken anfing. Es war, wie er gefürchtet hatte. Jede Kuh vermolken, mit entzündeten Eutern, verhärteten Strichen oder Strichen, die überhaupt keine Milch mehr gaben. Er stand, glühende Entschlossenheit im Herzen, vom Melkschemel auf.

Die bekam der erste Knecht, der in den Stall trat, sofort zu fühlen: von einem Schlag, der aber nicht nur die brennende Zigarette traf, flog der Stummel auf den Hof und der Knecht gegen die Wand.

Im Stall wird nicht geraucht, sagte Gäntschow ruhig. Gefüttert und gemolken habe ich schon. Jetzt putzt!

Sie fingen an zu suchen. Aber sie brachten nicht eine Kartätsche und nicht einen Striegel zusammen.

Los! Anspannen! Was habt ihr gestern gemacht?

Wir haben noch kein Frühstück, bockte einer.

Anspannen, schrie er, trotzdem er wußte, daß er unrecht hatte. Denn ohne Frühstück schickt man die Leute nicht aufs Feld.

Warum seid ihr nicht eher aufgestanden?

Weil die Alte sagt, wir sollen das Vieh man nur schlafen lassen. Wenn es schläft, frißt es nichts.

Wieder ein Schlag: Ich werde dir das »Alte« schon abgewöhnen.

Aber Herre, schrie der Knecht wütend, wo sie selbst du zu mir sagt und verlangt, ich soll sie auch du nennen – ich tu's gar nicht so gerne, Herre, das mögen Sie mir glauben, setzte er hinzu und grinste.

Schön, schön, sagte Gäntschow zerstreut und sah die beiden Helden an. Keiner älter als zwanzig. Der eine blaß, mit einem faltigen, verlebten Gesicht, der andere dunkel, wie ein junger Stromer von der Walze.

Aber vom Lande seid ihr doch nicht?

Nee, nee, sagte der Blasse empört abwehrend, ich bin aus Leipzig, und der da ist aus Essen.

Und dafür werde ich sorgen, daß ihr da wieder hinkommt, sagte Gäntschow. Kommt mal mit ins Haus. Hier im Stall kann ich euch nicht brauchen.

Im Vorübergehen sammelte er sich gleich noch den dritten auf: aus dem Kuhstall. Also, ihr könnt eure Sachen packen und gehen, sagte er. Den Lohn für diesen Monat kriegt ihr noch voll. Los, los, los, was kriegt ihr? schrie er plötzlich.

Nee, nee, sagte der Essener abwehrend, so können Sie es vielleicht mit den dummen Bauernknechten machen, aber nicht mit uns. Wir sind von der Ollen angenommen – von der Frau. Und die Frau hat uns noch nicht gehen geheißen.

Und das soll sie gleich tun, rief Gäntschow zornig und holte die Mutter, die gespenstisch in der Küche spukte.

Als die alte Frau eintrat, war es, als straffte sich den Bengels der Buckel. Sie schnitten Gesichter und lächelten einander verstohlen zu. Der, zeigte der dritte, ein langer, dunkler Laban, mit Flossen wie Kornschaufeln, der will uns rausschmeißen, Frau. Haben wir was versehen, Frau, daß Sie uns nicht mehr leiden mögen? Er grinste und sah die alte Frau herausfordernd an.

Der, sagte die alte Frau hastig, und zeigte auf den Sohn, hat hier gar nichts zu sagen. Der wird heute früh noch mit dem Landjäger vom Hof gebracht.

Einen Augenblick war Stille. Dann sagte der Sachse: Wir danken auch scheene, Herr Gäntschow, daß Sie uns heute früh das Waschen abgenommen haben und die Pferde gefüttert. Das passiert einem armen Knecht nicht alle Tage von einem Bauernsohn.

Aber Gäntschow hörte ihn kaum. Er stand nachdenklich. Jawohl, mit dem Kopf wieder einmal durch die Wand. Er hätte besser gewartet, bis ihm der Gemeindevorsteher klaren Wein eingeschenkt hatte. Rausschmeißen, mit Gewalt rausschmeißen, jawohl, das ging schon – aber welcher Stunk dann über ganz Fiddichow! Und der Hof dann in seiner Abwesenheit nie sicher vor der Attacke dieser Kerls. Zornig werden, brüllen, alles ging. Ging nur viel zu leicht. Einen durch die Scheiben feuern, die beiden andern niederschlagen – sein Hof, oh, sein Hof! Es ging um Vaters Hof, um Großvaters Hof, um aller sagenhafter Gäntschows Hof, den hingeopferten Gunnar eingeschlossen – nein, man sollte keine Kapitänstochter heiraten, von Kapitän Düllmann, der immer aus der Tüt' kam, mit seiner ollen Seemannskiste ...

Da hatte er es! Einen Augenblick mal, sagte er ganz fröhlich zu dem Quartett, schoß aus dem Zimmer in die Schlafstube der Mutter – es stank. Wie es stank! Ganz egal, laß stinken dahin! Ein Griff in die schwarze Höhle unter dem Bett, eine Katze riß miauend aus. Da stand etwas, an der Schmalseite, Mensch, an der Schmalseite muß doch der Griff sein – Ruckzuck, da ist die alte Seemannskiste vom Kapitän Düllmann, uralt, aber noch immer sehen die gezackten Eisenbänder recht solide aus.

Elise, schreit er, los, komm, faß an.

Und ehe die Frau noch begreift, was los ist, hat sie den einen Kistengriff in der Hand, er den andern. Und die Stufen hinunter, über den immer noch dunklen Hof fort, den Fahrweg zur Suhler Landstraße entlang, die Kiste zwischen sich.

Gut, daß Elise eine Frau ist, die ohne viele Fragen tut, was man von ihr verlangt. Erst auf der Landstraße sagt sie luftschnappend: O Gott, Hans, wohin in aller Welt rennen wir mit der alten Kiste?

Das ist Kapitän Düllmann seine Kiste, sagt Gäntschow feierlich und ist plötzlich ganz wieder der Junge wie vor fünfzehn Jahren.

Ja, und? fragt sie verständnislos.

Aber Mensch, Mädchen, wir verziehen uns vom Warder Hof. Wir ziehen um nach Kirchdorf, in den Schwedischen Hof.

Aber wieso, und unsere Sachen?

Ach, laß die Sachen sausen. Wir haben ja die Kiste.

Was ist denn bloß mit der Kiste?

Das ist mit der Kiste, sagte Johannes Gäntschow feierlich und sah beruhigt die ersten Kirchdorfer Häuser aus dem Nebel tauchen, daß wir höchstwahrscheinlich mit dieser Kiste den ganzen Hof Warder so, wie wir ihn haben möchten, gekriegt haben.

Er sah sie nachdenklich an, dieses altersdunkel gewordene, schmutzige Biest.

Da es aber wirklich Kapitän Düllmanns echte Seemannskiste zu sein scheint, so ist es immerhin auch möglich, daß sie bloß ein Windei ist, und dann sind wir geplatzt.

Er setzte die Kiste ab und kraulte sich nachdenklich den Kopf. Auch Elise war nachdenklich: Was sie sich freilich im Schwedischen Hof denken werden, wenn ich da an einem Novembermorgen in Rock und Bluse und ohne Hut angerückt komme, das möchte ich wohl mal wissen.

Ach Schiet, Rock und Bluse, rief er übermütig. Wenn wir die richtige Kiste gefaßt haben, so werden die Bücklinge vor uns schon tief genug werden. Und ob es die richtige Kiste ist, das werden wir, denke ich, heute noch am frühen Morgen erfahren. Los, Mädchen!

Die beiden, die da wie Diebe aus der Nacht mit einem eisenbeschlagenen Kasten auftauchen, erregen kein schlechtes Aufsehen im Schwedischen Hof, dessen verschlafenes Dienstmädchen die Augen immer weiter aufreißt, als sie nun gar noch ein zweibettiges Zimmer und ein kräftiges Frühstück dazu fordern. Ordnungsgemäß verlangt man ein Frühstück hinter, nicht vor dem Zimmer. Und so kommt Hotelier Reese um seinen besten Morgenschlaf. Früher, als er noch jung war und drei Frauen überlebte, konnte Hotelier Reese manchmal scheel und schwarz und gallenböse aussehen. Jetzt, da er endgültig Witwer und alt geworden ist, erscheint er ehrwürdig, ein wahrer Patriarch, mit weißem, gescheiteltem Haar, einem klaren Gesicht und einer schönen silbernen Bartkrause um dieses Gesicht. Ehrwürdig, aber ungnädig, denn daß das nur hergelaufenes Zigeunerpack sein kann, das am Morgen um viertel acht ein Zimmer haben will, mit einer Kiste und Frühstück dazu, das ist ihm klar.

Als er aber hinter dem Ecktisch der Gaststube dieses echte Fiddichower Gesicht sitzen sieht, da wird ihm doch anders, und aufs Geratewohl sagt er: O Mensch, o Manningmensch, dich sollte ich doch kennen!

Johannes Gäntschow, sagt Gäntschow und nimmt die ausgestreckte Hand. Vom Warderhof.

Oh – Haua – Haua – ha! wundert sich der Wirt, schüttelt die Hand kräftig und sitzt schon mit am Tisch. Denn hier gibt es was zu erfahren, für manchen Klöhnschnack ausdauernd: Und hohe Zeit war es, daß du kamst, Hannes.

Das habe ich auch gesehen, sagt Gäntschow. Komm, trink Kaffee mit, Reese.

Du wirst doch Ernst zu mir sagen, verlangt Reese, und mit diesem Verlangen ist Gäntschow eigentlich schon als rechtmäßiger Herr auf dem Warderhof eingesetzt. Denn wenn der Reese auch ein Schurke ist, der in längst vergangenen Zeiten dem Vater Gäntschow manche Flasche Richtenberger angekreidet hat, die er nie getrunken, er ist eben doch ein schlauer Schurke. Und wie er genau beurteilen konnte, wie weit seine Gäste noch zählen konnten, und was ihre Zählkraft überstieg, so bewies er auch jetzt seine Schlauheit damit, daß er vorsichtig den Fuß auf die olle, häßliche Kiste setzte, vorsichtig, als sei sie aus Edelgestein gemacht, und sprach: Und so hast du denn gleich dem alten Kapitän Düllmann seinen Kasten an dich genommen, Hannes. Und für zwölf Stunden ist das ein tüchtiges Stück. Denn mit dem Fünfuhrzug seid ihr gekommen, das habe ich schon gehört. Und wie ich die Alte kenne, ist ihr jetzt schon zum Sterben zumute. Und wenn sie nur wüßte, wo du zu finden wärst, so hätten wir sie schon hier. Und du wärest unbestreitbar Herr auf Warder und sie so ... Und er wickelte einen imaginären langen Wurm um den Finger.

Also du meinst, Ernst, in der Kiste ist dieses Mal wirklich was? fragte Gäntschow, schlug sein Ei an und betrachtete es nachdenklich.

Hannes, sagte der Gastwirt vorwurfsvoll, aber Hannes, du, ein kluger, weltbereister Mann, du sollst ja damals, als dein Vater dich zurückgeholt hat, bis zur Türkei gekommen sein! In dieser Kiste, sagte er und beklopfte sie zärtlich mit dem Fuß, ist mehr als du und ich in diesem Leben vertrinken können. Und das will schon was heißen. Bei mir nämlich!

Gäntschow fand, bei ihm wollte es recht wenig heißen. Aber er sah aufmerksam und ohne ein Wort in das Gesicht des alten Schurken, der so fortfuhr: Und wenn die Leute schwatzen von den Knechten und das Geld versaubeuteln, Hannes, glaub doch sowas nicht. Ich und der Reese, wir wissen doch Bescheid! Wir wissen doch, wie es ist, wenn die Knechte von Warder kommen und betteln: Zehn Juno, Herr Reese, und einen kleinen Schnaps! Schreiben Sie's an, Herr Reese, Sie wissen, wir erben mal den großen Kasten – und das erwarte ich ja von dir, Hannes, sagte Reese und legte seine fette, weiße Hand mit Nachdruck auf Gäntschows Hand, daß du, der du nun hier mit dem Kasten sitzt, dich auch großzügig zeigst und die paar Schulden von den Lümmels bei mir bezahlst. Denn Lümmels sind es ja man bloß, und Schaden kann ich doch nicht durch die Sache erleiden, weil du nun hier viel zu spät ankommst.

Warum hat mir denn nie einer früher geschrieben, als bis vor drei Wochen? fragte Gäntschow und wich einer Antwort aus.

Warum sollte dir denn noch einer schreiben? fragte Reese vorwurfsvoll, wo du deiner Mutter immer geschrieben hast, du bist ein großer Herr über zehntausend Morgen Land geworden und willst nicht mehr Mistbauer sein, und sie soll mit dem Hof machen, was sie will.

Habe ich das geschrieben? fragte Gäntschow etwas hitziger. Und wer hat denn solchen Brief gelesen?

Aber deine Mutter doch, Hannes, sagte Reese langsam und kniff die Augen ein. Und die alte Frau hat immer schön was gejammert, daß sie, die elf Kinder geboren hat und aus einem feinen Kapitänshause ist, nun auf ihre alten Tage von ihrem letzten Kind noch im Stich gelassen wird und den Hof allein bewirtschaften muß. Die ganze Insel hat sich schön die Mäuler über dich zerrissen, Hannes, daß du einer alten Frau sowas antun kannst.

Er saß da, die Augen eingekniffen, und sah sein Gegenüber prüfend an.

Und so ist denn alles nicht wahr, Hannes? fragte er sanft und machte die Augen weit auf. Und du hast von gar nichts was gewußt?

Ich habe vor zwei Wochen und zwei Tagen, sagte Gäntschow und fing an, hin und her zu laufen, zum erstenmal gehört, daß mein Vater und der Max tot sind. – Er bleibt stehen und sieht den Gastwirt fast atemlos an. Das ist ja wohl eine dolle Geschichte, Meister Reese!

Ich sage es ja und ich sage es ja, sagt der alte Reese und nickt mit dem Kopf, so hat der Gemeindevorsteher doch recht behalten, der immer gesagt hat: es stimmt was nicht, es stimmt was nicht. Was ein Gäntschow ist, der geht auf seinen Hof, wohin er gehört. Und wenn er zehnmal auf den Hohen Schulen gewesen und ein großer Herr geworden ist.

Und wie hat der Gemeindevorsteher meine Adresse gefunden? fragt Hannes.

Ja, das war ein schweres Stück Arbeit für den alten Mann, und viele Male hat er hier in der Gaststube gesessen und simuliert, wie er dich finden könnte. Der Hof hat ja jeden erbarmt, denn die Gäntschows sitzen auf der Insel, seit die Insel steht, und selbst mich hat der Hof erbarmt. Wenn mein Großvater auch nur Kutscher beim Grafen Fidde gewesen ist. – Ich bin auch von der Insel, Hannes.

Ich habe dich gefragt, Ernst, wie der Vorsteher meine Adresse gefunden hat.

Langsam, immer langsam, Hannes, sagt der alte Reese. Du hast vier Jahre Zeit gehabt, wirst du doch jetzt vier Stunden Zeit haben. – Und nun rufen wir erst einmal das Mädchen und sorgen dafür, daß sie es nicht breittritt in der Gegend, daß du hier sitzt mit deiner Frau. Und dann gehen wir alle in mein Privatzimmer. Und wenn deine Mutter kommt, weiß keiner von was, und sie kann erst einmal wieder abziehen. Und ich erzähl' dir alles, was inzwischen geschehen ist. Und dann rufen wir den Gemeindevorsteher und den Amtsvorsteher, denn es muß alles seine gesetzliche Ordnung haben. Und die Behörde macht die Kiste auf. Und ich müßte ja wohl nicht der Gastwirt Reese sein, wenn wir darin nicht alles fänden, was wir brauchten. Nicht nur das Geld, sondern auch die Schriften.

So taten sie denn. Und als sie schließlich im Privatzimmer vom Gastwirt Reese saßen und eine Flasche Rotwein mit ihnen – nur sechs Mark, Hannes, aber er hält die Kehle feucht beim Erzählen – da hob der Gastwirt Reese, die Chronik der Gegend, also zu berichten an:

Wenn ich dich so ansehe, Hannes, und bedenke, daß du schon vor vier Jahren hier hättest sitzen können, und was du dann für einen schönen Hof hättest übernehmen können, denn in Schuß war er, als dein Vater starb, das muß der Neid ihm lassen, und wenn ich bedenke, was du jetzt für ein Lotterdings übernimmst und Jahre wirst du zu arbeiten haben, in der Kiste mögen alle Schätze Salomos sein, denn das weißt du ja, ein Hof ist nicht mit Geld in Ordnung gebracht, sondern mit Sinn und Verstand und mit Arbeit, und auch das nur in vielen Jahren ...

Gäntschow nickte und Reese trank.

Ja, Hannes, du nickst, du weißt das alles, aber warum hast du nicht vor vier Jahren hier schon gesessen? Weil du keine Freundschaft hast auf der Insel und keinen Anhang, trotzdem du hier geboren und aufgezogen bist. Du bist weg von der Insel und hast nichts mehr von uns wissen wollen und hast gedacht, du brauchst uns nie wieder, und wenn du wirklich einmal an uns gedacht hast, dann hast du gedacht: die tummen Fiddichower Pauren. Aber das siehst du nun ja wohl ein: jeder braucht jeden einmal. Und wenn du auch gedacht hast, es ist bloß eine Schwiegermutter, und du kannst sie aus deinem Haus schmeißen, auch die hast du gebraucht ...

Was, zum Teufel, hat meine Schwiegermutter mit Warderhof zu tun? fragte Gäntschow hitzig. Was weißt du von meiner Schwiegermutter, Ernst?

Das weiß ich von deiner Schwiegermutter, Hannes, daß du wegen ihr und ohne sie nicht hier säßest. Auch heute noch nicht. Denn dem Gemeindevorsteher, der drei Jahre den Kopf über den Hof geschüttelt hat, ist im vierten das Kopfschütteln über geworden. Und er hat deiner Mutter hart zugesetzt, wo du wohnst, und schließlich hat sie herausrücken müssen mit deiner Adresse. Und da war es ein Ort, der wie ein Obstbaum hieß ...

Klein-Kirschbaum, half Elise ein.

Richtig, junge Frau, ganz, was ich sage, wie ein Obstbaum. Und da hat der Gemeindevorsteher dort hingeschrieben, aber der Brief ist zurückgekommen: unbekannt verzogen. Und wir haben alle gesagt, da ist nichts zu machen, er reist in der Welt umher, wie seine Mutter sagt, als ein großer Herr, und denkt nicht mehr an Fiddichow. Aber es sind kaum zwei Monate vergangen, da hat der Vorsteher wieder gesagt: Er ist ein Sohn vom ollen Gäntschow, und die Gäntschows gehören auf die Insel, und woher die Düllmanns kommen, weiß keiner. Und der alte Mann hat doch seine Reisetasche genommen und hat sich auf die Bahn gesetzt, von seinem Geld, Hannes ...

Kriegt er wieder, sagte Gäntschow.

Sagst du, Hannes. Aber wie kannst du ihm das wiedergeben, Hannes, er ist doch auch schon achtundsechzig und geht nicht mehr gerne von der Insel. Also er ist hingefahren nach dem Ort wie ein Obstbaum ...

Klein-Kirschbaum, half Elise wieder ein.

Richtig, junge Frau, wie ich sage. Denn er hat sich gesagt, irgend jemand muß doch dort wissen, wo er abgeblieben ist. Das gibt es doch nicht, daß ein Mensch in seinem ganzen Leben gar keinen Anhang findet. Aber es ist dort mit dir gewesen, Hannes, wie bei uns: du bist da auch weg, und nie hast du zu einem Menschen wieder von dir hören lassen. Aber das haben wir doch wenigstens erfahren, daß du da die Lehrersche geheiratet hast. Und das wird denn ja auch die junge Frau sein, die hier am Tische sitzt, und so wirst du ja wenigstens einen Anhang in deinem Leben gewonnen haben ...

Er sah die beiden erwartungsvoll an, aber sie nickten nicht, sondern sahen ihn nur an.

Nun, du nickst nicht, und die junge Frau nickt auch nicht, aber es wird schon so sein, wie ich sage. Und ganz allein gedeiht nicht mal ein Tier, und darum du auch nicht. Nun, sie haben da gewußt, daß die Frau aus Grimmen sein soll. Das war wenig, aber Grimmen lag für den Vorsteher auf dem Heimweg, und so hat er sich gesagt: du versuchst es eben noch ein letztes Mal. Grimmen ist ja nun keine große Stadt. Viertausend, wie ich höre ...

Viertausendfünfhundert, sagte Elise.

Richtig, junge Frau, wie ich sage. Aber wenn ein alter Mann da von Haus zu Haus gehen muß und fragen: wohnt hier jemand, der einen Schwiegersohn namens Gäntschow hat, so ist es eben doch eine große Stadt und nicht leicht für ihn. Und wenn er dann nun gar den oder die gefunden hat, die zu dem Schwiegersohn gehört, und sie begrüßt unsern alten Wilms mit Feuer, Pech und Schwefel und mit aufgestellten Krallen und sagt, sie will von keinem Schwiegersohn was wissen, und er kann leben oder sterben, wo er mag, nur nicht bei ihr, so ist das für einen alten Mann wie den Wilms wieder nicht leicht.

Aber schließlich ist er nicht umsonst ein alter Mann geworden und hat mehr zornige alte Weiber in seiner Gemeinde begöschen müssen, als unsereiner in seinem ganzen Leben zu sehen kriegt – und so hat er schließlich denn auch aus deiner Schwiegermutter die Adresse herausbekommen. Aber es war doch wie überall mit dir, Hannes, und der alte Wilms hat auch den Kopf darüber geschüttelt. Du denkst immer, du schaffst es alleine, aber ohne deine Schwiegermutter säßest du nicht hier ...

An der Schwiegermutter bin ich schuld, sagte die junge Frau bedrückt, ich meine an Mutter.

Es ist, wie ich sage, fing Reese wieder an. Ihr beide gehört jetzt zusammen und habt einen Anhalt. Und darum habt ihr auch dieselben Fehler. Noch einmal ins Hinterpommersche zurückfahren, das wollte der Gemeindevorsteher nun doch nicht, und so hat er dir einen Brief geschrieben, und die rechte Art Brief muß es gewesen sein, sonst säßest du nicht hier.

Hol dir noch eine Flasche Rotwein, Ernst, sagte Johannes, und dann erzähl mir, wie der Max gestorben ist. Denn der ist ja wohl vor dem Vater gestorben. Aber erzähl rascher, Ernst.

Es hat alles seine Zeit, sagte Reese und langte sich aus seinem Schapp eine Buddel. Als junger Mann habe ich auch gedacht, es muß alles rasch getan sein. Aber dann, wie ich älter geworden bin, habe ich gesehen, wenn ich Weihnachten gefeiert habe, haben die Langsamen auch Weihnachten gefeiert, und ich bin ihnen mit all meiner Raschheit keinen Tag zuvorgekommen. Du wirst es doch nicht tun, wie ich es dir sage, Hannes. Aber du mußt es jetzt schon anhören, wie ich es dir erzähle.

Und er fing an, die Geschichte vom Max zu erzählen, diesem liebesverblendeten, armen Kerl, der nicht von der Lene Stavenhagen lassen konnte, trotzdem sie längst eine büdnerische Schmidt geworden war. Und nicht von seinen Kindern, die gar nicht einmal seine Kinder waren. Und er war mit Vater und aller Freude, mit Hof und aller Arbeit und aller Welt zerfallen und ein rechtes Gespött, wie er da immer um die Büdnerei herumstrich, und wenn der Schmidt fort war, in sie einging. Und die Lene hatte ja wohl auch ein Erbarmen mit ihrem alten Liebhaber gehabt, und so hatte sie der kleine Schmidt zwei- oder dreimal erwischt. Ach, was für eine grausame Sache! – Der Max Gäntschow war ein großer, strammer, junger Kerl, und der Büdner Schmidt ein kleiner, ein bißchen fetter, ältlicher, glatzköpfiger Mann. Aber der kleine Alte hatte den großen Jungen nach Strich und Faden verdroschen. Und der große Junge hatte nicht eine Hand zu heben gewagt, so sehr hatte ihn seine Liebe untergekriegt.

Und manche erzählen ja auch, Hannes, aber das weiß man nicht, denn alle sind tot, die das wissen, daß der Max deinem Vater fünfhundert Mark nach einem Viehverkauf aus dem Schreibtisch geklaut hat. Und ist damit zum Büdner Schmidt gelaufen und hat sie ihm geboten und hat gefleht und gejammert, er solle ihn dafür nur einmal eine Woche mit seiner Frau zusammenlassen. Nun, der Schweinehund, der Schmidt, hat das Geld genommen, und dann hat er den Max wieder aus dem Haus geprügelt. Aber er soll des Geldes doch nicht froh geworden sein, denn dein Vater ist gekommen und hat es sich wiederverlangt. Und wenn dein Vater etwas wollte, das weißt du ja, Hannes, dann kriegte er es. Er saß zehn Stunden da und von Überredung nichts, nein, kein Wort, aber er kriegte es.

Das wird erlogen sein, sagte Johannes etwas mühsam.

Man weiß es nicht, man weiß es nicht. Möglich ist es schon, Hannes. Denn was nachher geschehen ist, ist noch viel grauslicher. Jedenfalls hat schon da dein Vater nie mehr ein Wort mit dem Max gesprochen, und die Pferde hat er ihm auch weggenommen. Dann kam der zweite September, Sedantag. Und wenn wir auch eine Revolution gehabt haben, das weißt du doch, Hannes, daß der Kriegerverein sich seine Sedanfeier nicht nehmen läßt. Und am Abend habe ich Tanz gehabt, und der Saal saß gesteckt voll. Und an einem Tisch hat der Schmidt mit der Lene gesessen und am andern der Max und hat sich die Augen nach den beiden aus dem Kopf gestarrt. Und es ist später und später geworden, bis es richtig früh geworden war. Und alle ordentlichen Leute sind längst nach Hause gegangen, und was noch im Saal war, sind alles junge Menschen gewesen. Duhn und betrunken. Und der Max darunter, und der Schmidt auch mit seiner Lene.

Und die beiden sind auch betrunken gewesen. Und ich hab' zum Kellner immer wieder gesagt: schenk dem Max langsam ein und gieß Wasser in seinen Schnaps und laß über dem Bier die Hälfte Schaum stehen. Es war mir nicht um den Verdienst, aber ich wollte den Krakeel nicht im Saal haben. Denn das habe ich doch gesehen, daß der Schmidt es darauf angelegt hatte, den Max Gäntschow zu reizen. Er wollte es wohl an diesem Abend zu Ende bringen mit ihm. Ach, ich mit meinem Wasser in den Schnaps. Den Max hat ein ganz anderer Schnaps betrunken gemacht! Es war ja ein Jammer, zu sehen, wie er da immer rübergeglotzt hat, und je betrunkener der Schmidt geworden ist, um so frecher ist er auch geworden und hat seine Frau abgeküßt vor aller Augen, daß es eine Schande war. Und dabei hat er den Max noch immer herausfordernd angeguckt. Ich bin zwei- oder dreimal bei ihm gewesen und habe ihn vermahnt, aber er hat mich nur verhöhnt: ob er seine Frau nicht küssen darf? Der Pastor hat's doch erlaubt. Ob ich strenger bin als der Pastor? Und dann hat er angefangen, seine Frau anzufassen, wie es kein anständiger Mensch vor den Leuten tut, und plötzlich hat der Max an seinem Tisch gestanden und hat gesagt: Nimm die Hand fort!

Er hat es ganz leise und ruhig gesagt, man hätte nicht gedacht, daß er so seine zwanzig Schnäpse intus hatte, die wäßrigen nicht gerechnet. Aber der Schmidt hat ihn nur frech angeglotzt und hat mit der Hand weiter die Brust von seiner Frau festgehalten. Da hat der Max nochmal verlangt: Du sollst dort deine Hand wegnehmen. Und als der nur weiter gelacht hat, hat er zugestochen. Er hat die ganze Zeit sein offenes Taschenmesser in der Hand gehalten. Aber der Schmidt, der Feigling, hat seine Hand doch blitzschnell weggezogen, und da hat Max nur seine eigene Lene in die Brust gestochen, daß sofort das Blut kam.

Wie er das sah, ist er schneeweiß geworden, ist vor ihr hingefallen und hat geschrien, daß es einem durch Mark und Bein ging: Oh, meine Lene. Habe ich dir weh getan, meine süße, süße Lene.

Und das Schwein, der Schmidt, hat ihn immer auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen, wie er da so gekniet und geschrien hat, und das Blut ist ihm über das Gesicht gelaufen, aber es ist gewesen, als wenn er nichts fühlte. Aber wie die jungen Leute, die ja alle betrunken waren, das Blut gesehen haben, haben sie geschrien: Es ist eine Feigheit, eine Frau mit dem Messer zu stechen, und sie sind alle mit darüber her. Und alle an den Max heran, weil er doch solch ein Schlappschwanz ist, der nicht widerschlägt, und haben auf ihn eingeschlagen. Es ist nichts mehr von ihm zu sehen gewesen, bis er schließlich ganz ohne Leben im Bogen aus dem Saal in den dunklen Hof geflogen ist ...

Und wo waren Sie, Reese? fragte Gäntschow trübe.

Ja, das fragst du, Hannes, und redest mich »Sie« an, Hannes, weil du zornig auf mich bist und denkst, ich alter Mann muß heraushauen, wo zwanzig zuhauen. Aber ich frag' dich auch was: Wo war denn dein Vater, der der Nächste dazu war? Und wo waren seine Freunde? Keine gehabt, natürlich, ganz wie du. Keine gehabt.

Der alte Reese sieht unter seinen weißen, buschigen Brauen den Johannes funkelnd an, aber dann sagt er ruhiger: Und ich sage es frank und frei. Ich bin Gastwirt, und bei einer Schlägerei muß ich erst einmal sehen, daß ich meine Gläser in Sicherheit bringe. Und dann war ja auch die junge Frau mit dem Stich in der Brust. Die haben der Kellner und ich selbst aus dem Getümmel gezogen. Aber wir haben es gleich gesehen, daß es bloß ein Riß im Fleisch war. Nichts wie ein bißchen Heftpflaster war nötig. Und sowie ich Luft hatte, Hannes, bin ich auf den Hof gelaufen mit meiner Taschenlampe und hab' gesucht und gerufen. Aber da war nur ein Blutfleck und kein Max. Habe ich gedacht, er ist also nach Haus gelaufen oder andere haben ihn nach Haus geschafft, und ich selbst, Hannes, hab' meinen eigenen Kaleschwagen angespannt, um den Schmidt und die Lene nach Haus zu fahren. Denn der Schmidt hatte im Getümmel auch ganz schöne Hiebe besehen, bloß nur so aus Versehen. Und so was freut einen alten Menschen denn ja auch wieder. Und wie ich wieder zurückfahre von den Schmidts, denke ich, du fährst auf Warder vorbei und fragst nach dem Max.

Nun, es war keine sehr vergnügliche Morgenfahrt mit den beiden. Denn der Schmidt war mit Gift geladen wie eine Kröte und hat immer losgeschimpft, auf die Lene und auf den Max – und die Lene hat trotz Stich und Schreck noch immer einen sitzen gehabt und hat auch einmal den Mund aufgetan und hat ihn verhöhnt, daß er vor Wut mit den Zähnen geknirscht hat: wie er aussieht, und wie alt er ist, und wie sie nun grade mit dem Max zusammenkommen wird.

Wenn ich nicht meine Peitsche umgedreht und gedroht hätte, ich ziehe ihnen allen beiden ein paar über, wenn sie jetzt nicht stille sind, so hätten sie sich beide noch das Prügeln gekriegt in meinem eigenen Kaleschwagen, das sage ich dir. Aber wenn ich bedenke, daß dies ihrer beider Todesstunde war, dritter September, morgens um viere herum, und es wurde schon ein bißchen hell – ich möchte um alle Güter der Welt nicht so sterben, Hannes, das sage ich dir, nicht so in meinen Sünden.

Weiter, drängte Johannes, und auch die junge Frau sah atemlos auf den alten Gastwirt. Der aber nahm sein Rotweinglas und schwenkte den Wein langsam im Glas und sah durch ihn hindurch in das Licht und sagte langsam: Ja, weiter, sagst du, Hannes, aber es ist eigentlich kaum noch was zu erzählen. Und was jetzt kommt, das müßtest du eigentlich aus den Zeitungen wissen. Aber natürlich liest du keine Zeitungen, denn es interessiert dich nicht, was die andern tun. Dich interessiert nur, was du tust.

Er sah wieder in den Wein und trank ihn dann langsam aus.

Habe mir im Kriege an den Zeitungen den Magen verdorben, knurrte Gäntschow. Alles Flachköpfe und Lügner. Lügner und Flachköpfe.

Der Wirt beachtete ihn nicht. Was in der Schmidtschen Büdnerei an diesem Morgen noch geschehen ist, das kann keiner so genau sagen. Aber die Gerichtskommission ist ja dagewesen, und gesehen haben wir ihn auch ... Gesehen habe ich ihn auch, Hannes. Und ich möchte mir nur wünschen, daß ich in meiner Todesstunde nicht an ihn denken muß. Ich habe freilich auch an eigene Dinge genug zu denken.

Er saß ganz in sich zusammengesunken, aber dann gab er sich einen Ruck, setzte sich gerade und erzählte weiter: Ich war eben auf euerm Hof, Hannes, und suchte jemanden wachzukriegen, den ich nach dem Max fragen könnte, und die Hunde tobten wie die Besessenen, daß mir meine alten Gäule bald scheu geworden wären – da wurde es hell! Und die Hunde merkten es auch gleich und winselten und krochen vor Angst auf dem Bauch. Und ich sagte mir: Nach dem Max brauchst du nun nicht mehr zu suchen, da brennt es ja – und fuhr los, ohne Weg und Steg, mitten durch euern Rübenacker. Und wie ich durch den Vorflutgraben gekommen bin mit dem Kaleschwagen und meinen alten Gäulen, das weiß ich heute noch nicht. – So schnell ich aber auch fuhr, es waren schon Leute da. Aber keiner tat einen Handschlag. Sie standen nur da und schauten. Da sah man gleich, es war nichts zu machen, das Haus brannte wie eine Fackel. Du kennst es ja, Hannes, wie es hier die kleinen Leute tun auf der Halbinsel mit dem Holz. Aber der jungen Frau müssen wir es doch wohl erzählen, sonst denkt sie, wir Fiddichower sind so und lassen unsern menschlichen Bruder bei lebendigem Leibe verbrennen, ohne einen Griff zu tun.

Der Schmidt hatte all sein Winterholz unter das vorspringende Reethdach ums Haus rum aufgebaut. Nur die Fenster waren frei geblieben: so was hält das Haus im Winter warm. Und dein Bruder Max hatte das Holz an allen vier Ecken und Enden angesteckt, und es brannte wie eine Fackel. Und aus dem Haus schrie und heulte und jammerte es, daß es ein Grausen war, anzuhören – und manche, die da zusahen, sind auch halb verrückt von all dem Jammer geworden. Und ich selbst habe die alte Elwers, die doch eine richtige Hexe ist, im Schmidtschen Obstgarten stehen sehen und mit ihrer zittrigen Stimme »Jesu, meine Zuversicht« singen hören. Aber das Schrecklichste war vielleicht, wie es ganz still wurde, und wir hörten nur das Prasseln der Flammen und das Knacken vom Holz. Und ganz plötzlich fing es noch einmal an zu stöhnen, tief und laut an zu stöhnen, und wir haben uns die Ohren zugehalten, und viele haben geweint.

Hören Sie auf, Herr Reese, bat Elise.

Richtig, junge Frau, sagte der Gastwirt, das haben wir damals alle gedacht. Aber es blieb uns nichts erspart, sondern die Haustür war zusammengebrannt und fiel zusammen, und wir sahen in die Glut. Nun mußt du wissen, Hannes, daß im Schmidtschen Haus erst so ein kleiner Windfang kommt, und von dem gehen die Türen in die Stuben ab. Wir konnten grade in der Glut die Tür zur Schlafstube sehen und an der Klinke von der Stubentür hing dein Bruder Max. Er hatte sich da aufgehängt, daß die bloß nicht aus der Stube kommen konnten.

Er sah vor sich hin, und die andern sahen auch vor sich hin. Nach einer Weile sagte Reese: Sie sind alle verbrannt, es ist nicht eines davongekommen, und das ist nur gut so. Denn wer möchte nach so was noch leben, und wenn es auch nur ein Kind wäre. Und dies ist ein Gemeindebeschluß gewesen, und die Gemeinde hat sich mit der Feuerkasse und den Erben von Schmidt geeinigt, und sie haben es sich etwas kosten lassen: Jedes Fitzelchen haben sie von der Brandstelle fortgefahren und in die See versenkt, und wenn du heute dahinkommst, Hannes, so findest du nichts wie Acker. Und das ist nur gut so. Denn so etwas muß vergessen werden. Gäntschow war aufgestanden und sah sich im Zimmer nach Hut und Stock um. Ich gehe mal aufs Feld, sagte er.

Nimm mich mit, sagte Elise.

Nein, du mußt hier bei der Kiste bleiben, sagte er.

Ich kann aber jetzt auch nicht stille sitzen, sagte sie. Ich möchte auch ins Freie. Der arme Max!

Stille, sagte er böse, also du bleibst hier.

Aber Hans, ich käme doch so gerne mit.

Und wer soll hier bei der Kiste bleiben?

Reese hatte schweigend zugehört. Nun sagte er: Auf die Kiste möchte ich auch schon passen können, Hannes, und du könntest deine kleine Frau immer mitnehmen. Aber du mußt selbst hier bleiben. Der Gemeinde- und der Amtsvorsteher müssen jeden Augenblick kommen. – Und wissen wirst du ja wohl auch noch wollen, wie es mit deinem Vater ging.

Nun, sagte Gäntschow finster und stellte den Stock wieder in die Ecke, ich hoffe, mit Vater ist nicht auch noch was.

Nein, mit deinem Vater ist nichts, Hannes. Mit deinem Vater ist es sogar sehr gut gewesen. Aber Kummer und Sorge hat er natürlich durch die Brandsache genug gehabt. Auch Geldgeschichten. Er hatte den Erben von Schmidt noch alles Verbrannte bezahlt.

Gott sei Dank, sagte Johannes.

Ja, du sagst Gott sei Dank, und das hatte er wohl auch gedacht, als alles ausgestanden war. Aber gesprochen hat er nie mehr darüber. Er hat überhaupt kaum noch ein Wort geredet seit der Sache, sondern nur so still vor sich hin gearbeitet. Und beim Pflügen hat es ihn denn ja auch gefaßt, einen Mittag, ein halbes Jahr nach Maxens Tode, es war gerade die Zeit der Frühjahrsbestellung, da sind die Pferde ohne ihn auf den Hof gekommen und den Pflug haben sie hinter sich hergeschleift. Die Leute sind rausgelaufen auf den Acker, und da hat er in einer Pflugfurche gelegen. Herzschlag sagt ol Doktor Westfahl. Der beste Tod von der Welt.

Welcher Schlag war das? fragte Gäntschow.

Reese versteht zuerst nicht. Ich sage doch, Herzschlag.

Nein, nein, sagt Gäntschow ungeduldig. Ich meine, auf welchem Feld das passiert ist?

So meinst du das, Hannes. Ja, das kann ich dir so genau nicht sagen. Es ist nach Suhle zu gewesen. Aber die Warderleute werden es alle wissen.

Das Dienstmädchen kam herein: Se sünd all dor.

Laß sie reinkommen, dumm Deern.

Ok de Olsch? Se schregt un krischt.

Hannes, soll deine Mutter mit reinkommen?

Rein, was rein will. Jetzt wollen wir mal blanken Tisch machen – auf einmal. Ich bin grade in der richtigen Stimmung dafür. Und das war er denn auch – darin hatte er recht. Und es half seiner Mutter nichts, daß sie sich auf die Kiste setzte und weinte und schrie und den Schlüssel nicht hergab – ol Käpten Düllmann seine Seemannskiste hatte endgültig ausgespielt. Mit Hammer und Brecheisen ging er darüber her, und Gemeinde- und Amtsvorsteher standen daneben und sagten: Das hilft Ihnen nun nichts mehr, Frau Gäntschow. Sie haben uns all diese Jahre belogen und betrogen. Und so, wie wir Ihren Mann kennen, hat er beizeiten ein Testament gemacht –

Er hat kein Testament gemacht!

Doch, doch. Und so, wie wir Sie nun wieder kennen, Gäntschow'n, liegt es in der Kiste. Denn die Frauen können wohl eine Schrift beiseitebringen, aber verbrennen, das bringen sie nicht übers Herz.

Nur mein bißchen Erspartes ist drin, klagte die alte Frau. Sie bat: Hannes, du kannst die Knechte wegschicken, du darfst den ganzen Hof haben. Ich zieh' nach Dreege und kauf' mir Vaters altes Haus, aber laß mir die Kiste.

Wenn du dir ein Haus kaufen kannst, Mutter, dann will ich erst recht in die Kiste sehen, sagte Gäntschow und schlug los, daß die Kiste splitterte.

Und dann ging die Kiste auf.

Nein, diesmal war Kapitän Düllmanns alte Seemannskiste keine Enttäuschung. Und wenn die Leute auch lügen, die behaupten, sie sei bis oben gestopft voll Geld gewesen, viertel voll oder vielleicht gar drittel voll war sie schon, nur ...

O Mutter! sagte Johannes Gäntschow und starrte doch.

Hannes, sagte Elise und sah so viel Geld, wie sie noch nie in ihrem Leben gesehen.

Ich sage es ja, sagte Gastwirt Reese und strich seinen Bart, zufrieden, daß er bei diesem großen Akt dabei gewesen.

Den Donner, sagte der alte Gemeindevorsteher Wilms und kratzte sich den Kopf.

Das gibt ein endloses Protokoll, sagte Amtsvorsteher und Strandhauptmann Lange. Reese, Sie nehmen als Zeuge das Geld heraus, und Wilms, Sie zählen es. Die Parteien wollen wir erst einmal lieber nicht heran lassen. Damit nachher alles auch seine Richtigkeit gehabt hat.

Ich will euch allen mal was sagen, erklärte Gäntschow, der nachdenklich in die Kiste gestarrt hatte. Das ist alles bloß Schiet, da wisch ich mir ...

Hans!

Nu was denn? Seht ihr das denn nicht? Inflationsgeld ist das! Vorkriegsgeld ist das! Das hat sie gehamstert und das schenk ich ihr wieder.

Hannes, wenn du das tust ...! Die alte Frau auf dem Sofa weinte, vor Freude jetzt.

Recht hat er, sagte Reese enttäuscht, aber ein gewaltiger Anblick war es doch.

Ja, nun zeigte es sich, daß Frau Gäntschow nie eine Gäntschow geworden, sondern immer eine Düllmann'sche geblieben war. Seit netto vierzig Jahren hatte sie für sich gearbeitet, hatte Mann und Kinder und Hof betrogen. Nein, es gab da nicht nur Inflationsgeld. Es gab auch schönes Vorkriegsgeld, es gab die braunen Tausender mit blauen und mit roten Stempeln. Es gab die Darlehnskassenscheine aus dem Kriege, und es gab Zehntausender und Milliarden- und Billionenscheine. Der Gastwirt Reese ereiferte sich richtig.

Es ist ja wohl eine Sünde und eine Schande, Gäntschow'n, und Sie müßten sich ja so schämen, daß sogar die Fußsohlen Ihnen rot würden, wenn man bedenkt, was Sie alles für den Haufen Geld zur rechten Zeit hätten kaufen können. Und nun ist es bloß Dreck.

Legt es hierhin, legt es ihr immer hin auf den Sofatisch.

Und die Geldpakete türmten sich vor der alten Frau. Und sie saß da mit den eisgrauen Zotteln über der schwarzen Stirn und weinte und lachte. Und verbeugte sich vor ihrem Sohn und dankte ihm viele Male für seine große Güte.

Was willst du mit ihr machen, Hannes? fragte der Gemeindevorsteher. Willst du sie auf dem Hof behalten?

Ich dachte, ich miete sie irgendwo in Dreege ein. Da ist sie zu Haus. Bei uns ist sie nie zu Haus gewesen.

Anstalt. Nur Anstalt, sagte der dicke Amtsvorsteher kurz. Wo Sie alle Ihre Augen haben, möchte ich wohl wissen. Daß die Frau krank ist und wahrscheinlich schon viele Jahre krank gewesen ist, dafür brauche ich keinen Doktor Westfahl. Aber ihr Bauern! Ihr Bauern! Wenn ich das schreibe, wie ihr manchmal mit euern Frauen umgeht, was ich da schon erlebt habe, man schlüge mich wohl tot.

Nun, da ist unser Hannes ein anderer Mann (sagte Gastwirt Reese, und Gäntschow hatte alle Lust, den alten Schurken mit einem Schlag auf den Boden zu legen), da braucht man ja nur die junge Frau anzusehen.

Macht vorwärts, Leute, macht doch zu, daß wir zu Ende kommen. Ich habe von zwölf bis eins Amtsstunde.

Nein, nur verfallenes Papiergeld enthielt die Kiste doch nicht. Da war ein Beutel, oder richtiger ein Beutelchen mit schönen Goldstücken aus der seligen, reichen Friedenszeit. Das klingelte erfreulich. Der alte Wilms aber sagte mißbilligend zum Sofa hinüber: Davon hat sie natürlich nie nichts gehört: Gold gab ich für Eisen – aber verantwortlich ist sie nicht, setzte er rascher hinzu. Denn die Alte streckte ihre Hände wie ein kleines Kind mit Bitte-Bitte nach dem Goldgeklingel aus.

Es war überhaupt ein Wunder und ein Grauen, wie die alte Frau in zwölf Stunden verfallen war. Der Verlust der Kiste hatte wohl das letzte bißchen Verstand aus ihrem armen Kopf geblasen. Und was versteckt vor aller Welt gelegen hatte, das lag nun offen zutage. Sie spielte mit dem Geld, zählte und zählte es immer wieder und lachte vor sich hin und geheimniste und steckte ein Paketchen da ins Sofapolster und eins dort und ließ die Männer in ihrer geliebten Kiste, die sie sich doch extra vom Erbteil ihres Vaters ausgebeten hatte (und wahrscheinlich ist sie damals schon krank gewesen, Hannes) – sie ließ sie da wirken, wie sie wollten.

Nein, es gab auch gutes, gültiges Geld. Rentenmark und Reichsmark. Und diese Summe belief sich auf siebzehntausend Mark.

Das hat sie alles aus dem Hof gezogen, Hannes. Sie hat ja alles verkauft. Nicht nur die ganze Ernte, sondern auch die Kühe und die besten Pferde und alles, was an Maschinen was wert war. Und die beiden schönen Vier-Zöller-Ackerwagen, die dein Vater angeschafft hatte. Und wenn du den Hof wieder in Ordnung bringen willst, so reicht es noch nicht einmal, Hans.

Der Gemeindevorsteher Wilms behielt aber noch weiter recht. Denn zuunterst in der Kiste gab es eine kleine, abgegriffene, schwarze Kalikomappe, und in der lagen erst einmal die fünf Briefe, die Hannes nach Haus geschrieben hatte.

Na also, sagte der Gastwirt Reese. Man könnte sich ja noch nachträglich empören, aber – und er sah wieder zu dem Jammer auf dem Sofa hin – es hat ja keinen Sinn, sie kann nichts dafür.

Und dann hatte der Vater Malte Gäntschow ganz Rechtens ein Testament gemacht, datiert vom 3. September 1921 – der Tag nach dem Sedantage, Hannes! – und Johannes Gäntschow war alleiniger Erbe, und nur ein Altenteil für seine Mutter war ausgeworfen.

Und dann gab es da noch ein kleines schwarzes Büchlein. Und der Amtsvorsteher sah hinein und las und wiegte den Kopf und sagte: Sieh, sieh, das werden Sie auch gut brauchen können, wenn es auch entwertet ist. Herr Gäntschow, da muß mit Zins und Zinseszins durch die Aufwertung doch noch was geblieben sein.

Und er reichte Johannes Gäntschow das Sparkassenbuch, und der sah auch hinein, und Elise sah über seine Schulter, und die erste Eintragung stammte aus dem Jahre 1910, einhundert Mark im Monat Juli, und dann ging es weiter, Monat für Monat und Jahr für Jahr, immer die gleiche Summe, und nie ein Pfennig abgehoben, bis zum Jahre 1918, und da war es alle. Und Johannes Gäntschow sah lange, lange in das Büchlein mit seinen schönen, sauberen Zahlen, aber er sah die Zahlen nicht, er sah etwas anderes. Und er hob den Kopf und fragte. Und er fragte so, daß sie alle stille wurden und ihn ansahen: Weiß eigentlich einer, was mit dem Grafen Fidde geworden ist?

Und Gastwirt Reese antwortete: Der ist schon lange tot. Im Auslande gestorben. Acht Jahre oder zehn Jahre, oder sind es erst sieben Jahre?

Sieben Jahre, sagte Johannes und sah auf die Zahl 1918. Aber er sah wieder die Zahlen nicht, sondern sah den großen, schlanken, grauhaarigen Mann, und er hörte seine Stimme wieder, und er war immer ein untadeliger, aufrechter Mann gewesen, bis auf das eine Mal, da er mit seiner Tochter fortgereist war und dem Knaben Johannes Gäntschow alle Last aufgeladen hatte. Und das konnte man schon verstehen und hatte es längst verziehen – wenn es so etwas wie Verzeihen überhaupt auf der Welt gab. Johannes Gäntschow sah immer weiter in das Zahlenbüchlein und sah nicht hoch davon, als er fragte: Und wann ist seine Tochter gestorben?

Es war eine so große Stille im Zimmer, daß er nun doch aufsehen mußte. Und aller Augen lagen auf ihm mit einem ganz seltsamen Ausdruck, und schließlich sagte der Amtsvorsteher trocken in all die Stille hinein: Wenn sie nicht seit vorgestern gestorben ist, dann lebt Frau Wendland noch frisch und munter. Freiin Fidde hat nämlich einen Herrn Wendland geheiratet. Schon vor fünf oder sechs Jahren. Einen sehr reichen Herrn aus Hamburg. So, sagte Johannes und klappte das Buch scharf zu. Und da er nun zu allen andern Blicken auch noch die Blicke seiner Frau sehr fragend und eindringlich auf seinem Gesicht spürte, sagte er erklärend zu Elise: Ich bin nämlich mit der Freiin Fidde einige Zeit zur Schule gegangen.

Ach so, sagte Elise nur.

Und dann war es wieder ziemlich ungemütlich still, bis schließlich der Amtsvorsteher sagte: Also dann unterschreiben Sie mal das Protokoll, Herr Gäntschow.

Das tat er denn auch. Und das eingefrorene Reden kam wieder in Fluß. Und die Mutter mußte versorgt werden, und Mittagessen aß man im Schwedischen Hof. Und der Besitz mußte angetreten und Leute entlassen und angenommen werden. Es mußte gebaut und Pferde mußten getauscht werden. Zimmer mußten renoviert und Rindvieh gekauft werden – und eine lange, lange Zeit war von einer gewissen Freiin Fidde nicht mehr zwischen den Eheleuten die Rede.

Allerdings muß man bedenken, daß jetzt »Maria nicht von dieser Welt« und »Olga, die es mit den Vätern ihrer Kinder nicht so genau nahm«, ihren Einzug in das Gäntschowsche Haus hielten, Namen, die Johannes seinen neuen Dienstmädchen verliehen hatte. Und daß manchmal Frau Schrimm zum Schlachten oder Backen oder auch nur zur Aushilfe kam. Die Mädchen waren eingeborene Fiddichower Mädchen, und Frau Schrimm wußte einfach alles von der Halbinsel. Wenn aber Frau Gäntschow auch eine Lehrer'sche gewesen war, so besaß sie doch in hohem Maße die Gabe, mit einfachen Leuten reden zu können. Und so kam es, daß Frau Gäntschow, fast ohne zu fragen, bald alles über die ehemalige Freiin Fidde wußte, über die gemeinsame Kindheit mit dem Hans, alles, was die Leute über die Geschichte mit dem Bullenberger erzählten. Und das war mehr, als Johannes davon wußte. Und auch über die jetzigen Lebensumstände der verheirateten einfach bürgerlichen Frau Wendland wußte sie so allerlei.

Darin war sie ja nun weit im Vorteil vor ihrem Mann, der gar nichts wußte und erfuhr. Der mochte niemanden fragen, denn er hatte von den betroffenen und verdutzten Gesichtern im Schwedischen Hof nach seiner Frage um die Freiin Fidde vollkommen genug. Zwar hatte er sich an einem schönen dichten Nebeltage ausgangs November einmal auf die Beine gemacht und war wieder einmal die altvertrauten Feldraine seiner Kindheit entlanggelaufen (und das kleine schwarze Sparkassenbuch hatte er dabei in der Tasche) und war bis nach Schloß Fidde gekommen.

Dieses Mal war da nun freilich das große Gittertor am Park geschlossen gewesen. Aber das hatte er gesehen, daß das Gitter frisch gestrichen worden war und die Gitterknäufe neu vergoldet. Und der Weg war neu bekiest – und er hatte an jenen Tag gedacht, an dem er damals als zwanzigjähriger Junge hier gestanden und Eichen ausgepflückt hatte. Das Schloß bekam er diesmal nicht zu sehen. Dazu war der Nebel zu dicht. Und so wußte er nicht einmal, ob sie jetzt auf der Insel war. Und das kleine schwarze Sparkassenbuch trug er unbenutzt wieder nach Haus.

Freilich, seine Frau hätte ihm gut Auskunft geben und erzählen können, daß Christiane durch eine kluge Heirat mit einem reichen Hamburger Kaufmanns- und Senatorensohn den alten Glanz des Hauses Fidde erneuert hatte. Daß daher die vergoldeten Knäufe und der neue Kies kamen, und daß nun nicht mehr – der alte, ewige Kummer des Grafen Fidde – Handwerker auf die Bezahlung ihrer Rechnungen lauern mußten. Und daß nun nicht mehr unsichtbar über Dachgebälk und Dach die Last erdrückender Hypotheken ruhte. Sie hätte ihm erzählen können, daß Herr Wendland nach dem Urteil der Gegend ein sehr feiner Mann war, aber vielleicht eine Spur düsig. Daß noch immer keine Kinder im großen, altersgrauen Schloß schrien und lachten, und daß darum das Innenministerium noch immer das Gesuch abgelehnt hatte, die Namen Wendland und Fidde zu vereinen, damit der Ruhm dieses alten Namens nicht völlig aussterbe.

Ja, das alles und noch viel mehr hätte ihm seine Frau erzählen können, und wenn sich Johannes Gäntschow beispielsweise nur die uralte Moral der Reeseschen Geschichte, daß der Mensch nicht gut allein sei, ein wenig zu Herzen genommen hätte, so hätte er vielleicht mit seiner Frau über alle diese Dinge gesprochen, und ihr etwas spät, aber nicht zu spät, den Bericht von der Jugendfreundin Christiane gemacht, diesem hellen, weißen Strahlenstern, den er längst in alle Himmel entrückt glaubte und der nun in einer ganz richtigen Ehe auf Erden schaltete und waltete. Aber ein so kluger Mensch Johannes Gäntschow zu sein glaubte, hierin war er gar nicht klug, sondern schwieg weiter, trotzdem ihm ja eigentlich auch das Beispiel der eigenen Mutter deutlich hätte vor Augen stehen sollen, wohin man mit der Gäntschowschen, mit der Bauernart, seine Ehefrauen zu behandeln, kam.

Gewiß, gewiß. Vieles wurde mit den Eheleuten in diesen ersten Monaten gemeinsamen Wirkens und Aufbauens auf Warder besser. Gar kein Vergleich mit dem Zustand auf Schadeleben, das Sofa im Herrenzimmer wurde ihm nun nie mehr aufgebettet. Und die junge Frau war so lebhaft und so aktiv und ging so mit ganzer Seele auf seine Pläne ein – tausendmal besser! Er konnte in seinem Arbeitszimmer sitzen und hörte sie in der Küche singen. Sie lief mit ihren zeitgemäß immer kürzer werdenden Röcken über den Hof und war die Herrin eines stolzen, schönen Geflügelstalls, den sie glänzend versorgte. Sie holte sich Rat bei ihm wegen der richtigen rationellen Bestellung des alten Bauerngartens – aber wenn er dann ihr gegenüber bedeutete, daß er in diesem Jahr den Pferdestall noch nicht umbauen könnte, wie er so gerne gewollt hätte, und sie ganz erstaunt fragte: Aber warum denn nicht? Aber wieso denn nicht, wenn du es doch gerne willst –?

Und wenn er dann lachend sagte: Das Geld ist alle, und sie nach einer kleinen Pause harmlos, zu harmlos sagte: Aber wir haben ja dein Sparkassenbuch noch –

Und wenn er dann in einem ganz andern Ton antwortete: Mein Sparkassenbuch? Was gehen dich meine Sparkassenbücher an –?! Und sich fortwandte ...

Ja, dann zeigte es sich doch, daß alle Gefährtenschaft und Arbeitsgemeinschaft und Betteilung einen Dreck wert waren, daß der kluge Mann nichts gelernt hatte, und daß er weiter und sturer als je große Gebiete und Felder in sich hatte, auf die seine Ehefrau nie treten durfte. Ehen sind die verletzlichsten Dinge von der Welt. Wirkliche Ehen, heißt das. Was war geschehen? Er hatte sich bloß mit einem einzigen Satz nach einer verstorbenen Freiin Fidde erkundigt und hatte erfahren, daß die Verstorbene noch im Sonnenlichte wandelte. Aber nach dieser einen Frage wußte sie alles. Und es war natürlich töricht von ihr, daß sie nun noch einmal ihre braune Briefschachtel von oben bis unten durchlas: sie wußte es ja doch sehr gut, er hatte ihr nie etwas von dieser Christiane erzählt.

Und weil er ihr nie etwas von dieser Christiane erzählt hatte, war nicht nur ihre ganze Ehe plötzlich nichts mehr wert, sondern auch ihre ganze schöne Liebe im Klein-Kirschbaumer Lehrerhaus war auf einmal wie weg. War immer nur Lug und Betrug gewesen. Es war natürlich gar nicht so, daß sie ihn darum weniger geliebt hätte. Wenn das möglich gewesen wäre, hätte sie ihn jetzt sogar noch mehr geliebt. Nun war er ihr noch nähergekommen. Der Heldenschein um sein Haupt war matter geworden. Er war von seinem Piedestal heruntergestiegen. Er war nicht fehlerlos. Er war auch ein Mensch. Er log sogar – denn heißt solches Verschweigen nicht lügen –?

Ach, es war nicht nur zum Briefelesen und Weinen, was sie erfahren hatte. Es war auch zum Kämpfen und Eifern. Sie hatte ihn immer noch nicht. Im fünften Jahre ihrer Ehe hatte sie ihn immer noch nicht. Aber darum würde sie ihn doch gewinnen! Sie hatte nicht einmal mehr die frühere Angst vor ihm, sie wagte schon Herausforderungen. Sie fragt harmlos nach dem Sparkassenbuch oder sie erkundigt sich ebenso harmlos auf einem Spaziergang bei ihm: Was das am Horizont für ein schöner Laubwald ist? – Laubwald, wo? – Da! – Ach so, nein, das ist kein Laubwald, das ist ein Park. – Ein Park? Ein Rittergutspark wohl? – Ja. – Und wie heißt das Rittergut? – Fidde. – Nun, so etwas spielt sich natürlich nur ab, wenn ihre Nerven einmal gereizt sind, weil er gar zu fern und fremd neben ihr hergeht. Im allgemeinen ist sie sanft und fröhlich jetzt. Sie läßt ihn ruhig den Kopf in den Sand stecken und sich glauben machen, sie sieht ihn nicht, sie sieht es nicht. Sanft und fröhlich – wenn er sie jetzt einmal nachts in die Arme genommen hat, so liegt sie noch lange wach und betet zu Gott, daß es doch dieses Mal ein Kind geworden sein möge: Lieber Gott, bitte ein Kind! Bitte, bitte ein Kind!

Sie weiß es ja, die andere hat auch kein Kind. Die Leute erzählen, das Gesuch beim Innenministerium ist zwecklos. Wendlands werden nie Kinder haben. Schon seit Generationen sterben die Fiddes aus, lange schon stehen sie immer nur auf zwei Augen. Und es wäre so schön, wenn sie dieser Frau, wenn sie einmal kommt – und bestimmt wird sie einmal kommen, und dann wird sie kämpfen müssen, wenn sie dann dieser Frau Kinder zeigen kann, strahlende, lachende Kinder, je mehr je besser: seine Kinder aus ihrem Schoß.

Sie weint und sie lacht. Sie ist fröhlich, und sie bittet Gott, sie bittet ihn nicht nur um ein Kind, bittet ihn nicht nur um Zwillinge, nein, sie bittet ihn auch um ein bißchen mehr Verstand. Darüber liegt sie im Bett wach, darum bittet sie, damit sie den Kampf mit der fremden, nie gesehenen Frau besser bestehen kann. Ach, lieber Gott, laß mich doch auch ein ganz bißchen klüger sein, daß ich ihn schneller verstehe, daß ich immer gleich weiß, was er meint. Er wird stets so ungeduldig und gereizt, wenn ich nicht gleich weiß, was er meint.

So steht es mit ihr.

Und dann ist ein Nachmittag ausgangs Februar, da kommt Besuch, und der Besuch macht es, daß vielleicht alles, alles beinahe wieder ganz in Ordnung kommt. Beinahe wieder ganz in Ordnung.

Die alte wilde Hundemeute gibt es noch nicht wieder auf dem Hof, aber zwei Köter hat Gäntschow doch schon wieder aufgetrieben, die Nachfahren des alten Räubergeschlechtes zu sein scheinen, mit ihren wilden Wolfsköpfen und ihren listig und mutig funkelnden Augen. Sie haben die traditionellen Namen Pux und Sussi bekommen, und sie sind es, die mit einem wilden Geheul die beiden Besucher begrüßen, die da langsam Schritt für Schritt auf den Hof marschiert kommen, in würdigem Schwarz, mit einer schwarzen Binde: der alte Superintendent Marder, gestützt und geführt von seinem Vikar Oldörp.

Ich höre, sagt der alte Herr, daß mein Schüler wieder im Lande ist. Aber ich will's nicht glauben. Denn mein Schüler käme doch einmal zu mir. Ich glaube es nicht, ich bin wie der Thomas. Ich sehe es, aber ich glaube es nicht.

Er hüstelt und sieht seinen ehemaligen Schüler freundlich und doch noch mit einer Spur der alten Listigkeit an.

Und das ist also deine liebe Frau, mein Johannes? Guten Tag. Guten Eingang auf der Insel, junge Frau. Wir haben schon viel von Ihnen gehört – und nur Gutes! Nur Gutes! – Das ist mein Vikar Friede Oldörp, Johannes. Er leistet mir ein bißchen Gesellschaft, er predigt auch für mich – und wartet so ein ganz klein bißchen darauf, daß ich sterbe ...

Er lacht wieder.

Friedlich ist es hier, Sonne, ja, so lieben wir Menschen es, da gedeihen wir. Auch bei mir ist es friedlich – mein liebes Weib starb vor zwei Jahren, Gott habe sie selig, ja.

Diesmal aber lächelt er nicht, sondern hüstelt nur kurz und scharf. Dann sagt er wieder milde: Und hier, wie geht es nun hier? Der Hof kommt in Ordnung, ja. Ich habe das gehört von deiner Mutter, Johannes. Beklagenswert, sie war eine so fleißige Kirchengängerin. Nun, wenn ihr erst ganz in Ordnung seid, sehe ich euch hoffentlich auch bald unter der Kanzel sitzen. Amtsbruder Oldörp predigt sehr schön. Nichts aus den Büchern, alles aus dem Kopf. Ich höre ihm gerne zu.

Der alte Mann nickt. Vier Jahre hat ihn Johannes nicht mehr gesehen. Aber es ist, als seien es mindestens vierzig, so alt ist er geworden.

Ja, deine kleine Freundin, die Christiane, Johannes, ja, ja ...

Er nickt und lächelt. Johannes strafft sich etwas. Ihm ist es, als fühlte er den Blick seiner Frau auf der Wange. Er sieht ihn nicht, aber er fühlt ihn.

Nun, was ist es mit Christiane? fragt Johannes. Sehen Sie, Herr Superintendent, sie habe ich auch noch nicht wiedergesehen. Nicht nur zu Ihnen bin ich noch nicht gekommen.

Ich weiß, ich weiß, nickt der alte Herr, und auch sie weiß. Wir wissen hier immer alles auf der Insel, darum sind wir stets so überrascht, wenn etwas passiert. Du erinnerst dich, Johannes, dein Bruder Max ...

Er nickt wieder. Der Vikar sagt zu ihm: Sie wollten von Frau Wendland sprechen, Herr Superintendent.

Richtig, ja, Frau Wendland. Unsere liebe Christiane. Jetzt hat sie einen Mann. Einen tüchtigen Mann. Ich glaube wenigstens, daß er tüchtig ist ... Sie sagt: warum kommt Hannes nicht zu mir? Sind wir denn böse miteinander?

Nein, nein, sagt der Vikar eilig, Herr Superintendent, das verwechseln Sie. Das haben Sie gefragt.

Der alte Marder überlegt. Dann sagt er störrisch: Nein, sie hat mich das gefragt. Ich weiß es genau. Wir haben noch lange geredet. Ich vergesse jetzt so leicht. Aber sie hat es gefragt – Reden Sie nicht, Oldörp – und es ist eine Spur von dem alten Ton in seiner Stimme – ich weiß, was ich weiß. Sie hat gesagt: Onkel – sie sagt jetzt manchmal Onkel zu mir – Onkel, geh einmal hin zu ihm und frage, was der Hannes hat. Ich weiß es ganz genau – lächelt er wieder –, darum bin ich ja hier.

Nein, Herr Superintendent, sagt der Vikar hastig, wir sind darum hier, um Herrn Gäntschow daran zu erinnern, daß er jeden dritten Sonntag den Geistlichen über Land fahren muß. Eine alte Gerechtsame, Sie erinnern sich sicher von Ihrem Vater her, Herr Gäntschow.

Jawohl, sagt Gäntschow und sieht den jungen Mann scharf an, dessen weiße Haut sich unter dem Blick rötet, ich erinnere mich sehr gut. Eine alte Gerechtsame, Kirchenfron, sagen wir. Denn ich bin nur ein Bauer. Ich fahre jeden dritten Sonntag den Herrn Geistlichen nach Suhle oder Dreege, und wenn mein Knecht keine Zeit hat, dann steige ich selbst auf den Bock und spiele den Kutscher. Ich bin ein Bauer, ich bin kein Graf.

Das tust du, lächelt der alte Mann, du bist es imstande, Johannes, und setzt dich selbst auf den Bock. Immer alles ganz, so warst du, Johannes.

Ich versichere Ihnen, sagt der Vikar, als hätte der alte Mann nie gesprochen, es liegt eine Verwechslung vor. Der Herr, von dem wir sprechen, wirft leicht alles durcheinander.

Sie können der Dame, von der wir reden, sagt Johannes Gäntschow weiß vor Zorn, sagen, daß man nicht vierzehn Jahre schweigt, um nachher den Herrn, von dem wir sprechen, mit törichten Botschaften zu senden.

Ich bin kein Bote, Herr Gäntschow, sagt der Vikar jetzt sehr rot, aber Sie dürfen bei mir versichert sein, daß ich behalte, was ich zu sagen habe, und nichts verwechsle.

Verwechseln, sagt der alte Superintendent Marder und hat ein bißchen zugehört. Ich habe einmal etwas verwechselt, eine Rede, wißt ihr, eine Totenrede ... Junge Frau, Sie sitzen da so hübsch und aufmerksam am Fenster – glauben Sie, daß einem so etwas vergeben wird?

Was?! fragte Elise hastig und fährt zusammen.

Ich bin kein Kutscher, sagt Johannes zum Vikar, aber Sie dürfen vollkommen sicher sein, daß mein Wagen pünktlich auf die Minute vor der Pfarrei hält und nicht vierzehn Tage oder Jahre zu spät. Der Vikar bewegt ergebungsvoll die Schultern in seiner schwarzen Tuchjacke, dann sieht er zum Superintendenten hinüber.

Eine Totenrede, sagt der grade, eine Begräbnisrede. Die eine für einen Mann und die andere für eine alte Frau – ist es sehr schlimm?

Er sieht die junge Frau bekümmert an.

Ach Gott, sagt Elise und legt ihre Hand leise auf die zittrige Altershand, ich glaube, in Ihrem Alter sollte man sich über nichts mehr Sorgen machen, was einmal war. Es ist sicher alles längst vergessen und vergeben.

Ich weiß es nicht, sagt der alte Mann und wiegt den Kopf hin und her. Ich habe bezahlt und bezahlt, eine lange Zeit. Jetzt ist es friedlich bei mir, aber bis man tot ist, weiß man nichts.

Nein, bestätigt Elise.

Ich habe einmal geglaubt, sagt der Superintendent und sieht seinen Vikar ein wenig ängstlich an, ich wäre tot. Es war sehr seltsam. Unheimlich und seltsam. Ich bin auf allen vieren gekrochen und die Grabkreuze waren um mich bis in den Himmel aufgerichtet.

Und was war? fragte Elise, da die andern schwiegen.

Ich entdeckte, sagte der Superintendent, daß ich nicht tot, sondern betrunken war ...

Oh, häßlich! sagte der Vikar.

Ich muß einmal nach den Schweinen sehen, sagte Johannes Gäntschow und stand auf. Auf Wiedersehen, Herr Superintendent. Adieu, Herr Vikar. – Er ging gegen die Tür und blieb noch einmal stehen. Richtig, Herr Vikar. Sie brauchen sich von nun an nicht mehr selbst um die Wagenbestellung zu bemühen, jeder Dorfbengel genügt dafür.

Er schrammte die Tür zu. Dann öffnete er sie wieder, steckte den Kopf herein und sagte friedlich: Auf Wiedersehen, Herr Superintendent Marder, es hat mich wirklich gefreut. Lassen Sie es sich nur immer gut gehen und machen Sie sich keine Gedanken. Diesmal schloß er die Tür leise und sacht.

Eine Viertelstunde später sah Elise neben ihm über den Rand der Schweinebox.

Sind sie weg? fragte er.

Ja, sagte sie. Plötzlich fing sie an zu lachen. Und ich glaube nicht, daß sie wiederkommen, dem Jungen jedenfalls kroch die Röte bis unter den Kragen.

Das muß auch so sein, stellte Gäntschow fest. Sich zu solchen Botengängen herzugeben!

Aber erst solche Boten schicken! rief Elise etwas übereifrig aus.

Er sah sie kühl prüfend an. Ich möchte wohl wissen, sagte er, was mit eurer Magermilch los ist. Der Lenz sagt, er kriegt täglich vier Eimer. Und deine Olga behauptet, sie gibt fünfe heraus.

Wenn Lenz vier Eimer bekommen will, so lügt er, rief sie empört. Lenz, kommen Sie einmal her. Sie haben zum Herren gesagt ...

Wie gesagt, wieder beinah ganz in Ordnung zwischen den beiden. Beinahe ganz. Die Boten waren zurückgeschickt, mit Schmach und mit Schande. Sie würden nie wiederkommen, nie. Elise singt, und er hat nichts gegen dies Singen. Es ist vielleicht alles anders gewesen, als er sich ausgedacht hat. Nun kann er ihr im Vorbeigehen zunicken und sagen: Du bist aber vergnügt heute. Es schien nicht tief gesessen zu haben bei ihm.

Ja, und nun kam der Frühling, und Hof Warder erhob sich wieder einmal strahlend aus Verkommenheit und Schmutz. Im Hause blinkten die Scheiben, und die Stimme Elisens sang aus der räuchrigen Küche durch die offene grüne Haustür über die ganze Hofstatt, und nicht lange, so fielen die Stimmen von Maria und Olga ein, und das klang fröhlich. Die Dächer waren wieder heil, die Ställe waren geweißt, und die Maurer hatten die herausgefallenen Fächer in der Scheune wieder aufgemauert. Hinter der Scheune aber lagen nicht mehr die großen Walzen der geschlagenen Pappeln, sie waren verschwunden, sogar die Stubben waren gerodet. Und junge Bäume standen am Pfahl und freuten sich am Saftanstieg und an der Sonne.

Im kleinen Bauerngarten summten ununterbrochen in die alten Strohkörbe die Bienen aus und ein. Die Dungstätte ist sauber gepackt, keine Jauche steht mehr auf dem Hof – und über die Felder klappert die Drillmaschine, der Bauer führt selbst das Steuerrad, und schnurgerade läuft die Radspur über den Acker. Um die Drillschare fällt der lockere Boden zusammen und birgt die Saat: Sommerweizen, Gerste und Hafer. Der Knecht sagt: Die Fidder! – Und Johannes Gäntschow hebt den Blick und sieht zwei Reiter, Frau und Mann, den Feldweg nach Kirchdorf entlang traben. Es ist zu weit fort, er sieht nur, es ist ein Brauner und ein Rappe. Die Dame trägt einen schwarzen, steifen Hut und sitzt mit einem schwarzen Reitkleid im Damensattel. Er meint, die Sättel janken zu hören. Und vorbei, vorbei ...

Er ruft seinem Pferd zu: Komm, Liese, komm doch rum. Und er schnauzt den Knecht an, der die Drei-Meter-Maschine nicht sauber genug herumbringt. Dann aber sind sie in der alten Spur, die Schare werden gesenkt und die Maschine klappert los. In die Erde fällt die Saat. Er geht und steuert. Er hat kühne Augen, seine Brauen werden immer buschiger. Sein Gesicht ist scharf und entschlossen, der Mund schmal – aber woran denkt er?

Vielleicht denkt er daran, daß er noch einmal den Kampf gegen Unordnung und Unkraut aufgenommen hat, aber diesmal auf dem eigenen Land. Jawohl, jawohl, diesmal reitet er nicht stolz über unendliche Äcker, hier gibt es keinen Harras, er führt selbst das Steuerrad an der Drillmaschine, er ist kein großmächtiger Administrator mehr, Herr über hundertzwanzig Leute. Er ist heruntergestiegen von Pferd und Thron, er ist hinaufgestiegen, er ist Bauer. Der Boden unter seinen Füßen ist noch nicht der, der er sein sollte. Eine noch so sorgfältige Frühjahrsbestellung kann die Fehler von vier Jahren nicht ausgleichen. Aber er hat viele Jahre vor sich, er arbeitet auf weite Sicht, er ist auf eigenem Land, es kann alles zurecht kommen.

Denkt er daran? Sicher auch daran. Es ist Mittag geworden. Er sagt den Leuten Bescheid wegen der Nachmittagsarbeit, sieht noch einen Augenblick zu, wie den Pferden das Futter geschüttet wird, ruft in die Küche: Mittag heute für mich erst um eins! Er kramt in seinem Schreibtisch, nimmt seinen Handstock und geht los nach Kirchdorf.

Er kommt auf den Marktplatz. Vor dem Schwedischen Hof führt der Hausknecht zwei Reitpferde auf und ab, einen Rappen und einen Braunen. Er geht darauf zu. Aber dann biegt er links ab und geht in den Laden von Kaufmann Stavenhagen, der eine Nebenstelle für Raiffeisen führt. Hier habe er ein Buch, so und so, es müßten noch die Zinsen seit vielen Jahren gutgeschrieben werden, dann wäre da noch die Entwertung, kurz und gut, ich will das Buch auflösen.

Alles Geld auf einmal, Herr Gäntschow? fragt der alte Stavenhagen dienernd.

Alles auf einmal, sagt Herr Gäntschow, reinen Tisch.

Da müssen Sie sich aber ein paar Tage gedulden, sagt der Kaufmann Stavenhagen. Ich muß erst in Bergen nachfragen. Sie wissen ja, ich muß das erst nachprüfen lassen.

Er lacht.

Es eilt nicht, es eilt nicht, sagt Gäntschow und zieht seine Mütze. Sie schicken mir dann den Schiet runter Ende der Woche.

Jawohl, Herr Gäntschow, jawohl. Und wenn Sie mal was brauchen sollten?

Guten Tag, sagt Gäntschow und geht.

So macht man das. Eine Transaktion über größere Summen, eine liquidierte Jugend, und es eilt nicht. Sie schicken mir den Schiet Ende der Woche runter. Keine lächerliche Herumzerrerei mehr mit Erinnerungen, kein alberner Stolz – jetzt hat er wieder Geld. Er wird erst einmal Kunstdünger für die Kartoffeln kaufen, soviel er braucht, und Leutelöhne für das Hacken kann er sich auch bewilligen, daß die Nachbarn ein Grauen kriegen sollen.

Er geht wieder über den Marktplatz, an den Reitpferden und dem Hausdiener vorbei. Er geht in den Schwedischen Hof, schnurstracks in den Schwedischen Hof. Wir haben alles über Bord geworfen, wir können jedem Menschen guten Tag sagen. Schluß damit, Strich drunter!

Hinter der Theke steht nur der alte Reese. Draußen ist herrlicher Sonnenschein, aber drinnen in der Gaststube ist es kühl und dämmerig.

Guten Tag, Hannes. Und wenn es einem nicht die Leute erzählten, daß du noch lebst, so sollte man ja wohl denken, daß du längst hinunter wärest. Einen großen Kognak? Bitte schön. Ja, das sind die Fidder Pferde. Die Braune ist ein englisches Vollblut, und der Rappe ist ein Halbblüter aus Trakehnen. So etwas gibt es jetzt Gott sei Dank alles wieder auf Fidde. Wer Geld hat, kann den Teufel tanzen sehen. Und der Herr Wendland soll ja ein Rasiergeschirr aus purem Golde haben. Napf und Schale, sogar der Griff vom Pinsel aus Gold. So ein Unsinn – ich zitterte, wenn ich solche Kostbarkeiten im Hause hätte, und er läßt es einfach offen auf seinem Waschtisch stehen – jetzt sind sie beim Superintendenten Marder. Ganz kindisch ist der Alte geworden. Ja, der hat all die Jahre seiner zweiten Ehe auch nichts zu lachen gehabt. Einmal soll er sich ja an der Telephonstrippe aufgehängt haben. Aber sie soll ja dazu gekommen sein und ihn abgeschnitten haben. Und wenn die Leute nicht lügen, hat sie ihn hinterher sogar noch verdroschen. Aber die Leute lügen ja immer. Noch einen? Recht so, Nachbar, auf einem Bein kann man nicht stehen. Ja, die junge Frau besucht ihn noch ab und an. Herr Wendland kommt wohl nur aus Höflichkeit mit. Er ist ein sehr höflicher Mann. Er tut alles, was sie will. Aber so einfach ist er auch nicht. Wenn er seine Tour hat, fährt er ganz alleine mit dem Viererzug bis zu mir vor die Tür. Der Hausknecht muß die Pferde halten, und er setzt sich hin und trinkt. Der Friedrich muß die Pferde halten, so lange es eben dauert. Es darf nicht ausgespannt werden, und er trinkt einen nach dem andern. Denkst du, er spricht ein Wort? Nie ein Wort, Johannes! Er klopft mit dem Glas auf den Tisch, das heißt, er will noch eins. Er zeigt mit dem Finger auf eine Buddel, das heißt, nun will er davon. Er trinkt und trinkt. Er bekommt starre Augen wie ein Fisch. Er hat so blaßblaue Augen. Wie ein toter Dorsch sieht er dann aus. Nun hat er das viele Geld, Johannes. Aber glaubst du, daß er glücklich ist? Nicht die Spur. Später kommt immer die Gräfin – wir sagen noch immer Gräfin. Ich meine Frau Wendland. Später kommt sie und trinkt mit. Sie sitzt dann nur so neben ihm, erzählt ihm was oder schwätzt mit mir und trinkt mit. Immer, wenn er einen trinkt, trinkt sie auch. Sie paßt genau auf, daß sie keinen ausläßt, denn so was ärgert ihn. Und plötzlich steht er dann auf und sagt: Du hast genug, komm. Torkeln oder so was? Hannes, keine Spur. Grade wie ein Brett. Ein richtiger Stockfisch, große, weiße Raffzähne vorne wie ein Kaninchen. Sie sagt: Ich trinke gerne noch einen, Joachim. Aber er hört nichts. Geht gerade raus, auf seine Coach, Zügel in die Hand und pfeilgrade los – der Friedrich kann immer eben nur zur Seite springen. Dann steigt sie in ihren kleinen Selbstfahrer und fährt hinterher. Ein Wutkopf, sage ich dir, Hannes – glaubst du, daß sie glücklich ist? Nicht die Spur. – Aber sonst, wenn er nicht gerade seine Touren hat, höflich und umgänglich. Er kann sogar lachen. Aber Gott bewahre mich vor dem Lachen! – Nun, du willst wohl gehen. Ja, die bleiben heute länger. Manchmal kommen sie hinterher noch rum und trinken bei mir einen Bittern. Aber ich glaube, heute nicht mehr. Es hätte sonst gut gepaßt, daß du deiner Freundin von früher wieder einmal guten Tag gesagt hättest – es war zu komisch, daß du gedacht hattest, sie ist tot. Ja, nun mußt du wohl gehen. Eilige Zeit jetzt, nicht wahr? Ich merke es auch im Geschäft. Keiner hat Zeit, ein Glas Bier bei mir zu trinken. – Also dann guten Tag, Hannes, laß dich wieder einmal sehen. Ich danke auch schön.

Die Sonne liegt noch immer auf dem Marktplatz. Vor der Superintendantur sind die Bäume noch viel breitästiger geworden. Jetzt könnte man von dem Fenster des Arbeitszimmers nicht mehr den Marktplatz überschauen. Das Halbblut scharrt bittend mit dem Huf. Ihm wird die Zeit wohl lang. Es geht nicht danach, Halbblut, ob dir die Zeit lang wird. Es geht danach, wie es mit ihrer Zeit bestellt ist.

Er wird über den alten Kirchhof gehen. Hier die Eisenpforte quietscht noch wie eh und je. Man könnte sich einmal Vaters Grab ansehen. Er muß da hinten an der Mauer liegen, im Gäntschowschen Erbbegräbnis, unter riesigen, polierten Steinen. Mit Goldbuchstaben, die so schnell blaß werden. Ich jedenfalls will hier nie tot sein. Mich sollen sie in meinem Acker verscharren. Und ich werde das testamentarisch richtig machen, daß sie Luzerne über mir pflanzen. Die bleibt acht oder zehn oder zwölf Jahre grün – und dann weiß kein Mensch mehr was von mir, und ich am allerwenigsten.

Ja, sieh da. Ein Holzkreuz, schon halb abgefault. Max Gäntschow, geboren am 21. Juli 1887, gestorben am 3. September 1921 – haben sie ihn hier doch eingescharrt bei den alten, rechtlichen Leuten. Das hat der Marder noch gemacht, ich will ihn auch einmal wieder besuchen. Dieser Vikar, der Oldörp, hätte ihn auf dem Schindanger verscharrt – aber was ist ein Schindanger?

Ein rascher, eiliger Schritt, und Christiane steht neben ihm. Sie läßt die Schleppe fallen von ihrem schwarzen Reitkleid und faßt ihn mit beiden Händen an der Schulter und schüttelt ihn, weinend und lachend.

Oh, Hannes, Hannes, du dummer Bengel, stößt dich wieder einmal der Bock! Und ich muß dir zum Gespött der ganzen Gegend in meinem Schleppenkleide nachlaufen, und du bewillkommnest mich hier so recht in deinem Eigenen, sturer Bauer zwischen sturen Bauern. Oh, Hannes, wer hätte das von uns gedacht, vor vierzehn Jahren, daß wir uns so wiedertreffen müssen?!

Und nun weint sie wirklich.

Christiane, sagt er tonlos, Tia, sagt er, aber es ist mehr ein Bewegen der Lippen als Sprechen.

O Gott, jawohl, o Gott! Er starrt sie an, hat er doch immer an die sechzehnjährige Christiane gedacht, die ihn verlassen hat, ein dunkles, unentwickeltes Mädchen, aber nun steht eine Frau vor ihm, eine erblühte, schöne Frau. Ach, sie ist wie die reifere, schönere, herrlichere Schwester eines Traums, der schon blaß zu werden beginnt. Und der alte, liebe Name Tia klingt nur wie ein Echo aus versunkenen Zeiten.

Sie lacht. Sie lacht. Ja, da stehst du und staunst. Das kann ich mir denken von meinem Freunde Hannes, daß du all die Jahre rumgelaufen bist und hast mit deiner sechzehnjährigen Freundin und Backfisch geschmollt und geschimpft. Und du bist immer größer geworden und weiser und welterfahrener. Und du hast das alte Mädchen mit deiner Überlegenheit völlig zerdrückt. Und daran hast du natürlich nie eine Sekunde gedacht, daß ich sechs Jahre lang gestorben bin und mir Seele und Herz mit dem Blut zusammen aus dem Leibe gehustet habe. Und daß man keine große Lust hat, seinem Freund zu schreiben: ich bin noch nicht tot, aber in vier Wochen bin ich bestimmt tot. Und sowas nennst du nun Freundschaft, Hannes. Und wie ich dann wirklich wieder lebendig geworden bin, da war ja der hohe Herr spurlos verschwunden, und keiner wollte wissen, wo er hin war. Und dem Zeloten, dem Oldörp, habe ich schon Bescheid gesagt. Und das soll mir mal einer verbieten auf dieser Welt, daß ich dem einzigen Freunde, den ich je gehabt habe und der sechs Monate sechs Kilometer von mir ab wohnt, mal eine Botschaft schicke! Das soll mir mal mein Freund verbieten!

Sie sah ihn an mit lachenden, funkelnden Augen.

O Hannes, da stehst du wie ein Stock, und sicher bist du noch genau so schwierig wie früher und mit einem Ehrgefühl wie ein Stecknadelkissen. Und jetzt habe ich nicht mehr die geringste Zeit für dich. Joachim – aber ich nenne ihn Stupps – hat mir drei Minuten gegeben, und zehn Minuten rede ich hier schon. Und wir haben heute Staatsvisite, den Landrat und die halbe Landwirtschaftskammer, weil wir nämlich eine echt englische Fleischschafzucht aufmachen – und die kleinen, süßen Lämmer solltest du einmal sehen! Aber in den nächsten Tagen komme ich einmal runtergeritten zu dir, und dann will ich deine Frau kennenlernen ... Und nun adjüs, Hannes, Dickkopf. Und das sehe ich ja nun schon wieder, daß unsere alte Freundschaft neu wieder völlig auf dem alten Fuße beginnt. Und daß ich dich umwerben muß, und daß du nur ja oder nein sagst. Und so frage ich dich denn, Johannes Gäntschow, bist du damit einverstanden, daß ich dir am Donnerstag nachmittag mit meinem Gatten eine Antrittsvisite mache? Sagen wir um halb fünf.

Ja, sagte er.

Tjüs, Hannes, grüß deine Frau. O Gott, was wird Joachim schelten.

Und sie lief fort, die Schleppe des Reitkleides unter dem Arm. Er sah ihr nach, hielt sich am Gitter des Gäntschowschen Erbbegräbnisses und sah ihr nach. Und es war ihm wie zwischen Traum und Tag. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Weinen und Lachen. Nicht vor Donnerstag mittag sagte Gäntschow zu seiner Frau: Wir bekommen heute nachmittag Besuch.

Ja? fragte sie und lächelte ihn an. Vorstehers?

Wendlands, sagte er und aß weiter.

Ihr Lächeln erstarrte. Ihre rosige Farbe verblich. Sie sah ihn an, und ihre Augen waren sehr groß.

Wir können in meinem Zimmer Kaffee trinken, sagte er, es sitzt sich da netter.

Ja, sagte sie wieder.

Sie hatte sich umsonst gefreut, es kam anmarschiert, grade auf sie zu. Genau in ihr Herz. Eine Weile hatte sie gemeint, es bliebe ihr erspart. Aber nun kam es doch.

Wann hast du sie gesehen? fragte sie. Du hast mir nichts davon gesagt.

Ich gehe dann noch nach Kirchdorf, sagte er, und besorge ein bißchen Schnaps und Zigarren. Sieh zu, daß du einen netten Kuchen bäckst.

Wie soll ich bis vier Uhr noch einen Kuchen backen? fragte sie verzweifelt. Du hättest es mir früher sagen sollen. Du hast es doch auch früher gewußt.

Es ist jetzt halb eins, sagte er. Bis halb fünf hast du vier Stunden Zeit, du wirst doch in vier Stunden einen Kuchen backen können?!

Er stand auf. Sein Ton war immer kälter geworden. Er tat so, als sehe er ihre überfließenden Augen nicht. Er ging zur Tür.

Oh, Hans, rief sie.

Er drehte sich scharf um und fragte böse: Wie bitte? und sah sie an.

Sie sah ihn wieder an, sie wollte etwas sagen. Sie wollte ihn bitten, diesen Besuch abzusagen. Vielleicht in einer Woche. Gerne in einer Woche. Wenn sie sich daran gewöhnt haben würde. Nur grade heute nicht ...

Aber er sah sie so böse an, daß sie nur sagte: Hans ...

Noch immer stand er da und sah sie an. Sah sie bloß an, wie sie sich quälte, sah es mit kalten Augen und drückte sie nur immer tiefer. Dann drehte er sich wieder um und ging zur Tür.

Dieses Mal, dieses Mal rief sie ihn nicht wieder an. Sie hörte, wie er draußen den Hunden pfiff, die freudig aufjaulten. Dann dachte sie daran, daß nicht genug Kaffee im Haus war, und daß er den in Kirchdorf gleich mitbesorgen könnte. Dann dachte sie an ihren Kuchen, der todsicher mißraten würde, denn sie war keine große Kuchenbäckerin. Und er würde bestimmt denken, sie habe ihn absichtlich mißraten lassen ...

Und dann überwältigte sie all ihr Jammer, all ihre Vorahnung kommenden Unheils so, daß sie sich an den Eßtisch setzte, den Kopf auf die Arme legte und weinte, weinte, weinte ...

Trotzdem war er ganz zufrieden, als er kurz vor halb fünf den Kaffeetisch besichtigte. Sie hatte zu jedem Gedeck kleine Blütenzweige gelegt und ein bißchen helles Birkengrün. Es gab zwar keinen selbstgebackenen Kuchen, aber sie hatte vom Dorfbäcker Zwiebäcke mit irgendeinem Aufguß bekommen. Es sah alles nett aus. Und die Sonne schien so hell durchs Fenster auf den weißen Tisch. Er sagte auch: Sehr nett, und nahm sich eine Zigarre aus der neuen Kiste. Weiß Gott, sie war zweifelhafter, was eine geborene Gräfin Fidde von solchem bürgerlichen Kaffeetisch denken würde. Aber er war so anspruchslos.

Sehr nett, hatte er gesagt. Und das war sehr viel. Und sie war darum auch vor Freude errötet. Sie hatte ihren schwarzen Rock angezogen und dazu die rosaseidene Bluse. Und er ging nun im Zimmer auf und ab, und sie merkte gut, wie er das in die Hand nahm und weglegte und jenes wieder aufnahm. Sie merkte gut, daß er aufgeregt war.

Das hatte sie noch nie bei ihm kennengelernt. Und ihr Herz fing schon wieder an zu schmerzen. Ja, er war aufgeregt. Aber er war auch guter Laune. Er sprach mit ihr, wie er eben mit ihr sprach. Er erzählte ihr also, daß der Hafer nun endlich fertig gedrillt sei. Und nun gehe es mit Macht los auf die Kartoffeln. Und er werde dafür Saatgut aus Meechow bekommen – und mitten im Satz brach er ab. Sie hörte einen Wagen rollen. Er stand am Fenster und rief: Da sind sie!

Und wie er das rief, da schmerzte ihr Herz wieder.

Er ging zur Begrüßung hinaus, und es schien ihr sehr lange, bis die drei wieder zu ihr, der Hausfrau, hereinkamen. Und dann ging eine große, schöne Frau auf sie zu und gab ihr gleich beide Hände und sagte rasch etwas von einem kleinen Mädchen, das also mehr Mut gehabt hätte als alle Frauen von der Welt, und: Sicher ist er noch immer derselbe Starrkopf wie früher. Und wenn man ein Wörtchen sagt, das ihm nicht paßt, so runzelt er die Stirn und schmollt drei Tage lang. Und wie Sie es aushalten, das verstehe ich nicht. Aber Sie halten es ja sogar sehr gut aus, so wie Sie aussehen ...

Und ihr Herz ging plötzlich leichter und freier. Und auch sie sagte rasch ein paar Worte, dumme Worte, die gar nicht paßten, daß sie sich über den Besuch freute – Und dann sah sie ihren Mann an, und das Glänzen in seinen Augen, das sie nie, nie zuvor gesehen hatte, und eine Helle in seinem Gesicht, die sie nie zuvor entzündet. Und sie brach ab mitten im Wort, und der Schmerz wurde so unerträglich stark in ihr, daß sie rasch der andern ihre Hände wegziehen mußte ...

Dann saß sie den ganzen Nachmittag dabei und dachte nur immer: sind denn die andern blind, daß sie nicht sehen, wie er strahlt und wie glücklich er ist. Und bei mir hat er nie so gestrahlt und ist nie so glücklich gewesen! Merkt denn ihr Mann gar nichts?!

Aber der saß dabei und schien sich wohl zu fühlen und lächelte mit seinen großen, weißen Zähnen und trug seinen untadligen Scheitel und so untadlige Oberhemden, daß sie direkt Angst kriegte bei dem Gedanken, die bügeln zu müssen. Und er nannte seine Frau einfach Christiane und sprach den Namen immer sehr langsam mit sehr spitzem st aus. Und sie nannte ihren Mann oft Wendland und manchmal sagte sie auch: Herr Wendland, gieß mir noch einen Schnaps ein. Hannes vergißt mich ganz.

Die sagte Hannes, und sie sagte Hans. Es fielen ihr so viele Dinge auf, die sie sonst nie gestört hatten, daß die Olga zum Beispiel beim Kaffeebringen auf Strümpfen hereinkam, weil sie Lärmmachen für unfein hielt. Das konnte auf einem Bauernhof ja auch nicht anders sein, denn die Olga hatte wahrscheinlich auch schmutzige Schuhe, weil sie zwischendurch die Kühe melken mußte. Und es fiel ihr auf, wie ungeniert Christiane zwei- oder dreimal die Beine überschlug, als säßen gar keine Männer im Zimmer. Und es fiel ihr weiter auf, daß eigentlich nur Hans und Frau Wendland miteinander redeten. Und es fiel ihr auf, daß ihr Mann ihr ein paarmal vergnügt zulächelte, was er sonst nie tat.

Ach, dieser Nachmittag war eine lange, lange Marter, bis der Wagen endlich wieder vorfuhr. Und wie sie sich verabschiedet hatten, und Hans stand so lange noch in der Tür und winkte denen lachend mit der Hand nach, und dann drehte er sich um zu ihr, und das Lachen war fort. Und mit einer ganz andern Stimme, als er den ganzen Nachmittag gehabt hatte, sagte er: Das war ein schöner Nachmittag.

Ja, sagte sie ängstlich, ja.

Aber er achtete kaum auf sie. Er nahm seinen Stock und sagte: Nein, nun gehe ich nochmal aufs Feld und sehe, wie weit die mit dem Eggen gekommen sind.

Darf ich mit, Hannes? fragte sie hastig.

Er runzelte die Stirn, vielleicht nur, weil sie Hannes gesagt hatte, und meinte: Gewiß. Wenn du den Leuten nicht Abendessen geben mußt?

Ach richtig, natürlich, sagte sie hastig.

Und dann ging er und war allein mit seinem schönen Nachmittag. Und sie war auch allein.

Und dann kam schon nach drei oder vier Tagen die Marter des Gegenbesuchs auf Schloß Fidde. Und sie gingen durch Zimmer und Zimmer. Und ein richtiger Diener servierte den Tee (keinen Kaffee). Und es gab Konfekt dazu (keine Zwiebäcke), und Hans war so zu Haus in alldem. Er nickte dem Diener zu und sagte: Na, oller Eli. Und er meinte zu Christiane: Da hat immer dein Vater gesessen, Tia. Und nachher spielten die drei eine Partie Billard, und sie saß dabei und sah zu und war draußen aus alledem. Und sie schwor sich zu, ihrem Herzen nie wieder diese Marter aufzuladen und nie wieder nach Schloß Fidde zu gehen. Und wenn sie die schöne, lachende Frau sah, die Frau, die ihren Mann anlachte und Hannes zu ihm sagte, und die tausenderlei Dinge mit ihm gemeinsam hatte, von denen er ihr nie auch nur ein Wort gesprochen hatte, dann dachte sie das böse Wort: Ehebrecherin, und wußte doch, es war nicht wahr. Sie allein sah erst, was noch keiner sah, was auch er noch nicht einmal wußte. Sie sah das Strahlen in seinen Augen, den Glanz seiner Gestalt. Aber sie war hilflos und sehr klein und ein Garnichts.

Und wieder eine Woche später kam sie in den Pferdestall. Und da waren der alte Leer und ein Zimmermann beschäftigt, eine Boxe abzuschlagen. Und sie fragte ganz erstaunt und ahnungslos: Was machen Sie denn hier?

Nu, 'ne Pferdebox, sagte der alte Leer und sah sie an. Morgen soll doch dem Herrn sein Reitpferd kommen.

Richtig, ja, sagte sie langsam und ging wie blind aus dem Stall.

Sie saß lange, lange. Sie las nicht in den Briefen. Sie hatte die Hand nur auf die Truhe gelegt, und sie sah es wachsen und größer werden, und es war unentrinnbar, und sie war von allem ausgeschlossen. Er hatte ihr kein Wort gesagt, und sie würden zu dreien ausreiten, und deren Mann war bloß ein Hanswurst in breiten amerikanischen Schuhen, mit spiegelnden Hörnern auf den Schuhspitzen. Und sie sagte manchmal Wendland zu ihm, oder gar Herr Wendland. Aber zu ihm sagte sie Hannes. Und sie lachten zusammen. Und sie redeten über tausenderlei, über das sie allein reden konnten. Sie ritten gemeinsam aus, aber sie durfte zu Haus bleiben und seinen Leuten Essen kochen und seine Wirtschaft besorgen. Und wenn ihm grade mal so war, dann schlief er auch bei ihr. Und wenn er sie aus dem Arm losgelassen hatte, so hatte er sie auch schon vergessen!

Ach, wie das Herz sich aufbäumte und wie es sich wehrte und wie es schrie: ich will nicht, ich ertrage es nicht, ich kann nicht ...

Und sie saß ihm gegenüber, und manchmal sagte er etwas, und das tat ihrem Herzen gut. Und sie lag im Bett neben ihm und lauschte auf seinen Atem, und das konnte die andere nun doch nicht. Und das tat ihrem Herzen wieder gut.

Aber am nächsten Tage hörte sie eine Unruhe auf dem Hof. Sie lief hinaus, und da war ihr Mann mit dem Knecht zu Gange. Und sie hatten ein Pferd vor, einen Fuchs mit weißer Blässe, der noch das hanfene Reisehalfter trug ...

Aber das ist ja unser Harras, rief sie, unser Harras aus Schadeleben.

Und ihr Mann drehte sich nach ihr um und sagte: Ja, natürlich ist das der Harras. Was ist da zu wundern! Ich habe Frau von Brest geschrieben, und sie hat ihn mir verkauft.

Aber haben wir denn Geld? fragte sie. Ich denke, unser Geld ist lange alle.

Wir haben immer Geld, wenn wir Geld brauchen. Ernst, laß ihn nun langsam im Trab bis zur Scheune gehen. Es kommt mir vor, als wenn er links vorne etwas lahmt.

Das macht die lange Bahnfahrt, Herr Gäntschow.

Und sie wollte etwas sagen, daß er ihr so etwas doch wenigstens vorher mitteilen müßte. Aber der Harras trabte bis zur Scheune. Und sie war so vollständig vergessen, als gäbe es eine Elise Gäntschow, geborene Schütt auf der ganzen Welt nicht.

Da ging sie ins Haus. Und weil ihr etwas eingefallen war und weil sie wußte, daß der Schlüssel zu ihrer Schlafzimmerkommode an seinem Schreibtisch paßte – sie hatte das aber nicht durch Probieren, sondern durch reinen Zufall gemerkt, und sie hatte diesen Zufall bisher auch noch nie benutzt –, so nahm sie also ihren Kommodenschlüssel und schloß sein Schreibtischfach auf.

Da lag viel Geld. Viel Papiergeld. Und daneben lag das kleine, schwarze Sparkassenbuch. Und sie schlug es auf, und siehe, es stand nichts mehr darauf. Da legte sie das Buch still zurück. Und an diesem Mittag mußte Johannes Gäntschow allein essen. Und am Abend ...

Sie war nämlich nun schon fest überzeugt, daß ihr Mann sie betrog, und daß er Frau Wendland heimlich traf. Und daß die ihm zugeredet hatte, das Geld zu benutzen. Denn ohne diese Frau Wendland zu fragen, hätte er des Grafen Fidde Geld nie genommen. Also hatte er sie gefragt. Und da er sie doch unmöglich vor ihrem Mann fragen konnte, hatte er sie heimlich gefragt. Und da er sie nach so etwas nicht Rupps-Stupps fragen konnte, waren sie lange heimlich beisammen gewesen. Und wenn sie lange heimlich zusammenkamen, so hatte er sie auch betrogen.

Und am Abend also nahm sie seine Betten und ging mit ihnen in sein Zimmer – die Mädchen wirtschafteten noch in der Küche, aber das war ihr jetzt alles ganz egal – und ohne ein Wort zu sagen, machte sie ihm sein Bett auf der Chaiselongue zurecht.

Er saß dabei an seinem Schreibtisch und las in einem Buch und rauchte. Aber nun hob er den Kopf und sah sie an und fragte: Schlafe ich jetzt hier?

Ja, sagte sie und sah ihn herausfordernd mit brennenden Augen an, und die Tränen waren ihr ganz nahe.

Dies Leben ist eine unübersichtliche Sache, sagte er und strich die Asche von seiner Zigarre ab. Es ist gut, wenn du mir Bescheid sagst. Ich finde mich sonst nicht zurecht.

Er stand auf und ging an den Ofen und lehnte sich dagegen. Er sah sie an, er fragte: Ich nehme an, es ist wegen Harras?

Nein, sagte sie und sah ihn wieder an.

Er dachte nach. Wegen des Geldes? fragte er.

Nein, sagte sie wieder.

Er sagte langsam: Ich brauche niemanden, der mich beaufsichtigt und der mir sagt, was ich tun oder lassen darf. Verstehst du, niemanden!

Du bist mein Mann, sagte sie weinend. O Hans, wir sind verheiratet und getraut, du mußt auch auf mich Rücksicht nehmen.

Ich habe dir von eh und je gesagt, daß ich kein Ehemann bin, kein Ehemann werde. Ich tue, was ich will.

Aber du hast mir hundertmal gesagt, daß du mich liebst! rief sie und die hellen, blanken Tränen liefen über ihr Gesicht.

Er sah sie nachdenklich böse an. Jetzt liebe ich dich bestimmt nicht, sagte er.

Hans, rief sie noch einmal, du hast es mir in allen deinen Briefen geschrieben, und du hast mir geschrieben, daß ich die Schönste von der ganzen Welt bin ...

Sein Gesicht zog sich zusammen: Hör auf, sagte er. Schämst du dich gar nicht?

Ich soll mich schämen, rief sie, und ihre Tränen versiegten und ihre Wangen flammten, du solltest dich schämen! Wozu hast du dir denn das Pferd gekauft? Doch bloß, daß du mit ihr zusammen sein kannst! Und von ihrem Gelde hast du es dir gekauft! Pfui! Pfui!

Er sah sie an. Er war jetzt sehr weiß. Seine Hand mit der Zigarre bebte.

Ich könnte dir sagen, sagte er dann, daß ich alles das tun darf, denn ich habe dir von jeher gesagt, daß ich immer alles tun werde, was ich will. Aber ich sage es nicht. Du bist niedrig und häßlich, du denkst dir Dinge aus, du willst in mich hineinkriechen, du willst dir nehmen, was ich dir nicht geben kann. Du pochst einfach darauf, daß ich dich geheiratet habe, und denkst, damit ist alles gut. Und damit ist alles gesagt. Damit ist aber gar nichts gut, damit ist aber gar nichts gesagt.

Und du, rief sie, und du! Du hast mich immer unterdrückt und hast immer nur von mir verlangt und hast mich ausgelacht, hast mich immer für dumm gehalten. Ich soll mir nichts nehmen und warten, bis du mir gibst? Du hast mir nie etwas gegeben, du! Ich habe mir alles holen müssen. Ich habe mir alles erbetteln müssen. Immer habe ich nach deinem Gesicht schielen müssen. Und wenn ich etwas falsch gemacht habe, so hast du mich ausgeschimpft und schlecht behandelt. Aber wenn du etwas falsch gemacht hast, dann war es immer, als sei es nie gewesen.

Er sah sie böse an. Du bist damals nicht gestorben, sagte er.

Nein, das bin ich nicht, rief sie wild. Und das tue ich auch nicht. Das möchtest du, daß ich dir die Bahn freigebe. Nein, betrüge mich nur weiter. Ich werde es allen Menschen sagen. Ich werde das ganze Land gegen euch aufhetzen. Glaubt ihr nur nicht, daß ich es euch heimlich tun lasse – du und deine Christiane! Und du hast mir vorgelogen, ich wäre deine erste Liebe!

Nun will ich dir meine Art von Heimlichkeiten zeigen und meine Angst vor den Leuten.

Er ging auf sie zu, faßte sie bei den Handgelenken und zog die angstvoll Widerstrebende auf den Flur.

Er sagte mit lauter Stimme: Dies ist deine Seite vom Haus, Frau Gäntschow. Und das meine. Getrennt, verstehst du?

Er rief laut: Olga, Maria!

Aus der Küchentür sah die eine, aus dem Leutezimmer die andere.

Hören Sie, sagte er zu den beiden und hielt seine zitternde Frau fest, ich esse jetzt stets allein auf meinem Zimmer. Alle Mahlzeiten, versteht ihr?

Sie sahen ihn an, und auch sie sah ihn an.

Und wenn Sie den Grund wissen wollen, meine Frau kann ihn Ihnen sagen ... Los, Elise ...

Sie sah ihn an, und ihre jammervollen, zitternden Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton darüber.

Nun also, sagte er böse befriedigt, jetzt willst du es noch nicht sagen. Aber ich zweifle nicht daran, daß du eines Tages auch dazu den Mut haben wirst.

Er ließ sie so plötzlich los, daß sie gegen die Wand taumelte.

Es muß morgens viel ruhiger im Hause sein, sagte er zu den Mädchen. Dieses ewige Geschnatter in der Küche hört auf.

Er ging in sein Zimmer. Durch einen Schleier von Tränen sah sie den hohen, grünen Rücken mit dem weißen, schmalen Kragenstreif verschwinden, dann fiel die Tür zu.

Sie stand eine Weile bewegungslos. Sie hörte die Mädchen etwas sagen. Sie wollten ihr auch helfen. Aber sie streckte nur abwehrend die Hände aus, und so blieb sie allein. Sie starrte immer die Tür an, und sie meinte, nun müsse die Tür aufgehen und er zurückkommen und sie um Verzeihung bitten. Aber die Tür ging nicht wieder auf.

So stand sie eine lange Weile. Dann ging sie mit vorsichtig tappenden Schritten durch das Eßzimmer in ihr Schlafzimmer und machte das Licht an. Aber als sie das bettenlose, leere Bett stehen sah, und auf der Kommode war die kleine Truhe mit all seinen Briefen, die nun alle unwahr geworden waren, da überkam sie der Jammer und die Verzweiflung, und haltlos weinend rannte sie wie blind in sein Zimmer und rief: Hans! Hans!

Sein Zimmer war dunkel, sein Zimmer war leer.

Und sie stand eine Weile, und die Tränen versiegten, und sie versuchte nachzudenken, und es schmerzte wie fressendes Feuer, und ihr fiel ein, daß ihn keine Frau auf die Dauer ertragen könnte, und daß er sich schon einmal von Christiane getrennt hatte, und daß er sich wieder von ihr trennen werde. Daß sie nur zu warten habe, vielleicht eine lange Zeit, vier Monate oder sechs Monate, und daß er dann wieder zu ihr zurückkehren werde: denn einen Menschen muß auch er haben.

Und dann fiel ihr etwas ein, und sie lief schnell in ihr Zimmer und holte den Kommodenschlüssel und schloß das rechte untere hohe Fach in seinem Schreibtisch auf. Da standen von dem Wendlandschen Besuch noch die Schnapsflaschen. Und sie nahm eine Flasche und lief auf den Flur, und es war Kognak. Sie setzte die Flasche an den Mund und trank. Und es floß wie Feuer in ihren Schlund. Aber dies Feuer verbrannte das Feuer in ihrem Herzen, und sie schloß den Schreibtisch wieder zu, aber die Flasche nahm sie sich mit. Es war ihr ganz gleich, ob er es merkte.

Dann saß sie in ihrem Zimmer im Bett. Die Truhe und die Flasche bei sich. Und sie las in den Briefen und war wieder jung. Und er klopfte an das Fenster vom Schulhaus zu Klein-Kirschbaum und fluchte über den Stacheldraht. Und dazwischen trank sie ...

Da aber die Flasche eher leer wurde, ehe der vergessenbringende Schlaf kam, stand sie noch einmal auf und lief im Hemd zu seinem Zimmer, um sich noch eine Flasche zu holen.

Da war die Tür verschlossen!

Aber sie begriff es erst nicht und rüttelte an der Klinke, und seine böse Stimme rief von drinnen: Ich will meine Ruhe haben, verstehst du!

Sie stand da, und plötzlich fiel ihr ein, daß er denken könnte, sie wäre wegen etwas ganz anderem gekommen, und sie trommelte wütend mit den Fäusten gegen die Tür und schrie: Bilde dir bloß nichts ein! Ich wollte mir nur was holen.

Und wie gehetzt lief sie in ihr Schlafzimmer, und jetzt schloß auch sie ihre Tür ab und fieberte und wartete, ob er käme.

Aber er kam nicht, und alles blieb still.

Dann nahm sie wieder ihre Briefe vor, und über den Briefen schlief sie denn auch plötzlich ein. Sie wußte nicht wie. Und wachte wieder auf, mit schmerzendem Kopf. Und die Lampe brannte noch. Aber es war draußen schon hell. Um sie waren die Briefe verstreut. Und sie waren das einzige, was ihr noch von ihm geblieben war. Und ein langer, endloser Tag würde kommen, ohne ein einziges Wort von ihm und zu ihm. Und viele, viele solche Tage würden kommen. Da weinte sie trostlos und wußte nicht, wozu sie aufstehen sollte.

Das Jahr aber stieg und stieg und ging voran. Und Johannes Gäntschow hatte seinen Hof, und der Hof ging auch gut voran. Und er hatte sein Reitpferd, und die Leute mochten sich über den spazierenreitenden Bauern die Mäuler zerreißen, soviel sie wollten, er setzte sich doch täglich auf seinen Harras und ritt los.

Es war dabei gar nicht so ausgemacht, daß er nun jeden Tag die beiden Wendlands traf. Es wurde nie etwas Festes vereinbart. Und so traf er sie lange nicht jeden Tag, er traf sie höchstens sechsmal in der Woche.

Wenn sie sich dann aber getroffen hatten, und die Begrüßung war vorüber, so ritten sie nicht mehr lange im Lande umher, sondern die Pferde kletterten bald irgendeinen steilen Hügel zur See hinunter, und sie jagten den festen Sandstrand entlang, immer weiter, immer weiter. Und die See war mit grünen, schaumweißen Wellen neben ihnen oder glatt und klar. Es war aber doch so, als schiene in diesem Jahr immer die Sonne, und der Seewind blies ihnen frisch und duftend ins Gesicht, und nach einem langen Ritt konnte Christiane fast atemlos sagen: O Hannes, das hätten wir beide wohl nicht einmal einem Engel geglaubt, daß wir hier noch einmal so glücklich reiten würden. Selbst wenn er da auf unserer Eisscholle vor vierzehn Jahren zwischen uns getreten wäre! Es ist doch nun einmal wirklich so – aber in dem schrecklichen Shepheards Hotel in Kairo, als ich ewig Blut hustete, und der liebe, geduldige Papa predigte es mir immer wieder, aber wahr habe ich es damals schon gar nicht haben wollen –, daß auf die größte Verzweiflung noch ein Glück folgen kann. Und wenn wir uns auch noch so sehr an unseren Schmerz klammern und ihn hätscheln.

Jawohl, Frau Wendland, konnte dann der meistens schweigsame Hamburger Gatte sagen, und auf das Glück, das wir auch nicht loslassen wollen, kommt ebenso prompt wieder die Verzweiflung. Und ich muß ja nun für mein Teil sagen, daß ich dieses einmal eingerichtete und behördlich genehmigte Wellengeschaukel zwischen Oben und Unten höchst lächerlich und langweilig finde. Und da die Analyse aus Berlin wieder einmal dahin lautet: Am Wasser liegt es keinesfalls, und euer Fidder Wasser ist völlig auf der Höhe der Zeit und mit allen chemischen Einzelheiten ausgestattet und überausgestattet, so werde ich für meine Person nach diesem Ritt mich wohl zu dem alten Schwätzer Reese in den Schwedischen Hof setzen. Ich werde mich mit seinen alten, verschnittenen Getränken so voll gießen, daß ich nicht die geringste Ahnung mehr haben werde, was eigentlich Glück und was Verzweiflung bedeutet. Und ob es nicht überhaupt das Wünschenswerteste von der Welt ist, daß wir nie Kinder haben werden.

Ach, Stupps, sagte Christiane zärtlich, du hast heute wieder einmal deinen schwarzen Tag. Ich sage dir aber, aus dem weißen Apostel Reese wird heute nichts für dich. Sondern wir reiten jetzt gemütlich über den Bullenberg zurück, und Hannes und ich, wir werden uns die Trümmerstätten unserer Kindheit beschauen und dir wieder einmal die alten Geschichten vom Bullenberger erzählen, der schließlich doch ein aufrechter Mann gewesen ist, und den sie darum zu Tode gehetzt haben. Und dann werden wir uns schön in die kühle Halle setzen, und wir werden nicht dir, Stupps, sondern hier, unserm lieben Johannes, soviel Schnaps einflößen, bis er seinen selbst erfundenen, höchst unanständigen Bärentanz zum besten gibt. Und wir werden so lachen, daß wir sehr schön und vergnügt einschlafen werden. Übrigens aber bin ich, wenn ich dich so sehe, Stupps, vollkommen damit einverstanden, daß ich am ersten Herbst- und Regentage mit dir zu dem großen Dresdner Spezialisten fahren werde. – Aber es will ja wohl in diesem Jahr überhaupt nicht regnen. Sind deine Wruken auch schon wieder vertrocknet, Hannes? Wir pflanzen nun schon zum dritten Male.

Die letzten Schutt- und Trümmerhaufen auf dem Bullenberge waren nun längst von Nesseln zugewachsen, aber es waren auch Dornsträucher dort hochgekommen, und die blühten über und über. Von dem hochgewordenen Kiefernstreif kam ein Harzduft herüber, und das Land summte schläfrig im Sonnenschein.

Sie hatten ihre Pferde an ein paar Baumästen festgemacht und gingen da auf und ab und stießen mit den Schuhen in die Schutthaufen und waren vollkommen glücklich und schläfrig, bis es der Teufel, der nie schläfrig wird, so wollte, daß Wendland etwas Zertretenes, Sternförmiges in all dem Gerümpel fand.

Als er es so zweifelhaft in der Hand hielt, nahm es Gäntschow. Mit seinen geschickten Schmiedehänden bog er das alte Blechding wieder in die frühere Form zurecht und sagte: Eine Sandform, wie Kinder damit spielen, und warf es wieder hin.

Wendland aber bückte sich danach und hob es auf und sah es an und wischte daran herum. Und wie sie sich nur drei Minuten später wieder nach ihm umsahen, war er schon längst fortgeritten.

Und vor einer Stunde darf ich ihm nicht nachreiten, sagte Christiane. Soviel Zeit muß ich ihm schon bei seinem alten Reese lassen. Ich hätte ihn heute schon darüber weggekriegt. Aber da muß es dann der leibhaftige Gottseibeiuns wohl so wollen, daß er das alte Blechdings von den längst verschollenen Bullenberger Kindern findet. Du aber mußt es ihm noch erst in die Form biegen, Hannes, daß er es ganz deutlich vor Augen hat, wie so eine Kindersandspielform eigentlich aussieht, daß er sich nur gründlich genug in seinen eigenen Schmerz versenken kann – warum hast du übrigens keine Kinder?

Weil meine Frau mal durchaus die Fenster putzen mußte, Tia, antwortete Johannes und erzählte es ihr.

Ja, so weit sind wir nun nie gekommen, sagte Christiane betrübt. Und wir werden ja leider auch nie so weit kommen. Denn alles, was der Stupps da macht, mit Wasseruntersuchung und mich von einem Spezialisten zum andern schleppen, das ist ja alles der blanke Unsinn und die reine Augenverblendung. Er weiß schon ganz gut, das liegt weder am Wasser noch an mir, noch an irgendeinem Ding auf der weiten Welt sonst, nur an ihm selbst.

Und als Johannes sie fragend ansah, sagte sie zwischen Weinen und Lachen: Es ist ja so verrückt, an welchen Zufällen die wichtigsten Dinge dieser Welt hängen. Und ich verstehe es schon, daß er gar nicht darüber wegkommen kann, grade weil es so ein dämlicher Zufall ist ... Und wenn wir damals nicht kurz nach unserer Hochzeit hierher nach Fidde gefahren wären, und es wäre nicht grade Sommer gewesen, und sie hätten nicht grade Weizen gedroschen, so wäre alles anders gekommen, und ich hätte ihm schon Kinder geboren, soviel er gewollt hätte. Ich hätte mich nicht darum gedrückt.

Sie sah nachdenklich einen Dornbusch an, der ganz von kleinen Rosenblüten übersät war, und brach sich eine Rose ab und steckte sie an den Aufschlag ihrer Reitbluse.

Sie blättern rasch ab, sagte sie, aber bis zu Reese hält sie schon, und länger soll sie auch gar nicht. – Du hättest ihn ja mal sehen sollen, Hannes, den Stupps, was für ein vergnügter, lustiger Bengel der noch vor fünf Jahren war, und wie der lachen konnte! Jetzt hat er sich da eine hamburgische Steifheit zurechtgemacht, hinter der er sich verstecken kann, aber damals ist er der erste gewesen, der mit Hoiho und Gelächter die lange Leiter zum Strohdiemen hinaufgejachtert ist. Und von oben hat er Land und See angerufen, so begeistert war er vor Freude. Als wir aber wieder die Leiter runter wollten, hat er gelacht: All die Sprossen runter? Keine Idee. Ich rutsch' wie als Junge auf dem Hintern. Und ehe ich ihn noch halten konnte, war er weg. Dann hörten wir ihn schreien.

Sie hielt inne und sah in den grünen Wald. Jawohl, das Land summte in der Sonne, und es war so still, daß man einen Vogel flattern hörte.

Wie ich die Leiter hinunter gekommen bin, fuhr Christiane mit ihrem trübseligen Bericht fort, das weiß ich nicht. Aber da lag er nun unten, aschfahl, und stöhnte. Aber wie er mich sah, versuchte er doch wahrhaftig zu lächeln und sagte: Schöne Schlamperei das auf deinem Gut, Christiane, da hat doch so ein Lausebengel seine Forke am Strohhaufen stehen lassen, und ich bin mit all meinem schönen Hochzeitsgeschirr da reingefahren ... So war es denn auch. Die haben ja dann an ihm herumgeschnitten und gedoktert, daß es ein Jammer anzusehen war. Und er war ja so verzweifelt, daß er immer nur gesagt hat: Christiane, machen wir keine großen Geschichten, ich lass' mich von dir scheiden. Ich tauge nie wieder was. – Aber dann haben sie ihm gesagt: nun ist er wieder in Ordnung. Und er ist auch vollkommen wieder in Ordnung. Er ist jetzt so wieder in Ordnung, daß er sich fest einbildet, das Wasser ist schuld oder ich, aber nie er.

Sie ging zu den Pferden, löste die Zügel vom Baum und klopfte ihren Rappen zärtlich auf den Hals.

Ja, nun wollen wir ihm langsam nachreiten. Aber vor Reese biegst du ab, Hannes. Da muß ich mit ihm allein sein. Wenn es aber deine Wirtschaft zuläßt, Hannes, und deine Frau hat nichts dagegen, so könntest du heute abend mal bei uns reinschauen. Denn manchmal denke ich, über solch einen Abend ist überhaupt nie wegzukommen. Wie er da so sitzt und sich alles Elend der Welt einbildet. Wenn wir dann auch keine sehr vergnügte Gesellschaft für dich sind, für Vergnügtsein braucht man ja eigentlich seine Freunde nicht. Oder doch, Hannes?

Nein, vergnügt war ein solcher Abend bestimmt nicht. Hinter seiner Frau kam Herr Wendland schnurgerade ins Speisezimmer marschiert, untadelig saß die Krawatte, kein Härchen war von dem glatt durchgezogenen Scheitel aufgestanden, aber seine Augen blickten starr – tote Dorschaugen, wie der Gastwirt sie genannt hatte. Und er hörte, sah und sprach nicht, so toll und voll war er. Aber während Hannes und Christiane halblaut miteinander sprachen und ihr Abendbrot aßen, saß er da und starrte auf seinen Teller und sah gar nichts.

Dann plötzlich pfiff er halblaut durch die Zähne, und im gleichen Augenblick lief der alte Diener Eli, ganz gleich, was er grade in der Hand hatte, im Laufschritt aus der Tür und schloß sie fest und sicher.

Und schon flog der erste Teller gegen die Wand und die Tassen. Er warf mit Messern und Gabeln. Er legte die Füße mit staubigen Reitschuhen auf das staubige Tischtuch, er wippte gefährlich in seinem Stuhl, und bei alledem floß er über von Geschwätz, er lallte und sang, er schrie Zotenworte, er wollte zärtlich werden zu seiner Frau, von einer viehischen Zärtlichkeit ...

Ach, dieser beherrschte, wohlerzogene Hamburger Kaufmannssohn! Da ging er dahin durchs Leben und gab knapp und kühl Antwort und Befehl. Er schien vereist, aber die Schmach brannte in ihm. Er hatte eine Enttäuschung erlitten, und er kam nicht darüber weg. Das war der Bissen, den er nicht schlucken mochte. Manchmal wollte er ihn runterspülen, aber er blieb ihm in der Kehle sitzen. Er war grotesk, wie er dasaß, mit einem weißen, gedunsenen Gesicht und den toten Fischaugen, wie er Halloh schrie und all sein Heiligstes, ängstlich Bewahrtes bespie und mit Füßen trat. Wie er idiotisch lachend nach seiner Frau faßte, in der peinigenden Alkoholbrunst, wie er über einen Teppich stolperte und sich wütend, alles vergessend, nach ihm umdrehte und ihn beschimpfte, als sei der Teppich sein persönlicher Feind ...

Sie bewahrte ihn vor den schlimmsten Stürzen, sie redete ihm zu: Nun, Stupps, mein Junge, jetzt ist es gleich vorbei, wir kennen das ja ... Feste, tritt den Teller, warum ist er ein Teller geworden? Immer recht so ... Nein, jetzt kriegst du noch keinen Kuß ... Nicht zu schnell, ja, siehst du, das war der Tisch, stoß ihn weg ... Das ist der Hannes, der tut uns schon nichts. Der hat sich auch festgefahren, mein Stupps, genau so wie wir. Wenn er auch noch so stolz tut ... Wir kennen das ... Nein, Stupps, den Schlüssel zum Gewehrschrank kriegst du jetzt nicht, und ich finde überhaupt, jetzt wäre es ungefähr genug. Jetzt gehen wir beide langsam auf die Terrasse, und ich packe dich in den Liegestuhl und bleibe bei dir sitzen, bis du eingeschlafen bist. Und morgen wissen wir alle von nichts mehr, keiner weiß dann noch was ... Nicht wahr, du wartest, Hannes?

Und damit führt sie ihn hinaus. Sie hält ihn ganz fest, denn jetzt ist es, als sei eine Feder in ihm zerbrochen, so sehr torkelt er. Es ist alles von ihm abgefallen. Er murmelt Zärtlichkeiten, er ist zu Tode müde, ein Kind, das sich nach dem Schlafen sehnt ...

Und während Gäntschow in dem verwüsteten Speisezimmer auf und ab wandert und grübelnd nachdenkt, tut die Tür sich vorsichtig auf, und der alte Eli, der schon unter dem Grafen Fidde auf dem Schloß war (damals war er aber noch Kutscher), kommt herein und fängt lautlos, ohne aufzublicken an, die Verwüstung aufzuräumen.

Gäntschow sieht einmal hoch in seinem Umherwandern und sagt kurz: Lassen Sie den Harras bringen, Elias.

Der Diener sieht auf. Er steht gebückt, er hat Scherben von der Erde gesammelt. Er sieht mit dem dunklen Auge empor zu Gäntschow und sagt: Herr Gäntschow werden jetzt doch nicht fortreiten wollen? Die gnädige Frau kommt gleich.

Gäntschow sieht den Diener schweigend an.

Der Diener sagt überredend: Es ist jetzt dunkel, Herr Gäntschow, und in einer Stunde ist es auch noch dunkel, wir haben keinen Mond. Es macht nichts aus, wann Sie reiten.

Nein, sagt Gäntschow bitter, es scheint immer dunkel zu sein, Elias.

Man könnte es so sagen, Herr Gäntschow, antwortet Elias. Es hat all die Jahre nicht sehr freundlich für sie ausgeschaut.

Er macht eine Kopfbewegung zur Terrasse hin.

Sie sind immer bei ihr gewesen, Elias? fragt Gäntschow.

Jawohl, sagt Elias und räumt weiter auf. Herr Graf wollten es so. Es war ein Jammer. Erst die Jahre in der Schweiz und in Südfrankreich, und dann die Jahre in Ägypten, und immer dachte man: Morgen ist sie nicht mehr. Und alles, was recht ist – sagte Elias stärker und richtete sich auf – alles, was recht ist: immer freundlich gewesen. Und nie ein ungeduldiges Wort zu einem alten Mann von der Insel, der sich im fremden Lande nicht zurechtfinden konnte ... Und sie war doch eigentlich nie ein Lamm, das wissen Herr Gäntschow ja von früher am besten ... Weil sie mutig ist, Elias, sagte Gäntschow.

Auch, auch, bestätigte Elias. Aber der Mut macht es nicht allein. Mutig ist fast jeder. Sie hätten sehen sollen, Herr Gäntschow, oben in Davos, und nachher unten in dem unbarmherzigen Sonnenlande – den Mut zum Sterben, wenn es so weit war, hat fast jeder gehabt. – Nein, Herr Gäntschow, sagte er und schüttelte den Kopf, der Mut tut es nicht allein.

Sondern –? fragte Johannes Gäntschow und sah den alten Mann an.

Es ist wohl, sagte der und war plötzlich mißmutig und sprach leise und eilig, als spräche er nicht gerne davon, es ist wohl, weil sie die rechte Art Liebe hat. Ob das nun ihr Vater war oder ein anderer Kranker, oder irgendein Tier, oder auch ich alter Mann – zu allen hat sie die rechte Liebe gehabt, und darum konnte sie sich noch in ihrem ärgsten Leid an all und jedem freuen.

Und was ist die rechte Art Liebe, Elias? fragte Gäntschow, seltsam gespannt.

Ach, Herr Gäntschow, und wenn ich so sagen darf, Hannes, ich habe Sie ja von Kindesbeinen an gekannt, und beim Superintendenten sind Sie auch in die Schule gegangen, und darum müßten Sie es eigentlich besser als ich wissen, daß alles darüber in der Bibel, im Neuen Testament, im Brief des Apostels Paulus an die Korinther steht. Aber daß es darin steht, das macht es nicht. Und daß man es lesen kann, das macht es auch nicht. Aber daß man es in sich hat, nicht nur heute und morgen, und nicht nur für den einen und den andern, sondern für immer und für alle, das macht es.

Und damit schob der alte Diener Elias die letzten Scherben auf seine Schaufel, sah noch einmal prüfend durch das Speisezimmer, das nun wieder geordnet aussah, nickte, sagte höflich: Gute Nacht, Herr Gäntschow, und ging.

Es war nun eigentlich unvermeidlich, daß der rückbleibende Johannes Gäntschow, der unermüdlich gedankenvoll im Zimmer auf und ab wandelte, aus dem Sprüchlein des Elias eine Nutzanwendung auf sein eigenes Leben im allgemeinen und auf sein Verhältnis zu Elise im besonderen zog. Aber es ist nun einmal im Leben so eingerichtet, daß wir nur selten die unvermeidliche und nächstliegende Nutzanwendung aus den Sprüchlein ziehen, die die Welt uns darbringt, sondern daß wir stets geneigt sind, dieses Sprüchlein erst einmal unsern Nächsten und Mitmenschen als Angebinde in ihre Wiege zu legen. Und wenn also der wandernde Johannes auch an Elise dachte, so doch nur darum, um festzustellen, daß sie jedenfalls die rechte Liebe nicht hatte. Dann übersprang er sie, verweilte einen Augenblick bei Wendland, der auch die rechte Liebe nicht hatte und ihr viel zu viel auflud. Dann aber war er bei Christiane. Und er sah sie wieder vor sich mit ihrem schönen, blühenden Gesicht, wie sie dem betrunkenen Mann zugesprochen und ihn geleitet hatte. Er sah sie am Strand dahingaloppieren, mit einem strahlenden Gesicht, in Sonne und Wind am Wasser. Er sah sie, wie sie gedankenvoll die kleine Dornbuschrose am heutigen Nachmittag angesteckt hatte. Er sah sie so deutlich, in ihrer blauen Reitbluse so deutlich, daß er alles vergessend die eintretende Christiane fragte: Und wo ist die kleine Rose geblieben?

Die kleine Rose? fragte sie. Nein, die ist fort. Die ist nicht einmal bis zu Reese gekommen. Aber was ich dich fragen wollte, was mir eben eingefallen ist, als ich bei ihm saß, Hannes, und er konnte gar nicht zur Ruhe kommen, und totschießen wollte er sich auch – was ist eigentlich mit deiner Frau, Hannes?

Mit meiner Frau? Mit meiner Frau ist gar nichts.

Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an. Sie hatte ihn sofort verstanden.

Als wenn ich mir nicht gleich so etwas gedacht hätte! Aber, Hannes, wie konntest du es da bloß übers Herz bringen, sie zu heiraten?

Er sah Christiane an; er haßte dies Gespräch. Er wollte, daß es zu Ende war. Sie wohnte auf der einen Seite des Hauses und er auf der andern. Eines Tages würde sie die Sinnlosigkeit von alldem einsehen und sich scheiden lassen. Vielleicht würde er aber auch noch nachhelfen müssen, nun gut, nein, nichts mehr davon –!

Ich habe sie überhaupt nicht geheiratet, Tia, sagte er böse, sie hat mich geheiratet.

Richtig, Hannes, sagte Christiane spöttisch, und eine kleine, senkrechte Falte stand zwischen ihren Brauen. Ganz der alte Johannes Gäntschow bist du nun auch nicht mehr. Und vor fünfzehn Jahren hättest du so etwas noch nicht sagen und dich schlankweg um alle Verantwortung herumreden können. Natürlich hat sie dich heiraten wollen. Und natürlich hast du nur mit Not und Mühe schließlich großmütig eingewilligt. Und jetzt drehst du ihr einen Strick daraus, und ein angenehmes Leben wirst du ihr schon bereitet haben und bereiten, das kann ich mir alles recht lebhaft ausmalen. Dafür habe ich Stoff genug, und du brauchst mir gar nichts zu erzählen.

Er stand da und sah auf sie hinunter, die nachdenklich die Platte des Couchtisches betrachtete und die gewachsenen Holzmaserungen mit den Fingern nachzog.

Hör zu, Tia, sagte er. Ich will einmal mit dir davon reden und dann nie wieder. Ich ertrage es nicht, davon zu reden. Und ich schwöre dir, wenn du noch einmal davon anfängst ...

Jawohl, sagte sie und sah nicht auf, dann kommst du nie wieder. Ich weiß es schon. Und du könntest ebensogut sagen, du hacktest dir die Hand ab oder du schnittest dir die Zunge aus, imstande bist du immer zu allem, was dir und denen, die dich liebhaben, weh tut – das wissen wir alles.

Sie stand auf und, ohne ihn anzusehen, fing sie an, rasch und lautlos auf dem Teppich auf und ab zu gehen.

Du hast einen Fehler gemacht und hast jetzt eingesehen, wie groß der Fehler ist, und nun schämst du dich. Und weil du dich schämst, bestrafst du sie dafür. Du bestrafst sie sicher schrecklich, denn sie liebt dich doch.

Sie blieb stehen und sah ihn nachdenklich an.

Ich verstehe es ja. Es ist nur menschlich. Wir sind alle keine Engel, du nicht, ich nicht, keiner ...

Doch, doch, Tia, sagte er ernsthaft und sah sie an.

Ein leises Rot stieg in ihre Wangen: Unsinn, Hannes! Aber, sagte sie fast verzweifelt, wenn ich nun denke, daß zu allem, was ihr schon aufgeladen ist, noch die Eifersucht kommt, daß sie jetzt zu Haus sitzt und darauf lauert, daß die Tür zufällt, und daß sie weiß, du bist bei mir, – ach, Hannes, könntest du es nicht übers Herz bringen und sie öfter hierher mitnehmen?

Was soll sie hier? fragte er böse. Sie würde uns nur immer mit ihren Augen belauern. Und man könnte kein Wort reden, ohne daß sie es verdrehte. Überhaupt, ich spreche nicht mehr mit ihr, und ich will nie, nie wieder mit ihr sprechen.

Sie hatte ihm nur halb zugehört. Und nun nickte sie und sagte: Ja, es wird wohl so sein. Es würde nur noch mehr Qual für sie sein. Und, sagte sie plötzlich, und alle Wärme ihres Herzens trat ihr in die Augen, sie legte ihm ihre Hände fest auf die Schultern, und sie lächelte, wie sie vielleicht als ganz kleines Kind gelächelt hatte, wenn sie sich ein bißchen schämte. Und, Hannes, wir haben doch ein ganz gutes Gewissen? Wir lieben uns doch wirklich nicht, Hannes, nicht wahr?

Er erzitterte. In einem, diesem Moment wußte er, was er dunkel gefühlt, warum er all diese Wochen so glücklich gewesen war. In einem, diesem Moment berankten sich alle alten Stätten der Kindheit mit Rosen über Rosen, und es waren nicht die kleinen, leicht zerblätternden Buschwindröschen, eine andere, größere, süßer duftende Sorte war es.

Unsinn, Christiane, sagte er und lachte etwas, was haben wir beide mit der Liebe zu tun. Wir sind doch so gute Freunde ...

Einen Augenblick sah sie ihn noch so an, ihre Hände auf seiner Schulter. Einen Augenblick erfüllte ihn zitternde Angst, sie könnte sein Geheimnis erraten und könnte ihn fortschicken für immer und je.

Aber das kam und ging, und sie nahm die Hände fort und sagte: Siehst du, Johannes, und darum ist es ja auch so ein Jammer, daß sie sich ganz umsonst nun auch noch damit quält. Und nun magst du sagen, was du willst, denn ich wenigstens habe gottlob noch meinen eigenen Willen: Morgen nachmittag wirst du einmal nicht zu Haus sein, und ich werde allein zu deiner Frau fahren und werde sehen, was ich tun kann, ihr wenigstens diese Last leichter zu machen.

Sie seufzte. Es wird ja wohl auch nichts helfen. Und nun laß ich dir dein Pferd bringen, Hannes, denn erstens ist es tief in der Nacht, und ich bin todmüde, und dann macht es für sie schon etwas aus, ob die Tür eine halbe Stunde früher oder später klappt. Daran wollen wir doch von nun an ab und zu einmal denken.

Tu, was du willst, Tia, sagte er. Es wird ihr ja doch nichts helfen.

Und damit ging er.

Aber wenn Christiane gedacht hatte, daß er nun nach Haus reiten würde, so war das nicht so. Sondern er ritt die ganze Sommernacht im Lande umher, trotzdem nicht Mond noch Sterne am Himmel standen, ritt umher, wie der Harras gehen wollte. Und nun war ihm nicht mehr zwischen Leben und Tod, Weinen und Lachen, Tod und Traum.

Sondern nun wußte er, daß er lebte in einem Strahlen, wie er es nie für möglich gehalten. Seine Brust weitete sich unter einem weiten, erlösenden Lachen, und schöner als alle alten Träume war sein wacher Tag. Es würde sein Geheimnis bleiben, heute, morgen und alle Zeiten. Nie würde ein Mensch davon erfahren. Nicht einmal sie sollte es auch nur ahnen – aber hatte er je sein ganzes Leben geglaubt, daß er so lieben könnte, daß er so glücklich sein könnte – er, der Johannes Gäntschow von der Maschinenbauschule Stettin. »So sind sie alle, so werden sie alle« – jawohl, du alter Pauker mit deinem Fleischkoloß, du hast schon eine Ahnung von dieser Welt gehabt! Fahre dahin und krepiere, du Erd- und Fleischwanze!

Aber als er nach Haus kam, war es schon hell, und die Knechte waren schon beim Füttern im Stall, und so ging er gar nicht erst schlafen, sondern wusch sich nur kalt ab und war strahlend frisch.

Da er aber der Mann war, der er war, so kam er nicht einmal auf die Idee, sich seines guten Leumundes halber wenigstens einmal in seinem Bette umzudrehen, daß es ein wenig benutzt aussah. Olga stellte natürlich sofort fest, daß Herr Gäntschow diese Nacht nicht einmal im Hause geschlafen hatte. Und sie erzählte es der Maria, und die Maria erzählte es der Frau Gäntschow – und so war denn alles bestens für den Besuch von Frau Wendland am Nachmittag vorbereitet.

Aber ach, das hätte Christiane vielleicht noch wegreden können, denn sie war ja schließlich eine Frau und nicht von geringen Gaben. Und es wäre ihr wohl auch schließlich gelungen, dies arme, kleine Elisenherz für ein paar Wochen oder ein paar Tage von seiner Eifersucht zu befreien.

Aber das Schlimme war ja nun, daß Elise in ihrer ersten empörten Verzweiflung über das unbenutzte Bett Olga in die Superintendantur geschickt hatte. Nicht zum alten Superintendenten Marder, sondern zu dem jungen Vikar Oldörp. Denn sie war jetzt fest entschlossen, nun auch alle Rücksicht fahren zu lassen und das Land aufzurühren gegen diese Schmach und Schande, die ihr angetan war.

Als also Christiane in das Haus kam, traf sie dort nicht Frau Gäntschow allein, sondern bei Frau Gäntschow saß der Vikar Oldörp, der schon alles wußte. Elise aber hatte rotverweinte Augen. Und der Vikar saß steif da wie ein Stock, und Christiane hatte das bestimmte Gefühl, es war gerade eben von ihr geredet worden. Elise aber war stark durch die Anwesenheit des Geistlichen, und sie sagte kühl zu der gnädigen Frau, daß ihr Mann auf dem Felde sei. Sie wüßte freilich nicht wo. Aber wenn die gnädige Frau ein wenig suchen ginge ...

Nun war es ja so mit Christiane, wie es mit fast allen Menschen ist, daß wir wohl wir selbst sein können, wenn uns Liebe oder Freundschaft oder auch Gleichgültigkeit entgegengebracht werden, daß wir aber sofort zu andern werden, wenn wir Haß spüren.

Christiane hätte zu einer unglücklichen oder verzweifelten oder bösen Elise gut reden können, aber dieser Haß machte sie auch böse. Und der alberne Junge von Vikar saß auch noch so steif in seinem Bratenrock dabei.

Ja, sie machte noch einen Versuch. Sie sagte lächelnd: Nein, heute wollte sie nur einmal Frau Gäntschow besuchen. Und es habe ihr überhaupt schon lange leid getan, daß Frau Gäntschow sich so ganz von allem ausschlösse, und ob sie nicht einmal ...?

Aber Elise dachte an das leere Bett aus der letzten Nacht und verstand sofort, warum ihre Feindin grade heute kam. Und mit böser, zitternder Stimme sagte sie: Nein. Danke. Aber nein.

Christiane sah fast hilflos erst auf die junge Frau, dann auf den Vikar. Aber der Vikar sah sie auch fast böse an und nickte zwei-, dreimal mit dem Kopf. Da stand Christiane auf, sah die beiden da an, sah sie nur an und ging langsam und ohne ein Wort aus der Tür.

Oh, dieser unselige, unglücklich verlaufene Versöhnungsversuch.

Während Christiane langsam nach Haus ging, verstand sie soviel besser den Johannes, und vieles, was sie ihm vorgeworfen hatte, bat sie ihm nun ab. Sie hatte an ein armes, böse und rücksichtslos gequältes Herz geglaubt (denn sie kannte ja die Gäntschows und den Johannes vor allem), und nun hatte sie eine schlechte, bösartige Frau gefunden, bereit zu schlagen und zu verletzen, mit scharfen Zügen, mit einer scharfen, trockenen Stimme. O ja, aus der eigenen erlittenen Demütigung heraus verstand sie vieles sehr viel besser, und wenn sie bisher geneigt gewesen war, trotz aller Freundschaft die meiste Schuld bei ihm zu suchen, so hatte sich das jetzt sehr geändert. Und sie schwor sich den Schwur zu, den auch er getan hatte, daß nie wieder von dieser Frau zwischen ihnen die Rede sein sollte, und daß sie nie wieder an diese Frau denken wollte, und daß es Schluß sein sollte mit all dem Geschwätz, für heute und für immer und ewig.

Freilich, wenn Christiane die junge Frau Gäntschow gesehen hätte, wie sie an diesem Abend hilflos weinend im Bett lag, mit einer Kognakflasche neben sich, sie wäre wohl ein Grauen über all die Verwüstung und Verzweiflung, die da in einem Menschen angerichtet waren, angekommen. Denn das wußte Elise ja nun, wo der Vikar gegangen war, daß sie heute die letzte Brücke zu ihrem Mann abgebrochen hatte. Und wenn der Alkohol Träume erzeugen kann und in der Wüste des Daseins allen Durstfiebernden einen Wasserquell als Fata Morgana zeigt, er, der schmutzigste aller Verführer, den die Menschen besitzen – so kann er doch zu manchen Stunden auch klarsichtig machen. Und Elise, die da weinend in ihrem Bette lag, wußte zu dieser Stunde ganz genau, daß ein über Nacht leergebliebenes Bett noch gar kein Beweis ist.

Sie sah die Frau vor sich, die heute nachmittag bei ihr gewesen war, und in dieser Stunde wußte sie genau, daß diese Frau sein mochte, was sie wollte, eine feige Lügnerin war sie nicht – und so hatte sie ihre beste und einzige Verbündete aus dem Hause gejagt! Wenn aber Elise in dieser Stunde ihrem Herzen gefolgt wäre, so wäre sie aufgestanden und wäre losgelaufen, bis sie nach Fidde gekommen wäre, und hätte sich hingeworfen vor der andern und gefleht: Hilf mir doch! Denn ich habe ihn ja nun einmal lieb!

Aber Elise tat das nicht. Elise blieb in ihrem Bett liegen und lief nicht. Und das machte nicht nur der Alkohol, sondern auch der Vikar Oldörp. Denn dem Vikar Oldörp hatte sie alles erzählt. Und der Vikar Oldörp hatte ihr Hilfe versprochen. Und er werde nicht ruhen noch rasten, bis Johannes Gäntschow zu seiner Pflicht und ihr zurückkehre. Und sie um Verzeihung bitte. Amen.

Das aber war der andere Irrtum von Frau Christiane Wendland, daß sie glaubte, sie habe einfach zu beschließen, es sollte Schluß sein mit dem Geschwätz, weil sie nämlich ein gutes Gewissen hatte, und es werde dann auch Schluß sein. Sondern das Geschwätz schwoll an auf der Halbinsel Fiddichow und nahm zu von Tag zu Tag. Johannes Gäntschow und die beiden Wendlands merkten es noch nicht. Aber aller Augen sahen ihnen nach, wo sie gingen, standen und ritten. Und jeder Besuch wurde gezählt, und jedes erhaschte Wort wurde entstellt, und jeder Blick wurde gedeutet.

Die Wendlands saßen sicher auf ihrem Schloß. Sie gehörten nicht dazu. Sie hatten Umgang mit den paar Rittergutsbesitzern, und sie mochten tun und lassen, was sie wollten. Man konnte über sie lachen oder schimpfen, aber das war nichts.

Doch Johannes Gäntschow – dieser wahnsinnige, hirnverbrannte Johannes Gäntschow – da hatte ihm der Gastwirt Reese seinerzeit so schöne Vorlesungen gehalten, daß der Mensch nicht gut allein sei – und was tat er? Er sprach mit keinem Bauern. Er holte die alte, blöde Tafel wieder vor und stellte sie auf, er kaufte sich ein Reitpferd und ritt damit über Land. Ein Bauer, der spazieren ritt, der zu arbeiten hatte und spazieren ritt, wo die Anspannung überall zu knapp war, und der hielt sich ein Reitpferd – was ein Mäulerzerreißen! Was ein Haß!

Die Wendlands spürten nichts davon. Sie wohnten in ihrem Schloß, sie hatten städtische Dienstmädchen und einen alten Diener. Zu ihnen drang kein Hauch der Gerüchte. Zwischen ihnen und ihren Hofleuten stand ein Inspektor, der alles abfing. Aber zwischen Johannes Gäntschow und seinen Leuten stand niemand. Er merkte es an ihrer Trödligkeit, an ihrer Muffigkeit, an ihrem frechen Grinsen – Hoiho! das war etwas für ihn!

Nein, er brüllte nicht, er schrie nicht. Er schmiß nicht einmal einen raus, aber er verhöhnte sie ins Gesicht hinein. Er ließ sie morgens antreten, und er sagte ihnen klipp und klar, daß nur einer auf seinem Hof faul sein könnte: Und das bin ich! Mehr Faulpelze trägt der Hof nicht.

Dann nahm er eine Sense und ging mit ihnen Weizen mähen.

Der Weizenschlag war schon am vergangenen Tag von zwei Tagelöhnern angemäht. Heute sollte hier mit sechs Mann gemäht werden. Gäntschow war der siebente.

Du fängst an, sagte Gäntschow zu dem alten Güldener, der schon bei seinem Vater in der Ernte geholfen hatte. Er bestimmte die Reihenfolge so, daß er als zweiter mähte.

Seit seiner Lehrzeit auf Klein-Kirschbaum hatte er nicht mehr gemäht. Er mißtraute seiner Kunst. Darum wollte er nicht vormähen. Zugleich war er fest entschlossen, durchzuhalten und den Leuten keine Gelegenheit zum Lachen zu geben.

Güldener hatte die Sense gewetzt, sagte: Also dann! und fing an zu mähen. Er war ein kleiner, alter Mann. Er mähte schnell und mühelos und nahm dabei einen sehr breiten Schwad. Er ging ganz aufrecht beim Mähen und bewegte die Sense so leicht, als sei es Spielerei. Gäntschow hinter ihm bemühte sich, alles recht gut zu machen. Bei den ersten zwei oder drei Hieben schwankte seine Sense noch hin und her. Er hörte unterdrücktes Lachen hinter sich, und eine Stimme sagte: Wenn wir solche Stoppeln stehenließen –!

Nur ruhig, dachte Gäntschow. Ich darf nicht so mit den Armen hampeln. Ich muß aus dem Oberkörper heraus mähen – und sein Mähen wurde besser. Güldener mähte gleichmäßig, schnell und ohne auf den Herrn zu achten, vor ihm weiter. Nach den ersten dreißig Streichen fühlte Gäntschow schon, wie ihm der Schweiß über Gesicht und Rücken lief. Aber er sah starr auf die Hacken seines Vordermannes und sagte sich mechanisch, ohne etwas zu denken: Nur ruhig! Seine Lunge keuchte. Einen Augenblick dachte er: ich kann nicht mehr – in diesem Augenblick blieb Güldener stehen, wischte das Sensenblatt mit einer Hand voll Unkraut ab und fing an, die Sense zu wetzen.

Auch Gäntschow richtete sich gerade. Das Kreuz schmerzte ihm schon, aber während er seine Sense wetzte, dachte er freudig: Ich halte durch.

Also dann! sagte der alte Güldener, und die Sensen fingen wieder an, durch den Weizen zu zischen.

Das Getreide schien mit einer leisen Wellenbewegung auf Gäntschow zuzukommen. Es schien sich schon zu beugen, ehe es die Sense noch ganz berührte, dann sank es mit einem leisen Klirren um.

Manchmal vergaß Gäntschow schon jetzt ganz, daß er mähte, trotzdem sein Rücken schweißnaß war und die Lunge keuchte. Er fühlte sich so frei und glücklich, wie kaum je in seinem Leben.

Güldener blieb wieder stehen und wetzte die Sense. Sie waren am Ende des Schlages angelangt. Für den Anfang nicht schlecht, Hannes, lobte er. Du brauchst den Schwad aber nicht zu breit zu nehmen. Sonst hältst du es nicht durch.

Auch die andern Männer standen dabei und sahen Gäntschow an, jetzt mit anderen Augen. Er muß doch so breit mähen. Güldener, sagte gutmütig lachend Neckritz. Er ist doch der Herr und mäht für sich selbst.

Sie gingen langsam mit geschulterten Sensen den Schlag wieder hinunter. Am Rain angekommen, warfen sie ihre Jacken ab.

Also dann! sagte Güldener, und das Mähen begann von neuem. Diesmal ging es schon viel besser. Gäntschow merkte, wie sein Oberkörper ganz gleichmäßig in den Hüften hin und her schwang. Die Sense bewegte sich mühelos in seinen Händen und ließ die Halme umfallen. Ganz mechanisch wich sie jedem Stein und jedem Maulwurfshaufen aus. Ich muß nachdenken, sagte er sich manchmal, ich mähe doch hier, um den Leuten zu zeigen ...

Aber er wußte gar nicht mehr, was er ihnen eigentlich hatte zeigen wollen. Ein unendliches Glücksgefühl erfüllte sein Herz. Es ist ja alles Unsinn, dachte er. Aber was das »alles« war, und worin der »Unsinn« lag, das wußte er nicht.

Sie mähten immer weiter. Ab und zu dazwischen blieben sie stehen, wischten die Sensen ab und wetzten. Aber er rechnete schon nicht mehr mit diesen Haltepunkten. Er hatte sie nicht mehr nötig. Er liebte seinen geschickten, starken Körper wieder, er war stolz auf ihn, wie er manchmal stolz auf ihn in der Werkstätte in Greifswald gewesen war.

Nach der Frühstückspause sagte Güldener: Nun mach du mal voran, Hannes, du kannst es schon.

Nein, ich will jetzt als Letzter mähen, entschied Gäntschow.

Er will uns drängeln, spottete einer lachend. Paß auf deine Hacken auf, Neckritz, jetzt will er dir zeigen, wie schnell er mähen kann.

Gegen Mittag hörte Gäntschow die Leute wieder flüstern, wie sie am Morgen zuerst geflüstert hatten. Und als er sich umsah, hielten zwei Reiter auf dem Feldweg. Er trat nicht aus der Reihe. Er wetzte am Feldrande ruhig mit denen die Sense. Die Leute schwiegen. Es wurde kein Scherz gemacht. Kurz vor dem Neuanfangen rief er Güldener zu: Warte, es dauert nur einen Augenblick. Und dann ging er zu den Pferden und begrüßte Christiane und Wendland.

Müssen Sie sowas machen? fragte Wendland mißbilligend. Sie sehen ja doll aus.

Ich weiß nicht, antwortete Gäntschow lächelnd, aber ich mache es.

Christiane sah ihn vom Pferde oben an. Es macht Freude, nicht? fragte sie.

Wissen Sie was, Gäntschow, sagte Wendland. Ich schicke Ihnen heute nachmittag meine Mähmaschine. Die haut in einem Tag das Schlägelchen runter.

Danke, Herr Wendland, sagte Gäntschow. Danke wirklich. Aber wissen Sie, es wäre nicht dasselbe.

Wir wollen heute nachmittag zu den Hünengräbern reiten ...

Donnerstag nachmittag, entschied Gäntschow. Ja, Christiane, ich muß nun weiter.

Er lächelte ihr zu, schüttelte beiden die Hand und ging zu seinen Leuten. Er merkte, sie blieben noch einen Augenblick halten. Dann, als er zwei Minuten gemäht hatte, hörte er den Hufschlag und das Janken der Sättel.

Die halbe Stunde bis zum Mittagessen wurde ihm schwerer als das Mähen des ganzen Vormittags. Er war mißmutig und zerstreut. Er fühlte, daß auch die Leute jetzt mißmutig waren. Einer brummte einmal: Mähmaschine! Das will ich glauben, damit wir zu Haus sitzen können.

Er dachte wieder: Es ist ja alles Unsinn. Aber diesmal wußte er, was er damit meinte.

Nun, der Nachmittag wurde besser. Und die nächsten Tage waren sogar sehr gut. Aber am Mittwoch war es ihm dann schon ein bißchen über. Und am Donnerstag vormittag konnte er den Nachmittag nicht erwarten. Es stellte sich heraus, daß sie am Mittag noch nicht fertig wurden. Es blieb noch ein Stückchen für den Nachmittag. Aber er ging doch nicht wieder mit aufs Feld. Er ritt in einem Bogen nach Fidde, damit ihn die Leute beim Weizenmähen nicht sahen.

Als er am Abend, von Fidde heimkehrend, über den Schlag ritt, war nicht einmal das kleine Reststück fertiggeworden. Nun gut, es war aber wirklich alles Unsinn, was er da angefangen hatte. Weder würde er den Leuten ihre Faulheit abgewöhnen, noch ihnen die Mäuler stopfen. Er begriff nicht, daß er so etwas erst angefangen hatte. Er sollte doch diese Biester kennen! Aber wütend war er über sich, daß er in einem Bogen nach Fidde geritten war. Wurde er jetzt etwa feige? Er hatte keine Ursache zur Feigheit. Es lag kein Grund vor, sich zu verstecken. Und er würde sich auch nicht wieder verstecken!

Dann kam die Sache mit der Predigt des Vikars Oldörp. Und Gäntschow zeigte den Leuten, was er von Feigheit, Verstecken und ihrem Geschwätz hielt!

Da war nun diese schreckliche Geschichte mit dem jungen Gäntschow und der Frau Wendland vom Schloß Fidde. Es war gar kein Zweifel, daß die Volksseele am Kochen war. Es war ja nicht nur das Reitpferd. Trotzdem das Reitpferd natürlich eigentlich unverzeihlich war. Man ritt höchstens mal ein Pferd in die Schmiede – und dann saß man in Holztüffeln drauf. Und am liebsten auch noch, wie eine Frau sitzt: beide Beine an der einen Seite baumelnd. Aber dieser junge Gäntschow hatte nie etwas getaugt. Die ganze junge Generation hatte nichts getaugt. Da war der schon sagenhafte Alwert, der sich an Kühen vergangen hatte. Da war der Max, der es auch mit anderer Leute Ehefrauen hatte und der dann eine ganze Familie zum Dank für das Vergnügen verbrannte. Da war dieser Johannes – jawohl, jawohl, ich erinnere mich, Nachbar, als zehnjähriger Bengel hat er schon in der Betrunkenheit seine Schwester ins Jauchenloch gerissen, daß sie ertrank. Zweimal hat ihn sein Vater aus dem Hause getan, weil er zu nichts taugte. Aber er war wiedergekommen und hatte damit angefangen, daß er seine alte Mutter aus dem Haus jagte und ihr das Ersparte stahl. Wie er seine Frau behandelte, das war ja wohl gar nicht zu sagen. Und alles mußte man den Leuten auch nicht glauben. Aber daß sie einherging, wankend wie der liebe Tod, und daß sie so verzweifelt war, daß sie schon in der guten Stube beim Kaufmann Stavenhagen saß – das hatte ja wohl jeder vor Augen. Dieser Kerl verhöhnte alles. Da hatte er einen notorischen Dieb auf den Hof genommen. Den alten Ellmers, der schon drei- oder viermal in Bergen und Stralsund und Greifswald im Kittchen gewesen war. Und da hatte sich Gäntschow auf dem Hof eine Lichtanlage bauen lassen mit drei großen elektrischen Lampen, die den ganzen Hof hell machten. Wie am Tage. Es war aber kein Schalter an diesen Lampen, sondern man mußte einen Schlüssel haben, um sie in Gang setzen zu können. Gut. Was machte Gäntschow?

Morgens, als die Leute angetreten sind, schenkt er vor allen Leuten dem alten Ellmers einen Schlüssel zum Licht: Da hast du ihn. Damit du auch sehen kannst, wenn du bei mir klauen willst.

Hund, der, der verrückte. Einem Jungen, der bei ihm Eier gestohlen hatte, hatte er auf eine magische Weise mit Kapitän Düllmanns altem Fernrohr den Schädel durchleuchtet, bis er alles gestand. Und der arme Junge war ja halb verrückt darüber geworden!

Ein Wunder, daß er immer noch Leute fand, die bei ihm arbeiten mochten, aber die Leute, dieses Pack, hingen ja noch an ihm, schimpften über ihn, lachten über ihn, aber blieben bei ihm. Ein Wunder, daß auf seinen Feldern bei solcher Wirtschaft noch etwas wuchs. Aber richtig hatte er die besten Kartoffeln und den schönsten Weizen auf der Insel.

Manche sagen, es liegt daran, weil er zaubern kann. Und sein Mädchen, die Olga, hat gehört, wie er dem Ferkelhändler aus Sagard erzählt hat, in den großen Städten habe er hexen und blaufärben gelernt – aber man muß den Leuten auch nicht alles glauben, Nachbar!

Was er aber mit seiner Frau im Schloßpark von Fidde gemacht hat, das liegt offen zutage. Wie die arme Frau ihm nachgelaufen war in ihrer Verzweiflung, und einen Kleinen soll sie ja auch getrunken haben beim Kaufmann Stavenhagen, alles, was wahr ist – wie sie ihm da also nachgelaufen ist, weil er nie nach Haus kommt und immer dort rumhockt auf dem Schloß.

Sie hat im Park gestanden und hat zu den Fenstern hochgesehen. Und da ist ja wohl die Gnädige ans Fenster getreten und hat gemerkt, wie sie hochstarrte, und ist ganz bleich und schnell wieder zurückgetreten. Er aber ist hinuntergekommen und hat ohne ein Wort seine Frau beim Arm genommen und aus dem Park geführt, ganz weiß ist er gewesen und hat gezittert vor Zorn, daß die Frau vor Angst immerzu geweint hat.

Und wie sie vor dem Park auf der Landstraße gewesen sind, hat er sich auf einen Chausseestein gesetzt und hat ihr Schuh und Strümpfe ausgezogen, so wahr ich hier stehe, Herr Vikar, das hat er gemacht, und hat zu ihr gesagt: Wenn du spionieren willst, dann sollst du auch lernen, wie weh spionieren tut. Nun lauf.

Und er ist weggegangen mit den Schuhen und Strümpfen, natürlich wieder ins Schloß, und die arme Frau hätte ja wahrhaftig mit ihren weißen, kleinen Füßchen die sechs Kilometer nach Warder laufen müssen, wenn der Bauer Langbehn sie nicht zu sich auf seinen Wagen genommen hätte. So ein Untier ist das. Und wenn Sie es mir nicht glauben, Herr Vikar, so fragen Sie die Frau Gäntschow selbst und den Bauern Langbehn, wie er sie da gefunden hat, und ob so etwas nicht eine Schmach und Schande ist und nicht an den Pranger müßte, das weiß ich ja nicht, Herr Vikar.

Der Vikar Oldörp aber wußte es, und er wartete nur auf seine Gelegenheit. Und eines schönen Sonntags schlüpfte denn auch der Kirchendiener zu ihm in die Sakristei und flüsterte ihm aufgeregt zu: ja, nun sei es so weit, nun seien sie da.

Und der Vikar ließ sofort seinen ganzen schönen, vorbereiteten Predigttext fallen und holte einen andern aus seinem Herzen, der aber auch gut vorbereitet war. Er erstieg seine Kanzel, und zu seinen Füßen sah er in dem schönen, altersbraunen Kirchenstuhl der Grafen Fidde das Ehepaar Wendland sitzen. Denn Christiane Wendland war eben auch wie alle Frauen, die lieber nach ihrem Herzen als nach ihrem Kopf handeln. Und wenn sie auch für ihr Teil nicht sehr gläubig war, so mochte sie das ja ihrem alten Lehrer, dem Superintendenten Marder, nicht antun, daß sie gar nicht mehr in seine Kirche ging. Zudem wußte sie von ihrem Vater, daß man den Leuten die Religion erhalten und ihnen ein Beispiel geben muß.

So saßen denn die Wendlands wieder einmal in ihrem Kirchenstuhl und hörten sich eine Predigt an von der schweren Sünde des Ehebruchs und von den großen Leuten, die ein Beispiel hätten geben müssen und ein Gespött geworden seien im Lande. Alle Sprüche mußten sie anhören von dem Weibe, das man nicht ansehen darf, ihrer zu begehren, bis zu dem »Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr«.

Christiane aber dankte ihrem Schöpfer, daß sie einen so selbstbeherrschten, kühlen Hamburger zum Mann und neben sich im Kirchenstuhl hatte, der nicht eine Miene verzog, sondern aufmerksam bald den Geistlichen, bald die versammelte Gemeinde betrachtete, in seinem Gesangbuch etwas nachsah, bei einer donnernden Stelle sorgfältig mit einem Seidentuch die große, helle Schildpattbrille putzte und der gerade und vergnügt plaudernd an ihrem Arm zu dem vorgefahrenen Wagen ging.

Und, o Gott, Hannes, sagte sie wieder einmal zwischen Weinen und Lachen, wenn ich dich bei mir gehabt hätte, du hättest ja wohl mit dem dicken Gesangbuch nach dem Idioten, dem Oldörp, geschmissen oder hättest noch lauter als der zu schreien angefangen, trotzdem das eigentlich gar nicht ging. Aber nun wird uns beiden ja gar nichts anderes mehr übrig bleiben, als daß wir wirklich Ehebruch treiben, damit Vikar Oldörp und die Gemeinde und die Insel und deine liebe Frau dazu endlich ihren Willen bekommen.

Ich fahre morgen auf das Konsistorium, erklärte Wendland kurz und bestimmt.

Ja, das wirst du tun, Stupps, sagte sie. Und da du dich doch nicht zurückhalten läßt, sage ich auch kein Wort dagegen. Und selbstverständlich wird unser eifriger Freund Oldörp abberufen werden, und alle Leute werden schreien, daß die großen Leute immer Zusammenhalten und tun und treiben dürfen, was sie wollen. – Aber was hier unser Freund Johannes Gäntschow erst anfangen wird, daran mag ich gar nicht denken, und danach mag ich gar nicht fragen. Denn dann schliefe ich wohl in den nächsten Nächten überhaupt nicht mehr.

Das Schlimme für Johannes Gäntschow aber war, daß er noch gar nicht wußte, was er tun sollte, und daß er in einer heißen Flammenwut umherging und Tag für Tag an seinem eigenen Zornesfeuer verbrannte. Denn daß er es diesem Oldörp besorgen mußte, daß der bestraft werden mußte, so viel war sicher. Und daß das keine einfache Ohrfeige oder eine Tracht Prügel sein durfte, so viel war auch sicher.

Als aber das Ende der Woche herangekommen und ihm immer noch nichts eingefallen war, da lief ein Junge auf den Hof und meldete, daß morgen Gäntschows den Herrn Pastor zu einer Hochzeit nach Pattchow fahren müßten, denn sie seien dran. Um Punkt zwei hielt der große Gäntschowsche Landauer mit zwei großen kräftigen Pferden vor der Superintendantur, und auf dem Bock saß ein großer, starker Mann als Kutscher, in einem langen, blauen Frack mit blanken Knöpfen, mit einem blauen Zylinder, mit einem langen, flachsenen Vollbart bis zum unteren Rockknopf. Unpünktlich und eilig kam Vikar Oldörp aus dem Haus geschossen und in den Wagen herein. Und während er noch auf den Rücksitz sank, rief er laut mit seiner hellen, etwas kreischenden Stimme: Fahren Sie zu, Kutscher. Um drei müssen wir in Pattchow sein!

Der Kutscher aber stieg erst noch einmal steifbeinig vom Bock herab und machte sich noch was an der Kutschentür zu schaffen, und der Vikar sagte sehr ungeduldig: Nun machen Sie schon zu. Was ist denn mit der Tür? – Übrigens hätten Sie den Wagen auch gut schließen können. Es ist Oktober und kalt.

Aber ohne ein Wort stieg der Kutscher wieder auf seinen Bock, und nun fuhr der Wagen in schlankem Trabe durch Kirchdorf, und wenn Leute ihm an diesem regnerischen, kalten Sonntagnachmittag nachsahen, so wunderten sie sich vielleicht, daß ihr Vikar in einem Wagen mit Türen fuhr, die mit derben Stricken zugebunden waren.

Sie aber waren schon aus dem Dorf und fuhren immer rascher die Landstraße nach Pattchow entlang, und der Vikar sah ein bißchen müde und schläfrig von dem guten Mittagessen auf die von herbstlicher Nässe triefenden Felder.

Plötzlich fuhr er erschrocken hoch. Sein Kutscher hatte ein wüstes Hoiho! ausgestoßen. Der Wagen bekam erst vorne einen fürchterlichen Stoß, und der Vikar schoß mit dem Kopf gegen die Vorderwand, dann nach hinten. Und der Vikar fiel wieder zurück. Nun merkte er, wie das Gefährt in immer rascherem Tempo über Felder raste, während der Kutscher wild mit der Peitsche fuchtelte und laute, anfeuernde Rufe ausstieß.

Sie waren aber schlankweg von der Chaussee durch einen tiefen Graben gefahren. Der Wagen fuhr immer schneller, immer wilder. Er tanzte auf dem scholligen Acker wie ein Schiff auf hoher See. Er stieß gegen Steine, seine Räder prallten und stöhnten. Der Vikar hielt sich hier und dort fest, fiel aus dieser Ecke in jene, landete auf dem Boden, krabbelte wieder hoch, rüttelte an den Türen – und immer sah er vor und über sich den breiten, langen, blauen Rücken, hörte die Peitsche knallen und klatschen und die wilden Schreie ...

Er war sich klar, daß ein Wahnsinniger, ein Verrückter ihn fuhr. Er versuchte, ihn anzusprechen. Aber irgendein Stoß erstickte ihm das Wort in der Kehle.

Doch plötzlich wandte sich der Kutscher zu ihm um, grinste mit einem scheußlich verzerrten Gesicht, deutete mit der Peitsche nach vorne und schrie: Gleich ist es alle, Pfaffe, gleich stirbst du!

Und mit einem wilden Hoiho! wandte er sich wieder zu seinen Pferden.

Der Vikar sah nach vorne und erstarrte. Denn hinter dem Lande tauchte dort die See auf. Die graue, trübe Oktobersee mit den hohen Wellen und weißen Wogenkämmen. Eiliger, grausamer pfiff der Oktoberwind – aber das Schlimmste war, er wußte ja, es ging hier fünfzehn, zwanzig Meter steil zur See ab – er war verloren!

Er fing an zu schreien und zu flehen, er trommelte mit seinen schwachen, ohnmächtigen Fäusten gegen den blauen Rücken, er riß an den Türen, er kletterte auf den Sitz, er erwog sinkenden Herzens einen Sprung und zögerte und schrie wieder, versprach alles, was er hatte ... mehr, als er hatte, goldene Berge.

Wunderlich ging es dem wilden Gäntschow auf dem Bock. Es hatte eine Strafe sein sollen und ein Witz, durch den man den Pfaffen im ganzen Lande lächerlich machte. Aber wie die Pferde so dahinjagten, wie er das feige Gewimmer hinten im Wagen hörte, wie er merkte, daß der Vikar nie, nie den Sprung aus dem Wagen wagen würde, fast ungefährlich bei dem weichen Ackerboden – da war eine Wut in ihm hochgekommen gegen solch feiges Gezücht, das mutig und großsprecherisch und mörderisch aus dem sicheren Verhau der Lebensstellung heraus war, und das sofort in sich zusammensackte, wenn es auf sich selbst gestellt wurde, wenn es zeigen sollte, welcher Kern in ihm saß.

Vernichten, dachte er. Totquetschen, dachte er.

Und der braune, fahle Lehmrand der Steilküste kam näher und näher – er hatte ja nie die Absicht gehabt, die Todesfahrt dort hinunter zu machen, er hatte ihn nur erschrecken wollen, den Feigling. Doch näher und näher kam der Rand, eine zauberische, verführerische Gewalt lag in dem Absturz, den er noch nicht sah, aber kannte, eine tiefe, namenlose Trauer erfüllte sein Herz. Welt voller Feiglinge, unwert darin zu leben, Welt voller Schmutz und Lüge, die auch mich zu Schmutz und Lüge zwingt, denn ich liebe sie ja ...

Mit der Peitsche und den Zügeln trieb er die Pferde an. Stille jetzt ...

Und da kam der Rand. Er sah einen dicken Wacholderbusch. Nun schnellten die Pferde zurück, aber zu spät, zu spät. Unten war der steinige Strand. Der schwere Wagen drückte nach, er schloß die Augen, ließ die Zügel fahren, klammerte sich an den Sitz ...

Er hatte einen klaren Gedanken: ich darf nicht früher herausfallen als der. Ich darf nicht mit dem Leben davonkommen, wenn er ...

Ein Hexensabbat von Lauten schien in einer atemlosen Stille zu tönen ...: das Brausen des Windes, das angstvolle Keuchen und Stöhnen der Pferde, das starke Geräusch der Wogen, knirschender Sand, rollende, dumpf aufschlagende Steine, helles Eisengeklirr ... aber aus dem Wagen kein Laut mehr.

Es war sehr schwarz, und alle Quälerei im ganzen Leben war umsonst gewesen: jeder stirbt allein, und allein zu sterben ist bitter.

Ach, der Wagen, der Wagen! Er schwebte, er fiel, er jagte, er rutschte, er stieß gegen die Steine – und die Zeit stand still, die Zeit stand still, stand endlos lange still ...

Plötzlich schlug ein Schwall Wasser gegen sein Gesicht. Das Brausen war auf allen Seiten um ihn. Er öffnete die Augen. Die rechte Vorderwand des Wagens bekam einen fürchterlichen Schlag, es krachte und splitterte, er flog in einem Bogen fort, sah Wasser vor sich, machte unwillkürlich drei oder vier Schwimmstöße, sprudelte und spuckte, fühlte Grund, stand ...

Da war der Wagen, schief geneigt, die Wellen spülten um den Kutschentritt, die Pferde standen mit zerrissenem Geschirr aufgeregt zitternd davor, und die Wellen brachen sich an ihrer Brust.

Plötzlich erinnerte er sich des Vikars. In den letzten Sekunden hatte er ihn völlig vergessen. Er lief, so rasch er konnte, zum Landauer. Da saß der Mann in einer Wagenecke, mit wachsgelbem Gesicht, geschlossenen Augen.

Herr Oldörp, rief Gäntschow, Herr Oldörp.

Der Vikar schlug die Augen auf und sah ihn voll an.

Herr Oldörp, sagte Gäntschow und löste den Strick von der Wagentür, ich fürchte, ich werde Sie nicht weiter nach Pattchow fahren können. Mein Wagen ist nicht mehr ganz in Ordnung.

Herr Gäntschow, sagte der Vikar Oldörp. So. Herr Gäntschow. Er schloß wieder die Augen und blieb ruhig in seiner Wagenecke sitzen. Aber er sah nicht mehr so aus, als hätte er irgendwelche Angst. Gäntschow stand im Wasser. Er war sich ganz unsicher, was er mit diesem veränderten Mann anzufangen habe.

Der Vikar machte wieder die Augen auf: Sie dürfen vollkommen sicher sein, Herr Gäntschow, daß ich nie wieder ein Wort über Sie oder Frau Wendland sprechen werde. Denn das ist mir jetzt klar geworden, daß ich Unrecht getan habe. Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Gäntschow.

Gäntschow verzog das Gesicht.

Nun gut, Sie mögen so etwas nicht hören. Ich verstehe. Sie sind nicht für Verzeihung und Vergebung der Sünden. Sie sind für Strafe und Sühne. Aber, Herr Gäntschow, Sie sind mir heute ein sehr grausamer Richter gewesen, und vielleicht nicht nur heute bei mir. Gebe es Ihnen Gott, daß Sie nicht auch einmal so grausam gerichtet werden. Wir bedürfen alle der Vergebung und der Gnade.

Zweifelsohne, sagte Gäntschow höflich. Er wußte sich nicht zu helfen. Ein unwiderstehlicher Lachreiz quälte ihn. Da hatte er eben noch um sein Leben gekämpft, war halb gestorben und wieder auferstanden, da stand er bis zu den Hüften im kalten Wasser, und der Herr Vikar saß in der Ostsee in einem zerbrochenen Landauer. Und dieser Mensch benutzte den ersten neuen Atem, um ihm eine neue Predigt zu halten ...

Rettungslos, aussichtslos, ein verkorkstes Geschlecht. Buttermilch statt Blut. Gefasel statt Gefühl. Redensarten statt Gehirn ... Vielleicht darf ich Sie ans Land tragen, Herr Oldörp, schlug er vor, Sie würden sonst nämlich naß.

Ich wäre Ihnen dankbar, sagte der Vikar.

Und so trug denn Johannes Gäntschow den Vikar Oldörp durch das Wasser an den Strand. Der Vikar hatte die Arme um seinen Hals geschlungen, und Gäntschow hielt mit seinen Händen die geistlichen Schinken fest. Huckepack sagt man dazu.

Sie brauchen dort nur um die Küstennase herumzugehen, da liegt ein Ausbauhof von Pattchow, sagte Gäntschow.

Danke, danke, sagte der Vikar. Und also dann: Keine Feindschaft.

Er streckte Gäntschow seine Hand hin.

Da aber war es bei dem zu Ende. Er setzte sich auf den nächsten besten Stein und brach in ein überwältigendes Gelächter aus: Ach Gott, Herr Oldörp, ach Gott, ach Gott, stöhnte er lachend. Wenn ich gewußt hätte, was für ein harmloser Trottel Sie sind, ich hätte Sie nie und nimmer diesen Berg hinuntergefahren.

Und immer noch lachend watete er wieder ins Wasser, um endlich die Pferde vom zerbrochenen Wagen loszumachen. Als er beim Durchschneiden der Sielen einmal hochsah, sah er den schwarzen, seelsorgerischen Rücken würdig und gerade um die Küstennase entschwinden.

Es war unvermeidlich, daß diese Geschichte herumkam bei den Leuten auf Fiddichow. Unvermeidlich, und doch eigentlich rätselhaft, wieso. Denn Johannes Gäntschow hatte bestimmt mit keinem andern über die Sache gesprochen, nicht einmal mit den Wendlands. Mit den Wendlands zu allererst nicht. Und es war ja auch ganz unwahrscheinlich, daß Vikar Oldörp sie weiter erzählt hatte. Es war ganz und gar keine Geschichte für ihn zum Weitererzählen.

Trotzdem wußten die Leute sie nach vierundzwanzig Stunden. Vielleicht hatte doch einer die zugebundenen Türen gesehen, ein anderer hatte den Gäntschowschen Wagen unten in der See entdeckt, trotzdem ihn Johannes noch am gleichen Tage geholt hatte.

Der Ausbaubauer von Pattchow, bei dem der Vikar um Fuhrwerk gebeten, hatte vielleicht etwas erzählt. Und die Hochzeitsgäste in Pattchow wieder etwas anderes. Und dann hatten die Knechte aus dem Gäntschowschen Stall ihren Teil dazu gegeben. Sie hatten doch die nassen, verschreckten Pferde abreiben müssen – genug, die Geschichte tauchte an zehn Stellen zugleich auf. Sie ging wie ein Lauffeuer über die Insel, und für Johannes hatte sie erst einmal die etwas überraschende Wirkung, daß die Leute wieder anfingen, ihn zu grüßen, mit ihm zu reden.

Dein Weizen auf dem Weisel steht aber großartig, Hannes, sagten sie und meinten damit: du Teufelskerl, du Donnerskerl!

Nicht ganz dasselbe meinte Frau Christiane, wenn sie sagte: Als wenn ich nicht so etwas gedacht hätte, Hannes! Aber ich habe dich ja absichtlich nicht gefragt, und es ist wahrhaftig für meine Ruhe besser gewesen. Da haben wir nun also wieder was gemacht. Und wahrscheinlich sind wir nun sogar noch stolz darauf. Und dabei haben wir uns doch eigentlich den ganzen Bilderbogen ziemlich genau in unsern Kindertagen besehen, und ›der Bullenberger‹ stand darüber. Und am Schluß war ein Schuß und ein Grab ohne Stein. Aber man soll es auch nicht übertreiben. Denn der Bullenberger hatte höchstens zwanzig Mann gegen sich, du aber die ganze Insel. Und was am Schluß des Bilderbogens Johannes Gäntschow stehen wird, davon kann ich wohl träumen, reden aber will ich nicht davon ...

Und was träumst du von dem Schluß, Tia? fragte Johannes.

Ja, das möchtest du nun wohl wissen. Denn eitel bist du wie alle Männer. Und du bist überhaupt der eitelste Mann, den ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Und einen heroischen Schluß mit Blut und Flammen und möglichst einem ganzen Weltuntergang, den hättest du natürlich am liebsten. Aber ich fürchte, Hannes, es wird nichts damit. Das Schicksal arbeitet etwas hinterlistig, die stärksten Helden wirft am Ende eine Kinderhand um ...

Sie stand am Fenster, sah in den grauen, regnerischen Tag hinaus und fing an, mit den Nägeln einen leisen Wirbel gegen die Scheiben zu klopfen. Sie brach ihn aber rasch wieder ab, drehte sich um und sagte: Ich will euch sagen, was ich jetzt tun werde: ich werde meine Senta satteln und ein bißchen ausreiten. Nein, bleibt ihr hier bei euerm Schach. Die Sache mit Oldörp ist mir doch etwas auf die Nieren geschlagen, und ich möchte mir die Welt ein bißchen ohne Männer ansehen. Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt doch zu viel Männer, mehr jedenfalls, als eine einzelne Frau ertragen kann. Und da wird mir das Zusammensein mit einer vernünftigen Frau wie der Senta nur gut tun. Sie lachte, und lachend ging sie aus dem Zimmer.

Gäntschow, Herr Gäntschow, sagte Wendland etwas mißbilligend und setzte dabei die Schachfiguren auf, so etwas tut man nun aber wahrhaftig nicht. Dieser Oldörp, ich weiß wirklich nicht, wie Sie sich an so etwas vergreifen können. Der ist doch überhaupt kein Mensch.

Sie müssen ihn einmal danach fragen, sagte Gäntschow.

Danke, sagte Wendland, ich bin nie für Abstimmungen gewesen. Ein ordentlicher regierender Bürgermeister, wie wir das in Hamburg haben, ist das Beste. Übrigens wird Herr Vikar Oldörp die Insel zum ersten Januar verlassen.

Schönschön, sagte Gäntschow. Ich finde, dieser Oldörp fängt an, mir aus dem Halse herauszuhängen. Was nehmen Sie, rechts oder links?

Rechts, immer rechts, sagte Wendland. Sehen Sie, Gäntschow, wieder schwarz. Es ist doch verhext, und ich fange bald an, mich darüber zu ärgern, immer kriege ich schwarz.

So etwas kann sich ändern, tröstete Gäntschow. Das Leben ist ziemlich veränderlich. Und man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke steht ...

Unterdes aber ritt Frau Christiane auf ihrer Senta durch den nebligen, grauen Tag. Sie ritt zuerst gegen den Leuchtturm von Sagitta hinauf, dessen Nebelhorn in kurzen Absätzen heulte. Dann wendete sie das Pferd und ritt an den noch immer deutlich erkennbaren rasigen Ringwällen der Burg vorüber, in die sich seinerzeit die Ahnen der heutigen Inselbewohner vor dem ältesten ihrer Urväter geflüchtet hatten. Ihr Urvater, Wisso, aber hatte gesiegt, und den ersten Gäntschow hatte er hingerichtet.

Sie ließ die Senta antraben, und sie wendete den Blick nach der andern Seite, als sie an dem düsteren kleinen Kehlteich und dem noch viel dunkleren Opferstein vorüberritt. Es schien eine ziemlich sinnlose Geschichte, dieses ewige Auf und Ab, dieses Wellengeschaukel des Lebens. Jetzt waren die Gäntschows obenauf, und die Fiddes würde es bald nicht mehr geben, gab es dem Namen nach schon nicht mehr.

In dieser Stunde kam es ihr ziemlich zwecklos vor, was sie da eigentlich alle Tage machte. Es würde kein sehr großer Unterschied sein, wenn sie eines Morgens ganz im Bett liegen bliebe, um nie wieder aufzustehen. Stupps freilich würde sie vermissen. Stupps freilich würde sogar irgend etwas so Hirnverbranntes machen wie sich totzuschießen, er der Getreueste der Getreuen, der Anständigste der Anständigen, dem egoistischen Hannes weit überlegen.

Was denke ich mir da für schreckliche Geschichten aus, dachte sie ärgerlich und ließ das Pferd langsam die tief eingeschnittene Schlucht hinunterklettern, in der das Fischerdorf liegt. Stupps würde sich natürlich nicht totschießen, schon weil er jedes Aufsehen und Trara haßte. Zu Stupps paßt viel besser die Zeitungsnotiz: Passagier erster Kajüte vermißt, wahrscheinlich in der Nacht über Bord gefallen.

Und sie ertappte sich dabei, daß sie an dieser Zeitungsnotiz von ihrem toten Mann herumdichtete.

Verfluchter Tag, rief sie ärgerlich und schlug mit der Peitsche nach dem Nebel. Sie entdeckte ein Kind, ein unsagbar dreckiges Kind, das mit einem Finger im Munde unter dem vorspringenden Reethdach eines Fischerhauses stand und die Reiterin mit dunklen Augen ernst ansah.

Komm einmal her, du, rief sie und zwang das Pferd zum Stehen. Ich habe etwas für dich ...

Das Kind kam ohne Scheu langsam näher und streckte die Hand aus.

Sie suchte in den Taschen. Sie hatte stets Zucker für Senta bei sich, aber heute war natürlich keiner da. Sie fing ärgerlich an, ihre Taschen umzudrehen, was sie dem Kind wohl schenken könnte, aber es war nichts da. Sie hatte alles vergessen, beim Umziehen liegen gelassen. Einen Augenblick dachte sie daran, dem Kind wenigstens die Reitpeitsche mit dem silbernen Knauf zu schenken, es kam ihr so schrecklich vor, ohne jede Gabe weiterzureiten.

Ich habe nichts da, Kind, sagte sie. Ich bringe dir das nächste Mal bestimmt etwas mit.

Das Kind sah sie aus dunklen, ernsten Augen unenttäuscht an und steckte langsam die Hand wieder in den Mund.

Ich habe es heute mit den Kindern, dachte Christiane, während sie langsam die Pattchower Steilküste hinaufritt. Vorhin schon. Ich hätte ihm das nie sagen dürfen von der Kinderhand, die Helden umwirft. Darum ist doch seine ganze Ehe so, weil er damals enttäuscht worden ist. Hätte er Kinder, wäre er ganz anders.

Sie ritt nun rascher an der oberen Kante des Steilufers entlang, unten unsichtbar braute unter dem Nebel die See. Plätscherte sacht. Sie ritt an einem Ausbau-Hof vorüber, ein Mädchen ging, mit Melkeimern klappernd, mit bloßen Armen und Füßen, über die Hofstatt.

So leben, dachte sie flüchtig, einsam mit einer Arbeit leben, das hätte doch noch einen Sinn.

Und ganz unwillig: Was denke ich da?! Was für ein Unsinn! Kühe besorgen – als wenn das sinnvoller wäre, als irgendeine andere Beschäftigung auf diesem Stern – hier herum muß es ungefähr gewesen sein.

Sie suchte nach den Wagenspuren, aber der Regen hatte alles verwaschen. Sie ritt so nah an die Uferkante, daß Senta ängstlich schnaubte. Sie legte ihr die Hand beruhigend auf den Hals und sah hinunter: tief, tief drunten, unsichtbar, rauschte und murmelte das Meer. Der Absturz sah erschreckend steil aus.

Wahnsinnig, dachte sie, vollkommen wahnsinnig. Man sollte mit solchem Menschen, und wenn er der beste Freund ist, nicht umgehen.

Sie schauderte und ritt weiter. Sie suchte nach einer Schlucht, durch die man nach unten gelangen konnte.

Aber wieso ist er denn so geworden? dachte sie erschreckt. Er war doch früher nicht so! Er war immer jähzornig, ja, aber dies ist doch kein Jähzorn gewesen. Dies war der vorbedachte, wahnsinnige Plan eines Menschen, für den gar nichts mehr Wert hat.

Ein unendlich bitteres Gefühl rührte an ihr Herz. Um sie stand die ganze Welt in dichtem Nebel, der jedes Ding unwirklich machte.

Viel weiter unten fand sie einen Weg zum Strande, den wohl Fischer angelegt hatten. Sie ritt ihn hinunter und dann am Strand am Rande des Wassers zurück. Sie hielt an. Sie sah das Stück einer zerbrochenen, schwarz und rot lackierten Deichsel, vorne am Beschlag waren noch Reste von Lederzeug, durchschnittene Reste ... Hier war es gewesen. Sie sah hinauf an der Steilküste. Von hier aus schien der Absturz noch grauenvoller. Es schien unmöglich, daß nur ein Fußgänger heil da hinunterkam. Und nun ein Wagen – mit zwei Pferden, mit zwei Menschen!

Einen Augenblick schloß sie die Augen. Sie meinte, die Pferde schnauben und den Vikar schreien zu hören. Der Sand knirschte, Steine rauschten, hinter ihr murmelte das Meer.

Was muß er gedacht haben, dachte sie traurig, als es hier abwärts ging. Er hat es gewollt, er hat von dem Absturz gewußt, er hat die Pferde hinausgejagt in das Bodenlose, in die freie Luft, und hat alles gesehen. Wie es aussehen muß in ihm. Welche Bodenlosigkeit auch in ihm, welche Leere, was für eine Öde des Herzens! Wieso? Wieso? Was hat er denn erlebt? Der Krieg? Eine schlechte Ehe? Ein gestorbenes Kind? Nun, was denn? Andere erleben noch ganz anderes.

Sie sah nicht wieder zum Absturz empor, sie schnalzte leicht mit der Zunge, Senta trabte an, und nun ritt sie dahin. Etwas in Gedanken, mit vorgebeugtem Kopf, in schlechter Haltung, die Zügel lose ... Stupps würde sie hart tadeln.

Ich möchte bloß wissen, grübelte sie, warum ich eigentlich hierher geritten bin. Ich kenne doch das Pattchower Steilufer. Warum bin ich ohne jede Überlegung hierher geritten?

Aber es war nicht bei dieser Gelegenheit, daß sie sich diese Frage beantworten konnte. Es war bei einer andern Gelegenheit, daß sie alles, alles verstand. Es ist eine seltsame Sache mit den Gerüchten, den Klatschereien, die über uns umlaufen. Sie mögen uns empören, wir können über sie lachen – sie beeinflussen uns doch. Gerüchte sind Rauch und Dunst, ein Qualm, es riecht nach etwas. Kann man darüber sitzen und fragen: Wäre es vielleicht doch möglich?

Nein, das tut sie nun doch nicht. Aber vielleicht sieht sie ihn ein wenig anders an. Sie bemerkt einen Blick des alten Dieners Eli, der von ihr zu ihm geht, und sie denkt: Jetzt hat er es sich gedacht und überlegt, ob es wahr sein könnte.

Sie sitzt in ihrem Zimmer und singt vor sich hin. Sie singt eben, weil ihr fröhlich zumute ist. Ihr ist so – und sie bricht ab. Sie hört die beiden Mädchen im Nebenzimmer tuscheln, und sie weiß plötzlich, sie tuscheln davon!

Sie sieht sich im Spiegel an, sie lächelt. Und plötzlich blüht dieses Lächeln auf, mit Staunen sieht sie ihren Mund anders, als sie ihn sonst sieht. Er scheint voller, röter, quellender.

Aber sie schüttelt lächelnd den Kopf: Nein, nein. Der gute alte Johannes, gewiß. Freund aus den Kindertagen, aber nicht mehr, nicht mehr.

Sie schließt die Augen. Qualm und schwelender Rauch, jawohl, es dringt durch alle Fugen, es ist unvermeidlich, man entzieht sich dem nicht. Aber das nun doch nicht.

Und sie steht auf. Sie geht lächelnd hinunter in die Halle, wo die Männer warten. Sie summt ihr Lied auf der Treppe weiter. Sie sagt: Nun, wie ist es, gehen wir vor dem Frühstück schnell noch einmal durch den Park? Ich muß sehen, ob meine Vögel noch zu fressen haben.

Es ist erst Mitte Dezember. Doch herrscht ein grimmiger Frost. Es hat auch geschneit, einmal getaut, wieder gefroren. Die Schneedecke ist wie ein Eispanzer: die Vögel finden nichts. Christiane versorgt sie. Das stammt noch aus ihren Kindertagen. Es ist eine Pflicht, eine Verpflichtung. Sie hat Futterplätze für manche Vogelarten. Aber für die Meisen macht sie es so, wie sie es schon als kleines Mädchen gemacht hat: eine Kokosnuß wird in der Mitte durchgesägt, das Nußfleisch ißt man, und nun gießt man die leeren Schalen mit warmem Talg aus, in das Körner gestreut sind. Fett und Körner, das ist es, was die kleinen, eiligen, fröhlichen Vögel brauchen. Sonst ist Christiane kaum je in ihrer großen Küche. Aber die Mischung für ihre Nüsse macht sie selbst. Und überall im Park schaukeln nun an Drähten die kleinen braunen Glocken. Und überall sitzen die Meisen daran, verkehrt herum, mit dem Rücken zur Erde, und picken.

Die Männer begleiten also Christiane. Sie rauchen ihre Zigarren und bleiben auf dem Wege stehen. Sie sehen Christiane nach, die eilig zu dem und jenem Baume geht. Sie weiß genau, wo jede Schale hängt.

Nun hören sie, wie sie einen Ruf schmerzlicher Überraschung ausstößt. Sie gehen eilig zu ihr. Sie hält etwas in der Hand. Es ist eine kleine Meise. Tot.

Sie lag direkt unter der Futterglocke, klagt sie. Hannes, ist sie verhungert?

Er sieht aufmerksam aus das kleine, grau und gelbliche Tier mit dem schwarzen Kopf. In den Augen scheint noch etwas von dem fröhlich geschäftigen Ausdruck zu liegen, den es im Leben hatte.

Eine Kohlmeise, sagt er. Nein, verhungert ist sie wohl nicht. Aber erfroren. Früher blieben sie im Winter nicht hier, aber jetzt bleiben sie oft. Und wenn es zu kalt wird für sie, dann erfrieren sie eben.

Er streckt einen Finger aus. Nachdenklich sieht er mit seinen großen Augen auf den Vogel. Ein Ausdruck von Zärtlichkeit liegt in seinem Gesicht. Seine Augen lächeln mit tausend Fältchen, sein Mund ist halb geöffnet – und dann dieser vorsichtige, sachte Finger ...

Sauber, sagt er. Verträglich, sagt er. Fleißig, sagt er.

Er gibt dem Vogel einen kleinen Stupps auf den Rücken, und mit einem raschen Entschluß: Schenk ihn mir, Tia. Wir haben beim Hof so etwas wie einen Tierfriedhof. Viele brave Hunde liegen dort. Ich grab' ihn da ein.

Sie sieht ihn immer noch an: Natürlich kannst du ihn haben, Hannes, sagte sie mit noch ganz ferner Stimme. Nimm ihn. Sie hält ihn ihm hin.

Er holte ein gar nicht sehr sauberes Taschentuch aus dem Rock, sah es mit unwilliger Entrüstung an, sagte: Ach Schiet, und wickelte die Meise behutsam darin ein.

Wieder bewunderte sie die zärtliche Vorsicht seiner Hände.

Er versenkte den Vogel in seine Tasche und sagte: Also gehen wir weiter.

Von diesem Augenblick an war alles entschieden. Die ganze Welt war anders geworden. Sie ging umher wie in einem glücklichen Traum, mit leichten Gliedern, immer war sie fröhlich. Manchmal saß sie dann da und überlegte, wie es gekommen war. Es wollte ihr scheinen, als habe sie ihn immer schon so geliebt, als habe sie nur darum schon in der Jugend seine Herrschsucht, seine Dickköpfigkeit, seine üblen Launen ertragen, ihm in ihrer langen Krankheit nicht geschrieben, weil sie ihn so geliebt hatte.

Aber dann war es doch wieder nicht wahr, sondern diese Liebe war ganz neu, ganz strahlend, ganz unverbraucht. Das blieb am Ende alles ungewiß, gewiß war nur das Heute. Und dieses Heute war mit einem so überwältigenden Licht erfüllt. Sie war so glücklich, wenn sie ihn nur mit Wendland um den Billardtisch gehen und ein paar halblaute Worte wechseln sah, daß es manchmal fast gar nicht zu ertragen war. Und daß man auf sich achten mußte, nicht gar zu viel zu jubeln.

Es war genau wie im Park, wo jetzt aus dem kältesten Schnee heraus die Christrosen ihre grünen Ranken mit den weißen, großen Blüten hoben. Sie fragte sich staunend: Ist es denn möglich, daß man so glücklich ist? Daß alles, auch das Allerkleinste, plötzlich einen so beziehungsvollen Sinn bekommen hat, so daß alles andere dagegen verblaßt? Sie lächelte die Blumen an.

Ja, nun blühten die Christrosen. Es war unterdessen Weihnachten geworden. Die große Bescherung in der Halle mit den Leuten war vorüber, und nun saßen sich Wendlands allein gegenüber. Er im Smoking, sie in einem hellblauen, ärmellosen Seidenkleid, in dem sie sehr groß aussah –

Das wäre ausgestanden, sagte Wendland und rührte gedankenvoll in seinem Glas. Hattest du den Eindruck, Christiane, daß alles richtig war? Daß jeder bekommen hat, was ihm zustand? Nicht zu viel und nicht zu wenig?

O Gott, sagte sie lachend, manchmal bist du mit deinen Hamburger Schicklichkeitserwägungen fürchterlich, Stupps. Wer auf dieser Erde bekommt denn das, was ihm zusteht, nicht zu viel und nicht zu wenig? Ich fand, sie sahen alle so vergnügt aus, wie sie es sich in unserer Gegenwart nur getrauten. Und das genügt mir vollkommen.

In diesem Augenblick aber hörte sie eine, seine Stimme draußen mit dem alten Eli sprechen, und ihr Herz tat einen ganz schnellen Schlag, weil ihr schönster Weihnachtswunsch sich nun erfüllt hatte, denn es war nichts verabredet worden. Und sie öffnete schnell die Tür und rief: Hannes, komm rasch, es ist großartig, daß du kommst! Stupps erwägt eben, ob er zum Hilfsrichter beim Jüngsten Gericht qualifiziert ist ...

Und damit streckte sie dem Eintretenden beide Hände entgegen und sah ihn so vergessen selig strahlend an, daß nun auch sein Herz einen starken Schlag tat und er stille stand und sie ansah. Es war ganz ruhig in dem Raum, und sie standen da und sahen sich an, und das Lächeln verging von ihren Zügen. Aber eine andere Art unsichtbaren Lächelns lag unter der Haut ihrer Gesichter, glänzte in ihren Blicken ... Plötzlich hatte auch er verstanden.

Sie wußte nicht, wie lange dies gedauert hatte. Es schien eine Ewigkeit unermeßlichen Glücks gewesen zu sein, aber es waren wohl nur ein paar Sekunden gewesen. Denn jetzt war Wendland herangekommen und sagte: Richter beim Jüngsten Gericht? Ach nein, Christiane. Wenn ich nur immer weiß, was sich auf dieser Erde schickt. Guten Abend übrigens, Gäntschow. Wir trinken Toddy. Halten Sie mit?

Und nun schüttelten sie sich alle die Hände und gingen langsam, immer von diesem großen, unendlichen Glück erfüllt, zu dem Rauchtisch. Zweie von ihnen glücklich, heißt das. –

Gäntschow hatte an diesem Nachmittag, der langsam in den Weihnachtsabend hinüberdämmerte, in seinem Zimmer gesessen, die Schreibtischlampe brannte. Er hatte das gelbe Heft der Neuesten Mitteilungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft vor sich liegen und las etwas Gutes und Interessantes über die Regenwürmer, die ihm nach den unsichtbaren, aber sehr merkbaren Bakterien die wichtigsten und freundlichsten Tiere im Acker waren. Das war ausgezeichnet, was dieser Mann da schrieb, und Gäntschows angeborene Abneigung gegen alles Geflügelvieh, das hinter jedem Pflug einherrennt und diese kostbaren Tiere nach Ellen schluckt, wuchs.

Die Zigarre war ausgezeichnet. Der Rotwein von Reese nicht sehr viel schlechter als der auf Fidde, und so ließ sich dieser Nachmittag-Abend recht befriedigend an. Fort wollte er nicht mehr. Und mit den Leuten hatte er es schon am Mittag hinter sich gebracht. Geld war ihnen doch das Liebste. Was sollten Weihnachtsfeiern in einem Haus, in dem keine Kinder waren? Unsinn, blanker Unsinn.

Er saß und las. Aber nun hob er den Kopf. Die Bimmel an der Tür ging fast ununterbrochen. Er hörte scharren und wispern. Oh, sie hatte die Gewohnheit von Schadeleben beibehalten. Sie hatte sich Kinder aus dem Dorf bestellt. Mochte sie, es ging ihn nichts an. Dort war ihre Seite, hier seine Seite.

Er las wieder. Aber nun klopfte es an seine Tür, und Olga (die es mit den Vätern ihrer Kinder nicht so genau nahm) steckte den Kopf hinein. Ob Herr Gäntschow nicht zur Feier herüberkommen wollte?

Nein, sagte Herr Gäntschow scharf. Die Tür klappte, und er las wieder von den Regenwürmern. Siehe da, diese Biester. Auch sie waren nicht nur dunkler Glanz in der Erde und pure Nützlichkeit. Diese Ungeheuer fraßen mit ihrer Erdkost auch Bakterien, gute, brave Bakterien.

Aber er schiebt das Buch wieder weg und lauscht. Er streckt die Beine weit von sich, er flegelt sich vor lauter Gemütlichkeit in seinem Großvaterstuhl, betrachtet nachdenklich die fehlerlos weiße Asche an seiner Zigarre und lauscht. Siehe da, Elise, siehe da. Sie hat immer gut gesungen. Sie hat eine helle, hohe Stimme. Aber sie kann auch damit läuten wie eine Glocke – weit über alle Kinderstimmen hinaus jubelt sie das »O du fröhliche, o du selige ...«

Richtig, gnadenbringend. Ach, arme Elise. Arme böse, schlechte, törichte Elise, was für eine Frau hättest du werden können, wenn du nur an den richtigen Mann geraten wärest. Du brauchst nur ein schlichtes, regelmäßiges, bürgerliches Heim. Gleichmäßige Temperaturen, einen Hauskater, der sich am heimischen Ofen am wohlsten fühlt. Was für eine herrliche, fröhliche Frau wärst du geworden!

Sie singt, oh, wie sie singt. Sie klettert in alle Himmel, sie stäubt aus ihnen allen Weihnachtsschnee und Sternenglanz auf die Kinder hinab – warum mußtest du nur an mich geraten?! Und natürlich hältst du mit aller echt weiblichen Zähigkeit den falschen Kurs fest. Da müssen wir lang. Und wenn wir zehnmal Schiffbruch erleiden. Du sollst sehen, es ist doch der richtige Kurs!

Ich hoffe, Elise, ich hoffe sehr, mein Mädchen, dieser Stimmglanz kommt heute abend ausnahmsweise einmal nicht von meinem Alkohol. Aber ich fürchte, ich werde dich in einer der nächsten Wochen einmal so kräftig aus meinem Hause werfen müssen, daß alle deine Hoffnungen unter einem gesunden Zorn versinken und du dich endlich wieder auf deine eigenen Beine stellst. Geld könntest du schon von mir haben. Aber dein Schulrat aus Klein-Kirschbaum kann dir etwas Besseres geben, nämlich eine Lehrerinnenstellung und damit Arbeit und soviel anstrengende Beschäftigung für dein Hirn, daß die Nebendinge versinken. In diesem Hause hast du ja nichts zu tun, als alte Briefe zu lesen.

Der Gesang drüben ist verstummt. Man hört die Kinder aufgeregt reden und lachen. Manchmal die helle Stimme von Elise. Gäntschow kehrt zu seinen Regenwürmern zurück. Siehe da, dieser tüchtige Gelehrte, der ein Mann ist, der weiß, worauf es ankommt, hat den Darminhalt der Regenwürmer, von zehntausend Regenwürmern, untersucht. Es klingt nicht glaubhaft, er scheint lögenhaft to vertellen.

Aber diese Regenwürmer scheinen überirdische Tiere zu sein: sie fressen vorzugsweise böse Bakterien mit ihrer Erdkost, etwa im Darm gefundene nützliche rutschen gewissermaßen nur versehentlich dazwischen.

Wenn man nur diesen Gelehrten trauen könnte! Sie beweisen alles, was sie zu beweisen entschlossen sind. Und sie sehen nicht, was vor Augen ist, sondern was sie sehen wollen.

Die Kinder trappeln leise über den Flur. Ein Kleines lacht selbstvergessen laut auf und wird sofort in tiefstes, beschämtes Stillschweigen hineingerüffelt. Sicher wissen die Kinder alle, daß hinter jener Tür der böse Mann sitzt, der ihren Pastor ins Meer geworfen hat, der da hockt wie ein Zauberer in seiner Höhle.

Nein, nun nimmt Gäntschow erst einmal nicht wieder das Regenwürmerheft vor. Er schenkt sich ein neues Glas ein, trinkt auch einen Schluck, und nun sitzt er da und wartet. Es ist ja Weihnachten, die Glockenstimme hat geläutet und gejauchzt, Kinder haben gelacht und gejubelt – was soll da sein? Alles muß seine Ordnung haben auf dieser Welt. Olga hat ihn schon rübergebeten, und also wird es gleich klopfen.

Es dauert noch eine Weile. Er hört schnelles, dann zögerndes Herumgehen auf dem Flur, das Rascheln ihres Kleides, und nun hat sie doch wohl allen ihren Mut gesammelt: es klopft schüchtern gegen seine Tür.

Er trinkt noch einen Schluck und sieht die Klinke an, aber die Klinke bewegt sich nicht. Soviel Mut haben wir nun doch nicht, daß wir ohne Herein hereinkommen.

Aber nun klopft es noch einmal, fast leiser als das erstemal. Gäntschow möchte, daß es bald vorbei ist. Plötzlich ist er doch gereizt. Sie lernt und lernt es eben nicht, daß Aus: Aus und Ende: Ende heißt. Sie denkt, alle zerbrochenen Töpfe sind zu kitten, und sie hat den rechten Allerweltsleute-Aberglauben an das neue Leben, das man anfangen kann.

Herein! ruft Gäntschow.

Aber die Klinke rührt sich nicht. Statt dessen hört er ein leises Rascheln auf der Erde. Siehe da, es wird ein Brief durchgeschoben. Gäntschow steht einen Augenblick und sieht auf den weißen Briefumschlag, dann schaut er sich die Tür an. Nein, sie hat sich nicht gerührt. Elise steht noch immer hinter der Tür. Vielleicht sieht sie sogar durchs Schlüsselloch. Feige, sagt er sich, noch feiger, als ich gedacht habe!

Dann erinnert er sich, daß auch die, die er liebt, ein Weib ist, und sein Zorn steigert sich, als setze Elise die andere mit ihrem Treiben herab, schände auch die Christiane.

Er geht rasch zur Tür, hebt den Brief auf. Dann öffnet er mit einem Ruck die Tür: richtig, sie steht dahinter. Aber durchs Schlüsselloch hat sie wohl nicht gesehen. Sie ist dunkelrot. Er sieht, daß sie mit Tränen kämpft. Er sagt kurz zu ihr: Du kannst auf Antwort warten.

Er zeigt auf einen Stuhl. Sie wirft einen ängstlichen Blick auf sein Gesicht und geht dann schnell auf den Stuhl zu, aber sie setzt sich nicht.

Er hat die Tür wieder geschlossen. Er sieht den weißen Briefumschlag mißbilligend an, als vermißte er die Adresse. Dann hebt er ihn gegen das Licht, wie um zu sehen, was darin sein könnte.

Sie gibt einen kleinen, ungeduldigen Laut von sich – wie er sie quält, oh, wie er sie haßt!

Er nimmt umständlich ein Papiermesser, sieht es prüfend an, dann schlitzt er bedächtig den Umschlag auf. Eine Karte liegt darin: gedruckt, Golddruck, mit zwei schwingenden, goldenen Glocken, Schrift: Fröhliches Weihnachtsfest.

Es ist ja wohl nicht möglich! Das ist ja nun doch wohl nicht möglich! Er dreht die Karte hin und her in den Händen, eine rasende Wut ist in ihm – was soll das?! Soviel Dummheit, das ist schon Frechheit. Schamlosigkeit!

Plötzlich merkt er, daß auf der Rückseite der Karte etwas geschrieben steht. Er liest: Mein größter Weihnachtswunsch: Versöhnung! Deine Elise.

Er reißt gradezu aus der Federschale den großen Rotstift, schmiert querdurch: Abgelehnt! und gibt ihr die Karte: Bitte.

Ohne sie anzusehen, nimmt er Reithandschuhe, Peitsche, geht aus dem Zimmer, schließt die Tür hinter sich, geht auf den Hof, sattelt den Harras, führt ihn vor den Stall. Als die Hufe auf dem Pflaster klappern, öffnet sich die Tür. Elise läuft heraus. Er steigt auf das Pferd, aber sie ist schon da –: Wenn du auch heute zu ihr reitest, verzeihe ich es dir nie! schreit sie.

Ich fürchte, sagt er vom Pferd herunter, du nimmst dir zu viel vor. Du wirst mir auch das verzeihen. Ich werde dir noch ganz andere Dinge antun müssen, bis du begreifst, was los ist.

Er drückt die Schenkel an und reitet langsam und im Schritt ab nach Fidde. Auf seinem Schreibtisch liegt das Heft über die Regenwürmer.

Nun aber saß er auf Fidde bei den Wendlands, und Warderhof und Elise waren vorbei und vergangen. All das war nichts und schon längst nicht mehr wahr. Es berührte ihn nicht mehr. Es ging ihn nichts mehr an. Früher war es doch wenigstens noch so gewesen, daß er manchmal zurückdachte an die Elise von dunnemals aus dem roten Lehrerhause. Aber auch das war vorbei. Vielleicht hatte sie sich zu oft darauf berufen, mit Worten und allen seinen Briefen und mit einem Seufzer, einem Lachen, das aus verschollenen Tagen herüberklang. Aber vielleicht war es auch nicht echt gewesen. Welch ein trübseliges, graues, unechtes Metall.

Tia dagegen – ach, sieh da, diese Jugendzeit blüht immer strahlender auf, aus allen Ranken knospen die Rosen hervor. Ist es der Duft, den er damals auf dem Bullenberge gerochen oder der von neulich, als sie mit einer Rose hinter ihrem Manne her nach Reeses Schwedischem Hof ritt?

Wie Tia lacht. Ach, jawohl, auch sie ist glücklich. Sie kommt auf alte Schulgeschichten ... Jawohl, Hinnerk, keiner konnte ein so unschuldiges Gesicht wie du machen, wenn es etwas auszufressen gab.

Und ich glaube, das können Sie noch, Gäntschow, sagte Wendland.

Man macht seine Gesichter nach den Leuten, sagte Hannes. Manche müssen andere Gesichter kriegen, als man grade da hat.

Und was müßte ich zum Beispiel für Gesichter kriegen? fragte Wendland.

Sie –? fragte Gäntschow überrascht. Ich glaube, ich habe darüber noch nicht nachgedacht.

Und wenn Sie darüber nachdenken würden? fragte Wendland mit einer ungewohnten Hartnäckigkeit.

Christiane sah erstaunt von einem zum andern.

Wenn ich darüber nachdenken würde? sagte er und überlegte, ich denke, das Gesicht, das grade da ist. Es würde immer recht sein.

Danke, sagte Wendland und lehnte sich in seinen Sessel zurück. Das beruhigt. Danke wirklich sehr.

Und dann sind sie alle einen Augenblick still.

Etwas später, grade in der Sekunde, wo das Schweigen wirklich unangenehm werden würde, sprechen sie natürlich alle gleichzeitig los. Und schon lachen sie wieder, sind in bester Stimmung und legen die Einzelheiten für eine Silvesterfahrt nach Berlin fest.

Nein, es war gar nichts. Ein kleiner Mißton, der Uranfang einer leisesten Plänkelei – Christiane hatte es verstanden, und Johannes hatte es auch verstanden. Plötzlich ist er hellhörig geworden auf einem Ohr, der ruhige, zurückhaltende Herr Wendland. Vielleicht läuft er schon länger mit leichten Herzbeschwerden umher. Ihr fällt plötzlich ein, daß er die ganze letzte Zeit nicht mehr allein in den Krug zum Trinken gefahren ist. Vielleicht ist der alte Kummer leichter geworden über einem neuen? Es liegt schon in seiner Linie, der Linie ruhiger Wohlanständigkeit und Zurückhaltung, daß er sich so nebenbei mit einer Frage erkundigt, was er von dem Gegner ungefähr zu gewärtigen hat. Er scheut nichts so wie Lächerlichkeit. Aber dann lehnt er sich zurück und ist beruhigt. Er sieht den Tatsachen ins Auge. Nein, gar kein Grund, die gemeinsame Silvesterfahrt aufzugeben, dem Freunde der Frau irgendeine Beschränkung aufzuerlegen.

Die Insel Fiddichow wird ja in diesen Tagen immer grauer und trübseliger. Sie scheint einzuschlafen vor Langweile über sich selbst in Dunkelheit und Nässe. Dort hinten aber ist der Himmel immer hell. Die Leute lachen. Jeden Abend feiern sie Feste. Strahlende Lokale, Kleider wie ein Traum, Schaufenster zum Aufschluchzen vor Begeisterung, köstliche Weine und schöne Mädchen – ach, das gleißende Strahlenbabel Berlin, das die im grauen Winter ächzende Provinz lockt!

Sie sind in der Welt umhergereist, die beiden Wendlands, sie haben davon getrunken. Als sie es tranken, hat es vielleicht gar nicht einmal so gut geschmeckt. Aber jetzt, in der Wintererinnerung, lockt es, verführt es. Selbst Wendlands Augen bekommen einen helleren Schimmer, als er Gäntschow umständlich auseinandersetzt: Und nun in diesen weißen Curaçao ein Dip Angostura, Gäntschow, aber um Gottes willen nur ein Dip!

Ausgezeichnet, lobt Gäntschow. Was ist übrigens ein Dip?

Ja, er hat noch nicht davon gekostet. Ihn müßte es am meisten locken. Aber ihn lockt das nicht.

Selbstverständlich. Warum nicht? sagt er. Man kann sich das ja mal ansehen.

Aber er träumt andere Träume.

Dip Angostura oder andere Träumereien: Schließlich sitzen sie doch am Silvesterabend in einem großen Berliner Lokal zwischen den Feiernden und feiern mit. Es ist eines jener großen Konzert-Cafés, die alle ihre eigene, ganz ihnen vorbehaltene Note in der Ausstattung haben, und die sich in der Erinnerung alle zum Verzweifeln ähnlich sehen. Sie haben einen guten Tisch bekommen, und auf dem Tisch steht natürlich heute, am Schluß des alten Jahres, und für den Beginn des neuen Jahres, Sekt. Es ist strahlend hell. Die Menschen jubeln und lachen und singen mit. Es gibt herrliche Kleider und wundervolle Frauen. Alles wie gedacht, und alles ist ganz anders.

An ihrem Tisch sitzt für ein halbes Stündchen Herr Kammergerichtsrat Lenz. Er hat den Lebensretter seines Sohns im Gewühl entdeckt. Und nun ist er eine Weile schon an ihrem Tisch, um ein paar Worte mit ihm zu reden.

Aber es ist alles ganz anders. Denn Herr Lenz spricht nicht mit Johannes Gäntschow, sondern er unterhält sich ein wenig mühsam mit Herrn Wendland, fragt ihn nach seinem Gut auf Fiddichow, von dem Herr Wendland wenig weiß und das Herrn Lenz gar nicht interessiert. Aber ab und zu, wenn er meint, daß der andere ihn nicht beobachtet, wirft der eine der beiden Männer einen behutsamen Blick auf das Paar, das mit ihnen am Tisch sitzt. Behutsam, als könnte er dabei erwischt werden. Doch wenn ihn sein Partner nicht erwischt, die beiden merken nichts. Die beiden sind nicht von dieser Welt.

Sie sitzen da mit gesenkten Blicken und malen mit dem Finger auf das Tischtuch, und manchmal hebt das eine den Blick und sieht das andere an. Und dann hat auch das andere den Blick gehoben, und nun begegnen sich diese zärtlichen, überquellenden, berauschenden Blicke, einen Augenblick lang ... Die Lider senken sich von neuem, und der Abglanz eines schönen, seligen Lächelns liegt auf ihren Zügen ...

Ja, sagt Kammergerichtsrat Lenz, und nun muß ich wohl gehen. Darf ich aber vorher noch einmal auf Ihr aller Wohl anstoßen? Auf Ihres aber, Herr Gäntschow, ganz besonders.

Lenz hat sein Glas erhoben, und nun erhebt auch Gäntschow seines. Er sagt verloren: Ja, ja ... und lächelt Herrn Lenz an, als bäte er ihn für etwas um Entschuldigung ...

Er lächelt noch einen Augenblick weiter, und nun setzt er das Glas wieder hin, ohne getrunken zu haben. Er hat sicher alles vergessen. Er denkt über etwas nach. Sein Gesicht trägt einen Ausdruck von nachdenklichem Ernst.

Die Frau aber, Christiane aber, hat überhaupt nichts gehört, sondern die ganze Zeit mit der Kante des Tischtuchs gespielt.

Eine Naturkatastrophe, denkt der Kammergerichtsrat. Ich muß sehen, daß ich sofort wegkomme. Der Mann sieht nicht so aus, als vertrüge er es noch lange.

Und Herr Lenz schüttelt hastig die Hände, sagt aufs Geratewohl: Guten Abend und ein frohes neues Jahr, und taucht unter zwischen den Tischreihen der Jubelnden mit dem Gefühl eines Mannes, der noch im letzten Augenblick ein Schiff verlassen hat, über dem sofort die Wellen zusammenschlagen werden.

Es schlagen aber keine Wellen zusammen, sondern die drei sitzen ganz ruhig an ihrem Tisch, ohne ein Wort. Wendland hat sich behutsam eine neue Zigarre angebrannt, und nun sitzt er da, ein wenig fahl, aber in guter Haltung. Nach einer Weile sieht er, wie Gäntschows Hand sich über den Tisch tastet und sich auf Christianes Hand legt: Wendlands Gesicht verzieht sich einen Augenblick, aber schon sitzt er wieder ruhig da.

Er ruft den Kellner heran und bestellt noch eine Flasche Sekt, er beginnt zu trinken und sieht nicht mehr nach den beiden hin, sondern trinkt behutsam und in guter Haltung ein Glas nach dem andern.

Plötzlich aber steht Christiane auf. Sie steht ganz groß und hell und verzaubert da – es ist seltsam, wenn man die große, strahlende Frau sieht, muß man doch an ein kleines Mädchen denken, das verlaufen und fassungslos in einem herrlichen Zaubergarten steht ...

Christiane also ist aufgestanden, und mit ihrer traumschweren Stimme, wie von weit her, sagt sie: Ich denke, wir fahren nach Haus.

Sofort steht Gäntschow auf und geht vor ihr her aus dem Lokal. Es ist halb zwölf. Der völlig vergessene Wendland hat zu tun, daß er schnell genug den Kellner zum Bezahlen an den Tisch bekommt. Er würde sie aber doch nicht mehr erreicht haben, wenn nicht grade in der Garderobe ein Schub neuer Gäste angelangt wäre und die beiden nicht noch auf ihre Überkleider hätten warten müssen. So aber kommt er mit ihnen in das Auto und sitzt qualvoll auf dem Vordersitz, und in regelmäßigen Abständen fällt der Schein einer Straßenlaterne in den Wagen und beleuchtet die beiden Gesichter da vor ihm, die beiden ernsten, weltentrückten Gesichter ...

Das Auto fährt vor, und es ist wieder so, daß die beiden ohne ein Wort vorangehen, und er muß erst den Chauffeur bezahlen, und nun läuft der gemessene, ruhige Herr Wendland beinahe die Treppen zu seinem Zimmer empor.

Aber es ist alles in Ordnung. Da sitzt auf einem Sessel am Fenster Christiane, noch genau so, wie sie gekommen ist, im Mantel ... Und sieht vor sich hin.

Darf ich dir behilflich sein? fragt Herr Wendland nach einer Weile.

Und sie steht gehorsam auf, und er nimmt ihr Mantel und Hut und Handschuhe ab. Aber grade wie er diese Dinge in seiner sorgsamen Weise in den Schrank legt und hängt, geht sie an ihm vorüber. Er sieht es in dem Spiegelglase auf der Innenseite der offenstehenden Schranktür, geht an ihm vorüber, mit einem ernsten und doch freudigen Gesicht. Die Zimmertür klappt, und Wendland ist allein.

Er schließt sorgfältig den Schrank. Dann geht er mit etwas unbeholfenen Schritten zum Tisch hin. Er hält sich wie blind an seiner Kante, findet aber den Sessel, in dem sie eben gesessen, und läßt sich nieder. Er sitzt ein wenig vorgebeugt da. Auch in dieser Stunde äußerster Verzweiflung bemüht er sich um Ordnung und Sauberkeit: als die Asche seiner Zigarre abzufallen droht, sieht er sich aufmerksam auf dem Tisch um. Er findet keinen Aschenbecher, aber da liegt das Buch, in dem sie heute nachmittag gelesen. Er streift die Asche in dem Buch ab, dann schließt er es.

Wieder sitzt er da, von der Straße branden der Lärm, das Jubeln und Rufen, Knallen und Tuten der Mitternachtsstunde zu ihm empor. Er fährt einmal zusammen, dann sitzt er wieder unbewegt da.

Woran denkt er? Vielleicht denkt er an einen Strohhaufen neben der Dreschmaschine auf Fiddichow, die Leiter war ja zu umständlich, aber vielleicht denkt er auch an gar nichts.

Nach einer Weile dann steht er auf. Er geht aus dem Zimmer, er löscht das Licht sorgfältig, dann schließt er das Zimmer ab, steigt die Treppen hinunter zum Nachtportier. Er erkundigt sich nach der Zimmernummer eines Herrn Gäntschow aus Warder auf Fiddichow.

Jawohl, zweihundertsechzehn, derselbe Flur, wo die Herrschaften wohnen, nur sehr viel weiter hinten. Nein, nicht nach der Straße, nach dem Hof hinaus.

Danke schön, sagt Herr Wendland und gibt dem Nachtportier etwas Geld. Er macht ein paar Schritte, bleibt stehen und fragt: Sie haben wohl nicht etwas Kognak für mich?

Der Portier lächelt: Aber selbstverständlich! Heute in der Silvesternacht. Darf ich ihn auf das Zimmer bringen lassen? Eine Karaffe vielleicht? Und wieviel Gläser?

Nein, hier, sagt Herr Wendland und setzt sich in einen Sessel in der Halle.

Es ist eine Galgenfrist. Es ist noch nicht alles entschieden und vorbei. Er sitzt hier und trinkt eine Karaffe Kognak leer.

Sie ist leer, und jetzt steht er auf und steigt wieder die Treppen hinauf. Er erreicht den Flur. Er geht an seinem und ihrem Zimmer vorüber, den Gang weiter hinauf. Zweihundertvierzig, zweihundertdreißig, der Gang macht einen Knick, was für ein endloser Gang, zweihundertzwanzig ... So. Zweihundertsechzehn ... Er bleibt stehen. Er zittert am ganzen Leibe.

Eine Zimmertür, gelblich gestrichen und lackiert. Ihm ist es, als hörte er halblautes Reden. Aber er will nicht lauschen, pfui Deubel nochmal!

Er klopft gegen die Tür.

Ja? fragt eine Stimme.

Wendland, sagt er.

Er hört einen Schritt drinnen im Zimmer. Nun geht die Tür auf und Gäntschow steht vor ihm. Gäntschow zieht die Tür leise ins Schloß und stellt sich davor. Dann sieht er Wendland an. Gäntschow ist noch vollkommen angekleidet, nur das Jackett seines Smokings hat er abgelegt – irgendwie scheint es Wendland beruhigend, als könnte nun doch noch alles gut werden, weil Gäntschow noch angezogen ist.

Ziemlich lange stehen sich die beiden wortlos gegenüber. Gäntschow verrät nicht das leiseste Zeichen von Ungeduld. Er sieht den andern nur an.

Nach einer Weile sagt Wendland mühsam: Meine Frau ist bei Ihnen ...

Er sagt es nicht als Frage, er sagt es nur so ...

Gäntschow sieht ihn immer noch an.

Ja, antwortet er dann. Und plötzlich fragt er scharf: Und weiter –?

Bei dieser Frage senkt Wendland den Kopf. Plötzlich murmelt er etwas. Er murmelt verrückterweise: Sie haben natürlich vollkommen recht ...

Ach, häßlich, ach, sinnlos –!

Er geht zurück. Wieder sieht er den Gegner an. Er geht rückwärts zurück. Mit einer Hand leitet er sich an der Wand. Er nimmt den Blick nicht von dem andern, geht zurück und zurück.

Gäntschow steht vor der Tür des Zimmers zweihundertsechzehn. Er hat sich nicht bewegt. Er nimmt dem andern den Blick nicht ab.

Nun kommt der rettende Knick des Hotelgangs. Gäntschow verschwindet für Wendland. Sie sehen sich nicht mehr.

Aus. Schluß.

Am nächsten Tage reisten Christiane und Gäntschow. Sie fuhren ab. Vorher aber hatte das Ehepaar noch eine Unterhaltung. Wenn man es eine Unterhaltung nennen kann, wenn fast nur das eine von beiden spricht. Aber vielleicht war es grade darum eine Unterhaltung.

Ja, liebster Stupps, sagte Christiane, nun hat es sich entschieden. Und froh bin ich, daß es sich so entschieden hat. Ohne Hin- und Hergezerre und ohne Belügen und Betrügen. Was freilich hiernach nun wirklich aus mir und Johannes wird, das weiß der liebe Himmel allein. Und aus dir ...

Sie schob die Unterlippe vor und betrachtete ihn nachdenklich. Dann fragte sie ängstlich: Bist du sehr böse?

Ach, rede doch keinen Blödsinn, Christiane, sagte er. Nur ...

Ich weiß, ich weiß, sagte sie eifrig, ich denke ja gar nicht, daß es nun etwa einfacher ist. Ich weiß ja ganz genau, wie schrecklich schwierig und egoistisch er ist, und ob es gut gehen wird ... Sie hielt inne. Dann: Nun, das ist unsere Sache.

Auch meine, sagte Wendland entschieden. Vergiß nie, Christiane, auch meine.

Das sieht dir ähnlich, Stupps. Aber so sollte es nun doch nicht sein, daß du auf Fidde sitzt und auf mich wartest (du mußt unbedingt in Fidde bleiben. Denn es gehört dir, nach allem, was du hineingesteckt hast). Es ist ja nun doch so, daß ich ihn liebhabe. Ich habe immer gedacht, dich liebte ich und er wäre mein Freund – Und nun hat es sich doch herausgestellt, daß ich ihn liebe und immer schon geliebt habe, und daß du stets mein bester Freund gewesen bist.

Er sah sie zusammenzuckend an, als habe er einen Peitschenschlag von ihr bekommen. Aber sie merkte gar nichts davon. So weit fort war sie schon von ihm.

Nein, ich gehöre nun einmal zu ihm, und dies hätte ich ja nun nie und nimmer getan, wenn ich nicht wüßte, es ist fürs Leben. Denke doch, Stupps, all die langen, langen Jahre, die wir uns schon kennen und liebgehabt haben, ohne es zu wissen – wieviel haben wir versäumt, wieviel haben wir nachzuholen!

Er stand da wie ein Held. Er sah sie an ohne Zucken.

Ich bitte dich, beruhige dich, Christiane, mach dir gar keine Gedanken um mich. Ich verstehe alles.

Natürlich mache ich mir Gedanken um dich. Ich habe heute nacht schon daran gedacht, ob du nun wieder bei dem schrecklichen Reese sitzen wirst, und wer dich dann heimholen wird.

Nein, Christiane, sagte er, ich werde nicht bei Reese sitzen. Mich braucht niemand heimzuholen. Du sollst ganz sorgenlos sein.

Aber Heldentum, Bitterkeit und Ironie waren verschwendet an sie. Sie war so weit fort in ihrem Glück. Sie war so eigensüchtig geworden in ihrem Glück.

Und ich denke doch auch, Stupps, du wirst uns keine Schwierigkeiten machen, wenn wir dich um die Scheidung bitten. Es sind ja keine Kinder da, es kann ja also keine Schwierigkeiten geben. Nein, sagte Wendland, und nun war er nahe am Ende seiner Kraft, Kinder sind nicht da. Aber da ist die eine Schwierigkeit, daß ich jetzt in keine Scheidung einwilligen werde.

Sie fährt hoch. Sie sieht ihn an. Sie ruft ganz erstaunt: Oh, Stupps!

Ich habe mir das heute nacht so überlegt, Christiane. Sagen wir in einem Jahr. Wenn du mich nach einem Jahr um die Scheidung bitten wirst, will ich einverstanden sein. – Und jetzt, Christiane, möchte ich ein wenig an die Luft. Ich habe etwas Kopfschmerzen.

Er steht zögernd vor ihr. Bitte, Christiane, sagt er etwas hilflos, laß es dir gut gehen.

Oh, mein Junge, mein lieber, lieber Junge, weint sie plötzlich und wirft ihm die Arme um den Hals. Es ist doch schrecklich schwer. Wenn du jetzt aus dem Zimmer gehst, ich weiß nicht, ob der beste Teil meines Lebens nicht mit dir geht. Mit ihm – ach, es ist alles so ungewiß.

Sie sieht unbestimmt vor sich hin, als suchte sie eine neblige Weite zu durchschauen. Dann faßt sie sich wieder. Sie bietet ihm die Hand und sieht ihn voll an. Ich danke dir auch, Stupps, und – mach es gut.

Er lächelt ein wenig dünn. Keine Sorge, Christiane, keine Sorge.

Er sieht sich noch einmal in dem Zimmer um, nickt langsam, zieht umständlich Mantel und Handschuhe an, nimmt Hut und Stock, nickt noch einmal zu ihr, die bewegungslos am Tische steht, und sagt: Also, ich gehe dann jetzt, Christiane.

Er geht gegen die Tür.

Stupps, ruft sie plötzlich ganz hell.

Er dreht sich mit einem Ruck um und sieht sie voll an. Auf sein Gesicht kommt ein Glänzen ...

Nein, es ist nichts, sagt sie und bleibt schon wieder stehen. Geh nur, Stupps. Gute Besserung für deine Kopfschmerzen.

Die Tür fällt zu, und sie ist allein.

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