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Wir hatten mal ein Kind

Hans Fallada: Wir hatten mal ein Kind - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWir hatten mal ein Kind
publisherRowohlt
year1934
printrun1.-20. Tausend
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Abschnitt

Wanderjahre des Helden

Die nächsten drei Jahre, die Jahre 1910, 1911 und 1912, verbrachte Johannes Gäntschow in der kleinen pommerschen Universitätsstadt Greifswald, die nicht weit von der See abliegt. Johannes Gäntschow ging da aber nicht etwa auf die Universität, einmal, weil er dafür noch zu jung war, zum andern aber wollte er auch gar nicht studieren.

Sondern Johannes arbeitete als Lehrling für Maschinenschlosserei in dem großen Eisenbahnausbesserungswerk. Nach den toten Lernjahren bei Superintendent Marder tat er jetzt etwas Sichtbares. Er schmiedete, er feilte, er stand an der Drehbank, die Stähle schnurrten und nahmen sacht Span auf Span ab, und dann war eine Achse fertig, auf einen Zehntelmillimeter genau, das sah man, man konnte sie in die Hand nehmen, ein Fortschritt gegen die Integralrechnung und den zweiten Aorist war es jedenfalls. Zudem waren dies die Jahre, in denen er ungeheuerlich wuchs. Er schoß in die Länge, ein Meter siebzig, achtzig, fünfundachtzig – ein Ende dieser Wachserei war nicht abzusehen. Er wollte ja wohl noch länger werden als Vater und Großvater? Selbstverständlich, das wurde er. Bei einem Meter siebenundachtzig hielt er an. Übermäßig breit wurde er trotz aller Freßpakete von Haus nicht. Aber seine Schultern waren immerhin ganz stattlich, und was die Kraft seiner Arme anlangte: die Arbeiter wußten ganz gut, warum sie sich den siebzehnjährigen Bengel immer wieder an den Amboß holten. Da stand er, nackter Oberkörper, die Muskeln in den Armen kamen und gingen, dreißigpfündiger Hammer, vierzigpfündiger Hammer, Schlag um Schlag, eine Stunde, zwei Stunden, fünf Stunden. Richtig, die Arbeiter hatten es gerochen. Der war anders wie die sonstigen Bauerntöffel vom Lande. Nicht nur die scharfen, starken, blauen Augen, die nie verlegen waren, nein, es war sonst noch etwas, und anders wie die Arbeiter war er übrigens auch.

Mußte man es ihm nicht erst einmal zeigen, daß er ein Garnichts war, eine Laus, die man zerquetschen konnte, die froh sein durfte, wenn man ihr das Leben ließ? Ran an den Amboß, mein Junge. Johannes heißt du? Du bist doch nicht etwa fromm? Hier heißt du Hans. Ja, guck dir nur das Hämmern an. Aber so hast du überhaupt nicht zu gucken. Das ist schon eine Frechheit gegen einen alten, gelernten Arbeiter, so zu gucken. Faß ihn man an. Er beißt dich nicht. Aber bald wird es dich beißen. In zehn Minuten liegst du wie ein Wisch nasse Lumpen im Winkel und wünschst dir, deine Mutter hätte dich nie geboren ...

Kling, Klang, Gloria – und noch einmal: Kling, Klang, Gloria. Nun, es geht ja. Das ist gar nicht so übel, mein Junge. Du wirst schon sehen, wie das tut. Der Schweiß läuft dir runter. Nun, was den angeht, so stimmt alles: uns läuft auch der Schweiß runter. Uns geht es da nicht anders. Kling, Klang, Gloria. Recht so, gar nicht so übel. Für einen verdammten Lehrling wirklich gar nicht so übel. Du möchtest vielleicht eine Pause machen? Es ließe sich darüber reden. Nein, du möchtest noch nicht? Auch gut. Wir halten es schon aus. Von den nassen Lumpen sprechen wir jetzt nicht mehr. Aber heute abend, sagen wir dir, im Bett –! Muskelkater –? Ein Muskelkater ist gar nichts, du wirst brüllen, schreien vor Schmerzen, wie 'ne Frau, die ihr Kind kriegt!

Kling, Klang, Gloria! Gut der Mann. Eigentlich vorzüglich der Mann. Aber warum guckst du bloß so? Von wo bist du her? Von Fiddichow? Und dein Vater hat einen Hof? Du bist wohl noch stolz auf deinen Mist, immer die Botten voll Mist, darauf bist du stolz?! Kling, Klang, Gloria. Jetzt machen wir aber eine Pause, und nachher kannst du gehen und Gewinde einschneiden. Zur Erholung. Und sag deiner Schlummermutter, so was sind keine Frühstücksstullen, das scheißt einem ja ein Vogel in die Hand. Zehnmal rum ums Brot. Und die Butter nicht gespart. Und Wurst, daß man keine Butter mehr sieht. Bei euch Mistbauern hängen die Schweine ja kostenlos im Rauch. Na, laß gut sein, Hans. Nun guckst du schon wieder mit Tassenaugen. Und nun grinst du. Worüber grinst du eigentlich? Habe erst einmal deine Olle und fünf Ungelernte zu Haus. Das Kieken und Grinsen wird dir schon vergehen. Zu grinsen ist für unsereinen gar nichts. Aber ein fixer Kerl bist du doch. Und wir wollen dir schon was beibringen, in der Maschinenschlosserei soll dir später keiner was vormachen können.

Muskelkater, Schmerzen wie eine gebärende Frau? Jawohl, um halb sieben im Haus, beim Abendessen schon schlafen und bis sechs Uhr morgens durchgepennt und dann mit krummen, verbogenen Knochen in die Werkstatt gekrochen, mit Gliedern, die ein glühender Aufruhr von Schmerzen waren. Aber in ihm saß etwas, das härter war, als er selbst sein wollte, das nicht nachgab, und wenn man noch so sehr daran zerrte. Wachsejahre – ja, in jedem Sinn. Der Körper ächzte und flehte, aber es tat ihm gut. Kein Gramm Fett. Muskeln, Sehnen. Ein Gebäude aus Stahl. Damit war etwas zu verrichten in einem Leben!

Der Geist – nun, zu den Arbeitern gehörte er nicht. Sie regten sich über sein Gucken auf, und zu den Studenten, zu den Gebildeten, gehörte er auch nicht.

Sieh einmal, er war allein mit sich. Es war nicht unmöglich, daß diese ganze Christiane nur ein Blendwerk gewesen war, eine holde Täuschung, begünstigt durch die weichen Jugendjahre, ein Inseldasein, in dem sie beide allein unter aller andern Jugend gehaust hatten. Jetzt gab es keine Weichheit mehr. Die Jugend war vorbei. Härte, Eisen und Stahl, Vier- und Dreikantfeile, Vorschlaghämmer, Arbeiter, die ihn sich zurecht höhnen wollten. Nein, kein Gedanke daran, Christiane fehlte ihm nicht. Es war kein leerer Fleck in ihm. In diesen Jahren wuchs er über alle seine Ländereien, seine Berge und Täler hin. Alles überwucherte sein eigenes Kraut. Kein Brachland, kein toter Acker, nichts von fremder Hand Bestelltes.

Was tat er eigentlich mit sich? Er bekam Muskeln und wurde stark. Das war gar nicht so wenig. Wenn ein Student ihn wieder angrinste, bitte schön, das machte nichts. Man kann sich auch nicht den Wind verbitten. Aber wenn ein Student die Schulter nahm und ihn rempelte, dann nahm er die Faust, und meistens genügte ein Schlag. Satisfaktion? Duell? Säbel? Meine Waffe ist der Hammer, sagte er. Ich schlage vor, daß wir so lange mit vierzigpfündigen Hämmern aufeinander losschlagen, bis einer von uns liegenbleibt. – Das ist keine Waffe? Das ist doch eine Waffe. Das ist nämlich meine Waffe! – Seine Waffe sind die Pistolen? Nun gut, ich schlage vor, daß wir so lange mit den Fäusten aufeinander losschlagen, bis wir sehen, welche Waffe gilt.

Nichts zu machen. Der Bauernstamm Gäntschow, in fremdes Land verpflanzt, aber darum nur um so reiner erwachsen. Unverfälscht.

Die Arbeiter –? Nein, die Arbeiter sind kein Problem. Es gibt da einen Dreher, einen gewissen Kaenemund, einen untersetzten, fast weißblonden Stubben, der unter buschigen Brauen hervor den Lehrling Gäntschow scharf beobachtet. Manchmal paßt es ja so, es ist wirklich weniger Arbeit da, oder der Lehrling ist schneller mit seinem Teil fertig geworden als erwartet, dann holt der Lehrling aus der Lade seiner Drehbank ein Stück Messingblech. Er ist schon ziemlich weit damit, das starke Messingblech wird gezogen und gehämmert, es soll wohl ein Aschenbecher für daheim daraus werden. So was machen sie hier alle nebenbei. Besonders wenn Weihnachten in der Nähe ist, aber auch, um sich die eigene Kunstfertigkeit zu beweisen: unter klugen Händen wächst aus so einem flachen, gewalzten Blech das fehlerlose, bauchige Rund einer Schale.

Der Lehrling Gäntschow macht das nicht schlecht, Dreher Kaenemund beobachtet das Werk wortlos schon seit vielen Tagen unter seinen Urwaldbrauen hervor. Dann, als es ziemlich fertig ist, schlägt er es dem Bengel mit einem einzigen Hammerschlag glatt wie eine Wanze. Kaenemund steht da, den Hammer in der Hand, und sieht wortlos den Jungen an. Sicher ist Kaenemund im Recht, denn einmal ist das nur ein Lehrjunge, zweitens ist das Messingblech Staatseigentum und drittens ist die Arbeitszeit nicht für gepunzte Aschenbecher da. Aber ebenso sicher ist Kaenemund im Unrecht, denn einmal tun es alle und zum andern hätte Kaenemund dem Jungen ja bei Beginn des Werkes nur ein Wort zu sagen brauchen.

Der Junge und Kaenemund sehen einander über den breitgequetschten Aschenbecher an. Dieser Bengel hat es in sich. Er ist jetzt schneeweiß, mit Lippen wie Striche so schmal, ob er Erwägungen über Recht und Unrecht in gerade dieser Sekunde anstellt, bleibt zum mindesten zweifelhaft. Vielleicht überlegt er nur, ob eine Dreikantfeile gut zum Stechen ist.

Laß mir mal den Hammer, sagt der Lehrjunge Gäntschow aber, und nimmt Kaenemund einfach den Hammer aus der Hand. Kaenemund gibt den Hammer willig her. Er sieht unverwandt und wortlos den Lehrling an. Der sieht jetzt wieder den Aschenbecher an, der Hammerkopf ist zu klein gewesen, er hat nur drei Viertel des Bechers platt geschlagen. Ein Viertel ist, wenn auch verzogen, noch schön gerundet. Der Junge nimmt den Hammer und schlägt auch noch das letzte Viertel platt. Er sieht sich die Sache noch einmal an. Er drückt Kaenemund den Hammer wieder in die Hand und wirft das verdorbene Stück in den Ramschkasten: So! Er macht sich wieder an irgendeine Arbeit, als gäbe es keinen Kaenemund. Der nickt langsam, ein oder zweimal. Er ist entschieden der Reingefallene. Der Junge hat sich überlegen gezeigt, aber es scheint Kaenemund nichts auszumachen. Vielleicht ist er sogar zufrieden.

Am nächsten Sonnabend fordert er den Lehrling zu einer Sonntagstour auf. Es ist das ja nun so eine Aufforderung. Es wäre ein Haufen zu klöhnen gewesen über das Warum und Wieso. Der Gäntschow aber überlegt nur einen Augenblick und sagt: Ja.

So gehen die beiden nebeneinander her. Es ist Sommer, kurz nach der Heuernte, direkt vor der Roggenernte. Das Gespräch tröpfelt nur. Der Junge ist ziemlich wortkarg. Eigentlich ist nichts Rechtes aus ihm herauszubekommen. Nein, er hat sich nicht über die Einladung zur Tour gewundert. Nein, er findet beim breitgeschlagenen Aschenbecher nichts dabei. Nein, er weiß nichts von Abstinenz und Guttemplerei. Milch und Himbeersaft schmecken ihm einfach besser. Wenn Kaenemund zum Ziel kommen will, muß er schon selbst auspacken. Er will das auch. Aber es geht schlecht bei diesem Bengel. Nicht, daß Kaenemund noch Angst hätte, dieser Junge ist bestimmt kein Schwätzer und senkt ihn sicher nicht rein. Aber Gerede über die Ungerechtigkeit, daß ein anderer, bloß weil er ein Jahr – drei Jahre, verbessert Johannes – also drei Jahre früher geboren ist, den Hof erbt, und er geht leer aus – solch Gerede verfängt nicht. Es zieht auch nicht, als Kaenemund davon spricht, daß seine Kinder ewig dazu verurteilt sind, wieder Arbeiter zu werden, bloß, weil ihr Vater nicht genug Geld für eine gute Ausbildung verdient. Während der Bauer Gäntschow seinen Sohn immerhin schon auf ein Technikum schicken kann. Ob das gerecht sei, ob er, Gäntschow Johannes, so etwas für richtig halte?

Vielleicht hat der Bengel nicht ordentlich zugehört, er beschäftigt sich augenblicklich mit einem Kartoffelschlag neben dem Wege: Die werden nie was, der Boden ist eben zu leicht, und das Grundwasser am Hang hier steht viel zu tief. Die ganze Winterfeuchtigkeit sickert weg.

Das ist keine Antwort und kein Aufpassen, Kaenemund geht jetzt grade auf sein Ziel los. Er fängt an, von der Partei zu erzählen, von Marx, der ein Buch über das Kapital geschrieben hat, und von Engels, der mit diesem Marx zusammen etwas, was das Kommunistische Manifest heißt, geschrieben hat.

Es ist Theorie, versteht der Junge, es gibt so etwas auch für den Bauernhof, warum Kali, Stickstoff und Phosphorsäure in dem und dem Verhältnis im Boden sein müssen, und warum ein Schwein bei reiner Kartoffelfütterung verhungert. Aber welcher Bauer verfüttert nur Kartoffeln?! Ein bißchen Roggen- oder Gerstenschrot wird immer da sein!

Kaenemund redet jetzt von der Partei. Sozialdemokraten. Jawohl, davon hat Gäntschow schon gehört, aber bei ihnen auf Fiddichow gibt es solche nicht. Es hat etwas mit dem Kaiser zu tun, aber gesehen hat er noch keinen.

Doch, er hat schon einen gesehen. Kaenemund ist der erste, den er gesehen hat. Und wenn Gäntschow nun nicht den Mund halten kann, so sitzt Kaenemund morgen mit seiner Familie auf der Straße, denn das Eisenbahnausbesserungswerk ist ein staatliches Werk und beschäftigt keine Sozialdemokraten, Vaterlandsfeinde.

Kaenemund ist ein erfahrener Mann. Jetzt erzählt er von seinem Leben, von Verfolgungen, Unterdrückungen, Hetzereien, bloß, weil er an etwas anderes glaubt als vorgeschrieben, eine bessere Welt will.

Der Junge hörte jetzt gut zu. Gewiß, Kaenemund hatte es schwer. Das sah der Junge ein. Aber sein Kreis war so klein, er dachte noch immer in Bauernhöfen, im Gewachsenen, in Tieren – Kaenemund hoffte auf die Versammlung. Sie fand in einer kleinen, ländlichen Wirtschaft statt, in einem Hinterzimmer. Draußen war Sommer und Sonnenschein, hier aber saßen zehn, zwölf Männer bei Bier und Zigarren zusammen und besprachen etwas Hochwichtiges. Die Vorbereitung eines Streiks, der vielleicht im nächsten Frühjahr losbrechen und den Eisenbahnverkehr im ganzen Reich lahmlegen sollte. Manche von den Männern kannte Gäntschow aus der Werkstatt, andere hatte er flüchtig gesehen. Dann war noch ein fremder Mann dabei, fast schon ein Herr, mit einer Aktentasche. Der Fremde redete am meisten, die Arbeiter hörten ihm stets aufmerksam zu, sie nickten langsam mit den Köpfen und sagten zögernd oder nachdenklich etwas. Allmählich begriff der Junge, daß dieser gut gekleidete Mann so etwas wie ein Angestellter der Arbeiter war. Der Junge hörte aufmerksam zu. Kaenemund beobachtete ihn nicht ohne Besorgnis. Er mußte doch empfinden, welche Ehre es war, daß er bei dieser Beratung dabei sein durfte –?!

Aber dann stand plötzlich der Junge auf und ging hinaus. Und so lange Kaenemund auch wartete, er kam nicht wieder. Schließlich fand ihn Kaenemund hinter einer Scheune, an einer blau, rot und gelb lackierten Maschine – der junge Gäntschow strahlte: Oh, ein Wunderding, ein Selbstbinder, eine Maschine, die zugleich mähte und die Garben band. McComnick, aus Amerika gekommen. Die Bauern fanden damit nicht zurecht. Gäntschow hatte die Jacke ausgezogen. In der einen Hand trug er einen Schraubenschlüssel, einen Engländer, in der andern hielt er die Gebrauchsanweisung.

Hallo, Kaenemund, rief er, auch mal draußen? Sehen Sie das Dings an, das erste Dings von der Art, das ich sehe. Mäht und bindet zugleich. Mit den Messern habe ich es schon in Ordnung. Aber der Bindfaden ... Er muß hier durchgeführt werden, dann durch diese Öse gefädelt ...

Hannes sah abwechselnd in die Anleitung und in die Maschine.

Halt, sagte Kaenemund, da muß noch eine Schraube und eine Feder sein. Wo sind die –?

Er warf auch seine Jacke ab. Die Bauern standen dabei. Erst schien ihnen die Sache verdächtig, aber dann sahen sie diese verarbeiteten Fäuste, aus denen die gründlichste Sonntagswäsche das Schmieröl nicht ganz hatte wegwaschen können, diese Finger, die so geschickt zufaßten ...

Vadding, schirr immer schon die Pferde an, sagte Johannes, in einer halben Stunde fangen wir an.

Aus dem Versammlungslokal kamen Menz und Fleege, nach den Fehlenden zu sehen. Innerhalb drei Minuten waren auch sie ohne Jacke. Menz lag unter der Maschine, Fleege revidierte die Ablegeflügel, die schlecht angeschraubt waren.

Ich bin ja so gespannt, wie das Dings arbeitet, sagte Hannes. Auf meines Vaters Hof ...

Halt den Sabbel. Zieh die Mutter an, Mensch. Siehst du nicht, daß der Bolzen sich noch dreht?!

Eine Viertelstunde später waren alle Arbeiter draußen. Welche ratschlagten nur. Aber die meisten arbeiteten. Die Bauern kamen mit den Pferden. Augenblick noch, gleich sind wir so weit.

Sind wir zu solchen Kindereien hier? fragte der Gewerkschaftssekretär leise und böse. Seit wann machen Proleten für die Bauern kostenlos Sonntagsarbeit?!

Recht hat er, stimmte Thormann zu.

Ist das Arbeit? fragte Kaenemund hitzig, das ist Spaß. So 'ne neue Maschine ist was Großartiges. Fein ist die ausgetüftelt.

Aber ihr nehmt andern Arbeitern die Arbeit weg, beharrte der Sekretär. Die Bauern hätten morgen einen Monteur aus Greifswald kommen lassen müssen.

Na also, sagte Kaenemund zögernd und ärgerte sich gewaltig. Er nahm seine Jacke. Kommt, Gäntschow, komm auch, wir müssen weiter machen.

Die andern kamen, zögernd oder bereitwillig. Gäntschow blieb.

Na mach schon, ermunterte ihn Kaenemund.

Heute ist Sonntag, sagte Gäntschow und sah kaum hoch.

Er hat recht, es ist unkollegial, beharrte Kaenemund.

Es ist kollegial zu den Bauern, sagte Gäntschow, Erntezeit ist eilige Zeit, sie gewinnen einen Tag dadurch.

Du kommst also nicht? fragte Kaenemund.

Nein, natürlich nicht, antwortete Gäntschow. Heh, holla, hierher mit den Pferden. Jetzt sind wir so weit.

Kaenemund ging langsam in die verräucherte Hinterstube, die säuerlich roch. Das große, bunte Ungeheuer, dessen breite Eisenräder im Staub geriffelte Spuren hinterließen, rasselte klappernd und klirrend über die Dorfstraße. Es ist ein Jammer, wie sich selbst organisierte Arbeiter manchmal vergessen können, sagte der Sekretär und fuhr in seinem Vortrag fort; die Hühner und Gänse flüchteten zur Seite, Ausflügler schimpften über den Staub, die Maschine bog von der Straße ab und fuhr plötzlich leicht und nur noch leise klappernd über die Stoppeln des angemähten Winterweizenschlages.

Wer versucht's also zuerst? fragte der Junge.

Was für einer bist denn du eigentlich? sagte ein Bauer.

Am Ende saß Johannes oben auf dem Eisensitz, die Flügel gingen seitlich hinter ihm. Zwischen den Tüchern lief der geschnittene Weizen bergauf, die Greifer faßten zu, schoben ihn zu einer Garbe zusammen, dann kam die Bindevorrichtung – ernst, mit zwei, drei Worten prüften die Bauern das Ergebnis.

Prrr! rief der Junge. Halte einer die Pferde, die Bremsen sind wie toll – er bindet noch zu locker, was?

Die nickten.

So müßt ihr einstellen. Komm du einmal her. Einer von euch muß es schließlich zuerst lernen ...

Es war schon nach acht, es dämmerte schon, als Johannes Gäntschow wieder in die Wirtschaft kam. Nein, Kaenemund war noch nicht weg. Die saßen immer noch da und redeten, aber der Junge ging nicht hinein zu ihnen. Er blieb auf der Veranda sitzen und aß zur Milch seine Brote.

Er war müde und selig. Ihm waren die verlockendsten Angebote gemacht worden. Er hätte Großknecht werden können mit der Anwartschaft auf Einheirat – war es nötig, daß ein Bauernjunge, solch Bauernjunge, der es nicht nötig hatte, in die Stadt ging? Aber nicht wegen der Angebote war er selig. Er war selig, weil ... Da war der warme Sommerwind gewesen, mit einem Hauch Frische von der See her, der dann und wann einmal sanft heranstieß, durch den Weizen lief, weg war. Da war die Sonne gewesen auf der Haut, heiß, immer tiefer in die Haut. Da war der schweißige, gute Geruch der schwer arbeitenden Pferde gewesen, die scharf und ebenmäßig abgemähte Weizenstoppel, die unter der Schuhsohle knackte. Das Burren und Summen der Fliegen, der Lackgeruch der neuen Maschine. Da war gewesen, daß man beim Mähen immer wieder auf eine Kuppe gekommen war, und das Land hatte tiefer gelegen: die langen, weißen Chausseen mit ihren Baumrändern, die fröhlichen Felder in Gelb, Grün und Braun. Die tiefer dunkelnden Wälder hier und dort, die roten und schwarzblauen Dächer, eingebettet in Baumkronen, die blitzenden Bänder der Bäche.

Ach – jawohl – du atmest nun wieder einmal mit deinem Herz! Wie lange gehst du schon in die rußig-feurige Werkstatt dahinten, mit den Drahtglasfenstern, die das Licht zu einer Konserve filtern, etwas Bleichem, Ausgelaugtem? Knapp fünf Vierteljahr? Und du willst immer dahin gehen? Nur mal so einen Sonntagssprung auf die Felder?! Überlege es dir gut.

Später kam Kaenemund, und auch er half überlegen. Ich will dir was sagen, erklärte Kaenemund, über deine Arbeit kann keiner meckern. Du faßt zu wie ein Alter. Und drücken tust du dich auch nicht. Und Verlaß ist auf dich. Ich sage dir gar nicht erst, daß du über heute das Maul halten mußt, du hältst es schon so. Aber für die Partei taugst du doch nicht ...

Nein, sagte Johannes.

Und ein Arbeiter wirst du auch nie. Du gehörst nicht zu uns.

Aber wieso? fragte der Junge, zum erstenmal wirklich verwirrt. Es gehen doch immerzu Bauernjungen in die Stadt und gehören dann zu euch.

Ich will es dir erklären, sagte Kaenemund wichtig, und sie gingen langsam weiter durch den Abend in die Nacht hinein, der Sekretär hat es uns gesagt. Du bist nämlich nicht nur ein Bauer, sondern du bist auch ein Aristokrat. Die Aristokraten, sagt der Sekretär, glauben immer nur an sich und denken immer nur an sich. Wir Arbeiter aber glauben an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und denken an die andern. Und darum müssen wir die Aristokraten ausrotten, weil sie unsere geborenen Feinde sind. Du ...

Ich, sagte Johannes Gäntschow nachdenklich, glaube schon auch an Freiheit. Aber man kann nur in sich frei sein, nur von sich aus, verstehen Sie?

Falsch, rief Kaenemund, die richtige Freiheit ...

Und Gleichheit, fuhr Gäntschow fort, gibt es überhaupt nicht und kann es nie geben. Da müssen Sie nur mal in einen Kuhstall gucken, wo die Menschen dort schon so lange die gleichen Eigenschaften beim Vieh züchten, und kein Stück ist wie das andere ... Aber ... fing Kaenemund an.

Und brüderlich kann man schon mal sein, sagte Gäntschow, wenn man es gerade will und hat Lust dazu. Aber meistens will man es nicht, und das ist auch nur richtig, denn sonst kriegt man einen auf den Deckel.

Nun, der Weg nach Greifswald hinein wurde ihnen nicht langweilig. Sie hatten eine gute, heftige Aussprache, die ihnen die Straße kürzte. Wenn die beiden, Kaenemund und Gäntschow, aber auch nicht in einem einzigen Punkt einig wurden und Kaenemund weiter der Ansicht blieb, daß die Aristokraten ausgerottet werden müßten, den Lehrling Gäntschow ließ er darum doch am Leben. Und daher kam es, daß die Arbeiter nie ein Problem für ihn wurden. So weit waren die Arbeiter eben doch Arbeiter, daß sie von einem Ochsen nur Ochsenfleisch erwarteten. Und da der Lehrling Gäntschow ein fixer Kerl war und eine rechte Hilfe und kein Drückeberger und kein Protzer und kein Vornehmtuer dazu, so ließen sie ihn, wie er war. Mochte er seinen Weg allein gehen, er würde auch schon seine Mauer finden, wie jeder schließlich seine Mauer fand, an der er sich den Kopf einrannte. Und da würde er schön nach den Händen ausschauen, die ihm über diese Mauer forthelfen könnten. Und da sollte er denn eben einmal eine Weile gucken, wo die Hände eigentlich blieben.

Damit hatten ja nun wieder die Arbeiter verdammt recht, aber vorläufig war Johannes Gäntschow von dieser, seiner Spezialmauer noch ziemlich weit entfernt. Man schrieb immer noch 1911, und die richtige dicke Spezialmauer sollte nicht früher als 1925 in die Erscheinung treten. Vorläufig war also noch alles in bester Ordnung, auch die Arbeit, trotz gelegentlichen Feld- und Seeheimwehs.

Gäntschow wohnte bei einem Volksschullehrer, einem komischen, wichtigtuerischen Männlein mit Tochter. Und diese Tochter hatte, wie so viele Lehrerstöchter, den Drang nach etwas Höherem: ein Arbeiter ist gar nichts. Die Welt fängt erst beim Beamten, eigentlich erst beim beamteten Lehrer, an. Und das Beste auf ihr ist ein Oberlehrer, ein Gymnasiallehrer, der vielleicht sogar einmal den Professortitel bekommt. Das sind alte Geschichten. Ein Johannes Gäntschow, ein Bauerntöffel, und nun noch dazu in blauer Monteurkleidung, ewig mit den Resten schwarzer Schmiere in den Furchen der Hand, war ein reiner Garnichts. Man konnte ihm zehn Jahre das Zimmer machen und sah ihn nicht.

Bis man ihn dann doch sah. Denn das war ja so bei diesem verkorksten Mädchenkümmerling, der statt eines Eierstocks eine Rangliste am Uterus trug, daß man zwar nicht sehen, wohl aber und unter allen Umständen gesehen werden wollte. Dieser Schnösel, Sohn eines Mistbauern und Prolet, der konnte doch in seinem Zimmer am Fenster stehen und guten Morgen sagen, als sagte er es zu einer Kartoffel oder zu einem Zaunpfahl. Guten Morgen. Er saß und las am Sonntag. Kann ich jetzt Ihr Zimmer machen? Ja. Und las weiter. Er saß und las. Er ließ um sich herum fegen, er zog ein Bein an, hob das andere hoch, sie stieß mit dem Besen derb an seinen Stuhl, sie schimpfte ganz laut vor sich hin – überhörte er es? Ach was, er hörte es gar nicht! Er wußte gar nicht, daß sie da war. Oder er sagte plötzlich: Ach so!, als hätte er auf einmal die Elektrizität mit all ihrem Licht erfunden, griff den Hut von der Wand und polterte los, über ihre Eimer stolpernd. Schließlich hatte er also doch gemerkt, daß bei ihm reingemacht wurde. Aber sie hatte er nicht gemerkt.

Man konnte es nun mit der schlechten Behandlung und mit der guten Behandlung versuchen, auch mit einer Mischung aus beiden, gewitterhaft zusammengesetzt, daß er erst einmal aufmerksam wurde. Man konnte es auch ein ganz klein bißchen mit Entkleidung versuchen, einem offenen Knopf an der Bluse oder so, damit der Fisch erst einmal den so beköderten Haken annahm. Wenn er dann erst fest saß, würde man ihn schon mit Hohn und Spott in seinen Dorfteich zurücksetzen.

Unterdes schluckte man leider aber selber den Haken, sanft und unmerklich. Und ehe man es sich versah, zappelte man, daß es ein Erbarmen war. Merkte Gäntschow nichts davon? Wer war so weltfremd, daß er ein plötzlich auftauchendes Frühstücksei und eine sanft gestreifte Schulter nicht in den Ablauf von Ursache und Wirkung einzugliedern vermochte? Doch, das konnte er. Er grinste, aber manchmal klopfte auch sein Herz schneller, denn er war aus Fleisch gemacht, wie wir alle. Und eine junge, sich wölbende Brust bleibt eine junge, sich wölbende Brust. Aber er wollte nicht. Er wollte sich behalten. Er wollte erst einmal er selbst werden, ehe er sich hingab, und vielleicht war es sogar möglich, so sehr er selbst zu werden, daß man bei aller späteren Hingabe sich nie aufgab, hingab, in andere Hände gab.

Ausgeklügelte Spitzfindigkeiten eines Pubertätsnarren? Nein, uraltes Bauerntum. Ererbter Instinkt von tausend Höfen, in denen man sich nicht an die Liebe verlieren darf, da man den Hof behalten muß. Die Liebe, Gott, mein Gott, die Liebe! Es gab genug anderes für einen heranwachsenden Menschen von siebzehn, achtzehn Jahren zu tun auf dieser blühenden Erde. Er war herausgerissen aus der heimatlichen Erde, sein Bruder Max hatte vielleicht schon längst mit irgendeinem Mädel ein Kind, und das bedeutete gar nichts. Aber Johannes lebte im fremden Land. Alles suchte ihn zu verändern. Also mußte er um so stärker auf sich beharren.

Man konnte es alles auf einmal wegschieben und seine Ruhe und den festen Sitzplatz im Mittelpunkt der Welt behalten. Das war ganz einfach. Als er einmal nach Überstunden spät ins Haus gekommen war, als das Mädchen ihm noch sein Abendessen brachte, in einem Negligé, das fast nur noch ein Hemd war und immer weniger zu werden drohte, da konnte man die Augen einkneifen und plötzlich in das verliebte, rotfleckige, zerfließende Gesicht hinein: Bäh! bäh! bäh! schreien, wie man Schafe erschreckt. Und dann schallend loslachen, in ihr Erschrecken hinein, bis sie fassungslos aus der Tür taumelte.

Nein, nichts von Nebendingen. Weiter arbeiten. Gut weiter arbeiten. Und immer was gelernt, die beiden großen Waffen, mit denen man sich des Mitviehs erwehrt: das Auslachen und die rücksichtslose Gewalt. Die dritte, stärkste Waffe freilich sollte Gäntschow erst viel später kennenlernen, um das Jahr 1925 herum, und dann sollte sie gegen ihn ziemlich vernichtend angewandt werden, diese Waffe: das Geld. Ja, trotzdem er ein Bauernjunge war und darum wahrhaftig den Wert des Geldes kennengelernt hatte, Geld als Waffe, das lag ihm zu ferne. Das entstammte einer andern Denkwelt, darauf geriet er nicht, diese Waffe konnte er nicht benutzen. Geld war etwas Gutes, zweifelsohne, aber es schien ihm, als sei Bedürfnislosigkeit etwas noch viel Besseres. Weil er fast nichts brauchte, konnte er es zum Beispiel durchsetzen, daß er nicht bloß ein Jahr in dieses Ausbesserungswerk hineinroch, sondern daß er drei Jahre dort blieb und etwas Rechtes lernte. Damit begründete er es seinem Vater. Er wollte etwas Rechtes lernen, etwas Ganzes. Er war ein Viertel Bauernjunge gewesen, da war ein läppischer Streit mit dem Vater gekommen und hatte seine Nase in die Buchseiten gedrückt. Er war ein halber Gymnasiast geworden, da hatte ihn ein Abenteuer, in das er geraten war, es war fast nicht zu sagen wie, aufgehoben und in diese kleine Stadt gesetzt. Sollte er jetzt wieder nur ein Drittel Schlosser werden?

Der Vater hatte ihm gegenüber in der Kammer gesessen, der eine auf dem Stuhl, der andere auf dem Bett, und er hatte den Sohn aufmerksam angesehen. Du willst doch nicht etwa Schlosser bleiben? hatte er gefragt.

Nein, natürlich nicht, kein Gedanke daran, er wollte Ingenieur werden, Techniker, selbstverständlich. Aber vorher wollte er nun einmal dies werden, etwas lernen.

Den Vater reuten die zwei Jahre, die Maschinenbauschule verlangte nur ein Jahr Praxis, die zwei Jahre mehr würden ihm nicht angerechnet werden ...

Sie werden mir aber etwas nützen, erklärte der Sohn. Das verstehst du aber nicht, Vater. Das kann dir auch keiner erzählen. Aber ich weiß es.

Der Vater wiegte den Kopf. In der unbeirrbaren Sicherheit war der Junge unverändert. Noch immer wußte er alles über sich, und was er tat, war unbedingt richtig – aber wie hatte er ausgelegt! Was für Schultern hatte er bekommen! Seine Hände waren Horn und seine Muskeln waren Stahl, der Vater war Händedrücke gewöhnt, aber das vorhin war ein Händedruck gewesen! Im übrigen meinte der Sohn wieder, er koste ja so gut wie nichts. Und wenn das im Wege sei, so solle er ihn gar nichts kosten.

Nein, nein, das Geld sei es nicht, sagte der Vater hastig. Nun, er werde es sich noch überlegen, er fahre ja erst morgen zurück.

So führte der Sohn den Vater durch die Kreisstadt Greifswald. Sie trugen beide Anzüge vom Dorfschneider aus Kirchdorf auf Fiddichow, der Stoff aus einer Art Eisendraht gewebt, unverwüstlich. Und der Schnitt der Normalschnitt des alten Dorfschneiders, seit etwa dreißig Jahren unverändert: lange, fast bis ans Knie reichende Jacketts mit unendlich breiten Aufschlägen und zwei Reihen dicker Hornknöpfe, und Hosen, die unten so spitz und eng zuliefen, daß sie den oberen Rand der Stiefelschäfte eng umschlossen. Beim Vater Gummizugstiefel, beim Sohne hohe Schnürschuhe.

Übrigens das Geld, was ich sagen wollte ... setzt der Vater zögernd ein.

Ja? fragt der Sohn, und eine Ahnung überkommt ihn.

Du sprachst vorhin von dem Geld. Du hast übrigens Geld.

Ja? fragt der Sohn nur und macht dem Vater nichts leichter.

Der Graf schickt immer weiter die Erziehungsbeihilfe, setzt der Vater etwas mühsam fort.

Und du hast es angenommen, Vater? fragt der Sohn.

Kann ich es zurückgehen lassen? fragt der Vater dagegen. Du weißt, wie der Postbote Mucki ist, gleich wüßte die ganze Insel, daß wir mit dem Grafen Streit gehabt haben – und wir haben doch keinen gehabt?!

Und was machst du mit dem Geld, Vater? fragt der Sohn.

Ich hab's auf ein Sparbuch angelegt auf deinen Namen, sagt der Vater.

Bei Raiffeisen? fragt der Sohn.

Bei Raiffeisen, bestätigt der Vater.

Der Sohn denkt nach. Er geht langsam neben dem Vater her und läßt die Arme baumeln. Ich will dir erzählen, was du tust, Vater, sagt der Sohn. Es ist doch mein Geld, nicht wahr, und du mußt damit tun, was ich sage?

Und was müßte ich damit tun? fragt der Vater abwartend.

Du mußt das Buch auf die Tochter umschreiben, erklärt der Sohn.

Auf welche Tochter? fragt der Vater verständnislos.

Nun, sagt der Sohn sachte, auf die Freiin. Und als der Vater immer noch nichts sagt: Auf Christiane, meine ich.

Ein Sparbuch bei Raiffeisen für Christiane? fragt der Vater.

Ja, sagt der Sohn.

Es sind schon bald zweitausend Mark, gibt der Vater zu bedenken.

Das hat damit nichts zu tun, erklärt der Sohn.

Es wird mit den Jahren ein Haufen Geld zusammenkommen, sagt der Vater. Du könntest es wohl einmal gut gebrauchen.

Nein, nein, protestiert der Sohn.

Ich könnte dir nie so viel Geld geben, sagt der Vater und bleibt hartnäckig. Du weißt, zu essen haben wir immer, aber Bargeld ist auf einem Bauernhof knapp.

Hat der Graf dir nie geschrieben? fragt der Sohn immer böser.

Nein, er hat noch nicht geschrieben, sagt der Vater verlegen, vielleicht hat er noch keine Zeit gehabt.

Also, du läßt das Buch für Christiane umschreiben, sofort, entscheidet Johannes.

Willst du darum Schlosser werden? fragt der Vater plötzlich.

Ich will nicht Schlosser werden, schreit der Sohn wütend, ich will Ingenieur werden! Und wenn du jetzt nicht tust, was ich sage, gehe ich hier die Straße hinauf und spreche nicht wieder mit dir.

Ich kann das Sparbuch jetzt aber nicht umschreiben lassen, lächelt der Vater. Übrigens soll die Christiane lange krank gewesen sein. Sie war schon in der Nacht sehr krank.

Du sollst sagen, daß du es tun wirst, Vater. Dann wirst du es auch tun.

Sie kann auch nicht immer machen, was sie möchte, gibt der Vater zu bedenken.

Wovon redest du? schreit der Sohn. Wir reden vom Geld! Und jedenfalls kann ich tun, was ich will, und darum mußt du das Buch umschreiben lassen.

Der Vater bricht in Lachen aus. Der Sohn sieht ihn überrascht an. Der Vater erklärt, noch immer lachend: Du kannst auch nicht tun, was du willst. Und darum muß ich tun, was du möchtest. So etwas meinst du doch?

Also rede nicht mehr, sagte der Sohn mürrisch.

Nein, nein, sagte der Vater beistimmend. Wenn man sieht, wie sie hier das schöne Land in lauter kleine Laubengärten zerschnitzeln, kann es einen grausen.

Tust du es also? bestand der Sohn.

Wir wollen nicht mehr davon reden, sagte der Vater. Du weißt, wie der Kaufmann Stavenhagen, der die Raiffeisensache macht, ist: von seinem Hinterzimmer aus erfährt es die ganze Halbinsel.

Kommen wir nun zu einem Schluß oder kommen wir zu keinem? schrie der Sohn.

Ich will es mir überlegen, sagte der Vater nachgiebig. Komm, laß uns noch das Stück gehen, bis die Felder anfangen. Ich möchte mal sehen, wie hier der Roggen steht.

Sie sahen, wie hier der Roggen stand. Es kam sogar wieder eine richtige Unterhaltung zustande. Es ging immer weiter voran auf Warder, und auch mit dem Sohn ging es voran. Jetzt hatte er erst einmal seine Lehrzeit vor sich, und dann würde er nach Stettin gehen, auf die Maschinenbauschule, und würde Ingenieur werden. Es ging alles glatt. Vater und Sohn trennten sich zufrieden.

Und richtig. In Greifswald ging alles weiter gut. Der Sohn lebte sein vereinzeltes Leben und wurde ein tüchtiger Maschinenschlosser. Er bestand die Gesellenprüfung mit Glanz. Und dann war es so weit, und er zog nach Stettin.

Er hat sich später oft gefragt, der Johannes Gäntschow, ob er die drei Jahre Lehrzeit in Greifswald wirklich darum abgemacht hat, weil er nun endlich einmal etwas ganz lernen wollte. Wir sind in so viele Hüllen eingepackt, die uns vor uns selbst verbergen, und manchmal muß man lange Jahre einfach warten, bis man seine nächste Hülle abstoßen kann. Greifswald war vielleicht doch nur Wartezeit gewesen. In Stettin zeigte es sich überraschend schnell, daß alles Unsinn gewesen war mit dem Ingenieurwerden. Und von da aus gesehen, war ja eigentlich auch die Maschinenschlosserei Unsinn gewesen.

Die Maschinenbauschule war ein grau zementierter, mit häßlichen roten Backsteinen verzierter Kasten, der Zinnen mit spitzen, blauen Zuckerhüten hatte. Es roch darin nach Staub, Kalk, Ölfarbe, Bohnerwachs, nach feuchten, ungelüfteten Kleidern, nach Muff, Abort und Kreidestaub. Wenn die Öfen brannten, roch es dazu noch nach Schwefelwasserstoff. Der von einer hohen, roten Mauer eingefaßte Hof war mit Kies bestreut. In dem Kies standen in Abständen dürftige Akazien, ein aus dem Süden importierter Baum mit Dornen, dessen Holz zu nichts taugte. Gäntschow haßte alles. Von diesem unechten Baum an, vom Gefängnisgebäudekasten an bis zu den lauten, wichtigtuerischen Mitschülern und den überlegenen Lehrern. Er sprach mit keinem Menschen ein Wort. Seine Mitschüler übersah er. Wurde er etwas gefragt, so stand er geistesabwesend auf, sah den Lehrer an und antwortete irgend etwas, was ihm gerade in den Kopf kam, sei es nun ein Schopenhauerzitat oder eine plattdeutsche Redensart. Er gab diese Taktik nicht etwa wegen der elf Vermahnungen auf, die er im ersten Vierteljahr erhielt, sondern darum, weil er merkte, er machte seinen Mitschülern einen unbändigen Spaß damit. Der Hansnarr dieser Flachköpfe zu werden, daran lag ihm nichts. Von da an gab er kurze, sachliche Antworten oder schwieg auch einfach, wenn er an anderes gedacht hatte.

Die älteren Lehrer nahmen ihn im allgemeinen richtig. Eine lange Lehrtätigkeit hatte sie an mancherlei seltsame Gestalten gewöhnt, und der pommersche Dickschädel, der im Rüganer Dickschädel seinen Gipfel und seine Krönung hat, war ihnen nicht unbekannt. Aber die jungen Lehrer waren geneigt, diesen Fall als eine unverhüllte Achtungsverletzung anzusehen, und machten alle Anstrengungen, den Bengel zu Verstand zu bringen, wie sie es nannten.

Es gab da vor allem einen Lehrer Liebenau, einen eleganten jungen Herrn mit schneidig imitiertem Leutnantston, der nicht müde wurde, die Festung zu berennen. Während er zuerst den Johannes Gäntschow für einen halb schwachsinnigen Dorftölpel angesehen hatte, entzündete sich an der abwesenden Ruhe Gäntschows allmählich sein Ehrgeiz. Er versuchte alle Töne, die ihm zur Verfügung standen, von der ernsten Ermahnung über ein kasernenhofmäßiges Anbrüllen bis zum kameradschaftlichen Zuspruch. Nur klangen leider alle diese Tonarten vollkommen falsch in Gäntschows Ohren, und er sah nun wieder seinerseits den Lehrer Liebenau mit seinen kalten, blauen Augen ein wenig spöttisch beobachtend an wie ein häßliches, kleines Tier, das sich spaßig krabbelnd abmüht. Es kam schließlich so weit, daß Herr Liebenau, der alles andere wie ein totes Einpaukgehirn war, jedesmal alle Selbstbeherrschung vor diesem Schüler verlor und nach den ersten drei Sätzen nur noch schreiend mit ihm sprach.

Die Schüler folgten diesem Wettkampf mit schlecht unterdrückter Heiterkeit. Sie schlossen Wetten darauf ab, wer aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen werde. Leider wurde Herr Liebenau der Unterliegende, denn er ließ sich eines Tages so weit hinreißen, daß er über des Johannes Gäntschow Anzug spottete. Worauf Gäntschow erwiderte: Wenn Sie noch ein Wort über meine Kleidung sagen, muß ich Sie bestimmt schlagen.

Er hatte leise gesprochen. Aber schon nach seinem zweiten Wort war die Klasse so totenstill gewesen, daß jeder sein eigen Herz immer lauter klopfen hörte. Aller Augen hatten zu Herrn Liebenau hingesehen. Der war aschfahl geworden, und er hatte Gäntschow angesehen wie ein Gespenst. Als Gäntschow seinen Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte er seinen Blick auf den Pultdeckel vor sich gerichtet, als gebe es keinen Liebenau und als sei nichts geschehen.

Der Lehrer hatte in der allgemeinen Stille einen Augenblick bewegungslos gestanden, dann hatte er sich umgedreht und war langsam wie benommen gegen die Tür gegangen. Er hatte die Klinke angefaßt und war, ohne sich noch einmal umzusehen, aus der Klasse gegangen, deren Tür er hinter sich schloß.

Die Schüler saßen lautlos, die Erstarrung wollte nicht weichen. Die Ahnung irgendeines kommenden großen Unheils rührte gestaltlos jeden an.

Dann ging die Tür wieder auf, und Herr Liebenau kam herein. Er war noch immer sehr bleich, er schluckte auch ein- oder zweimal, ehe er sprach. Aber als er dann sprach, geschah gar nichts. Er fuhr einfach im Unterricht fort. Nur, daß er von da an nie wieder einen Scherz machte, nie wieder schrie, auch nicht wieder leutnantshaft schnarrte, auch nie wieder Gäntschow ansprach.

Der einzige vielleicht, der kaum etwas von dieser Veränderung merkte, war Johannes Gäntschow. Eine lähmende Trauer, eine nicht abzuschüttelnde Apathie waren über ihn gesunken, seit er in dieser Stadt lebte, in diese Schule ging. Es hatte ihn schon leise gestreift, als er in dem verräucherten, viel zu engen, wimmelnden Bahnhof angekommen war. Es war stärker geworden, als er durch diese Straßen ging, die, zu eng und zu überfüllt, seinen Schädel mit einem sinnlosen Lärm vollgepfropft hatten, der bis in seinen tiefsten Schlaf hinein schwatzte, klingelte, kreischte, tutete. Es war schlimmer geworden in der fast lichtlosen Hinterstube bei Frau Postschaffner Bimm, an einem Hof, der mit tausend höllischen Gerüchen stank. Bei einer Kost, in der aberwitzig schmeckende Gewürze den Gehalt ersetzen sollten.

Diese ganze Stadt schien ihm eine Torheit und ein Aberwitz. Die endlosen Häusermassen, eine hinter der andern, machten ihn trostlos ungeduldig nach einer ebenen Fläche, die an den Horizont grenzte. Diese Städter, hastig und sinnlos durch alle Straßen laufend, aus Häusern in Häuser, ließen ihn trocken schlucken vor Sehnsucht nach einem Mann, der Fuß vor Fuß, eine Sense schwingend, langsam durch ein Kornfeld geht. Der Gedanke, selbst sein Lebtage in solchen Steinstädten wohnen zu müssen, mitwimmeln zu müssen, entsetzte ihn bis zur völligen Lähmung. Immer saß innen, hinter seinen Augen, ein trocken brennender Druck, den keine Träne hätte löschen können. Immer wachte er morgens aus einem dumpfen, traumlosen Schlaf, der ihn ins Nichts gestürzt zu haben schien, mit schädelsprengenden Kopfschmerzen auf.

Er hatte dem Vater zwei oder drei Briefe geschrieben, aber er durfte nicht zurück. Zuerst hatte der Vater geantwortet, er werde das Heimweh schon überwinden. Aber er hatte kein Heimweh, davon war er fest überzeugt, er konnte nur nicht in Städten leben. Er wollte Landwirt werden, um auf dem Lande leben zu können. Der Vater schlug es rundweg und böse ab. Jetzt war Johannes fast zwanzig Jahre, und jetzt wollte er wieder von vorne anfangen? Noch einmal als Lehrling? Nichts, drei Jahre Ausbildung, Geld, Kraft, Zeit vertan – es war kein Gedanke daran. Mußte der Vater ihn noch an die Zeit bei Superintendent Marder erinnern? Er, der Sohn, hatte es selbst gewollt, er hatte selbst diese Ausbildung gewünscht. Der Vater hatte ihm auch darin nachgegeben, daß er ihn drei statt eines Jahres in die Werkstatt hatte gehen lassen. Jetzt hatte er auf dem Wege zu bleiben! Nun gut, er blieb weiter auf der Maschinenbauschule. Er war erstarrt, er war von innen heraus erfroren, er saß seine Stunden ab.

Es gab auf der Schule einen uralten Lehrer, fast zahnlos, mit einem schmutzigen, grauweißen Vollbart, der bis auf den dritten Knopf der fleckigen Weste ging, einen Herrn Galle, eine einfach komische Figur. Die Schüler gaben ständig vor, seine zischende, sausende und nasse Sprache nicht zu verstehen, sie zwangen ihn, immer lauter zu sprechen, wodurch sich das Zischen, Sausen mitsamt der sprühenden Nässe nur verstärkten – und dann brachen sie schließlich in ein schallendes Gelächter aus, während Herr Galle mit hoher Greisenstimme auf dem Pult wie ein seltsamer Vogel in hilfloser Wut kreischte und mit den altersgelben Fäusten auf den Pultdeckel schlug.

Dieser Galle bat eines Vorfrühlingstages, als draußen der letzte nasse Schnee unter dem ersten weichen Regen in einen häßlichen Brei zerging, einen seiner Schüler, ihn doch nach Haus zu bringen und die Hefte zu tragen. Vielleicht fürchtete sich der steifbeinige Alte mit seinen Galoschen vor der Glätte. Der Schüler schlug es ihm rundweg ab. Der nächste hatte etwas vor. Der dritte durfte nicht zu spät zu Tisch kommen. Der vierte sagte einfach nein. Der fünfte ...

Also, wer will mir den Gefallen tun? fragte der alte Mann seine Klasse.

Niemand stand auf.

Keiner –? fragte er, und der schmerzliche Ton in seiner Stimme hätte jeden, nur nicht diese achtzehn-, neunzehnjährigen Rüpel rühren müssen. Herr Galle sah die Reihen auf und ab. Auch Sie nicht, Gäntschow? fragte er traurig.

Wie? fragte Gäntschow, erwachend. Und die Klasse brach in ein höhnisches Gelächter aus. Der Lehrer mußte erläutern.

Selbstverständlich, sagte Gäntschow und setzte sich wieder.

Gut, gut, sagte Herr Galle. Ich werde Sie nach der Stunde daran erinnern, Gäntschow, sagte Herr Galle und lächelte mit all seinen Altersaugenfältchen.

Der Aufzug der beiden beim Heimmarsch wurde viel beachtet. All die Schüler, die eben noch nicht die geringste Zeit gehabt hatten, verfügten jetzt über völlig ausreichende Zeit, den beiden heimlich oder offen zu folgen. Galle, in einem uralten, gelbgrünen Havelock, unter den er des Windes wegen seinen Bart geknöpft hatte, und Gäntschow, mit seinen spitz endenden Hosen, in einem väterlichen Lodenmantel. Der Alte, eingekrallt in den Arm des Jungen und hilflos auf seinen Galoschen rutschend, das gab schon ein Paar ab, jeder Betrachtung wert.

Zwei richtige Penner, einer wie der andere, urteilten die Schüler. Wenn sie freilich glaubten, durch ihr Lächeln oder durch halblaute Bemerkungen im Rücken die beiden zu kränken, so hatten sie sich geirrt. Gäntschow war viel zu weit fort, um überhaupt etwas zu merken. Und der alte Galle hatte mit so viel Generationen Schülern so viel Generationen Kummer ertragen, daß ein Auslachen oder ein Witz ihn wirklich nicht mehr verwunden konnten.

Sie gingen beide, Gäntschow ganz, Galle fast stumm, einen mühsamen, langen Weg durch endlose Häuserstraßen. Der alte Lehrer lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht auf den jungen Schüler und murmelte nur manchmal, wenn ein Fuß ihm fortrutschte, vor sich hin: Kommst du her! – Willst du mal keine Geschichten machen – Gummischuhe! (Er sagte es mit abgrundtiefer Verachtung.) Was sie alles erfinden, diese Dämlacks! Rutschschuhe, Gleitschuhe, Mordschuhe!

Sie waren allmählich aus den eigentlichen Wohnstraßen hinausgekommen und gerieten nun in ein Viertel, wo inmitten von Gärten Villen lagen. Gleich werden wir es haben, murmelte der Alte. Ein kräftiger Bursche, weiß Gott. – Willst du wohl stehen, verdammtes Bein, du kannst mich doch nicht hinschmeißen!

Um einen großen Park lief eine hohe, zementierte Steinmauer. Dort, wo ein geschmiedetes Gitter mit vergoldeten Knäufen die Einfahrt zum Park verschloß, lag eine Art größeres Pförtnerhaus in der Mauer. Galle kramte in seinen Taschen, holte ein Schlüsselbund hervor. Er schalt: Wenigstens die Treppe müssen Sie mir noch hochhelfen, sonst falle ich noch auf der Treppe.

Er schloß auf. Gäntschow ging wortlos mit, er wäre überallhin mitgegangen, er wußte kaum, wo er war. Der Druck auf seinem Herzen war unerträglich stark.

Unten schien der Pförtner zu wohnen, ein vollmondhaft breites und bleiches Gesicht erschien in einem Fenster und nickte. Der alte Galle nickte zurück. Seit er das Haus betreten hatte, bewegte er sich rascher und sicherer. Auch seine Stimmung schien anders geworden zu sein: Ja, hier wohnen wir. Sie werden sehen. Sie müssen sehen ... Er zog sich mit einer Hand am Treppengeländer hoch, die andere ließ Gäntschows Arm nicht los. Gehen Sie da hinein. Legen Sie die Hefte auf das Pult, ich bringe gleich Kaffee. Er schob den Schüler zwischen zwei Vorhängen hindurch an eine Tür und verschwand im Flur. Gäntschow öffnete die Tür und trat ein. Man konnte das Zimmer schon einen Saal nennen. An seiner Längsseite hatte es vier, an der Schmalseite zwei sehr breite, sehr hohe Fenster, die alle auf den Park hinausgingen. Diese Fenster zogen Johannes sofort magisch an. Er trat an eines und sah hinaus. Er blickte in einen großen Park. Die Bäume waren jetzt im scheidenden Winter blätterlos, der Rasen gelblich entfärbt. Aber die uralten Tannengruppen standen schwarzgrün da. Dort die Föhre hätte auf einer von Fiddichows Dünen stehen können. Die charakteristische Gestalt jedes Laubbaums war zu erkennen. Da waren Buchen, Eichen standen da, und dort die ungeheure Linde ähnelte jenen auf seines Vaters Hof. Er stand und starrte. Der Wind rüttelte an den Bäumen. Der Regen fiel in schrägen Strichen zur Erde, etwas rührte sich in seinem Herzen.

Ein wenig später fällt ihm auf, wie unendlich still das Haus ist. Man hört Wind und Regen, sonst nichts. Nicht einen Laut. Er entdeckt etwas zur Linken, am Ende eines besandeten Fahrweges, halb hinter Bäumen verborgen, das Haus, die Villa, das Schloß, zu dem dieser Park, dieses Pförtnerhaus gehören. Und während er am Fenster steht und die gelbliche, spärlich verzierte Fassade mit den schönen, reinlinigen Fenstern anstarrt, überkommt es ihn plötzlich, warum er hier steht und so starrt.

Es ist ja der Park, es ist ja das Schloß, Fidde auf Fiddichow – oh, Christiane! Und sein Herz erzittert stärker, es ist nun fast vier Jahre her. Langsam beginnt er zu begreifen, was mit ihm geschehen ist. Nein, siehe, er hat es noch nicht verwunden. So hat er im Schloß gestanden, auf den Park gesehen, fünf Jahre lang haben sie so gemeinsam hinter Winterfenstern hervor auf den Frühling ausgeschaut – wo bist du, Kamerad? Warum hast du mich verlassen, Freundin?

Er starrt hinaus, starrt hinaus, sein Herz quält sich, nichts von Erleichterung, er ist doch wie ein Mensch, der endlich nach langem, langem Leiden das Wesen seiner Krankheit begriffen hat. Es sind die Rasenflächen, es sind die Baumgruppen, es sind die Schlängelpfade – sie aber hat alles im Stich gelassen. Zierlich und rasch, dunkel, bräunlich, mit langen Wimpern, festen Händen, eine Wonne anzusehen, das war sie gewesen. Mit dem Bullenberger hatte sie einen Vertrag gemacht und hatte ihn gehalten – hatte sie aber denn nicht mit ihm einen viel festeren Vertrag gemacht, und den hatte sie nicht gehalten?!

Da, sehen Sie, Gäntschow, sagte der Lehrer gerade in seinem Rücken, haben Sie so was in Ihrem Leben schon gesehen? Ja, da machen Sie Ihre Augen auf. Das ist meine Frau!

Und er lachte. Durch die Tür war lautlos ein Wesen hereingekommen – war das ein Mensch? –, eine kleine, unförmige Masse, sicher an die drei Zentner schwer, blaurotes Gesicht, blaurote Arme und Hände, im Fett ertrinkend, drei, vier Kinnfalten übereinander, spärliche Haarstriemen herabhängend von dem bleichen Schädel, ein böser Traum von einer Frau, ein Alpdruck von einem Menschen ...

Gäntschow starrte, der Alte kicherte. Ja, da kann man schon starren. Haben Sie so was schon gesehen?! Ich glaube, Sie können die ganze Welt absuchen und finden solch Monstrum nicht wieder ...

Das Wesen hatte sich langsam gegen einen Tisch geschoben, es schnaufte dabei regelmäßig wie eine Maschine.

Um Gottes willen, flüsterte Gäntschow, den Blick auf der Frau. Sie hatte ein Tablett getragen. Nun nahm sie, ohne den Blick zum Tisch zu senken, mit rasch suchenden, unendlich geschickten Händen zwei Tassen, eine Kaffeekanne, Milch und Zuckerdose vom Tablett, stellte alles auf den Tisch – wie im Traum, kein Löffel klirrte.

Ich zeige sie sonst nie, sagte der alte Lehrer und kicherte wie ein Narr. Nicht wahr, sie sieht toll aus. Manchmal sehe ich es gar nicht mehr. Aber wenn ich jetzt Ihr Gesicht anschaue, wirklich, ich glaube, sie ist in der letzten Zeit noch fetter geworden. – Sie sollen in ihrer Gegenwart nicht so von ihr reden, protestierte Gäntschow tonlos.

Ach, sagte der alte Mann erklärend, Sie haben es noch nicht gemerkt? Sie ist taubstumm und blind. Darum habe ich sie doch geheiratet. Er ging auf das Wesen zu. Irgend etwas mußte ihr seine Annäherung verraten haben. Sie wandte langsam dem Mann das Gesicht zu, streckte eine Hand aus, eine unförmige Pfote, aus deren jedem Finger Fett zu sickern schien. Er tippte mit den Fingern in die Handfläche, schloß die Hand, öffnete sie, tippte wieder.

So spreche ich mit ihr, erklärte er. Aber sie vergißt jetzt alles. Ich glaube, sie hat auch bald kein Hirn mehr. Er lachte selbstgefällig. Wenn ihr Bengels mich ärgert, ihr denkt, ihr könnt mich ärgern, aber – ich habe doch die hier! Er erklärte wieder und sprach dabei mit seinen Fingern in ihrer Hand fort. Die ist seit zweiunddreißig Jahren nicht aus dieser Wohnung gekommen. Wie alt sind Sie? Bald zwanzig? Denken Sie, in zweiunddreißig Jahren hat sie vielleicht zehn Menschen außer mir kennengelernt. Er lachte wieder. Ein unbändiger Stolz auf diesen Fleischklotz schien ihn zu erfüllen. Doch jetzt wurde seine Stimme bittend: Ich habe ihr darum auch erlaubt, nicht wahr, Sie haben nichts dagegen, Gäntschow? Sie möchte Sie so brennend gerne kennenlernen. Setzen Sie sich dort einfach in den Stuhl rein – nein, Sie müssen doch keine Angst haben! Sie tut Ihnen doch nichts. Sie fühlt Sie bloß ab ... Bitte, tun Sie mir den Gefallen ...

Der Koloß schob sich auf Johannes zu. Irgendwie schien er zu wissen, wo Gäntschow stand. Die niedrige, verzottelte Stirn war genau auf ihn hingerichtet. Es ging nur langsam. Dabei schnaufte er wieder regelmäßig, wie eine Maschine ihren Dampf ausstößt. Er starrte wie gebannt auf dieses Gesicht, in dem jede blaurote Pore zitterte. Es war wie ein fürchterlicher Traum, es konnte nicht möglich sein, daß sie ihn anfaßte. Er mußte sich doch bewegen können. Eine grauenhafte Angst überkam ihn ...

Nun, nun, sagte der Lehrer, Sie scheinen sich ja wirklich zu ängstigen. Das muß nicht sein. Wir können ja erst unseren Kaffee trinken. Sie kocht einen vorzüglichen Kaffee ...

Der Lehrer war neben der Frau. Er nahm wieder die fette Hand, tippte, die Masse begann zu zittern, ein schrecklicher, gurgelnder, dumpfer Laut kam über ihre Lippen.

Sie ist traurig, daß sie noch warten soll mit dem Kennenlernen, erklärte Herr Galle.

Ein stärkerer Windstoß gegen die Scheiben ließ Gäntschow sich nach dem Fenster umsehen. Die Tannenzweige bewegten sich heftig, der Regen hatte aufgehört, über den Baumwipfeln sah Johannes ein Stück blauen Himmel. Aber zugleich fühlte er etwas in seinem Gesicht, als hätte der Wind eine Flaumfeder dagegen geweht. Die dicke Frau hatte ihn angerührt. Es war die gelindeste, zarteste Berührung, die er je gespürt. Eine Sekunde sah er verwirrt in dieses grauenhafte Gesicht, das zu ihm aufgehoben war, die blicklosen, toten Augen, der Mund hatte sich geöffnet, das Kinn mit seinen vielen Wülsten hing schlaff herab ... Und mit einem raschen Schritt hatte er sich von ihr frei gemacht. Noch einmal hörte er den klagenden, gurgelnden Laut, in dem jetzt etwas wie zornige Enttäuschung mitklang. Lehrer Galle sagte hastig protestierend und sehr laut etwas zu ihm, ja er griff nach ihm – aber da war schon die Tür, da war der Flur, da war die Treppe, da war der spähende Mondkopf des Pförtners, da war das Haustor, da war die Straße!

Er ging langsam durch den Wind über die Steine. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Aber das war nur gut, es war, als wasche ihn der Regen mit seiner kalten, herben Frische. Er ging langsam, Schritt für Schritt, in tiefem Nachdenken. Er merkte nichts von Häusern oder Menschen. Etwas in seiner Brust hatte sich gelöst. Erst der Park und das Schloß, dann das Schreckgespenst. Vielleicht verstand er nicht, was ihm geschehen war. Sicher konnte er das nicht in seiner ganzen Ausdehnung übersehen, aber er wußte nun, endlich, nach qualvollen Monaten der Lähmung wußte er wieder, was er zu tun hatte. Wußte, daß er immer etwas hatte tun wollen und daß er es tun würde. »Ich«, so etwa wie »ich« hieß es. Kein ganz unbekanntes Wort. Aber jedenfalls kam es nur und allein auf ihn an, und alle Menschen und alle Häuser, alle Väter, Christianen, Studien von der Welt gingen ihn gar nichts an.

Er machte vollkommen reine Bahn. Er ließ nichts zurück. Er behielt nichts. Er trank seinen letzten Morgenkaffee, er zog den grünlichen Sportanzug an, der Rucksack war schon gepackt, er sagte zu Frau Bimm: Ich gehe, und ging durch die Tür auf die Straße. Es war am 12. März 1913. Er wurde auf den Tag heute zwanzig Jahre alt. Alle Tage waren gut, den alten Krempel von sich zu schmeißen und ganz neu anzufangen, dieser Tag aber war sicher besonders gut.

Es war kalt und regnerisch, als er losging in dies neue Leben. Er konnte ganz so gehen, wie es kam. Jeder Weg war so gut wie der andere. Er marschierte los, aus der Stadt heraus, sein Instinkt leitete ihn, zuerst einmal mußte er zum Meer.

Er ging durch kleine Städte, er ging durch Dörfer. Die Hunde bellten hinter ihm her. Aber er besaß hundertdreizehn Mark und einen festen Eichenknüppel. Sie taten ihm nichts. Nichts tat ihm mehr etwas.

Erst kam das Kleine Haff, dann kam die Peene, er wurde naß und wurde wieder trocken. Er schlief nachts in Gasthofbetten oder im Heu bei einem Bauern oder in einem Strohfeimen, wie es gerade kam. Er hatte die Brücken hinter sich abgebrochen. Es gab nichts der Art wie Vorsorge oder Angst für ihn. Es würde sich schon immer etwas finden.

Nach der Peene kam er an die See. Er ging sehr lange an ihrem Strand entlang. Man konnte entweder auf die Dünen oder auf den Himmel oder auf das Wasser sehen – es war alles gut.

Aber trotz seiner Unbekümmertheit setzte er sich in einem Dorf, das Hanshagen hieß, auf die Bahn und fuhr in einem Zuge durch bis Rostock: wenn er auch zwanzig Jahre alt war, so war er doch immerhin erst zwanzig Jahre alt. Sein Vater konnte ihn jederzeit aufgreifen und zurückbringen lassen. Greifswald, Stralsund, das war nun doch eine Gegend, um die man sich bekümmern mußte.

Dann wanderte er immer weiter durch das Land, über Lübeck, Elmshorn, nach Glückstadt. Von Glückstadt fuhr er über die Elbe, fuhr weiter nach Cuxhaven und sah hier die Nordsee. Mit seinem letzten Gelde hatte er den aufgelösten Joppenanzug aus Loden in einen schilfleinenen umgetauscht und noch einmal seine Wäsche erneuert. Nun war er ganz ohne Geld. Aber darum ging es ihm nicht schlechter. Es gab überall Werkstätten, die einen tüchtigen Maschinenschlosser gebrauchen konnten. In den Dorfschmieden war Hochbetrieb mit all dem zu Bruch gegangenen Erntegerät, und jeder Bauer hatte Verwendung für einen kräftigen Mann, der auf die Erntegabel gleich drei Weizengarben spießte. So gab es hier eine Mark und Essen, und dort drei Mark und einen Schlafplatz. Zwei Tage Arbeit, und weiter gewandert, reisende Leute soll man nicht aufhalten. Manchmal war er mit Menschen ein Stück Wegs zusammen gelaufen. Sie hatten sich gegenseitig mit Tabak ausgeholfen, und er hatte Wissenswertes für seinen Weg über Schlafstellen und Gendarmen erfahren. Aber er trennte sich immer bald wieder. Menschen hatte er ja in den letzten vier Jahren genug erlebt, und Sprechen war eine ziemlich unfruchtbare Beschäftigung.

Unangenehm waren zweifelsohne die Gendarmen, die ihm oft sechsmal am Tage seine Papiere abforderten. Aber er ertrug sie mit lächelnder Gelassenheit, weidete sich an ihrem Zusammenzucken, wenn der Stromer sich als »Techniker« entpuppte, war aber innerlich fest entschlossen, seine Freiheit der Faust und den Beinen anzuvertrauen, falls sein Vater ihn etwa wirklich suchen ließ. Aber so etwas geschah ihm nicht. Auf Warder war er sicher schon so verstorben, wie sein Bruder Alwert verstorben war.

Allmählich wurde das Land immer einsamer, stiller und verlassener. Er hatte sich von der See fortgewandt und marschierte nun zwischen Risch und Rohr, Heide und Moor. Der Himmel war unendlich weit, das braune Land fraß das hellste Sonnenlicht.

Dörfer und Höfe wurden immer seltener, und das Wasser in den Brunnen war braun und moorig. Er ging immer weiter. Es war still um ihn, und es wurde immer stiller in ihm. Manchmal sah er einen halben Tag lang nichts wie ein paar Kiebitze oder eine Kreuzotter, die sich im Sand des verfahrenen Weges sonnte. Er konnte viele Stunden auf einem Fleck sitzen und die Bienen summen hören. Seine einzige Tätigkeit war vielleicht, daß er sich ganz ins Heidekraut fallen ließ und den Rucksack unter den Kopf schob.

Er hatte auf seinem Wege von Stettin her alle Abstufungen von Platt durchgemacht. Sie hatten zu Kartoffeln der Reihe nach gesagt: Nudeln, Pantüffeln, Tüffeln, Tüften, Kantüffeln, Kurtuffeln, Ärdappeln. Von der leichten, heimatlichen Aussprache war er immer mehr in eine bloße Verständigung geraten, und so wunderte er sich eines Tages gar nicht, als die Leute wieder einmal ganz anders redeten, und er in ein Land geraten war, das Holland hieß.

Weiß der liebe Gott, wie er über die Grenze gekommen war. Er wußte es nicht. Von Zöllnern hatte er jedenfalls nichts zu sehen bekommen. Und wenn jener blanke, schnurgerade Kanal, den er in einer Mondnacht durchschwommen hatte, die Grenze gewesen sein sollte, so hätten sie in seiner Mitte ein Plakat aufstellen und es draufschreiben sollen, sonst verbiesterte man sich ja ganz in allen diesen Ländern, wie man sich in Tüffeln verbiestern konnte!

Ihm jedenfalls war auch Holland vollkommen recht, wenn es auch mit Geld und Arbeit hier schlechter aussah. Und mit den Gendarmen auch. Aber er half sich mit seinen großen Schulzeugnissen voll feierlicher Stempel und einem fast gar nicht geheuchelten, völligen Allesnichtverstehen. Im übrigen waren es die goldenen Zeiten vor dem Kriege, in denen das Land reich und gastfreundlich war. Man machte nicht viel Aufhebens von einem fremden Vogel, der im eigenen Neste mitfraß: es war für alle genug da.

Dann aber hatte Johannes Gäntschow noch das Glück, in einer Stadt, die Leeuwarden hieß, auf eine Schar deutscher Wandervögel zu treffen, zehn oder zwölf Gymnasiasten, von einem zwanzigjährigen Studenten geführt. Und da er nun nicht nur ein deutscher Bruder, sondern auch ein richtiger Einjährig-Freiwilliger war, und da zum andern den Pennälern genau wie ihm das Geld auf ihrer Fahrt ausgegangen war, so traten sie in eine lockere Verbindung, erzählten sich, wo sie an diesem Tage hingehen wollten, und halfen einander aus. Die Wandervögel hatten Gitarren und Mandolinen mit, und wenn sie in einen Ort kamen, so stellten sie sich auf den Marktplatz, ließen ihre Klampfen loszittern und sangen dazu alte deutsche Volkslieder. Sie hatten unter sich einen Gymnasiasten, ein langes, wadenloses Tier, ungeschickt, mit einer Brille, das weder ein Instrument spielen, noch eine Melodie mitbrummen konnte, das aber einen herrlichen grünen Filzhut mit einer langen Fasanenfeder hatte. Wenn dann die Holländer, erfreut über die schöne Abendmusik, klatschten, tauchte das musikalische Untier aus dem Hintergrunde auf, zog seinen Hut und sah, während die andern weitersangen und spielten, das Publikum mit seinen großen, traurigen, bebrillten Eulenaugen und seiner großen, bleichen Nase so kläglich an, daß ganz von selbst nicht nur Fünf- und Zehn-Cent-Stücke, sondern auch Gulden in den Hut fielen.

Gäntschow konnte singen, laut und schön. Und so sang er mit, wenn er gerade dabei war, und so bekam auch er seinen ehrlichen Teil von dem Münzenregen ab. Der Führer der Wandervögel, von ihnen »Acer«, was scharf heißt, genannt, sah den neuen Teilhaber und gelegentlichen Mitesser nicht allzu gern. Gäntschows schon wieder verbrauchte Schilfkleidung und seine breiten, verarbeiteten Hände schienen ihm verdächtig. Mit immer neuen, vorsichtigen Anfragen suchte er hinter das Geheimnis dieser Existenz zu kommen, war durcheinander listig, aufgeschlossen, stumm, vertraulich, schwatzhaft und machte auch zwei oder drei Versuche, den neuen Gefährten durch falsche Wegangaben loszuwerden, was aber immer durch heimliche Mitteilungen der andern Schüler mißlang.

Zu andern Zeiten hätte Gäntschow aus diesem Verhalten des Studenten längst seine Schlüsse gezogen und sich völlig von der Schar getrennt. In der letzten Zeit aber, eigentlich seitdem er auf holländischem Boden war, fühlte er sich gar nicht mehr recht gut. Es hatte mit Nasenbluten angefangen, war mit Kopfschmerzen, Schwindel und Schwäche weitergegangen – in einer ihm sonst fremden Entschlußlosigkeit klammerte er sich an die Schar und zog hinter ihr her weiter, tauchte mittags am großen Kessel auf und ließ sich seine Portion geben, die ihm doch nicht schmeckte.

Sie waren unterdes bis nach Haarlem gekommen, und von dem freundlichen Kapitän eines kleinen Frachtdampfers über den Zuidersee nach Helder, der Festung, mitgenommen, wanderten sie nun in langsamen Tagesmärschen die Westküste des Landes, fast immer am Nordseestrand, abwärts. Hier freilich konnte Gäntschow sehen, was eine rechte Meeresküste heißt: nicht in ein, zwei, drei spärlichen Dünenketten grenzte das Land ans Meer, wie er es von Fiddichow her gewöhnt war, sondern eine stundenweite, verlassene Wildnis mit Sand, Strand, Hafer und Disteln tat sich auf, wahre Dünenberge mit scharfen von Wind oder Flut zerrissenen Abhängen, mit Abstürzen und ewigem Geriesel, mit einem Strand, so breit wie seines Vaters sämtliche Äcker.

In den seltsamen Zustand von Benommenheit, der ihn jetzt alle Tage umfing, drang dies alles mit einer unerhörten Kraft; er konnte nach stundenlangem, stillem Wandern bei einem plötzlichen Möwenschrei auffahren, als sei gesprochen worden zu ihm und nur zu ihm. Und der Schrei des Vogels drang immer tiefer in ihn, in irgendwelche beunruhigend dunklen Bezirke, in denen er, lange noch hallend, langsam ausklang. Oder aber er konnte auf die See hinaussehen, deren grünliche Wellen hier mit einer unerhörten Wucht und Höhe auf den Strand liefen, und plötzlich überkam es ihn, als sei sein Herz angerührt worden. Seine Lippen fingen an zu zittern, seine Augen füllten sich mit Tränen, er flüsterte viele Male vor sich hin: O Gott! O Gott! O Gott! Und ging in einer grenzenlosen, verzückten Verzweiflung weiter, die erst in Stunden schwächer wurde.

Die Wildnis aus Sand und See wurde immer großartiger und verlassener. Jetzt streckte sich der Dünengürtel schon so tief in ein völlig menschenleeres Land, daß der Student Acer jeden Morgen aus seiner Karte genau feststellen mußte, von wo in einem Wassersack Trink- und Kochwasser zu holen war. Zwei Mann brachten es an jedem Vormittag nach stundenlangem Marsch zum Abkochplatz heran, während die andern in der Brandung tobten und schrien oder völlig nackt weite Entdeckungsreisen durch die Dünen machten. An einem unvergeßlichen Tage hatte jenes wadenlose Gespenst mit der bleichen großen Nase, das bei den Konzerten als Schnorrer mit dem Hute herumging, Kochdienst. Dieser Jüngling von fünfzehn, Lenz mit Namen, war eine wunderlich unerträgliche Mischung aus Tiefsinn und Albernheit. Ein großer Schweiger und prahlerischer Schwätzer. Dumm wie ein Stück Holz und klug wie die Schlangen. Am Morgen hatte die ganze Horde einen Riesensack grüne Bohnen geschnitzelt, die ihnen irgendein gutmütiger Gemüsebauer geschenkt hatte, um elf kamen die beiden Boten mit dem Wassersack, das Feuer aus Strandholz flammte unter dem ungeheuren schwarzen Freßtopf auf: Und nun wirst du ja jedenfalls das fertigbringen, diese Bohnen am Kochen zu halten, bis sie gar sind. Was, Lenz? fragte verächtlich der Student.

Jawohl, jawohl, sagte der Unselige eifrig, ergriff den großen Holzkochlöffel und machte sich an ein eifriges und nutzloses Umrühren. Die Horde zog aus zum Baden und auf Abenteuer. Gäntschow, völlig zerschlagen nach einer wieder einmal fast schlaflosen Nacht, borgte sich von Lenz eine Zeltplane und kroch in einem Dünenschatten zur Ruhe.

Allein geblieben, gab der Schüler Lenz das Umrühren bald auf und versank in ein Nachdenken über gar nichts, aus dem er erst erwachte, als das Feuer fast ganz heruntergebrannt war. Still ruhte der Topfinhalt. In großer Hast schob der Befehlskoch neues Holz unter den Topf. Der Dreifuß, auf dem er ruhte, kam ins Wanken, der Topf stürzte um, und das kostbare Süßwasser versickerte im Sand.

Kinder und Narren wissen stets die unmöglichsten Auswege. Zuerst fachte Lenz, nach einem vorsichtigen Ausblick auf seine Kameraden, die aber alle außer Sicht waren, und dieser Stromer pennte, das Feuer wieder an – dann warf er Bohnen, Kartoffeln und Strandsand kunterbunt in den Topf, stürzte zur See und wusch alles gründlich durch, wobei ihm ein gutes Drittel der Kost fortschwamm. Dann setzte er das Ganze mit einer tüchtigen Portion Seewasser aufs Feuer, und schon nach kurzer Zeit kochte die Mischung wieder höchst befriedigend. Lenz wußte aus der Schule theoretisch und vom Baden dieser Sommerreise her praktisch, daß Nordseewasser sehr salzhaltig ist – er hatte vorgehabt, einen etwa zu starken Salzgehalt des Essens als ein guterdings-schlechterdings unerklärbares Wunder der Natur hinzustellen, und hatte darum auch die Unglücksstelle sorgfältig mit trockenem Sand bestreut. Irgend etwas warnte ihn aber doch. Und als er mit dem Kochlöffel sein Werk – die Hauptmahlzeit für vierzehn Ausgehungerte – kostete, war der Geschmack so höllisch bitter, daß ihm klar wurde, er würde für dieses Wunder nicht einen Gläubigen finden. Da er aber aus dem Chemieunterricht zu wissen glaubte, daß jede Säure neutralisiert werden kann – durch eine Base, wie? – so schien ihm die Neutralisierung des bitteren Salzes durch den süßen Zucker geboten: er beraubte sämtliche Rucksäcke der privaten und öffentlichen Zuckervorräte, Streuzucker wie Stückenzucker, und warf das ganze in den brodelnden Topf, der es gleichmütig aufnahm.

Sein Engel warnte ihn, durch eine zweite Kostprobe die Richtigkeit seiner theoretischen Erwägungen nachzuprüfen. Er hockte sich wieder neben den Topf und begnügte sich, seine unbestimmbaren Gedankenketten von Zeit zu Zeit pflichtgetreu damit zu unterbrechen, daß er, jetzt vorsichtig, ein neues Stück Holz unter den Dreifuß schob.

Es ist das Vorrecht junger Menschen, nicht den geringsten Sinn für Humor zu haben. Nachdem Lenz in einem wehmütig klagenden Ton seine theoretischen Erwägungen und praktischen Taten der empörten Horde auseinandergesetzt hatte, sank ein tiefes, verdrossenes oder wütendes Schweigen über alle. Sie hatten einen unsinnigen Hunger und Durst. Das nächste kleine Fischerdorf war sieben Kilometer entfernt, die Sonne prallte mit erstickender Glut vom Himmel, und sie hatten kein Geld! Bei dem und jenem steckte noch ein Brotkanten im Rucksack, aber das vertrocknete Zeug wollte nicht über die durstigen Schleimhäute, und stumm und verbissen setzte sich die ganze Schar in Marsch. Lenz, von allen wie ein verworfener Muttermörder gemieden, zottelte am Schluß der Schar. Als allerletzter zog in der Ferne Gäntschow nach. In seinem Kopf brannte Feuer. Sicher hatte er irgendein blödsinniges Fieber, rätselhaft wieso.

Nun, sie kamen auch über diesen Tag. Sie bekamen irgendwie auch an diesem Tage zu essen und zu trinken. Als sie am Abend mit ihren Klampfen wieder am Strand saßen und sangen, schien alles neu in bester Ordnung. Nur, daß Lenz noch immer abseits saß und daß kein Wort zu ihm gesprochen wurde, zeigte, daß eben doch noch nicht vergeben und vergessen worden war.

Am nächsten Tag, sie waren wieder am Strand, bewarb sich der Musterknabe, der Porzig, freiwillig um den Kochdienst. So viel Diensteifer hätte jedem auffallen müssen, selbst bei einem Klassenprimus und Wunderkind. Nur der Träumer Lenz ging ahnungslos zu eben dem Baden, dem der Porzig gerade seinetwegen fernbleiben wollte. Denn die Parole war von Mund zu Mund weitergeflüstert, daß man es dem Idioten, dem Lenz, beibringen wollte, mit dem guten Essen so zu aasen. Er sollte getaucht werden, bis er blau war. Acer natürlich, Führer und Student, würde von nichts wissen, den Horizont oder die Quallen studieren. Wohlwollende Neutralität heißt so was, wenn man nicht sieht, was man sieht.

Nun, auch diese Jungen taten ihr Bestes, mit aller schönen Unbekümmertheit der Jugend: sie stießen den Kopf des Lenz, kaum war er aus dem Wasser, mit solcher Wucht wieder hinunter, daß er immer gleich auf den Grund ging. Er war eine Art Wasserball, alle strengten sich gewaltig an, ihn sofort bei jedem Auftauchen zu fassen, und das gelang ihnen im Sporteifer auch so glänzend, daß von Atmen gar keine Rede mehr war.

Zuerst hatte Lenz gelacht, dann geschrien, dann gebettelt, jetzt kam er nur noch hervor, stumm mit den Händen flehend, blaurot, die Augen dick aus dem Schädel.

Am Strande stand Gäntschow und sah dem zu. Es ging ihm heute sehr schlecht. In seinem Kopf ereigneten sich komische glühende Vulkanausbrüche. Dann wurde alles rot, die Sonne war ein tanzender Ball aus Glut, der in seine Augen rollen wollte. Er mußte die Lider schnell eine Weile schließen, dann ging sie etwas weiter ab von ihm. Aber er hatte auch auf das Wasser zu sehen, auch dort war ein Ball im Gange. Es war auch damit etwas nicht in Ordnung. Er hatte sich darum zu kümmern.

Lenz unterdessen in seiner Nordsee war gleich alle. Er hatte so viel Salzwasser geschluckt, daß ihm übel davon war. Er stieß nur noch schwächlich an die Oberfläche. Salzige Tränen rannen mit dem Salzwasser über seine Backen – eigentlich war er schon blauer, als man je gehofft. Aber die Jungen hatten natürlich längst vergessen, daß sie da einen andern Jungen vor sich hatten. Sie waren Sportler, von einer fixen Idee besessen. Da tauchte der Ball auf – rauf und runter! Wer ist der Schnellste? Halt, diesmal habe ich ihn, halt, diesmal kriege ich ihn, weg, runter. Diesmal habe ich es ihm aber besorgt!

Der Herr Kammergerichtsrat Lenz zu Berlin nebst Frau hätten wohl vergeblich auf ihren mürrischen Sohn warten dürfen, mehr als die Nachricht von einem Unglücksfall (beim Baden ertrunken) hätten sie wohl nicht bekommen.

Aber nun erscholl ein fürchterliches Gebrüll vom Strande her: Gäntschow hatte einen lichten Augenblick gehabt und kapiert. Die im Wasser schauten einmal zu ihm hin: Das ist der Stromer, will sich wohl mausig machen. Nun grade! Auf ihn! Weg mit dem Ball, siehste!

Der Stromer kam durch die Fluten geschritten, er trug seinen schilfleinenen Anzug, seinen Hut, seine Wäsche, alles, was er hatte. Aber er hatte den Ruf gehört. Bis in seinen Fieberdusel hatte er ihn gehört. Das war seine Sache: ein Dutzend über einen her. Fieber, wenn schon, hier hast du eine. Weg mit dir, Kraftprotz, meine Muskeln sind doch noch ein bißchen anders. An den Beinen willst du mich reißen, du Affe? Hier hast du einen Beintritt, an dem du eine Woche zu hinken haben wirst! Was, fünf auf mich nieder?! Er schlenkert seinen Rücken frei. Das kühle Wasser macht ihm einen Augenblick den Kopf klar. Hier, mitten ins Gesicht für deine Feigheit ...

Laßt euch nichts von dem Penner gefallen! Wartet, ich komme gleich, schreit Acer.

Aber Gäntschow hat schon Luft. Und er greift rasch nach dem dunklen Körper, der in den blaugrünen Wogen rollt, er trägt ihn auf seinen Armen, er entsteigt den Fluten ...

Da, sagt er zu dem Studenten, und legt den Knaben Lenz in den Sand. Er muß sich sofort daneben setzen.

Ertrunken?! fragt der Student und wird bleich. (Seine ganze Karriere steht auf dem Spiel, schließlich ist er für die Jungen verantwortlich.)

Ertrunken, antwortet Gäntschow und plauzt um. Der Vulkan in ihm speit rotglühende Blutströme in alle Gehirnkammern.

Der Typhus, den sich Johannes Gäntschow im braunen Wasser des Bourtanger Moors aufgesammelt und den er durch Wochen mit sich herumgeschleppt hatte, bis die Bazillen über seinen Riesenkörper Herr wurden, machte allen Träumen von Freiheit ein Ende. Es fing damit an, daß im Krankenhaus zu Haarlem neben seinem Bett nicht nur der Schüler Lenz, sondern auch der Vater Lenz saß, der Kammergerichtsrat aus Berlin, ein eher zierlicher Mann, mit kinderhaft kleinen, zarten Händen und Füßen, mit einem Spitzbart und blauen, aber etwas müden Augen hinter einer Goldbrille.

Dieser Beamte hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß er seinen Sommerurlaub durchaus in der Stadt Haarlem verbringen wollte, sicherlich einer sehr hübschen, einer sauberen, einer gepflegten Stadt, aber nicht gerade ein Ort für sechs Wochen Sommerfrische. Und die nicht einmal verbracht in der Stadt, in der Umgebung, unter Bäumen, nein, ausgerechnet in einem Krankenhaus. Bitte nein, kein Gefasel von ewiger Dankbarkeit und Lebensrettung, kein Männerhändedruck voller Bedeutung, aber sich neben ein Bett gesetzt, eine Woche, zwei Wochen, da sinkt das Fieber, drei Wochen, vier Wochen: in der nächsten Woche fangen wir an aufzustehen, fünf Wochen: Sehen Sie, Schritt um Schritt, stützen Sie sich ruhig fester auf mich, ich bin gar nicht schwächlich. Und was nun? – Ich würde ja doch dafür sein, daß wir einmal Ihrem Herrn Vater schrieben. Ich sehe es gewissermaßen als unsere Pflicht an, sagte der zierliche Herr und bemühte sich, nicht unter den Griffen von Johannes zu keuchen.

Der schwieg.

Das meiste im Leben, sagte der alte Herr wieder, sind Mißverständnisse. Die ganze Welt ist voll davon. Manche sind aufzuklären, manche sind nicht aufzuklären. Andere werden einfach aus Nachlässigkeit nicht aufgeklärt. Das scheint mir Ihr Fall zu sein. Der Kammergerichtsrat dachte und sprach immer in Fällen.

Herr Lenz dachte nach. Der großnasige Sohn, wieder ganz erholt, sah seinen Vater von der Seite an, ging stumm nebenher.

Was sagt der Arzt? fragte Johannes.

Sie haben mir ja alles erzählt, sagte Herr Lenz überraschend. Sie haben mir ja alles erzählt: Besserwissen eines Bengels, wütender Vater, Schwur, dreijährige Lehrzeit – hat Ihr Herr Vater übrigens geschworen, daß Sie nie Landwirt werden sollten oder daß Sie nur nicht auf seinem Hof Landwirt werden sollten –?

Was meint der Arzt? sagte Johannes hartnäckig.

Ja, richtig. Können wir uns einen Augenblick auf diese Bank setzen? Ein Riese – was für Reserven euch eure Väter mitgeben! – Er wischte sich die Stirn. Ich habe mir übrigens gleich gedacht, daß Sie sich nicht mehr so genau erinnern, es ist ja neun Jahre her. Das Gedächtnis ist die unzuverlässigste Geschichte von der Welt. Natürlich können Sie Landwirt werden, dem steht nichts im Wege. Nur nicht gerade auf dem väterlichen Hof, den ja auch Ihr Bruder Max erben wird.

Woher wissen Sie denn das? fragte Johannes verblüfft. Übrigens wird mein Vater Ihnen schon Bescheid sagen.

Ihr Herr Vater hat mir schon Bescheid gesagt, er sitzt übrigens unten in der Halle. Ach nein, da kommt er ja schon. – Die kleine, zierliche Hand legte sich überraschend fest auf Johannes' Arm. Es hat nicht den geringsten Zweck, daß Sie weglaufen, Herr Gäntschow, Sie sind für Weglaufen noch zu schwach. – Der kleine Herr sprach immer eindringlicher: Im übrigen werde ich Ihren Fall führen, als sei es mein eigener. Was sage ich, mein eigener? Als seien Sie von Todesstrafe bedroht, so werde ich ihn führen. – Sehr ernst: Sie sind von Todesstrafe bedroht, Herr Gäntschow! Vielleicht noch von viel Schlimmerem: vom Verbummeln, Verkommen auf der Landstraße. Man ist sich zu gut für so etwas, wenn man überhaupt etwas ist.

Er sah der Gestalt des Bauern entgegen, der abwartend vor einem Beet an dem langen, rundköpfigen Lindenweg stand.

Der Kern der Sache ist der, sagte er nachdenklich, daß Vater wie Sohn sich beide nicht mehr erinnern, was eigentlich war – Selbstverständlich können Sie Landwirt werden, Ihr Herr Vater wird es Ihnen jetzt bestätigen.

Solange der kleine, zierliche Herr Kammergerichtsrat Lenz bei Vater und Sohn blieb, ging alles glänzend. Dieser Herr hatte eine so überraschende, blitzgeschwinde Art, Hürden zu nehmen, scheinbar rechts und links vorbeizusehen, da ist kein Hindernis, ich sehe nicht die Spur einer Hürde ...

Ein oller Heimtücker, grollte der alte Gäntschow. Mich hat er mit zehn Sätzen so durcheinander geredet, daß ich nie mehr wissen werde, was ich eigentlich je gedacht, gesagt und getan habe.

Ein etwas beunruhigender Mann, dieser Herr Lenz. Johannes Gäntschow sah und hörte ihn. Er konnte das dünne Kinderhändchen mit den blauen Adern und dem schönen alten, roten Siegelring lange betrachten und denken: So kann man auch sein, auch das ist Kraft, auch das ist Stärke. Vater ist sicher stark, und vielleicht bin ich noch stärker als Vater. Aber es fragt sich doch sehr, ob dieser alte Herr Kammergerichtsrat nicht zehnmal stärker ist. Eisen, jawohl, eine gute Sache, stark, dauerhaft, aber Stahl, geschmiedeter Stahl läßt sich biegen und schnellt zurück, scharf ... eine ungeheure Kraft. Vater machte es sich bequem, Vater sagte einfach: Heimtücker. Vater kapierte nicht, was für eine nie rastende Selbstdisziplin dazu gehörte, einem schwachen Körper solche Überlegenheit abzugewinnen. Vater sagte, als sie nach dem Abschied im Zuge saßen: Gottlob, mit diesen Studierten kann man nie reden, die quatschen einen um und dumm.

Immerhin, trotz allen Absprechens hatte dieser Berliner Herr Lenz beim Vater Ungeahntes erreicht. Johannes hatte sich gescheut, nach dem Reiseziel zu fragen, aber sie fuhren tatsächlich ohne ein Wort, ohne Aufhebens nach Fiddichow auf den alten, guten Hof.

Als sie vom Kirchdorfer Bahnhof die halbe Stunde bis zum Hof gingen, der Sohn immer noch in seinem Schilfleinen mit dem fast leeren Rucksack auf seinem Rücken, warfen die Leute die Köpfe, als habe sie eine Bremse gestochen, und sicher war die Rückkunft des verlorenen Sohnes, noch ehe alle schlafen gingen, auf der Halbinsel herum.

Es war Herbst, als die beiden heimkehrten. Die Getreidefelder waren abgeerntet, schon zog der Pflug überall seine Furchen für die Wintersaat. Warder lag zwischen seinen Pappeln, von den mächtigen Kronen der Linden überragt, an einem grauen, windigen Nachmittag still und schweigend da. Bruder Max kam über den Hof geschlurft, drückte dem Jüngeren mit einem »Dag ok« etwas brummig die Hand und verschwand durch eine Stalltür. Die Mutter hatte wie immer nichts fertig, sie hatte geglaubt, der Zug würde Verspätung haben, und mußte nun eilig Kaffee kochen. Unterdes ging Johannes in sein kleines Giebelzimmer hinauf, setzte sich ans Fenster und sah auf den Giebel der Feldscheune. Ein paar Schalbretter waren erneuert, die ganze Scheune war mit Karbolineum gestrichen, überhaupt schien der Hof gut instand. Das Giebelzimmer, das früher stets zu klein für all die Kinderbetten gewesen war, enthielt jetzt nur noch zwei Bettstellen. Die eine war frisch bezogen, die war für ihn, die andere war für Max. Sie waren nun die beiden einzigen auf dem Hof. Ernst war bei der Post in Altona und Erna auf einem Hof im Vorpommerschen als Geflügelmamsell. Mehr Kinder gab es nicht.

Die Mutter rief zum Kaffee, der Vater war doch noch vor Dunkelheit aufs Feld gegangen. Johannes mußte allein trinken. Die Mutter setzte sich dazu. Sie sah erschreckend alt und entstellt aus: Gegen einen Ausschlag an der Stirn hatte sie irgendeine Hausmittelsalbe gebraucht, der Ausschlag war fortgegangen, aber die Stirn hatte eine dunkle, blaugraue Farbe angenommen, die unter dem spärlichen, strähnigen Scheitel und über dem faltigen, zusammengekniffenen Mund erschreckend gespensterhaft wirkte.

Die Mutter hatte seinen Rucksack schon durchwühlt, sie wollte wissen, ob noch Gepäck käme, und brach in ein trostloses Weinen aus, als sie hörte, daß alle Strümpfe, Hemden, Unterhosen endgültig »weg« seien. In der Küche klapperten die Mädchen mit den Melkeimern. Johannes stand ungeduldig und gereizt auf und ging in die Ställe.

Im Schweinestall schloß sich ihm der Bruder Max an. Das Vieh sah proper und rund aus. Der Stall war ganz neu ausgebaut, sie mästeten nur noch mit russischer Gerste, es war kein schlechtes Geschäft. Ja, der Hof war vorwärts gekommen, er ernährte jetzt um die Hälfte mehr Vieh als früher. Seit sie das Kleeheu reuterten, hatten sie stets Futter genug.

Aber – und der Bruder wurde im Dämmerlicht des Stalls vertraulicher – der Alte wurde immer eigenwilliger und wunderlicher. Oft ging er tagelang nicht auf Hof und Feld, kümmerte sich überhaupt nicht um die Wirtschaft, schnauzte Max an, wenn der was fragte. Er sei wohl endlich groß genug, er solle es sich einteilen, wie er wolle. Und kam er dann hinaus, so fragte er nicht, warum das und das so gemacht war. Es war eben alles falsch gemacht. Er schrie so lange, bis er sich auf die Erde setzen mußte, denn jetzt bekam er Herzkrämpfe, wenn er sich aufregte. Max trug oder fuhr ihn dann nach Haus.

Was es sonst Neues gäbe auf der Insel?

Ach nichts. Neulich sei eine ganze Kommission auf Fidde gewesen. Es solle ja nun wohl wirklich zur Versteigerung kommen. Ein Wunder sei es nicht. Seit fünf Jahren wirtschafteten dort die Beamten ohne jede Aufsicht. Was da gestohlen werde, ertrage kein Hof. Und – als sei der Bruder an etwas erinnert worden – er, Max, ginge doch seit drei Jahren mit der Tochter von Stavenhagen, dem Kaufmann Stavenhagen. Das wisse Hannes doch? Nein? Nun also, ja, das wäre ihm auch bekannt, daß der Alte ein ausgekochter Hund sei mit seiner Likörhinterstube, aber den alten Stavenhagen wolle er ja nun nicht heiraten, sondern die Lene, und die Lene sei in Ordnung. Aber mit dem Vater sei überhaupt nicht darüber zu reden. Es sei, als wenn man in den Wind spräche, er antworte überhaupt nicht. Sie hätten nun schon zwei Kinder, die entzückendsten Mädels von der Welt, und nicht die geringste Aussicht auf Heiraten. Man müsse nun eigentlich, so groß die Sünde sei, direkt auf Vaters Tod warten, und vielleicht, daß der noch aus dem Grabe heraus Schwierigkeiten mache. Mutter werde auch immer verdrehter. Die Salbe sei ihr wohl nicht nur auf die Stirn, sondern auch aufs Gehirn geschlagen. Er habe sie genug gewarnt, es sei eine Salbe für Mauke bei den Pferden gewesen. Nun sei sie manchmal so verwirrt, daß sie nicht mehr Tag noch Nacht auseinanderhalte. Neulich habe sie alle um ein Uhr nachts geweckt, und das Mittagessen stand fertig auf dem Tisch.

Eine trübe, verzweifelte Stimmung senkte sich über Gäntschow. Er merkte, der Bruder hätte immer weiter so reden können. Mit der Wirtschaft stand es gut, aber mit den Menschen stand es schlecht. Das Alte wehrte sich gegen das Sterben. Es bestand nur noch aus Grillen, die Lebenssubstanz war in der Auflösung.

In den nächsten Tagen lief er viel auf den Feldern umher, noch immer durfte er nichts anfassen, der Vater hatte es Max streng untersagt, dem Bruder irgendeine Arbeit zu geben. So lief er denn eben umher, der Vater sprach kaum ein Wort mit ihm und nie eins über die Zukunft. Bücher hatte er nicht mehr – er lief sich müde. Der Vater war imstande und ließ ihn hier sitzen, ein halbes Jahr, ein Jahr, zur Strafe oder weil er eben einen Dickkopf hatte.

Kann ich Tinte und Papier haben, Vater? fragte Hannes.

Der Alte sah den Sohn unter den buschigen Brauen hervor an. Am Freitag wird in diesem Hause nicht geschrieben, sagte er langsam und ging aus der Stube.

Am Sonntag fragte der Sohn wieder nach Tinte und Papier.

Willst du den Gottestag mit Schreibkram schänden? fragte der Vater dagegen. So etwas gibt es draußen, hier nicht.

Und am Montag endgültig: Auf meinem Hof schreibt einer, und das bin ich! Verstehst du das?!

Nichts zu machen. Im Grunde war es ein Spaß. Das kleinste Nest, ein Loch wie Greifswald konnte den Vater aus der Fasson bringen, vor einem Schnösel von Studenten trat er in den Rinnstein, in Haarlem war er nachgiebig gewesen, aber kaum wieder auf der heimischen Erde, wurde er anmaßender und selbstherrlicher als ein Fürst. Der liebe Gott war ein kleiner, schwacher Mann gegen ihn. Vater saß versteckt hinter den Knasterwolken seiner Pfeife und grübelte über Dinge, die man nie erfuhr.

Der Sohn machte einen Spaziergang, er traf seinen Lehrer und Superintendenten Marder. Er lebte noch immer, aber was war der alte Mann alt geworden. Johannes hatte es schon gehört. Der Krieg war zu Ende. Marder hatte seine Haushälterin Witte geheiratet. Ein Gespött, endgültiger Verlust jeden Ansehens in der ganzen Gegend: eine Fischersfrau im Superintendentenhaus! Aber wahrscheinlich war es nicht nur das, wahrscheinlich war auch durch diesen Friedensschluß nichts beendet. Nichts endet dadurch, daß man sich mit seinem Feind in dasselbe Bett legt, man muß seinen Feind schlagen oder untergehen!

Was du groß geworden bist, Johannes, ein wahrer Enak, sagte der alte Mann leise, an seinem ehemaligen Schüler hochblinzelnd. Nun, du warst schon immer ein strammer Kerl. Schon damals in den Zeiten mit Christiane. Von Christiane hast du gehört, nicht wahr? Sie soll lungenleidend sein, sie sitzen jetzt schon so viele Jahre im Süden, Frankreich, Italien – jetzt ist es Ägypten. Manchmal schreibt sie mir Briefe. Entzückende Briefe, sie hat so viel Witz. Und Geduld. Geduldig war sie schon immer. Sie braucht das auch. Der alte Graf soll ja halb schwachsinnig geworden sein. – Nun, du jedenfalls bist groß und stark geworden – was lernst du jetzt eigentlich? Oder lernst du gar nichts? Es ist vielleicht besser, nicht zu fragen. Ich frage die Leute überhaupt nichts mehr. In jedem Haus ist etwas nicht in Ordnung. Wir müssen mal über all das sprechen. Wir sehen uns doch bald einmal, nicht wahr? Es wird sich schon einmal so einrichten. Sie fährt vielleicht am Dienstag nach Stralsund. Oder noch besser, wir treffen uns im Schwedischen Hof. Daß Reeses zweite Frau auch schon wieder tot ist, hast du gehört. Eine häßliche Krankheit, es wird so viel davon geredet, es soll ja gar kein Krebs sein. Nun, jetzt hat er die dritte. Manche Menschen überdauern alles. Nicht, daß ich was gesagt haben wollte, relata referro– du kannst doch noch dein Latein?

Guten Tag, sagte Johannes und ging eilig los. Unerträglich, einfach unerträglich. Greisengeschwätz, ein geifriger Mund, Rache an der ganzen Menschheit, weil man einmal zwei Totenreden verwechselt hatte und einem das auch nicht verziehen wurde. Ägypten, wahrhaftig, da gab es Pyramiden und die Sphinx, die eigentlich der Sphinx hieß. Man ritt auf Kamelen und Eseln dahin, er hatte es auf einem Bilde gesehen. Ein wolkenloser, blauer Himmel, Sand und Blutspucken, ein töricht werdender Vater, aber witzige Briefe an einen alten Superintendenten – so endete es.

Das Tor zum Schloßpark steht halb offen. Es hat sich in seinen Angeln gesenkt. Sicher ist es in all den Jahren überhaupt nicht mehr geschlossen worden. Heruntergerissene Zweige, die meisten Scheiben im Gewächshaus entzwei. Bestimmt geht das ganze Dorf jetzt hier Holz sammeln, und die Kinder benutzen den Park als Spielplatz. Niemand hindert Johannes, umherzugehen, soviel er mag. Vor allen Fenstern hängen die Jalousien, es ist ein blind gewordenes Haus.

Er geht umher. Er wandert über die Trümmerstätte seiner Kindheit. Hier ist die ganze Fliederhecke weggehauen, wer macht nur solche Gemeinheiten? Sein Leben langsam. Tag um Tag, forthusten, übrigens ist auch das Springbrunnenbassin in Stücke gefroren. Gras und Unkraut auf allen Wegen, Moos im Rasen, vier Jahre lang ist man in der Welt herumgelaufen, und drinnen in einem hat der Groll gesessen, als sei man von seinen besten Freunden verraten.

Es stimmte alles schon wieder nicht mehr – das kann man schon verstehen, daß sich eins verkriecht zum Sterben. Witzige Briefe an einen alten Superintendenten – das geht noch an. Aber gefühlvolle Briefe an einen alten Freund, und Blut spucken, Erinnerungen nähren und schon bald jedem Erinnern entrückt sein – pfui Teufel! Hübsch falsch gemacht, lieber Gäntschow! Einmal müßte man doch eigentlich dahin kommen, daß man nicht nur sich, sondern auch dem andern eine Chance gibt. Alle – dich natürlich von vornherein ausgenommen – sind vielleicht doch nicht Viech, und Verurteilen ohne Anhören ist schon immer eine Viecherei gewesen.

Hier mitten im Rasen ist eine junge Eiche aufgewachsen, hat sich wohl angesamt, sich vier Jahre Mühe gegeben, mit einem Knacks ist sie weg – Trümmerstätten sind Trümmerstätten. Hat Neues daraus zu wachsen?

Es ist drei oder vier Tage später, als der Bauer Gäntschow plötzlich zu seiner Frau beim Kaffee sagt: Am Sonnabend müssen Hannes seine Sachen fertig sein.

Sie erhebt ein klagendes Geschrei: Wieso und warum so plötzlich, und es ist nichts im Haus, und es ist unmöglich.

Also, du weißt Bescheid. Sonnabend. – Komm mit, Hannes. Du kannst heute mal die Pferde anschirren. Max, du fährst Gerste zur Mühle zum Schroten. Wenn ich mich nicht um alles kümmere ...

Aber, fängt Max an.

Hast verstanden, zur Mühle, nicht? Los, Hannes!

Vater und Sohn gehen in den Stall. Der Alte stellt sich an die Futterkiste und sieht schweigend beim Anschirren zu. Johannes schweigt auch. Anschirren kann er jedenfalls.

So geht es schweigend aufs Feld hinaus. Zum Roggenschlag, hat der Vater nur gesagt. Der eine kann schweigen und der andere kann warten. Die Roggenstoppel ist gleich nach der Ernte geschält worden. Später ist Mist daraufgefahren.

Was ist hier passiert? fragt der Bauer.

Mist gefahren für Kartoffeln, sagt der Sohn.

Stell den Pflug ein, sagt der Alte, daß der Mist aber gut unterkommt.

Der Pflug ist schon mit der letzten Dungfuhre herausgekommen. Er steht da, schief in seinem Vorderkarren hängend. Der Sohn betrachtet ihn prüfend. Natürlich hat er zehntausendmal pflügen sehen, aber als er aus der Landwirtschaft verbannt wurde, war er immerhin erst elf Jahre alt. Noch zu schwach, einen Pflug zu führen. Außerdem gab es damals auf dem Hof noch nicht diese neumodischen Sackschen Eisenpflüge.

Na? sagt der Vater etwas spöttisch.

Der Sohn beschließt, erst einmal etwas zu tun, und hängt die Pferde vorn an den Pflug. Das kann nie falsch sein.

Und nun? fragt der Vater noch spöttischer.

Der Sohn ist immerhin drei Jahre Maschinenschlosser gewesen. Er betrachtet nachdenklich den Pflug. Das hintere Pflugeisen stürzt den Boden um, das vordere nimmt den Mist fort, und das Messer, Sech heißt das, schneidet die Erde auf. Dann sind noch zwei Ketten da. Die Pflugsäule kann auch verstellt werden. Es scheint ihm alles klar.

Ich müßte es erst einmal versuchen, Vater, wie der Pflug jetzt geht. Mit dem Einstellen werde ich schon zurechtkommen.

Gib her, sagt der Vater plötzlich, aber nicht böse, erst einmal mußt du das Feld anpflügen, in Beete teilen. Du müßtest es dir abschreiten und ausrechnen. Ich kenne meinen Acker. Komm, Rappe, Hottewech, Brauner.

Der Vater hat den Pflug aufgestellt, die Pferde legen sich mit gesenkten Köpfen in das Sielengeschirr, mit einem leichten Schwanken setzt sich der Pflug in Gang, der mit Mist bedeckte Boden klappt um, und die braune, fettglänzende Erde wird vom Streichbrett blosgelegt.

Guter Boden, brummt der Vater, hier können nächstes Jahr Kartoffeln wachsen.

Dann sind sie am andern Ende des Feldes angelangt. Sieh dich um, befiehlt der Vater. Der Sohn tut es: schnurgerade, ohne eine Schwankung ist eine Furche über den ganzen Schlag gezogen. So! sagt der Vater, so hat es auszusehen. Wenn du es erst so kannst, bist du was. Erzähle den Leuten bloß nicht, daß du von einem Bauernhof kommst, das glaubt dir doch keiner. Noch nie einen Pflug in der Hand gehabt! Zu glauben ist es nicht.

Der Vater pflügt achtsam wieder zurück.

Jetzt pflügst du weiter, sagt er dann, immer auf dies Beet. Das nennt man zusammenpflügen. Wenn du zwei Beete hast, kommt das Auseinanderpflügen heran, verstehst du das?

Der Sohn sieht den Vater stumm an.

Na ja, sagt der, ich komme dann heute abend wieder heraus. Halte den Rappen zurück und treib den Braunen an. Der möchte den Rappen immer alle Arbeit allein tun lassen. Also los! Er geht und ist schon wieder bei ihm. Das Gut liegt in Hinterpommern, ist eine Domäne. Klein-Kirschbaum heißt sie.

Und geht endgültig. Der Sohn führt nun den Pflug. Er versteht alles, etwas wie Rührung überkommt ihn. Der Vater hat gar nicht gebrummt und getrotzt. Er hat in diesen Wochen für seinen Sohn eine Lehrstelle gesucht. Und nun, da er sie hat, überkommt ihn Angst. Er ist doch stolz auf den Sohn. Die sollen doch da nicht über ihn lachen. Was er in zwanzig Jahren nicht gelernt hat, soll er in den fünf Tagen vor seiner Abreise noch lernen. Pflügen, mit Pferden umgehen, womöglich die ganze Landwirtschaft!

Die Pferde ziehen schön gleichmäßig. Der Braune braucht ab und zu einen Anruf, man muß nur aufpassen, daß er in seiner Furche bleibt. Das ist kein Kunststück, dieses Pflügen, die Pferde kennen ihre Arbeit. Die Pflugfurche ist vorgezogen. Als er zurückblickt, sieht alles gut und gleichmäßig aus.

Eine Stunde später merkt er, daß die Pferde naß werden, die Furchen liegen etwas weit auseinander. Er steht und denkt nach. Der Pflug nimmt etwas zu viel, der Streifen ist zu breit, die Erde fällt auch nicht gleichmäßig, sondern da ist immer ein Damm und ein Tal, aus dem der strohige Dung hervorsieht. Er probiert herum an dem Pflug, entdeckt an der Kette ein Gewinde. Gut!

Er verstellt den Pflug, kehrt ein und pflügt wieder los. Es scheint ihm, daß es jetzt richtiger ist. Aber er muß bis zum Ende der Furche warten, bis er zurückschaut. Aus der Ferne kann man oft besser sehen, als aus der Nähe. Jawohl, nun ist es richtig.

Na ja, brummt der Vater, der schon mittags herauskommt, ich sehe, du hast den Pflug enger gestellt. Das hättest du gerne eine halbe Stunde früher tun können. Aber er ist nicht unzufrieden, das merkt Johannes doch.

Und am Freitag abend, am Abend vor seiner Abreise, da ist die Mutter ganz aus dem Häuschen: sie hat gemerkt, sie hat bei ihren Einkäufen in Stralsund die Strümpfe vergessen: Warum hast du aber auch die Strümpfe noch verkauft?! Strümpfe hätten deinen Rucksack auch nicht schwerer gemacht, Hannes!

Also, Vater und Sohn sind noch einmal hinausgegangen.

Der Vater hat etwas gemurmelt vom Weizen, mal nachsehen, ob der schon aufläuft, aber dafür war es natürlich schon viel zu dunkel.

Es wäre ein Wunder, sagt der Vater, wenn du es nicht lerntest. Denn du mußt es im Blut haben und du hast auch den Kopf zum Nachdenken. Der Max hat ihn nicht, der wird immer ein Flickschuster bleiben.

Max denkt auch nach, widerspricht Johannes.

Das erzählt er dir, sagt der Vater heftig, aber er hört nur auf das, was die Leute schnacken. Da willst du Kartoffeln hinbringen, sagen sie ihm, da sind doch erst vor zwei Jahren Kartoffeln gewesen. Warum macht ihr das, das gibt doch keinen Ertrag. Er ist dumm genug, er glaubt es ihnen. Er ist noch viel dümmer, er erzählt es mir. Es gibt schon einen Ertrag, aber das ist nicht einmal so wichtig, wichtig ist, daß wir dort endlich einmal das Unkraut wegkriegen. Und das kriegen wir nicht mit Getreide weg, das kriegen wir nur mit Hackfrucht fort.

Man müßte ihm vielleicht mehr sagen, meint der Sohn vorsichtig. Sagen, sagen, brummt der Alte. Ich sage ihm genug, viel zu viel. Aber er glaubt mir nicht. Und warum glaubt er es mir nicht? Weil er bei dem Stavenhagen, dem alten, glatten Betrüger sitzt, und da muß der alte Gäntschow natürlich alles falsch machen, damit der junge Gäntschow bald den Hof kriegt und das Mädel mit den Bälgern aus dem Haus und auf den Hof kommt. Der Sohn schweigt.

Hat er dir davon erzählt, Hannes? fragt der Vater heftig.

Ja, sagt der Sohn.

Hat er dir von seinen Kindern erzählt? fragt der Alte.

Ja, sagt der Sohn wieder.

Hast du sie etwa angesehen?

Nein, ich gehe nicht zu Stavenhagen, sagt der Sohn, und denkt flüchtig an die Zeiten vom Bullenberger, als er mit Christiane einmal dort Lebensmittel kaufte.

Hast du etwa auch Kinder? fragt der Alte, immer noch wütend.

Nein, nein, sagt der Sohn.

Siehst du! sagt der Vater. Aber ich hab' sie mir angesehen. Hatte was läuten gehört. Bin hingegangen, trotzdem ich sonst auch nicht zu Stavenhagen gehe. Na, zeigen Sie mir mal die Kinder, Großvater, habe ich zu Stavenhagen gesagt. Der ganze Laden stand voll. Was für Kinder? fragt der noch ganz dämlich. Wenn Sie mehr haben, habe ich gesagt, ich weiß ja nicht. Ich meine die, für die mein Max zeichnet. Die Leute zuckten und grienten. Er will mich ja aus dem Laden haben, lotst mich in seine feine Stube, tut schon wieder freundlich, ich soll einen Likör trinken, bis die Lene mit den Kindern kommt. Meinetwegen brauchen die Kinder nicht zurechtgemacht zu werden, sage ich. Ich hab elf gehabt und weiß, wie vollgemachte Windeln riechen. Und Likör ist schon viel zu viel getrunken worden in dieser Stube. Namentlich auch von Ihrer Lene. Nun, er hatte genug von mir, mußte in den Laden, und nach einer Weile kam denn auch die Lene mit den Kindern. Weiß und rot, ein hübsches Mädchen auf und ab, und hübsche Kinder auch. Ich sag's ihr, sie läuft richtig rot vor Freude an, dachte wohl schon, ich nehme sie mit Hurra gleich mit auf den Hof. Wirklich ein hübsches, starkes Kind, sage ich nochmal. Aber wieso ist es eigentlich schwarz, wo du braun bist und der Max ist blond, Lene? Sie weiß es auch nicht, sagt sie ganz verwirrt. Da muß sie mal die Leute fragen, sage ich ihr, die wissen's. Die können's ihr erzählen, wenn sie's nicht mehr weiß. Das ist der schwarze Monteur von der Überlandzentrale vor drei Jahren gewesen, der hier bei der Starkstromleitung mitgearbeitet hat. Seinen ganzen Wochenlohn hat er jedesmal hier in dieser Stube vertrunken. Und wenn er zu voll war, heimzufahren, hat er gleich hier auf dem Sofa gepennt. Ob sie davon nichts mehr weiß? – Nun, nun, nun, die Lene ist schon nicht so schlecht. Sie ist weiß geworden wie ein Tuch. Sie hat mich nur angesehen. Die Lene ist schon in Ordnung, die muß es machen für ihre Kinder. Der Max ist das Dussel. Sieht nicht, was vor Augen ist. Und ich soll dann die Kinder von einem Elektriker, der heute hier und morgen da ist und seine Kuckuckseier in alle Nester legt – ich soll darum die fremden Gören auf unserm Hof aufziehen!

Nein, sagt auch Hannes, das ist unser Hof.

Siehst du, sagt der Vater befriedigt. Du kriegst den Hof ja doch nicht, wenn du jetzt auch Landwirt wirst und der Klügere bist, denn du bist der Jüngere. Und der Max ist der Ältere und kriegt ihn darum. Das mit der Lene wird doch nichts, da ist der alte Stavenhagen viel zu schlau, der weiß jetzt, daß ich nicht nachgebe. Der wird unserm Max schon sanft und deutlich den Stuhl vor die Tür setzen, wenn er erst einen Schwiegersohn gefunden hat. Er wird sich schon noch einen kaufen. Geld genug hat er. Das deckt die Kinder so zu, daß sie keiner mehr sieht.

Der Alte schwieg. Plötzlich war er wieder mürrisch geworden, und sie gingen schweigend auf den Hof zu. Im Zimmer saß die Mutter und strickte.

Was den Teufel ist denn das? rief der Vater. Du knüttest – sollen wir denn heute kein Abendessen haben?

Ich stricke dem Hans erst noch rasch ein Paar Strümpfe, sagte die Frau und sah hoch mit ihren armen, verwirrten Augen unter der blaugrauen Stirn. Ich hab' mir ausgedacht, wenn ich die Nacht durch stricke, bin ich morgen früh fertig. Holt euch Brot und Speck mal selber. Heißer Kaffee steht in der Kanne.

Der Alte sah den Sohn an, der Sohn den Vater.

Also holen wir uns alles, sagte der Vater. Wir gehen zu mir rüber. Ruf du den Max.

Zu einer späten Stunde ging der Sohn noch einmal durch die Ställe. Er blieb bei jedem Tier stehen und sah es noch einmal an. Er nahm Abschied von dem Hof, er wußte nun, er würde werden, was er wollte: Landwirt. Aber er würde es werden mit jener Einschränkung, die das Leben fast jeder Erfüllung beizumengen weiß: kein freier Landwirt, kein Bauer, sondern ein landwirtschaftlicher Beamter bei irgendwelchen Rittergutsbesitzern.

Zu dem Rappen ging er noch in den Stand. Der Rappe war ihm in diesen letzten Arbeitstagen besonders lieb geworden. Er war ein fleißiges Tier, immer willig, ohne eine Spur von Arg. Einen Augenblick war er in der Versuchung, dem Rappen aus der Futterkiste noch eine halbe Schwinge Hafer zu geben. Aber er schüttelte den Kopf: Ordnung war alles und Verwöhnung nichts.

Trotzdem sah er auch noch in das beleuchtete Zimmer. Er wollte sehen, ob er die Mutter nicht doch noch ins Bett listete. Bis morgen früh zur Abfahrt würde sie vielleicht einen halben Strumpf fertig haben.

Die Mutter saß auf der Bank am warmen Ofen und schlief. Die grauen Haare hingen ihr trübe ins Gesicht, der häutige Mund mit vielen Falten und Fältchen war streng geschlossen, ihr Gesicht sah bemüht und kummervoll aus, als dächte sie über eine zu schwere Aufgabe nach. Am Strumpf waren sechs oder sieben Touren gestrickt.

Der Sohn sah ernst auf das stille Bild. Leise ging der Atem der Mutter, eine Katze kam hinter dem Ofen hervor und strich schnurrend mit gestrecktem Schwanz gegen seine Beine. Die Mutter hatte die Augen geöffnet. Sie sagte vorwurfsvoll, in einem klagenden Ton: Warum hast du bloß nicht die Strümpfe mit in den Rucksack getan, und schlief wieder ein. Der Sohn drehte sich langsam um, scheuchte die Katze fort und stieg die Treppe hinauf zum Giebelzimmer.

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