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Wir hatten mal ein Kind

Hans Fallada: Wir hatten mal ein Kind - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWir hatten mal ein Kind
publisherRowohlt
year1934
printrun1.-20. Tausend
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180510
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Zweiter Abschnitt

Die Jugendgeschichte des Helden

Solcher Art waren die Vorfahren, solcher Art war die Hofstätte des Johannes Gäntschow, der am zwölften März 1893 geboren wurde. Er war eins von vielen Geschwistern, aber, obgleich er den Hof erbte, war er weder der älteste noch der jüngste Sohn, sondern der dritte oder vierte. So genau kann man das gar nicht sagen, denn im ganzen waren es elf Kinder, die aus der Ehe des Malte Gäntschow mit der Hedwig, geborenen Düllmann, entsproßten, und da manche von den Kindern sehr früh starben, wußten, nachdem eine Reihe von Jahren vergangen war, selbst die Eltern nicht mehr so genau, das wievielte Kind ein jedes war. Nur die Schlußsumme blieb haften: elf – und wenn man bedachte, daß nur fünf Kilometer weiter ein Dorf Baumgarten lag, unterhalb des Leuchtturms von Sagitta, in dem die Leute überhaupt nie Kinder kriegten und in dem Hof auf Hof, von Generation zu Generation, ausstarb und immer wieder an entfernte Verwandte fiel, die dann auch wieder ausstarben, so kann man das Ergebnis auf Warder nicht schlecht nennen.

Und doch war es schlecht, denn als Johannes Gäntschow, achtundzwanzig Jahre alt, den Hof nach seines Vaters Tode übernahm, da war kein einziges von seinen zehn Geschwistern mehr da, das ihm den Besitz streitig gemacht hätte. Sie waren jung und älter gestorben, an Krankheiten oder Unglücksfällen, oder sie waren auch einfach abhanden gekommen, wie sein ältester Bruder Alwert – für das ganze Leben abhanden gekommen, und das war vielleicht die schlimmste Art, einem Bruder im Erbe Platz zu machen. Es war ganz, als sei aller Lebenswille der ganzen Nachkommenschaft von der Zerfahrenheit und Ziellosigkeit der geborenen Düllmann angesteckt worden. Da waren sie da, aber sie mußten nicht da sein, sie waren ganz zufällig da, und so gingen sie wieder durch Zufall ab, bei irgendeiner kleinen lächerlichen Krankheit, oder auch in einem Jauchenloch – es kam schon nicht darauf an.

Dieses letzten Falles, des mit dem Jauchenloch, erinnerte sich Johannes Gäntschow durch sein ganzes Leben sehr genau, denn damit war sein schlimmer Streit mit dem Vater verknüpft, der ihn vom Hof und in die Welt hinaustrieb. Das war in einer jener Zeiten gewesen, da sein Vater wieder einmal – zum wievielten Male! – Freundschaft mit allen seinen Nachbarn, mit denen er sich durch Jahre verstritten hatte, schloß und entweder im Kirchdorfkruge oder auf den umliegenden Höfen oder bei sich wochenlang herumtrank. Malte Gäntschow war ja sonst ein sehr pedantischer, verschlossener, wortkarger Mensch, der am liebsten ganz für sich allein lebte. Aber da war diese Frau, die immer wie ein Huhn war, das in der Küche erwischt wird und sinnlos gegen alle Wände, Töpfe, Fenster anflattert, obgleich die Tür weit offensteht. Da waren diese Kinder, die gerade anfingen, einem zu helfen und Freude zu machen, Händchen in Hand mit dem Vater aufs Feld zu laufen, und schon starben sie oder waren weg. Und da war der zweite Malte in der eigenen Brust, der da fand, es sei wirklich Einsamkeit genug auf diesen ewig umstürmten, ewig nebligen Einzelhöfen, in einem kleinen Bauernhaus, in dem es immer angeschmuddelt und unpünktlich zuging, mit verdorbenen Eßvorräten und verdorbenen Dienstmädchen. Und dann brach es aus ihm und er fühlte die Eiseskälte in der Brust, er löste die Zunge, er trank, er saß mit den anderen Bauern, gierig hörte er ihnen zu, er schwelgte mit ihnen. Goldene Welt der Gemeinschaft, aus dem klaren Korn des Schnapsglases. Guter Freund aller guten Freunde, aus dem lockeren, zitternden Schaum der Biergläser.

Dann ging er beschwingt heim, er sang, er pfiff, er wirbelte den Handstock – alles war gut. War es kalt draußen, so lief ihm eines der Kinder entgegen und bugsierte den Vater nach Haus, denn es war vorgekommen, daß Malte Gäntschow sich einfach in einen Graben zum Schlafen gelegt hatte und nach vielen Stunden Suchens halb erfroren gefunden worden war. Die Kinder taten das gerne, denn nie war der Vater zutunlicher und fröhlicher, als wenn er so angedudelt heimmarschierte. Anzumerken war ihm sonst äußerlich kaum etwas, nur eben, daß er viel redete. Er ging bolzengerade, so viel er auch getrunken haben mochte. Er war eben immer ein riesenstarker Mann.

An diesem Abend im ersten Drittel Dezember hatten die Kinder stundenlang beisammengesessen und auf den Vater gewartet. Ein paarmal war die Mutter erschienen und hatte heftig und böse mit ihnen gescholten, als seien sie schuld daran: die Sauftour müsse nun endlich ein Ende nehmen, was sich Vater wohl dächte, keinen Pfennig Geld mehr im Hause, bei jedem Kaufmann im Kirchdorf Schulden, daß man sich nicht ein Pfund Zucker zu kaufen getraue, und es würde ja doch nur wieder Feindschaft aus all diesen betrunkenen Anbiedereien. Dann hörten die Kinder sie seufzend, scheltend und weinend den Säugling im Nebenzimmer besorgen, und dann wurde es ganz still, daß man nur den fürchterlichen Ostwind gegen die Fenster stoßen hörte.

In diesem Jahre war der Frost sehr früh und ganz überraschend gekommen – bei abnehmendem Monde. Jetzt bei vollem Monde war es noch kälter, die Fenster standen bis oben hin voll Eis, und man mußte in Vaters Stube lange gegen die Scheibe hauchen, um auf dem Außenthermometer zu sehen, daß es zwölf Grad Kälte waren. Trotzdem man dreimal aufgelegt hatte, war die Stube nicht warm zu kriegen gewesen. Es zog durch die Tür- und Fensterritzen, und so hatten sich alle Kinder, eins nach dem anderen, in die Betten verkrochen, bis auf Alwert, den Ältesten, die große Schwester Frieda und Johannes.

Johannes fror auch sehr und eigentlich war er müde, aber er war heute daran, dem Vater entgegenzulaufen, und das wollte er sich nicht entgehen lassen. Er war nämlich des Vaters Liebling, und er war vielleicht der einzige, der es dem Vater beibringen konnte, daß weder Kartoffel- noch Rübenmieten ordentlich gegen den starken Frost zugedeckt waren und daß der Kühmann angefangen hatte, heimlich Milch beiseite zu bringen. Davon flüsterte der Neunjährige leise mit Frieda, der Elfjährigen. Sie durften keinesfalls den großen Bruder Alwert stören, der in einem Buche las.

Du mußt eben sehen, wie Vater ist, hatte Frieda gesagt. Redet er viel, so wartest du eben, bis er ein bißchen schläfrig wird. Aber die Hauptsache ist doch, daß du ihn bei diesem Wetter nach Haus kriegst, Hannes.

Ja, ja, sagte Johannes gedankenvoll, und dachte böse an die drei hölzernen Eggen, die angefroren auf dem Felde liegengeblieben waren und die nun verkamen. Er hatte versucht, sie allein in den Schuppen zu schaffen, aber dafür war er noch zu schwach. Der Pferdeknecht hatte ihn spöttisch gefragt, ob er jetzt der Großbauer geworden sei, daß er schon Anordnungen gäbe, und Alwert hatte natürlich wieder mal keine Zeit gehabt.

Johannes saß da mit dem langen, schmalen, mageren Gesicht, über dem Nasensattel selbst jetzt Sommersprossen, mit sehr hellen Augen. Die Zähne hatte er fest aufeinander gebissen, er brummte sein Jaja nur, er mußte immer an alles denken, was jetzt auf dem Hof verkam und gestohlen wurde. Er war sehr böse, auf die Schule, die ihn nicht zur Hofarbeit kommen ließ, auf Alwert, den Gleichgültigen, auf Schwester Frieda, die nicht einsehen wollte, daß Hofarbeit wichtiger war als Hausarbeit, auf die Mutter, die ewig Kinder kriegte und darüber zu nichts kam, nur nicht auf den Vater, der eben so war, wie er war. Daran war nichts zu ändern, wie eben auch an dem Frost draußen nicht. Aber er sprach von alldem nicht. Er biß die Zähne zusammen und dachte darüber nach, wie er es dem Vater beibringen könnte, ohne daß der zornig würde. Als sie nun so alle drei dasaßen, alle drei Kinder derselben Mutter, in derselben Stube und jedes sehr allein für sich, als da der Wind gegen die Scheiben fauchte, die Eisränder immer höher krochen, die Nacht fast von Minute zu Minute mondheller und strahlender wurde, hörten sie heranklingelndes Schlittengeläute, dann das rasende, zornige Gebell der Hundemeute, das Knallen der Fahrpeitsche, Winseln getroffener Hunde und das beruhigende Hoho! des Kutschers zu den Pferden.

Johannes war der erste draußen. Nachbar Schlicht rief ihm zu, daß der Vater nicht habe mitfahren wollen, aber schon kurz vor ihm aufgebrochen sei aus dem Krug. Der Schlitten klingelte wieder los. Hannes schlüpfte in seine kaninchenfellgefütterte Joppe, setzte eine Pelzmütze auf und lief in Holzpantoffeln los, ohne auf das zu achten, was ihm Frieda nachrief. Kaum war er von der Hofstatt, sprang ihn der eisige Ostwind an, daß das Atmen in Nase und Lunge schmerzte. Aber er lief scharf weiter. Auf der Chaussee schlitterte er lange, lange Strecken im Mondlicht auf dem spiegelglatt gefahrenen Schnee. Es war bis auf das Windrauschen und das Brummen der Telegraphendrähte totenstill. Kein menschlicher Laut, kein Hundebellen, alles hatte sich in die Häuser verkrochen.

Der Junge lief immer weiter. Er sah schon in der Ferne über dem flachen Land die weiß beschneiten Dächer des Kirchdorfes, er überlegte, in welchem der Häuser der Vater vielleicht klebengeblieben sein könnte. Dann sah er ihn in der Auffahrt zum Windmühlenhügel sitzen, mit offener Joppe im Winde auf einem Stein. Auf einem andern Stein stand in Reichweite eine Selterbuddel.

Macht kalt, Vater, sagte der Junge und blieb vor dem Alten stehen. Der Alte sagte nichts. Er saß stillschweigend da. Sein Gesicht sah grauweiß aus im Mondlicht, die Augen waren schwarze, grundlose Höhlen, der Mund mit dem Bart ein schwarz hingewischter dicker Strich. Kommst du nicht heim, Vater? fragte der Junge. Ist doch kalt auf dem Stein.

Der Vater machte eine abwehrende Handbewegung. Er murmelte was wie: Laß, hat doch keinen Zweck. Damit faßte er nach der Flasche.

Der junge Johannes begriff, daß Vaters Sauftour wieder einmal am Ende war, daß der Vater aber an diesem Abend so viel getrunken hatte, daß er jetzt ganz verzweifelt war und sich selbst vor ihm, seinem Sohne, schämte. Er begriff, daß es jetzt nicht mehr um schlecht zugedeckte Kartoffelmieten und gestohlene Milch ging, sondern nur darum, den Vater heimzukriegen. Daß der aber gar nicht mehr heim wollte, sondern hier sitzenbleiben, voller Wut auf die Welt und voller Scham über sich selbst, sitzenbleiben, bis er steifgefroren war.

Der Junge begriff das alles in den zwei oder drei Sekunden, die der Vater nach der Schnapsflasche grabbelte, und gerade als der Vater sie an den Mund setzen wollte, sagte er: Mich friert mächtig, Vater, laß mich auch einen trinken.

Der Vater behielt die Flasche weiter an den Lippen, aber er hob das Gesicht etwas gegen den Sohn. Er trank noch nicht, er fragte: Trinkst du jetzt Schnaps, Hannes?

Wenn mich so friert, sagte der Sohn trotzig.

Der Vater hatte die Schnapsflasche halb sinken lassen, der Sohn sah genau an seinem Gesicht, wie er sich mühte, nachzudenken. Er wartete darauf, daß der Vater zornig werden würde, denn dann war alles gut. Darum sagte er noch: Schnaps wärmt schön, Vater. Wieder das bemühte Nachdenken. Der Vater bewegte die Lippen, atemlos wartete der Sohn – da lachte der Vater plötzlich schallend los, hielt dem Jungen die Schnapsflasche hin und sagte: Na, nimm einen, Hannes.

Der erste Versuch war mißglückt. Aber schon hatte Hannes einen zweiten Plan gefaßt: er mußte dem Vater möglichst viel Schnaps wegtrinken. Der Junge wußte vom Geruch, von ein oder zwei Versuchen mit Gläserneigen her, daß Schnaps bitter und scharf, also schlecht schmeckte. Es gab darum nur ein Mittel für ihn, dem Vater möglichst viel wegzutrinken, er mußte den Schnaps, so rasch es ging, in sich hineingießen.

Er legte also den Kopf zurück, setzte den Flaschenhals an die Lippen und goß den Schnaps hinter. Er war nur ein neunjähriger Junge, und es war ein richtiger achtunddreißigprozentiger Kornschnaps. Er brannte im Hals wie Feuer und fraß die Luft weg. Ein oder zweimal verschluckte sich der Junge, Ekel und Übelkeit stiegen in ihm hoch, aber er kämpfte sie nieder, er mußte doch den Vater, auf den er unverwandt während des Trinkens sah, von seinem Stein hochkriegen. Ihm kam es vor, als schluckte er schon stundenlang an diesem widerlichen Gift, ehe der Vater den Kopf hob und mühsam sagte: Laß mir auch was drin, Hannes.

Der Junge setzte die Flasche ab, er wollte sprechen, er wollte sagen – das hatte er sich überlegt –, daß ihn immer noch fröre und daß er darum weitertrinken wollte, aber er brachte nichts heraus wie einen heiser krächzenden Laut, seine Stimmbänder waren gelähmt.

Der Vater sah aufmerksamer hoch, der Sohn machte einen Schritt zurück, er setzte wieder die Flasche an und trank wieder. Nun war sein ganzer Schlund schon eine brennende Spur den Leib herunter. Der Magen war eine dumpfe, aufwärts stoßende Masse, in der ein schmerzhaftes Feuer brannte. Aber er sperrte einfach den Rachen auf und goß weiter Schnaps in sich.

Laß das! sagte der Vater scharf, es war beinahe der alte Stimmklang, wenn er böse war.

Hannes machte nur eine abwehrende Bewegung mit den Händen und trank weiter. Er glaubte, er könne es nicht mehr ertragen. Jetzt wurde sein Kopf schwindlig, er kämpfte mit einer schrecklichen Übelkeit, aber er trank doch.

Gib die Flasche her, rief der Vater böse und griff nach ihr. Hannes machte wieder einen Schritt zurück, um der Hand auszuweichen, der Vater stand auf, da rutschte Hannes aus und fiel, die Flasche loslassend, rücklings hin.

Er lag auf der Erde, er hatte sich weder erschreckt noch wehgetan, aber da lag er und war sehr zufrieden, denn er hörte neben sich im Schnee die Flasche auskluckern.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über ihm, es war sein Vater, der sich über ihn beugte und drohend fragte: Willst du gar nicht wieder aufstehen?

Doch, sagte er gehorsam und sprang so rasch auf, daß er gleich wieder hinfiel. Dies belustigte ihn so, daß er in ein lautes Lachen ausbrach, und trotz allen Drohens des Vaters wollte sein Lachen nicht enden. Dann wurde ihm wieder übel und sein Kopf drehte wie eine Mühle.

Sein Vater mußte ihn hochgehoben und auf die Füße gestellt, mußte ihn eine Weile geführt haben, denn plötzlich sah er sich und ihn auf der Chaussee nach dem Hof. Er hörte sich laut reden. Er erzählte von allem, was er im letzten Jahre verstanden hatte und was ihm das Herz schwer gemacht hatte: von der verludernden Wirtschaft, der Mutter, die alles falsch machte, dem fremdtuenden Alwert, und wie die dreizehnjährigen Schuljungen mit den Schulmädchen richtig Mann und Frau im Stroh spielten. Zwischendurch hörte er den Vater mit einem Ton fast ingrimmig schreienden Schmerzes rufen: Hör damit auf! Laß das, Hannes, hör auf!

Zugleich merkte ein zweiter, scharfer Beobachter in ihm, daß sie nicht etwa gerade auf der Chaussee gingen, sondern bald auf der rechten, bald auf der linken Seite. Auch, daß sie oft beinahe in die Gräben gerieten, daß sie also genau so torkelten, wie der alte Säufer Timmermann im Kirchdorf, dem die Schuljungen so gern nachäfften. Der Gedanke, daß sein Vater und er wie der olle Timmermann hier auf offener Straße herumtorkelten, belustigte ihn derart, daß er zwischen seinen Schmähreden immer wieder in ein brüllendes Gelächter ausbrach. Er forderte seinen Vater auf, stehen zu bleiben, damit er ihm im Schnee die Torkelspur beweisen könnte.

Dazwischen übertrug die zitternde, schweißnasse Hand seines Vaters ein sehr genaues Gefühl auf ihn von der zornigen Traurigkeit, der tiefen Verzweiflung, die den Mann erfüllten. Er dachte flüchtig daran, daß er mit dem Vater gleich nachher in der Stube richtig ernsthaft würde sprechen müssen und mit ihm ein großes Freundschaftsbündnis schließen zur Rettung des Hofes.

Während all dies – und noch viel mehr – in ihm vorging, waren sie doch schließlich von der Chaussee auf den Weg zum Hof abgebogen und näherten sich nun, immer stöhnend, schwatzend, torkelnd, den beiden gemauerten Torpfeilern, zwischen denen der Weg auf die Hofstätte führte. Im Windschutz eines dieser Pfeiler hatte Schwester Frieda auf die beiden gewartet. Sicher hatte sie schon längst den Lärm gehört, das Torkeln gesehen und trat zornig auf sie zu. Pfui, Vater! Pfui, Hannes!

Dabei zerrte sie an der Hand ihres Bruders, um ihn vom Vater loszureißen. Sie hatte nicht wissen können, welch plötzliche Bewegungen ihr Bruder in seinem jetzigen Zustand machte, auf wie schwachen Beinen er stand. Als sie ihn loshatte, taumelte er mit sechs, acht raschen, torkelnden Schritten gegen die Wegkante nach der Dungstätte hin, Frieda mit sich reißend. Ehe der Vater noch auf sie zukonnte, fielen die beiden, rollten die Böschung vom Wege hinab auf die Dungstätte, einen Dunghaufen hinunter und fielen auf das Eis der tiefen gemauerten Jauchengrube, das unter ihnen zerbrach.

Hannes schrie noch gellend auf, ehe der Dreck ihm den Mund stopfte, Frieda versank lautlos. Der Vater stand ohne Bewegung, starrte in das dunkle Loch und schrie. Und schrie.

Im Hause wurde es hell. Knechte kamen gelaufen, die Mutter weinte aus einem Fenster. Frieda war tot, aber Johannes lebte. Daß er am Leben geblieben und nicht Frieda, quälte viele Jahre noch sein Gewissen, peinigte ihn im Traum, führte ihn immer wieder zurück auf den Windmühlenhügel und stellte ihn von neuem vor den Stein. Daß er den Schnaps getrunken, um den Vater zu retten, das war richtig gewesen, aber warum mußte nun dadurch Frieda sterben?

Das war nicht zu verstehen. Und dann war auch noch die Geschichte mit Alwert, dem hochmütigen, einzelgängerischen Alwert nicht zu verstehen, der etwa zwei Jahre darauf abhanden kam. Das konnte man ja nun einsehen, daß nach diesem Ereignis der Vater den Johannes mied und den Alwert vorzog. Aber warum mußte Alwert wieder durch dieses Vorziehen zugrunde gehen, verschwinden, ausgestrichen werden aus der Liste der lebenden Gäntschow'schen Kinder?

Das war so gekommen (aber zu verstehen, was da geschehen war, war es erst viele Jahre später): Mitten in der Silvesternacht sagte der Vater: Nun komm.

Alwert schlich hinter dem Alten aus dem lärmenden Haus über die Hofstatt zum Kuhstall. Es fror leicht, die Sterne funkelten. Der Vater zog die Tür auf und sie kamen in warmes Dunkel,

Überall knisterte Stroh, eine Kuh käute wieder, Halfterketten rasselten. Die Stallaterne wurde angebrannt, ein Fenster geöffnet. Die kalte Winterluft drang ein, kämpfte mit der Wärme und war plötzlich überall. Der Junge stand im Schatten beim Rübenschneider und schwieg. Da deutete der Vater zum offenen Fenster: die Glocken begannen zu läuten, Silvester vorbei, das neue Jahr hatte begonnen.

Der Vater ging zur ersten Kuh, er sagte kein Wort, aber er verbeugte sich vor ihr und bekreuzte sie dreimal. So tat er bei der nächsten, bei der dritten, bei der vierten. Bei der fünften, der einzigen, die stand, stutzte er einen Augenblick, der Knabe sah es wohl. Aber dann ging Vater weiter, reihauf, reihab. Das Jungvieh beachtete er nicht, auch nicht die Pferde. Er ging wieder ans Fenster und schloß es. So, nun kannst du reden, Alwert, sagte der Vater und nahm den Jungen bei der Hand. Jetzt will ich dir etwas zeigen.

Die beiden kletterten über die Krippen weg, gingen zwischen zwei Kühen durch und zu jener fünften, die gestanden hatte und noch stand. Da sah Alwert freilich sogleich, um was es ging: die Kuh bekam ein Kalb. Die Vorderpfoten und der Kopf schauten schon heraus, der Vater faßte die Pfoten und zog leicht, und nun war es, als schlenkerte er etwas unendlich Langes, Schwarzweißes auf die Erde.

Da lag das Kälbchen auf der Seite, den Kopf von sich gestreckt, und atmete hastig. Lauf und hol Schrot, rief der Vater, und Alwert lief und holte Schrot. Damit wurde das Kalb bestreut und der Kuh zum Ablecken hingelegt. Der Vater sprach: Gerade zur zwölften Stunde in der Silvesternacht hat es das Licht erschaut. Das wird kein gewöhnliches Kalb.

Und nun zeigte er dem Sohn, daß es auch nicht wie die andern einen weißen Fleck, einen Stern auf der Stirn trug, sondern eine Krone. Man konnte ganz leicht erkennen, daß es eine Krone war. Jetzt wurde es noch sicherer, daß dies kein gewöhnliches Kalb war. Es ist ein Kuhkalb, sagte der Vater noch und beide gingen wieder in das Haus hinüber. Das Mädchen wurde in den Stall zum Ausmelken und Tränken geschickt. Sie aber traten in das Wohnzimmer, wo der Besuch war.

Es war dies zu einer Zeit, da der Bauer Gäntschow wieder einmal gut Freund mit allen Nachbarn war, und so saßen viele Leute in der guten Stube und viel Geschrei und Gelächter begrüßten die beiden. Der lange Gemeindevorsteher Wilms rief: Du alter Heide, kannst du gar nicht von deinen Heidentücken lassen?

Es war nun gar nicht so sicher, daß er selbst völlig erhaben über solch Heidentum war. Wer weiß, vielleicht hatten seine Frau oder sein Sohn daheim zur gleichen Stunde das gleiche getrieben, vielleicht hatten sie sich sogar unter eine aufgestellte Egge gesetzt und versucht, in die Zukunft zu schauen. Aber zugegeben durfte so etwas keinesfall werden. Und Alwert war ganz glücklich, als der Vater antwortete: Heidentücken? Was meinst du denn, Adolf? Meine Klio hat eben gekalbt, darum bin ich mit dem Jungen in den Stall gegangen. Sind das Heidentücken?

Welches Geschrei, welcher Unglaube! Sie zogen alle in den Kuhstall, und da sahen sie nun freilich das Kalb und mußten still sein. Sie taxierten es auf achtzig Pfund und fanden, es sei ein strammes Kalb. Das war alles. Alwert verachtete sie tief. Sie hatten die Krone nicht gesehen, das Geheimnis nicht erraten. Das Geheimnis war geheim geblieben, es war nicht verlorengegangen. Alwert brauchte sich nur in den frühen Dämmerstunden, wenn die Kühe satt und still waren, in den Stall zu setzen und sein Kalb anzuschauen. Dann war das Geheimnis wieder da. Das war keine Kunst, dachte Alwert, zu entdecken, daß hinter den Augen einer Kröte eine verzauberte Prinzessin wohnt. Jeder, der diese schönen, traurigen Augen in dem häßlichen Leibe sah, mußte es gleich erraten. Aber die Verzauberung seines Kalbes, das Wunderland, aus dem seine Seele kam, war viel schwerer zu entdecken. Daß sie mit Menschen nichts zu tun hatte, war sicher. Mit menschlichen Wundern hatte sie nichts gemein. Da war nun die Wanderung der Kinder Israel durch das Rote Meer, von der sie solch Geschwätz beim Kantor in der Schule machten. Das war doch nur ein menschliches, ein ausgerechnetes Wunder. Diese Mauern, die das Wasser bildete, und sie gingen trockenen Fußes über den Sand, Gott ja, aber ein Tunnel war ebensolch ein Wunder. Es war alles einfach, ausgerechnet. Es war gar nicht geheimnisvoll und rätselhaft.

Nimm nun einmal ein Kalb, das ist es, was ich ein Wunder nenne! Kann man sich etwa einbilden, es hätte je schon auf einer Graswiese, über die Menschen hingehen können, geweidet? Das war einfach lachhaft! Man nehme die feinste, zarteste Prinzessin, die Krötenprinzessin etwa: schon aus der Art, wie eine Kröte hüpft, sich hinsetzt, das Maul auftut, sieht man, sie weiß auf dieser Erde Bescheid, sie ist immer hier gewesen. Aber sieh nur ein Kalb aufstehen, die ersten Torkelschritte machen, nach einem Euter tasten, und du begreifst sofort, daß es ganz neu auf dieser Erde ist, daß es alles von Anfang an erlernen muß. Es ist eben einfach nicht auszudenken, wie und wo es früher war. Ausrechnen, vorstellen läßt sich da nichts, man muß es träumen.

Selbstverständlich kamen auch sehr schwere Zeiten für Alwert und das Kuhkalb. Es kam die Zeit, wo es nicht mehr saugen durfte, wo es Milch aus dem Eimer zu trinken bekam, und da trieb es natürlich Unfug mit allem, was es von Alwert fassen konnte. Es saugte an Händen, Haaren und dem Rock. Es leckte die Wichse von den Stiefeln ab, von oben bis unten machte es ihn mit seinem Speichel naß. Es wäre ganz zwecklos gewesen, darüber böse zu werden und nach ihm zu schlagen, alles kam daher, daß es noch nie auf dieser Welt gewesen war. Langsam mußte es sich an sie gewöhnen, und vielleicht würde es sich nie ganz an sie gewöhnen können, keine Möglichkeit lag zu solcher Veränderung vor.

Dann kam die Zeit, wo der Vater den Entschluß fassen mußte, ob das Kalb angebunden werden sollte oder ob es der Fleischer bekam. Alwert wurde weiß vor Angst. Aber er verbarg das und wurde dafür belohnt: das Kalb sollte hierbleiben. Die Mutter schalt natürlich darüber, über das viele, unnütze Jungvieh, diese Fresser. Aber der Vater nickte Alwert zu. Nun wurde er glühend rot, er verkroch sich mit dem Kopf unter den Tisch: hatte der Vater etwas von seinen Besuchen im Kuhstall bemerkt? Aber er beruhigte sich wieder. Der Vater sprach davon, daß dies Kalb in der Neujahrsnacht geboren sei, und daß er es deshalb behalten wollte. Nichts wußten Eltern noch Geschwister von seinen heimlichen Besuchen, er konnte sich weiter in den Stall schleichen, zur stillen Stunde, und mit ihm sprechen und bei ihm träumen und mit ihm spielen. Ganz ruhig konnte er den Vater fragen, wie denn dies Kalb heißen sollte, und der Vater war einverstanden, daß es einen Namen bekam, da es doch nun unter den Nachwuchs des Stalles aufgenommen war. Und als Alwert den Namen Blanka vorschlug, war er auch damit einverstanden. Es war ein sehr vornehmer Name für ein Dreimonatskalb, nun mußte es sich zeigen, ob es dieses Namens auch wert sei.

Jetzt vergingen zwei glückliche Jahre für Alwert und Blanka. Alwert wurde vierzehn Jahre alt und konfirmiert, aber das war gar nichts, wenn man bedachte, wie Blanka wuchs und gedieh. Sie wurde eine starke und schöne Färse, eine wahre Pracht. Den ganzen Sommer, so lange sie auf der Weide getüdert wurde, lag er bei ihr mit seinen Büchern, und sie lernten alles sozusagen gemeinsam. Nun höre einmal zu, Blanka, was das nun wieder ist, konnte Alwert sagen, und dann kam ein schrecklicher Name aus dem vaterländischen Geschichtsbuch. Blanka hörte zu. Sie hob den Kopf hoch und sah ihn an. Sie stieß den warmen Laut aus, den sie nur für ihn hatte, sie hörte das Wort an, und auch ihr schien es ganz ungeheuer, was sich diese Menschen da wieder ausgedacht hatten. Dann senkte sie den Kopf und fraß weiter. Blanka mußte alles hören, über den Dreißigjährigen Krieg und Friedrich den Großen, sie erfuhr, was der Kleine und der Große Katechismus war, sie ertrug auch eine Rechnung mit Zinsen. Und das Schönste war, daß dies beider Geheimnis blieb. Kein Mensch ahnte, daß Blanka und Alwert überhaupt etwas miteinander zu tun hatten. Wer weiß, wie der Junge es fertig brachte, wieviel hundert Lügen er ersann, um sein ewiges Fortsein, sein Niezeithaben zu erklären. Er brachte es fertig, und es sollte sich ja dann zeigen, daß er später noch viel Schwereres für Blanka fertig brachte. Aber dies waren doch die glücklichsten Jahre.

Für Bauer Gäntschow waren sie nicht so glücklich. Er hatte zuviel getrunken, zuviel Geld ausgegeben und die Wirtschaft verlottern lassen. Er hatte auch Pech auf den Feldern gehabt, einen zu trockenen Sommer. Dazu war ein Pferd gefallen, das Geld war alle. Eines Tages hieß es beim Mittagessen, daß es nun nichts mehr helfe, morgen käme der Händler, alles Jungvieh, das bloß fresse, solle verkauft werden. Der Junge neigte die Stirn, er verbarg sein Gesicht im Schatten. Blanka fort! Blanka verkauft! Es war unmöglich. Er fühlte, wie stark sein Herz pochte, und auch dieses Pochen sagte ihm, daß es unmöglich sei. Blanka war nicht zu verkaufen. Den ganzen Nachmittag lag er bei ihr und weinte. Da gehst du, Blanka, schluchzte er, und frißt. Du weißt nichts von dieser Welt, dein Herz sehnt sich erst, wenn wir getrennt sind.

Er zerbrach sich den Kopf, hundert Pläne waren da, aber keiner ausführbar. Wie, wenn man zum Vater ginge und alles gestände ... daß er Blanka liebte? Aber der Vater würde ihn nur auslachen. Aber selbst wenn er ihn verstehen würde, da war die Geldnot. Sie war ja nur eine Fresserin, die nichts brachte. Blanka! Blanka! schluchzte er und legte die Arme um ihren Hals.

Und da wußte er es, plötzlich wußte er es. Nun hatte er immer diese Bücher gelesen, den Robinson, den Karl May, den Lederstrumpf. Große Abenteuer geschahen, und er hatte gemeint, daß sie draußen seien, auf den unendlichen Meeren, an fremden Küsten, unter wilden Völkern.

Aber nein, das Abenteuer war hier wie dort. Es war auf jedem Hof und in jedem Wald, am Grugenteich war es und in Vaters Kuhstall. War nicht Abenteuer genug, was ihm schon geschehen? Er liebte eine verzauberte Prinzessin aus fernen Landen, er allein wußte um sie, und sie stand als Kalbe in seines Vaters Stall! Welchem andern Jungen geschah dies? Und darauf kam es nun eben an, sich dieses Abenteuer nicht fortnehmen zu lassen, nicht zu werden wie die andern. Alle Abenteuer kommen zu uns. Robinson hätte auch zu Haus bleiben und Kaufmann werden können. Nichts zwang den Arzt Gulliver, sich immer von neuem einzuschiffen: sie wollten das Abenteuer! Auch er wollte es! Seine Blanka, seine ... auch er wollte es!

Am nächsten Morgen war der Kuhstall erbrochen und Blanka gestohlen. Es war eine Sache, von der die Halbinsel Fiddichow noch nach Monaten redete. Der dicke Landgendarm war nun jeden Tag auf dem Hof und sprach mit dem Vater. Dann betrachteten sie das Vorhängeschloß, das so seltsam zerschlagen war, so unsinnig zerwütet mit einer Axt, und kamen wieder zu dem Schluß: ein Neuling hatte das getan.

Aber diese Kalbe war ja nicht zu verkennen. Sie mußte wieder auftauchen; hatte Alwert den Vater nicht daran erinnert, daß sie eine Krone auf der Stirn trug, eine weiße, etwas verwischt gezeichnete Krone? Nun, an dieser Krone würde man sie wiedererkennen. Und in der Folge machte der Vater manche lange Reise über das Land, wenn ihn das Gerücht von dem Auftauchen seiner Blanka irgendwohin rief.

Unterdes lag der Knabe im Wald, und seine Blanka graste bei ihm. Der Wald war verwachsen und dicht. Hier fand sie keiner. Nur der Großvater hatte gewußt, daß sich durch dieses Tannendickicht ein Wildwechsel schlängelte, der zum Grugenloch führte. Das war ein Teich, ein kleiner Teich, mitten in den Tannen. Hierher war Alwert mit dem Großvater gekommen, und die beiden hatten sich auf den Grugenstuhl gesetzt, eine abgehauene Tanne. Und der Großvater, dieser seltsame Mann mit dem langen, weißen Bart, der nie Hosen trug, sondern die Enden seines unmäßig langen Leibrocks in die Schäfte der Stiefel steckte, der Großvater hatte ihm von den Grugen und Quaken erzählt, kleinen Geistern, die an diesem Teich ihr Wesen trieben.

Nun waren die andern Wunder gekommen. Der Großvater war gestorben und mit ihm waren die ein wenig künstlichen Wunder der Quaken und Grugen vergangen. Nun hatte sich Alwert seine echten Wunder selbst geholt. Da graste Blanka, schon hatte sie sich an das härtere, spärlichere Waldgras gewöhnt. Sie sah prall und voll aus, ihr ging nichts ab, das sah man. Und neben ihr liegend, in der Sonne, unter dem leisen Rauschen der Tannenzweige, durch die raschelnd die Vögel schlüpften, träumte Alwert davon, wie er jahraus, jahrein zu seiner Blanka kommen würde, zu diesem schwarzweißen Geheimnis, an dem niemand teilhatte. Er begriff nicht, daß man anderes lieben könnte als dieses Tier. Das war das Wunder. Menschen lieben? Menschen sind der Alltag, sie sagen etwas, sie tun etwas, und man konnte sie erraten, man konnte hinter sie kommen, und plötzlich schien die Sonne klar durch sie hindurch. Menschen sind nichts.

Wer aber kam hinter Blanka? Da lag sie und käute wieder, aber das war nur ihr Vorwand, den man nicht beachten durfte. Wenn man in ihre Augen sah, begriff man, daß sie dies alles, Bäume, Sonne, Gras, Wasser und Alwert dazu nur obenauf sah. Was aber sah sie tiefer drin, was sah sie wirklich?

Nicht daß alles leicht war. Gewiß, dort war Blanka und hier im Bett lag Alwert. Aber diese Blanka war so unvernünftig, da lag sie nun in der dunklen Nacht allein im Walde, konnte nicht die Sehnsucht sie nach den andern, nach Alwert überkommen? Konnte sie sich nicht losreißen und auf den Hof laufen? Das war es, daß man ihr nicht erzählen konnte, sie würde verkauft. Sie war eben eine Prinzessin, sie begriff nichts von diesem Leben, alles mußte man für sie tun. Und indes der Regen gegen die Fensterscheiben spritzte, sagte er immer wieder zu sich: da liegt sie draußen, die Blanka, und ich hier.

Auch das war ein Rätsel, daß man eines liebte, an es dachte und getrennt war von ihm. Es war so eine dicke, greifbare Sache, die die andern sich ausgedacht hatten. Gewiß, nach den Augen, mit dem Verstande war es so, daß sie dort war und er hier. Aber war es nicht vielleicht doch unwahr? Lag er nicht etwa auch neben ihr in der Mulde, die er für sie gegraben, unter dem Tannendach, das er für sie geflochten? Er war hier und er war dort. Das war die eigentliche Wahrheit. Ebenso wie Blanka hier und in einer andern Welt war. So ging das zu.

Es war ein glücklicher Sommer! Es war ein seliger Sommer. Endlose Träumereien des Knaben auf dem Grugenstuhl, indes oben langsam Wolken dahingingen, sich ballten, zergingen. Dann schien die Sonne. Sie waren wunderbar diese Wolken, aber sein größeres Wunder hatte er sich aus seines Vaters Kuhstall geholt. Er hatte es gezwungen, wahr zu sein, und gegen sie alle hatte er es behauptet. Die kleinen Grashalme um ihn, die Tannenzweige über ihm, das Wasser vor ihm, der Himmel oben, sie bestätigten es. Da graste sie, sie war schwarzweiß, in einer Neujahrsnacht war sie geboren, sie trug eine Krone auf ihrer Stirn. Sie hätte eine Kalbe wie alle Kalben werden können. Er hatte sie vereinzelt. Er hatte ein Schicksal geschaffen, abseits von allen andern.

Da saß er auf seinem Grugenstuhl, mit seinem langen braunen Jungengesicht voller Sommersprossen, ein Bauernjunge wie alle andern, der in die Dorfschule ging und alltags barfuß lief: ein Junge wie keiner. Solch endloser Sommer! Die kleinen Fliegen schwirrten, und die kleinen Mücken sangen: Ji-Ji, und die Zeit rauschte ganz fern. Oh, meine Blanka!

Dann kam der Herbst mit seinen langen, sonnigen Tagen, und das Futter wurde knapp. Er hatte daran gedacht, für den Winter Heu zusammenzutragen, aber das wenige, was er gesammelt hatte, war im Umsehen zu Ende. Was Blanka auch fraß! Und es war natürlich ausgeschlossen, daß man ihr etwas abgehen ließ. Nun mußte man eben jede Nacht mit einer Traglast Heu zu ihr. Dann war er den ganzen Tag müde, er wurde blaß, er wurde mager, er schlief ewig, wenn er zu Haus war.

Und sie paßten so auf nun! Eines Nachts war der Vater im Zimmer der großen Kinder gewesen und hatte sein Bett leer gefunden. Da mußte er nun endlose Lügengeschichten erfinden, um sie und sich zu retten. Nun blieb nichts, als ein paar Nächte zu Haus zu bleiben, aber dann das Muhen, mit dem ihn Blanka empfing! Er zitterte, er kroch zu ihr, er sprach sanft zu ihr. Es quälte ihn namenlos, daß sie leiden mußte um seinetwillen. Wo waren die sorgenlosen Sommertage hin? Und dies war erst der Herbst!

Aber noch gab er den Kampf nicht auf. Noch gab er sich nicht zu, daß er sich zuviel vorgenommen hatte. Dies war zu sehr Teil seines Lebens, als daß er es hätte aufgeben können. Er mußte sich eben wach halten, bis der Vater nachgesehen hatte, und dann gehen. Aber das hieß, die ganze Nacht wachen, überhaupt nicht schlafen. Und doch führte er es durch. Er gewöhnte sich auch daran, er stahl sich aus dem Tag ein paar Schlafstunden, er wurde ein Nachttier. Und alles war belohnt, und alles war gut, wenn er bei Blanka war. Blanka war nicht mehr Blanka, Blanka war der Weg, aber Blanka war auch das Ziel. Blanka war seine Stellung zu den Menschen. Gab er Blanka auf, gab er sich auf.

Dann fiel der erste Schnee. An ihn hatte er nicht gedacht. Nun waren Spuren da. Jeder konnte ihm nachgehen, jeder konnte Blanka finden. Er wurde eiskalt, als er dies dachte. Nun ist das Ende da, sagte er, aber er glaubte es noch nicht. Ich werde etwas finden, beharrte er. Ich werde auch diesmal etwas finden. Auch diesmal wird es mir glücken.

Der einzige Ausweg, auf den er geriet, war der, Blanka vorläufig im hintersten Keller des Hauses zu verstecken. Dorthin kam so leicht niemand. Es war ein schlechter Ausweg, das wußte er, ein besserer würde ihm später einfallen.

In der Nacht nahm er Blanka am Strick, er führte sie auf den Hof, er führte sie die Treppe hinauf ins Haus, die Treppe hinab in den Keller. Auf dieser Treppe glitt Blanka aus und fiel. Es gab einen ungeheuren Lärm. Mit der Lampe stand der Vater da und fragte: Was in aller Welt machst du hier mit der Kuh? Der Junge starrte ihn totenbleich an. Der Schein der Lampe fiel auf Blankas Stirn. Aber das ist ja Blanka! Das ist ja Blanka! rief der Vater.

Es war eine Katastrophe. Es war ein maßloser Skandal. Niemand glaubte dem Jungen, daß er das Tier ›nur so‹ geliebt hatte. Zuerst begriff er nicht, was sie meinten, was sie alle meinten, von der Mutter bis zum Kantor. Aber sie sorgten schon dafür, daß er begriff. Blanka, seine Blanka und er!

Von da an war ihm alles gleich. Er wurde von der Schule gejagt, am liebsten hätte man die Konfirmation rückgängig gemacht. Und dann war natürlich kein Gedanke daran, daß er je den Hof bekam. Ein Mensch, der sich in so jungen Jahren schon so schwer verging! Man gab ihn auf ein Schiff und schickte ihn auf fremde Meere, daß die Schande nur aus den Augen kam.

Oh, meine Blanka!

In den zwei oder drei Wochen, die Alwert nach der Aufdeckung seines Verbrechens noch auf dem Hof war, schlichen natürlich auch seine Geschwister wortlos um ihn herum, als sei er nicht da. Schande bedeutet stets ein von der Mehrheit gefälltes Urteil, und Kinder gehen eigentlich immer mit der Mehrheit. Auch Johannes Gäntschow machte da keine Ausnahme, auch er sprach nie wieder mit dem Bruder. Manchmal, wenn er nach der Schule pfeifend in die Dachstube kam und sah den Bruder still und bewegungslos am Fenster sitzen, mit dem blassen, langen Gesicht, und den Blick ohne Zwinkern auf der grauen Bretterwand der Feldscheune, die, kaum acht Meter entfernt, jede Aussicht versperrte, – manchmal also, wenn er den Bruder so starr sitzen sah, überkam ihn zwar nicht Mitleid, aber etwas wie ein Gefühl von Verbundenheit. Johannes, der kein Träumer war wie sein Bruder, wußte ganz genau, daß die Großen unrecht hatten, von Alwert zu glauben, was sie glaubten. Dafür kannte er den hochmütigen Einzelgänger viel zu gut. Nein, Johannes hatte sich längst aus seinem praktischen Verstand heraus eine sehr andere Theorie über die beiseite gebrachte Blanka gemacht, und für Schande war da kein Raum.

Wenn er darum aber doch nicht mit Alwert sprach, den Boykott mitmachte, so war es einmal deswegen, weil die Kronprinzen immer von ihren Geschwistern gehaßt werden, dann aber, weil er schon damals alle Verwandtschaft, vom Vater abgesehen, nicht ausstehen konnte. Da saßen sie in diesem viel zu vollen Haus, sie überfüllten es mit ihrem Lärm, ihrem Gezänk, sie fuhrwerkten immer in den Sachen und im Leben der andern herum, sie beschwatzten alles, kommandierten, verhöhnten, neckten bis aufs Blut – Verwandtschaft war Vormundschaft, Fessel, Feindschaft.

Nun hatte wohl gerade Alwert all dies nicht besonders deutlich mitgemacht, und ein einsames Tannengeflecht am Grugenteich mit dem Grugenstuhl (Johannes hatte sich das alles angesehen, wie sich die halbe Insel den Schandplatz ansah) –, für all das konnte niemand mehr Verständnis haben als Johannes. Aber kann man denn verzeihen, wenn man, selber voll Haß gegen die andern, vom Bruder in diesen gleichen Haß einbezogen wird? Nein, nein, der hatte immer spöttisch die Augen eingekniffen, wenn Johannes mal den Versuch gemacht hatte, ihm etwas zu erzählen, er hatte eine so infame Manier gehabt zuzuhören und dabei in seine Bücher zu schielen, ›Richtig‹ zu sagen und überhaupt nicht hingehört zu haben, nein – auch Johannes sprach kein Wort mit Alwert, gab ihm auch bei der Abfahrt nicht die Hand. Wie das keiner tat.

Als Alwert aber erst weg war und es sich so machte mit dem Alten, beim Strohhäckseln auf der Tenne, da sagte der elfjährige Hannes dem Vater sehr genau, daß es alles Schiet sei mit Alwert und seiner Blanka, daß sich der Vater mal wieder habe anmeiern lassen, von der lieben Verwandtschaft und der Mutter ... Alwert, der sich dreimal am Tage die Hände wäscht! Was du nur denkst, Vater!!!

Und Hannes grinste verächtlich mit all seinen Sommersprossen, spuckte verächtlich einen Strohhalm aus.

Der Vater ließ das Schwungrad von der Häckselmaschine los, sah seinen Sohn prüfend an und fragte: Und was denkst denn du?

Hat sich 'ne Kuh retten wollen, weil der Hof sein Erbteil ist, sagte Hannes bedeutungsvoll und kniff, ohne es zu wissen, die Augen genau so ein wie sein Bruder.

Retten wollen? fragte der Vater.

Hannes spürte den nahenden Sturm, aber er sagte doch: Es bleibt ja doch nichts, Vater. Es verkommt ja doch alles.

Und darum hat er die Blanka beiseite gebracht? Daß wenigstens was bleibt?

Ja, Vater.

Nein, der Junge hatte keine Angst. Da stand er mit seinem schmalen, verfrorenen Gesicht und den etwas abstehenden, feuerroten Ohren, ein zehnmal geflickter, zusammengestoppelter Anzug, lange, schwarze, rauhwollige Strümpfe, Holzpantoffeln, elf Jahre – aber Angst hatte er nicht.

Der Vater besann sich auch. Dösbartel, sagte er nur, spuckte aus und griff wieder nach dem Schwungrad. Er drehte es gewaltig. Der Junge hatte zu tun, daß er genug Langstroh ranschaffte. Das Häcksel mußte er auch wegkehren. Eine lange Weile war man stille. Nur die Häcksellade machte unermüdlich und scharf: Ssssiete-Ssssiete. Immer der scharfe Schnitt.

Dann mußte der Bauer Atem holen. Er stand da, aber Hannes hatte noch mehr auf dem Herzen. Und was soll denn das, Vater, daß du die Blanka dem Fleischer Frehle für sechzig Mark verkauft hast? Sie ist mindestens das Vierfache wert.

Der Vater sagte ernsthaft: Weil sie keiner haben wollte. Frehle mußte sie extra nach Berlin schicken, da weiß keiner was von ihr.

Und warum haben wir sie nicht behalten? Im Frühjahr hätte sie zum Bullen kommen können.

Weil ... fing der Vater an und brach ab. Nun war sein Gesicht doch sehr rot geworden. Ach, Schiet, sagte er. Bist du hier der Bauer oder ich?

Du, sagte der Junge und kniff wieder spöttisch die Augen ein. Es lag eine ganze Menge in diesem Du, und der Vater verstand das auch sehr gut.

Hitziger sagte er: Was du immer vom Hof dröhnst – vor dir kommt jedenfalls noch der Max.

Bekommt ihn aber auch nicht, sagte Hannes trotzig. Schneide man weiter, Vater.

Stellst du hier an oder ich? schrie der Vater. Ich schneide, wanns mir paßt.

Gerade darum, sagte der Junge, man müßte schneiden, wanns das Vieh braucht.

Der Vater war zornrot bis auf die Glatze hinauf, der Junge sah es. Er erinnerte sich eben gerade an das hundertmal unregelmäßig gefütterte Vieh, besonders aber an eine Kiste mit Nägeln, die er, der Junge, Stück für Stück aus alten Brettern zusammengesucht, und die der Alte in seiner Betrunkenheit hingeworfen hatte. An die ganz besonders.

Es sah aus, als wollte der Vater für diesmal den Jungen prügeln, was er nie tat, er schlug nie ein Kind. Aber er besann sich wieder. Ach was, murrte er, nahm seine Jacke vom Stroh, zog sie an, den Jungen immer finster ansehend, und ging aus der Scheune. Entweder hatte er die Häcksellade ganz vergessen, oder er wollte nun gerade nicht häckseln.

Der Junge sah dem Vater nach. Der Vater ging nicht ins Haus, auch nicht zu den Ställen, auch nicht aufs Feld – er ging den Weg zur Chaussee.

Der Junge brannte lichterloh in seinem Zorn und Kummer, er sah den Bruder Max, er schrie über den Hof: Max, komm längs, Häcksel schneiden! Vater geht in den Krug!

Der Vater machte mit einem Ruck kehrt. Er lief fast auf den Jungen zu, der sich eng gegen den Bansenverschlag drückte. Nun hatte er doch Angst. Der Vater war ganz weiß, er war so aufgeregt, daß er kaum sprechen konnte.

Du, stotterte er, du kriegst den Hohohof doch nie! Der Sohn sah den Vater wortlos an. Der Vater wurde noch zorniger: Ich schwöre hier, wie ich steh', nie sollst du einen Pflug auf diesem Hof anzufassen kriegen. Der Junge sah den Vater an. Nie sollst du säen, nie sollst du ernten, schrie der Vater noch, aber der Hauptzorn war vorbei. Er drehte sich um mit einem Ruck und ging doch ins Dorf.

Dieser Streit zwischen Sohn und Vater, der einzige in vielen Jahren, änderte an dem Verhältnis der beiden äußerlich fast nichts. Hannes war weiter sein Liebling, viel mehr als der kleine, untersetzte, schwerfällige Bruder Max. Der Vater sprach weiter mit Hannes, lachte mit ihm, aber nie wieder nahm ihn der Vater mit aufs Feld hinaus, nie wieder ging er mit ihm in einen Stall. Wenn die eiligste Heuernte war, und alles mußte mit zufassen, Hannes wurde ausgeschlossen. Suchte er sich aber selbst eine Arbeit, so kam sicher irgendein Knecht oder eines von den Geschwistern oder der Vater selbst und nahm sie ihm stillschweigend aus der Hand. Der Junge war und blieb ausgeschlossen von der Arbeit und damit von dem Leben auf dem Hof. Er hätte sich vielleicht stärker dagegen aufgelehnt, immer wieder sein Recht auf Mitarbeit gesucht, wenn der Vater damals, an jenem Streittage, wirklich in den Krug gegangen wäre. Aber dahin war der Vater nicht gegangen. Der Vater hatte einen Schwur getan, und der sollte nicht eben so hingesagt sein, im Zorn, nein, er hatte richtig geschworen. Nein, der Vater war zum alten Superintendenten Marder gegangen und hatte seinen Sohn Johannes für fünf Schulstunden täglich zur Vorbereitung aufs Gymnasium da angemeldet. So, nun wurde der Sohn kein Bauer, aber ein Garnichts sollte er darum doch nicht werden. Er sollte die Wissenschaft lernen. Es war eine teure Sache für den Bauern Gäntschow, denn ›ol Superdent Marder‹ war bekannt dafür, daß er nicht nur redensartlich, sondern wirklich von den Lebenden und Toten zog, aber es mußte gehen.

Und dieser Streit hatte noch eine andere Wirkung: der Vater schwor für viele Jahre das Saufen ab. Da hatte dieser Knirps, dieser Garnichts vor dem Vater gestanden und gesagt, behauptet, angedeutet und behauptet, es würde eines Tages nichts mehr zu erben da sein, der Hof würde verludert werden. Warum hatte der Vater getrunken, dann einmal und zwei Monate später wieder einmal? Weil er allein war, weil sich nichts lohnte, weil die Frau nichts taugte, weil es doch nicht auf ihn ankam. Weil es egal war, wie man seine Felder bestellte, weil wir doch eines Tages alle tot sind und dann all unser Tun zwecklos geworden ist. Nun aber hatte dieser Bengel vor ihm gestanden, ach ja, der Vater hatte ganz gut kapiert, daß es nicht Gehässigkeit und Streitsucht gewesen waren, die dem Sohn die Zunge geführt hatten, sondern heiliger Zorn, Sorge, Erbitterung. Siehe, es kam doch auf ihn an, ein kleines Geschöpf, siebzig Pfund Fleisch und Knochen, nicht der Rede wert Hirn, zürnte mit ihm. Nichts zu erben?

Dir wollen wir's zeigen! Saufen, verludern – was verstehst denn du? Erben, nichts zu erben, jawohl, einen ganzen Bauernhof, hundertachtzig Morgen, alles weizenfähiger Boden, vier Pferde, acht Kühe, Jungvieh, Schweine, voller Beschlag, jawohl, erben! Aber nicht du, du Naseweis! Du sollst sehen! Ein Schreibknecht sollst du werden, ein Federfuchser, wie dein Onkel Gäntschow, dein Vatersbruder, in der steinernen Stadt Berlin, zwischen Mauern und auf einem Büro. Geh du nur zum alten Superintendenten Marder, büffele, lerne, Bücher, Tinte, Staub.

Und Johannes Gäntschow ging zum Superintendenten, jeden Werktag, fünf Jahre lang, fünf Stunden jeden Werktag lang. Es wäre die unerträglichste Geschichte von der Welt für einen an viel Luft, weite Äcker und rauschende See gewöhnten Bauernjungen gewesen, wenn er nicht einen Leidensgefährten gehabt hätte, eine Leidensgefährtin heißt das: die Christiane Freiin von Fidde.

Die Grafen von Fidde saßen ja nun mindestens ebenso lange wie die Gäntschows auf der Halbinsel Fiddichow. Sie leiteten ihren Ursprung von jenem Herzog Wisso her, der in grauen Zeiten einen Heidenmann, Gunnar, am Kehlteich hatte hinrichten lassen, weil ihm sein Lieblingsschimmel geschlachtet worden war. Es wäre übertrieben, wollte man behaupten, die Feindschaft zwischen den Gäntschows und den Grafen Fidde datiere von jenem sagenhaften Doppelopfer her. So weit braucht man nicht zu suchen. Ein Bauer kann nie und niemals Freund eines Grafen über Tausende von Morgen Land sein. Wer selbst hinter seinem Pflug geht, sorgsam Furche um Furche umlegt, muß den verachten, der durch seinen Inspektor zwanzig Pferde- und Ochsengespanne zum Pflügen schickt.

Jedenfalls, hätte Bauer Gäntschow gewußt, daß in Superintendent Marders verräuchertem Amtszimmer sein Sohn der Freiin Fidde gegenüber sitzen würde, er hätte sich den Fall mit der höheren Bildung noch einmal überlegt. So aber sagte Marder nur hastig: Das ist also der Johannes Gäntschow, Christiane, zeig' ihm mal die erste Seite von deiner Syntax. Er weiß noch rein gar nichts. Ich muß mal rasch ...

Und damit fuhr er aus der Stube. Superintendent Marder fuhr immer hastig durch die Weltgeschichte, außer seinen Schülern, einer großen Pfarrei, hatte er auch noch einen Bauernhof zu besorgen, immer war er überall und nirgend.

Der Junge stand unter der Tür und sah nach dem Mädchen auf dem Sofa mit zusammengezogener Stirn hin. Er hatte keine Ahnung, wer sie war. Vielleicht hatte er sie einmal im Kutschwagen vorüberfahren sehen, aber daran dachte er nicht mehr. Das aber sah er jedenfalls, daß sie in ihrem glatten, dunkelblauen Kleid mit dem schweren, dunklen Scheitel und den Schnecken über den Ohren keine Bauerntochter war. Außerdem schien sie ihm, trotzdem sie gleichaltrig mit ihm war, viel älter als er. Und daß sie ihn nun gewissermaßen unterrichten sollte, und daß er rein gar nichts wußte, kränkte ihn sehr.

Du brauchst mir nichts zu zeigen, sagte er brummig von der Tür her. Ich will doch nichts lernen. Ich werde doch Bauer. Und wenn ich nicht Bauer werde, werde ich Schmied.

Christiane hatte zwar keine Mutter, dafür aber einen ältlichen, kränklichen, oft mißgelaunten Vater. Darum war sie der Lage gewachsen und sagte ernsthaft: Ein Schmied ist aber immer schmutzig.

Johannes Gäntschow bedachte es und sagte: Aber er versteht viel von Pferden. Er kann ein Pferd für immer lahm machen, wenn er das Beschlagen nicht ordentlich versteht.

Sie antwortete: Ein Trainer versteht aber noch viel mehr von Pferden, ich würde Trainer werden. Dann brauchst du dich auch nicht schmutzig zu machen.

Was ist ein Trainer? fragte er.

Ach, sagte sie, er sagt, wie die Pferde gefüttert werden sollen, und schimpft immer die Stallburschen, daß sie nicht ordentlich putzen, und er erzählt den Leuten, wie sie reiten müssen. Und reitet immer am schönsten.

Reiten? fragte er. Reitpferde sind Quatsch. Ich brauch' ordentliche Arbeitspferde, die was ziehen können, nicht solche verhungerten Engländer.

Sie sah ihn nachdenklich mit einer kleinen, senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen an.

Und vielleicht gehe ich überhaupt zur See wie mein Bruder Alwert, sagte er und brach rotübergossen ab. Sie zogen ihn genug auf mit seinem Bruder Alwert. Was ist eine Syntax? fragte er hastig.

So ein Buch, aus dem man lernt, wie ... begann sie.

Es war ein Wunder. Sie hatte entschieden keine Ahnung, was sein Bruder Alwert getan hatte. Draußen ertönte rasches Räderrollen auf dem Kopfpflaster des kleinen Marktplatzes vor der Superintendantur.

Das sind unsere Pferde, rief sie rasch und lief ans Fenster. Er stellte sich neben sie. Der offene gräfliche Jagdwagen rollte, von zwei Füchsen gezogen, vorüber. Der backenbärtige Kutscher hatte seine kleine Herrin gesehen und grüßte sie ernsthaft, indem er die Peitsche gegen den Zylinder hob.

Er hat mich hergefahren, sagte sie eifrig. Er fährt mich jeden Morgen her, und mittags holt er mich wieder ab. Siehst du den Fuchs mit der Blässe? Sie sollte voriges Frühjahr fohlen, aber der Tierarzt hat alles verkorkst, und das Fohlen ist an der Nabelschnur erstickt. Die Senta wäre beinahe verreckt.

Was habt ihr mit ihr getan? fragte er gespannt.

Papa – sie betonte auf der zweiten Silbe – hat den Tierarzt rausgeworfen und hat ihr einen Liter schwarzen Kaffee mit Kognak gegeben. Sie hatte schon Herzschwäche.

Der Wagen war längst über den Marktplatz fortgerollt, beide aber standen sie noch am Fenster.

Ist das dein Papa? fragte er mit kräftigem Ton auf der ersten Silbe, der auf dem Bock?

Aber nein doch, sagte sie sehr erstaunt, das ist bloß der Kutscher Eli! Und als er noch immer nicht verstand: Ich bin doch die Christiane!

Er hatte keine Ahnung, wer die Christiane war, aber wie sie es sagte, mußte es eine sehr wichtige Person sein, und in ihm dämmerte etwas. Zudem hatte er ihre sehr großen, dunklen Augen ganz dicht vor sich, und er fühlte irgendwas, daß sie nicht nur Christiane hieß, sondern wirklich ›die Christiane‹ war, ganz gleichgültig, was das nun sein mochte.

Dann gehört dir also der Wagen? Und die Pferde? Und der Kutscher?

Nein, meinem Papa.

Und du wohnst auf dem Schloß?

Er hatte das Schloß immer nur wie einen Märchenpalast durch Busch- und Baumlücken aus weiter Ferne gesehen, denn es lag in einem großen, umgitterten Park.

Ja, da wohne ich, sagte sie und fing leise an, über den Bauernjungen zu lächeln.

Da habt ihr wohl so viel Geld, wie ihr wollt? fragte er unerbittlich weiter.

Das kommt auf die Jahreszeit an, sagte sie. Manchmal sehr wenig, gar nichts. Dann schickt der Rentmeister alle mit ihren Rechnungen weg und Papa ist ewig brummig. Aber nach der Raps- und Weizenernte kann ich mir wünschen, was ich mag.

Er war nicht sehr zufrieden über diese Auskunft. Geldmangel auf einem Schloß störte seine Illusionen. Und wie sagst du zu deinem Papa? Redest du ihn Herr Graf an?

O Gott, nein! lachte sie nun hell heraus. Ich sage zu ihm ›Nuschelpeter‹ oder ›Armer Einsamer‹ oder ›Alter Greiser‹. Er hat furchtbar viele Namen. Meistens sage ich aber einfach Pitt.

Johannes Gäntschow wurde immer unzufriedener. Ihn befriedigten ihre Antworten gar nicht. Er kam auf den Verdacht, daß sie vielleicht doch nicht die richtige Tochter sei.

Darfst du denn mit ihm essen? fragte er vorsichtig.

Natürlich, sagte sie, ich und die Miß und die Mademoiselle essen immer mit Papa.

Wer sind denn das?

Das sind meine Erzieherinnen.

Und warum gehst du dann zum alten Marder, wenn du zwei Erzieherinnen hast? Er war jetzt fest davon überzeugt, daß sie ihn anlog.

Weil ich richtig aufs Gymnasium soll. Weil ich Pitts Einzige bin und das Gut erben soll. Und Pitt sagt immer, ich kriege doch nur einen Flachkopf, wir Fiddes haben kein Glück im Heiraten. Und dann muß ich die Wirtschaft allein führen können.

Johannes starrte sie immer fassungsloser an. Sicher war sie eine schreckliche Lügnerin, wenn sie auch mit ihren Augen gar nicht danach aussah. Er bereitete schon wieder eine neue Frage vor, mit der er sie richtig ins Gedränge bringen wollte, als die Tür aufging und Superintendent Marder hereinwutschte. Er rieb sich die kalten, frostroten Hände und sagte eilig: Na, am Fenster? Jetzt ist Schulstunde. Da ist dein Platz, Hannes, los! Bitte, setze dich, Christiane.

Und sofort begriff Johannes, daß sie doch die Wahrheit gesagt hatte, die ganze Wahrheit, begriff es aus dem verschiedenen Ton, mit dem Marder sie und ihn anredete.

Na, wie ist es mit mensa? fragte der eilig. Los, los, Johannes, mensa, mensae ... jede Stunde kostet deinen Vater Geld, denke immer daran, mensae, mensam, aber was ist das mit dir? O mensa! Na, nichts, – Christiane?

Wir haben erst einmal Bekanntschaft geschlossen, Herr Marder.

Schön, schön, aber dieser Junge muß richtig lernen. Er kostet seinen Vater immerzu Geld. Und sein Vater hat nicht viel, Christiane.

Ich muß auch richtig lernen, Herr Marder, sagte Christiane ernsthaft, und ich koste meinen Vater auch jede Stunde Geld. Sieh her, Hannes, hier auf der ersten Seite, das ist eine lateinische Satzlehre, Syntax heißt Satzlehre. Du hast mich vorhin gefragt. Und mensa heißt auf lateinisch der Tisch ...

Na schön, na schön, sagte der Superintendent, macht denn so fort. Ich muß nur mal ... Er rannte hinaus, in die Scheune, wo sie mit dem Flegel Roggen draschen, damit Langstroh zu Ernteseilen da wäre. Es hatte ihm so geklungen, als wenn der Takt stolperte, nicht munter vorwärts ging. So lief er eilig und ärgerlich (er war immer eilig und ärgerlich), er hatte gar keine Zeit mehr dafür, richtig auf den Dreschakt zu achten, sondern er nahm dem nächsten Mann gleich den Flegel weg.

Aber Kinnings, rief er zu den großen Tagelöhnern, zwischen denen er wie eine kleine rötliche Ratte stand, heißt das dreschen? So muß das gehen! Und er schlug los, wobei er den Takt wie eine liturgische Antwort mit einem alten Bauernvers vorsang: Der Walter im Malter, da drischt er das Korn. Ich komm' nicht dahinter, so machst du's von vorn.

Hoppla, Herr Superdent, sagte der alte Behn und traf den Flegel des Geistlichen hart, diesmal haben Sie aber nachgeklappt.

Na also, Kinnings, macht weiter, Schmidt, so muß man dreschen. Ich muß nur mal ...

Und er rannte wieder in das Wohnhaus, denn es war ihm eingefallen, daß er sich ein Brautpaar auf neun Uhr zu einer Pastoralen Vermahnung bestellt hatte, weil die Braut schon zum zweitenmal schwanger ging und die beiden noch nicht die geringsten Anstalten zum Aufgebot gemacht hatten.

Aber er kam zu spät, denn die beiden waren schon in die Studierstube zu seinen Schülern hineingegangen, und als er da an der Tür stehen blieb und auf das eifrige Reden drinnen lauschte, merkte er, daß auch seine Vermahnung schon überflüssig geworden war, denn er hörte den Johannes Gäntschow, diesen elfjährigen Bengel, wütend sagen: Das weiß doch jeder, und das hast du selber im Kruge erzählt, Adi, daß du die Lisbeth nur an der Nase rumführst, und du hast sogar mit Bohrmanns Erwin gewettet, daß du ihr sechs Kinder andrehen willst und sie doch nicht heiratest.

Du, du, machte der Windmüllersohn Adi wütend, du mit deinem Bruder Alwert ...

Tut! Tut! Grade mit meinem Bruder, sagte er wütend, aber was du für Schweinereien machst –!

Geht runter, Kinder, sagte der Superintendent milde. Es ist Frühstückszeit. Ja, jetzt, sofort. Ich bin sehr böse mit dir, Hans Gäntschow. Denkst du gar nicht an die Freiin Christiane? Geht jetzt ...

Vielleicht hatte Christiane den mageren, geflickten Johannes Gäntschow mit seinen viel zu kurzen Ärmeln, recht flüchtig gewaschen und gar nicht gekämmt, bisher für einen rechten dummen Bauerntöffel gehalten. Aber wie sie nun durch den Pfarrgarten gingen und von den wilden Wasservögeln redeten, die man jetzt im Winter vom Meeresufer her im Schloß Tag und Nacht schreien hörte, war ihr Ton ganz anders. Es war ihr nicht recht klar geworden, was für Schlechtigkeiten der dem Müllersohn eigentlich vorwarf, aber der Ton seiner Empörung war so überzeugend gewesen, daß das alles nicht mit irgendwelchem Schimpfen, wie's der Inspektor daheim auf dem Hof machte, oder mit Zänkerei zu verwechseln war. Wie der große, fünfundzwanzigjährige Flaps rot und verlegen stammelnd vor dem Jungen gestanden hatte, das war gut gewesen – ein Blick in eine andere Welt war's gewesen, eine neue Saite war in ihr erklungen. Und sie beschloß, den Vater nicht, wie sie noch vor einer Woche vorgehabt hatte, zu bitten, die nutzlosen Stunden bei dem eilfertigen Marder aufzugeben, sondern erst einmal dazubleiben und sich diesen Jungen, wie sie keinen bisher auf der Welt getroffen, näher anzusehen.

Eigentlich ist er wohl nichts für uns, sagte der Vater nachdenklich auf ihre Erzählung, und ich glaube auch nicht, daß er zu uns kommen wird. Er ist doch der Erbfeind!

Wieso ist er denn der Erbfeind? fragte sie erstaunt. Was ist denn ein Erbfeind? Ich denke, die Franzosen sind das.

Und genau so ist es mit den Fiddes und den Gäntschows. Der Graf überlegte, ob er ihr die alten Geschichten erzählen sollte, und beschloß, es vorläufig lieber zu lassen. Nach einem Vormittag Bekanntschaft schien ihm seine ruhige Christiane schon hinreichend angetan. Nun, du wirst ja hören, was er weiter sagt.

Christiane sah ihn nachdenklich an. Schön, Papa, sagte sie, und jetzt muß ich mich hinsetzen und büffeln.

Büffeln? fragte der Graf erstaunt. Ich dachte, wir wollten schnell noch einmal vor Dunkelwerden zum Wasser sehen, ob ich nicht ein paar Gänse schießen kann.

Heute nicht, entschied sie. Ich muß wirklich jetzt mehr arbeiten, wo ich einen Mitschüler habe.

Sie verschwieg, daß sie nicht so sehr einen Mitschüler, wie einen Schüler bekommen hatte. Denn von Superintendent Marder waren nicht mehr als abschließende, aber eilige Aufklärungen zu erhalten.

Das ist nicht schlecht, dachte der Vater, das jedenfalls ist nicht schlecht, wenn sie durch den Bengel ehrgeizig wird. Nun, man muß abwarten.

Drei oder vier oder fünf Tage schien auch alles gut zu gehen. Johannes sprach nicht mehr von Schmied werden und Bauer, sondern war bereit, sich mit all den neuen Dingen in den Büchern zu beschäftigen. Er hatte einen wirklich seit vielen Generationen ausgeruhten Kopf, und sein Gedächtnis fraß den Lernstoff in sich herein wie eine Dreschmaschine die Roggengarben. Aber dann kam es so, daß Neuschnee fiel, einen ganzen Vormittag lang. Am Morgen war sie noch im Jagdwagen zur Superintendantur gefahren, als sie aber mittags nach Schulschluß vor die Tür traten, fuhr Eli mit dem Schlitten und zwei fröhlich klingelnden, aufgeregt tänzelnden Rappen vor.

Au fein! sagte sie aufgeregt. Ist die Schlittenbahn gut, Eli? Komm, steig schnell ein, Hannes, fahr ein Stück mit!

Und dieser Schlitten, ein großer weißer hölzerner Schwan, zwischen dessen Flügeln sie sitzen durften, auf roten Polsterbänken, den Eli auf einem kleinen, schwebenden Bänkchen hoch hinter und über sich, mit den aufgeregten, dampfschnaubenden Pferden vor sich – dieser Schlitten war ja ein solches Wunder, daß er sich überrumpeln ließ und neben ihr saß, er wußte nicht, wie es gekommen war.

Schon ging es fort. Nichts mehr von klapperndem Kopfsteinpflaster – in einer schönen Kurve, in die sich die Pferdeleiber richtig einschmiegten, ging es über den Marktplatz in die enge Dorfstraße hinein. Still unter ihren Schneebuckeln saßen die Häuser, und die Leute blieben stehen und starrten und grüßten.

Plötzlich wurde Johannes hellwach. Da war eben der Ernst Menz stehengeblieben und hatte den Schlitten gegrüßt. Als er aber neben Christiane den Johannes Gäntschow entdeckt hatte, war sein ganzes Gesicht in ein breites und, wie es schien, höhnisches Grinsen auseinandergelaufen.

Plötzlich empfand er mit einer peinigenden Klarheit den Gegensatz zwischen den reinlich gebürsteten roten Polsterbänken, dem fleckenlos weißen Schwan, dem klingelnden Geschirr mit dem blitzenden Neusilberbeschlag und seinem alten, schmuddligen, geflickten Anzug, den schon Vater und Alwert getragen hatten und der noch dazu häßlich geflickt war. Und als nun auch noch der Müllersohn Adi Dittmann stehen blieb, breit Front machte, die Mütze zog und irgend etwas rief, das im Schellengeklingel unterging, aber sicher etwas Höhnisches gewesen war, als Christiane auch noch sagte: Ist es nicht schön? und ihn strahlend mit ihren dunklen Augen ansah, da schrie er ihr beinah in das erschreckende Gesicht: Anhalten, sofort anhalten!

Im ersten Augenblick begriff sie nichts von seinen Gefühlen. Sie starrte ihn verständnislos an, aber da war er auch schon aufgesprungen, hatte sich umgedreht und den Kutscher mit weißem, zuckendem Gesicht angeschrien: Anhalten sollen Sie, Eli, anhalten, verstehen Sie wohl!

Eli war nun freilich ein viel zu vornehmer Kutscher, um Befehle von so einem Bauernjungen zu hören, Befehle in solchem Ton noch dazu. Und für alle, außer seiner Herrschaft, war und blieb er zudem ›Herr Wacker‹.

Eli gab dem Sattelpferd einen Schmitz mit der Peitsche, ließ sie einen Augenblick auf dem Rücken des Handpferdes tanzen – und in beschleunigtem Tempo fuhren sie nun aus dem Dorfe heraus, die schöne, glatte Landstraße nach Fidde entlang.

Aber dem Jungen waren Eli und Tempo und Christas Fragen ganz egal. Ihm war, als sei er übertölpelt worden, die grinsenden Gesichter, sein Bruder Alwert, ol Gäntschow, de Supkopp – wie ein gefangenes wildes Tier sah er auf die rasch vorübergleitende Chaussee, hörte kein Wort von dem, was Christa sagte, riß sich los von ihr – und warf sich mit aller Gewalt, die Hände voraus, auf die Fahrbahn, die ihm immer glitzernder und weißer entgegenkam. Er landete trotz der vorgestreckten Hände wie eine Padde auf dem Bauch, rollte sich ein paarmal um, schlug mit dem Kopf gegen einen Stein, ein ganzes Feuerwerk von Rot, Gelb und Schwarz ging in seinem Kopfe los. Wie aus weiter Ferne hörte er das beruhigende Hoho! des Kutschers zu den aufgeregt schnaubenden Pferden, die ängstliche, sehr laut rufende Stimme Christas. Nun wird sie wohl auch noch kommen und ihn aufheben und bedauern! Er sprang hoch, sah um sich: sie waren erst drei-, vierhundert Meter aus dem Dorf, er brauchte nur über den Chausseegraben in die Tannenschonung von Rickmers, da fanden sie ihn nie ...

Er warf sich in den Graben, alle Glieder schmerzten, der Kopf brummte und summte, er zog sich an einem Tannenzweig hoch, kroch mühsam durch das enge Gestrüpp. Der Schlitten, der gewendet haben mochte, klingelte wieder näher. Hier kriegen sie mich nie. Und nach all dem Zorn erfüllte ein seltsames Gefühl von Befreiung, ein seliges Unabhängigsein die Brust. Mochten sie doch alle ... mochten sie doch alle ... ach geht ... Ich, Johannes Gäntschow ...

Ein echter Gäntschow, sagte auch der Papa, ganz wie die Gäntschows sind: unbeherrscht, jähzornig, eigensüchtig.

Christiane hatte dem Vater gar nichts sagen wollen, sie hatte sofort nach ihrer Heimkunft den alten Doktor Westfahl, den einzigen Arzt der Halbinsel, angerufen und gehört, daß kein Johannes Gäntschow tot, mit einem Schädel- oder Beinbruch in seine Behandlung gekommen war. Die haben Pferdsknochen, kleine Baroneß!

Aber der untadelige Kutscher Eli hatte dem Grafen Meldung von diesem Zwischenfall gemacht. Eine Giftkröte, wenn ich so sagen darf, Herr Graf, hat mich angeschrieen, Herr Graf schreien nicht so. Ich bin aber schuldlos, wenn ihm was passiert ist ... Mit tiefer Verachtung: Solche Leute sind ja nie in einer Unfallversicherung ...

Ein echter Gäntschow, sagte der Graf zu seiner Tochter. Weißt du, dein Großvater hat mal einen Gäntschow, es muß der Großvater von diesem Jungen gewesen sein, direkt beim Wildern auf unserer Flur getroffen und hat ihn ganz höflich deswegen zur Rede gestellt. Dein Großvater war immer sehr höflich. Und da ist doch dieser Gäntschow, warte einmal, Malte, ja richtig, Malte hieß er, derart wütend geworden, wohl aus Beschämung, daß er dem Großpapa, als sei der der Wilderer, Flinte, Jagdtasche und Patronen beschlagnahmt hat. Der Graf lachte. Papa war ja so ratlos! Was mache ich nur mit dem Menschen? fragte er immer wieder. Wildert und behandelt mich als Wilderer!

Aber ich habe ihn doch nicht beschämt, Papa, sagte Christiane verständnislos.

Nein, du nicht, du sicher nicht, sagte der Papa sanft. Aber da ist noch diese uralte Geschichte vom Kehlteich. Er erzählte sie ihr jetzt doch und schloß: Und wie der Junge da nun in unserem Schlitten gesessen hat und irgendein Bauerntöffel hat ihn sicher angegrinst, da ist ihm wohl erst eingefallen, bei wem er da eigentlich zu Gaste fuhr – nein, die Gäntschows sind unberechenbar, im Grunde sind sie zehnmal stolzer als die Grafen Fidde.

Aber Johannes ist bestimmt nicht so, sagte Christiane. Bitte, Papa, laß noch mal anspannen, und ich fahre zu ihm und erkundige mich.

Ich würde es nicht tun, Christa, sagte der Vater. Christa, ich würde es nicht tun. Gerade nicht bei einem Gäntschow. Erkundigen können wir uns auch ohne das. Ich werde einmal den Doktor Westfahl anrufen ...

Da mußte Christiane denn gestehen, daß sie das schon getan hatte. Graf Fidde sah seine Tochter lange an. Er entdeckte plötzlich ganz neue Seiten an ihr. Ich will und werde dir über deinen Umgang nie Vorschriften machen, Christa, sagte er, aber ich rate zur Vorsicht. Zu äußerster Vorsicht und Zurückhaltung.

In den nächsten Tagen mußte Superintendent Marder leider die Beobachtung machen, daß der so angenehm begonnene Selbstunterricht der beiden Kinder schon wieder zu Ende war. Johannes Gäntschow saß blaß, mit langen, schmalen Lippen, übrigens auch mit einer kräftigen Beule auf der Stirn, an seinem Platz und beschäftigte sich ganz entschieden überhaupt nicht mit seinen Büchern. Christiane aber, auf dem schwarzen Wachstuchsofa, las wohl, schrieb auch was, gab aber womöglich noch verdrehtere Antworten als der Junge. Er hätte sich entschließen müssen, sich stundenlang zu seinen Schülern zu setzen, dazu aber hatte er jetzt am Wochenende, wo die Predigt gemacht werden mußte, gar keine Zeit.

Was habt ihr nur, Kinder, fragte er, habt ihr euch gezankt?

Ich zanke mich nie, Herr Marder, sagte Christiane sehr von oben herab.

Die Kühe haben sicher noch kein Futter, Herr Superdent, sagte Johannes, die brüllen schon mindestens seit 'ner Stunde.

O Gott, ja! Also, Kinder, nicht wahr, ich bitte euch, einen Augenblick, ich muß mal schnell ...

Er huschte hinaus, und die beiden saßen wieder allein. Christiane nahm ihr Buch vor, Johannes sah sie von der Seite an, etwas scheu, und stand dann rasch auf, als er merkte, sie war entschlossen, ihn wieder anzusehen. Er betrachtete ein Bild an der Wand: ›Heimkehr des verlorenen Sohnes‹, die Hände in den Taschen.

Johannes, sagte eine Stimme hinter ihm.

Er bohrte die Hände tiefer ein.

Hannes, klang es dringlicher.

Er zog die Schultern hoch und fing an zu pfeifen.

Hannes!! Das war schon beinahe ein Befehl.

Er drehte sich um, sah sie kühl an und pfiff melodisch weiter (was sehr schwer war). Dann wandte er sich einem zweiten Bild zu: ›Gott gibt Moses die Gesetzestafeln.‹

Du hättest ganz gut in unserm Schlitten mitfahren können.

Keine Antwort.

Warum bist du denn rausgesprungen?

Keine Antwort.

Wegen der alten Geschichte vom Pferdeschlachten? Papa hat mir das erzählt. Ich finde es einfach dumm.

So.

Oder weil mein Großvater deinen Großvater beim Wildern erwischt hat?

Schiet!

Wie?!

Schiet! Dein Großvater hat gewildert!

Mein Großpapa? Sie lachte so überlegen, daß er am Platzen war.

Warum hat er denn sein Gewehr hergegeben, die Bangbüx? Ich hätte mein Gewehr nie hergegeben.

Sie wurde auch etwas rot, aber sie bezwang sich. Das konnte sie, wie gesagt, ihr Papa war sehr oft krank und dann launisch.

Du würdest eben nie wildern gehen, sagte diese Evastochter.

Er sah sie wutfunkelnd an. Natürlich würde ich wildern gehn!! Gerade würde ich das.

Nein, nie würdest du etwas Schlechtes tun, sagte sie.

Immer! Immer gerade das Schlechte, schrie er wütend. Heute nachmittag noch gehe ich bei euch wildern. Und wehe, wenn mir einer von euch in den Weg kommt –!

Er machte eine drohende Gebärde. Er sah lächerlich und schrecklich zugleich aus. Sie sah ihn ein bißchen amüsiert an, wie man ein kleines Tier betrachtet, das sich abstrampelt. Also schön, sagte sie. Ich werde Papa sagen, daß ich dir die Erlaubnis zum Jagen auf unserer Flur gegeben habe – kannst du überhaupt schießen?

Die letzte Frage war rein rhetorisch. Sie setzte sich in ihrer Sofaecke zurecht und nahm endgültig ein Buch vor. Er war so erschlagen, daß er mindestens zwanzig Sekunden nichts sagen oder tun konnte. Er starrte sie nur an. Aber sie sah ihn nicht wieder an. Sie las geruhig, nur ihre Backen waren ein wenig gerötet.

Zum Donnerwetter! schrie er plötzlich und rannte zum Fenster. Gerade kam der Superintendent über den Hof ins Haus. Herr Superdent, schrie er aus dem Fenster, ich mach' Schluß, ich mach' Feierabend, ich geh' nach Haus.

Der alte Marder sah erstaunt zu dem Fenster hinauf und machte eine abwehrende Handbewegung. Dann faßte er sich an die Stirn, als habe er nun alles begriffen, und schoß in das Haus. Der Junge aber, der wußte, er mußte ihm auf der Treppe begegnen, war mit einem Schwung über die Fensterwand und kletterte wie eine Katze am Spalier hinunter. Er sah nicht zu ihr hinauf, die zu ihm herunterrief. Es war seine zweite Flucht vor ihr binnen einer Woche, und er wußte das ganz gut. Er rannte wie ein Amokläufer über den Hof und verschwand durch die kleine Pforte, die zu Kirche und Friedhof führte.

Er hatte dreiundeinhalb Stunden vor sich, bis der Unterricht offiziell zu Ende war, und es war ein bitterkalter Wintertag. Er dachte einen Augenblick nach, rannte dann hinter dem Dorf herum und schlug den Weg nach Dreege ein. Ihm war eingefallen, daß er im Hafen mal nachsehen könnte, ob da ein Dampfer lag. Am Hafen würde sich die Zeit am besten vertreiben lassen, und er blieb warm. Er war sich gar nicht klar darüber, wie die Sache nun weitergehen sollte, er würde mit seinem Vater, mit dem Superintendenten, mit allen Leuten Krach kriegen, er würde wieder auf die Dorfschule müssen, Doofschule hatte er noch gestern zu Nachbar Lindemanns Jürgen gesagt. Aber vorläufig mußten erst einmal diese dreieinhalb Stunden untergebracht werden. Er war sich vollkommen klar darüber, daß er in seiner Wut einen schönen Unsinn gemacht hatte. Weil man den einen Tag aus dem Schlitten gesprungen war, brauchte man nicht den andern Tag aus einem Fenster zu klettern. Weil Windmüllers Adi dämlich gegrinst hatte, brauchte man nicht mit Christiane Streit anzufangen. Aber so war er – und nun mach mal was dabei!

Als er an Müllers Adi gedacht hatte, hatte er unwillkürlich Schnee zu einem Schneeball aufgesammelt. Er knetete ihn voll Wut so lange, bis es ein richtiger Eisball geworden war, und wäre jetzt Adolf Dittmann in Wurfweite gewesen, hätte er eine Beule zu besehen gehabt.

Aber kein Adi Dittmann kam. Dafür aber hörte er hinter sich den Hufschlag eines Pferdes. Erst schielte er argwöhnisch, vielleicht waren ihm ›die Feinde schon auf der Spur‹. Dann aber sah er, daß es ein gewöhnlicher Einspänner war. Als er den Fahrer erkannte, war es der Fleischer Frehle aus Dreege, der vor ein paar Wochen die Blanka bekommen hatte. Der Fleischer war schon halb an dem Jungen vorbei, als er einen Blick zur Seite tat. Er parierte das Pferd. Bist du nicht einer von den Gäntschows Jungen? Willst du nach Dreege? Spring auf. Es ist heute frisch.

Der Junge kletterte auf den Karren.

Da, nimm den Pferde-Woilach um. Es pustet heute tüchtig. Der Bodden ist schon ganz zugefroren.

Liegen Dampfer unten?

Nein, keiner, nur der Blücher.

Der Blücher ist doch auch ein Dampfer, ein Raddampfer sogar, widersprach Johannes.

Der Blücher ist doch kein Dampfer, sagte der Fleischer. Der Blücher ist doch ein Malheur.

Und nun lachten sie beide, denn der Blücher war so alt und betagt, daß er für eine Fahrt nach Stralsund, die ein anderer Dampfer in drei Stunden fuhr, neun brauchte. Wenn er überhaupt hinkam.

Bist du nicht der Gäntschow, der beim alten Marder jetzt Unterricht hat? fragte der Fleischer.

Ja, sagte Hannes unwillig, denn jetzt mußte ja unbedingt die Frage kommen, warum er denn nicht im Unterricht, sondern auf der Landstraße sei.

Vielleicht aber interessierte sich der Fleischer nicht so sehr für die Zeiteinteilung des jungen Gäntschow. Ist das wahr, fragte er, daß du mit der Gräfin zusammen Schule hast?

Das ist doch keine Gräfin, äffte ihm Johannes nach, das ist doch eine Freiin.

Wieso, sagte der Fleischer, aus allen Himmeln gefallen, ließ die Peitsche sinken und starrte den Jungen groß an. Wenn's die Tochter von einem Grafen ist, ist es 'ne Gräfin, und wenn's die Tochter von 'nem Freiherrn ist, ist's 'ne Freiin.

Sie hat mir aber selbst gesagt, daß sie 'ne Freiin ist.

I du Donner, dann ist er vielleicht gar nicht Graf? Dann ist er bloß Freiherr?! Er überlegte. Oder ist Freiherr mehr als Graf?

Viel mehr, sagte Johannes aufs Geratewohl. Manche sagen auch Baronesse zu ihr.

Dann wäre er wieder Baron? Nee, auf den Holzrechnungen steht aber Gräflich Fiddesche Forstverwaltung. Er sah Johannes bekümmert mit seinen kleinen, eiligen Augen über den feisten, blaurot gefrorenen Backen an. Na, du weißt wohl auch noch nicht so damit Bescheid, daß du mir das Zeugs richtig erklären kannst. Wie sagst du denn zu ihr?

Ich sage Christiane.

Christiane? Einfach Christiane? I du Donner! Ja, ich habe es schon gehört, du bist mit ihr im Schlitten gefahren. Die Leute haben was gestaunt.

So, sagte Johannes mürrisch.

Ja, ja, nickte der Fleischer, wo viel Wolle ist, ziehen sich die Motten hin. Paß nur auf, daß du nicht zu hochnäsig wirst.

Was sagen denn die Leute, fragte Johannes nun doch.

Ach, das sind doch alles bloß Neidhammel, sagte der Fleischer verächtlich. Solche Bauern, die nicht von ihrem Mist runterkommen. – Na, wenn du zum Hafen willst, mußt du jetzt absteigen. Ich fahr' hier links.

Schön, sagte Johannes und schlitterte langsam und gedankenvoll zum Hafen hinunter. Der erste Mensch, den er dort traf, war sein Bruder Max. Und der zweite sein Vater. Sie verluden Roggen in einen Kahn.

Was machst du denn hier, Hannes?

Hab' was zu bestellen für Herrn Superdenten, sagte Hannes streng, ging eilig weiter, um das Bollwerk herum, auf den Blücher zu, über die Laufplanke. Ein Maschinist, Putzwolle in der Hand, hielt ihn an.

Junge, wo willst du denn hin?

Wo is'n der Käpten?

Zu Hause.

Wo zu Hause?

Auf'm Lande.

Wo auf'm Lande?

Bei Stralsund.

Wo bei Stralsund?

In Triebkendorf, aber ...

Wie weit is es denn von Stralsund bis Triebkendorf?

Drei Stunden zu laufen, aber ...

Hat denn Triebkendorf auch'n Hafen?

'n Hafen? Wo soll denn da das Wasser für herkommen?

Also kein Hafen?

Nein.

Warum sagen Sie mir das nicht?

Ich hab's doch gesagt!

Na, denn ist's ja gut. Guten Morgen.

Und Johannes ging gravitätisch über die Laufplanke wieder ans Ufer.

Hallo, rief der Maschinist hinter ihm.

Hallo, rief Johannes und drehte sich um.

Was hast' denn eigentlich gewollt?

Das hab' ich dir doch gesagt.

Nee, das hast du mir nicht gesagt.

Na, denn ist's ja gut. Guten Morgen. Und Johannes ging entschlossen weiter.

Hallo, schrie es hinter ihm. Der Maschinist, seinen Wisch schmutzige Putzwolle immer noch in der Hand, war über den Laufsteg an Land gekommen.

Hallo, rief Johannes und blieb in zwölf Schritten Abstand stehen.

Was haste gewollt, sollst du sagen, schrie der Maschinist wütend.

Düsige Schmierjacke, schrie Johannes zurück. Ätsch! und rannte los, daß die Beine flogen.

Eine Stunde später betrat ein sehr fideler, aufgeräumter Johannes die superintendentliche Arbeitsstube, wo der Geistliche noch immer von seiner Schülerin zu erfahren suchte, was eigentlich mit dem Johannes, mit ihr, mit ihnen beiden los sei.

Tag, Herr Superdent. Vater hat gesagt, ich soll doch was lernen. Entschuldigen Sie man. Tag, Tia. Sag mal, wie kommt das, daß dein Vater Graf ist und du bist Freiin? Ist denn dein Vater auch Freiherr?

Johannes, rief der Geistliche, wo kommst du her?

Von Vater.

Johannes! Dein Vater ist heute um halb neun hier vorbei gefahren.

Nach Dreege, Roggen in den Kahn verladen, da war ich auch. Stimmt alles, Herr Superdent.

Der Superintendent seufzte. Also jedenfalls scheinst du dagewesen zu sein. Und warum bist du an meinem Spalier runtergeklettert?

Darf ich das nicht, Herr Superdent? Wir haben zu Haus auch ein Spalier. Da klettern wir immer in die Giebelstube rauf. Vater sagt nichts.

Ich glaube, sagte der Geistliche, du spielst augenblicklich ein bißchen Theater, mein Sohn. Da aber deine Mitschülerin Christiane auch etwas geheimnisvoll ist, will ich euch fünf Minuten einander überlassen und hoffe, daß dann ohne alle Geheimnisse weitergearbeitet wird. Jetzt will ich nur mal schnell ...

Also, wie ist es mit der Freiin? fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Warum bist du denn wiedergekommen?

Ich weiß auch nicht, sagte er plötzlich in ganz anderm Ton. Ich habe erst einen und dann noch einen verklapst, und da war ich so guter Laune, daß ich nicht mehr wütend sein konnte. Außerdem hast du wirklich an nichts Schuld.

Sie schüttelte wieder den Kopf. Das mag ich aber gar nicht. Wenn du immer erst ein paar verklapsen mußt, um zu sehen, daß du unrecht hast. Das will ich nicht.

Ich bin doch nun mal so, und Vater ist auch so, und Großvater war auch so. Alle waren überhaupt so. Da kann man gar nichts machen, Tia.

Da kann man viel bei machen, sagte sie streng.

Bist du schon mal oben auf dem Leuchtturm gewesen? fragte er. Hundertdrei Meter ist der hoch. Ich hab' gehört, man kriegt fünfzig Mark von dem verrückten Maler in Fabiansruh, wenn man den Blitzableiter runterklettert. Fünfzig Mark wären fein.

Das möchtest du wohl tun? Und dir alle Knochen dabei zerbrechen!

Ich brech' mir doch nicht die Knochen. Ich mach' die Augen zu und rutsche einfach runter.

Wegen lumpiger fünfzig Mark?

Fünfzig Mark sind doch nicht lumpig, na weißt du! Fünfzig Mark, sagte er eifrig, weil er einen Gedanken hatte, das ist ein ganzer Morgen Roggen. Denk mal: schälen, eggen, pflügen, wieder eggen, säen, im Frühjahr noch mal eggen, mähen, binden, puppen, dreschen, sacken, auf den Boden bringen, wieder sacken, verladen, alles für fünfzig Mark. Das ist eine Masse Arbeit. Du könntest sie nicht tun – für das lumpige Geld.

Aber für den Roggen ist es gutes Geld, und für den Blitzableiter ist es schlechtes Geld.

Ach nee, sagte er ganz erstaunt. Gibt es gutes Geld und schlechtes Geld?

Jawohl gibt es das, sagte sie sehr böse. Wenn man stiehlt, ist es auch schlechtes Geld.

Aber Blitzableiter und Stehlen ist ein riesiger Unterschied.

Das ist genau so, wie wenn man fröhlich dadurch wird, daß man Leute veräppelt, rief sie und brach in Tränen aus.

So fand sie, wieder ganz ratlos, der Superintendent.

Ja, sie waren beide so verschieden, jedes war ganz anders ausgewachsen wie das andere, in fast nichts waren sie einer Meinung. Er haßte Heulen – und doch waren es diese ihre Tränen, die für lange Zeit alle Spannungen zwischen ihnen lösten. Irgendwie begriff dieser Bengel, dieser ewige Stacheligel, daß er ihr ernstlich weh getan hatte – und warum sollte er das eigentlich? Er hätte kein Tier sinnlos geschlagen – bloß weil sie eine Freiin Fidde war? Aber, wie gleichgültig ihm das war! Was gingen ihn die alten Geschichten an. Außerdem hatte sein Großvater wirklich gewildert. Und doch hatte er dem Grafen Fidde damals die Flinte zurückgeschickt, mit einem Hasen dazu: Schönsten Dank, aber sie tauge nichts, sie schösse zu tief. Nein, keine Ursache, auf die Fiddes böse zu sein.

Sie hatte da ein paar Sachen gesagt, zum Beispiel, daß man anders werden könnte. Er war nicht überzeugt davon, aber vielleicht hatte sie doch recht. Er mußte darüber nachdenken. Es war etwas daran. Auch er sah ja zum Beispiel, daß Vater nicht so war, wie er sein müßte, und vor allem, wie er hätte sein können. Mit sich war er auch nicht ganz zufrieden. Gutes Geld und schlechtes Geld, jawohl, das konnte sie sagen, aber das war nun wieder anders. Daß sie so etwas sagen konnte, das kam daher, weil sie nie wirklich ohne Geld war. Gewiß, man durfte nicht stehlen, man tat es wenigstens nicht, aber einen Viehhändler durfte man reinlegen, einen Blitzableiter durfte man herunterklettern – und: Du, Christa, sagte er eifrig, dann ist es aber auch schlechtes Geld, das der Marder für seinen Unterricht bekommt. Er tut doch fast gar nichts, und mein Vater denkt, er sitzt fünf Stunden bei uns.

Sie machte nicht die geringsten Umschweife. Das ist es auch, gab sie zu.

Und das Geld, das er als Pfarrer bekommt, ist denn das gutes Geld?

Ich weiß nicht, sagte sie zögernd.

Na, du siehst doch, wie er seine Predigten macht. Husch, husch, drei Bücher nachgeschlagen, husch, husch, fertig. Das kann ich auch. Das kann jeder. Und wie er sich um die Leute kümmert!

Ja, er hat viel zu viel vor, gab sie zu. Nun auch noch der Hof.

Nicht wahr, er wird doch als Pfarrer bezahlt, und nun spielt er dazu den Großbauern. Weißt du das mit dem Ziegenbock?

Nein, sie wußte es nicht. Der Superintendent, der Marder, war doch solch mißtrauischer, knifflicher Mensch. Keinem traute er. Keine Arbeit wurde gut genug und schnell genug gemacht, nach allem sah er selbst, und immer wurde zuviel veraast. Da hatte er nun diese vier Pferde im Stall stehen, wie im vorigen Winter, so jetzt im Winter, und sie taten rein gar nichts. Auf den Acker konnte man nicht, zu fahren war nichts mehr, sie standen im Stall, fraßen immer weiter den teuren Hafer, zu acht Mark den Zentner, und schlugen die Stände vor lauter Übermut kaputt.

Der Superintendent war ein moderner Landwirt. Er besaß gedruckte Fütterungstabellen: verdauliches Eiweiß, Kohlehydrate, Stärkewerte. Der Superintendent rechnete und rechnete. Er rechnete für seine Pferde ein ›lebenerhaltendes‹ Futter heraus, ein Minimum an Nährstoffzufuhr, und er dachte dabei nicht daran, welches Futter seinen Pferden nun auch bekömmlich war. Das verdauliche Eiweiß, der Stärkewert, die machten es!

Darüber wurden die alten Schinder immer jämmerlicher und hinfälliger. Die Knechte, die ihre Pferde gern gehabt hatten, sagten den Dienst auf, und es kamen Lumpen an ihrer Statt, denen die Tiere gleichgültig waren. Ja, die den Superintendenten, in ihre Bärte grienend, noch in seiner Sparsamkeit bestärkten. Es war ein Anblick, der einem das Herz im Leibe umdrehen mußte, kam man in den Stall: mit gesenktem Kopf, trüben Augen, lang herunterhängenden, schlaffen Lippen, rauhem, strubbligem Haar standen die Pferde auf zitternden Beinen in den Ständen und wußten nicht mehr, ob sie sich zum Leben oder Sterben entschließen sollten. Sie gewöhnen sich, es ist nur der Übergang, sagte der Superintendent zu Besuchern, die wortlos diesen Jammer betrachteten. Ich habe es genau berechnet. Es ist ein Futter, das das Leben erhält und doch keinen Übermut aufkommen läßt. Und dann, sagte er hoffnungsvoller, habe ich schlechte Knechte gehabt, die immer nur Hafer füttern wollten – mit Hafer können alle füttern! Aber jetzt habe ich tüchtige Leute, die meine Futterprinzipien verstehen.

Der Besucher überlegte trübsinnig, ob man nicht an den spitzen Schulterknochen gut die Mütze aufhängen könnte. Aber der Geistliche fragte eifrig den Knecht: Na, was macht der Schimmel, Ernst?

Oh, er macht sich, Herr Super, sagte der Knecht. Er macht sich. Heute früh hat er einmal tüchtig geschnaubt und mit dem Vorderhuf im Stroh gekratzt.

Sehen Sie, sagte der Superintendent, es ist nur die Umstellung, der Mann sagt auch, er macht sich.

Mittlerweile stellte sich der Schimmel so um, daß er sich hinlegte und krepierte. Aber nicht an Futtermangel, beileibe nicht. Sicher hatten die früheren Knechte ihm aus Rache was eingegeben. Aber schließlich wurde es doch klar, daß auch die andern Pferde zum mindesten ›krank‹ waren, das war nun schlimm. Zum Tierarzt bis nach Sagard zu schicken, war viel zu teuer, außerdem fürchtete der Superintendent vielleicht im geheimen für seine Futtertheorie. Dann gab es noch den Schäfer Hundertmark. Aber ein Schäfer war gar nichts, unwissenschaftlich, bloßer Aberglaube.

In dieser Not fielen dem Geistlichen nun die preußischen Kavalleriepferdeställe ein, in deren jedem traditionsgemäß ein Ziegenbock gehalten wird, der, wie jedermann weiß, keine Krankheit im Stall aufkommen läßt, sondern alles auf sich zieht. Man könnte nun freilich sagen, daß ein Ziegenbock auch Aberglaube ist, aber erstens ist ein Bock in Pferdeställen eine offizielle militärische Einrichtung, zweitens hängt es irgendwie ganz wissenschaftlich mit dem starken Geruch, den Böcke absondern, zusammen, und drittens konnte der Ziegenbock die Ziegen der kleinen Leute in Kirchdorf decken, sparte ihnen den weiten Weg bis Riek, und der Superintendent strich noch Deckgelder ein.

Ein Ziegenbock wurde gekauft. Ein wahrer Patriarch an Körper und Ehrwürdigkeit, mit langem, zottigem Haar, einem herrlichen, weißen Spitzbart, den schamlosesten, frechsten und neugierigsten Augen von der Welt und breiten, weitausladenden, geschwungenen Hörnern.

Alles ging verquer! Dieser Ziegenbock war der Vater der Neugierde, ein Großvater der Frechheit und ein wahrer Satan der bösen Streiche. Im Stall war er ein Fehlschlag, vielleicht war er zu spät gekommen, jedenfalls fiel noch ein Pferd, und der Superintendent kehrte schweigend und grimmig zum Hafer zurück. Aber dieser Bock, von den Pasewalker Offizieren auf den schönen Namen Phryne getauft, verliebte sich in den Geistlichen und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Keine Kette half, keine noch so kunstvolle Fesselung, kein Lattenverschlag, plötzlich rannte er laut meckernd im Triumph über den Hof, stieß die Tür zur Superintendantur auf, erkletterte, tripp, trapp, die Treppe, war im Studierzimmer, suchte das Dorf ab und ruhte nicht eher, bis er seinen breitschultrigen Marder gefunden und ihm, zufrieden meckernd, ein paar sanfte, aufmunternde Stöße ins Gesäß versetzt hatte.

Der arme Superintendent. Diese Wochen waren schwere Wochen für ihn! Der Bock war kein billiger Bock gewesen. Bis zur Deckzeit im Frühjahr, da er ein bißchen Geld einbrachte, sollte er mindestens durchgehalten werden. Der Geistliche, schon immer hastig, bekam jetzt etwas Flüchtiges, Scheues, einen beklagenswert angstvollen Blick über die Schulter. Immer floh er vor Phryne, versteckte sich vor ihm, schloß Türen ab, fragte mitten im Gespräch: Hören Sie nichts? Wie?!

Und diese ollen Heimtücker von halben Heiden, diese rechten Insulaner, begriffen so rasch die Lage ihres Seelsorgers, es hatte sich herumgesprochen – Da meckert doch was, Herr Superdent? fragten sie.

Weg war er. Weg von Vermahnungen, Tröstungen, Geschäften!

Aber die Ereignisse dann am sechsten Februar, dem fünften Sonntag nach Epiphanias, gaben dem Bock und seinem Herrn doch den Rest. Herr Superintendent Marder war in der Kirche, und seine Gemeinde, seine Schäflein, mit ihm. Die Gemeinde sang das Lied vor der Predigt. Sechs Strophen. Und der Superintendent ging frierend und wartend in der eiskalten Sakristei auf und ab. Die Hände hatte er ganz in die Ärmel seines Talars gesteckt. Nun waren sie bei der dritten Strophe. Nun fingen sie die vierte an ...

Der Kantor Bockmann hätte bei solcher Kälte das Zwischenspiel auch gern etwas kürzer machen können! Was aber der eigentliche Kirchendiener war, so hieß er Wollenzien, Gabriel Wollenzien. Ein Kirchendiener muß ein geschickter, rascher Mann sein. Gabriel Wollenzien aber war man tüterig. Das war dem Supenintendenten lange klar. Doch das Kirchendieneramt (für fünf Zentner Roggen jährlich und zwei Dutzend Eier zu Ostern) war erblich in der Familie Wollenzien. Nein, sie kamen mit der vierten Strophe nicht klar. Was sie nur hatten? Gottlob hielt die Orgel sie bei der Stange, aber nun tat plötzlich auch die Orgel einen ganz unziemlichen Hüpfer – und stürzte sich wie schuldbewußt in um so lautere Akkorde. Alle Register, alle Register.

Der Superintendent machte die Sakristeitür ein bißchen auf, trotzdem er das eigentlich für ganz unziemlich hielt, denn die Minuten während des Gemeindegesanges hat der Geistliche sich in der Sakristei innerlich auf seine Predigt vorzubereiten. Er sah nur einen spitzen Ausschnitt von drei Bänken, mit den Bauersleuten Lau und Gierke, die sich aber umgedreht hatten ...

Sicher war etwas nicht im Lot. Vielleicht war, wie schon einmal, der Dorfsüffel Timmermann in den Gottesdienst geraten, und Wollenzien war wieder einmal der Lage nicht gewachsen.

Mutig ging die Orgel das Zwischenspiel zur fünften Strophe an, klang, psalmodeite und tat einen tiefen, hinsterbenden Seufzer: keine Luft. Der Bälgetreter auch nicht auf dem Posten. Na warte, Jungchen!

Der Superintendent raffte den Talar und kletterte die Treppe zur Kanzel empor. Na wartet, ich will euch umdrehen lehren!

Er trat hinaus vor seine Gemeinde. Sie sahen nicht hin zu ihm, sie merkten sein Kommen gar nicht einmal. Alle Gesichter waren von der Kanzel fortgewendet, nach dem Kirchenchor zu, und weder Wollenzien noch der Kantor waren zu sehen. Jawohl, der Platz an der Orgel war verlassen, mitten im Vorspiel zur fünften Strophe, da doch sechs gesungen werden sollten!

Friedfertigkeit erfüllte nicht des Superintendenten Herz, da er sich einmal, ein zweites Mal räusperte. Er mußte sich ein drittes Mal räuspern, ehe alle zu ihm hersahen. In allen Gesichtern lag etwas Verhaltenes, sie sahen ihn so erwartungsvoll an, viele waren rot, andere zuckten, Kinne wackelten, Bärte sträubten sich. Der Geistliche spähte. Er sah nichts. Er verlas das Schriftwort, er merkte, sie hörten ihn gar nicht – worauf warteten sie noch?

Er begann seine Predigt. Sie hörten nicht zu, ja viele Gesichter hatten sich wieder von ihm fortgewendet.

Superintendent Marder war sehr böse. Er war so böse, daß er die Predigt unterbrach und energisch mit einem Finger auf die Kanzelbrüstung pochte. Zögernd kamen die Gesichter zurück zu ihm, jetzt schien auf der Orgelempore ein verhaltenes Gerenne, ein leises Gehusche zu sein.

Der Superintendent wollte neu einsetzen. Da klang von der Orgelempore schrill in höchstem Jagdeifer plattdeutsch eine grelle überkippende Jungenstimme: Ick heff em, Herr Kanter. Kamen Se längs! Ick hol dat Undiert nich ...

Und hinter der Orgel hervor jagte polternd die grausige, wilde, verwegene Jagd: Phryne, der weiße Bock, an seinem Stummelschwanz hängend, verzweifelt schreiend, der Junge Bälgetreter. Aus der Chorbank links, wo er sichtlich wie ein Jäger auf Ansitz gesessen hatte, schoß hervor, einen Schirm schwingend, der kleine verwachsene Kantor Bockmann, erregt flüsternd und scheuchend: Wistu!

Und aus der Bank rechts der tüterige Wollenzien: Min leiwe Zickenbuck! Kumm to ol Vadder Wollenzien!

Aber der Bock, über seine Feinde triumphierend, riß sich los, der Junge stürzte, der Kantor floh in Bankdeckung vor den Hörnern, kläglich protestierte Wollenzien: I du Deibelsvieh! Stöten wist du?

Der Bock sprang auf eine Chorbank, auf das breite, geschnitzte Geländer des Chors, hoch thronte er über der Gemeinde, aus der unterdrückte Rufe, Gelächter, Angstkreischen laut wurden. Mit wackelndem Bart, drohenden Hörnern, frechen Augen stand der Bock unerreichbar auf dem Geländer – und sah plötzlich seine Liebe, den Superintendenten, den versteinerten, auf der Kanzel. Phryne schmetterte sein triumphierendes Meck und Mäh, er schien den Zwischenraum zwischen Chor und Kanzel zu messen, näher wollte er seiner Liebe, und der erwachte Superintendent warf mit einem lang nachhallenden Knall die Tür hinter sich zu. Die Kanzel war leer.

Aber ach, diese Wut in der Sakristei, diese hilflose, zitternde Wut! In allen Häusern der Insel, in ihren spätesten Geschlechtern wird man immer noch die Geschichte vom Ziegenbock erzählen, der seinen Superintendenten von der Kanzel vertrieb. Marder hatte eine kräftige, lederhafte Haut. Sie mochten ihn filzig, flusig, sonstwas schelten, aber lächerlich, dies nein. Lächerlich durfte er nicht sein! Er biß die Zähne zusammen, er überwachte selbst den Abtransport des Bockes, er schloß ihn selbst in die Räucherkammer ein, aus der unmöglich zu fliehen war. Er steckte den Schlüssel in die Tasche und begann den Gottesdienst von neuem. Mochte aller Hausfrauen Essen anbrennen, so leicht wollte er es ihnen denn doch nicht machen. Und er betete unerbittlich lange für die bösen Buben, die solche Streiche trieben ...

Aber, wieder zu Hause, schickte er sofort zum Viehhändler Frehle nach Dreege und ließ ihn kommen. Sonst schloß er nie ein Handelsgeschäft am Sonntag ab. Nein, auch dies wurde kein Handel: er verschenkte den kostbaren Bock, unter der Bedingung, daß ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen dürfte und daß er gleich am nächsten Tage von der Insel verschwinden müßte. Phryne protestierte aus seiner Räucherkammer gegen diese Abmachungen mit kläglichem Gemecker.

Am nächsten Tag, am Montagmorgen, stand der Superintendent Marder halb versteckt hinter dem Ladeschuppen auf dem Dreeger Kai, sah den Blücher ablegen und ächzend, krächzend, Dampf abblasend, pfeifend die Höhe des Dreeger Boddens gewinnen. Auf dem Verdeck war lange ein weißer Fleck zu erblicken, der entschwindende Phryne. Dann verschwamm der weiße Fleck mit dem Schiff, der Dampfer tutete noch einmal und drehte sich um den Finkenhaken.

Erleichtert aufseufzend, machte sich Herr Marder auf den Rückweg. Das Kapitel Phryne war abgeschlossen, und er würde den Leuten schon die Mäuler stopfen. Und während er die Dreeger Chaussee langsam fürbaß mit seinen breiten Schultern entlang schaukelte, wurde er wieder beinahe ganz fröhlich beim Anblick der mit Wintersaat bestellten Äcker. Trotzdem im Januar eine Reihe von Tagen schweren Kahlfrost gebracht hatten, waren Roggen wie Weizen gut durchgekommen. Schön smaragdgrün lagen die Flächen in der klaren Wintersonne unter dem schon nicht mehr ganz blassen Blauhimmel. Um die Zweige der Kirschbäume an der Chaussee lag schon etwas wie eine Vorahnung des Frühlings. Die Spatzen stritten sich vergnügt und eifrig tschilpend um einen Pferdeapfel. Der Geistliche überlegte, wie er am nächsten Sonntag Septuagesimä diese Vorfrühlingsahnung in seinen Predigttext einflechten könnte.

Dann aber, an diesem selben Montagabend, tat er noch etwas Heroisches: er trotzte allem Gerede der Leute und ging in den ›Schwedischen Hof‹, der der Superintendantur gerade gegenüber auf der andern Seite des Marktplatzes lag. Da waren heute am Montag drei Skattische in Gang, ein Bauern-, ein Kaufleute- und ein Gutsbesitzerskattisch. Da würden sie heute beisammen sitzen, die ihn durchhecheln wollten, und gerade darum ging er hin.

Heroisch an diesem Gang war aber, daß Superintendent Marder, der sonst nie in Gasthäuser ging und sonst nie Alkohol trank, fest entschlossen war, an diesem Abend bis zum letzten Mann sitzen zu bleiben und soviel Alkohol zu trinken, wie zu diesem langen Sitzen gehörte. Alkohol haßte er, Alkohol machte ihm Angst, vor Alkohol schüttelte er sich – aber das war heute alles gleich.

Da ging er, ein kleiner, rötlicher Kerl, mit lächerlich breitem Rücken, aber zum Trommeln gab er sich nicht her, Kalbfell wurde er nicht. Er würde trinken und nicht betrunken werden.

Mit dem Trinken aber war es bei ihm so bestellt, daß sein Großvater schon gerne getrunken hatte und sein Vater sehr gerne. Er war die nächste Generation, er hatte statt einer Neigung eine Abneigung, aber sein strahlender, junger Bruder, fast gleichaltrig, hatte wieder zu gerne getrunken. Und Marder hatte an diesem Bruder, den er so herzlich wie nie einen andern Menschen wieder geliebt hatte, langsam, langsam allen Verfall durch den Trunk erlebt: den Schmutz, das Verkommen, die Verlogenheit, die Gier. Allmählich hatte der Feind – und was war das für ein schrecklicher, erbarmungsloser Feind – die Strahlenzüge des Bruders gestohlen, aufgeschwemmt und verschwommen war alles in diesem Gesicht untergegangen, was auf eine herrliche Zukunft hingedeutet hatte. Dann war der Zusammenbruch gekommen, die Anstalt, das krampfhafte, irre, schreckliche Flehen und Beschwören um einen einzigen Schnaps. Es war gekommen das Geheiltwerden, das Wieder-in-Freiheit-Leben des Bruders, die heimliche Angst um ihn und die schreckliche Gewißheit, daß er von neuem trank.

Es waren schreckliche Auseinandersetzungen gekommen. Schwüre, die in der Stunde schon, da sie gegeben waren, gebrochen wurden, die von vornherein nicht gehalten werden sollten. Und schließlich jene schreckliche Nacht, da die beiden Studenten auf ihrer Bude in Kampf gerieten, da die Seele des andern schon auf der Flucht, schon von ätzendem Alkohol ganz aufgelöst gewesen war. Wie in dem zerrütteten Trinkergehirn Visionen von Verfolgern, huschenden Tieren auftauchten, wie er zu schreien anfing, zu schreien wie selber ein Tier ... Nein ...

Bis er ein paar Tage danach auslöschte und zusammengefallen auf dem Totenbett lag als ein stiller, ernster Bruder jenes einst so herzlich Geliebten.

Ja, wie Superintendent Marder jetzt durch den Pfarrgarten und über den Marktplatz geht, denkt er natürlich an all diese Dinge nicht. Sie sind so lange her, sind wie versunken in ihm, unter der stets neuen Ernte stets neuer Erlebnisse. Aber die Angst sitzt in ihm ...

Natürlich, er könnte Himbeerwasser trinken oder einen Tee und noch einen, aber er weiß doch, wie seine Insulaner sind: wer nicht plattdeutsch spricht und nicht mittrinkt, gehört nicht zu ihnen. Und heute muß er zu ihnen gehören.

Im Flur trifft er gottlob die Wirtin, Frau Reese, und er benutzt die Gelegenheit, ihr möglichst laut und sonor ein paar Worte zu sagen, und sie begrüßt ja auch recht lebhaft den ungewohnten Gast. Richtig, in der Gaststube links wird es plötzlich still. Ganz auffallend still. Und so platzt er wenigstens nicht unangenehm in ein Gespräch über sich hinein, als er eintritt und seinen guten Abend sagt.

Sie sind alle schön vorbereitet, und er muß viele Hände drücken und viele Fragen stellen und beantworten, ehe er sich an einen Tisch beim Ofen setzen kann, auf den Tisch klopfen und rufen darf: Herr Reese, einen Grog!

Es geht wie eine Welle verblüfften Schweigens durch den Raum. Aber das ist nur ein Augenblick, und dann haben sie alle, alle kapiert und reden doppelt laut: Kiekeda, der Herr Superintendent will sich wohl anbiedern. Er denkt, er hat es nötig – und laut reden sie von allen, allen andern Dingen.

Stark oder schwach? fragt der Wirt.

Stark, sagt der Superintendent und langt sich eine Zeitung.

Der Grog riecht gemein nach Fusel. Mit Widerstreben nur tut der Geistliche in den übelriechenden Trank den schönen, klaren, weißen Zucker. Er rührt gedankenvoll, lange, er sieht dabei gedankenvoll durch den Raum. Er sitzt schön in der Mitte. Sie können es weder rechts noch links wagen, über ihn zu sprechen. Natürlich denken die, er wird bald wieder abrücken. Aber da sollen sie sich geirrt haben!

Er nimmt den ersten Schluck. Ein schlimmes Getränk, viel schlimmer noch, als er gedacht. Er schüttelt sich, aber er trinkt mutig einen großen Schluck von dem Gebräu. Dann liest er weiter in der Zeitung.

Bis halb elf geht alles glatt. Bis halb elf kann er sich mit Zeitungen helfen. Er hat bis dahin drei Gläser Grog getrunken, und der Trank widersteht ihm nicht mehr so. Es wärmt schön, solches Gebräu. Übrigens hat es auch eine schöne, bernsteinhafte Farbe. Und das Gehirn wird langsam groß und weich. Als der Superintendent die letzte Zeitung aus der Hand legt und sich im Gastzimmer umsieht, ist er ganz andrer Stimmung. Da sitzen sie, jetzt reden sie nur noch, wenn ein Spiel fertig ist, und dann sprechen sie nur von den Fehlern, die die andern gemacht haben – an ihn denken sie gar nicht mehr. Aber er möchte jetzt, daß sie an ihn denken, eine Anspielung machen. Sein ursprünglicher Plan, ihnen nur das Reden unmöglich zu machen, ist ganz vergessen. Jetzt möchte er ihnen Bescheid sagen, diesen selbstherrlichen Bauern, diesen Sittenrichtern im Glashaus. Da sitzt Bauer Behn mit dem noch immer schwarzen, krausen Haar, siebenundfünfzig ist er, und in den letzten zehn Jahren haben drei Mägde in seinem Haus ein Kind bekommen: Vater unbekannt. Aber Marder kann mit dem Finger auf den Vater zeigen, wenn er mag. Er sieht ihn ja an!

Reese, noch einen Grog und stärker.

Der da so laut krakehlt, ist der Kaufmann Stavenhagen, was schreit der? Weiß der Superintendent etwa nicht, daß der fette, rosige Mann einen heimlichen Schnapsausschank hinter seinem Laden hat? Doch, das weiß er, und er weiß noch mehr. Er weiß, daß jetzt zur Stunde vielleicht die Frau dort mit irgendwelchen Bürschlein Liköre trinkt. Er braucht nicht durch die Fenster zu sehen, er kann durch die Wände schauen! Zuhälter der eigenen Frau, wahrhaftig, aber ihm einen Bock vorwerfen, einen lächerlichen Zufall, seinen Ruf zerreden, zerwalken, daß er schließlich mit dem Konsistorium Schwierigkeiten hat, das können die.

Nicht ein Wort von euch –!

Kein schlechter Trank, nein, gewiß nicht, dies tut gut, es stärkt noch die Stärke, es macht angriffslustig. Der betrübt Aussehende da, der Lange, Bleiche, mit der weißen, höckrigen Schnüffelnase, das ist Finnig aus Fabiansruh, Pensionär nennt er sich – oh, du trauriger Wucherer, du. Umherschnüffeln tust du mit deiner Höckernase, im Winter ausschnüffeln, wo kein Geld ist bei den Bauern, und ihnen Geld anbieten, das Geld direkt ins Haus zwängen und drängen und dafür die ganze Ernte des nächsten Jahres kaufen, für – ach, man mag es nicht sagen, welches Schandgeld! Einen Ziegenbock hört ihr meckern auf der ganzen Insel, aber eure eigene Schande hört ihr nicht schreien zum Himmel! Ein guter Satz für die Predigt am nächsten Sonntag, wahrhaftig – worüber wollte er doch predigen? Er erinnert sich nicht mehr genau, aber er würde gut hineinpassen, das würde er.

Der rasche, wieselige Superintendent ist plötzlich ein breiter, schwerer Mann geworden, ein Kämpfer, er steht langsam auf und geht durch das Lokal. Auf den Flur. Wenn er nur wüßte, wo hier die Toiletten sind. Er weiß bloß, daß sich sonst die Gäste auf den Marktplatz stellen; wenn er beim Mondschein nachts ans Fenster der Superintendantur trat, hatte er oft den ganzen kläglichen Aufmarsch vor Augen. Auch eine Schande, wieder eine Schande ... Er steht zögernd auf dem Gang, er könnte schnell einmal zu sich hinüber, aber man läuft nicht als Geistlicher nachts aus und ein in dem Gasthaus. Zögernd geht er nach hinten, den schlecht beleuchteten Gang hinunter. An seinem Ende, hinter einer Klapptür, ist ein ganzes Durcheinander von verschiedenen Türen. Alle fast dunkel. Eine Treppe führt da auch nach oben ...

Er steht so da. Es ist still im Haus. Nur manchmal hört er den auftrumpfenden Knöchelschlag eines Skatspielers auf dem Holztisch. Er öffnet aufs Geratewohl die nächste Tür und sieht in eine spärlich beleuchtete, düstere, verräucherte Küche. Am Herd sitzt ein junger Mensch mit langen, blonden Haaren. Er hat ein Mädchen auf dem Schoß, dessen Kopf er weit zurückgebogen hat. Er küßt sie, sie küßt ihn. Der Geistliche hört das Geräusch des Küssens. Er will sich lautlos zurückziehen, da hat das Mädchen ihn gesehen, es stößt einen leisen, hellen Schrei aus und fährt hoch. Der Bursche schaut auch nach der Tür, in seinem Gesicht liegt ein Ausdruck aus Wut und Ertapptheit.

Entschuldigen Sie, sagt der Superintendent, wo sind hier die Toiletten?

Über die Treppe, sagt der Hausdiener mürrisch und sieht den Geistlichen böse an.

Der steigt die Treppe hinauf. Plötzlich bleibt er stehen. Plötzlich hört er die Stimmen der Leute in der Gaststube so laut, als säße er zwischen ihnen. Er sucht. Ein matter Lichtschein liegt auf seinem Beinkleid, er bückt sich, da ist eine Lüftungsklappe von der Gaststube nach der Treppe und diese Klappe steht offen. Er hört Stimmengewirr ...

Ziegenbock, sagt einer und ein brüllendes Gelächter platzt los.

Er richtet sich steil auf, nein, er will nicht lauschen, das ist unter seiner Würde, und er steigt rasch die letzten Stufen der Treppe empor.

Oben liegt ein langer Gang vor ihm. Türen, Türen. Zehn oder zwölf. Die Gast- und Privatzimmer des ›Schwedischen Hofs‹. Er geht leise über den grellfarbenen Kokosläufer und blinzelt nach den Türnummern. Hinter einer Tür hört er reden, das ist die Stimme des Wirts, und das ist die weinerliche Stimme der Wirtin. Aber jetzt weint sie wirklich. Reese sagt heftig und böse etwas, und nun ruft die Frau schluchzend: O Gott, ich halte das nicht mehr aus! Was soll denn bloß in aller Welt werden mit mir ...

Der Superintendent geht hastig den Gang zu Ende. Seine Stimmung hat sich in den letzten Minuten wieder ganz verändert, nichts mehr von Kampflust, nur Düsternis, Mißmut, ja etwas wie Verzweiflung.

Keine Tür deutet auf das hin, was er sucht. Wieder geht er den Gang zurück. Er geht an der Tür vorüber, dreht um, als käme er eben erst von unten, und ruft laut: Herr Reese, bitte! Herr Reese!

Der Kopf des Wirtes fährt wild aus der Tür – und sein Gesicht glättet sich sofort, als er den Geistlichen sieht: Bitte, Herr Superintendent?

Wo sind denn hier die Toiletten, Herr Reese?

Auf dem Hof, Herr Superintendent, auf dem Hof!

Der Superintendent steht einen Augenblick schweigend. Er versteht den Hausdiener nicht – ist denn alle Welt heute böse? Dann sagt er: Bitte, zeigen Sie mir den Weg.

Aber gewiß doch, Herr Superintendent, sofort. Hier, bitte, ja. So weit wie in der Superintendantur sind wir noch nicht, einfach auf dem Hof, keine Wasserspülung.

Was macht denn eigentlich Ihre Frau?

Oh, danke der Nachfrage, Herr Superintendent. Alles in Ordnung, alles munter.

Wollte sie sich nicht operieren lassen? Ich habe mal so was gehört.

Ach, die kleine Sache – ja, Herr Superintendent, das ist nun so bei uns: im Winter blüht den Gastwirten ihr Weizen, da kann die Frau nicht fort. Aber vielleicht im Sommer, wenn dann noch Geld da ist. Er lacht herzhaft.

Warten Sie nur nicht zu lange, Herr Reese.

Ach, diese kleine Sache! Doktor Westfahl übertreibt ja immer. Nun, das kann man ihm nicht übelnehmen, Trommeln gehört zum Handwerk. Und der dicke Reese lacht. Aber sein Seelsorger ist hartnäckig: Haben die Leute nicht von Krebs geredet, Reese?

Krebs! Wenn ich das nur höre. Wie die Leute so was verantworten mögen. Eine ganz kleine Geschichte. Frauen stellen sich ja auch immer an. Übrigens ... Er stockt.

Aber, fängt der Superintendent an.

Übrigens, sagt Reese böse, wissen Sie ja selbst, Herr Superintendent, wie es ist, Herr Superintendent, Ihnen ist ja auch die Frau gestorben, und Sie haben immer gesagt, es ist nur ein bißchen Husten.

›Auch‹, denkt der Superintendent und hört die jammervolle Stimme oben wieder. Jetzt gehe ich wieder rein, sagt er.

Ja, es ist noch immer frisch, bestätigt der Gastwirt. Noch einen Grog, Herr Superintendent?

Sie können mir, sagt der Superintendent langsam. Sie können mir erst einen großen Kognak geben, und dann einen Grog.

Schön, Herr Superintendent. Ja, es ist frisch. Der Vollmond bringt uns neue Kälte ...

In der Gaststube ist ein neuer Kunde eingetroffen: der Nachtwächter Marsiske steht da in seinem langen, grauen, dutzendfach geflickten Mantel, das Tutehorn an einem Lederband um, das dicke Gesicht mit der knolligen Nase frostgerötet, an einem geknoteten Bindfaden seinen Schäferspitz mit den hellen, klugen Augen. Er hat aufgeregt etwas erzählt, aber er ist schon gewarnt. Im Augenblick, da die Tür geht, schnappt er ab und sagt dann langsam: Ja, an der Post sind's wieder zwei Grad.

Der Roggen wird noch auswintern.

Vor allem der Weizen.

Guten Abend, Marsiske, sagt der Geistliche, geht langsam durch das Gastzimmer und stellt sich an den Ofen. Nun, was haben Sie eben erzählt, als ich hereinkam?

Der Nachtwächter sieht seinen Seelsorger verlegen an: Ich? Gewiß nichts, Herr Super. Wir haben von der Kälte gesprochen.

Bitte, Ihr Kognak, sagt Reese. Der Grog kommt auch gleich.

Und was haben Sie von der Kälte erzählt? beharrt der Geistliche, nachdem er seinen Kognak mit einem Schluck hintergegossen hat. Aber nichts, sagt Marsiske beteuernd, gar nichts! Wir sind eben erst rein. Nicht wahr, Polli?

Der Spitz sieht hoch mit seinen wachen Augen zu dem Mann und wedelt langsam mit der buschigen Rute.

Einen Augenblick ist Stille. Also du reizt, sagt Kaufmann Lindemann zu Kaufmann Stavenhagen.

Du kannst es ihm ja ruhig sagen, meint der schwarze Behn langsam zum Nachtwächter und deutet mit dem Kopf zum Geistlichen. Das ist nämlich wieder mal so weit, sagt er selber langsam und deutlich, Herr Superintendent, daß es wieder spöken soll auf Ihrem Kirchhof.

Der Superintendent trinkt seinen Grog aus, auch den trinkt er auf einen Zug ganz aus. Er ist böse und erleichtert. Reese, noch einen Kognak, sagt er. Wissen Sie, Marsiske, daß Sie noch immer diese alten Albernheiten aufwärmen mögen, vom Kapitän Schlung, der sich aufgehängt hat und keine Ruhe findet. Und daß Sie so was weitertragen mögen, Herr Behn. Daß hier große, erwachsene Männer sitzen und hören sich so etwas an, nun, ich für meine Person finde so etwas einfach kindisch.

Er trinkt schon wieder und macht eine Kopfbewegung zum Gastwirt, der ihm das Glas neu füllt. Der Nachtwächter sieht ziemlich betreten aus. Aber unerschüttert läßt sich Behn mit seiner langsam knarrenden Stimme vernehmen: Es ist diesmal aber nicht Kapitän Schlung, Herr Superintendent, es ist diesmal ...

Alle Gesichter haben sich dem Superintendenten zugewendet und starren ihn erwartungsvoll und schadenfroh an.

Es ist Ihr Bock, Herr Superintendent. Diesmal hat sich Ihr Bock auf dem Kirchhof gezeigt.

Der Geistliche macht eine wütende Bewegung, will etwas sagen, besinnt sich und trinkt aus. Sein Glas wird sofort wieder gefüllt. Und das kann man ja wohl verstehen, knarrt Behn unerträglich langsam weiter, wo das Untier doch das heilige Gotteshaus geschändet hat. Daß es da keine Ruhe findet und umgeht an der Stätte seines Verbrechens, das kann ja auch ein dummer Bauer verstehen, Herr Superintendent, sagt Behn.

Das ist nun schon die reine Ironie, und es ist eine rechte Qual, diesen Heiden Behn, der sicher seit seiner Trauung nie wieder in der Kirche gewesen ist, vom heiligen Gotteshaus reden zu hören. Marder ist ganz kochende Wut, jetzt wird er es ihnen geben, in ihre schadenfroh grinsenden Gesichter hinein, jetzt aber ...!

Zu seiner Überraschung tut er etwas ganz anderes. Er dreht das Gesicht von all den Leuten weg, er ruft zu Reese: Noch einen und zahlen! Er trinkt hastig, fragt ungeduldig: Wieviel? Was, sechs Mark dreißig?! Na ja, schön, gut. Guten Abend, meine Herren. Für Ihre Albernheiten habe ich wenig Sinn.

Dabei ist er sich klar dessen bewußt, daß er das Gegenteil von dem tut, was er vorhatte. Daß er ganz entgegen seinen Plänen in dem Augenblick fortgeht, wo sie über ihn zu reden anfangen. Aber er geht, geht über den Marktplatz und zuckt nur verächtlich mit der Achsel, als er ein schallendes Gelächter aus der Wirtschaft hört.

Es ist der Alkohol bei mir, sagt er sich, aber ich bin noch ganz klar. Ich kann auch noch sehr gut gehen, trotzdem es wieder übergefroren hat.

Er freut sich, daß er das gemerkt hat, daß es übergefroren hat. Er ist also noch ganz in Ordnung. Jetzt gehe ich noch über den Kirchhof, und dann lege ich mich ins Bett. Lächerliche Geschichten. Erstens ist der Bock noch gar nicht geschlachtet und zweitens habe ich ihn um den Finkenhaken herumfahren sehen.

Er geht auf den Kirchhof. Dort ist es im Mondlicht geisterhaft bleich, wie es ja auch gar nicht anders sein kann. Die schön polierten schwarzen und grünen Grabsteine haben weiße Hauben, und auch in die eingemeißelte Schrift hat sich Schnee gesetzt. Der Superintendent ist wieder einem Gedanken für seine nächste Predigt auf der Spur, der diesem Schnee, der Grabschriften verwischt, gerecht würde. Aber er kommt davon ab, als er entdeckt, daß die schöne Fliederhecke an der Kirchhofsmauer noch immer ihre vertrockneten Blütendolden aus dem vergangenen Frühjahr trägt. Dieser Mensch, dieser Wollenzien, hundertmal hat er es ihm gesagt, und nun ist es doch immer noch nicht geschehen! Aber dann kam der Superintendent auch davon wieder ab, er stolperte nämlich, und als er sich wütend umdrehte und nach dem Gegenstand ausschaute, über den er gestolpert war, wurden seine Beine plötzlich ganz weich. Sie fingen an zu zittern – und Superintendent Marder setzte sich sanft auf den Kirchensteig. Ganz sanft. Nein, er hatte sich nichts getan. Da saß er nun und starrte ärgerlich auf seine Beine, die ihn so schmählich und verräterisch im Stich gelassen hatten. In den ersten Minuten übersah er das neue Erlebnis noch nicht in seiner vollen Tragweite. Er saß nicht schlecht, er wollte sich nur einmal besinnen und dann wollte er schleunigst nach Haus gehen und sich ins Bett legen.

Aber ein wenn auch nur leicht übergefrorener Boden ist zu kühl für längeres Sitzen. Marder wollte hoch. Er sah rasch um sich. Es war alles totenstill und einsam. Kein Mensch beobachtete ihn. Er stützte sich auf beide Hände und wollte hoch, etwa wie eine Kuh, die auch mit dem Hinterteil zuerst aufsteht. Es ging nicht. Die Beine versagten ihm, er setzte sich wieder. Es ging und ging nicht. Zornig starrte er auf seine Beine. Er holte langsam mit der Faust aus und traf zielbewußt erst das eine, dann das andere. Es war, wie er befürchtet hatte: er fühlte nichts! Von oben gerechnet, war bis zum Gesäß Leben in ihm, aber von da an war alles tot, abgestorben, wie einfach nicht da.

Er starrte diese Beine an, da lagen sie im Mondlicht klar und deutlich vor ihm, in den derben Schuhen, den schwarzen, etwas beutligen Hosen. Über den Schuhrand sah ein Wulst der grau gestrickten Wollstrümpfe. Sie waren da, aber sie waren nicht da. Es war wie verhext! Nein, es war gar nicht verhext. Alles war ganz klar, es war der Alkohol. Plötzlich mußte er an seinen so schrecklich gestorbenen Bruder denken. Er merkte, daß der den ganzen Abend in ihm gewesen war und gespenstert hatte. Wahrhaftig, er hätte doch Bescheid wissen sollen, er hätte doch wissen sollen, daß für die Marders wenigstens Alkohol das reine Gift war! Und er ging hin mit seinen siebenundfünfzig Jahren und soff sich wie der dümmste grüne Bengel einen an, bloß um bei den Bauern etwas zu gelten!

Schreckliche Worte gespensterten in ihm: halbseitige Lähmung, ganzseitige Lähmung, motorische Störungen ... Er malte es sich aus, wie er heute nacht oder gar erst morgen früh am hellen lichten Tage hier gefunden werden würde, wie man ihn ins Haus tragen würde, dem ersten besten Säufer gleich, der zuviel gekippt hatte – und er hatte zuviel gekippt! Wie die Leute sich die Mäuler zerreißen würden. Wie das Konsistorium untersuchen würde!

Er schauderte, und dann gab er sich mit aller Willenskraft einen Ruck ... nichts, er fällt zurück, willenlos, wie ein Baby, das noch nicht laufen kann, das kriechen muß.

Das Wort kriechen gab ihm einen neuen Gedanken ein. Es war nicht weit zur Superintendantur, keine hundertzwanzig Schritte, durch die blattlose Fliederhecke konnte er die Hausmauer wie ein schwarzes, drohendes Untier sehen. Kriechen, jawohl, man konnte vielleicht hinkriechen. Aber es ging doch nicht. Das tat er nicht. Dagegen wehrte sich alles in ihm. Kriechen, wegen eines lächerlichen Bockes, er hatte zu Haus eine ganze Bibliothek mit über tausend Bänden, Geist der Besten der Nation, und hier kriechen!? Lieber saß er, bis er erfror. Er spürte schon, wie die Eiseskälte vorrückte, ihn zu schütteln anfing – er entwarf eine Todesanzeige, tief betrauert – von wem eigentlich tief betrauert? – ein Opfer seines Berufs, auf dem Weg zu einem Sterbenden ausgeglitten, erfroren.

Lieber Marder, alles Unsinn, hirnverbrannter, unsinniger Unsinn! Wenn er wenigstens bis zu jenem Kreuz käme. Er war überzeugt, er konnte sich an diesem gußeisernen Kreuz hochziehen, und einmal aufrecht, würde es schon gehen. Er mußte bis dahin kriechen. Kriechen? Nein! Nein! Ach, nur diese fünf Schritt, keiner würde es sehen, er selbst würde eine solche Kleinigkeit in ein paar Tagen vergessen haben ... Man mußte es sich überlegen ... Wenn er wenigstens einen Schnaps hier gehabt hätte, ein Schnaps würde ihn schon auf die Beine bringen ... Da, wieder der Versucher, war er noch immer nicht kuriert? Er schlug wütend auf seine Beine.

Es schmerzte, wirklich, es schmerzte. Und langsam und vorsichtig, sich anhaltend, sich stützend auf dem Boden, richtete er sich Zentimeter um Zentimeter auf. Wirklich – er stand! Er sah langsam mit einem törichten Lächeln um sich. Die Welt sah sehr verschieden aus, wenn man saß und wenn man stand. Er hatte noch nie auf seinem Friedhofe gesessen. Dieses gußeiserne Kreuz da, kaum einen Meter hoch – vor drei Minuten hatte er sich danach gesehnt! Er hätte nie gedacht, was ein Mann in seinem Alter noch für Dinge erleben konnte! Dieses gußeiserne Kreuz von dem alten Voßwinkel, richtig das Kreuz von dem alten Voßwinkel! Es imitierte ein Eisernes Kreuz. Voßwinkel hatte bei Mars-la-Tour mitgekämpft. Er wußte alles. Noch war nichts verloren. Es war eine Warnung gewesen.

Und während er dies alles dachte, war er Schritt für Schritt vorwärts gekommen, hatte die kleine eiserne Friedhofspforte aufgestoßen, rostknirschend war sie hinter ihm zugefallen. Nun ging er schon, immer langsam und behutsam, über den Kies des eigenen Gartens, um das dunkle Haus herum, das eben noch so unerreichbar weit weg gewesen war. Er tastete, sich sorgsam an der Wand haltend, die etwas vereisten Stufen zu seiner Haustür empor. Er drückte die Tür auf, die nur angelehnt gewesen war – gottlob, nun stand er in seinem Haus, seiner Halle. Es war noch einmal gnädig abgegangen. Wenn ihm hier etwas geschah, konnte er seine Haushälterin, Frau Witte, rufen, und die Witte sprach nie ein Wort zuviel. Aber besser immerhin, auch sie erfuhr nichts.

Vorsichtig ging er nun im Dunkeln die wohlbekannte, breite Treppe hinauf, hielt sich immer gut am Geländer fest, kam in den ersten Stock, wo sein Schlafzimmer lag. Er ging sachte über den teppichbelegten Flur, flüchtig mußte er an den schreiend bunten Kokosläufer im ›Schwedischen Hof‹ denken und an die verzweifelte Stimme von Frau Reese: O Gott, und was soll aus mir werden? Er drückte auf die Klinke zu seinem Studierzimmer und blieb, wieder ganz schwach in seinen Knien, stehen. Wie vom Donner gerührt! Ein schwaches Meck tönte ihm entgegen. Eine Sekunde stand er entschlußlos im Dunkeln. Dann riß er sich zusammen, er durfte seinen Ohren nicht trauen, er mußte alle Sinne zu Hilfe nehmen, und er drehte das Licht an. Da – es hatte ihn also doch gefaßt! Er hatte Halluzinationen wie sein verstorbener Bruder! Auf seinem Schreibtisch, zwischen Papieren, Tinte, Kalender, lag der Bock Phryne, den er heute morgen um den Finkenhaken hatte fahren sehen. Lag da, blinzelte ihn mit seinen frechen, hellen Augen an und sagte: Meck.

Und sehr rasch: Meckermeckermeck.

Der Superintendent Marder stand eine lange, lange Weile bewegungslos. Er hätte nie sagen können, was er in diesen Sekunden oder Minuten gedacht hatte. Dann aber ging er mit ganz raschen, leisen und leichten Schritten an den Schreibtisch, direkt in die Nähe dieses verruchten Bockes, griff ohne Zögern nach dem großen Tintenfaß, aus dem er seine Predigten bestritt, und schleuderte das Faß wie sein großer Vorgänger Martinus Luther aus allernächster Nähe gegen den Kopf des Teufels.

Das Faß zersplitterte, eine blauschwarze Welle ergoß sich über den Kopf und färbte ihn, der Bock stieß ein jammerndes Gemecker aus und jagte aus dem Zimmer, den Gang, die Treppe hinunter. Unten klirrte eine Fensterscheibe, das Gemecker wurde ferner und ferner und verlor sich. Aber auf des Geistlichen Gesicht lag ein stolzes Lächeln. Er sagte: So! und ging, ohne die Verwüstung auch nur mit einem Blick zu beachten, schnurstracks ins Bett.

Und was war mit dem Bock? fragte Christiane.

Johannes Gäntschow hat der Christiane Fidde natürlich nicht ganz die eben berichtete Geschichte erzählt. Er hat sie erzählt, wie er sie von seinem Vater gehört hatte, von einem Pferdeknecht, dem Bauern Behn, und dem feigen Nachtwächter Marsiske, der den Superintendenten als Gespenst auf dem Kirchhof gesehen – nach zehn verschiedenen Quellen hatte er sie erzählt. Sicher wurde seine Fassung dem Superintendenten Marder, der sich doch immerhin als ein unbekümmerter und mutiger Mann gezeigt hatte, nicht ganz gerecht. Sonst hätte Christiane am Ende nicht fragen können: Und was war mit dem Bock?

O Gott, der Bock, sagte Johannes Gäntschow verächtlich, der war den Blücher-Leuten natürlich beim Anlegen auf Camminer Fähre ausgerissen und schön sutje nach Hause gezuckelt. Er hat sich noch vier, fünf Wochen, schrecklich anzusehen, auf der Insel herumgetrieben und alle Frauen in Grauen verjagt. Auf die Superintendantur ist er aber nie wieder gekommen. Das Tintenfaß hat ihn zu böse gemacht. Schließlich hat ihn deines Vaters Förster erschossen.

Und so was ist nun Pfarrer, sagte dann Johannes Gäntschow und kam damit auf den Anlaß seiner Erzählung zurück. Und ist und bleibt es sein ganzes Leben. Und bekommt einen Haufen Geld dafür –

Sagst du das, fragte Christiane schnell, wegen des Pfarrers oder wegen des Geldes?

Auch wegen des Geldes, sagte er trotzig, gerade wegen des Geldes.

Ich glaube, du weißt gar nicht, was Geld ist, sagte sie nachdenklich.

Weißt du es denn? fragte er rasch dagegen. Ich glaube, du weißt es gar nicht.

Jawohl, wenn sie sich auch nähergekommen waren durch jene Tränen, nahe waren sie einander nicht. Der Christiane schien es immer, als wehre sich Gäntschow gegen sie, als sei er von einem stummen, zornigen Widerstand besessen, endgültig nachzugeben, Freundschaft zu schließen, Vertrauen zu haben. Vielleicht lag es daran, daß sie in einem Schloß wohnte, reine, neue Kleider trug, weil sie ›reich‹ war und er arm. Aber vielleicht lag es auch an etwas ganz anderm. Daß er nämlich überhaupt nicht vertrauen wollte. Keines Freund sein, für sich allein sein. Der Papa hatte gut reden und über die wilden Urzeittiere, die Gäntschows, spotten. So einfach war es nicht. Und sie versuchte es auf viele Weisen.

Es fiel immer weiter Schnee. Dazwischen fror es stark. Es war die herrlichste Schlittenbahn seit vielen Jahren, man fuhr auf Watte durch schweigendes Land. Willst du nicht wieder mal mit im Schlitten fahren?

Er schüttelte bloß den Kopf, und sein Gesicht bekam jenen verbissenen Ausdruck, der so gut zu den schmalen Lippen, dem starken Kinn und den großen Augen paßte.

Ich laß meinen Einspännerschlitten anspannen, schicke den Eli fort, und wir fahren selbst.

Einen Augenblick leuchteten seine Augen auf, aber das Licht erlosch sofort wieder. Nein, sagte er.

Aber warum denn nicht? Du mußt mir doch wenigstens einen Grund sagen können.

Er überlegte einen Augenblick. Weil ich keinen Schlitten habe, in den ich dich einladen kann, sagte er mürrisch.

Du siehst, Christa, erklärte der Graf, die Welt zugeschnitten nach dem Maße des Gäntschowschen Bauernhofes. Da ist nichts zu machen. Aber bring ihn doch einmal her, deinen Wildfuchs. Oder wo kann man ihn sich beschauen?

Ach, Papa, sagte Christiane nur.

Trotzdem berichtete sie ihm davon. Du kannst mich gerne besuchen. Papa hat es erlaubt. Du wolltest doch immer gern mal unser Haus sehen – sie vermied das Wort Schloß –.

Nein, sagte er.

Und warum nicht?

Weil du mich auch nicht besuchst.

Sie grübelte ziemlich lange über dieser Antwort, und eines Nachmittags, als Miß Price ihre Migräne hatte und Mademoiselle Tubot Briefe schrieb, stiefelte sie los. Mit einem seltsamen Gefühl der Erleichterung hörte sie das eiserne Parktor hinter sich zufallen. Im Grunde hatte sie gar nichts Besonderes vor. Sie ging zu Besuch auf einen jener Bauernhöfe, wie sie zu Dutzenden im Lande verstreut lagen. Die meisten Menschen auf der Insel wohnten in Bauernhöfen. Es konnte also nichts Besonderes sein. Trotzdem ging sie mit einer eifrigen Freude die Chaussee entlang. Sonst ging sie nie außerhalb des Gutes auf die Straße. Sicher, sie sah mit ihrem Vater die Felder an, gewiß, aber dies war etwas anderes, von einem Ort zum andern zu gehen. Von Ort zu Ort fuhr man auf der Insel. Man, also sie, ihr Vater und sie. Gäntschows fuhren sicher nicht.

Und sie fing wieder an zu grübeln, ob das wirklich sein Grund war, oder ob doch der andere galt, daß er einfach niemanden nah an sich heranlassen wollte.

Es war ein Tag zu Ende Februar, mit schönem Sonnenschein und klarem, wolkenlosem Himmel. Die Sonne ging erst gegen halb sechs unter, sie hatte alle Zeit, zu den Gäntschows zu kommen, eine halbe Stunde dort zu bleiben und war noch bei hellem Tage wieder zu Haus. Wenn sie offen war, war sie auch ein bißchen neugierig, auf seine Eltern, seine Geschwister, aber auch auf den Hof, auf das Haus. Sie kannte nur das Schloß und die Leutehäuser von innen, da war der Abstand ungeheuer groß. Sie dachte sich so etwas wie ein Zwischending zwischen diesen beiden Extremen. Aber vielleicht war auch alles ganz anders, wie sie es nie gesehen hatte.

Der Schnee pappte, es ging sich mühsam. Seit gestern hatte sich der Wind zum ersten Male wieder gedreht, er kam nicht mehr aus Osten, er kam nun aus Südwest. Die Luft war frisch und feucht, eine Vorahnung des Frühlings. Als sie durch das Dorf Pattchow kam, merkte sie, daß die Kinder sie groß ansahen. Eine Frau, die ein ausgewaschenes Butterfaß vor die Tür stellen wollte, hielt bei ihrem Anblick wie toderschrocken inne, dann machte sie einen tiefen Knicks. Christiane nickte ihr zu, sie freute sich, dann wurde sie bedenklich.

Bei den Gäntschows war es gekommen, wie es immer gegen Ausgang des Winters kam, wenn die eigentliche Schlachtezeit vorüber war: Frau Gäntschow hatte plötzlich entdeckt, daß sie viel zu wenig Dauerwurst, Pökelfleisch, Speckseiten für die Leutebeköstigung den Sommer über hatte. Der Bauer hatte geschimpft, noch nicht sechs Wochen war es her, daß er seine Frau gefragt und daß sie nein gesagt hatte, da wäre genug. Nun mußten die beiden fetten Sauen daran, die eigentlich für Hypothekenzinsen hatten verkauft werden sollen.

Am Morgen eines solchen Schlachttages geht es noch immer. Da werden die Schweine gestochen, gebrüht, damit hat die Frau nicht viel zu tun. Aber am Mittag, wenn der Fleischbeschauer da gewesen ist, und die Tiere sind ausgekühlt, fängt der Strom von Schweinefleisch an, sich in das Haus zu ergießen. Neun Zentner Schwein überschwemmen die Küche und alle Stuben. Aus der Küche dringt ununterbrochen der Wrasen des Fleischkessels, ununterbrochen ächzt der Wolf, der das Fleisch für die Dauerwurst zerkleinert, überall stehen Wannen und Tröge mit Fleischstücken, kopflos rennen die Mädchen umher, stellen hier etwas ab, was jetzt die andere schon wieder fortträgt.

Unerschüttert im Tumult waltet der Hausschlächter, gibt knappe oder gar keine Antwort, ein Junge wird ins Dorf gehetzt, weil das Salz nicht reicht, ein Mädchen wird ihm nachgeschickt, um noch zweieinhalb Meter Därme zu holen, runde, glatte, trockene.

Wo ist das Wurstband? schreit Frau Gäntschow verzweifelt. Die ergrauenden Haare hängen ihr wild ins Gesicht, sie steht an der Wurststopfmaschine und hält mit der einen Hand eine eben gestopfte Wurst zu, aus der sofort die Masse wieder herauskommen wird, wenn sie sie losläßt. Wo ist das Wurstband? Eben lag es noch hier. O Gott, kann denn keiner auf den kleinen Willi aufpassen, er fällt ja in die Fleischbalje!

Ab und an taucht der Bauer schweigend im Gewühle auf, schweigend überschaut er die Sachlage, schweigend langt er sich eine Handvoll fertiges Mettgehacktes aus der Wanne, rollt es zwischen beiden Handflächen zu einer Kugel und vertilgt es. Oder er geht mit seinem Taschenmesser an den Fleischkessel.

Ist ja noch nicht gar, du weißt, ich will das nicht.

Der Bauer verschwindet schweigend, ein Stück heißes Fleisch von der einen in die andere Hand wechselnd, aus dem Haus.

Und überall sind die Kinder. Dieser Geruch von Fleisch und Blut und Gewürzen, von frisch zerhauenen Knochen regt sie auf. Das Getriebe, das Geschrei, das Hin und Her regen sie auf. Der Dampf in der Küche regt sie auf. Auch sie stehlen sich rohes Wurstfleisch, kosten von allem, das Kleinste wird gefunden mit einem Stück Fleisch im Munde, an dem es fast erstickt. Und überallhin dringt das Fett; Tische, Kleider, Hände, jedes Gerät, jeden Türgriff überzieht es mit seiner trägen Masse. Es hinterläßt seine Spur in den flüchtig aufgeblätterten und rasch wieder zugeschlagenen Schulbüchern der Kinder. Es klebt in Fünffingerspuren an den Fenstern. Es bedeckt die Tischplatte mit einer schmierigen Masse.

Und dann die Hunde. Sie sind wie toll. Trotzdem sie sich am Geschlinge dick und duhn fressen können, dringen sie immer wieder in das Haus ein. Für einen hinausgeworfenen kommen drei neue. Sie stehlen, schnuppern, sind plötzlich bösartig, verrückt vom Blutdunst, mit bösen, funkelnden Augen.

Plötzlich jaulen sie alle auf, fangen an zu blaffen, wütend zu bellen und jagen hinaus auf den Hof, um die Scheune herum und sind weg. Man hört ihr Gebell aus der Ferne, hinter der Scheune. Gott sei Dank, atmen alle auf.

Die Hunde bellen sehr lange, bis ein Knecht ins Haus kommt und dort in die Küche ruft: Hannes, deine Gräfin ist da!

Hannes, der Fleisch in Stücke schnitt, mit einer blauen, fettigen Schürze, sieht hoch. Seine Brauen ziehen sich zusammen. Eine senkrechte Falte steht auf seiner Stirn. Wer? fragt er.

Deine Gräfin, sagt der Knecht. Mach schnell, sonst fressen sie die Hunde auf.

O Gott, fängt die Mutter an zu jammern, und gerade heute am Schlachtfest! Verdammter Bengel, kannst du einem so etwas nicht sagen?! Rieke, Erna, sofort in Herrn Gäntschows Zimmer, sauber machen, der Boden muß geschrubbt werden. Frau Schön, seien Sie so gut, putzen Sie ein bißchen die Fenster. Aber warte, Hannes, dir will ich das besorgen. Mitten im Schlachten!

Laß man, Mutter, sagt Hannes, ich krieg den Schiet schon klar. Und er schiebt sich langsam gegen die Küchentür.

O Gott, nun geht er auch noch mit der blauen Schürze. Lauft ihm doch nach, nehmt ihm wenigstens die Schürze ab, Erna! O Gott, meine Wurst! –

Christiane stand im Winkel hinter der Scheune, im Rücken die Hofmauer, hart bedrängt von der Meute. Aber trotzdem sie keinen Stock in den Händen hatte, wurde sie gut mit dem Gesindel fertig. Besser als jeder Briefträger. Ihre Wangen waren rot, ihre Augen blitzten. Willst du weg da, schrie sie mit ihrer hellen Stimme. Kusch dich!

Sie trat mit dem Absatz nach dem Hund, traf ihn, jaulend verkroch er sich hinter den andern.

Was für Köter, Hannes, sagte sie aufgeregt. Wie die Wölfe! Aber ich werde schon fertig mit ihnen. Willst du fort, du freches Biest. Das glaube ich, schnappen ...

Johannes pfiff gellend, er schrie: Marsch, marsch, weg, wollt ihr! Pux, zurück! Willst du wohl, Sussi!

Er faßte den Hund beim Schwanz und stieß ihn gegen die Mauer. Der Köter jaulte gellend auf, die Meute verzog sich.

Die beiden sahen sich an. Johannes Gäntschow war in Holzpantinen. Um den Leib war ihm eine viel zu große blaue Schürze gewickelt, die ihm fast bis auf die Hacken ging und unglaublich schmierig war.

Wie siehst du denn aus, rief sie unwillkürlich, aber sehr belustigt. Sie trug ein Kostüm aus einem groben Wollstoff, in Grau, Schwarz und Weiß. Auf Kragen und Ärmeln saß ein grauer, sanfter Pelz. An den Füßen hatte sie lange, schwarze Schnürstiefel, die, fast ohne ein Fältchen geschnürt, bis zur halben Wade reichten.

Nicht wie du, sagte er kurz. Was willst du denn?

Oh, sagte sie, und plötzlich schien ihr alles nicht zu stimmen. Ich wollte dich mal besuchen.

So, sagte er wieder. Seine Stimme klang ziemlich unheilvoll. Und wo ist dein Wagen?

Ich bin zu Fuß gekommen.

So. Und nochmals: So. Er pausierte, sagte dann aber doch: Und das Schild hast du nicht gesehen?

Welches Schild? Ach, das Schild?! Gilt das auch für mich?

Er betrachtete sie nachdenklich, unter den mühsam gerunzelten Augenbrauen weg. Sie sah ihn wieder an. Sie kämpfte mit sich, ob sie wütend werden und weggehen sollte oder alles komisch nehmen. Plötzlich brach sie in Lachen aus.

O Gott, Hannes, wenn du dich sehen könntest. Sie wollte es wieder gutmachen. Ich meine jetzt dein Gesicht. So brummig.

Er antwortete noch immer nicht, sah sie immer noch an. Also komm, sagte er plötzlich.

Wieso komm? fragte sie erstaunt.

Na, ich denke, du willst mich besuchen, da mußt du doch ins Haus kommen.

Ja, gerne, sagte sie eifrig, wenn ich nicht störe.

I, gar nicht, sagte er, du wirst schon sehen.

Er ging ihr voran, und während er ihr voranging, erst über den Hof, dann ins Haus, sah er plötzlich, als sähe er mit ihren Augen, all die Vernachlässigung und Verkommenheit, die seine Heimat schändeten: den nicht aufgepackten Dunghaufen, die Egge im Reethdach, dort, wo der Herbstwind ein Loch gerissen hatte, die Stalltüren schief in ihren Angeln, nach Farbe lechzend, einen Kultivator, den man neben dem Geräteschuppen vergessen hatte und der vom Rost zerfressen wurde, die blinden Fenster im Haus, die grünen, schiefen Fensterrahmen, die Schmutzlachen, um die sie achtsam herumging. Und er dachte mit einer hilflosen Erbitterung an den großen, sauberen Rittergutshof, auf den er manchen Blick von der Chaussee aus getan hatte: die schnurgrade aufgefahrene Reihe der Vier-Zöller-Ackerwagen, unter jeder Deichsel eine Stütze, der Dungplatz, eben und fest wie eine Tenne, der säuberlich gefegte Hofraum ohne einen Strohhalm, die Dächer, auf denen kein Schiefer geborsten war.

Na ja, sagte er böse und traurig.

Wamm sagst du denn so ›Na ja‹, fragte sie erstaunt. Nein, was ihr für schöne Enten habt.

Komm schon, drängte er.

Alle Türen zum Vorplatz standen weit offen. In des Bauers Stube waren Wasserlachen vom Scheuern, die Mädchen knieten auf der Erde und schrubbten. Im Eßzimmer standen die Fleischbaljen, und an einer Ecke des Tischs, die mit einem Wachstuch überdeckt war, saß der Fleischer und aß sein Brot und trank dazu Bier aus der Flasche ...

Hannes merkte, wie sie plötzlich still wurde, wie es ihr den Atem verschlug von dem Wurstwrasen, der aus der offenen Küchentür durch das ganze Haus schlich.

Das ist nicht mein Vater, sagte er vom Fleischer. Das ist der Hausschlächter Mucki – er verdient aber mehr als Vater, setzte er boshaft hinzu.

Mucki, Nepomuk Korbach, ein auf die Insel verschlagener Bayer, stand verlegen auf und sah, die Bierflasche in der Hand, auf den hohen Besuch, ungewiß, ob er etwas sagen müßte.

Na, komm schon in die Küche, sagte Johannes ungeduldig und führte sie bei der Hand in den Gang. Das ist Mutter. Und das sind meine Geschwister. Das kleinste auf dem Pott heißt Willi. Aber wir haben noch zwei kleinere. Wenn du willst, zeige ich sie dir nachher in der Schlafstube.

O Gott, gnädige Gräfin, sagte Mutter Gäntschow aufgeregt und versuchte, sich das Fett von den Händen an der fettigen Schürze abzuwischen. Ich weiß gar nicht, wie wir zu der Ehre kommen. Der verfluchte, verkrochene Bengel sagt auch nie nichts. Aber Sie wissen sicher, wie's Schlachten ist. Schlachten ist überall schlimm. Sicher auch bei einem Grafen.

Sie lachte eilig. Johannes sah aufmerksam mit einem bösen, verdrossenen Ausdruck von seiner Mutter zu Christiane. Von Christiane zur Mutter.

Aber ich lasse schon Gäntschows Stube richten. Da können Sie dann mit dem Hannes Kaffee trinken. Kaffeewasser steht schon auf.

Oh, bitte nein, sagte Christiane hastig, wo Sie gerade schlachten.

Aber Sie werden uns doch nicht die Ruhe aus dem Hause tragen wollen! Freilich, Kuchen haben wir nicht da. Und ob Ihnen unser selbstgebackenes Brot gut genug ist ... O Gott, rief sie plötzlich und schüttelte verzweifelt den Kopf, nun haben wir doch ganz das Buttern vergessen! Rieke, Erna, wo seid ihr bloß! Ihr müßt sofort buttern. Und das Kleinste sollte auch ...

Sie stürzte mit einem neuen Aufschrei zum Herd, wo die Flamme in die Fettpfanne geschlagen war. Das Fett brannte prasselnd lichterloh, mit einer rußigen, stinkenden Flamme.

Na komm schon, sagte Hannes ungerührt zu Christiane. Sonst kriegen wir wirklich noch Kaffee. Hier die Treppe rauf.

Er ging ihr voran, und sie kamen auf den düsteren Boden, der vollgestellt war mit Gerümpel aller Art, von dem sich Frau Gäntschow noch nicht trennen konnte, und das hier langsam unter einer immer dickeren Staubschicht verging. Hier durch, sagte Johannes und stieß die Tür zur Giebelstube auf.

Die einfachen Brettwände des Zimmers waren mit einer rosa Tapete mit bläulichen Rosen beklebt, die von dem arbeitenden Holz zerrissen war und an manchen Stellen in Stücken hing. Es stand nichts in der Stube wie fünf magere Eisenbetten, die jetzt am Nachmittag noch nicht gemacht waren, und zwei Stühle. In die Wand waren sieben oder acht sechszöllige Nägel geschlagen, an denen die Kleider hingen.

Na, wie gefällt dir das? fragte er herausfordernd, wagte aber nicht, sie anzusehen, sondern ging zum Fenster, an dessen Verschluß er herumzudrehen anfing.

Sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie dachte flüchtig an ihren raschen, beschwingten Weg durch den Schnee hierher – und seitdem die Hunde sie in den Scheunenwinkel getrieben hatten, schien alles trübe, grau, von einem unwirklichen Dunst verschwommener gemacht.

Ich möchte dann jetzt gehen, sagte sie mühsam und kämpfte mit ihren Tränen.

Er tat so, als merkte er nichts, oder er merkte auch wirklich nichts. Du hast ja auch alles gesehen, nicht wahr? sagte er immer noch in dem bösen Ton, als wollte er sie gleich schlagen. Er ließ den Fenstergriff nicht los, er sah starr hinaus, als sähe er etwas, das ihn interessierte. Komm hierher, sagte er plötzlich laut. Meine schöne Aussicht mußt du wenigstens sehen.

Sie erschrak vor diesem Ton, aber unwillkürlich gehorchte sie und trat ans Fenster. Sie blickte hinaus und sah in wenigen Metern Abstand nichts wie den grauen Brettergiebel der Scheune. Ihre Tränen versiegten, sie sah ihn an. Er betrachtete sie ernst und aufmerksam.

Ihre Empörung wuchs. Sehr hübsch, sagte sie. Sind es Kiefernbretter?

Wie?! schrie er fast.

Ja, sagte sie erstaunt, es sieht wie Strandholz aus.

Und mit diesen Worten, die den Erbauer der Scheune beschuldigten, gestohlenes Strandholz für die Scheune verwendet zu haben, zog sie mit einem Ruck ihre Handschuhe an, betrachtete ihn noch einmal mit funkelnden Augen und ging wortlos aus der Stube.

Als sie möglichst eilig und leise die Treppe hinunterging, überkam sie eine neue Angst: Frau Gäntschow könnte auftauchen, sie an den Kaffeetisch schleppen und sie weiter ›Gnädige Gräfin‹ nennen.

Aber aus der dampfenden Küche drang nur der Lärm von Töpfegeklapper, brutzelndem Fett und dem Geblök eines Kindes. Sie ging eilig über den Flur, die Tür zu des Bauern Zimmer war noch immer offen, Stühle standen auf einem Tisch, die Scheuereimer waren noch da, die Wasserlachen, auch die offenen Fenster – aber keine Mädchen. Sicher waren sie alle fortgerufen.

Sie ging eilig weiter auf die Hofstatt, nun waren nur noch die Hunde zu bestehen. Auf dem Hof stand ein großer, etwas schmaler Mann mit einem ernsten, grüblerischen Gesicht, die Hände fest in den Taschen der Joppe. Sie mußte dicht an ihm vorbeigehen. Sie tat es und sagte leise: Guten Tag. Der Mann antwortete nicht, sah sie aber unverwandt und aufmerksam an. Keine drei Schritt weiter hörte sie den ersten Hund anschlagen, sechs, acht stimmten ein. Sie hörte den Hatzlaut schon näher, als ein gewaltiger Pfiff ertönte und eine Löwenstimme brüllte: Pux, Sussi! Schweinehunde, wollt ihr! Kusch der Hund!

Sie drehte sich um und sah den großen Mann an, der, wie es ihr vorkam, ihr traurig nachsah. Sie sagte: Danke schön.

Aber wieder antwortete er nicht. Vielleicht lohnte es ihm gar nicht mehr zu sprechen. In solchem Haus!

Irgendeinen Gedanken der Art hatte sie, als sie auf die Chaussee zuging, und eine unendliche Traurigkeit erfüllte ihr Herz. Sie hätte immerzu weinen können, aber das wollte sie nicht. Nein, sie konnte es auch nicht, es war nur ein Brennen in den Augen und ein Druck im Kopf. Sie wollte sehr rasch zu ihrem Papa, sie dachte flüchtig an das große Ölbild der Mama in der Bibliothek, an ihr Zimmer, in Weiß und Bleu ... Und dann dachte sie an den Jungen, den sie da am Fenster stehengelassen hatte. Ja, wahrhaftig, Strandholz! – Aber sie konnte es nicht einmal bereuen. Sie sah wieder die Bretterwand, das unaussprechlich ärmliche Zimmer, den Jungen am Fenster – man mußte dort so sein. Nein, es war nicht einmal so die Ärmlichkeit, es war das Verludertsein, die Hoffnungslosigkeit. In diesem Hause kam es auf nichts an. Sie fühlte es eher, als daß sie es wußte und verstand, sie war nicht einmal böse auf Johannes – aber wieso hatte er lachen können, ganz harmlos lachen, in mancher Stunde beim alten Marder –? Ihr schien es, als könnte man so überhaupt nicht leben, als müßte man dort immer trauriger und böser werden – nein, jetzt wollte sie nach Haus, in ihr Heim, in ihr Zimmer, und nichts mehr denken.

Sie ging immer schneller. Als sie ein Klappern auf der Straße hinter sich hörte, verlangsamte sie ihren Schritt kein bißchen, eher beschleunigte sie ihn noch, trotzdem sie genau wußte, was das war.

Da tauchte er schon neben ihr auf, trabend in seinen Holzpantinen, das Gesicht rot vom Lauf, in blauer Jacke, ohne Mütze, wie sie ihn eben gesehen hatte. Nur die blaue Schürze fehlte. Na? sagte er atemlos und ging neben ihr.

Sie antwortete nicht, sah auch nicht nach seiner Seite.

Hast du Vater gesehen? fragte er ganz harmlos, als sei alles längst ausgestanden und vergessen, hat er mit dir geredet?

Sie sagte wieder nichts. Sie konnte einfach nicht sprechen. Auch er sagte nichts mehr. Er ging eilig neben ihr her. Sie fühlte es wie ein Ding, das man beinahe greifen kann, daß sich seine Stimmung von neuem veränderte. Sie hätte ihm so gerne etwas sagen mögen, etwas Harmloses. Aber sie konnte es nicht. Sie mußte plötzlich wieder an die dampfende Küche denken und an den prüfenden Blick, den er von ihr zu seiner Mutter gesandt hatte.

Ich kann ganz gut alleine gehen, sagte sie plötzlich, die Sekunde vorher hatte sie noch nicht gewußt, daß sie das sagen würde.

Er schwieg eine lange Weile. Die Straße trat hier dicht an die See. Man konnte sie aber nicht sehen, denn ein Streifen Tannen versperrte den Blick, doch man konnte sie hören, sonst, heute nicht. Jetzt lag sie schon seit Wochen bis weit draußen in Eis.

Ich begleite dich, sagte er plötzlich, ich muß doch nun auch einmal dein Zimmer sehen.

Es lag etwas so hämisch Verbissenes in seinem Ton, daß sie ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. Aber sie bezwang sich.

Ich kann gut alleine gehen, sagte sie noch einmal.

Natürlich, höhnte er, wir können jeder für sich ganz gut nebeneinander alleine gehen.

Sie blieb stehen. Eine hilflose Wut war in ihr, sie stampfte mit dem Fuß auf. Geh weg! Geh weg! Ich kann dich nicht mehr sehen!

Die Erinnerung an diesen ganzen Nachmittag, durch den sie alles hatte gutmachen wollen und durch den alles schlecht geworden war, überkam sie mit solcher Gewalt, daß sie ihm ins Gesicht rief: Oh, du bist schlecht! Du bist so schlecht!

Er sah sie mit weißem Gesicht aus nächster Nähe an. Plötzlich veränderte sich dies Gesicht. Horch, sagte er feierlich, hob den Finger, und von einer plötzlichen Erregung übermannt, faßte er sie fest am Arm. Horch, rief er noch einmal.

Ein feines, immer stärker anschwellendes Singen erklang. Es stieg und stieg – plötzlich schien es von allen Seiten zu kommen – und war ebenso rasch so leise, daß man nicht mehr wußte, hörte man es noch oder summte es nur in den Ohren nach.

Ich, fing sie an und wollte sich von seinem Arm losmachen.

Still, hör doch! rief er ungeduldig und deutete nach der See hin. Das Singen war stärker geworden, es wurde ganz schrill. Plötzlich riß es ohrenbetäubend, als würden tausend Seidentücher auf einmal zerrissen. Dann erklang ein dumpfer Donner, ein erst ferner und dann unaufhörlich sich nähernder Donner, der immer stärker anschwoll.

Das Eis! schrie Johannes. Das Eis geht los!

Und Christiane mit sich reißend, stürmte er in die Tannenschonung. Sicher hatte er alles andere vergessen.

Von der letzten Dünenkuppe aus sahen sie das Meer vor sich, unter sich. Die ganze Bucht des Boddens war davon erfüllt und weit noch hinaus, weit hinaus noch über das Kap Sagitta lag der blendend weiß beschneite Eisgürtel, den jetzt schon hundert schwarze Risse zerteilten. Das Donnern hielt an, der weiche Wind faßte die beiden Kinder halb von hinten und ließ Christianes Rock hochwehen.

Die beiden standen Hand in Hand, die Augen glänzend von dem nie gesehenen Schauspiel. Ferne hinter Fabiansruh sahen sie viele schwarze Gestalten sich eilig am Strande bewegen.

Das Eis drückt in die Bucht, sagte Johannes. Die ziehen ihre Kähne höher. Sieh doch.

Er deutete auf die offene See hinaus, die dunkelblau mit weißen Schaumkämmen gegen ihre Eisfessel anstürmte. Man meinte zu sehen, wie sie die Schollen da draußen zerschlug, wie der Gürtel schmäler wurde, lockerer.

Und die Möwen, sagte Christiane.

Der Aufruhr der See hatte auch die Vögel ergriffen. Jagend und unaufhörlich kreischend flogen sie über den Bodden hin, waren eben noch so nahe, daß man sie zu greifen meinte, schrieen schrill. Und schon waren sie so weit weg, daß sie weiß mit dem weißen Eis verschwammen. Das Donnern hatte aufgehört. Statt dessen erklang ein ohrenbetäubendes Reiben und Knirschen.

Jetzt bricht es in Schollen, rief Johannes. Komm, Christiane, wir wollen rauf.

Und Hand in Hand liefen sie die Düne hinunter. Alles, alles hatten sie beide vergessen.

Unten am Strand war noch kaum etwas zu sehen. In weißer, eintöniger Fläche lag das Eis, nur hier und da von einem schmalen Riß durchzogen.

Komm, Christiane, sagte er eilig und zog sie auf das Eis.

Aber, sagte sie.

Hast du Angst? Man kann noch glatt rüberlaufen. Sieh nur, in zehn Minuten sind wir am Fidder Strand.

Schön, sagte sie und betrat mit ihm das Eis.

In der Nähe des Strandes war es höckrig und bucklig, beim Einfrieren des Boddens hatten sich kleine Schollen auf die großen geschoben. Sie mußten über Eishügel klettern. Manchmal rutschten sie und fielen hin. Dann lachten sie. Aber je weiter sie hinauskamen, um so ebener wurden die Flächen. Sie waren nicht etwa glatt, das Eis lag schon lange, drei Wochen oder vier, Schnee war daraufgefallen und festgefroren. Es ging sich gut.

Dann kam die erste Spalte. Sie war nicht breit, kaum einen halben Meter, mit einem Schritt war man hinüber. Aber unwillkürlich faßten sie sich an der Hand, standen einen Augenblick still und sahen in das graue, trübe Wasser, das bewegungslos zwischen dem Eis lag.

Sieh, wie dick das Eis ist, und unter dem Wasser ist es noch viel dicker. Sicher über einen Meter. Da können wir laufen und laufen. Wir sind nur wie Mücken.

Komm, sagte sie, und sie traten über das Wasser.

Dann gingen sie eilend weiter. Die Risse kamen häufiger, sie waren enger und breiter, manchmal mußten sie springen, es war herrlich. Der Fabiansruher Strand lag schon weit hinten, und auch dem Fidder Strand waren sie noch kein bißchen näher gekommen.

Wir müssen mehr links gehen, mahnte Christiane.

Ach, sagte er, du kommst doch immer noch zeitig. Laß uns noch ein Stückchen gradeaus gehen. Sieh doch –!

Sie standen vor einer breiteren Spalte und sahen auf die Eiskante drüben, und während sie hinsahen, verschob sich die Kante, hob sich ein wenig und senkte sich dann wieder. Es war, als rührte sich der Boden unter ihren Füßen, als bewegte sich die alte Mutter Erde wie im Schlaf, man konnte schwindlig werden dabei.

Es sind die Wellen, erklärte er. Sie drücken von draußen in die Bucht. Über Nacht schlagen sie das ganze Eis kurz und klein, und dann fängt es an zu treiben, und morgen früh ist vielleicht nicht mehr ein Fitzelchen Eis auf dem ganzen Bodden. Hier, wo wir stehen, dieses tiefe Wasser ...

Komm, sagte sie.

Sie faßten sich wieder an, ihre Augen leuchteten. Sie sprangen. Sie hielten immer weiter gradeaus. Die Spalten wurden häufiger, schon konnte man den Umfang der einzelnen Schollen übersehen. Aber sie achteten nicht darauf, oder wenn sie darauf achteten, war es grade schön.

Nun tanzten die Schollen schon richtig auf dem Wasser. Sie hoben und senkten sich auf den Wellenrücken, über die breitesten Spalten, über die Risse von anderthalb, von zwei Metern konnten sie springen. Sie warteten einfach den Augenblick ab, wo die Scholle von der einströmenden Welle näher geschoben wurde, näher –

Jetzt! rief Johannes, und dann sprangen sie.

Jetzt! und wieder ein Sprung.

Und schon war die Scholle, auf der sie eben noch gestanden, weit, weit fort, scheinbar unerreichbar durch einen breiten Streifen Wassers getrennt, das jetzt auch nicht mehr grau war, sondern grünlich, von einem hellen, schneidendkalten Grün.

Und wenn es manchmal schien, als könnten sie eine Scholle gar nicht erreichen, so machten sie Umwege nach rechts und nach links, sprangen ganz aus der Richtung und schlugen schließlich wieder den alten Weg zur offenen See ein.

Sie waren unendlich glücklich. Ein Rausch von Springen, Bewegung, Tanz hatte sie erfaßt, der freie, reine Atem der See hauchte sie an. Das geheimnisvolle Wasser gluckste leise und schäumte und glitt dahin unter ihren Füßen. Die Küsten mit ihren Dünenstreifen, ihren dunkelernsten Fichtenkronen weiteten sich. Der nie betretene Schnee funkelte weiß und bläulich. Der böse Nachmittag war vergessen, das Haus dahinten weggeweht, Menschen sind nichts. Aber hier, sieh, wie wir über diese Spalte springen, über das Meer, in dem tief, tief die Fische wohnen und über uns die Möwen. Jagen, streifen, segeln, mit schrillem Gekreisch!

Hand in Hand auf das Meer hinaus, in das Leben hinaus, weg von den Häusern, die zu starr in der Erde sitzen mit ihren Fundamenten, deren Dächer fest wie angeklebte Hüte auf ihnen hocken ...

Da! sagte er strahlend.

Sie sind draußen. Drei, vier ewig unerreichbare Schollen ab, rollt die See mit hohen, geheimnisvoll grünen Wogen heran, hebt die Scholle, auf der sie stehen, wie eine Feder, und die Woge rollt weiter, in die Bucht hinein, in das enge Getriebe und Geschiebe. Wie gebannt starren sie auf die See. Das ist eine andere See als die milde Sommersee, die zu Baden und Übermut einladet, diese hier, duftlos und ohne Geruch, macht stumm.

Beide Kinder haben, wie sie so vor ihr stehen, ein etwas starres Lächeln um die Lippen, von dem sie gar nichts wissen. Sie sind beide sehr ernst und sehr glücklich. Nicht mehr faßt eines des andern Hand, sondern ein Gefühl, das in beiden Körpern ist, hat aus zwei Händen eine gemacht.

Plötzlich scheint es ihnen, als würde die Welt unendlich rasch, in einem Wimperzug, grau und kalt. Das Meer lärmt lauter, die Möwen kreischen schriller. Sie sehen sich um und merken, daß die Sonne im Wasser versunken ist. Grau liegt die ferne Küste. Und der Leuchtturm von Sagitta, links hinter ihnen, zwinkert schon mit seinem großen, weißen Auge, das jetzt noch matt ist.

Nun müssen wir aber ganz schnell zurück, ruft er.

Ja, mich werden sie schon alle suchen. Ich habe doch gar nicht gesagt, daß ich fort bin.

Fein, sagt er und meint den heimlichen Besuch. Es war doch nett, daß du mich besucht hast. Und er drückt ihr schnell die Hand.

Und wo gehen wir zurück?

Hier. Nein, das ist viel zu weit. Oder hier? Nein, das schaffst du auch nicht.

Vielleicht doch.

Nein, denke, wenn wir zwischen die Schollen ins Wasser fielen.

Zum ersten Male kommt ihnen dieser Gedanke, und angesichts der düsteren See hat er etwas Grausiges, Lähmendes.

Warte, wir springen erst zu der kleinen Scholle. Wenn es auch nicht unsere Richtung ist, von der kommen wir bestimmt weiter.

Nur schnell. Es wird so rasch dunkel.

Ach, wenn wir erst richtig beim Springen sind, ist es gar nicht so weit.

Sie springen drei, vier Schollen, dann stehen sie wieder ratlos.

Wir müssen dort zu der ganz großen. Es ist ein bißchen weit, aber von der aus kommen wir bestimmt glatt weiter.

Er will schon das Kommando zum Absprung geben, als er merkt, daß ihre Hand zaghaft an der seinen zieht.

Ich glaube, es ist zu weit für mich. Sie spricht ganz leise, aber sehr klar. Ich glaube, ich habe Angst.

Es ist gar nicht so weit! tröstet er. Das Dumme ist nur, daß es so schnell dunkel wird. Man kann die Eiskante schon nicht mehr ordentlich vom Wasser unterscheiden. Komm!

Nein, sagt sie in einem ganz andern Ton und versucht, ihre Hand aus seiner zu ziehen. Ich springe nicht. Spring allein.

Er sieht spähend in ihr dämmriges Gesicht. Und was willst du machen?

Ich bleibe hier.

Er späht wieder in ihr Gesicht. Das Wasser gluckst. Er fühlt, wie sie zittert. Dabei braust die See immer lauter. Los, schreit er wild und reißt sie mit sich.

Sie kommen gerade hinüber.

Los, schreit er wieder, um ihrer Angst keine Zeit zu lassen, und sie springen wieder.

Aber beim vierten oder fünften Sprung gleiten sie aus, taumeln hin, schlagen auf Knie und Hände. Und als sie aufgestanden sind, steht jedes für sich allein, nicht mehr Hand in Hand.

Ich springe nicht mehr, hört er sie in derselben tonlosen, aber deutlichen Sprache wie vorhin sagen. Du kannst machen mit mir, was du willst. Ich springe nicht mehr.

Christiane! Tia ...

Und der Leuchtturm ist auch kein bißchen näher gerückt, eher sind wir noch weiter abgekommen.

Er wirft einen Blick dahin und sieht mit Schrecken, daß sie recht hat. Sie sind weiter draußen.

Wahrscheinlich ist das ganze Eis ins Treiben gekommen, und sie springen mit ihren kleinen Sprüngen, mit ihren Kinderkräften dagegen an. Er weiß von den Fischern, an der Westküste des Boddens geht ein starker Strom ins Meer hinaus, und sie sind jetzt in diesem Strom. Aber er sagt: Wir sind ein tüchtiges Stück weiter gekommen. Wenn du das nicht siehst, bist du blind.

Und ich springe doch nicht mehr, sagt sie. Beim nächsten Sprung falle ich bestimmt ins Wasser.

Mit mir nie, sagt er.

Aber sie schweigt.

Tia, fleht er sie an, wir können doch nicht hier stehen bleiben. Wir frieren ja tot. Und wir treiben sonst immer weiter hinaus.

Siehst du, wir treiben weiter hinaus, sagt sie. Es klingt, als ob ihr das Weinen sehr nahe wäre, aber sie weint nicht. Er überlegt fieberhaft, wie er sie aufrütteln kann. Auch ihm schmerzen die Beine (in seinen Holzpantoffeln dazu), auch ihn verwirrt das kaum noch sichtbare, leise wie ein lauerndes Tier glucksende Wasser immer mehr. Aber hier können sie doch nicht bleiben! Man muß doch etwas tun! Man kann sich doch nicht so ergeben?! Nein, kein Gedanke an den Tod rührt ihn an. Er hat Frieda tot gesehen, er hat einen kleinen Bruder tot gesehen, aber das geht ihn doch nichts an. Er ist elf Jahre, er lebt und er wird immer leben.

Aber springen muß man. Er ist wild und erregt, er geht auf Christiane zu, und er sagt schluckend: Tia, jetzt faßt du mich an, und wir springen zu der kleinen Scholle dort.

Keine Antwort.

Es ist ganz nah, wenn wir es richtig abpassen.

Nichts, kein Wort, keine Antwort.

Tia! Wenn du mich jetzt nicht anfaßt, muß ich dich schlagen. Ich schlage dich ins Gesicht, Christiane.

Er wartet. Lange, lange Stille.

Wenn du mich schlägst, springe ich ins Wasser, sagt Tia leise.

Wieder lange Stille. Dann dreht er sich auf den Hacken um, bohrt die Hände in die Taschen, geht an den Schollenrand und springt ohne ein einziges Wort zu der kleinen Scholle hinüber. Sie sieht ihn noch einmal ferner springen, einen grauen Schatten. Dann ist er von der dichten Dämmerung verschluckt.

Ein Gefühl namenloser Verlassenheit erfüllt ihr Herz. Noch nie in ihrem Leben ist sie so grenzenlos allein gewesen. Sie denkt kaum noch an Johannes, kaum noch an das Heim, an den klingelnden Schlitten mit den Rappen. Das alles ist eine Sekunde da, und sie möchte es halten, aber schon versinkt es. Doch mit dem Glucksen des Wassers, dem Brausen der See, dem Fauchen des Windes steigt etwas anderes, Körperloses auf und dringt in sie ein. Es ist wie ein süßes Gefühl von Kälte, etwas wie Hingebung – noch nie fühlte sie ihren Körper so stark, hatte ihn so lieb, und noch nie war sie so bereit, ihn aufzugeben.

Nein, nichts mehr von einem Kind auf einer Scholle. Ein Stück Eis, ein Hauch Wind, ein Spritzer Salzwasser, hingegeben und angenommen, keine Christiane Freiin von Fidde mehr ...

Plötzlich fühlt sie, daß sie nicht mehr allein ist. Er ist wieder da. Natürlich ist er wieder da. Er wäre doch nicht der Johannes Gäntschow, wenn er sie im Stich gelassen hätte.

Du, Tia, sagt er eifrig, und seine Stimme klingt für sie merkwürdig frisch, ich bin ein ganzes Stück weiter gesprungen. Wir kommen bestimmt ans Ufer. Wenn nicht ans Fidder, dann ans Rohmer.

So, sagt sie.

Also los, sagt er.

Sieh doch, sagt sie und zeigt auf den Leuchtturm.

Ach, der Leuchtturm von Sagitta hatte nun sein weißes, strahlendes Auge ganz aufgeschlagen, aber sein Strahl wandert senkrecht über sie fort. Wir sind längst aus dem Bodden heraus, sagt Christiane, wir treiben auf der offenen See. Sie späht neugierig nach ihm. Sie ist sehr gespannt darauf, was er sagen wird.

Na also, sagt er bereitwillig, dann hast du recht gehabt. Springen hat keinen Zweck mehr. Und in leichtem Ton: Dann müssen wir eben auf einen Fischer warten.

Du hast doch gesehen, sagt sie ärgerlich, denn es fuchst sie, daß er sie immer trösten will und belügt, wie die Fischer ihre Kähne raufgezogen haben. Bei dem Eisgang ist keiner unterwegs.

Dann kommt eben jemand anders, sagt er gleichmütig. Irgendwer kommt immer. Die ganze Ostsee ist ja bloß 'ne Waschschüssel.

Wer wohl heute kommen soll, wo alle Häfen vereist sind.

Er lacht. Zum Beispiel wir. Warte nur, Tia, ich fange gleich zu rufen an. Ich will nur erst einen Apfel essen. Ich habe mächtigen Hunger. Für dich habe ich auch einen.

Danke, nein.

Den Apfel sollst du aber essen.

Nein.

Aber bestimmt. Sonst ...

Schlägst du mich ins Gesicht.

Und du springst ins Wasser. Ich weiß schon. Also nimm.

Sie lachen beide. Sie essen ihre Äpfel. Plötzlich ist die Stimmung ganz anders geworden, ob das nun die Äpfel machen, oder was es ist.

Dann fängt er an zu rufen: Ahoi! ruft er, ahoi! Zur Abwechslung ruft er manchmal auch: Mann über Bord!

Es hört sich ziemlich sinnlos an, wenn man die See in den Schreipausen rauschen hört.

Ach, laß das doch, bittet sie auch. Ich weiß nicht, es klingt so komisch.

Aber nun fängt er erst recht an zu rufen, was ihm gerade in den Kopf kommt. Butterhaufen! ruft er, Speckhaufen! ruft er. Speckbutterhaufen! ruft er und den alten Echoreim: Wer ist der Bürgermeister von Wesel?

Aber die See hat kein Echo. Sie rauscht eben weg, es klingt so sinnlos, dies Rauschen in dunkler Nacht, als fräße sie sich selbst auf. Und langsam, langsam gleitet der Leuchtturm weiter zurück, seine weißen Flammenspeere, die er zu Anfang hoch über ihre Köpfe fortschoß, treffen sie jetzt gerade ins Gesicht – und ihr Gesicht scheint ihm dann erschreckend leblos und starr.

Komm, Tia, wir gehen jetzt ein Stückchen spazieren. Ich glaube, wir haben Trift gerade auf Finnland zu. Ich wäre immer schon gerne mal nach Finnland gekommen. Gibt es da nicht schon Eskimos? Oder was weißt du davon?

Ich auch nichts, sagt sie.

Warum wolltest du eigentlich ins Wasser springen? fragt er. Weil du dich nicht schlagen läßt?

Weil ich Angst hatte, du würdest mich zum Springen zwingen, sagt sie. Vor dem Springen hatte ich schreckliche Angst.

Und jetzt hast du keine Angst mehr?

Ich denke an Papa, sagt sie, ich bin doch noch nie von ihm fort gewesen, ohne daß er es wußte.

Bei mir werden die sich nicht sehr den Kopf zerbrechen, die denken bloß, Unkraut vergeht nicht.

Dein Vater auch?

Bei Vater kann man es nie wissen. Bei Vater hat man nie eine Ahnung, was er denkt und tun wird.

Genau wie bei dir.

Aber ... er ist grenzenlos überrascht.

Ich dachte wirklich, du würdest mir ins Gesicht schlagen, und ich müßte ins Wasser springen.

Laß man, ich wäre schon hinterher gehopst und hätte dich wieder rausgeholt. Aber nein, überlegt er, ich glaube nicht, daß man wieder rauskommt. Das Wasser ist viel zu kalt. Man kann gar keine Schwimmbewegungen machen. Man wird gleich weg sein.

Wie es wohl ist, fragt sie nachdenklich, man soll doch sein ganzes Leben beim Ertrinken sehen.

Ach, Schiet, sagt er, was an meinem Leben schon zu sehen ist! Wenn man wenigstens sähe, was man geworden wäre. Ich möchte schrecklich viel werden.

Was denn?

Ach, eigentlich alles, was man werden kann.

Du, fragt sie, wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Warte mal, sagt er nachdenklich und ernst. Erst einmal, daß ich etwas ganz Großes werde, daß ich mich um niemanden zu kümmern brauche, und dann Geld, so viel. Und dann, daß unser Hof der allerbeste von Pommern wird, und dann, daß ich ...

Halt, drei Wünsche sind schon alle!

Dann würde ich eben einfach als Drittes wünschen, daß ich immer wieder drei Wünsche frei habe. Und immer so fort.

Das gilt nicht, erklärt sie. Deine drei sind weg.

Auch egal, sagt er. Und was sind deine drei?

Meine drei sage ich nicht, antwortet Christiane.

Aber warum denn nicht?

Nein, die sage ich nicht. Wünsche, die man sagt, gehen nicht in Erfüllung.

Und mich hast du meine sagen lassen?!

Sie ist betroffen. Ich habe gar nicht daran gedacht, Hannes, sei nicht bös. Du kannst dir ja jetzt gleich in der Stille drei andere Sachen wünschen.

Andere brauche ich nicht. Und es ist auch nicht schlimm, wenn sie nicht in Erfüllung gehen. Ich werde es schon so schaffen.

Geschwätz, kindisches Geschwätz auf einer Eisscholle, die immer weiter auf die See hinaustreibt.

Daß man auch nicht einen Dampfer sieht, murmelt er, sonst sieht man immerzu welche.

Nicht bei Eisgang, sagt sie. Frierst du auch so?

Ja, schon.

Manchmal wird mir ganz schlecht.

Mir auch. Daß wir auch gar nichts haben, worauf wir uns setzen können. Ich fühle meine Beine schon gar nicht mehr.

Ich auch nicht. Aber ich werde so müde.

Nein, ich nicht. Ich überlege immer, was wir noch tun könnten.

Aber wir können nichts mehr tun, gar nichts!

Das weiß ich nicht. Vielleicht fällt mir doch noch etwas ein.

Er läuft wieder hin und her. Nach einer Weile sieht er, daß sie sich doch hingesetzt hat, in dem Röckchen auf das blanke Eis, er will etwas sagen. Aber dann besinnt er sich: so merkt sie wenigstens nicht, daß von ihrer Scholle ein großes Stück abgebrochen ist.

Wieder nach einer Zeit setzt er sich stillschweigend neben sie und lehnt seine Schulter an ihre. Sie haben sich so gesetzt, daß der nun schon sehr ferne Leuchtturm ihnen nicht ins Gesicht scheint, dieses ewige Aufblitzen und die dann fast schmerzende Schwärze der Nacht waren unerträglich. So sehen sie in das Dunkel. Manchmal schimmert nah vor ihnen eine Schaumkrone, das Meer scheint ihnen plötzlich leiser, er will ihr etwas sagen, als er merkt, daß sie am ganzen Leibe zittert, mit den Zähnen klappert und immerzu Ogottogott sagt.

Aber ehe er sich entschließen kann, ist sie wieder still geworden. Und so bleibt auch er still. Während er so sitzt, denkt er sich etwas aus: man müßte im Garten am Haus aus der Mittelrabatte die Rosen nehmen und einen Tunnel halb schräg in die Erde bauen, und wenn man tief genug ist, müßte man eine Art Höhle daranbauen, einen eirunden Sack, mit Heu etwa gepolstert, im Dunkeln der Erde. Da müßte man sitzen, den Rücken in die Höhlung des Beutels geschmiegt, und man wäre warm und geborgen und brauchte nichts mehr zu tun und hätte ausgesorgt ...

Christiane aber sah ihren Papa, wie er in der Bibliothek auf und ab ging, immer hin und her. Der letzte Graf Fidde hatte eine Abneigung gegen zuviel Licht. Sicher hatte er das Elektrische wieder gar nicht angeknipst, sondern nur die dicke, weißlichgelbe Wachskerze angezündet, die auf dem Rauchtisch zum Zigarrenanzünden stand. Es ist so dunkel in der Bibliothek, daß man die getäfelten Wände nicht sieht. Auch die Decke des zweistöckigen Raums ist nur zu ahnen.

Der Papa geht hin und her, hin und her, immerzu. Er hat sich beim Abendessen wieder geärgert. Mademoiselle will stets um jeden Preis Konversation machen, ganz gleich, in welcher Stimmung er ist.

Mamas Bild hängt an der Wand. Aber man sieht es nicht, trotzdem ihre Schultern so weiß sind. Christiane fühlt, Papa denkt jetzt an die Mama. Aber wenn er an die Mama denkt, denkt er immer zugleich an Christa. Mama und Christa sind ihm in eines übergegangen, und wenn er auch gerne sagt: die Fiddes haben kein Glück beim Heiraten, so bedeutet das in seinem Fall, daß Mama eben schon nach einjähriger Ehe gestorben ist. Es bedeutet gar nicht etwa immer Flachköpfe und schlechte Frauen ...

Christiane gibt sich nur ein klein bißchen Mühe, und nun geht sie neben dem Papa durch die Bibliothek. Und der Papa sagt zu ihr: Weißt du, Christa, daß mir das nicht eher eingefallen ist! Wir legen eine Brücke zu Mama und besuchen sie einfach. Er lacht. Komm, faß gleich an.

Und sie fassen die große Perser-Brücke an und legen sie von der Erde hinauf zu dem Bild, und dann gehen sie über die Brücke in das Bild hinein zu Mama. Und Mama begrüßt sie lächelnd und sagt: Aber nein, Christiane, wie du groß geworden bist. Kannst du jetzt auch ordentlich Französisch? Sage einmal Ayez pitié de moi!

Aber was macht Johannes hier? Er ist auch hier. Er sitzt auf dem schönen englischen Barocksessel, auf dem Papa sonst so gerne sitzt, in seinem alten, schlechten, grünen Anzug mit den schreiend braunen Flicken, um derentwillen sie schon seine Mutter nicht mag, und sagt: Die Fische können auch nicht Latein, was brauche ich Latein?! Und Mama lacht hell auf und sagt: Was für ein Junge! Ist er ein Fischerjunge –?

Johannes erwacht davon, daß eine Stimme direkt bei ihm sagt: Achtung, Treibeis! und wieder: Achtung, Treibeis!

Er sieht um sich. Er ist sich sofort ganz klar, wo er ist. Trotzdem er sich eben noch in den warmen Schoß der Mutter Erde verkrochen hatte, weiß er sofort ganz genau, daß sie auf einer Scholle in offener See treiben. Es ist immer noch tiefste Nacht. Der Leuchtturm von Sagitta ist ganz fern, wie ein zwinkerndes Auge.

Eine kratzige, rauhe Stimme sagt in nächster Nähe, als wäre es auf der Scholle selbst: Achtung, Treibeis! Nimm sie etwas Steuerbord.

Steuerbord ist, sagt eine andere Stimme.

Johannes sieht ganz nahe etwas wie eine große, tiefschwarze Wolke. Ein Segelschiff also, ohne alle Lichter. Er will aufspringen, er ist wie elektrisiert, aber er kann kein Glied rühren. Alles ist ein- und angefroren. Aber seine Zunge ist nicht eingefroren, und er schreit, schreit aus Leibeskräften: Hilfe! Hilfe! Mann in Not! Hilfe! Er setzt sich auf, er rüttelt Christiane, aber die gibt nur einen verschlafenen, ungnädigen Laut von sich.

Auf dem Schiff ist es totenstill geworden. Nichts rührt sich eine lange Zeit. Schon will er wieder anfangen zu rufen, da sagt der kratzige Baß dort: Au verdammt.

Und wieder ist es still. Aber Johannes hört etwas wie ein Getuschel. Wir sind ganz festgefroren, sagt er, aber nicht mehr so laut.

Wir? fragt die Stimme drüben. Wieviel seid ihr denn?

Zwei, sagt Johannes, macht bloß schnell.

Wer seid ihr denn?

Kinder, sagt er wütend, Kinder aus Fiddichow.

Der kratzige Baß murmelt etwas drüben. Zugleich scheint das Schiff sich zu entfernen.

Wat! schreit Johannes und kämpft in wildester Wut gegen die Starrheit seiner Glieder, wullt ji afseiln un uns dotfreern laten? Ji verdammte Störtebeckers, ji!

Das sind wahrhaftig Fiddichower, Käpten, sagt eine Stimme drüben.

Falle, sagt die kratzige Stimme, nichts wie Falle.

Jawoll bün ick en Fiddichower, schreit Johannes. Ick bün en Gäntschow ut Marder, un wenn ji gottsverdammte Dusenddüwelkirls uns dotfreern lat, sleit min Vadder juch den Bregen mit de Kantüffelhack in.

Das ist ein Gäntschow, sagt die helle Stimme.

Mall genug ist er dafür, antwortet die kratzige. Na, tüter die Jolle los und hol sie, Martin.

Nach einer Weile, in der Johannes Martin zu seinem Platz hindirigiert, ist endlich der große Schatten vor ihm aufgetaucht. Nimm sie zuerst, kommandiert Johannes, sie ist steif gefroren wie ein Eiszapfen.

Ein kleines Mädchen, sagt Martin und ruft zum Schoner hinüber. Ein kleines Mädchen ist auch da, Käpten.

Hol di fuchti! schreit der von drüben rüber.

Na nu komm du man, mein Junge. Laufen? Is nich. Mußt erst mal auftauen. Na, wir haben alles da für einen Grog.

Warum führt ihr denn keine Lichter? fragt Johannes. Ihr müßt doch Lichter haben.

Halt dein Maul, sagt Martin und setzt ihn ins Boot.

Es sind nur vier oder fünf Ruderschläge, dann sind sie längsseits. Wie Pakete werden die Kinder im tiefsten Stillschweigen hinaufgereicht.

Laß sie erst mal liegen, Martin, daß wir wieder Fahrt kriegen. Das hier ist verdammtes Gewässer.

Johannes hört, wie sich das flappende Segel mit Wind füllt, gleichmäßig fängt es an zu rauschen.

Nordnordost, sagt die kratzige Stimme.

Nordnordost ist sie, sagt die hellere.

Dann wird Christiane aufgehoben und fortgetragen. Ein leiser Lichtschimmer fällt einen Augenblick auf das Deck, und wieder ist es dunkel. Dann wird auch er hochgehoben und ein Treppchen hinuntergetragen. Helle, Wärme, Essensdunst – und ein schwarzbärtiges Gesicht betrachtet ihn prüfend aus finsteren, bösen Augen.

O Gott, sagt Johannes und versteht plötzlich alles Geheimnisvolle. Es ist der Bullenberger!

Jawohl, mein Sohn, sagt der Schwarzbart grimmig, der Bullenberger, und sicher ist es noch lange nicht, daß ich euch nicht wieder ins Wasser schmeiße.

Der Bullenberger aber war auf der Halbinsel Fiddichow eine fast mythische Persönlichkeit. Wenn man in andern Gegenden die Kinder mit dem Butzemann oder dem Schwarzen Mann schreckt, so sagen die Mütter auf Fiddichow: Töv, de Bullenbarger halt di up sien Schipp.

Ein Schiff hatte er. Aber er hatte dazu auch einen Hof, den ärmsten, verkommensten, einsamsten Hof auf der ganzen Insel. Da, wo sich die Halbinsel zu einem viele Kilometer langen, schmalen Dünen- und Sandstreifen verengert, da, wo zwischen den Dünen nördlich und den Dünen südlich kaum noch Land ist, liegt der Bullenberghof. Ob sein letzter Besitzer sich am Dachsparren aufgehängt hat, ob er verzweifelt in die Welt geflohen ist, weiß man nicht mehr: lange war der Bullenberghof herrenlos. Es gibt ein Gerede auf Fiddichow: Sand ist schlimm, Flugsand ist schlimmer, klingender Sand ist am schlimmsten, aber Bullenbergsand –!

Der Bullenberger hat sich da angesiedelt, hat in der äußersten Welteinsamkeit vom herrenlosen Gebiet Besitz genommen. Wann, weiß niemand. Er kann Jahre da gehaust haben, ohne daß es jemand gemerkt hat. Er lebt dort mit einem einäugigen, grauzotteligen Weib, von dem keiner weiß, ist es seine Mutter, Schwester oder Frau; mit einer Schar Kinder, blonden und schwarzen, von denen man nicht weiß, sind es ihre, seine, wessen; mit einem grauen, uralten Fliegenschimmel und einer Kuh, die nur Haut und Knochen ist. Er baut ein bißchen Hafer, ein bißchen Roggen, steckt ein paar Kartoffeln in den Sand und erntet davon soviel, wie ihm Sand, Dürre und wilde Kaninchen zukommen lassen.

Sie müßten alle verkommen in der dürren Wildnis, in dem halb verfallenen Dings, wenn es mit rechten Dingen zuginge. Aber es geht eben nicht mit rechten Dingen zu, und damit es das nicht geht, dafür ist der Kutter da. Umsonst krauchen nicht, seit der Bullenberger dort wohnt, die grünen Zollwanzen den breiten herrlichen Sandstrand so oft entlang, liegen in den Dünen herum, und die Landgendarmen hocken in den Kiefernbüschen. Es geht eben nicht mit rechten Dingen zu auf dem Bullenberger Hof.

Da ist das Haus, fast keine heile Diele, die Fenster aus Zeitungspapier und Lumpen, die Steine zerbröckeln, in den Dachbalken tickt der Wurm.

Und dieser Kutter dazu, unten auf dem Sandstrand! Jede Spiere in Ordnung, jedes Tau aufgezurrt, wie es sein soll, jede Ritze kalfatert ...

Wozu haben Sie denn den Kutter?

Ich fahr' mit spazieren.

Wovon leben Sie denn?

Von meinem Hof.

Mann Gottes, Sie können doch nicht von sieben Halmen Korn und drei Pfunden Kartoffeln leben.

Essen Sie mit, Herr Gendarm.

Wir erwischen Sie doch noch.

Natürlich, natürlich, Sie erwischen mich noch.

Wir werden Ihnen schon Ihr sauberes Schmuggelhandwerk legen.

Schmuggeln? Reden kann man viel, Herr Landgendarm!

Ach, wenn der Bullenberger nur ein Schmuggler gewesen wäre, ein gerissener meinethalben, der gerissenste von allen meinethalben, es wäre so schlimm nicht gewesen. Er wäre noch lange nicht der Kinderschreck der Fiddichower geworden.

Aber wußte man nicht von ihm, daß er ein Räuber und Mörder war? Ein rechter Störtebecker, aber kein Glikedeler, sondern ein Alles-für-sich-Behalter?! Wußte man das nicht von vielen guten Zeugen? Hatte er nicht einem Bauern, sein Name sei nie genannt, geholfen, die ganze Schafherde nach Dänemark zu schmuggeln? Und hatte er nicht den Knecht des Bauern, der beim eiligen, nachtdunklen Verladen ein Schaf hatte ins Wasser fallen lassen, mit einem Fußtritt hinterher ins Meer befördert? Hatte er nicht den reichen Berliner Sommergast mit der dicken goldenen Uhr nach Insel Möen gesegelt, und der Gast war trotz aller Nachforschungen nie angekommen und nie wieder heimgekehrt? War nicht ganz Fiddichow einmütig des Glaubens, daß der Bullenberger allein es gewesen sein konnte, der am hellen Tage nach der Holzauktion zum Förster des Grafen Fidde in die Revierstube gegangen war, ihn erschossen hatte, mit dem eigenen Dienstrevolver des Försters, daß es aussah wie ein Selbstmord, und alles Holzgeld war weg? Hatten sie ihn nicht deswegen Monate und Monate im Gerichtsgefängnis in Bergen gehalten, und war er dann nicht doch freigekommen durch eine schlimme Verzauberung des Amtsrichters, den er so betört hatte, den armen Mann, daß er später sogar zu ihm zum Segeln gekommen war?

Ein großer, schwerer, schwarzer, schwarzbärtiger Mann, ein Mann, von dem aufs Dutzend nur einer geht und keiner mehr, mit einem Stoppelwald Haaren auf den Zähnen und einem ätzenden Blick wie Vitriol. Wenn man sechs Stunden auf einer Eisscholle gehockt hat und zu drei Vierteln erfroren ist, wenn man noch dazu elf Jahre erst ist und bei sich die Tochter eben jenes Grafen Fidde hat, dem der Bullenberger sicher nicht grün, sondern haßglührot ist, dann kann man schon in dem richtigen Tonfall sagen: O Gott, es ist der Bullenberger!

Und die Antwort von den Fischen, zu denen man wohl doch noch kommen wird, geht einem auch ganz gläubig ein. Arme Christiane, da liegst du hingeworfen in eine Schlafkoje, auf einem schmutzigen, verkrumpelten Woilach, das Gesicht wachsbleich, mit brennenden, roten Flecken, und da sitzt der große, schwere Mann mit dem blauwollenen Sweater bis ans Kinn an einem kleinen Tisch und starrt auf das Mädchen und fragt argwöhnisch: Keine von der Insel?

Zu Besuch beim Superintendenten, sagt Johannes prompt.

So, sagt der Bullenberger und geht aus der Kajüte.

Und nun hat Johannes Zeit, mit ängstlichen Blicken zur Tür, an Christiane zu rütteln und zu schütteln, und er will ihr etwas einflüstern, aber sie hört ihn nicht, sie ist weg, sie hört nichts.

Die Tür geht wieder und Johannes humpelt an seinen Platz. Nach dem schwarzen Bullenberger kommt der schwarze Martin, und auch er setzt sich an den Tisch, genau an die Stelle, wo der Kapitän gesessen hat, und auch er starrt auf das Mädchen.

Hol die Pütz, Junge, sagt er. Wenn sie wach wird, wird sie kotzen. Ich kenn' das.

Wird sie denn wach werden? fragt der Junge angstvoll.

Wenn der Käpten sie nicht vorher ins Wasser schmeißt, sagt der schwarze Martin.

Der Junge sagt nichts, sondern holt den Eimer.

Zu wem gehört sie? fragt der schwarze Martin.

Martin ist ein langer, hagerer, knochiger Mann, mit dicken, krausen Negerhaaren und einem quittengelben, faltigen Gesicht. Er hat einen bösen Blick, den man nicht aushalten kann, mit dem sieht er den Jungen unverwandt an.

Besuch vom Superintendenten.

Wie heißt sie denn?

Emmi, sagt der Junge. Er kann den Mann nicht mehr ansehen und tut, als sei er ganz dem Reiben seiner froststarren Hände hingegeben.

Und weiter?

Marder, sagt der Junge.

Na ja, sagt Martin ganz einverstanden, ich weiß nicht, was der Käpten will.

Er steht auf. Der Junge folgt ihm mit dem Blick, aber er fragt nichts.

Der Käpten sagt nämlich, erklärt der schwarze Martin und zieht dabei jeden einzelnen Finger lang, daß die Knochen knacksen, sie sieht wie 'ne Fidde aus. Und mit den Fiddes ist es da – er zeigt gegen die Decke der Kajüte – Essig.

Sie heißt Marder, sagt der Junge. Genau wie der Superintendent.

Und vorher?

Elli.

Na schön, sagt der Matrose und geht aus der Kajüte. Erst als die Tür zuklappt, fällt dem Jungen ein, daß er sich verquatscht hat. Und nun sitzt er da, seine eigene Flachköpfigkeit verfluchend, und wartet, daß sie kommen und sie über Bord schmeißen. Er ist fest entschlossen, zu schlagen und zu beißen, solange er kann. Und so sieht er sich in der Kajüte nach einer Waffe um. Er ist gerade an einer Schublade zu Gange, die vertrauenerweckend schwer ist, da geht die Tür auf und der Bullenberger kommt wieder rein.

Er starrt ihm atemlos entgegen. Aber der Mann setzt sich hin an den Tisch, als sei er nicht da. Er starrt wieder das Mädchen an. Den Jungen dagegen hypnotisiert die Schublade. Er starrt die an und überlegt, ob er mit einem Revolver in der Hand die Kajüte gegen die beiden verteidigen kann.

Der Mann am Tisch dreht sich um und sagt: Schmeiß den Mantel da über sie.

Johannes nimmt den schweren Mantel und breitet ihn behutsam über Christiane aus. Sie liegt da, wachsgelb und rot, von Atem ist nichts zu spüren. Eine irrsinnige Angst faßt ihn um sie. Kaptein, sagt er, Kaptein! Kann man denn nichts für sie tun?

Woher kennst du die denn? fragt der Bullenberger.

Vom Superintendenten. Ich hab da Schule.

Ich hab gehört, die vom Hypothekengrafen geht da auch zur Schule.

Ihm setzt fast das Herz aus.

Ja, auch. Aber die sieht ganz anders aus.

Wie sieht die denn aus?

Blond. Und ganz klein. Und sie hat so komische Hände.

Was für komische Hände?

Solche mit Knubben.

Soso, sagt der Mann. Und dann nach einer Pause: Ich denke, du bist ein Gäntschow?

Bin ich auch, sagt er trotzig.

Sieht nicht so aus, sagt der Bullenberger gelassen. Ich hab immer gehört, die Gäntschows lügen nicht. Er steht mit einem Ruck auf.

Tu ich auch nicht! schreit Johannes ihm nach. Aber die Tür ist schon wieder zugeschrammt, und er ist unsicher, ob der Kapitän ihn noch gehört hat. Es geht ihm wirklich auch schlecht. Er ist abwechselnd heiß und kalt und verliert nicht das Gefühl, als säße in seinen Knochen ein Eis, das nicht tauen will. Hände und Füße, im Kajütendunst warm geworden, stechen mit tausend Messern. Der Magen dreht sich häßlich – aber er hat keine Zeit, krank zu sein. Er würgt eilig an der Schublade, die sich festgeklemmt hat und die so schwer ist. Aber als er sie dann auf hat, liegt nur Eisenzeug darin. Er stößt sie wütend wieder zu und sieht sich prüfend in der Kajüte um.

Bist du das, Hannes? fragt ihre Stimme. Warum ist es hier so dunkel?

O Gott, bist du wach? Ach, Tia, ich hatte ja solche Angst um dich. Aber du darfst unter keinen Umständen sagen, daß du Christiane heißt, sondern bist Elli, nein, Emmi.

Was hast du denn da in der Hand? fragt sie mit einer ganz hellen, verschlafenen Stimme. Und er sieht seine Hand erstaunt an und merkt, daß er in ihr einen schweren eisernen Schraubenschlüssel trägt, ohne es zu wissen.

Aber sie denkt längst an etwas anderes: Ich habe herrlich geträumt. Ich war mit Papa bei Mama zu Besuch, und du warst auch dabei. Aber Mama hat dich gar nicht gemocht. Sie hat immer nur über dich gelacht und hat gefragt: Ist es ein Junge oder ist es ein Tier? Sagt es mir doch.

Christiane, fleht er sie an, du mußt jetzt gut zuhören. Der Bullenberger hat uns aufgefischt ...

Wer ist der Bullenberger?

Ach, du weißt doch, der Kerl, der euern Förster totgeschossen hat und der immer nach Finnland schmuggelt ...

Fahren wir denn jetzt nach Finnland?

Tia, Tia, hör doch zu. Er ist so gemein. Er schmeißt dich ins Wasser, wenn ...

Tut er auch, tut er auch, sagt der Bullenberger, jetzt geht es los!

Hannes fährt herum. Der Bullenberger sitzt am Tisch wie ein böser Traum und sieht ihn an ohne ein Lächeln.

Guten Abend, sagt da Christiane mit ihrer ungewohnt hellen Stimme: Sind Sie der Herr, der uns gerettet hat? Ich danke auch schön.

So, sagte der Bullenberger trocken, und du bist also die Einzige vom Schuldengrafen, der mir fünf Monate Kittchen in Bergen besorgt hat?

Hannes machte eine warnende Bewegung. Aber keines von den beiden achtete auf ihn.

Es wird Papa sehr leid tun, wenn er hört, daß Sie wirklich unschuldig sind.

Frag mal den mit dem Schraubenschlüssel, sagte der Bullenberger und deutete mit seinem Daumen, ohne aber nach Johannes hinzusehen, der denkt auch, ich schmeiße euch wieder ins Wasser – verrückt, wie alle Gäntschows, sagte er verächtlich.

Sie sind es also nicht gewesen? fragte Christiane. Sie hatte sich auf den Ellenbogen gestützt und sah den Mann am Tisch aufmerksam an.

Kleines Fräulein, sagte der, der Graf Fidde findet, ich bin ein gemeiner Kerl, weil ich mal ein Reh von ihm schieße und ein Pascher bin. Aber ich ...

Papa, sagte sie hastig und war nun auch böse, mag Sie darum nicht leiden, weil sie die Ricken schießen, wenn sie tragend sind ...

Ich muß für Fleisch sorgen, wenn die Kinder Hunger haben, sagte der Mann. Jetzt aber mußt du still sein und mich reden lassen. Ich aber finde, daß der Fidde ein gemeiner Hund ist, weil er seine Schulden nicht bezahlt.

Er sieht sie an. Plötzlich fängt er an, ihr zuzuzwinkern, als grinsten sie beide über eine Sache, die nur sie wüßten.

Warum hat sich wohl der Schmied am Sparren aufgebaumelt, daß ihm die Zunge einen halben Meter blaurot aus dem Maule hing?

Er machte eine Pause und starrte Christiane an. Auch Johannes starrte Christiane atemlos an.

Es ist so still in der Kajüte, daß man eine Rahe oben knarren hört und das Plätschern der Wellen am Bullauge.

Der Bullenberger sagt langsam: Weil er pleite war, der Schmied.

Er macht wieder eine Pause und starrt das Mädchen unverwandt an. Dann sagt er langsam: Und warum pleite? Weil der Herr Graf seit zwei Jahren seinen Beschlag nicht bezahlt hat. Über zweitausend Mark hat er zu kriegen gehabt von dem Fidde ...

Er beobachtet aufmerksam die Wirkung seiner Worte. Dann fängt er an, auf den Tisch zu trommeln. Na, hat's die Witwe gekriegt. Die Toten bezahlt man, Ehrensache. – Nun ist als nächster der Stellmacher dran. Hat auch an die zweitausend zu kriegen ...

Er ruckt unmutig an seinem Tisch hin und her.

Wenn Sie denken, daß Papa davon weiß, sagt Christiane, und ihre Stimme zittert kein bißchen, so irren Sie sich. Das macht alles der Rendant Wedemeier.

Aber dein Papa müßte es wissen, sagt der Bullenberger düster. Nicht der Rendant, dein Vater hat die Schulden gemacht.

Sie können mich gerne wieder auf eine Eisscholle setzen, sagt Christiane und richtet sich mit einem Ruck gerade auf. Ich glaube nicht, daß Papa es sehr gerne möchte, daß Sie mich retten.

Der Mann lacht. Es ist ein sehr böses Lachen. Es wird ihm nichts helfen, sagt der Bullenberger, er wird mir danken müssen. Ich werde dich und deinen Gäntschow an den Strand setzen, und in drei, vier Tagen, wenn ich wieder zurück bin, werde ich bei ihm antreten, und ...

Er bricht ab, als überlegte er etwas. Nein, sagt er langsam, so ist es besser. Nicht wahr, wir haben heute Montag?

Die nicken.

Also am Freitag kommst du zu mir auf den Bullenberghof und bringst mir zweitausend Mark. Lebensrettungsprämie, verstehst du?

Sie nickt aufmerksam.

Dann braucht er mir nicht dankbar zu sein. Erzähl' ihm was, von meinem Risiko, daß ich wieder zurückgefahren bin deinetwegen, mit all der Paschware an Bord, und wenn die Sonne aufgeht, bin ich noch in Sicht von den verdammten Zollwanzen. Schwer ... schwer ... Er schüttelt den Kopf. Aber daß du allein kommst, sagt er heftig, höchstens mit dem Bengel da!

Sie nickt wieder.

Dann bin ich glatt mit ihm, sagt der Bullenberger und winkt mit dem Kopf hinaus. Aber mit dir bin ich nicht glatt. Verstehst du das, Fräulein Gräfin?

Sie nickt wieder. Die Lippen sind ein schmaler Strich in ihrem Gesicht.

Nein, sagt er wieder und schüttelt den Kopf und sieht vor sich hin auf die zerschnitzelte Tischplatte. Sie versteht es. Mit dir bin ich nicht glatt.

Er hat sie beide wohl fast vergessen, aber dann hört er doch, wie sie sehr leise fragt: Und was soll ich tun? Sie macht eine Pause. Sie fragt: Soll ich sorgen, daß die Schulden bezahlt werden?

Er nickt ihr vom Tisch zu. Nicht dumm, sagt er. Erfaßt was. Aber ... sagt er und sieht sie groß an, was gehen mich Fiddes Schulden an? Du wirst auch schon so daran denken. Man ist so veranlagt oder man ist nicht so veranlagt. Du bist's aber – ach Schiet! sagt er ärgerlich und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Was wir beide noch haben, das haben wir beide allein. Du sollst daran denken, verstehst du, daß du mir noch was schuldig bist. Was, weiß ich nicht. Vielleicht mahne ich dich nie. Aber vielleicht mahne ich dich doch mal. Nur nicht vergessen sollst du es, verstehst du?

Sie nickt wieder.

Na gut, sagt er, das ist also in Ordnung. Er sieht sich in der Kajüte um. Ihr kriegt gleich einen Grog von Martin, wenn ich ihn ablöse. Jetzt seid ihr lange genug in der Wärme. Ihr werdet ihn bei euch behalten. Jetzt hör du zu, Strohdach, Gäntschow, kennst du Rehberg Ort?

Der Junge schüttelt den Kopf.

Doch, du kennst es, beharrt der Bullenberger. Du weißt wenigstens, wo es ist. Hör zu. Erst kommt Möwen Ort. Dann kommt der Bullenberg. Dann kommt Treptitz, dann kommt Loos. Dann kommt Rehberg Ort – weißt du nun?

Ganz weit draußen, sagt der Junge. Ja, ich bin noch nicht dagewesen, aber ich kann es mir denken.

Ich kann euch nicht näher absetzen, sagt der Bullenberger ganz friedlich, wegen der Grünen. Und mit dem Grog im Leibe wird das Laufen dann schon gehen. Hör zu, Gäntschow. Nicht den Strand entlang, das ist viel zu weit für euch. Gradeaus, durch die Dünen, immer von der See weg. Dann stoßt ihr aufs Dorf oder aufs Rittergut. Schranzke, der hat Telephon, verstehst du? Ja, sagt der Junge.

Na schön, sagt der Bullenberger, und laß sie sich nicht hinsetzen. Ihr müßt immer in einem weg laufen. So schwer es euch fällt.

Er sieht noch einmal die beiden an. Ein ernster, fast bekümmerter Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. Plötzlich lacht er kurz auf: Leg den Schraubenschlüssel man weg, Junge. Wolltest du mich totschlagen? Er lacht böse, und böse lachend geht er aus der Kajüte.

Und nun drängte sich alles rasch und immer rascher, immer verwirrender an ihnen vorüber, wie die schnell aufeinanderfolgenden Bilder eines Traumes kurz vor dem Erwachen: das rasch geflüsterte Zwiegespräch in der Kajüte mit dem verstörten Ausruf des Johannes: O Gott, er hat dich auch verzaubert! Nun mußt du immer tun, was er will.

Und der schwarze Martin, der mit zwei Groggläsern hereinkommt und der sie dann, wie es scheint, die Minute darauf auf seinen Armen durch das flache Wasser an den Strand trägt. Wie sie dort stehen, und sie hören noch einmal das Steuerruder knarren und den Wind im Segel flappen und sehen nichts mehr in der Nachtschwärze. Und dann der stolpernde, fallende Weg landein, über Dünen und hartgefrorenen, knolligen Acker, immer auf einen funkelnden Stern zu. Wie sie sich doch hinsetzen, an allen Gliedern vor Überanstrengung zitternd, im Schutz eines Wacholderbuschs, und wie er sie dann wieder hochzerrt und mit sich schleppt, hinter sich herschleppt, den endlosen, endlosen Weg lang, dem Flimmerstern zu.

Wie er immer, immer das Reden von ihr hört, hinter sich, halbes Schlafreden, von ihrer schönen Mama ... Und wie er schließlich alles aufgeben möchte und verzweifelnd denkt, daß sie nie, nie irgendwohin kommen werden, daß nie wieder eine Sonne aufgehen wird. Und wie es einmal ein Strohschober war und einmal zwei Bäume, als er schon glaubte, sie wären da. Und als er den ersten festen, gefahrenen Weg wieder unter seinen Füßen spürte und die dunklen Klötze waren wirklich Häuser, und er mit ihr auf ein einsames Licht zustolperte und endlos an einer Tür rumfingerte, und die Tür ging schließlich überraschend auf, und sie waren im dunstwarmen Pferdestall von Schranzke, wo der Futtermeister den Morgenhafer schüttete. Wie die Christiane ohne ein Wort hinklackste auf den Gang, und er stand taumelnd an der Wand und stammelte nur immer dem erschrockenen, schlafdummen Futtermeister ins Gesicht: Grog ... Grog ... Grog ... Und wie der an Gespenster glaubte, an die Geister ertrunkener Kinder, aus der See aufgetaucht.

Und es ist wie ein tiefer, böser, schmerzhafter Traum, und Johannes wacht auf aus ihm und sieht sich in der Leutestube und taumelnd zwischen Müdigkeit und Todesverlangen weiß er doch, daß er, ehe er endgültig einschläft, noch etwas sagen muß, ein Wort nur. Und er bemüht sich, es zu sagen. Und all die erschrockenen Leutegesichter sehen auf seine Lippen und verstehen das Wort nicht. Und plötzlich schreit eine alte, runzlige Frau los: Er sagt, Gräfin Fidde! – Wo habe ich denn meine Augen gehabt? Das ist ja die junge Gräfin!

Und er legt sich erleichtert zurück und kann schlafen, schlafen, schlafen. Und in seinen Traum hinein klingeln Schlittenglocken, lange, lange, und er sieht flüchtig etwas wie einen großen, grauhaarigen Mann mit scharfem Gesicht und weiß, nun ist der Graf da und alles ist gut ...

Und eine Stimme sagt: O le pauvre garçon. Und er denkt: pauvre– arm. Und dann ist alles weg und er ganz allein. Nur daß natürlich die See rauscht, wie sie die ganze Nacht um sie gerauscht hat.

Es war Winter und es wird wieder Frühjahr. Es wird gepflügt und gesät, Kunstdünger gestreut und Kartoffeln gesteckt. Es kommt der Sommer, der Klee blüht und wird gemäht, der Winterweizen fällt und der Roggen, die Erntewagen klappern auf allen Straßen, und auf den gelben und grünen Schlägen färben sich schon Äcker hinter dem Schälpflug wieder erdig braun. Es wird mehr und mehr braun, triefend von Nässe, mit schwärzlich absterbendem Kraut stehen die Kartoffeln. Nun klappern auf allen Mietenplätzen die großen blau und roten Kartoffelrummeln und sortieren Speisekartoffeln, Saatkartoffeln, Futterkartoffeln. Alle Tätigkeit hat Beziehungen zum Wetter, zur Jahreszeit, zur Natur also – aber Johannes Gäntschow geht weiter mit einer Büchertasche zum Superintendenten Marder. Und ob es warm ist oder kalt, ob Sonne scheint oder Regen fällt, in Frühling, Sommer, Herbst und Winter lernt er von acht bis neun dies, von neun bis zehn das, von zehn bis elf jenes. Er hat mit Gedrucktem zu tun, mit Büchern, Tinte, Papier. Er ist herausgenommen aus dem natürlichen Kreislauf der Dinge. Es kann vorkommen, daß sein Vater selbst aufhorcht, wenn Johannes den Mund auftut und etwas erklärt.

Wenn er an einem Nachmittag mit seinen Schulaufgaben fertig ist und auf den Hof kommt, zu den Arbeitern ins Feld geht, zu seinen Brüdern und Schwestern, so heben sie den Kopf und nicken ihm zu. Aber keines erwartet, daß er nun etwa mithilft. Es kann geschehen, daß es ihm in den Händen juckt, daß er sich einen Rechen sucht und zum Heuen geht, seine Glieder, seine Knochen, seine Muskeln – alles schreit nach vernünftiger Arbeit – laß sie schmunzeln über ihn. Aber ehe er sich versieht, ist ihm seine Harke fortgenommen und eine Schwester sagt mahnend: Denk an dein gutes Zeug.

Richtig, seine Geschwister tragen weiter altes, verbrauchtes Zeug, auf das die Mutter die irrsinnigsten Flicken setzt. Vaters Joppe sieht man überhaupt keine Ursprungsfarbe mehr an, und alle laufen auf Holzpantinen. Aber Johannes geht daher in feiner, neuer Stadtkleidung. Er trägt Lederschuhe und schöne Strümpfe. Er gehört nicht mehr zu ihnen. Nicht mehr in der Kleidung, nicht mehr in der Arbeit.

Damals, nach jenem Abenteuer auf der Eisscholle, hat der Graf eine lange Unterredung mit dem Vater gehabt. Nicht etwa auf dem Schloß, nicht etwa mit einem Vierergespann vorgefahren, ganz schlicht in der Joppe, mit einem Handstock ist der Graf angekommen auf dem Hof. Hat über die Meute gelacht und mit Vater gesprochen. Seitdem gibt der Graf eine ›Erziehungsbeihilfe‹. Den Namen hat Superintendent Marder erfunden, der vielleicht am meisten bei der neuen Regelung profitiert.

Oh, Johannes ist ein Turm von Gelehrsamkeit geworden. In seinem Kopf schwirrt es von Vokabeln, Brüchen, Gedichten, Liedern, von Regeln und Ausnahmen, von Fällen, Beweisen, Staubgefäßen und Stempeln. Sein Hirn ist ein dankbarer Acker. Es nimmt alles auf, und es erschreckt ihn nicht, wenn der Graf ihm erzählt, daß er bis zu seinem Abiturium noch wird lernen müssen: dreitausend Jahreszahlen, fünftausend Städte-, Fluß- und Ländernamen, sechshundert Pflanzen, siebenhundert Tiere, eintausend französische Vokabeln, eintausend englische, eintausend lateinische, eintausend griechische; fünfhundert mathematische, physikalische, geometrische Formeln, zehntausend Regeln und Ausnahmen ...

Er lächelt dann nur, wenn der Graf ihm so etwas erzählt, jawohl, jetzt lächelt er den Grafen schon genau so unbefangen an wie jeden andern: er verkehrt auf einem Grafenschloß. Er macht vor Mademoiselle, einer sehr üppigen, heroischen Dame, einen Diener, er schüttelt der Miß die Hand, und Kutscher Eli hört aufmerksam und mit unbewegtem Gesicht zu, wenn Johannes ihm etwas sagt. Er hat schon auf einem Reitpferd gesessen und ist nicht heruntergefallen, und seine Altersgenossen, die mit ihm gemeinsam auf die ›Doofschule‹ gingen, werden jetzt rot und verlegen, wenn er mit ihnen spricht.

Sicher macht ihm das alles Freude und stärkt seinen Stolz – dafür ist er jung, er ist ja erst zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt. Aber wenn er so rasch und scheinbar so schmerzlos die alte Haut abgestreift hat, dann nicht darum, weil sie nie sehr fest saß, nicht einmal darum, weil er ein wendiger Mensch ist, der sich in alles findet, sondern darum, weil er schon jetzt, sich selbst ganz unbewußt, das Gefühl hat, daß man viele Häute im Leben tragen und doch immer Johannes Gäntschow bleiben kann.

Denn jetzt schon – ach, was wußten die denn von ihm?! Gab es etwa keine Höhle in der tiefen Düneneinsamkeit, unter deren Dach Christiane und er manches Gewitter überdauerten? Hatte ihm etwa der Bullenberger kein kleines Segelboot geschenkt, das allen andern unbekannt tief im Schilf bei Rakow lag und mit dem sie über die See flitzten, wilde, selbst erfundene Seeräuberlieder singend? Mademoiselle hat gut mit aller Majestät sagen: Aber bitte in zwei Stunden zurück! Sie kamen, wann sie Lust hatten zurückzukommen, und das war genau dann, wenn sie todmüde waren. Wer sollte sie je finden? Hatten sie nicht ein Nest in der höchsten Linde, in deren Laub sie nie ein Auge entdecken konnte? Gab es nicht für Regentage eine herrliche Gerümpelkammer oben auf dem Schloßboden, mit fünf Lagen alter Teppiche, daß man sich kugeln und balgen konnte, so viel man wollte, und kein Laut drang nach unten?

Und die Nächte, die endlosen Sommernächte, wenn sie ausrissen beide, und Christiane kam angeflitzt in einem schwarzen Pyjama, und sie stiegen ein in den Superintendentengarten und aßen dem alten Marder seine Klaräpfel weg und machten ihn am nächsten Tag noch scheinheilig auf den Dieb aufmerksam!

Aber am nächsten Tage verführten sie Müller Dittmanns große Dogge mit Wurst und sperrten sie in den Superintendentengarten, und Superintendent Marder hatte eine böse Stunde im Geäst seines eigenen Klarapfelbaums zuzubringen, bis ihn mitleidige Passanten von dem zähnebleckenden Wächter erretteten.

Zweifelsohne Regeln und Ausnahmen. Zweiter Aorist und heile Büxen, Druckpapier und Naturfremdheit – aber ein freies, wildes Räuberleben vor allem! Christiane, Christa, Tia, seine Freundin durch dick und dünn. Freiin von Fidde und Johannes Gäntschow. Wie war es gewesen, als beim Nachbarn Peplow der Blitz in den Stall einschlug und gleich zündete? Wer hatte die Leute wach geschrien? Wer das erste Vieh aus dem brennenden Stall geholt? Freilich nachher, als sie von dem Prasseln der Flammen, dem Geschrei der Leute, dem Geblöke des Viehs verdreht geworden waren, als die Männer schon anfingen, die Möbel aus dem bedrohten Wohnhaus zu tragen, da waren die beiden in die Milchkammer gestürzt, um weiter zu retten, und tönerne Milchsatte auf tönerne Milchsatte hatten sie im hohen Bogen aus den Fenstern geschmissen, daß sie draußen zerklirrten, während sie bis zu den Knöcheln in Milch und Sahne wateten. Welche Beschämung damals, als ein dummer, wackelköpfiger Häusler schreiend und zeternd ob ihres hirnverbrannten Tuns sie aus dem Hause jagte!

Aber das andere Mal hatte doch die ganze Halbinsel über ihren Streich gelacht, als sie der Kirchdorfer Kleinbahnlokomotive den Schornstein klauten in der Nacht – wie hatten sie geschwitzt, die alten, verrosteten Muttern loszukriegen! Und einen Tag lang fuhr die Kleinbahn nicht, bis sich der Schornstein wieder anfand, eingebaut als Trichter in das Herzhäuschen des schneidigen Stationsvorstehers.

O ja, sie wurden bekannt auf der Insel, sie hießen die Gäntschows oder die Grafen, die Leute lachten über sie oder schimpften, daß der Landgendarm nicht schärfer zugriffe, je nach Lage des Falls. Das Leben war ein bunter, unaufhörlicher Wirbel von Einfällen, irrsinniger Arbeit (nicht für den Superintendenten) und wilder Freiheit. Tia hätte so etwas nie für möglich gehalten. Sicher kam auch der Papa zu kurz, aber es war herrlich! Übrigens lächelte der Papa und meinte nur manchmal, man sehe es wieder einmal: Bauer-Gäntschows seien zehnmal exklusiver als die exklusivsten Aristokraten. Keine Scheu vor Gerede, nicht die Bohne Konvention, ich bin ich, und wenn es euch nicht paßt, so bin ich noch lange ich. Ich, Johannes Gäntschow. Gäntschow!

Und wenn Mademoiselle und Miß zehnmal, hundertmal zu ihm gejammert kamen und über die Verrohung Christianes, ihre Unweiblichkeit, ihre ungepflegten Hände klagten, der Graf lächelte nur. Er sagte ihnen zehnmal, hundertmal, daß das, was sie Manieren nannten, in einem Vierteljahr zu erlernen sei, daß man gepflegte Hände in vier Wochen haben könnte, daß aber das, was Christiane jetzt lernte, im ganzen Leben nicht mehr zu erlernen sei. Stadt läßt sich lernen, mit Zwanzig noch, mit Dreißig, Land nie ... Ich hab's nie gelernt. Leider, leider.

Und wenn dann die energische Mademoiselle andeutete (während die Miß zum Fenster hinaussah), daß es immerhin nicht unbedenklich sei, zwei verschiedene junge Menschen, Sie verstehen, Herr Graf, also Junge und Mädchen, und immer unbeaufsichtigt, und sie wachsen doch heran ... Der Graf Fidde schüttelte wieder lächelnd den Kopf.

Keine Spur, sagte er. Wir Fiddes heiraten immer dumm.

Nun hatte Mademoiselle eigentlich nicht gerade das Heiraten gemeint, aber sollte man weiter in ihn dringen? Dieser Mann steckt voll Theorien, sage ich Ihnen, Miß Price. Soviel Ahnung vom Leben wie – wie ein Besenstiel.

Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht wußte der Graf das selbst sehr gut, und vielleicht ließ er gerade darum seiner Christiane sehr viel Freiheit? Auf daß sie einmal nicht so werde wie er. Hatte er nicht siebzehn Jahre einen Inspektor gehabt, einen jovialen Grobsack aus der Mark, mit Bauch im Jägerhemd, der immer imstande war zu sagen: Das verstehen Sie nicht, Herr Graf ... Hatte er nicht auf diesen Mann Schlösser gebaut, Festungen und Burgen, und hatten nicht Gäntschow und Christiane in vier Wochen herausbekommen, daß dieser verheiratete Biedermann mit fünf blauäugigen Kindern nichts weiter war wie ein Schuft und ein Dieb? Hatten sie nicht fertiggebracht, die beiden, was kein Förster, den er je gehabt, fertiggebracht hatte, daß der Holzdiebstahl ganz aufgehört hatte und das Wildern fast ganz. Wo waren sie denn nicht? Welcher Fleck Fiddichower Erde war sicher vor ihnen? Welcher Häusler konnte noch wagen, beim Weizeneinfahren ganz gemütlich ein paar Hocken vom gräflichen Nachbarn mitgehen zu lassen, wo diese beiden in jeder Hocke, in jedem Straßengraben, auf jedem Baum sitzen konnten?

Und nichts von Krach mehr, nichts von Landgendarmenbesuchen mehr, keine Gerichtstage, gar nichts.

Na, das ist nett von dir, Wittstock, daß du dem Grafen ein bißchen Roggen fahren hilfst, sagte Johannes grinsend. Gleich an die zweite Scheune, bitte, ich sage dem Inspektor schon Bescheid. Der Teufelskerl!

Bewundern, ja rückhaltslos bewunderte Christiane ihren Freund, in tausend Dingen ordnete sie sich ihm selbstverständlich unter. Er: gewachsen aus dieser Erde. Sie: gewachsen auf dieser Erde. Er: ein Fiddichower, sie: eine auf Fiddichow.

Aber lieben? Lieben? Sie waren Geschwister, und wenn sie gleichaltrig waren, so war sie ihm doch in vielen, vielen Dingen weit voraus. Und darum spürte sie, spürte es gerade im täglichen Beieinander, wie fern er ihr und allen Menschen eigentlich war. Ich, Johannes Gäntschow – natürlich hatte Papa recht. Papa hatte immer recht!

Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn. Eine Ewigkeit kann liegen zwischen dem Acht-Uhr-Schlag an der Kirche in Kirchdorf und dem Mittagläuten, besonders, wenn im Sommer die Fliegen so summen und Marder seinen fleißigen Tag hat und ihnen nicht von der Pelle geht. Aber ein Tag ist vorbei wie nichts und eine Woche ist versunken – wann war eigentlich Mai? Gestern? Wann haben wir Mutter Bromme die Pantoffeln in ihr Brot eingebacken? 1905? 1906? Weißt du noch, wie du aus unserem Schlitten gesprungen bist, Hannes, damals, ganz im Anfang? Jetzt lacht Eli, wenn er dich nur sieht!

Und der Bullenberger, denkst du noch an ihn?

Und der Storch, den wir gefangen hatten, und du machtest ihm aus einem Gardinenring einen Fußring mit einem Zettel darin, und wir bekamen eine englische Karte aus Hu am Nil?

Sechzehn – und sie werden konfirmiert, aber Hannes ist erfüllt von einem Mann, der Schopenhauer heißt, und grinst über alles. Sechzehn – und sie fahren nach Stralsund unter Marders Obhut, zu einer Prüfung, zu der Einjährigen-Prüfung und bestehen sie, trotz aller Faulheit, mühelos. Und sehen sich an im dreiviertellangen Kleid und der ganz langen Büx, und alles scheint plötzlich ganz anders, nein, nicht plötzlich, sondern unmerklich anders geworden, und sie stellen es nur plötzlich fest.

Sechzehn – und der Bullenberger rührt sich noch einmal, und noch einmal haben sie ein ganz großes Erlebnis miteinander. Sechzehn!

Um den Bullenberger war es manches Jahr sehr still gewesen. Er hauste dort oben in seiner Einsamkeit. Er trieb ein Gewerbe, das kein Fiddichower sonst betrieb, nicht Bauer war er und nicht Fischer, fast wurde er vergessen. Manchmal hieß es, er wohne überhaupt nicht mehr oben, und der Bullenberghof sei wieder leer. Aber dann kamen die Fischerboote in den Hafen zurück und hatten sein rostrotes Segel gesehen, oder der schwarze Martin saß wieder einmal stumm wie ein Fisch viele Stunden im Kirchdorfer Krug, bis er vom jung verheirateten Gastwirt Reese, der sich nach Bett und der neuen, frischen Frau sehnt, an die Luft gesetzt wird, und, in jeder Tasche eine volle Schnapsflasche, die zweiundzwanzig Kilometer Strand nach dem Bullenberge unter seine taumligen Füße nimmt.

Der schwarze Martin hatte manchmal Geld, viel Geld, also ging das Geschäft da oben immer weiter. Und wenn die Fiddichower nichts davon merkten, so darum, weil es eine Art Geschäft war, von dem sie nichts verstanden. In aller Stille ging der Kampf wohl immer weiter. Immer schärfer, immer weiter, oft sagten sie, man hätte doch noch nie so viel und so oft die grünen Zollsoldaten auf der Insel zu Gange gesehen. Und wenn der Landgendarm nur den Namen des Bullenbergers hörte oder gar den langen, immer fruchtlosen Weg zu ihm machen mußte, war jede gute Laune bei ihm hin. Und der bestaufgeklärte Diebstahl konnte ihn nicht mehr freuen.

So was sind ja alles Stümpereien, sagte er verächtlich, aber ein Aas gibt es, wenn ich das einmal fasse ...

Der große, schnapsrotgesichtige Gendarm dachte wohl an die vielen, fruchtlos in den Kiefernkuscheln am Bullenberghof versessenen Nächte, an die unvermuteten Haussuchungen im Dutzend, die stets vergeblich gewesen waren, an den so oft nächtlich gemeinschaftlich mit den Zollsoldaten erkletterten Kutter, der stets sauber gewesen war.

Es hätte doch die einfachste Geschichte von der Welt sein müssen: da hauste ein Mann mit einer großen Familie – von nichts. Und er hielt sich einen schönen, kräftigen Kutter – für nichts. Segelfahrten aus Passion, sagte der Hund, und er bezahlte noch einen Matrosen und bezahlte ihn gut – auch aus Passion, für nichts. Es hätte doch einmal klappen müssen, aber aus dem Nichts wurde immer wieder nichts.

Nein, wenn die Fiddichower auch kaum noch etwas vom Bullenberger in allen diesen Jahren hörten, der Kampf ging wohl immer schärfer weiter. Hier war ein Mann, der nichts hatte als seinen Verstand und seinen Haß gegen die Ordnung der andern, und dort waren die vielen, mit dem Gesetz im Munde und den Waffen in den Händen, und sie bedrängten ihn hart, sie bedrohten ihn, sie überrumpelten ihn.

Zwei Mann, der Bullenberger und der schwarze Martin, dazu vielleicht noch die heranwachsenden, schlauen, gerissenen, harten Wildlinge von Kindern, und auf der andern Seite der ganze Staat in Uniformen, zollgrün und gendarmeriegrün, mit Karabinern, Pistolen, Gesetzesbüchern, Zollvorschriften, Seerecht, Auflagen und vergitterten Fenstern.

Wenn er ein Lump war und ein Betrüger, ein Verbrecher und ein Schmuggler, einen harten Kampf kämpfte er jedenfalls, zäh, als ein ganzer Kerl.

Dann kam der herrlich strahlende Sommermorgen, taufrisch, mit Wind und später sehr heiß, an dem am Fabiansruher Strand erschossen ein Mann lag. Es war gerade in jenen Jahren, da das kleine Fabiansruh ein bißchen in Aufnahme kam als Seebad, und die Sommergäste waren entsetzt, daß da ein schwärzlicher Ermordeter auf dem Strand in einer Blutlache lag, und viele reisten ab. Es war ein schwerer Schlag für die Fabiansruher, es war Anfang der Saison, und das neue Strandhotel war gerade fertig geworden, und sein Besitzer, Lange, konnte leere Zimmer nur schwer vertragen.

Aber was war die Kümmernis in Fabiansruh gegen die Erregung der ganzen Halbinsel? Seit manchem Jahrzehnt war hier kein Mord vorgekommen. Sie waren immer stolz darauf gewesen, daß es so etwas wie Mord oder Einbruch bei ihnen eigentlich nicht gab. Totschlag im Streit, Raufhändel, jawohl, aber nicht Mord oder Einbruch. Nicht von Eingeborenen, nein!

Nun, der Tote, der Erschossene am Fabiansruher Strand, der mit so finsteren, gebrochenen Augen in den strahlenden Julihimmel hinaufstarrte, war auch kein Eingeborener gewesen, sondern ein Landfremder, von dem man nicht einmal den vollen Namen wußte, kurz gesagt also der schwarze Martin. Aber immerhin war dieser Fremde auch der Erschossene, und der Mörder konnte jeder sein, auch jeder Fiddichower. Die ganze Insel brauste auf wie ein Bienenhaus, in das ein Feind eingedrungen ist, und so viele Wagen waren noch nie nach dem abseitigen Fabiansruh gerollt, selbst nicht zu den bäuerlichen Reiterfesten, wie an jenem schönen Sommertag. Aber die Neugierigen kamen nicht auf ihre Kosten: die Blutlache am Strande war schon verschwunden, und der Zutritt zum neuen Strandhotel, in dessen Saal der Tote trotz des schreienden Protestes seines Besitzers gebracht war, lag gesperrt.

Gegen Mittag wurde der Befund der aus Bergen herbeigeeilten Mordkommission schon bekannt: erschossen von hinten, aus etwa dreihundert Meter Entfernung, mit einem Stahlmantelgeschoß aus einer kleinkalibrigen Jagdbüchse oder einem Karabiner. Von unbekannter Hand.

Es war Nachmittag, als auf der Straße von Kirchdorf her der altersgraue Fliegenschimmel des Bullenbergers auftauchte, in einem wilden Trab, den man dem alten Tiere nie zugetraut hätte. Oben auf dem hochrädrigen Landwagen saß der Bullenberger, nur in Hemd und Hose. Losgefahren, wie er war, als ihm die Kinder aus der Schule die schlimme Kunde gebracht hatten. Die Leute traten stumm auseinander, als er vorfuhr. Heute gab es sogar genug Leute, die dem Einzelgänger das Pferd hielten, Wasser für das Tier holten und es mit einem Strohwisch abrieben – an Blut und Trauer kriechen die Menschen immer gern heran und freuen sich an dem Geruch.

Dem Bullenberger sah man nichts an. Er sah finster aus, aber er sah immer finster aus; er sprach kein Wort, aber er sprach nie mit den Leuten ein Wort; er grüßte nicht, aber er grüßte nie jemanden.

Er ging durch die Schwingtür in das Hotel und war weg für eine lange Zeit. Der Ober vom Strandhotel hat später erzählt, wie der große, schwere, schwarze Mann lange vor dem Toten gestanden und ihn betrachtet hat ohne ein Wort, in einem Schritt Abstand, ohne die Miene zu verziehen.

Der Landgendarm hat ihn zwei- oder dreimal aufgefordert, vor die Mordkommission zur Vernehmung zu kommen, aber das ist gewesen, als wenn er in eine Wand hinein redete.

Als der Bullenberger aber lange genug den Toten betrachtet hatte, so daß er sicher war, das Bild saß unauslöschlich in ihm, ist er vor die Mordkommission gegangen, und sein Gesicht hat ebenso verschlossen ausgesehen wie das des Toten. Er hat sich ruhig den Befund angehört, hat auch alle verlangten Auskünfte ruhig gegeben und nur, als er gesagt hat, daß der Tote bei den Fiddichowern keinen Feind gehabt hätte, hat er etwas lauter gesprochen. Als die Herren aber mit ihm fertig waren und ihn fortschicken wollten, ist er stehengeblieben und hat verlangt, daß man den Gendarmen aus dem Zimmer schickte, er habe einen Antrag zu stellen. Man hat ihm schließlich seinen Willen getan, und da hat der Bullenberger beantragt, daß sofort, noch in dieser Stunde, die Karabiner aller Zollbeamten und Gendarmen untersucht würden: denn unter denen sitzt sein Feind und sein Mörder und nirgends sonst.

Die Herren haben ihn ruhig angehört und sich nur manchmal angesehen, und dann hat der Amtsrichter Neumeister gesagt, es werde alles geschehen, was zur Aufklärung dieser fluchwürdigen Tat nötig sein würde. Und als der Bullenberger sich mit diesem Bescheide nicht zufrieden gegeben und verlangt hat, die Untersuchung müsse sofort und in seiner Gegenwart gemacht werden, und alle Zollkutter, die auf Fahrt seien, müßten angehalten und durchsucht werden, da hat der Amtsrichter rasch und leise gesagt, daß die Kommission über seinen Antrag beschließen werde, aber seine Mitwirkung sei weder förderlich, noch zulässig, und er möge nach Haus gehen.

Da hat der Bullenberger einen Trumpf darauf gesetzt und hat sich einen Stuhl genommen und sich an den Tisch der Kommission gesetzt und erklärt, er gehe nicht eher von der Stelle, bis geschehen sei, was er verlangt habe.

Die hatten gut reden und ihn vertrösten, und es sei alles in besten Händen, und er möge nur nach Haus gehen – er saß. Und sie mochten ihn bedrohen und auffordern und den Hotelier rufen und den von seinem Hausrecht Gebrauch machen lassen, der Bullenberger saß fest. Es half ihnen auch nichts, daß sie den Gendarmen riefen und Entfernung mit Gewalt befahlen, der Bullenberger sah den Gendarmen bloß an, und näher als zehn Zentimeter kam ihm des Gendarmen Hand nicht. Da wurde es dem Gendarmen unter dem Blick des Bullenbergers ungemütlich, und er sah die Herren hilfeflehend an. Die aber sahen ein, daß es der rabiate Mann ohne weiteres auf eine Schlägerei ankommen lassen würde, und da sie am Tatorte eigentlich fertig waren, stiegen sie nach geflüsterter Beratung in ihr Auto und ließen den Bullenberger allein sitzen. Da mußte der schon mit seinem Grauschimmel nach Haus fahren.

Es ist peinlich für einen Landgendarmen, wenn er seiner vorgesetzten Behörde melden muß, daß ihm sein Karabiner aus der Wohnung gestohlen worden ist. Es ist noch peinlicher für ihn, wenn ihm sein Haus nachts abbrennt, und er muß mit Weib und Kind im Hemd auf die Straße flüchten. Dem Landgendarm in Kirchdorf geschah beides, und das fröhliche Rot seiner Trinkerwangen verging ihm in diesen Tagen. Es war ja nicht schwer, mit dem Finger auf den Täter zu deuten: wer den Karabiner stiehlt und das Geld im Schranke liegen läßt, hat eine Art Visitenkarte abgegeben.

Am nächsten Tage gab es natürlich Besuch auf dem Bullenberghof, drei Gendarmen kamen gleich auf einmal, aber der Bullenberger war nicht da. Er war seit zwei Tagen nicht zu Haus gewesen. Es war ja zu verstehen, daß der Kirchdorfer Gendarm über den Verlust seines Karabiners wütend war (an jenem Tage hatte es noch nicht bei ihm gebrannt), aber vielleicht war er in seiner Wut bei der Vernehmung von Frau und Kindern zu weit gegangen. Das hätte er nicht machen sollen, sagte viel später mißbilligend der Sagarder Gendarm, die kleinen Kinder bedrohen, daß sie den Vater verraten sollten. Und was er sonst noch gemacht hat ... Er wollte sie ja von Haus und Hof jagen.

In der nächsten Nacht brannte der Gendarm dann ab. Er war von Haus und Hof gejagt.

Aber Besuche auf dem Bullenberghof waren zwecklos geworden, das sahen die Gendarmen nach einem neuerlichen, glühheißen Marsch durch den Sommertag. Der Bullenberghof war geräumt, leer die Stuben, leer die Ställe, das bißchen Hungergetreide runtergetrampelt, die paar Kartoffeln ausgerissen. Es war wirklich unnötig, daß sie noch an den Strand gingen: der Kutter war wirklich weg.

Er wird ja in Finnland Freunde genug haben, wo er bleiben kann. Na, du kannst dich freuen, Wilhelm, bist den Stänkerer aus dem Revier los.

Ja, ja, sagte der Gendarm Wilhelm tiefsinnig. Er hätte sich gern richtig gefreut. Aber es ging nicht. Nicht nur wegen des gestohlenen Karabiners ging es nicht, nicht nur wegen des abgebrannten Hauses nicht, nicht nur wegen des Gefühles nicht, der Bullenberger sehe die Rechnung trotz allem immer noch nicht für glatt an. Er war nicht gerade ein feiger Mann, der Gendarm Wilhelm, selbst vor einem Bullenberger fürchtete er sich nicht gleich. Nein, es war ganz etwas anderes.

Seit vierzehn Jahren machte Gendarm Wilhelm auf Fiddichow seinen Dienst, und er hatte immer das Gefühl gehabt, er komme sehr gut mit den Fiddichowern aus. Ein Gendarm hat es nicht leicht, mit der Bevölkerung gut auszukommen, aber er muß das. Wenn der Magdeburger Wilhelm auch ein Fremder auf dieser nördlichen Halbinsel war, er hatte gemeint, die Fiddichower seien mit ihm warm geworden. Er hatte mit ihnen geschwätzt und gepichelt, er hatte Witze gerissen, und er hatte die düsterste Stimmung verscheuchen können, wenn er, der Provinzsachse, plattdütsch to snacken anfing.

Nun, da er abgebrannt war, nun, da er dachte, alle seine Freunde würden kommen, die Gewerbetreibenden, die Bauern, und würden ihm Quartier anbieten, sie würden sich darum reißen, das oberste Gesetz der Halbinsel bei sich aufzunehmen, nun kam keiner. Mit seinen Kindern und seiner Frau saß er zwischen dem bißchen geretteten Hausrat im Obstgarten. Über ihm, an den versengten Apfelbäumen, saßen häßliche, kleine, schwarze Bratäpfel, und wenn die Leute noch fern waren, so glotzten sie, und wenn sie nahe kamen, so sahen sie zur Erde oder fort, aber niemand sprach ein Wort zu ihm.

Er war zurück von seiner Tour. Er saß da im Obstgarten und grübelte. Es konnte doch keine Schande sein, wenn einem das Haus von einem Verbrecher angesteckt wurde? Oder doch? Er verstand nichts, er saß und grübelte.

Am Mittag kam der Gemeindevorsteher, auch ein sehr guter Freund von ihm, und sagte sehr verlegen und stotternd: So, nun sei die große Stube einigermaßen sauber und in Ordnung, und wenn er so gut sein wollte –? Das bißchen Zeug lasse sich ja leider tragen. Es hätte nicht gelohnt, den Pferden in dieser eiligen Erntezeit die Futterpause zu kürzen.

Die große Stube beim Schulzen wäre nun wirklich gut genug gewesen, aber dem Gendarmen erschien doch der Schulze gar zu rot und stockend. Erst war er erleichtert aufgestanden, aber nun setzte er sich wieder und fragte ganz harmlos: Welche große Stube wohl? Nun ja, er wisse es ja am besten, wie es jetzt sei zur Erntezeit, und überall habe man die Erntearbeiter drin sitzen, und so sei es denn eben die große, die beste Stube im Armenhaus geworden.

Der Gendarm wurde ganz weiß. Er ist doch ein König auf dem Lande, ein stolzer Herr und Gebieter, und nun soll er mit dem Dorftrottel, dem alten Säufer Timmermann, mit der Machulke, die aus dem Kaffeesatz wahrsagt, zusammenwohnen.

Er sitzt da, sehr weiß, seine fetten Wangen zittern, er versteht ja nicht, was geschieht, warum ihm geschieht, was ihm geschieht. Aber im Unglück wird er fester, nichts mehr von der alten Redseligkeit. Der jammernden Frau verbietet er barsch den Mund. Aber in das Armenhaus ziehe ich nicht, und ich bleibe hier sitzen mit meiner Familie, bis du mir anständiges Quartier verschafft hast, verstanden?

Der Gemeindevorsteher hat gut reden und bitten, er redet mit einer Wand. Der Gendarm schickt einen seiner Jungen zu Reese, nach zehn Zigarren und einem Topf Essen. Und als das Essen kommt, und der Schulze quatscht noch immer, fragt er den höhnisch, ob er ihn etwa zum Essen einladen darf? Vielleicht ist bei ihm wegen der eiligen Erntearbeit auch nicht gekocht worden?

Da geht der Schulze. Und der Gendarm Wilhelm sitzt weiter grübelnd da mit seinen sieben Zwetschgen. Jetzt ist ihm ein bißchen mehr verbrannt als Haus und Gerät.

Es ist nachmittags gegen fünf geworden, als der Superintendent Marder über den Graben sagt: Die große Stube im Parterre bei mir können Sie haben, Herr Wilhelm. Und was Sie sonst etwa brauchen, gibt Ihnen meine Haushälterin. Aber – wenn ich einmal merke, daß Sie in meinem Haus Ihren Ernst schlagen, sind Sie draußen!

Wieder sitzt der Landgendarm Wilhelm da. Er sitzt noch eine lange Weile da, ehe er sich entschließt, in die Superintendantur einzuziehen, trotzdem gegen solch Quartier wirklich nichts zu sagen wäre. Aber nun weiß er Bescheid, der kleine Marder hat's ihm deutlich genug gesagt, weil er seinen Ernst mal schlägt, darum sind sie plötzlich alle böse mit ihm.

Der Ernst, sein Ältester, ist nämlich blöde. Und einen Ast hat er noch dazu. Die können's ja nicht verstehen, was das heißt für einen, der zwölf Jahre beim Militär war und der immer noch ein strammer, hübscher Kerl ist, ein Kind zu besitzen, das so schief ist, daß es nicht einmal dienen kann beim Militär, das so blöd ist, daß es nie seinen eigenen Namen wird lesen können. Was das heißt für einen Mann, der sich jeden Tag von oben bis unten kalt abwäscht, einen achtzehnjährigen Jungen zu haben, der im Bett noch immer unter sich macht, die ganze Wohnung verstänkert – davon haben die Holztöffel keinen Schimmer. Daß das wie eine Wunde ist, die sich nie schließt, eine schmerzende Stelle, an die man jeden Tag wieder neu stößt.

Ernst nicht schlagen – jawohl, diese rohen Bauernbiester, in all diesen Jahren haben sie ihm nie ein Wort der Mißbilligung gesagt, nie auch nur angedeutet, daß sie von seiner Schande und von seinem Grimm über die Schande etwas wissen. Aber nun, wo dieser dreizehnmal ausgekochte Verbrecher, der längst im Zuchthaus zu Naugard Wolle spinnen sollte, ihm das Dach über dem Kopf angesteckt hat, jetzt schnappen sie nach ihm, die Hunde?! Jetzt kriechen sie aus ihren Löchern und wollen ihn nicht mehr bei sich, den sie seit vierzehn Jahren an ihrem Biertisch gehabt haben? Nun, sie sollen schon sehen, sie werden schon was erleben!

Er hat keine Ruhe auf dem schönen Zimmer in der Superintendantur, er hängt den neuen Karabiner über und geht los. Er geht so ein bißchen für sich, erst den Weg nach Dreege runter, dann biegt er ab durch das Korn nach Fabiansruh. Er ist nicht ruhig, wenn er da auch ruhig und gewissermaßen gemütlich geht. Er ist wie ein Mann, der starke Zahnschmerzen hatte und ihm ist ein Zahn gezogen worden. Aber die Erleichterung bleibt aus: ihm ist der falsche gezogen, und er sucht jetzt nach dem richtigen, in dem der Schmerz sitzt. Er findet ihn nicht, es scheint überall und nirgends zu sein. Es ist keinesfalls in Ordnung, was er sich da ausgedacht hat, es kann keinesfalls nur deswegen sein, weil ihm sein Haus abgebrannt ist. So dumm sind die Bauern nicht, sie wissen ganz gut, in einem Vierteljahr hat der Staat ihm ein neues gebaut, und er sitzt wieder da in alter Macht und Herrlichkeit. Wenn sie jetzt so frech mit ihm anzubinden wagen, so darum, weil sie sicher glauben, er wird nie wieder in ein neues Gendarmenhaus ziehen, weil sie ihn für einen abgetanen Mann halten, für einen toten Mann. Ja so, für einen toten Mann. Einen toten Mann.

Der Gendarm Wilhelm ist ungefähr hier mit seinen Überlegungen, da begegnet ihm auf dem schmalen Steig, zwischen dem reifen Roggen, eine Frau. Es ist die alte Machulke, die Kaffeesatzprophetin, zu der er heute mittag Wand an Wand ziehen sollte. Sie trägt eine Kiepe auf dem Rücken, und weil der Gendarm Wilhelm jetzt nicht nur ein sorgengeplagter Mann ist, sondern darum doch ein Landgendarm bleibt, so sagt er zu der Alten: Nimm mal die Kiepe runter, Machulken, und zeig, was du drin hast.

Das Theater und das Gerede von dem bißchen Ziegenfutter, das kennt er. Das geht ihm zu einem Ohr herein und zum andern hinaus. Da hört er gar nicht erst hin. Und als sie gar zu sehr spektakelt, hilft er ihr ein bißchen beim Abnehmen der Kiepe, und da er ein kräftiger Mann, sie aber ein altes Weiblein ist, hilft er ihr so, daß sie sich gleich neben ihren Korb setzt.

Nun ja, Ziegenfutter ist wirklich darin, aber es sind fein säuberlich abgeschnittene Zuckerrübenköpfe, und das ist eine Gemeinheit! Denn die jetzt im Sommer geköpften Zuckerrüben wachsen nicht mehr weiter, sondern gehen jämmerlich ein. Es ist eine ganze Menge über solch schändlich geköpfte Zuckerrüben vom landwirtschaftlichen Standpunkt aus zu sagen. Und da Wilhelm ein alter, erfahrener Gendarm ist, weiß er alles aus dem Kopf, was da zu sagen ist, und er sagt es ihr auch, während sie gemeinsam den Weg nach Fidde einschlagen. Denn der Fidder Graf ist der einzige, der auf Fiddichow Zuckerrüben anbaut, und vor seinem Kuhstall soll sie daher auch die gestohlenen Rübenköpfe abladen.

Aber nachdem er ein wenig von ihrer verdammten Frechheit gesprochen hat, im Julimond, wo an jedem Straßengraben wahrhaftig genug Ziegenfutter wächst, Zuckerrüben zu köpfen, hat die Machulken sich wohl mit ihrem Schicksal abgefunden und fängt nun selbst an zu reden, und zwar mitten in seine neuerlichen Überlegungen und Grübeleien hinein.

Es sei ja schön, meinte sie beispielsweise, wenn man selber Kinder habe. Aber daß man darum mit anderer Leute Kindern umgehen könne, sei noch nicht gesagt. Auf dem Bullenberge solle ja einer ein Kind über das heiße Herdfeuerloch mit dem nackten Hintern gehalten haben – aber manche Kinder möchten eben ihren Vater, und dann sagten sie nichts, auch wenn er ein Verbrecher sei. Und manche möchten ihren nicht, ja eben, ihren nicht.

Sie solle die Schnauze halten, meinte der Gendarm und wußte plötzlich, welcher Zahn ihm wehtat. Ihr Giftmaul sei weit bekannt. Sonst könnte sie mal etwas erleben.

Ja, freilich, aber sie habe schon genug erlebt, und der Weg hier sei ja auch einsam genug. Freilich habe sie es in ihrem langen Leben noch nicht gehabt, daß man sie durch den heißen Sommernachmittag wegen ein paar Rübenblättern zwei Stunden weit schleppe. Aber man würde eben nie zu alt, noch etwas dazuzulernen ...

Sie solle ihre Sabbelei lassen ...

Nun, ein Gesetz gäbe es wohl nicht, das ihr den Mund verbieten könne, und sie habe den Herrn Gendarmen nicht gebeten, mit ihr zu gehen. Aber so einsam wie der Strand von Fabiansruh sei dieser Weg noch lange nicht, wenn es mancher auch gern möchte ... Hier war der Moment, wo der Gendarm wußte, ihm tat nicht nur ein Zahn weh, ihm taten zwei weh, drei, vielleicht alle. Und er stellte sich vor die Frau hin, er sah sie starr an mit seinen ausdruckslosen, wasserblauen Augen, und er sagte zu ihr: Wenn du jetzt noch ein Wort redest, Machulken! Wenn du das schon von mir glaubst, der ich vierzehn Jahre hier bei euch Dienst gemacht und mir nie was habe zuschulden kommen lassen, dann kannst du sicher sein, ich kann dich hier auch mit meinen eigenen Händen ... Er war ganz sinnlos vor Zorn und Verzweiflung. Die letzten Tage waren zu viel für ihn gewesen. Er war zu sehr gekränkt.

Jetzt können Sie mir gar nichts mehr wollen, Herr Landgendarm, sagte die Alte höhnisch, da kommt die junge Gräfin und Gäntschows Johannes.

Der Landgendarm sah sich um, und da kamen sie wirklich beide von Fidde her.

Tag, Mutter Machulke, Tag Herr Wilhelm, sagten sie und wollten vorübergehen.

Ach, liebes Fräulein Gräfin, fing die Machulke weinerlich an.

Jetzt sind Sie stille, sagte der Gendarm und meldete, die Hand am Mützenrand, der Christiane: Melde gehorsamst, daß ich die Witwe Machulke mit einer Kiepe voll abgeschnittener Zuckerrübenköpfe erwischt habe. Ich wollte sie eben nach Fidde bringen.

Ach, liebes Fräulein, ach Hannes, was meine Liese ist, die Ziege ... Du bist das also, sagte Johannes wütend, den ganzen Feuchten Grund, wo die besten Rüben stehen, hast du schon geköpft! Es ist eine Schande von dir und eine Gemeinheit ...

Und es war bestimmt das erstemal, und wo ich nichts von dem Ackerbau verstehe, weil mein Alter doch Maurer gewesen ist. Und wenn der Gendarm sagt, ich habe den ganzen nassen Grund geblattet ...

Das habe ich gesagt, erklärt Johannes.

Unbeirrt fuhr die Alte fort: Dem glaubt ja doch keiner mehr was auf der ganzen Insel.

Machulken, sagte der Gendarm drohend.

Und wenn Sie auch auf einem Schloß wohnen, das haben Sie ja wohl gehört, daß der Bullenberger ... Und wenn er hundertmal ein wüster Räuber ist, seine Kinder liebt man und mißhandelt man nicht. Und daß er sie weggebracht hat von hier, das wird schon seinen guten Grund und Ursach' haben. Aber ich verbrenne mir den Mund nicht, wenn sie's auch aus allen Fenstern schreien, die Machulken verbrennt sich ihren Mund nicht, aber wenn Asche reden könnte, die Asche im Bullenberger Herd würde wohl schreien zum Himmel, und die zerkloppten Haselruten sollen ja noch am Bullenberger Birnbaum liegen, wo einer Kinder angebunden haben soll ...

Verlogenes, gemeines Geschwätz, sagte Wilhelm, etwas mühsam lächelnd. Wir sind zu drei Gendarmen dort gewesen, erklärte er den beiden, glauben Sie, daß da so etwas möglich ist? Aber, Machulken, jetzt geht es nicht mehr mit einer Anzeige wegen Felddiebstahl ab, jetzt kommen Sie mit nach Kirchdorf ins Spritzenhaus, wegen Verleumdung und Beamtenbeleidigung.

Natürlich bin ich verlogen, natürlich bin ich gemein, natürlich muß ich noch mit meinen ehrlichen Zweiundsiebzig aufs Spritzenhaus und nach Bergen ins Gefängnis – aber ist nicht aus dem Kaffeesatz für den kleinen Ernst ein Kreuz gekommen?! Ist die eigene Mutter nicht bei mir gewesen und hat gefragt, ob der Vater das Kind leben läßt?

Es ist so still unter den vieren nach diesem Satz, daß man ein schreckliches Knirschen hört. Sie sehen nach dem Gendarmen. Er kaut, er kaut wütend auf seinem rotblonden Schnurrbart, daß die Zähne knirschen. Aber die Machulke ist wild, ihr Mund ist frei, ihre Zunge läuft, sie ist voll, kübelvoll Unrat. Und liegt nicht auch neben dem toten Schwarzen auf dem Fabiansruher Strand ein Kreuz? Nicht sein Kreuz, nein, es ist ein ander Kreuz, und wer heute denkt, er kann gegen die armen Leute seine Hand erheben und sie ins Gefängnis stecken, gegen den wird unser lieber Herr Jesus Christus den Finger aufheben und sprechen ...

Entschuldigen Sie, sagt der Gendarm, die Alte ist wie toll. Kommen Sie, Machulken.

Ich, – fängt Christiane an.

Nein, nicht, sagte Johannes hastig.

Und sie ist still. Eine Weile sehen die vier eins auf das andere. Eine plötzliche Stille ist über sie gefallen, eine Leerheit, als sei schon alles gesagt. Aber was ist gesagt? Das, was die Alte gesagt hat, beginnt schon, sich aufzulösen, gestaltlos zu werden. Was eben noch Kontur hatte, ist jetzt schon wie eine Wolke, deren Ränder zu zerfließen beginnen, aufgelöst von der klaren Sommersonne ... Christiane spürt plötzlich wieder den frischen Seewind im Roggenschlag, wie er in Stößen kommt und die Hitze von ihrem Gesicht abnimmt. Eben war noch alles schwelende Glut, schwelend, die Herzen verbrennend.

Also komm, sagt sie zu Johannes und sieht die beiden andern nicht mehr an.

Der steht nachdenklich. Sein Blick geht hin und her, zwischen der alten Machulke mit dem faltigen, gelben Gesicht und den hellen, grellen Augen und den beiden langen, bräunlichen Zahnhauern im Oberkiefer und dem breiten wohlgenährten Gendarmen Wilhelm, mit den festen, roten Backen und dem in der Sonne glänzenden, kaiserlich aufgewirbelten Bart. Es ist, als wöge er die beiden gegeneinander ab.

Also kommen Sie, Machulke, sagt der Gendarm noch einmal.

Die Rübenblätter schenkt dir Christiane, sagt Johannes plötzlich, die hast du nicht gestohlen.

Aber, fängt der Gendarm an, und kann nicht weiter. Es ist, als hätte er einen Stoß vor die Brust bekommen.

Los, Christiane, sagt Johannes, als sehe er nichts mehr, höre er nichts mehr.

Und die beiden gehen weiter, in den Roggen hinein, nach Fabiansruh zu, ohne sich noch einmal umzusehen.

Komm, Machulken, sagt der Gendarm und strafft sich mit einem Ruck, das wollen wir erst einmal sehen, ob Inspektor Kaliebe des Grafen Eigentum ebenso großkotzig verschenkt wie dieser Bauerntöffel.

Aber die Machulken sagt nichts mehr, die geht ganz ruhig vor dem Gendarmen her, und nur manchmal bleibt sie stehen und schiebt ächzend und leise mit sich brabbelnd die Tragbänder ihrer Kiepe zurecht, als sei sie ganz mit sich allein.

Es ist etwas Schauerliches, wenn ein Mensch aufwacht und entdeckt, wie einsam er ist. Gendarm Wilhelms Leben war Tätigkeit und Bewegung, Reden mit allen Leuten, laute, herzerfrischende Gelächter an vielen Biertischen, Ehrengast auf jedem Hof, für den die Kognakbuddel aus jedem Schrank geholt wurde und die beste Zigarrenkiste vom Schrank herunter. Er hatte eine Frau gehabt, eine etwas ängstliche, schüchterne, leicht zu Tränen gereizte Gefährtin, die er bei guter Laune gern mal umfaßte und auf den Hintern klopfte: Na, Mudding, wie ist das mit uns?

Er hatte außer einem fünf Kinder, fünf rotblonde, gradgewachsene, blauäugige Kinder, die sein Stolz waren. In der Schule bei Kantor Bockmann saßen sie immer unter den Ersten, sie antworteten laut und deutlich, wenn man sie etwas fragte, gaben jedem Fremden unverschüchtert die Hand und gaben auch hier ohne Ziererei Auskunft, wie es sich gehörte. Er hatte eine strafenlose, mit Auszeichnungen bedachte Laufbahn beim Kommiß hinter sich, bei allen Offizieren war er als der verläßliche Feldwebel Wilhelm bekannt gewesen, dem nie ein Dienst zu viel gewesen war und der im schlimmsten Manöverdreck noch einen Witz riß. Er hatte hier auf Fiddichow zwei Landräte erlebt, und trotzdem diese beiden die größten Gegensätze gewesen waren, der eine ein rechter kleiner, bürgerlicher Pedant, der andere ein großer Herr vom Adel, so war er doch bei beiden sehr gut angeschrieben gewesen.

Nun saß er im Dunkeln unter einem Baum im Pfarrgarten und – all das war weg. Nichts galt. Er war grenzenlos allein. Jetzt fiel ihm auf, daß er nie einen richtigen Freund gehabt hatte. Soviel er grübeln mochte, er hatte mit seiner Frau nie ein Gespräch gehabt, das über Dienst, Hauswirtschaft und Ärger hinausgegangen war.

Als er heute nachmittag, am dritten Tag nach dem Zusammenstoß mit der Machulke, nach einem Telephongespräch mit dem Landrat ins Haus gekommen war und ohne ein Wort langsam die grüne Uniform ausgezogen, sie Stück für Stück auf den Bügel gehängt hatte, als der Koppelriemen mit dem Säbel im Schrank war und er den hellgrauen, so ungewohnt lockeren Zivilanzug angezogen hatte, da hätte sie doch ein Wort sagen, eine Frage stellen sollen. Selbst der trockene Landrat hatte ein bißchen tröstend gesagt: Es ist sicher nur ganz vorübergehend, Wilhelm, bis zur Klärung der Sachlage. Aber nein, sie hatte nichts gesagt, nichts gefragt. Da war denn auch er ohne ein Wort in den Garten gegangen, und hier saß er nun schon seit vielen Stunden bewegungslos auf der Bank und versuchte, sich klar zu werden. Die kleine Eva mit dem kupferfarbenen Haar, sein Liebling, war gelaufen gekommen und hatte gesagt: Vater, sollst zum Abendessen kommen, und er hatte den Kopf geschüttelt und nein geantwortet. Aber auch sie war fortgegangen ohne eine Frage. Schließlich konnte er krank sein. Aber nach ihm fragte keiner, nicht ein einziger.

Und warum? War es wirklich wegen dieses lächerlichen Geschwätzes gekommen, wegen des Bullenbergers und wegen des Verhörs von des Bullenbergers Kindern? Aber warum hatten sie solch Geschwätz ausgesprengt über ihn, warum war ein jeder sofort bereit, es zu glauben, vom Dorfschulzen bis zum Superintendenten, von der Machulke bis zur Freiin Fidde? Warum stand nicht einer auf und sagte: Ich kenne doch den Wilhelm seit vierzehn Jahren, der ist nicht so!

Wenn er seine Kollegen Revue passieren ließ, wieviele waren schärfer als er! Mancher war ihm bekannt, der beim Verhör kleine, offiziell nicht erlaubte Druckmittel anwandte, ein Geständnis zu erzielen. Die gingen umher und strahlten in ihrem gewaltigen Glanz, und die Bauern lachten noch, wenn sie erfuhren, wie so einer ein Knechtlein im stillen Stall in die Ecke gekriegt und ihm so lange auf die Zehen getreten hatte, bis ihm der gestohlene Sack Hafer aus dem Maule fiel.

Ja, war es denn wirklich nur wegen des Jungen, des Ernst –? Sollte er jetzt plötzlich dafür bestraft werden, nachdem sich vierzehn Jahre lang kein Mensch darum gekümmert hatte. Ein Kreuz neben ihm, wahrhaftig, ob es der Vater leben ließ – so was sagte so was –, aber auch ein Kreuz neben dem toten schwarzen Martin, was nicht dessen Kreuz bedeutete. Nein, wenn es sein Kreuz bedeuten sollte: er fühlte sich noch ziemlich frisch. Auch ohne Uniform.

Der einsame Mann auf der Gartenbank steht auf und geht hin und her. Es ist dunkel, es muß also nach neun geworden sein. Erst gegen elf wird es wieder hell. Es ist zunehmender Mond, zweites Viertel. Er überlegt das alles, warum, weiß er eigentlich nicht recht. Vielleicht, damit er weiß, daß die drinnen in der Stube nun schlafen. Aber in Wirklichkeit denkt er darüber nach, daß der Superintendent heute den ganzen Tag wieder nicht in seinem Garten gewesen ist, vielleicht kann er eine Abhaltung gehabt haben, aber er kann ihn auch gemieden haben. Am liebsten ginge er jetzt hinauf zu Marder, spräche sich mit ihm aus, aber er hat etwas anderes vor.

Er steigt leise über die Verandatreppe hoch, geht leise über die Veranda und öffnet die Tür zum Zimmer. Während er das tut, fällt ihm plötzlich ein, daß es eigentlich sonderbar ist, daß ihm Marder sein größtes und schönstes Zimmer gegeben hat, dann aber fällt ihm ein, daß man bei diesem Zimmer nicht den Haupteingang benutzen muß, sondern sich seitlich ungesehen einschleichen kann. Darum also – aber er wird jetzt nicht daran denken, er hat anderes vor.

Er geht sachte in das Zimmer, aus allen Winkeln dringen die Schlafgeräusche. Sie schlafen zu zweien und dreien in einem Bett. Sie haben in den letzten Nächten nicht viel Schlaf abbekommen, darum schlafen sie so fest. Der große, früher so selbstsichere Mann mit dem verwirrten Herzen steht lautlos horchend in der Mitte des Raums und lauscht auf all die Atem. Sie sind alle sein, sind alle Stück von ihm, Teil seines Lebens – mögen sie ihn einen rohen Kerl schelten, sie sind doch ein Teil seines Lebens!

Er geht leise an den Schrank, in den er seine Dienstsachen gelegt hat, und findet auf den ersten Griff im Dunkeln die Taschenlaterne. Er geht leise in die Ecke am Ofen. Dort steht etwas allein ein Bett, darin schläft einer allein. Es ist Ernst, den man nicht mit den andern Kindern zusammen schlafen lassen kann. Der Landgendarm Wilhelm steht eine lange Weile bewegungslos vor diesem Bett. Der Atem des Jungen geht still und sanft, nun ist er ruhig, nun ängstet ihn nichts mehr, jetzt verspottet ihn keiner. Der Vater hat gemerkt, daß der Ernst weiß, er ist anders als die andern Kinder, manchmal hat er einen Blick hilfloser Angst, manchmal sitzt er da, als versuchte sein armes, blödes Hirn nachzudenken – aber kann man ihm helfen? Man muß ihn anschnauzen, daß er sich zusammenreißt. Wenn er vor dem Vater Angst hat, denkt er nicht an seine Angst vor den andern.

Der Vater hat die Taschenlampe angeknipst und beleuchtet den Kopf des Jungen. Der schläft ruhig weiter. Ja, es ist noch immer dasselbe Gesicht, das Wilhelm von je so gehaßt hat, der birnenförmige Kopf mit den häßlichen Buckeln, die fliehende Stirn, die breiten, abstehenden Ohren, das schwache Kinn. Aus dem Mund fließt etwas Speichel. Aber der Vater sieht das jetzt mit andern Augen. Es ist ein armes, kleines Gesicht. Die Schatten unter den Augen sind so dunkel, und der Mund des Achtzehnjährigen ist klein, sanft und zart, wie der Mund eines kleinsten Kindes. Sonst hat Wilhelm sich immer über die Sabberei empört, jetzt holt er umständlich ein Taschentuch vor und wischt den Mund ab. Er sieht nun wieder auf das Kind, er prüft es lange, aber eigentlich prüft er nicht das Kind, er prüft das eigene Herz. Ja, er wird Frieden schließen mit seinem Makel, er wird sich nicht mehr schämen und wird es nicht mehr schlagen. Er wird seine Späße mit ihm machen wie mit den andern Kindern.

Er gibt einer plötzlichen Eingebung nach, beugt sich über das Bett und küßt den Jungen auf den Mund. Der wacht auf von dem harten, kratzenden Bart. Zuerst starrt er verständnislos in das nahe, große Gesicht. Dann verzieht sich sein Mund in namenlosem Schrecken, er stemmt die Arme gegen des Vaters Brust, aus seiner Kehle kommen seltsame Gurgellaute.

Ernst, sagt der Vater sanft, ich tu dir doch nichts, Ernst.

Aber der Junge ist verrückt vor Angst. Dies dunkle Zimmer, der enge Lichtkreis mit dem großen Gesicht des Vaters – er möchte die Mummi um Hilfe rufen, aber in seiner Angst kommt er nicht auf Worte. Vielleicht ist da wieder die große Lokomotive, die er heute nachmittag war, oder das Feuerwehrauto, das ihn neulich in der Nacht besucht hat – er schreit angstvoll: Tut! Tut! Pschscht! Pschscht! Tut! Tut!

Der Vater sieht zu den Betten, er wehrt dem Jungen: Nicht Ernst, leise.

Und er legt die Hand auf des Jungen Mund. Aber der beißt zu in seiner Angst und schreit nur noch lauter: Tut! Tut! Pschscht! Pschscht!

Zugleich riecht der Vater, daß der Junge sich wieder vergessen hat. Der Vater wird wütend, er schreit den Jungen an: Bist du ruhig, du Schwachkopf! und drückt den Kopf mit Gewalt in die Kissen zurück. Der Junge brüllt nur noch lauter, die Stimmen der andern Kinder erheben sich aus den Betten: Vater, tu dem Ernstel nichts. Die kleine Eva schreit: Hau nicht, Vater. Ein Kleines fängt an zu heulen ...

Plötzlich steht die Frau im Nachthemd vor ihm. Jetzt melde ich es aber dem Landrat! Alle sagen, du darfst das Kind nicht mehr behalten ...

Er sieht fassungslos seine demütige, verweinte Frau an. Frieda, sagt er, ich wollte doch nur, Frieda ...

Ein paar Schläge tönen gegen die Tür, die ins Innere des Hauses führt. Der Superintendent ruft schallend: Herr Wilhelm, kommen Sie sofort einmal raus!

Wilhelm sieht seine Frau noch einmal lange an. Dann geht er zu der Tür. Der kleine Marder ist rot angelaufen. Mit funkelnden Augen betrachtet er den großen Mann vor sich: Solch Lärm in meinem Haus ist nicht zu dulden! Morgen ziehen Sie aus, ich habe Sie gewarnt!

Der Gendarm Wilhelm steht mit einem seltsam dummen Lächeln an der Wand. Er betrachtet sich den Superintendenten, er sagt gedankenlos: Zu Befehl, Herr Superintendent.

Es ist eine Schande, ereifert sich der immer mehr, was kann denn das arme Kind dafür. Hätten Sie früher weniger gesoffen ...

Freilich, freilich, Herr Superintendent, sagt der Gendarm fügsam. Marder schaut verblüfft. Also gut, sagt er abschließend, ich wollte Ihnen das nur gesagt haben. Morgen oder meinethalben auch übermorgen ziehen Sie.

Zu Befehl, sagt Wilhelm wieder. Er lächelt noch immer und sieht den Superintendenten dämlich an.

Ist Ihnen was? fragt der unwillkürlich.

Was meinen Sie? fragt der Gendarm plötzlich, glauben Sie, Herr Superintendent, es bedeutet etwas, wenn eine alte Frau neben einem Kopf ein Kreuz sieht? Er sieht den Superintendenten fragend an, aber ehe der noch antwortet, spricht er schon weiter: Ich hätte eben beinahe dem Ernstel den Schlund abgewürgt. Dann hätte das eine Kreuz gestimmt. Aber das andere hätte dann nicht gestimmt. Oder hätte es doch gestimmt –?

Er wartet entschieden auf keine Antwort, er spricht mit sich selbst.

Der Superintendent sagt scharf: Ich habe auch schon von diesem albernen Gerede gehört. Benehmen Sie sich wie ein anständiger Kerl und ein ordentlicher Vater. Dann gibt es keine Kreuze. Er seufzt, er sagt geläufig: Die meisten Kreuze laden wir Menschen uns selbst auf. Er denkt noch einen Augenblick nach, und ihm fällt etwas ein: Übrigens, was ich Ihnen noch sagen wollte, Herr Wilhelm, der Bullenberger soll auf der Insel sein. Man hat ihn heute nachmittag in Dreege gesehen.

Wirklich? sagt der Gendarm aufgeregt ... Stimmt es auch sicher?

Mir ist es wenigstens gesagt worden, sagt der Superintendent.

Und ich stehe hier und schwatze, sagt Wilhelm, ich muß schleunigst ... Er bricht ab und denkt wieder nach.

Was müssen Sie schleunigst? fragt der Superintendent. Denken Sie bitte daran, Herr Wilhelm, daß Sie nicht mehr im Dienst sind. Sie haben keine Amtsbefugnisse mehr.

Das wissen Sie also auch schon? sagt Wilhelm spöttisch. Was Sie alles wissen, Herr Superintendent, man kann sich nur wundern. Nur die Pferde lassen Sie verhungern. Das wissen Sie nicht, daß das auch Quälerei ist. Guten Abend.

Er läßt ihn stehen und geht in sein Zimmer. Dort brennt das Licht. Frau und Kinder sind dabei, Ernstel zu beruhigen und zu reinigen. Als er eintritt, werden alle totenstill. Nur das klägliche Weinen des Blöden ist noch zu hören. Er achtet gar nicht auf sie. Er geht schnurstracks auf den Schreibsekretär zu und schließt die Schieblade, in der er seine Waffe hat, auf. Dann steht er überlegend davor. Der Dienstrevolver ist für den Zivilanzug, bei dem er nicht umschnallen kann, eigentlich zu schwer. Dann hat er noch einen Trommelrevolver, aber der ist ein Dreckding, hat ewig Ladehemmungen, und schließlich ist da noch die kleine Ortgies, eine hübsche Pistole. Er hat sie vor einer Woche einem Schnösel von Sommergast abgenommen, der im öffentlichen Fabiansruher Park damit Scheibenschießen gemacht hat. Das kleine Dings hat ihm Freude gemacht. Er hat ein paarmal daraus geschossen. Für den kurzen Lauf schießt sie sehr gut. Aber es sind nur noch zwei Patronen im Magazin und die im Lauf ist die dritte. Allemal genug für einen Kerl wie den Bullenberger. Er sieht nach, ob gesichert ist. Diese Pistole hat so eine hübsche Sicherung, die man mit dem Daumenballen eindrückt – er freut sich direkt darauf, mit dem Dings auf was Vernünftiges zu schießen.

Was willst du? fragt neben ihm seine Frau.

Also, sagt er, steckt die Ortgies in die Hosentasche und schließt die Schieblade ab, du mußt morgen früh als erstes unser bißchen Gelumpe packen. Wir ziehen ins Armenhaus. Er sieht sie zum ersten Male an. Laß man, Olle, sagt er tröstend, es kommt alles schon wieder zurecht. Jetzt schieß' ich erst mal den Bullenberger runter. Dann habe ich bei denen oben eine Nummer, soooo!

Er geht lächelnd zur Tür. Die kleine Eva, die im Hemd an ihm vorbeiwutscht, bekommt noch einen freundschaftlichen Klaps hinten drauf, daß sie aufkreischt.

Jetzt tritt er von der Veranda in den Garten. Es ist noch immer ganz dunkel. Auch im Dorf ist es stockdunkel. Die haben die Beleuchtung nicht angeknipst, weil sie auf den Mond warten. Nun, der Mond wird sie enttäuschen. Mit Sonnenuntergang hat es sich stark bewölkt, und dabei ist es warm. Sicher gibt es noch Regen.

Er geht raschen, sicheren Schrittes erst die stille Dorfstraße hinunter, dann ein Stück Chaussee, dann biegt er in den Feldweg nach Kienholz ein. Es kann noch so dunkel sein, nach vierzehn Jahren Dienst sommers wie winters, mal auf dem Rad, mal auf Botten, kennt man jeden Fußbreit Wegs.

Er schreitet rasch aus, er kann gar nicht schnell genug nach Kienholz und an den Fabiansruher Strand kommen. In Kienholz wohnt der Fischer Liebrecht, den er schon lange im Verdacht hat, mit dem Bullenberger in Verbindung zu stehen. Der Mann hat viel zuviel Geld fürs Saufen übrig, und die Frau, die dumme Trine, hat sich jetzt im Sommer einen Pelz gekauft. Einen Persianer, den sie letzten Sonntag sogar zur Kirche angehabt hat. Er verspricht sich nicht viel von diesem nächtlichen Besuch, aber schaden kann es nicht, da einmal anzuklopfen. Dann wird er auf den Fabiansruher Strand gehen, und daß der erfolglos sein könnte, daran mag er überhaupt nicht denken. Der Bullenberger ist wieder auf der Insel. Also wird er ihn heute nacht treffen und mit ihm abrechnen. Morgen früh aber wird alles wieder in Ordnung sein, er wird wieder seine Uniform tragen dürfen und Freunde haben – nur, er wird ein bißchen anders geworden sein und wissen, was man von diesen Freunden zu halten hat.

Seine fröhliche, aufgeräumte Stimmung während der letzten zehn Minuten auf der Superintendantur ist längst wieder vorüber. Er ist kalt und heiß, von einer hitzigen Wut besessen und wieder voll Träumereien. (Auch Ernstel soll es dann gut haben, ich bin heute abend bloß zu hastig gewesen.) Daß der Bullenberger, der jetzt, da er Familie und Habe weggeschafft hat, eigentlich nichts mehr auf Fiddichow zu suchen hat, doch wieder hier ist, das beweist, daß auch der hier noch etwas abzurechnen hat. Und wenn man einen gestohlenen Karabiner eins rechnet, ein angezündetes Haus zwei, so wird die Nummer drei, die ihn zurückgeholt hat, wohl der Gendarm Wilhelm sein. Das ist ganz tröstlich. Sie suchen sich beide. Also werden sie sich schon treffen. Umsonst ist der nicht öffentlich in Dreege herumgelaufen, und es gibt nur einen Treffpunkt! Vielleicht hat der sogar den Karabiner mitgebracht. Der ist dazu imstande!

Auch das hat seinen Vorteil: er kann morgen früh gleich melden, daß er seine Dienstwaffe wieder hat. Vor dem Schießen ist ihm nicht angst. Er hat immer das schnellste Auge, die flinkste, sicherste Hand gehabt. Darauf allein kommt es an. Man muß schon knallen, ehe der andere die Hand noch am Abzug hat, das kann er.

Das Haus des Fischers Liebrecht ist gleich das zweite rechter Hand in Kienholz. Es ist aber gar kein richtiges Haus, nur eine jämmerliche Kate. Würdig der vier andern, zerstreut am Kiefernwald liegenden Katen, die die ganze Siedlung Kienholz ausmachen. Im Hause von Liebrecht brennt noch Licht, das kann man trotz der fest angemachten Läden sehen. Der Gendarm schleicht auf Zehenspitzen heran und sucht durch die Spalten der Läden ins Zimmer zu spähen. Er kann nichts ausmachen wie ein Stück kahle Wand und etwas Ofen. Nun lauscht er. Er hört das eintönige Gemurmel einer Männerstimme. Dann wird es still, und nun wieder das Gemurmel.

Wilhelm geht rasch an die Tür, schlägt stark dagegen und ruft: Aufmachen, Gendarmerie.

Sofort geht das Licht aus, das Gemurmel ist erstorben, Totenstille. Fast kommt es ihm unheimlich vor, wie er hier in der dunklen Nacht steht und mit der Faust gegen eine Tür hämmert. Einen Augenblick überlegt er. Dann zuckt er die Achseln und geht weiter. Er hat ja von vornherein gewußt, daß dieser Versuch zwecklos ist.

Dreihundert Meter hinter Kienholz fängt schon Fabiansruh an. Nach den altersgrauen, schiefen Fischerkaten die sauberen Villen eines neuen Gewerbebetriebes. Aber, trotzdem es doch hier Sommergäste gibt, Berliner, die nie ins Bett finden können, ist es auch hier totenstill. In manchen Villen brennt wohl noch Licht, aber auf der Straße ist niemand. Sie warten wohl für ihren Abendbummel den Mondaufgang ab, wenn sie überhaupt wissen, diese Städter, wann so etwas ist: Mondaufgang.

Wir müssen fertig sein, ehe der Mond hoch ist, überlegt Wilhelm. Nachher wimmelt alles von diesen Fatzken in Flanellhosen mit ihren Mädchen.

Er geht hastiger. Bis zum Mondaufgang ist höchstens noch eine Viertelstunde, überzeugt er sich auf seiner Uhr mit einem Streichholz. Bis der Mond hinter den Bäumen richtig hoch ist, kann es noch zwanzig Minuten dauern. Immerhin, die Zeit ist knapp.

Er biegt zwischen ›Immergrün‹ und ›Seeblick‹ in einen Dünenweg ein, überschreitet den sehr schmalen Dünengürtel und geht durch den hellen Sand, so rasch es sich nur machen läßt, abwärts zum Strand. Er muß sich etwas links halten, die Stelle muß etwas links gewesen sein. Trotz seiner Aufregung – er fühlt, daß er aufgeregt ist, aber seine Aufregung kommt allein aus der Furcht, daß der Bullenberger nicht rechtzeitig da sein könnte –, trotz seiner Aufregung muß er grinsen. Die Badeverwaltung hat sich nicht damit begnügt, den blutgetränkten Sand fortschaffen zu lassen (Wo sie nur damit abgeblieben sind? Na, sicher untergebuddelt!), nein, sie hat gerade diesen Strandteil mit einem ganzen Aufmarsch von Strandkörben versehen, Dutzende von Fahnenstangen aufgestellt. Wilhelm hat schon davon gehört, daß das ganze Dorf Fabiansruh eine Nacht hat durcharbeiten müssen, um diesem Strandabschnitt ein recht fröhliches Aussehen zu verleihen. Nun, morgen früh werden die nicht sehr zufrieden sein, wenn sie die neue Bescherung sehen.

Den Gendarmen irritiert dieser Aufmarsch von Burgen, er findet sich wirklich im Augenblick nicht zurecht. Ein paarmal visiert er zu den Dünen hinüber. Die Kommission hat damals ausgemacht, daß der Mörder hinter einer kleinen Kieferngruppe versteckt gestanden haben muß, aber es ist zu dunkel, er kann diese Kieferngruppe nicht sehen. Er muß warten, bis es heller geworden ist, die Luft wird jetzt schon ein ganz wenig sichtiger, aber wenn es heller geworden ist, ist es auch zu spät. Zwei oder drei Minuten läuft er ziellos und ärgerlich zwischen den Sandburgen herum, dann setzt er sich auf einen Wall. Wenn der kommt, merkt er es schon, und wenn er nicht kommt ...

Ja, da sitzen Sie richtig, sagt eine kratzige, rauhe Stimme.

Der Gendarm Wilhelm springt mit einem Satz auf und starrt in den dunklen Strandkorb. Jemand sitzt drin. Irgendwie überkommt den Gendarmen nach all der Spannung der letzten Stunde das verrückte Gefühl, es sei das gar nicht der Bullenberger, der da sitzt. Irgendein Badegast vielmehr, der ironisch gegen die Beschädigung seiner Burg protestieren will.

Sind Sie das? fragt er atemlos.

Ich schieße nicht von hinten, sagt die tiefe Stimme wieder, ich hätte Sie schon abknallen können, wie Sie vorhin auf der Straße Ihre Uhr anleuchteten. Aber ich schieße nicht von hinten.

Ich auch nicht, sagt Wilhelm wütend und reißt an der Pistole, die im Taschenfutter festsitzt. Er hat sich das so vorgestellt: Hinhalten und los. Aber alles, was wahr sein muß, der hätte ihn schon zehnmal abknallen können.

Er hat jetzt die Pistole frei und hält sie unschlüssig in der Hand.

Den schwarzen Martin haben Sie jedenfalls von hinten abgeschossen, sagt der Bullenberger.

Glauben Sie auch diesen Blödsinn, Mann, ruft Wilhelm. Den hätte ich jederzeit abschießen können, ganz öffentlich, und erklären können, er hat Streit mit mir angefangen, er hat sich seiner Verhaftung widersetzt, er hat mich bedroht. Das habe ich wahrhaftig nicht nötig, ihn von hinten auf dreihundert Meter abzuknallen.

Der Bullenberger schweigt eine Weile. Ist das so? fragt er sich halblaut. Dann kann es nur ein Zöllner gewesen sein.

Wer es gewesen ist, will ich gar nicht wissen, ruft Wilhelm. Ich war's nicht.

Der Bullenberger schweigt wieder. Plötzlich aber sagt er: Nein, wer Kinder quält, ist auch feige, und wer feige ist, schießt von hinten. Du bist es gewesen und kein anderer.

In Wilhelm kommt eine Welle von Wut und Trauer hoch. Aber er bezwingt sich. Und daß ich hierher gekommen bin, ist das etwa auch feige? Ich bin gar nicht mehr im Dienst. Ich hätte fein zu Haus bleiben können.

Eben weil du nicht mehr im Dienst bist, darum mußt du Mut haben. Daß du wieder in den Dienst kommst.

Der Gendarm überlegt fieberhaft. Aber dann sagt er etwas ganz andres, etwas, an das er eben noch nicht gedacht hat: Wir müssen schnell machen, sagt er, der Mond ist gleich hoch und die Gäste kommen an den Strand.

Was gehen mich die Gäste an? fragt der Bullenberger brummig, aber er steht doch auf und steigt über den Burgwall. Du hast es sehr eilig, tot zu sein. Es gefällt dir nicht mehr in deiner blanken Haut, was? Keine Freude mehr, wie?

Wilhelm hat sich das so einfach gedacht, Pistole hoch und los. Aber all das geht nicht mehr, fühlt er. Also los, sagt er.

Na schön, sagt der Bullenberger, paß auf. Wir stellen uns beide unten ans Wasser, zehn Schritte Abstand. Ich zähle bis drei, und wir schießen gleichzeitig. – Ich müßte wohl eigentlich auch eine Pistole nehmen, sagt er nachdenklich. Aber du sollst mit deinem eigenen Karabiner aus der Welt.

Ich habe den schwarzen Martin nicht erschossen, sagt Wilhelm hartnäckig.

Der Bullenberger antwortet nicht, sondern geht voraus, zum Wasser hinunter. Da stell dich hin, sagt er.

Nun fängt er an, den Abstand zu zählen: Eins, zwei, drei, vier ... Dann baut er sich auf. Sie stehen sehr nahe beieinander. Trotz der Dunkelheit kann Wilhelm die schwere, massige Gestalt des Bullenbergers deutlich sehen. Er hebt langsam die Pistole. Dabei merkt er, daß seine Hand zittert.

Ich bin ja aufgeregt, denkt er. Was für ein verrücktes Zeug! Darf ich denn so etwas überhaupt machen? Ich bin ja erledigt, wenn die morgen feststellen, wie ich ihn aus dem Leben gebracht habe. Einfach losdrücken. Bei Verbrechern gibt es keine Treue.

Aber er drückt nicht los. Er horcht auf die Wellen, die ganz leise plätschern, den Strand hinauflaufen, er sieht nach der Düne, über der es vom hochkommenden Mond licht wird.

Warum zählen Sie nicht, ruft er ärgerlich, es ist gleich hell, und die Leute kommen.

Der antwortet nicht.

Plötzlich muß Wilhelm an das Gesicht seines Jungen im Bett denken, wie es sich in schrecklicher Angst vor dem Vater verzog – und er späht nach dem Gesicht drüben.

Ich habe den schwarzen Martin nicht erschossen, sagt er noch einmal.

Keine Antwort.

Das ist so mit der regungslosen Gestalt da drüben, daß sie sich manchmal in das Nachtdunkel aufzulösen scheint. Wilhelm glotzt und glotzt, nichts – und dann ist sie wieder da.

Zählen Sie doch los, Bullenberger, schreit er laut.

Keine Antwort.

Die Gestalt steht da, ist fort, ist wieder da. Er läßt verzweifelt den Arm sinken, er ist in Versuchung, hinüberzulaufen und den Bullenberger an den Schultern zu schütteln, ob er auch wirklich ist.

Zählen Sie! schreit er noch einmal.

Nichts – nur die kleinen Wellen und die Scheibe des fast vollen Mondes, die sich über den Dünenrand hebt. Plötzlich erklingen aus nächster Nähe, aus dem Garten einer Villa wohl, Stimmen von Sommergästen. Er hört ein Mädchen lachen. Ach, die guten, warmen Bauernmädchen im Stall, oder auf der Heuwiese, oder im Roggen ... Eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem Leben schüttelt ihn, nach festem Fleisch, nach warmem Brot, nach den frisch betauten, krachenden Äpfeln, die man auf dem Wege von einem Baume pflückt.

Er erhob rasch die Pistole und drückte los.

Der Knall, trocken und überraschend leise, erschreckte ihn.

Warum haben Sie nicht gezählt! wollte er rufen.

Da klingt es von drüben: Vorbei! Er erhält einen sanften Schlag gegen die Brust, plötzlich sind seine Knie weich, er möchte die Pistole hochbringen, und seine Finger spreizen sich und lassen sie fallen, sanft sinkt er rückwärts auf den Sand.

Der Bullenberger, der sich über ihn beugt, sieht, es ist gleich vorbei. Jetzt ist der Mond hoch genug, daß er das wachsgelbe Gesicht erkennen kann, den haltlos schlaffen Unterkiefer, die Augen, die das Weiße hervorzudrehen beginnen.

Hast doch zuerst geschossen, Lump, sagt er.

Der Sterbende tut einen gewaltigen Atemzug, auf dem Wege fort von dieser blühenden Erde hat die kratzige böse Stimme ihn erreicht. Er sagt mühsam und sieht den Feind stark an: Ich habe den schwarzen Martin nicht erschossen.

Der sich über ihn beugt, schüttelt abweisend den Kopf.

Nein, sagt der Sterbende.

Hast ihn erschossen, hast jetzt auch zu früh geschossen, Kinderquäler, sagt der Bullenberger.

Der will noch etwas sagen, er richtet sich halb auf, er sieht flehend den Feind an, seine Lippen probieren den Laut, aber da kommt der große, ekelhaft laue, erstickende Strom Blut, und er sinkt zurück, ohne die letzte Beteuerung, der doch niemand glaubt, gesprochen zu haben.

Der Bullenberger wirft den Karabiner über die Schulter. Gegen die andere, in die ihn die Kugel des Gendarmen traf, drückt er die Hand und geht gegen die Dünen zu. Plötzlich sieht er sich auf drei Meter Entfernung einer Gruppe von Badegästen gegenüber, die ihn bleich anstarren. Guten Abend, sagt er gedankenlos. Dann besinnt er sich. Er sagt: Nichts mehr zu machen. Schon tot.

Und geht zwischen den Gästen durch, den Dünenweg hinauf. Ihn schwindelt etwas. Dann hört er, als er zwischen »Immergrün« und »Seeblick« ist, eine Stimme schrill jammern. Ach die! sagt er ärgerlich, überquert die Chaussee und taucht auf der andern Seite in den Wald.

Die Leiche des Gendarmen war sofort gefunden worden, und sofort kam die Insel in Aufruhr. Verschlafene Postagenturen und öffentliche Fernsprechstellen über ganz Fiddichow hin wurden wachgeklingelt, Boten durch alle Dörfer geschickt, alle Fischer zu ihren Kähnen beordert.

Der Mörder ist noch auf der Insel, er muß sofort gefaßt werden, ehe er fliehen kann. Morgen, haben sie ihn bis morgen noch nicht, werden sie alle Getreidefelder abstreifen, alle Kiefernschonungen durchdrücken, die ganze Halbinsel wird auf den Beinen sein. Vor allen Häusern stehen die Leute die Nacht hindurch und sehen auf die mondbeglänzten Wege, ob der Mörder gegangen kommt. Die wildgewordenen Hunde heulen ein nie endendes, klagendes Gebell zum Himmel. Neben jedem Kahn steht sein Schiffer und hält Wacht.

Wie die Nacht vorrückt, kommt das Auto der Mordkommission tutend und jagend von Bergen in Fabiansruh an, vollgepackt mit Juristen, auf den Trittbrettern stehen Gendarmen. Und mehr und mehr Gendarmen kommen auf allen Wegen, auf ihren Fahrrädern oder zu Fuß, mit bestaubten Schuhen und Gamaschen.

Langsam wird der Mond blaß, und die frühe Sonne steigt strahlend über den Horizont. In Kirchdorf hängt der Landrat mit seinen beiden Sekretären an den Telephonen des Orts, die ganze Halbinsel wird in Kessel eingekeilt, und es ist kaum sieben, so marschieren die Dörfer aus, die Schützen mit Flinten, die Treiber mit Knarren, die Hunde jaulend an den Riemen zerrend, als gehe es zur winterlichen Hasenjagd.

Treibjagd auf Fiddichow! Treibjagd auf Fiddichow!

Dem Bäcker Lenz aus Riek jagt ein unvorsichtiger Schütze eine Ladung Schrot ins Gesicht. Er verliert das Augenlicht. Den Bullenberghof fassen, keiner weiß wieso, Flammen, und der Brand greift in die trockene Kiefernschonung über. Es dauert viele Stunden, bis man dreißig, vierzig Mann zusammen hat, um das Feuer einzudämmen.

Am Abend geht alles müde und verärgert nach Haus. Keine Spur, nicht einmal eine Spur. Am nächsten Tag suchen nur noch die Gendarmen. Am dritten Tag fährt die Mordkommission wieder nach Bergen zurück, und allmählich, in den Tagen und Wochen, die folgen, klingt die Erregung ab. Der Bullenberger ist nicht mehr auf der Insel. Nie wieder wird er sich dort sehen lassen. An die preußische Gesandtschaft in Finnland schreibt die Regierung Briefe.

In jener Nacht, der großen Menschentreibjagd auf Fiddichow, war auch bei den Gäntschows gegen das Fenster geklopft worden von einem Nachbarn. Oben die Kinder in der Dachstube waren davon wach geworden und hatten dem aufgeregten Gerede des Nachbars gelauscht.

Hör zu, Malte, dein Bullenberger ...

Wieso mein Bullenberger? ruft Hannes oben aus dem Fenster dazwischen. Bullenberger ist mir »ignotus«.

So was macht er jetzt gern, der Johannes, nicht aus Bildungsprotzerei, sondern um Ruhe vor seiner Familie zu haben, um sie alle abzuschrecken, um sein Privatleben führen zu können. Sagte es so hin »ignotus«, als müßte es jeder verstehen. Ach so, natürlich, sagten die andern betreten.

Wie der Sohn, so der Vater. Vielleicht dachte der Malte Gäntschow an eine Eisscholle vor fünf Jahren, aber er drückte es so aus: Was gehen mich die Verbrecher an, Nachbar?! Laß die Gendarmen doch aufpassen. Mich dünkt, dafür bezahlen wir unsere Steuern. – Ach was, guten Abend.

Und das Fenster schrammt zu. Stille im Bauernhof, nächtliche Stille über dem Land.

Es mag etwa eine Stunde vergangen sein, da schleicht ein Junge leise die Treppe hinunter, auf dem Hofe erst zieht er die Schuhe an. Einen Augenblick steht er auswählend bei der Hundemeute, die sich leise winselnd um ihn drängt. Dann sagt er: Na komm, Perle, und knotet die Freudeblaffende an einen Bindfaden. Stille bist du. Ganz stille.

Aber ein Fenster ist schon gegangen, und des Vaters Stimme fragt halblaut: Bist du das, Hannes?

Ja, sagt der Junge leise und steht stocksteif.

Der Vater sagt nichts, aber das Fenster geht auch nicht wieder zu. Der Mond ist hell auf dem Hof, und der Junge steht regungslos da.

Mit dem Hof ist nichts, sagt der Vater.

Nein, sagt der Sohn.

An den Futterrüben hoch, sagt der Vater, dann zwischen Roggen und Weizen durch, beim Erpelloch vorbei, wo die Kiefernkuscheln stehen, quer über die Chaussee, erst gut nach beiden Seiten sehen ...

Ich pass' schon auf, sagt der Sohn.

Welchen Hund hast du? fragt der Vater.

Perle, sagt der Sohn.

Richtig.

Ich geh' dann, Vater.

Wenn was Besonderes ist, kannst du gegen die Scheibe kratzen. Sonst läßt du mich besser aus.

Ja, Vater.

Gute Nacht.

Gute Nacht, Vater.

Der Sohn steht noch eine Weile still, trotzdem das Fenster schon zugegangen ist. Ein starkes Gefühl für den wortkargen Mann dahinter liegt in seinem Herzen. Jetzt gibt es nichts mehr zu streiten und schimpfen mit Vater, wie vor vier, fünf Jahren. Der Vater hat sich aufgefangen. Nichts mehr von Trinken. Keine täppischen Verbrüderungen mehr, die nachher in Streit enden – dagegen ein sorglich gepflegter Hof, heile Dächer, gestrichene Türen, glattes Vieh. Der beste Hof inselauf, inselab. Auch Geld – wahrhaftig, alles ist da. Aber vor allem ist ein Kerl da, zwei scharfe Augen unter buschigen Brauen, die alles sehen. Ein Verstand, vielleicht langsam, aber das Herz hilft, und dann geht alles. Der Junge da mit dem Hund, der eine Freundin, eine Art Schwester hat, mit der er alles bereden kann, der nie mehr allein sein muß, weiß schon seit langem, wie unendlich einsam dieser Mann ist. Niemanden, mit dem er sprechen kann. Nein. Er war ein Mann aus dem Dutzend, er ist in eine Rolle gescheucht worden, das Schicksal hat auf ihm herumgeschlagen, es hätte ihn zu Brei schlagen können. Eine Weile sah es so aus. Aber dann hat es ihn hartgehämmert. Nun paßt die Rolle. Er ist Gottvater auf einem Bauernhof. Herr über Menschen und Vieh. Er unterhält sich nicht. Wenn er den Mund auftut, befiehlt er, und die Pferde ziehen an, oder er sagt: Laß mich lieber aus – und er wird ausgelassen. Befehle, Anordnungen, Obensein, Gottvatersein –, aber Gottvater liegt hinter jener Scheibe wach und wird warten, bis er wieder den Schritt seines Jungen auf der Treppe hört.

Jetzt geht er langsam gegen die Chaussee. Er schaut nach links: in Kirchdorf brennen viele Lampen. Er schaut nach rechts: in der kleinen Arbeitersiedlung ist es auch hell. Zwecklos, hier zu warten. Der Junge marschiert den Weg zurück, aber er geht nicht wieder auf den Hof, ein Bett wartet auf ihn, aber das muß er warten lassen. Denn er hat jetzt eine Aufgabe. Er umrundet Ställe und Scheune. Als der Hund und er um den Geräteschuppen kommen, fängt der Hund an, stöhnend an der Leine zu ziehen. Hier ist es dunkel. Zusammengefahrene Feldsteine liegen in Haufen, zwei Berge Kompost, auf der Stelle, wo winters die Kartoffelmieten liegen, ist Mais gesteckt, der schon ziemlich hoch ist. Der Mond steht hinter dem Kuhstalldach.

Der Hund zieht stärker an der Leine. Er brummt jetzt drohend. Johannes bückt sich und hält ihm die Schnauze zu, mit der andern Hand faßt er ihn kurz an der Leine. So geht es auf den dunklen Schatten des Kuhstalls los.

Weißt du schon Bescheid? fragt der Mann, der sich dort im Sitzen gegen die Silberpappel gelehnt hat.

Ja, sagt Johannes.

Ein seltsames Gefühl überkommt ihn, seit jener Nacht in der Kajüte hat er diese kratzige, tiefe Stimme kaum mehr gehört. Ihm ist, als sei er wieder ein kleiner Junge und ängste sich sehr. Aber er sagt: Und das ganze Land weiß auch Bescheid. Überall sind sie auf den Beinen.

Hab's gemerkt, sagt der Bullenberger.

Der Junge steht und wartet. Er hält immer noch dem Hund, der winseln, bellen möchte, die Schnauze zu.

Bring den Hund weg, sagt der Bullenberger plötzlich heftig. Ich bin kein Stromer, der sich anbellen läßt. Ich schlage deiner Töle den Schädel ein.

Ja, sagt Johannes.

Halt, ruft der Bullenberger. Bring ein Handtuch mit, daß ich den Arm reinhängen kann, und was zum Verbinden. Dann Schnaps, mindestens ein Wasserglas voll. Und klares Wasser. Verstehst du?

Ja, sagt der Junge und geht eilig.

Perle bindet er an vorm Haus und redet eindringlich zu ihr. Sie versteht, daß sie ruhig sein muß. Sie legt sich hin und fegt den Sand mit ihrer buschigen Rute, zum Zeichen, daß sie alles tun wird, was er will. Der Junge kratzt leise gegen die Scheibe.

Ja? fragt sofort der Vater.

Du mußt mir Kognak geben. Er hat was abgekriegt.

Schlimm?

Weiß nicht. Am Arm. Er ist schlapp, schimpft nur, steht aber nicht auf.

Schnaps gebe ich dir mit in einer kleinen Flasche. Aber jetzt gibst du ihm gar nichts, sondern erst unterwegs, wenn er schlappmachen will.

Gut, Vater.

Nach einer Weile ist der Junge wieder draußen.

Wo ist der Schnaps? fragt der Bullenberger gleich.

Keiner im Haus, sagt der Junge. Hier haben Sie Wasser.

Der Bullenberger schnüffelt. Du lügst doch nicht? Deine Finger riechen nach Schnaps.

Ich hab' die Kognakbuddel vom Vater nachgesehen, es war aber nichts mehr drin, lügt der Junge.

Wenn du Geschichten machst! droht der Bullenberger. Es kommt mir jetzt auf keinen mehr an. Auch auf dich nicht.

Jetzt wollen wir verbinden, sagt Johannes. Wo sitzt es?

Der Mann flucht und schimpft beim Verbinden. Einmal sagt er dazwischen: Keine Chance, von eurer gottverdammten Halbinsel herunterzukommen?

Keine, schüttelt der Junge den Kopf.

Und hier bei euch?

Viel zuviel Menschen auf dem kleinen Fleck, sagt der Junge.

Na also, gehen wir. Gerne tu ich's nicht. Aber was hilft es!

Warten Sie noch einen Augenblick, ich hole den Hund.

Ich will deine Töle nicht sehen.

Überall sind heute nacht Menschen unterwegs, sagt der Junge, und Perle riecht alles.

Na schön, sagt der Mann.

Dann gehen sie los. Der Bullenberger hat sich zusammengerissen. Vielleicht hat er wahnsinnige Schmerzen. Er wird wohl auch schon Fieber haben. Manchmal meint der Junge, ihn hinter sich mit den Zähnen klappern zu hören, aber er geht sehr rasch, sehr gerade und unendlich leise und vorsichtig. Einmal hören sie von einem Feldweg her Stimmen, und sie stehen lange, lange im Korn und warten. Der Bullenberger stützt sich auf des Jungen Schulter, er stützt sich mit seinem ganzen, großen Gewicht darauf, aber Johannes drückt das Kreuz durch und erträgt den schweren Mann. Dann können sie wieder weiter. Sie gehen immer nur Feldraine. Wenn sie einen Weg kreuzen müssen, geht Johannes voran und läßt Perle schnuppern. Jetzt hat das Tier völlig begriffen, daß es leise sein muß. Es ist von dem Fieber der andern angesteckt, es sucht und windet eifrig. Beim Erpelteich sagt der Bullenberger kurz: Mal was trinken. Er läßt sich schwerfällig auf die Knie herunter. Dann aber ist es, als fiele er vornüber; er liegt bäuchlings auf der Erde am Teichrand, schlürft das Wasser und kommt nicht wieder hoch.

Zeit, daß wir endlich hinkommen, murmelt er, geht nicht mehr lange. Er lacht plötzlich. Junge, eben hättest du mich leicht loswerden können. Ein Schups, und ich wäre versoffen.

Sie haben mich ja auch nicht versaufen lassen, sagt Johannes.

Ja, richtig, sagt der Bullenberger. Du denkst noch daran? Komisch. Ich glaube beinah, dir wird es nochmal leid tun, daß du noch daran denkst. Er schüttelt den Kopf.

Wir müssen weiter, mahnt Johannes.

Ich glaube, sagt der Bullenberger und macht keine Anstalten aufzustehen, ich komme nicht wieder hoch. Hier werde ich wohl sitzen bleiben.

Der Junge betrachtet ihn prüfend. Aber hier können Sie nicht sitzen bleiben. Es ist zu nah am Weg. Also schön. Hier, trinken Sie, aber nur einen Schluck.

Er reicht ihm die Kognakflasche.

So? sagt der Bullenberger in einem ganz andern Ton und nimmt die Flasche, so? Du hast also doch Schnaps?! Warum hast du vorhin gelogen?

Weil Sie den Kognak erst haben sollen, wenn es ganz nötig ist.

Der Bullenberger schreit fast: Wer sagt das?

Ich, antwortet Johannes.

Gelogen! Was weißt du von Schnaps? Mit wem hast du über mich gesprochen, als du im Haus drin warst?

Mit keinem.

Gelogen! Erst hast du zum Wasserglas voll Schnaps ja gesagt, und dann war keiner da, und nun ist welcher da, wenn es ganz nötig ist. Wer? frage ich.

Wenn Sie, sagt Johannes, etwas gewußt haben vom schwarzen Martin, das haben Sie jedem erzählt, der gefragt hat, nicht wahr?

Halt, stop, sagt der Bullenberger leiser, kiek mich an. Wie heißt du? Gäntschow?

Ich hätte gut in meinem Bett bleiben können, sagt der Junge. Keiner hat mich rausgescheucht. Nicht einmal die Hunde haben angeschlagen.

Er hat recht, sagt der Bullenberger zu sich, außerdem heißt er Gäntschow. Manchmal will man es nicht mehr glauben. Alles Wanzen und Läuse. Wie viele haben von mir gezogen auf der Insel. Sie werden jetzt lustig auf mich jagen. Also gib her die Buddel.

Aber nur einen Schluck!

Versteht sich, sagt der Bullenberger und nimmt einen Schluck, der die Flasche zur Hälfte leert.

Nun aber schnell los, so lange es vorhält.

Sie gehen wieder, gehen wieder im gleichen Tempo.

Was wird die kleine Gräfin sagen? fragt der Mann hinter ihm.

Darüber machen Sie sich keine Gedanken, antwortet der Junge vorn.

Wird sie noch daran denken, was wir ausgemacht haben?

Ebenso wie ich, sagt der Junge.

Eine Weile sind sie still.

Was sagst du zu alledem? fragt der hinten vorsichtig.

Besser sagt man nichts, antwortet der Junge.

Wie denkst du über den Wilhelm?

Hören Sie, sagt der Junge und bleibt stehen, ich bringe Sie hin und verstecke Sie und werde Sie füttern und fortschaffen von der Insel, wenn es so weit ist – aber ich will nie, nie, nie ein Wort mit Ihnen darüber reden!

Sein langes, braunes, sommersprossiges Gesicht zuckt. Er tut ein paar Schritte und bleibt wieder stehen. Und daß Sie sich nicht einfallen lassen, mit Christiane ein Wort darüber zu reden!

Schönschön, sagt der Bullenberger brummig, und sie gehen weiter. Aber nach einer Weile kann es der Bullenberger doch nicht lassen. Er fragt: Du findest wohl auch, daß ich ein ziemlich dreckiger Mörder bin?

Der Junge dreht sich leidenschaftlich um. Er ist so erregt, daß er sich mit der Faust auf die Brust schlägt: Was ich finde, das ist meine Sache! Ich schaffe Sie aus dem Wege. Begreifen Sie nicht, Mann, daß ich mit Ihnen nicht quatschen will?

Gut, gut, sagt der Bullenberger ganz friedfertig, gib mir noch einen Schnaps, Junge.

Er trinkt die Flasche aus, der Junge steckt sie sorgfältig ein.

Nun kommen wir über die Chaussee. Wenn wir das glatt geschafft haben, sind wir gleich da. Ich gehe voraus.

Nach einer Weile holt er den Mann nach, und wieder nach einer Weile: Setzen Sie sich hier auf die Bank. Es kann eine Zeit dauern. Ich muß sehen, daß ich irgendwo ein offenes Fenster finde, wo ich einsteige. Ich muß in ihr Schlafzimmer schleichen, sie wecken ...

Kieke da, mein Junge, grinst der Bullenberger, du scheinst die kleine Gräfin ja hübsch ...

Er bekommt einen Schlag ins Gesicht, daß er auf der Bank den Halt verliert.

Sagen Sie so etwas noch einmal –!

Der Bullenberger richtet sich mühsam auf. Er ist sonst kein Mann, den man ungestraft ins Gesicht schlägt, aber für dieses Mal bleibt es dabei.

Verzeihen Sie, sagt der Junge mühsam, ich habe vergessen, daß Sie verletzt sind. Aber Sie dürfen so etwas nie wieder sagen. – Also ich komme wieder, so schnell es geht.

Er läßt den Bullenberger sitzen, und der starke Mann hat lange Zeit, darüber nachzudenken, wie es kam, daß er, der Freie, der nie einen Zwang ertragen konnte, jetzt in den Händen von zwei Sechzehnjährigen ist, die ihn ungestraft ins Gesicht schlagen können. Es ist eine düstere Stunde für den schwachen, starken Mann dort am weißlackierten, gräflichen Gartentisch unter der Trauerulme. Der Tote am Sandstrand mischt sich auch darein, und der Zweifel, ob er wirklich der Mörder des schwarzen Martin war, kommt dazu. Der Bullenberger ist immer seinen Weg geradeaus gegangen. Es mochten noch so viele Mauern dastehen, und es mochte ihm noch so bitter werden.

Er hatte einen Richtstern, einen am Himmel, einen, sein Spiegelbild, in der Brust. Es war der gleiche. Nun aber war der Stern erloschen. Alles war anders. Er war in den Händen von Kindern, trüber Nebel, ein Schlag ins Gesicht ... Und dazwischen hört er das Meer rauschen. Es kommt spitz gegen den Bug des Kutters, strahlend grün, und zerstäubt in weißen Spritzern. Der schwarze Martin steht am Steuer, langsam und zäh knarren die Taue, und immer hinein in die grünen, weiß zerstäubenden Wellen, immer hinein ...

Während seines nächtlichen Schleichweges durch das Fidder Schloß fiel dem Johannes Gäntschow ein, daß er in all den Jahren eigentlich nie in Christianes Zimmer gewesen war. Gewiß, er hatte mal an die Tür geklopft und sie gerufen, er hatte sich auch mal ein Buch geholt, aber beieinander gesessen hatten sie im Billardzimmer, in der Halle, im Rumpelzimmer unter dem Dach, in der Bibliothek, im Gartenpavillon, im Gewächshaus. Plötzlich schien dies, während er über die Diele hinauf zum ersten Stock schlich, etwas zu bedeuten, und er würde darüber nachdenken, sobald er Zeit hatte: er hatte sowieso über einiges noch nachzudenken.

Jetzt mußte seine ganze Aufmerksamkeit dem Wecken Christianes gelten. Auf der einen Seite von ihrem Zimmer schlief die strenge Mademoiselle, und das war schlimm. Aber auf der andern Seite schlief die zimperliche Miß, und das war verteufelt. Denn die sah immer Männer.

Das Mondlicht lag still und klar in ihrem Zimmer. Er konnte das helle Bett sehen und ihren dunklen Kopf darauf. Die Fenster standen weit offen. Leise schleiften die Vorhänge am Boden, er stand und lauschte. Ruhiger Atem – und dazu die Gartengeräusche: der Wind im Laub, irgendein Knirschen auf dem Kiesboden, das Wasser des Springbrunnens, das wieder einmal nicht abgestellt war.

Johannes ging rasch an ihr Bett und legte seine Hand auf ihre Schulter. Christiane, flüsterte er.

Sie war sofort wach. Sie rührte sich nicht. Aber er fühlte es unter der Hand, daß sie wach war.

Du mußt schnell aufstehen und mir helfen.

Was ist? fragte sie.

Einen Augenblick überlegte er. Dann sagte er sofort alles: Der Bullenberger hat den Wilhelm erschossen, den Gendarmen, verstehst du? Und hat selber was abgekriegt. Schuß in die Schulter, verstehst du. Die ganze Insel sucht ihn. Er kann nicht weg.

Ist der Wilhelm ganz tot? fragt sie.

Herzschuß, sagt Johannes.

Er fühlt, wie sich ihre Schulter seiner Hand entziehen möchte, und er nimmt seine Hand rasch fort.

Wir müssen ihn hier verstecken, sagt Johannes zögernd.

Ja ... antwortet sie ebenso. Ich tue es nicht gern, weißt du, wegen Papa. Mir macht es nicht so viel, sagt sie. Und nach einer Weile noch einmal: Nicht so sehr viel.

Das einzig Sichere ist unsere Rumpelkammer unterm Dach, habe ich gedacht, schlägt er vor.

Unser Zimmer? fragt sie.

Ja, sagt er. Ich hätte ihn gerne bei uns behalten, aber da sind zu viel, weißt du.

Sie steht rasch auf. Steht da in ihrem hellen Pyjama, ihre Füße tasten nach den Pantoffeln.

Ich würde mich, sagt er zu ihr, lieber ganz anziehen. Zögernd: Er ist doch ein richtiges Schwein, weißt du.

Sie denkt einen Augenblick nach. Dann: Recht hast du.

Er geht an das Fenster und sieht in den Garten. Dabei: Ich zerbreche mir den Kopf ... Er wird Fieber bekommen, er hat es schon. Er wird vielleicht singen, schreien. Was macht man nur?

Wenn wir Doktor Westfahl riefen. Ich kann ihn ja schwören lassen, daß er mich nicht verrät.

Die Klatschtante, die immer an der Telephonstrippe hängt, sagt Johannes verächtlich. Weißt du, Christiane, ich habe mir schon lange überlegt, alle Leute, die Telephon haben, können den Mund nicht halten. Ebensogut könnten wir es ausklingeln lassen.

Ob er nach Opium und Morphium fest schläft? fragt sie wieder. Opium ist in der Viehapotheke. Da müssen wir morgen dem Inspektor den Schlüssel klauen. Und Morphium ist noch da von Papas Gallenkoliken. Das kann ich gleich nachher holen.

Er hört das Wasser in ihrem Waschtisch gluck gluck laufen, und er denkt darüber nach, daß sie selbstverständlich selbst jetzt nicht vergißt, sich nach dem Schlaf frisch zu machen. Das ist natürlich das Richtige, aber er würde nie daran denken.

Dabei sagt er: Wir müssen morgen einen Schwindel anstiften, daß ich für ein, zwei Wochen hierher ziehen darf.

Hast du Angst? fragt sie erstaunt. Ich werde schon allein mit ihm fertig.

Nein, ich will hier sein. Es darf unter keinen Umständen was rauskommen. Und du kannst dir ja eigentlich denken, wie er ist. Am liebsten tränke er jetzt immerzu Schnaps.

Na schön, sagt sie, und dann zögernd: Hat er selbst hierher gewollt?

Er versteht sie sofort. Er hat mich gleich danach gefragt, ob du noch daran denkst.

Ich denke schon daran, sagt sie ernst. So was vergißt man nicht – schön, jetzt können wir gehen.

Der Mann unten auf der Gartenbank hat den Kopf auf den Tisch gelegt gehabt. Nun hebt er ihn und sagt mürrisch: Ich dachte schon, ihr wollt mich hier sitzen lassen. Du hast sie wohl erst rumschwatzen müssen, Gäntschow?

Es tut wohl sehr weh? fragt sie. Warten Sie, wir geben Ihnen gleich etwas ein. Auch ein Glas Kognak gebe ich Ihnen. Und ich verbinde Sie dann richtig. Jetzt müssen Sie sich aber fünf Minuten zusammennehmen, damit Sie leise in Ihr Zimmer kommen.

Mein Zimmer, höhnt er. Fein kriege ich es, Zimmer im Schloß. Richtiger wäre der Misthaufen. Frühstück bringt mir die Gräfin. Eier zu hart, frische kochen ...

Er murmelt weiter und sein Kopf sinkt nach vorn: Schnell was zu trinken, sagt Johannes, daß wir ihn wenigstens raufkriegen.

Eine Weile später haben sie ihn oben. Sie haben ihm mit ein paar Matratzen eine Art Bett zurechtgemacht auf der Erde, große, schöne Leintücher, eine blauseidene Steppdecke. Der Bullenberger ist wieder bei Besinnung und anderer Stimmung. Er grinst gutmütig, als er Christiane aus einer braunen Tropfflasche Tropfen in ein Glas zählen sieht. Ich glaube, die wollen mich vergiften, spottet er. Leiche an einem Strick aus dem Fenster, heimlich im Park eingescharrt – oh, was sich manche Menschen giften würden, wenn es bei mir nicht zum Köpfen käme.

Köpfen kommt bei Ihnen doch überhaupt nicht in Frage, sagt Johannes streng. Sie haben es wirklich nicht nötig, jetzt auch noch zu übertreiben. Und überhaupt sollten Sie so etwas nicht vor Christiane sagen. – Du kannst ruhig die vierfache Dosis nehmen, Christiane, er ist zehnmal so stark wie dein Vater.

Es handelt sich darum, erklärt Christiane, daß Sie unbedingt schlafen müssen, nicht rufen, nicht singen. Sie werden Fieber kriegen ...

Habe ich schon, sagt der Bullenberger wieder düster.

Ich werde kommen, so oft ich kann. Aber am Tage wird es immer schlecht gehen, und Sie müssen mäuschenstill sein. Werden Sie das auch können?

Weiß ich nicht, sagt er, wenn ich Fieber habe. Er denkt nach. Du, Gäntschow, sagt er, nimm ein starkes Tuch, Handtuch oder sowas und binde es mir fest übers Maul. Dann wird mir das Schreien schon vergehen.

Das halten Sie nicht aus.

Aushalten? Man hält alles aus. Wieder unzufrieden: Aber abreißen werde ich es mir, wenn ich Fieber habe. Er denkt grimmig nach. Er liegt da auf seinem Lager, die blaue Steppdecke glänzt sanft seiden, die Leinentücher sind schneeig, er hat ein aprikosenfarbenes Pyjama des Grafen anbekommen, aber darüber trägt er seinen klotzigen, bösen Stierkopf, mit dem krausen Negerhaar, mit den kleinen, blinzelnden, geröteten Augen, dem schweren Kinn. Dressiert ihr hier Jagdhunde? fragt er plötzlich.

Der Förster, antwortet Christiane.

Da habt ihr doch sicher ein Stachelhalsband?

Ja, sowas muß da sein.

Geben Sie's her. Erst das Tuch übers Maul, dann das Halsband darüber, mit den Stacheln nach außen. Wenn ich reinfasse, mir das Tuch abzureißen, werde ich schon daran denken, daß ich's Maul zu halten habe. Los, los, sagt er ungeduldig, jetzt müßt ihr schnell machen. Euer verdammtes Morphium macht mich ganz düsig im Kopf. Ich könnte jetzt sogar mit dem Wilhelm Freundschaft schließen ... Er hält inne. Na, drüben, murmelt er, drüben – Die Tür müßt ihr auch zuschließen, sagt er wieder lebhafter. Und du, Bengel, komm her, ich will dir was allein sagen. Johannes beugt sich über ihn. Wenn sie das Halsband holt, bring mir 'nen Pott her. Du mußt jeden Tag kommen und ihn selbst leer machen. Ich will nicht, daß sie ... Und dann bring' mir morgen Priem mit. Heimlich. Sie braucht nicht zu wissen, daß ich prieme ... Hab' bloß keine Angst um die. Sie ist in Ordnung, was? Durch dick und dünn?

Durch dick und dünn, sagt Johannes aufmerksam.

Du mußt mir noch was versprechen, sagt der Bullenberger mühsam, denn seine Augen wollen immer zufallen. Euer verdammtes Morphium. Gott, was bin ich glücklich! Was so ein paar Tropfen machen. Komisch, komisch! Daß ich wenigstens den Wilhelm noch umgelegt habe. Natürlich glücklich ...

Was soll ich versprechen, Bullenberger? fragt Johannes.

Du sagst es mir sofort, wenn es zu knifflig wird für sie, verstehst du?

Ja, sagt Johannes zögernd. Sie sind jetzt krank ...

Aber sofort, sagt er aufgeregt, auf der Stelle, das versprichst du mir. Was sie mir damals versprochen hat, daß sie in meiner Schuld bleibt, das ist schon glatt. Schuld, Schuld, auch so ein komisches Wort ... Gott, was hat sie für Finger! Wie sie mich da verbunden hat. Kluge Finger, weise Finger. Hör zu, Gäntschow, ich hab' auf den Schuldengrafen geschimpft, aber es ist was dran, es ist doch was dran! Die Sozis sind ja dumm, so dumm: alle Menschen gleich. Es ist etwas dran! Was ist sie denn? Neunzig Pfund – mehr nicht. Aber in ihr, Gäntschow, das ist nicht von heute und gestern. Glaubst du, sie ist imstande und hält mir eine Pistole vors Gesicht und knallt los. Verbinden und knallen, beides. Es ist was dran ...

Er würde immer weiter so gedröhnt haben, halb schlafend, aber Christiane kam mit dem Stachelhalsband.

Sie sahen noch einmal auf ihn zurück. Er lag da, das Handtuch über den Mund, das Halsband mit den Stacheln nach außen darüber, der wüste Kopf auf der zartfarbigen Bettdecke, die verarbeiteten Pranken mit den hornigen Nägeln. Er nickte ihnen noch einmal schläfrig zu, dann knipste Christiane das Licht aus, und Johannes schloß die Tür ab.

Einen Augenblick blieben sie noch stehen. Sie horchten, als müßte jetzt gleich etwas geschehen, aber es blieb alles still.

Ich mach' schnell, daß ich nach Hause komme, sagte der Junge. Ich muß auf unserer Spur zurück. Vielleicht suchen die morgen mit Hunden. Arme Perle, was sie gewartet haben wird!

Wo hast du sie?

Im Geräteschuppen vom Gärtner. Na, schlaf ein bißchen schneller, Tia. Jetzt kommen schlimme Wochen.

Es kamen die herrlichsten, abenteuerlichsten, interessantesten Wochen von der Welt. Man hätte denken sollen, daß der Geruch von Blut, der Umgang mit einem Mörder die halben Kinder hätte schrecken müssen. Aber diese Seite des Abenteuers wurde ganz unwirklich. Den ersten, zweiten Tag vielleicht noch, als alles von dem ermordeten Wilhelm sprach, als das Begräbnis war, die schwarzgekleidete Frau, dachten sie noch daran, wenn sie den Bullenberger sahen.

Aber das verging. Es war eigentlich nie recht da. Der Bullenberger war ja immer, von jener Eisnacht an, in ihrem Leben gewesen. Er war viel mehr als ein Lebensretter gewesen – so etwas hätte auf Kinder nie einen so dauernden Eindruck gemacht. Nein, er war eine mystische Figur, ein Symbol, irgend etwas aus der Urzeit, das auch noch in ihrem Blute lebte, wenn sie Birnen klauten oder nachts dem Doktor Westfahl das Tierarztschild aus Sagard vor die Tür nagelten und den dicken Kuhdoktor als praktischen Arzt und Geburtshelfer plakatierten.

Sie waren sechzehn, drei Jahre später, vielleicht nur zwei Jahre später, und er wäre für sie nur ein übler, gemeiner Kerl gewesen. Jetzt aber gehörte er mit irgend etwas doch zu ihnen. Der Mord, der Mord an Wilhelm, der nicht einmal ein Mord war, sondern eine Art Duell – die verängsteten Hühner von Sommergästen hatten alles aus der Ferne mitangesehen –, der Mord war nichts Schlimmes für sie. Ihnen schienen andre Dinge viel schlimmer. Wie zum Beispiel der Wilhelm seinen Ernst gequält hatte, oder wie die Häuslersleute Swattsprack ihren Altenteiler Vater langsam zu Tode hungern und frieren ließen. Oder wie Mutter Brommen ihre Pflegekinder arbeiten ließ. Die kleine siebenjährige Anna war schon ganz krumm vom Wassereimerschleppen.

Sie verstanden sehr gut, daß der Bullenberger ihnen unbeschwert, listig und vergnügt entgegenblinzeln konnte, und es ging ja nicht nur ihnen, nach dem ersten Jagdtaumel ging es der ganzen Insel so. Nein, nichts von Mord, nichts von blutbefleckten Händen, keine Spur von Abscheu.

Man kann sich schon einmal den Magen bis zum Ekel verderben, aber deswegen ißt man doch wieder von all den schönen Speisen. Christiane und Johannes – das Einjährige ist gemacht, halblange Kleider und ganzlange Hosen werden getragen, aber für voll wird man deswegen doch noch nicht von den andern angesehen. Tue dies und tue jenes. Das schickt sich nicht. Wo bist du eigentlich so lange gewesen? Dieses Geschwätz, es will noch immer nicht recht verstummen. Wieviel Abenteuer hatten sie nur darum bestanden, weil die Menschen das nicht lassen konnten. Eure Geschöpfe? Eure Kinder? Wir! Wir! Ich, ich! Nicht, wie du denkst, Marder, nicht was du möchtest, Papa, nicht was dir ziemlich scheint, Mademoiselle. In die Felder, über die Heuböden, durch den Wald! Die Steine sind in mir, und die Tiere und die schlechten Menschen mit den guten – und du weißt nichts davon! Jawohl, so soll ich die Gabel halten, weil du sie so hältst, aber ich bin ich – und du weißt nichts davon!

Und jetzt habe ich den Bullenberger in meinem Rumpelzimmer – ich für mich allein, und wieder weißt du nichts davon. Der Bullenberger – wer ist schon der Bullenberger? Ein Schmierfink zum Beispiel. Was hat Christiane jedesmal für Mühe, daß er sich nur ein bißchen wäscht. An Zähneputzen ist überhaupt nicht zu denken. Aber der Bullenberger ist mein Stück eigen Land, das ihr nicht habt. Ich für mich allein – und darum heiße ich nicht nur, sondern bin die Christiane. Und darum heiße ich nicht nur, sondern bin Johannes Gäntschow.

Es sind eigentlich seltsam verzauberte Wochen. All diese sieben Wochen, da der Bullenberger oben im Rumpelzimmer seine Schmerzen hat. Mit dem Stachelhalsband freilich, das so gefährlich verwegen aussah, war es schon nach ein paar Tagen vorbei. Nein, sagte der Bullenberger, das brauche ich nicht mehr. Es ist komisch. Daß ich das mit der Schulter erwischen mußte, ist wirklich komisch. Er hatte doch nur so ein Spieldings von Pistole, der Wilhelm, und einen Tatterich hat er in den Pfoten gehabt, daß er auf zehn Schritt ein Scheunentor verfehlt hätte, aber nein, meine Schulter ...

Der Bullenberger sieht die beiden jungen Leute prüfend an.

Nicht aus Angst, sagt er nachdrücklich, alles, was recht ist, nicht aus Angst hat er so gebibbert. Nur so, wißt ihr. Weil er gewußt hat, der Fleischer ist da.

Er denkt wieder nach. Er sieht gegen das Fenster. Es ist die stillste Stunde, um halb vier Uhr morgens herum. Die Sonne ist kurz vor dem Aufgehen und der Himmel grünlich klar, von einer aus sich herausstrahlenden Klarheit.

Komisch ist es, brabbelt der Bullenberger weiter, kein Scheunentor, und meine Schulter trifft er. Hätte er nicht gewußt, daß er würde den Gang antreten müssen, er hätte vorbeigeknallt in die Luft, und ich wäre längst herunter von eurer verdammten Halbinsel. Einfach per Dusel, per Tatterigkeit hat er getroffen.

Der Bullenberger rückt sich zurecht auf seinem Lager. Die beiden Kinder sitzen auf der Polsterbank ihm gegenüber, ziemlich nahe aneinandergelehnt, weil es sie fröstelt. Es fröstelt sie jetzt immer, weil sie nicht genug Schlaf haben. Sie haben tiefe, schwarzblaue Schatten unter den Augen, sie sehnen sich nach ihren Betten, aber sie verstehen, daß der Mann auch einmal ein Wort reden muß, und darum sitzen sie da. Sie verstehen, daß jemand, der auf und ab dreiundzwanzig Tag- und Nachtstunden mit seinen zwei Toten allein ist, das Bedürfnis hat, in der vierundzwanzigsten ein bißchen darüber zu sprechen. Wilhelm und der schwarze Martin. Ja, sie verstehen. Sie verstehen ungeheuer viel. Herr Superintendent Marder schlägt die Bücher auf, und wenn er sie nach fünf Stunden wieder zuschlägt, sind sie eine Seite weiter.

Hier beim Bullenberger werden in einer Viertelstunde, die sie bei ihm sitzen, viele, viele Seiten umgeblättert. Sie sitzen still und hören nur zu.

Meine Pfoten, sagt er grade und sieht nachdenklich auf seine Hände, die schlaff, mit geschwollenen Adern auf der Bettdecke liegen. An was alles man denken muß, wenn man so ewig in einem Bett zu liegen hat. Und immer ist nur ein Stückchen Himmel da, wenn man wirklich einmal zum Fenster hinsieht. Die Fifi – wenn ich meine Pfoten sehe, jetzt so, auf der seidenen Bettdecke, muß ich immer an die Fifi denken. Ich hab' es euch ja wohl schon einmal erzählt, aber ihr sitzt da, wie die artigen Kinder in der Schule – und mitten im Text werdet ihr ja auch nicht rauslaufen, und schaden wird es euch auch nicht ... Aber das kann man nie wissen, was einem schadet und was einem guttut, vielleicht erfährt man es hinterher, aber meistens nicht einmal das. Und nachher liegt man bei einem Grafen im Schloß unter der seidenen Bettdecke und kiekt sich den Himmel an und hat keine Ahnung, wieso und weshalb, und was das alles für einen Sinn hat. Eine komische Einrichtung.

Der Bullenberger schüttelt wieder den Kopf und sieht wieder seine Hände an. Kommt noch die Geschichte von Fifi? Jawohl. Er kommt immer darauf. Er hat zwar einen schwarzen Martin, über den er trauern kann, und einen auf den Strand gelegten Wilhelm –

Wißt ihr, manchmal denke ich doch, es wäre richtiger gewesen, ihm zuzunicken, als er da partout wahrhaben wollte, er hätte den schwarzen Martin nicht erschossen. Ich hab' ja immer feste geschüttelt, in seine verdrehten Augen hinein, und ich schüttele heute noch, meistens wenigstens. Aber vielleicht hätte ich doch nicken sollen, vielleicht hätte es ihm in seinem Grabe ein bißchen Spaß gegeben, daß er mich im Sterben noch angekohlt hätte.

Er macht eine Pause.

Aber ich habe nie im Leben genickt, wenn es für andere besser gewesen wäre. Ich habe immer für mich geschüttelt, und darum liege ich denn auch wohl hier.

Also, der Bullenberger hatte zwei Tote, die er zu bedenken hatte, aber er bedachte die dritte, eben Fifi. Und Fifi war nichts wie ein ganz gemeiner gelber Fixköter mit weißem Bauch und schwarzen Ohrlappen. Er hatte ihn irgendwo aufgesammelt, und das einzige, was Fifi auszeichnete, war, daß sie wachsam war und genau wie ihr Herr eine unaussprechliche Wut auf die Grünen, die Zöllner, hatte. Nun, und einmal hatte der Bullenberger mit seinem ganzen Kutter voll Paschware vor dem deutschen Hoheitsgewässer gekreuzt, und die Zöllner hatten ihn gewaltig auf dem Kieker gehabt, und es war nichts zu machen gewesen mit Hineinkommen, bis dann schließlich in letzter Stunde so ein schöner, dicker Nebel eintrieselte ...

Und ich los, und ich sage noch zum schwarzen Martin, jetzt jede Leinwand, es wird. Und wir hauen los, und das Schlappen von den Motorbooten hören wir überall, aber nichts auszumachen. Es wäre auch ein Kunststück gewesen, wo ich vom Heck nicht bis zum Bugspriet sehen konnte! Und plötzlich stellt doch dies Biest von einer Fifi alle Haare steif und fängt an zu knurren, und wir hören es, als wenn es hier im Zimmer wäre, das Tuck-Tuck-Tuck von einem Motor. Und das Herz bleibt mir stehen. Und die Fifi reißt doch die Schnauze auf und will losblaffen. Und ich mit einem Satz auf sie nieder und das Biest am Hals, denn beim ersten Blaffer hätten wir doch denen ihren ganzen Maschinengewehrsalat an Deck gehabt. Und die Töle sieht mich doch so an ... Und ich denke: du hast genug, du weißt Bescheid und gebe ihr den Rachen wieder frei. Aber nein, es ist doch, daß sie die Zöllner richtig aus erster Hand riechen muß, sofort wieder aufgerissen die Schnauze, und am ganzen Leibe gezittert und will schon los ...

Er öffnet die ungeheure Pranke, sieht sie nachdenklich an und sagt dann leise: Na, ich habe zugedrückt, sie hat nicht diesen Blaffer getan und keinen mehr in ihrem Leben. Aber der Blick, mit dem sie mich angesehen hat! Sie hatte bernsteingelbe Augen, wie Bernstein ...

Er kommt sachte in Wärme, der Bullenberger. Er verteidigt sich gegen einen Ankläger, den niemand hört: Und ich soll dem Gendarmen Wilhelm in seine dußligen blauen Augen reinnicken, daß der verdammte Kinderschinder sich noch im Grabe darüber freut, er hat mich angeschissen – wo ich kein Erbarmen gehabt habe über die Augen von meinem Hund?! Was sagt ihr –?

Aber er will gar nicht hören, was die sagen: Der Fifi ihr ganzes Verbrechen ist gewesen, daß sie die Zöllner noch mehr gehaßt hat als ich. Und dem sein Verbrechen –? Seine Verbrechen, muß man schon sagen. – Jawohl, die Fifi ist gestorben für ihren Haß. Und der Martin ist gestorben auch für seinen Haß. Und ich ...

Aber er interessiert sich im Augenblick nicht für sich, sondern: Und für was ist der Wilhelm gestorben? Dafür, daß er ein großer Mann war und recht behielt und immer die kleinen Knechte im dunklen Stallwinkel für einen Sack Hafer auf die Füße gepeddet hat mit seinen Nagelschuhen – immer feste, gib ihm. Aber dann mit einem Karabiner hinter den Fichten gestanden und von hinten in den Rücken geschossen, feiges Aas –! Und wie er sieht, das Land schluckt es nicht und er ist unten durch – los mit dem Revolver und ein Duell gemacht – Gottesgericht oder so was, und dann noch mit der Hand gewackelt –!

Der Bullenberger erhitzt sich immer mehr. Es ist schon ganz hell gewesen im Zimmer, und von Schatten etwa in den Stubenwinkeln, die man für Ankläger hätte nehmen können, konnte keine Rede mehr sein.

Und ich soll bereuen? Ich habe die Fifi nicht bereut, denn zuerst muß ich leben, sonst hat alles für mich keinen Zweck, und den schwarzen Martin habe ich auch nicht bereut. Und den Kerl, den Wilhelm, den bereue ich erst recht nicht. Und wenn der Sensenmann direkt an meinem Ohre mit der Sense klappert – sich aufgeplustert hat er –und gereicht hat es doch nicht hin und nicht her! Er sieht wild seine Hände an, aber dann sagt er ganz ruhig: Sie hat ein schönes Fell gehabt und immer munter und spielig, hat uns über manche faule Stunde geholfen, wenn wir vor dem Winde lagen. Na, nun will ich schlafen, Kinder. Aber, wie ihr es mit euerm Schlaf macht, das weiß ich nun wahrhaftig nicht. Verantworten kann man es nicht. Aber was kann man eigentlich verantworten?! Ich hab' immer zu tun gehabt, auf See und auf Land, und über fünf Stunden habe ich selten geschlafen. Und nun liege ich hier Tage und Tage im Bett, und ich denke, ich kriege es klarer. Es wird aber nur immer verwirrter. Also nochmals gute Nacht. Oder guten Morgen. Ihr könnt es euch aussuchen. Aber daß man es sich im Leben aussuchen kann, das ist auch so eine Einbildung ...

Und so weiter, und so weiter. Sie hatten zu tun, daß sie von seiner Schnackerei loskamen. Und sie hatten doch noch so viel zu tun! Es war schon gar nicht so einfach, solch einen heimlichen Gast heimlich zu beköstigen. Da war die schöne gekachelte Küche des Schlosses, groß wie ein Reitstall – aber war es zu glauben, sie gab rein nichts her! Ein öder, kalter, leerer Raum, in dem eine Maus den Hungertod sterben mußte, ganz zu schweigen von zwei jungen Abenteurern, die einem Verwundeten die Krankensuppe kochen wollten. Gewiß, auf dem anstoßenden Gang im Wirtschaftsflügel gab es unter andern vier Türen: die Mehltür, die Obsttür, die Fleisch- und Wursttür und die Milch- und Käsetür, wie Mamsell Hannemann sagte. Und im Keller drunten war die Wecktür, hinter der das Eingemachte schlief, und die Weintür – aber zu all den Türen kam der Ledergurt, den Fräulein Hannemann immer um den Bauch hatte. Und an dem Ledergurt hingen die Schlüssel!

Sie hatten wohl schon etwas von Dietrichen gehört, die beiden. Aber bis zum Aufbrechen von Türen waren sie noch nicht gediehen. Gewiß, das hatten sie gemacht: ein unmenschliches Interesse an Kochfragen hatte sie ergriffen. Sie standen bei der Hannemann in der Küche, wenn sie, umringt von Mägden, über den dampfenden Töpfen waltete, und eilte sie in die Mehlkammer, so eilten sie mit, und während Christiane liebreizend mit der Hannemann plauderte, verschwanden bei Johannes zwei Pakete Quakeroats und eine Tüte Zucker.

Schön, ausgezeichnet, vorzüglich gemacht – aber einmal und nicht wieder! Sie hatte nichts gesehen, die Hannemann? Nein, natürlich nicht. Aber sie hatte einen gallebitteren Zug um den Mund. Und als der Graf aus dem Frühstückszimmer in den Park ging, war sie hervorgeschossen aus dem Hinterhalt auf ihn, und plötzlich waren ihre Tränen geflossen: Und was sie sei, sie überlebe die Schande nicht, daß sie dem gnädigen Fräulein nicht genug zu essen gebe, daß es stehlen gehen müsse ...

Ach, was mußte Christiane reden, um sie wieder zu versöhnen und dem Vater begreiflich zu machen, daß alles nur ein Witz gewesen war. Blieb also nur der Gäntschowsche Bauernhof. Und im Anfang hatte Johannes da auch keine großen Schwierigkeiten. Zwar gab es da nicht so feine Sachen wie Haferflocken, aber eine schlichte Mehlsuppe aß der Bullenberger auch, und es war kein großes Kunststück, nachts in den Taubenschlag zu gehen und einer Taube den Hals umzudrehen. Nur, daß er im Dunkeln natürlich eine von Vaters Lieblingsstrassern erwischt hatte – und das tat ihm wirklich leid.

Eier –? Der Hühnerstall war gesichert. Und Frau Gäntschow war hinter jedem Ei her wie der Teufel hinter einer verlorenen Seele. Aber am Sonnabend buk sie, ja, und zwölf Eier hatte sie sich abgezählt. Aber gottlob zählte sie die Eier noch einmal nach, ehe sie sie in den Teig schlug. Und sie holte noch eins dazu. Und jetzt machte es zehn. Zwei aus dem Keller dazu machte neun. Und sie sitzt auf 'nem Küchenstuhl und weint, weil sie immer verwirrter wird. Aber dann zählt sie noch einmal genau, und es sind und es bleiben neun. Und sie holt drei dazu ... Gibt zehn!

Wie mit den Eiern, so mit den Würsten. Wie mit den Würsten, so mit den Butterstücken. Und Frau Gäntschow saß trübsinnig da und wollte kein Essen mehr kochen: Denn vierzehn Schweinerippchen, für jeden eins, habe ich in den Topf getan, und wie's gar ist, sind's elf. Mir schlägt alles zum Schlechten aus. Und so viel wie ich in meinen zweiundzwanzig Jahren Ehe geweint habe, hat wohl noch keine Frau auf Gottes liebem Erdboden geweint. Und wenn es jetzt losgehen soll, Gäntschow, in deinem Haus, mit Spuken und Dasein und Verschwinden, und einunddreißig Mettwürste hatte ich im Rauch, und wie ich sie heute nachzähle, sind's dreißig. Und wie ich die Betten mache, liegt sie doch wahrhaftig unter des Johannes Matratze. Aber lieber soll der Superintendent Marder mich mit einem schönen Spruch ins Grab senken, als daß ich noch einmal Essen koche in deinem Haus, Gäntschow.

Man soll es auch nicht übertreiben, Hannes, sprach der Vater beiläufig zu seinem Sohn. Und die Kartoffeln im Keller können ja wohl das Gruseln kriegen, wenn man den Zustand von deiner Mutter sieht. Und was einer sich vornimmt, soll er selber durchführen, Hannes, und soll nicht andere die Last tragen lassen.

Jawohl, Vater, sagte Johannes. Und sie machten noch eine letzte, verzweifelte Attacke auf die Hannemann und stahlen ihr die Schlüssel. Als sie aber in der Nacht um zwei zu den verlockenden Türen mit dem Sesam-öffne-dich-Schlüssel schlichen, da saß Fräulein Hannemann in ihrem alten gelb und schwarzen Rohrstuhl auf dem kalten Wirtschaftsgang, Filzlatschen an den Füßen und eine Decke über den Knien.

Und sie schlief.

Aber sie hatte sich, ihre eigene Schwäche kennend, eine Wäscheleine um den Leib geschlungen, und diese Leine lief von Vorratstürklinke zu Vorratstürklinke, bis in den Keller, wo sie an der Weintür künstlich befestigt war.

Da gaben sie den Kampf mit Fräulein Hannemann auf und hängten die Schlüssel an das Ende der Leine und rissen heftig an ihr, und rannten in den Park. Und sahen von draußen die Hannemann durch die Gänge wandern wie einen unseligen Geist und Kammer auf Kammer sorgenvoll prüfen, was da wohl fehlte. Aber nun wären sie wohl ganz verraten gewesen, denn bei ihrem einen Einkauf im Laden hatte der Kaufmann Stavenhagen schon so komische Nasenlöcher gemacht und hatte durchaus verlangt, es ›aufs Konto‹ schreiben und mit einem Boten ins Schloß schicken zu dürfen.

Nun also, sie wären ganz ohne Ausweg gewesen, und der Bullenberger hätte ja bei einer Kost aus Kartoffeln und Augustäpfeln langsam eingehen dürfen, wenn sie nicht noch bei Marders Haushälterin, Frau Witte, einen Versuch gemacht hätten.

Die Witte war jene wortkarge, verbissene, bittere Fischersfrau, der vor vielen Jahren nun schon erst der Mann, dann die beiden Söhne beim Fischfang ertrunken waren. Damals hatte Marder sie in sein Haus genommen, sie, die wirr und sinnlos von ihrem Fenster auf den Bodden hinaussah und nur manchmal, wehte der Wind steifer und lärmte die See lauter, das Fenster aufriß und die Wellen beschimpfte. Marder hatte sie zu sich genommen, er hatte ihr Arbeit gegeben, einen Lebenszweck gewissermaßen – um sie vor dem Mallwerden zu retten, sagten die einen, um ein geheimnisvolles Vergehen gutzumachen, die andern – aber was eigentlich für ein Vergehen, konnte niemand mehr sagen.

Seitdem waltete sie wie ein Geist, dem Sprache nicht gegeben ist, in dem großen Haus, räumte ununterbrochen hinter dem flusigen und zerstreuten Mann her und ließ nie ein Wort von all seinen Wunderlichkeiten und seinem Geiz über ihre Lippen. Es würde nicht leicht sein, diesen Hausdrachen, von dem man nie wußte, was er sah und was er nicht sah, zu bestehlen, und richtig kam die Witte auch über sie, als sie gerade in der Speisekammer mit dem Zusammenpacken beschäftigt waren.

Eben hatten sie sie noch mit einem Wäschekorb abziehen sehen zum Trockenplatz, und nun, drei Minuten später, stand sie zwischen ihnen. Sie mußte es direkt gerochen haben.

Wat det Düvels makt ji in min Spieskomer! sagte sie und starrte die beiden Erwischten grenzenlos verblüfft an.

Och, Mudding Witte, sagte Johannes schmeichlerisch, das kann Ihnen ja nicht auf das bißchen Essen ankommen, und Marder braucht es ja nicht zu wissen.

Er braucht das nicht zu wissen?! fragte Frau Witte, und ein gefährlicher Funke erglomm in ihrem Auge. Er soll das wissen! Gleich, diese Stunde! Da, nehmt das noch! Könnt ihr Speck brauchen? Nehmt Speck! In diesen Gläsern ist Kronsbeeren-Eingemachtes. Das ißt er für sein Leben gern! Nehmt! Und legt alles unter die Verandatreppe. Da könnt ihr euch das dann am Mittag abholen.

Die beiden starrten die Alte, die ihnen immer mehr Lebensmittel aufdrängte, aus allen Himmeln gefallen an. Was hatte sie vor? Was wollte sie eigentlich? Mitnehmen mußte man es, denn der Bullenberger hatte Hunger, aber besser versteckten sie den Proviant doch nicht unter der Verandatreppe, sondern in den Haseln beim Birnbaum.

Zwei Stunden später saßen sie unter Marders Leitung über dem Thukydides, als die Tür aufging und die Witte dastand.

Na, fragte Marder?

Einbruch, sagte die Witte.

Was? schrie Marder.

Einbruch! sagte die Witte und verzog nicht eine Miene.

Wie? schrie Marder. Entschuldigt, ich muß eben mal ...

Und in einem Galopp war er draußen. Er tauchte nur kurz eine halbe Stunde später wieder auf: Ihr müßt mich heute entschuldigen. Präpariert das nächste Kapitel! Die ganze Speisekammer geplündert ... Ein schamloser Dieb! Und ausgerechnet jetzt, wo kein Gendarm hier stationiert ist ...

Die beiden starrten sich an. Sie verstanden gar nichts.

Was sie nur mit ihm vor hat?

Will sie ihm seinen Geiz abgewöhnen?

Ach, das weiß sie schon längst, daß es damit nicht anders wird!

Und sie hängt doch so an ihm!

Ich verstehe nichts, aber jedenfalls haben wir erst einmal für drei, vier Tage Proviant.

Wenn sie uns nur nicht reinsenkt!

Das hätte sie doch gleich tun können, als sie uns in der Speisekammer traf.

Ja, eben. Ich verstehe es auch nicht.

Sie schleppten ihren Proviant aufs Schloß, und um das Maß ihrer Verwirrung voll zu machen, fanden sie den Bullenberger trotz verschlossener Rumpelzimmertür auf dem Dachboden spazierengehen, in einem blauen Pyjama des Grafen, mit nackten Füßen, nackter, zottiger Brust und einem Ende Tau in der Hand.

Ich hab' das hier gefunden, sagte er, etwas verlegen.

Wieso gefunden? fragte Johannes empört. Die Tür war doch zugeschlossen. Und alle Augenblicke kommen die Mädchen auf den Boden, um etwas abzustellen.

Da, sagte der Bullenberger, und hielt dem Hannes das Tauende unter die Nase. Riechst du das?

Gewiß. So, unter die Nase gehalten, roch es eine Spur nach Teer.

Aber daß so ein Ende Tau aus irgendeinem Bodenwinkel heraus durch eine verschlossene Tür aufs Lager des Bullenbergers seinen Teergeruch entsandt haben könnte, überstieg des Johannes Glaubenskraft.

Die Veranda unter Ihrem Fenster ist auch geteert, sagte der Junge wütend. Nachher gehen Sie das nächstemal auf dem Verandadach spazieren. Christiane hat wirklich Ihretwegen schon genug Schwierigkeiten.

Ach laß, bat Christiane.

Wird bald vorbei sein mit den Schwierigkeiten, brummte der Bullenberger und ging ganz willig in sein Gefängnis. Wo habt ihr denn meine Kleider?

Hannes ist dumm, antwortete Christiane. Er schläft zu wenig. Erstens ist Ihre Schulter noch nicht geheilt, und zweitens ist ordentlich nähen schrecklich schwer. Die Kleider sind doch an der Schulter ganz kaputt.

Na schön, schön, sagte der Bullenberger, zog die Decke über sich, behielt den Strick aber in der Hand. So ein Strick ist eine gute Sache, sagte er. Man kann ihn immer gebrauchen. Auf einem Schiff ist ohne Stricke überhaupt nicht auszukommen. Aber auch auf dem Land, auf dem Land ...

Er sah sie nicht an. Er sah den Strick an. Er war in einer bösen, gereizten Stimmung. Sicher schmerzte ihn auch seine Schulter vom Aufstehen besonders stark.

Kälberstrick, sagte er und machte eine Öse in das Tauende. Schweinestrick kann man auch sagen. So ums Bein gelegt, ein Ruck, und das Biest liegt da. Dann nur noch das Messer und abgekehlt. Alles in Ordnung.

Er entfernte die Öse und machte eine Schlinge.

Aber ich sage nichts, schon gar nicht auf so 'nem Dachboden, ich sage nichts, aber zunutze kann er einem immer sein ...

Und ich sage Ihnen, rief Johannes wütend, wenn Sie solche Schweinereien machen wollen, dann tun Sie es gefälligst im Wald! Und schwätzen Sie nicht vorher davon!

Hannes schrammte die Tür zu und war weg. Natürlich, es war nicht zu leugnen, auch Johannes war gereizt und böse. Je länger, je schwerer lastete alles auf ihm. Nicht um des Bullenbergers willen, sondern um Christianes und um seiner selbst willen. Nun schön, er war nicht in voller Wut, er rannte nicht fort, er wartete unten auf sie, aber unterdessen dachte er immerzu darüber nach, was eigentlich mit ihm und ihr und mit dem los war. Sie hatten auch früher schon Sachen gemacht, die den braven Bürgern Fiddichows die Haare unter der Mütze hochtrieben, aber etwas anderes war nun dazugekommen. War die Welt wirklicher um sie geworden, trieben sie auf irgend etwas hinaus, ähnlich wie in jener Eisschollennacht, was immer folgenschwerer und unübersehbarer wurde?

Ich möchte, er zöge bald ab, sagte er zu Christiane.

Jetzt schläft er, sagte sie. Ich glaube, er hat lange nicht ordentlich geschlafen.

Na ja, sagte Johannes, wieder besänftigter, natürlich ist er unser Gast. Aber das mit dem Tau ist das reine Theater. Ich glaube manchmal, er will uns einfach schrecken. Ich zerbreche mir auch den Kopf, was mit der Witte los ist.

Mit der Witte war, daß sie drei oder vier Tage später ganz nebenbei und mit unbewegtem Gesicht sagte: Ich habe euch auch wieder was hingestellt, hinter den Birnbaum, bei den Haseln, wo ihr es das erstemal hattet. Seht zu, daß es heute mittag noch wegkommt.

Es stand wirklich so allerlei da. Man mußte beinahe glauben, die Witte hatte eine Ahnung, daß sie einen Kranken zu versorgen hatten. Sogar Eingemachtes und Wein. Christiane und Johannes waren in großer Aufregung. Was wußte die Witte, und warum tat sie das ihrem geliebten Superintendenten an? Denn wieder, kaum waren die Lebensmittel fort, erschien sie bei ihrem Geistlichen und meldete den neuen Diebstahl, und dasselbe eine Woche später noch einmal.

Marder war ganz wild. Er ließ ein neues Sicherheitsschloß an die Vorratskammer machen und das Fenster vergittern, aber auch der Christiane und dem Johannes war solch heimlicher Verbündeter unheimlich. Und als nun noch eines Morgens das neue, teure Sicherheitsschloß fein auseinandergenommen vor der Speisekammertür lag, auf einem Blatt Zeitungspapier, als der Marder ganz verwirrt losgefahren war, über Land, zu einer Trauung ...: Und ich werde bestimmt nicht predigen können, so etwas Verrücktes, das Schloß auseinandergenommen – wer verhöhnt mich denn da?!

Als also der Marder für vier oder fünf Stunden außer Sicht war, da faßten sie sich ein Herz und gingen zu der Witte und fragten sie, warum sie das eigentlich mache mit den Lebensmitteln und mit dem Schloß.

Habe ich euch gefragt, wozu ihr das Zeug braucht? antwortete die Witte und versetzte dem geistlichen Deckbett ein paar klatschende Schläge.

Recht hatte sie. Und vorsichtig nur sagte Johannes Gäntschow: Aber vielleicht könnte man es doch so einrichten, daß er sich nicht so schrecklich aufregt?

Und Christiane sagte: Gewiß kann er heute nicht richtig predigen. So?! sagte die Witte, und ihr böses, bitteres Gesicht flammte ordentlich. Kann er das nicht?! Sie stockte einen Augenblick, als wollte sie bremsen, aber dann konnte sie es doch nicht mehr halten. Hat er denn schon einmal »richtig« gepredigt?!

Und aus diesen Worten sprach ein solcher Haß, daß sich plötzlich für Christiane und Johannes die ganze Welt umdrehte.

Na ja, er ist kein Kirchenlicht ... fing Johannes an.

Ihr beide müßt jetzt gehen, sagte die Witte diktatorisch, ich mag solche Rederei nicht.

Aber das Essen ... fing Christiane wieder zögernd an.

Wer verlangt denn von euch, daß ihr es mitnehmt?! Laßt es doch stehen, ihr ...

Hübsch geladen, sagte Johannes, und ich habe all die Jahre nie etwas davon gemerkt.

Und Marder sicher auch nicht, der glaubt doch, sie ist seine beste Freundin ...

Schlimm eigentlich, sagte Johannes, das große, tote Haus, und er immer allein darin mit ihr. Und sie sein schlimmster Feind. Und er ahnt es gar nicht, daß sie ihm alles Böse antun möchte ... Aber auch in diesem Punkt irrten sie sich und erfuhren wieder einmal, wie blind man durch diese Welt wandert, und wie man nie weiß, wo den Nächsten der Schuh drückt. Denn ein oder zwei Tage darauf sagte der Superintendent zu ihnen – und sein ganzes Fuchsgesicht war eitel Galle: Ich möchte euch etwas mitteilen, liebe Kinder ...

Ja, sagten sie und hatten schon wieder ein schlechtes Gewissen, denn das hatten sie in diesen Wochen eigentlich immer, wenn jemand sie anredete.

Ihr habt doch gehört von diesen schändlichen Einbrüchen in meine Vorratskammer.

Er hielt schon wieder inne und sah die beiden abwartend an.

Ich sehe schon, ich sehe schon, sagte er griesgrämig.

Er pausiert. Und die beiden wissen nicht, wohin sie vor Beschämung sehen sollen.

Wird viel darüber geredet? fragt der Superintendent leise, und beugt sich flüsternd nahe zu ihnen.

Aber wir wissen wirklich nicht, Herr Superintendent, sagt Johannes Gäntschow verwirrt, wir sprechen ja mit niemandem.

Aber ich sehe doch, sagt der Geistliche, auch ihr habt einen Verdacht. Er pausiert schon wieder. Es ehrt euch ja, wenn ihr einen solchen Verdacht nicht aussprechen möchtet. Nun, er hebt seine Stimme, er sieht zur Tür, er hat sogar die Hand zur Faust geballt – die Diebin ist Frau Witte selbst! Und die Hand fährt mit derbem Schlag auf die Tischplatte.

Die beiden fahren zusammen. Sie werden etwas sagen müssen, aber was sollen sie sagen?

Doch schon öffnet sich die Tür, und ein tritt Frau Witte.

Hatten Sie gerufen, Herr Superintendent?

Jawohl, schreit Marder, von Ihnen habe ich gesprochen. Ihren Namen habe ich genannt. Aber noch immer gilt es, daß der Lauscher an der Wand seine eigene Schande hört. Sie spuken hier in meinem Haus, alle die Jahre, die Sie hier sind, möchten Sie mir nur gebranntes Herzeleid antun. Endlich sollen Sie einmal wissen, daß ich alles, alles weiß. Daß Sie nur darauf lauern, daß ich krank werde, um mich zu quälen! Aber ich werde nicht krank!

Er steht triumphierend da, die Faust auf den Tisch gestemmt.

Ich ... fängt die Witte an.

Wir ... sagt Johannes.

Bitte ... sagt Christiane.

Aber der Superintendent sieht nichts und hört nichts mehr. Wissen Sie nicht, daß ich gut weiß, wie Sie nachts an meiner Schlafstubentür kratzen, damit ich mich ängstige? Daß Sie oben auf dem Boden mit Gerümpel poltern, daß Sie nur darauf lauern, daß ich einen Fehler begehe, um sich zu rächen. Aber ich ängstige mich nicht! Nein, den Gefallen tue ich Ihnen nicht! Und einen Fehler begehe ich auch nicht!

Der Superintendent schreit schon längst.

Und wie war's am Grabe meines Mannes? fragt die Witte, und ihr Gesicht flammt. War das etwa auch kein Fehler?!

Seht ihr, ruft der Geistliche zu den beiden Hörern, die fassungslos dem Sturm, den sie entfesselten, zusehen. Seht ihr, sie kann nicht verzeihen. Elf Jahre ist das her, aber sie verfolgt mich noch immer. Ich habe sie in mein Haus genommen, ich habe ihr alles zuliebe getan, sie vergißt nicht. Seit elf Jahren haßt sie mich ...

Weil er keine Ruhe hat in seinem Grabe, flüstert die alte Frau. Weil er jede Nacht mit mir redet. Sie sollen es gutmachen. Zehnmal habe ich Sie schon gebeten, Herr Superintendent ...

Und hundertmal habe ich Ihnen gesagt, daß ich das nicht kann. So viele Gebete habe ich hier für Ihren Mann schon in meinem Zimmer gesprochen ...

Aber öffentlich! ruft Frau Witte, öffentlich sollen Sie widerrufen!

Öffentlich kann ich es nicht, öffentlich darf ich es nicht!

Sie wollen nur nicht, Herr Superintendent! Aber damals, als Sie am Sarge standen, und Sie hielten meinem Mann die Gedächtnisrede, und Sie hatten alles verwechselt – Ihnen macht das ja nichts aus, und Sie dachten, die alte Dörnbraken läge im Sarge – und es war mein lieber Mann. Und Sie haben von der hochbetagten Greisin gesprochen, und er war siebenunddreißig Jahre! Und Sie haben von ihrem gottseligen, sanften Ende geredet, und die Wellen haben ihn in das Winterwasser geschlagen, und er hat schrecklich geschrieen, ehe er ertrunken ist. Und Sie haben von den Enkeln und Urenkeln geredet, und er hatte ...

Aber es ist elf Jahre her, rief der Superintendent, es durfte nicht geschehen, aber es ist nun einmal geschehen. Und Ihr Mann erscheint Ihnen auch gar nicht, sondern es ist Ihr verstocktes Herz, das nicht verzeihen will ...

Und ich kriege Sie dazu, sagt die Witwe, zitternd vor Erregung, ich kriege Sie doch dazu! Sie müssen öffentlich niederknien vor seinem Grabe vor der ganzen Gemeinde und widerrufen. Und ob Sie darüber auch Amt und Würden verlieren ...

Komm, flüstert Johannes zu der zitternden Christiane, und sie schleichen aus der Tür. Längst sind sie von den beiden Streitenden vergessen, aber sie atmen erst auf, als sie draußen auf dem Markt sind. Und auch dann sehen sie noch scheu empor zu den Fenstern des großen Hauses, als könnten sie noch einmal zurückgerufen und gezwungen werden, all den Haß, all das schlechte, böse Gewissen anzuhören, die da seit elf Jahren Wand an Wand hausen. Und das eine hofft immer noch, das andere niederzuzwingen. Und von Zeit zu Zeit, in langen Abständen, tun sie den Mund auf und reden von dem, an das sie immer denken. Und dann leben sie wieder weiter stumm nebeneinander und belauern einander.

Die beiden, Christiane und Gäntschow, gehen still über den Marktplatz, biegen zum Dorfteich ein und bleiben da unter den Weiden stehen. Sie sehen gedankenlos auf die Gänse und Enten, die auf dem grauen Wasser umherschwimmen.

Und wir nehmen nie wieder Lebensmittel von ihr, sagt Johannes Gäntschow. Eher breche ich noch bei Stavenhagen ein.

Nie wieder, bestätigt Christiane schaudernd. Wie sie nur leben können so! Ich könnte nicht eine Stunde so atmen.

Viele leben so. Und ähnlich, sagt Johannes, und vielleicht denkt er an seinen Vater und seine Mutter.

Ja, da standen sie beide, und wenn irgendein Dörfler in der Nähe vorüberging, so war er bestimmt von Neid erfüllt auf die hochgeborene Freiin Christiane von Fidde und den Bengel, den Johannes Gäntschow, der es in jungen Jahren schon so weit gebracht hatte, daß er mit Grafen und all solchen Leuten auf einem richtigen Schloß verkehrte.

Aber nach Beneidetwerden war ihnen eigentlich nicht zumute. Weiß der Henker, wie es zuging, aber der Bullenberger war trotz aller Sorgen fast etwas Unwirkliches gewesen, das sie allein für sich gehabt hatten und das eines Tages nicht mehr da sein würde, ganz so, als ob er nie gewesen wäre.

Aber dieser Streit zwischen Superintendenten und Fischerswitwe über eine verwechselte Totenrede, der würde nie wieder ganz fortgehen, und das war schlimm. Christiane sah das Wasser des Dorftümpels an, und wäre es ein klares Seewasser gewesen, sie hätte sich gleich gebadet und gescheuert. Sie hatte ein Bedürfnis danach. Aber es war nur der modrige Dorftümpel, in den aller Dreck und Abfall geschmissen wurde. Es stimmte alles. Am liebsten hatten die Leute ihren eigenen Dreck schön nahe und warm am Hause.

Am liebsten, sagte Christiane auch, ginge ich gar nicht wieder zu Marder.

Und ich nicht zum Bullenberger, sagte Johannes überraschend. Ich finde jetzt oft, er ist bloß gemein und streitsüchtig, und wir haben seinetwegen von diesem Sommer noch gar nichts abbekommen.

Aber ich habe ihm doch mein Versprechen gegeben, wandte Christiane ein.

Gewiß, und das haben wir auch ganz schön gehalten. Aber mittlerweile wird es Zeit für ihn. Suchen tut ihn niemand mehr hier. Und er ist auch gar nicht mehr so krank, er ist bloß noch überspönig.

Aber bisher haben wir immer nicht gewollt, daß er schon wegging.

Ja doch, ja doch. Aber nun wollen wir's eben.

Er stand verdrossen da. Die Enten hatten wohl von dem alten Kinderlied gehört: Kopf ins Wasser, Beinchen in die Höh'; sie taten's ununterbrochen, und dem Johannes kam das ununterbrochen abgeschmackt vor.

Manchmal, sagte er, ist die alte Insel doch wirklich zu klein. Daß einen hier jeder kennt, und daß man jeden Weg weiß und jedes Haus und die Geschichten in den Häusern – nein, manchmal möchte ich durchaus raus aus alledem. Weit weg. Und dann denke ich doch wieder, daß man nirgend anders richtig leben kann. Ach, rief er verzweifelt aus. Ich habe alles so über –!

Du mußt dich nur drei, vier Nächte wieder einmal richtig ausschlafen, tröstete sie ihn. Du hast einfach zu wenig Schlaf, darum bist du so. Und ich denke, am besten kommst du jetzt mit mir. Und unterwegs baden und schwimmen wir tüchtig, dann ist dir auch schon wieder anders.

Nun, sie taten es. Aber wenn ihnen wirklich anders geworden war, so hielt es jedenfalls nicht lange vor, denn gleich auf der Bodentreppe begegnete ihnen Elfriede Saaß. Und der Blick, mit dem die sie ansah, war frech und verlegen zugleich.

Nanu, sagte Johannes stirnrunzelnd und blieb stehen.

Elfriede! rief Christiane.

Aber Elfriede, das Stubenmädchen, mit den vollen, roten Backen und der starken Brust unter dem schwarzen Kleid, mit der weißen Schürze, ging weiter treppab, als kennte sie keine junge Gräfin, und hörte nichts.

Die beiden sahen sich nur an und gingen rasch nach oben. Siehe da, die Rumpelstubentür stand wieder auf, und der Bullenberger saß auf seinem Bett und sah die beiden grinsend an.

Was hat die Elfriede bei Ihnen zu suchen? sagte Johannes und zitterte vor Wut.

Elfriede? fragte der Bullenberger und sah sich die beiden an, als seien sie komische kleine Tierchen. Heißt die Elfriede?

Der Junge stand einen Augenblick schweigend. Er zitterte – Christiane aber sah sich in der Stube um, als sei nun alles zerschlagen und die ganze Kindheit mit all ihren Erinnerungen dazu.

Sie geben mir jetzt auf der Stelle den Nachschlüssel, befahl Johannes.

Den Nachschlüssel? fragte der Bullenberger. Hast du mir denn einen gegeben, Hannes? fragte er.

Her damit, schrie Johannes und verlor seine letzte Selbstbeherrschung, und heute nacht ziehen Sie los!

Glaube ich nicht, sagte der Bullenberger, es ist noch zu früh. Und meine Schulter ist auch noch nicht so, wie sie sein sollte.

Aber dafür ist es Ihnen nicht zu früh, schrie Johannes, daß Sie hier verdammte Weiber in unsere Stube holen und machen uns alles dreckig, was?

Ich verstehe nicht, was du willst, sagte der Bullenberger. Ich hab's doch hier wirklich langweilig genug, und eine sehr berühmte Gesellschaft seid ihr beide auch nicht.

Aber, fing Johannes an.

Und wenn ich da einmal durch den Türspalt gucke, wenn grade ein hübsches junges Mädchen auf dem Boden ist und da rumkramt, dann ist es ja wohl kein solches Verbrechen, daß du mich hier anschreien mußt.

Es war alles bitterste Kränkung und Entweihung. Schon, daß er in Christianes Beisein von hübschen, jungen Mädchen sprach, daß er in des Grafen Pyjama sich Elfriede ansah, wenn er sie sich wirklich nur ansah ... Daß er in ihrem Zimmer, in dem sie ihre liebsten Bücher zusammengetragen, ihre geheimsten Dinge aufbewahrt hatten, mit seinem dreckigen Priemmaul lag ... Da war zum Beispiel dieser Stein mit der unlesbaren Inschrift, den sie in einer Sandgrube gefunden hatten. Der Bullenberger hatte ihn sich unten auf die Steppdecke gelegt, weil er behauptete, das olle seidene Ding rutschte immer so. Da waren die goldenen Armringe aus dem alten Hünengrab. Der Bullenberger hatte damit geklingelt und sie angefaßt und hatte sie auf dummen Goldwert taxiert ...

Nein, sagte Hannes entschlossen, Sie müssen heute nacht noch weg. Sie können's auch. Verstehen Sie nicht, daß wir das über haben mit Ihnen. Wenn's noch nötig wäre, aber so!

Es ist aber nötig, sagte der Bullenberger und wandte sich an Christiane, und Ihr Wort habe ich auch. Und wenn dieser blöde Bauerntöffel mich zehnmal rausschmeißen will, dann sollten Sie ihm sagen ...

Aber es kam nicht zu dem, was Christiane sagen wollte. Es kam in diesem Leben zu überhaupt keinem Wort mit dem Bullenberger mehr, in diesem Leben nicht. Denn die Rumpelstubentür ging auf, und Elfriede stand darin, und auf ihrem hübschen, robusten Gesicht hatte sie wieder diesen aus Frechheit und Verlegenheit gemischten Zug. Aber was sie dann sagte, klang gar nicht so sehr verlegen.

Sie sei so auf dem Boden, sagte sie geläufig, sah aber niemanden an, nicht einmal den Bullenberger, und sehe die Wintersachen nach, ob nicht die Motten darin seien, ganz, wie es Mamsell Hannemann angeordnet habe. Aber wenn so laut gesprochen würde, sie sei bei weitem nicht taub, und was das anlange, so habe sie sich schon viele Wochen gewundert, warum in des Herrn Grafen Wäscheschrank nie mehr Ordnung sei. Und die Mamsell Hannemann zähle sich ja wohl von Sinn und Verstand wegen der fehlenden Pyjamas und Handtücher und Bettwäsche. Aber der arme Dienstbote müsse so etwas ja immer entgelten, und eine Gräfin würde darum nicht von früh bis morgens angebellt und herumgehetzt und gerate womöglich noch in Verdacht, und der Landgendarm immer dicht über dem Schließkorb. Aber wenn sie auch erst neunzehn Monate und zwei Wochen auf dem Schloß sei, von der Eisscholle habe sie doch gehört, und wenn sie die richtige Feinheit auch nie lernen würde, sie für ihr Teil meine, der Bullenberger habe es nicht nötig zu bitten. Fein komme von dünn, das habe ihr Vater schon immer gesagt. Und wenn sie eben nicht fein sei, so könne sie doch feste zufassen, und ihr mache es nichts aus, noch einen Mann mitzubesorgen neben all ihrer Arbeit. Und wenn es eben mit den feinen, seidenen Pyjamas zu Ende gehe, so werde sich der Bullenberger auch in einem ihrer Hemden ganz wohl fühlen, die Breite über die Brust habe sie. Aber ...

Doch nun war es Christiane, die zu Johannes Gäntschow Komm flüsterte, und vermißt wurden sie hier ebensowenig wie im Superintendentenhaus, und wenn sie da hinten der Haß vergessen hatte, so war es hier oben die Liebe, oder was solche eben Liebe nennen. Und das war nicht etwa Christiane, die das sagte, sondern der Bauerntöffel, der Johannes. Und überhaupt hatten sie in den nächsten Tagen ja nun genug Gelegenheit, darüber nachzugrübeln, wieso es mit dem Bullenberger trotz allen ehrlichen Willens nicht gegangen war. Denn Zeit hatten sie jetzt wieder, genug zum Ausschlafen und genug zum Grübeln, da der Bullenberger ganz offiziell in eine andere Pflege übergegangen war. Daß er sich aber da wohler fühlen mochte als in der ihrigen, das bezweifelte nicht einmal Johannes, der über solche Liebe so abschätzig urteilen konnte.

Fein kommt von dünn – und Johannes wenigstens wurde sich ganz klar darüber, daß zwischen ihm und dem Bullenberger alles glänzend hätte gehen können. Da er jedenfalls in keiner Beziehung »dünn« geworden war, in gar keinem Sinne, so mußte es an etwas anderem liegen. Und wenn er auch flüchtig an seine sich ständig mehrenden Bücher zu Hause dachte, oder daran, daß er jetzt an einem gräflichen Tisch mitessen konnte, ohne sonderlich beschämt zu sein, oder daran, daß er jetzt in heilen und sauberen Anzügen herumlief – so äußerlich konnte es eigentlich nicht liegen.

Weißt du, sagte Christiane, wir sind doch noch sehr jung. Und er hat sich wohl nie gern kommandieren lassen.

Ja, das ist möglich. Und dann hat er sich nicht so benehmen können, wie er gerne wollte.

Wie wollte er sich denn benehmen?

Ach, Tia –! Na, lassen wir's ruhen. Bei Elfriede wird er sich schon wohler fühlen.

Gewiß. Und ich störe ihn sicher nicht wieder ...

Aber – und das erfuhr nicht einmal der Johannes – wenn sie bestimmt wußte, daß die Elfriede irgendwo unter den Augen der Hannemann bei einer längeren Arbeit saß, dann schlich sie sich doch wieder die Bodentreppe hinauf und ging auf Strümpfen zu der Tür, die jetzt für sie verschlossen war, und lauschte auf das Räuspern drinnen und auf das Hinundhergehen oder ein ärgerliches Wort, das er zu sich selbst sprach.

Dann war sie froh und traurig zugleich, froh, daß er mit der ungeheilten Schulter nicht schon hatte fortmüssen, und traurig, weil sie nun ihr Wort doch nicht hat halten können, das sie ihm damals auf dem Kutter gegeben hat. Denn eigentlich hatte sie ihm ihr Wort ja nicht nur für sich gegeben, sondern auch für ihren Vater, von dem er so verächtlich gesprochen hatte, und für alle, alle mit, die so waren wie sie. Daß er denen mißtraute, das fühlte sie gut. Sechzehn Jahre – und sie ging herum und ihr Herz war bedrückt, und über dies Allerwichtigste konnte sie mit Hannes auch nicht reden, wenn der auch längst kein Bauernjunge war, so fest er auch daran glaubte. Und Papa –? Dem Papa konnte man alles sagen, und dem Papa konnte man alles erzählen, vielleicht sogar dies. Und was Papa dazu sagen würde, würde sicher richtig sein. Und doch würde es ihr wunderbarerweise gar nichts helfen.

So ging sie grübelnd umher, und die alte Brettertür oben verlor, wenn auch die Tage gingen und zu Wochen wurden, nichts von ihrer Anziehungskraft. Fein? Jawohl, sehr möglich, aber beharrlich dabei, störrisch konnte man auch sagen. Hannes sprach immer weniger vom Bullenberger. Er begnügte sich damit zu fragen, ob er denn noch immer nicht fort sei, und zu schimpfen, wenn sie das verneinte. Hannes war mit dem Bullenberger erst einmal durch, aber sie war mit ihm noch nicht durch. Sie stieg weiter die Bodentreppe hinauf und schlich in Socken an seine Tür. Das war nun einmal so. Da machte sie sich nichts vor. Das Leben hatte ihr eine Aufgabe gestellt, und sie hatte versagt.

Wie sie da aber einmal wieder über den Boden schlich und gerade in Sicht von der Tür kam, da sah sie mit tiefem Erschrecken ein Mädchen an dieser Tür, und sie hatte doch eben noch die Elfriede unten beim Erbsenpalen gesehen! Wie sie da aber noch so zaudernd stand, drehte das Mädchen sich um und sah sie, und da war es nicht Elfriede, sondern die Berta, die an des Bullenbergers Tür lauschte!

Das ältliche Mädchen hatte ein flammendes Gesicht, als es seine junge Herrin da stehen sah. Viele Jahre war sie schon auf dem Schloß. Fast so lange wie Christiane lebte, und Christiane war immer Bertas Liebling gewesen. Aber jetzt ging Berta mit rotem Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen, an ihr vorüber, als sähe sie sie nicht und sah sie dabei doch gerade mit ihren grauen, bösen Augen an. Und Christiane tat etwas, was sie nie von sich gedacht hätte: sie wartete ab, bis der Schritt Bertas ganz unten auf der Treppe verklungen war, und dann nahm sie ihre Schuhe und versteckte sich hinter einem Koffer, von dem aus sie Blick auf die Tür hatte. Da saß sie eine lange Zeit, und von der stickigen, staubigen Bodenluft wurde es ihr ganz müde und benommen im Kopf. Aber sie hielt aus.

Schließlich kam wirklich Elfriede und kratzte in einer besonderen Art an der Tür, und die Tür wurde aufgemacht, und dann hörte sie die beiden reden und merkte, daß sie sich abküßten, und ...

Fein, jawohl, doch nicht die Spur zimperlich, aber was für eine häßliche Welt! Ihr Kopf schmerzte von der eingeschlossenen Luft. Und jetzt stand auch noch die ältliche Berta mit dem bösen, faltigen Gesicht hochrot an der Tür, und nun belauschten sie zu zweien, was die taten. Sie hätte die andere am liebsten weggejagt. Es war ekelhaft, wie sie dastehen und so etwas belauschen konnte, und daß man so etwas mit so einer im Herzen gemeinsam hatte ...

Und plötzlich mußte sie daran denken, was jetzt wohl der Hannes getan hätte. Und schon stand sie mit ihrem schweren, benommenen Kopf auf und ging ruhig an der zusammengeschrockenen Berta vorüber, über den Boden, die Treppe hinunter in ihr Zimmer. Sie zog sich langsam und tief in Gedanken aus und lief im Bademantel hinüber in das Badezimmer und duschte sich eiskalt ab und legte sich in einem frischen Schlafanzug in ihr frisches, weißes Bett.

Aber gleich war sie wieder ganz heiß und alles stimmte nicht. Nicht die Weiße, nicht die Reinheit, nicht die Kühle. Und sie hätte gern fortgehen mögen, wenn sie nur gewußt hätte, wohin man in einem solchen Zustande geht. Aber dann war ihr wieder alles gleich. Und sie hätte nur gerne gemocht, daß Mademoiselle nicht so viel gefragt hätte. Aber dann war es doch wieder gut, daß der Papa an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt und gar nichts fragte. Später kam dann noch der dicke, alte Doktor Westfahl und machte ein paar Witzchen, und sie lächelte höflich dazu, und plötzlich fiel ihr bei diesem Lächeln ein, daß sie ja den Bullenberger vor der Berta warnen müsse. Und die beiden Herren hatten tüchtig zu tun, sie in ihrem Bett zu halten. Da bat sie darum, daß sofort nach Johannes Gäntschow geschickt würde, und das wurde ihr auch fest versprochen. Aber sie glaubte dem Versprechen nicht. Sie traute denen nicht. Vielleicht dachten die, sie wäre krank. Aber sie war nur müde und hatte sich zu sehr geekelt.

Dann vergaß sie wieder alles. Und sie saß mit Johannes am Kehlteich unter dem alten Stein, die Sonne stand heiß am Himmel, die Schlehen waren ganz voll weißer Blüten und dufteten sehr süß. Und es war sehr gut, daß die Fidder und die Gäntschower Kinder endlich einmal beieinander saßen.

Es mußte tiefe Nacht geworden sein. Es war so still in Haus und Hof. Da ging wieder die Türe in ihrem Zimmer auf und Papa trat ein und flüsterte einen Augenblick mit der Miß, und die Miß lief eilig fort. Der Papa aber setzte sich neben ihr Bett und faßte ihre Hand, und plötzlich fühlte sie, wie seine Hand zitterte.

Was ist, Papa? fragte sie ängstlich.

Nichts ist, sagte er. Ich möchte nur ein Weilchen bei dir sitzen.

Du brauchst doch keine Angst zu haben um mich, Papa, ich bin nicht mehr sehr krank.

Nein, nein, sagte er beruhigend, aber ich darf doch noch eine Weile hier bei dir sitzen?

Doch sie fühlte, daß etwas nicht stimmte, und sie sagte wieder: Ich fühle doch, Papa, es ist was. Sage es mir doch.

Du mußt nachher nicht erschrecken, sagte der Papa sanft. Eins von den Mädchen hat eine Dummheit gemacht. Sie hatte wohl eine Liebschaft mit dem Bullenberger und hat ihn hier im Hause versteckt ...

Ja, ja, sagte Christiane mit angstvoll geöffneten Augen, weiter!

Du sollst dich nicht aufregen, Christa. Ich weiß, du denkst jetzt an die alten Zeiten, an die Eisscholle und an alles. Aber die alten Zeiten sind vorbei, und der Bullenberger ist ein schlechter, böser Mensch ...

Und –? Weiter! Weiter! drängte Christiane.

Und ein anderes Mädchen hat wohl davon erfahren und hat es der Gendarmerie angezeigt. Und jetzt ist das Haus umstellt. Und wenn er sich wehrt, wird vielleicht geschossen. Ich wollte es dir nur sagen, damit du dich nicht erschreckst.

Papa! sagte Christiane und saß nun aufrecht in ihrem Bett. Nun mußt du nicht erschrecken. Ich habe den Bullenberger hier im Hause versteckt, nicht die Elfriede. Und die Elfriede hat ihn mir nachher weggenommen. Aber immer habe ich mich um ihn gegrämt ... Ach, Papa ...

Und sie sieht angstvoll zitternd auf den Vater, der fahl an der Wand steht.

Christiane, sagt er. Meine Tochter Christiane ...

Und du mußt sofort hinaufgehen, Papa, und mußt ihn sofort warnen. Er hat mir das Leben gerettet, und sei er, wie er sei, nicht in unserem Hause darf er sterben.

Ach, Christiane, sagte der Vater.

Oh, da stehst du, rief sie gramvoll, da stehst du, und vielleicht erschießen sie ihn gleich ... Ach, hättet ihr doch zu Johannes Gäntschow geschickt, wie ich gebeten habe. Hannes würde ihn noch jetzt aus dem Haus schmuggeln.

Johannes Gäntschow? fragte der Graf. Weiß der Hannes darum?

Aber gewiß doch, Papa, sagte Christiane eilig, er hat ihn doch erst hierher gebracht. Und wir haben ihn doch immer zusammen versorgt. Aber ich kann dir jetzt nicht alles erzählen. Du mußt hinauf zu ihm, Papa, um meinetwillen, um unser aller willen mußt du hinauf zu ihm ...

Gut, sagte Graf Fidde, ich gehe jetzt hinauf, Christiane, weil du nun einmal dein Wort gegeben hast ...

Geh, geh! drängte sie, und er ging schon zur Tür ...

Aber da hörten sie, daß es schon zu spät war. Sie hörten einen Aufschrei wie von einer Frau, und dann hörten sie ein Brüllen, ein wütendes, tierisches Brüllen, und schon knallte es, nicht einmal, sondern einmal und dann rasch hintereinander, viele, viele Schüsse. Verwirrtes Rufen und Schreien hörten sie, und auf den Treppen polterte es, und sie hörten das: Haltet ihn, dort! Und wieder Schüsse.

Lauf doch, Papa, lauf doch, rief Christiane. Ist er weggekommen?

Und der alte, graue Papa lief.

Nach einer Zeit, nach einer langen, langen Zeit kam er wieder.

Ist er weggekommen? fragte Christiane.

Ja, er ist weggekommen, sagte der Graf.

Wenn er weggekommen ist, sagte Christiane aufatmend, dann bringt ihn der Hannes schon von der Insel. Hannes schafft es. Dann kriegen sie ihn nicht.

Nein, die kriegen ihn nicht, sagte der Graf. Der ist weggekommen. Und nun gib mir deine Hand, Christa, und schlafe ein.

Und das tat sie denn auch. Plötzlich war sie sehr müde und glücklich. Und mit ihrem Wort und Versprechen war nun auch alles wieder in Ordnung gekommen.

Aber wie nun auch der Graf Fidde sein mochte, und was er auch noch in jener Nacht besprochen haben mochte – am nächsten Morgen jedenfalls war er mit seiner kranken Tochter abgereist, und die ganze Last des erschossenen Bullenbergers kam nieder auf Johannes Gäntschow. Nun ja, der Bullenberger war tot. Und die Herren wollten wohl auch die Untersuchung ob jenes rätselhaft langen Aufenthaltes auf Schloß Fidde nicht mit allem Nachdruck führen, aber jedenfalls hatte der sechzehnjährige Bengel viele, viele Stunden vor ihnen zu stehen. Und sie quälten ihn und stachelten ihn von allen Seiten, um seine störrische Zunge gefügiger zu machen. Sein Vater war kein Graf, sondern nur ein Bauer, der nicht mehr für ihn tun konnte, als mal halblaut und verstohlen zu sagen: Es geht alles vorbei, Hannes.

Aber das verstand der Vater nicht, daß das Schlimmste von allem war: die Christiane war fort. Ohne ein Wort. Und es kam auch keines.

Und wie die Herren nun wieder abgereist waren, nachdem sie seinem Vater sehr deutlich gemacht hatten, wie gnädig sie mit seinem Sohn verfahren waren, und das beste würde sein, der Bengel ließe sich ein paar Jahre auf der Insel nicht mehr sehen, und wie Johannes einsam auf seinem Koffer saß und in die Stadt fahren sollte, da hatte er allen Grund und Ursache, einmal an seinen Bruder Alwert zu denken, und wie komisch es im Leben eigentlich zuging. Denn eigentlich hatte er genau dasselbe erlebt wie sein Bruder Alwert, und genau dasselbe war ihm zugestoßen, was auch seinem Bruder Alwert zugestoßen war. Wie der, reiste er nun in die fremde, weite Welt, wie der hatte er seine verzauberte Prinzessin gehabt, und wie der konnte er sagen: Oh, meine Blanka!

Und vielleicht tat er das auch wirklich.

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