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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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31 VII.

Herrn Wippchen in Bernau.

Zu unserem aufrichtigen Bedauern haben wir uns genöthigt gesehen, Ihren jüngsten Bericht in den Papierkorb zu werfen. Sie wissen, daß wir der Geduld unseres verehrten Leserkreises Vieles zumuthen und demselben oft das Stärkste vorlegen. Wenn das Gebotene amüsant und halbwegs glaubwürdig ist, so sind wir nicht wählerisch. Ihr jüngster Bericht aber hat dieser Voraussetzung kaum zur Hälfte genügt. Sie schildern die Schlacht bei Plewna in lebhaften Farben. Vortrefflich. Dann aber lassen Sie die Russen nicht nur über den Balkan, sondern auch über die Alpen zurückgehen, als hätten die Russen sich plötzlich entschlossen, sämmtliche europäische Gebirgsketten zu überschreiten. Wir wissen mit dem besten Willen nicht, wie Sie zu solchen halb wahnsinnigen Unternehmungen die Hand bieten können. Ihre Absicht, stets mehr als andere Kriegsberichterstatter thun zu wollen, mag ja löblich sein, führt Sie indeß auf Abwege; wir aber können Sie darin nur mit Gefahr unseres Abonnentenstamms unterstützen. Dazu nun haben wir obsolut keine Lust.

Auch Ihre letzte Depesche, nach welcher die Finanzlage der Türkei eine derart schlechte sei, daß 32 der Sultan befohlen habe, den Paschas, welche eine Schlacht verlieren, fortan eine baumwollene an Stelle der seidenen Schnur zuzuschicken, ließen wir lieber ungedruckt. Abgesehen von Allem, so erblickten wir in dieser Nachricht eine Gegnerschaft, welche uns veranlaßt, Sie zu bitten, uns endlich doch einmal zu sagen, wie Sie eigentlich gesinnt sind. Dann erhalten Sie auch den verlangten Vorschuß.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 8. August 1877.

Es gehört meine ganze, mir wahrlich nicht an der Amme vorgesungene Seelenruhe dazu, nicht das Unterste zum Obersten zu ernennen, wenn ich einen Brief wie Ihren jüngsten erbreche. Oh! Wer oht da? Ich glaube, ich war es selbst. Sie werfen mir also, mir nichts, Ihnen nichts, meine Alpen in den Papierkorb, den ich Ihnen doch noch höher hängen muß, und ersticken dadurch eine meiner besten Ideen in der Geburt. Ich habe nicht nur die Alpen, sondern auch noch andere Höhenzüge lange in mir herumgetragen und wollte nun, da sich eine passende Gelegenheit bot, die Russen über alle diese Berge zurückgehen lassen, um eben zu beweisen, daß die Russen über alle Berge sind. Zu unlustig – entschuldigen Sie dieses herbe Wort! – dem Fluge meiner Phantasie auf Schritt und Tritt zu folgen, erschießen Sie mir meinen 33 Pegasus unter dem Leibe, als hätten Sie eine Trichine vor sich, und rümpfen hinterdrein mitleidig die Achseln. Wahrlich, das schlägt dem Rabbi Akiba den Boden aus!

Wie ich gesinnt bin? Ich dachte, Sie hätten es bereits die längste Zeit gemerkt. Wie die Krebse bin ich in den Monaten mit r ein vollblütiger Türke, in den übrigen bin ich russisch gesinnt. So stehe ich zwischen zwei Fliegen mit einer Klappe, ein Rhodus in der Mitte beider Colosse, ohne mir irgend wie zu nahe zu treten. Ich denke, daß ich solchergestalt allen Ihren Lesern gerecht werde und so recht eigentlich den Apfel des Paris abgeschossen habe.

Ich gehe damit um, mir demnächst für meine Berichte einen Ehrensäbel von russischen oder türkischen Studenten überreichen zu lassen. Wie denken Sie darüber? Sagen Sie es mir mit wendender Vorschußsendung. Angebogen den Marsch der Türken auf St. Petersburg.

* * *

Zarewitza, 6. August.

W. Die Hoffnung, daß die Russen nach der Völkerschlacht bei Plewna einen modus effendi finden würden, um einen Frieden mit den Türken zu schließen, hat sich gestern Nachmittag gegen 4 Uhr nicht verwirklicht. Es war acht Stunden vor Mitternacht. Der Kaiser Alexander hatte sein Hauptquartier verlegt und konnte es nicht wiederfinden. Endlich traf er hier ein. Ich war gerade auf der Straße, als der Kaiser unter meinem Fenster vorüberzog. Er brütete 34 auf seinem prächtigen Pferde, achtete nicht auf meinen gezogenen Hut und dachte über den jähen Wechsel der Fortuna nach, deren Füllhorn sich noch vor wenigen Wochen in seine Fußstapfen ausgeschüttet hatte. Welch ein Bild! Der mächtige Czar, in dessen Reich weder Sonne noch Mond unterging, plötzlich auf der Flucht vor der hart auf seinen Hacken wehenden Fahne des grünen Propheten! Er, der gestern noch glaubte, seine Rosse im Halbmond tränken zu können, heute sah er sich umsonst nach einem Abraham um, in dessen Schooß er sein gerunzeltes Haupt legen könne! Wem fiel bei diesem Anblick nicht das Miserere! Miserere! aus dem »Troubadour« ein? Mir wahrlich nicht.

So ging es fort. Das Hauptquartier wurde fortwährend weiter verlegt. Uebermorgen wird es vielleicht in Frateschti sein. Wo morgen? Sechs Stunden später zogen die siegestrunkenen Türken mit fliegenden Fahnen ein und wieder aus, den Russen nach, unterwegs Alles niedermachend, was nicht niet- und nagelfest war. Ich entging dem Gemetzel mit knappem blauem Auge. Ueberall, wo die Türken passirten, bezeichneten abgeschnittene und zweifellos leblose feindliche Köpfe, welche ihnen in die Hände gefallen waren, den furchtbaren Siegeszug. Direct in das Herz Rußlands hinein! Meinen nächsten Brief empfangen Sie mit russischer Freimarke. Wir stehen entschieden vor der Kehrseite der Medaille.

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