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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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26 VI.

Herrn Wippchen in Bernau.

Vor etlichen Tagen waren Sie einmal wieder ganz und gar der alte Wippchen, dessen Nachrichten uns so unsäglich viel Verlegenheiten bereiten. Sie kündigen uns Ihre Verlobung mit dem bereits erwähnten Stationsmädchen, oder, wie Sie sich ausdrücken, mit der Jeanne d'Arc von Freienwalde, an und bitten um einen größeren Vorschuß zum Zweck des Arrangements einer würdigen Verlobungsfeier. Wir senden Ihnen ein Gratulationstelegramm und den verlangten Vorschuß. Kaum aber war Beides fort, so schreiben Sie uns wörtlich:

»Ich bin in der Lage, die Nachricht, daß ich beabsichtige, in den heiligen Gott Hymen zu treten, ja, daß ich mich bereits verlobt hätte, ihrem ganzen Inhalt nach zu dementiren. An dem ganzen verbreiteten Verlobungsring ist auch nicht ein einziges Wörtchen wahr. Nach wie vor frei wie der Fisch in der Luft, ist es mir nicht einen Augenblick eingefallen, meinen Freiersfüßen den Rücken zu kehren, ich habe im Gegentheil dem betreffenden Mädchen niemals einen Floh in's Herz gesetzt, aus welchem sie hätte die Hoffnung schöpfen können, daß ich gesonnen sei, 27 ihr meinen Standesbeamten vor dem Altar zu reichen. Hagestolz will ich den Spanier. Ohne Frau, wie ich geboren wurde, will ich auch einst wieder in die dunkle Sense fahren. Um dieses Ziel zu erreichen, ist mir kein Korb zu hoch. Dies ist mein letztes Dixi

Wozu nun die vielen Worte? Sie brauchten ja nur einfach zu sagen, daß Sie wieder einmal eine Ente in die Welt gesetzt hatten. Daß Sie dies aber auch hinsichtlich Ihrer Privatangelegenheiten thun, das ist unglaublich, wenn auch höchst charakteristisch. Wir erwarten nunmehr wieder einen Artikel, da Sie nach Ihrem, beiläufig bemerkt, sehr voreiligen Bericht über das Eingreifen Griechenlands nichts von sich hören ließen.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 26. Juli 1877.

Ihre geschätzten Vorwürfe habe ich so eben erhalten, während ich damit beschäftigt war, eine größere Anzahl Grausamkeiten zu verfassen, mit welchen der Halbmond sein Gewissen belastet. Ich habe sie so eingerichtet, daß sie durch den Rothstift in russische verwandelt werden können, falls Ihnen dies augenblicklich besser passen sollte. Ich mache Sie besonders auf die sechste Grausamkeit aufmerksam, auf welche 28 ich meiner Phantasie etwas zu gute thue. So wie es hier geschieht, hat wohl noch kein Kriegscorrespondent ein ganzes blühendes Dorf an unzähligen Ecken den Flammen überliefert, Kind und Kegel an der Mutter Brust auf Lanzen gespießt, unzählige Jungfrauen zu Paaren getrieben und sämmtlichen Männern und Weibern erbarmungslos den Rest ausgeblasen. Dem Leser werden bei der Lectüre die Gänsehäute zu Berge stehen, denn ich selbst ballte unwillkürlich die umflorten Augen, als ich meine Arbeit nochmals durchlas. Europa, rief ich aus, während ich mir knirschend eine neue Cigarre entbrannte, Europa, wie lange willst Du noch diese Scheusalkeiten ruhig mitansehen?

Und Sie! Sie sind außer Ihnen, weil meine Verlobung aus der Ente gegriffen war. Sie scheinen nicht zu bedenken, daß dies einem Mann sehr wohl passiren kann, der von Auroras Anbruch bis in die späte Luna hinein vor lauter Klio's Tafeln nicht zu Athem kommt und bald nicht mehr im Stande ist, seine eigenen Angelegenheiten von denen der Weltgeschichte zu unterscheiden. Man wird oft völlig mente cactus. Wenn Sie mir also meine Verlobung glaubten, so haben Sie sich dieselbe selbst zuzuschreiben. Es giebt nichts Antipoderes als ich und Hymens Fackel. Ich sagte Ihnen an irgend einer Stelle: »Bei Nacht sind alle Weiber grau,« womit ich ausdrücken wollte, daß mir Alle ziemlich gleich sind. Ich fliege wohl von einer Blume zum andern Schmetterling, aber Amor wird doch stets seinen Köcher vergeblich schwingen. Im Gegentheil.

29 Um wieder auf unsere revenons zu kommen, so glaube ich, Ihnen mit den angebogenen Friedensverhandlungen willkommen zu sein. Ich pflege dies in jedem Kriege so zu halten: einige Zeit nach dem Beginn desselben tauche ich Friedensgerüchte auf, und Sie wissen ja: ursus est tyrannus!

Vom Vorschuß schweige ich heute. Aber ich bitte Sie, mir umgehend einen solchen zu senden.

* * *

Adrianopel, 23. Juli.

W. Nach dem von den Russen über den vielgenannten Balkan wie ein Lauffeuer bewerkstelligten Uebergang, welcher mir heute noch wie ein Traum klingt, bin ich hierher geeilt, um mich von den Strapazen, welche meinen Lebensfaden zu durchschneiden drohen, zu erholen. Welch ein Krieg! Unaufhaltsam scheinen die Russen auf ihren thönernen Füßen zu den Moscheen und Propheten der türkischen Hauptstadt vorzudringen, während die Türken gezwungen scheinen, zur äußersten grünen Fahne zu greifen und so das Zeichen zum allgemeinen Glaubensmars zu geben. Dann würde freilich das Gemetzel in einen schrecklichen Gorillakrieg ausarten und sowohl ein Tohu, als auch ein Bohu entstehen, das zu schildern schon jetzt das Papier sich sträubt. Dahin wird es aber voraussichtlich nicht kommen. Denn soeben macht eine Friedenstaube aus bester Quelle die Runde durch die Stadt. Ich kenne den Wortlaut dieser Friedenstaube noch nicht, indeß weiß ich bestimmt, daß der Czar Befehl gegeben hat, keine 30 Kanone mehr in die Festungen zu werfen und von keinen Truppen weiter die Balkanpässe visiren zu lassen. In den Bazaren stecken die Bürger ihre Nargilehs zusammen, und es herrscht überall die haschischste Stimmung. Eben tönt es von der Straße herauf: Vive Islampereur! Es lebe Allah il Allah! Schaaren von Eunuchen ziehen vorüber und werfen mit Selämmern. Die Börse ist fest.

So ist denn der Ausbruch des Friedens mit einiger Sicherheit zu erwarten. Es war auch die höchste Zeit. Das Elend spottet jeder bisher dagewesenen Beschreibung. Heute Morgen sprach ich mit meinem Wirth, welcher den Krieg mitgemacht hat. Wie war der zugerichtet! Kosaken hatten ihm seine einzige Nase abgeschnitten und waren damit fortgeritten. Der Staat ließ ihm eine metallene machen. »Erlauben Sie mir eine Frage?« fragte ich.

»Reden Sie,« sagte er, »ich bin ganz Ohr.« (Nebenbei bemerkt, waren ihm auch beide Ohren abgesäbelt.)

»Eine Metallnase und säße sie noch so fest,« bemerkte ich, »muß doch recht unbequem sein. Wie putzen Sie sie z. B.?«

»Mit Putzpulver!« erwiderte er.

Ich schwieg. Mich überlief's brühkalt. O über die Russen!

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