Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stettenheim >

Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

20 V.

Herrn Wippchen in Bernau.

Drei Wochen sind seit Ihrem Uebergang der Russen über die Donau verflossen, ohne daß Sie sich herbeiließen, sich wieder mit den Ereignissen zu beschäftigen. Für Sie scheint mit Ihrem Donauübergang, der seitdem zum Glück wirklich stattgefunden hat, der orientalische Krieg sein Ende erreicht zu haben, während er nach unserem Dafürhalten damit erst in Fluß gekommen ist. Ihre irrthümliche Anschauung hat leider die natürliche Folge, daß Sie die für falsche Nachrichten günstigste Zeit unbenutzt verstreichen lassen. Dies ist unerhört und schadet Ihrem Ruf empfindlich. Jetzt, wo die Verwirrung auf dem Kriegsschauplatz so groß ist, daß keine der feindlichen Armeen weiß, ob sie siegt oder flieht, ob sie sich auf dem Vor- oder auf dem Rückmarsch befindet, jetzt, wo die Russen am Tage nach der Schlacht den Türken mittheilen, wie es diesen bei dieser Gelegenheit ergangen ist, jetzt scheint uns für Sie die Zeit gekommen zu sein, das Beste zu leisten. Statt dessen warten wir umsonst auf irgend ein Bombardement, obschon Ihnen Rustschuk und Silistria zur Verfügung stehen, und lassen Sie 21 sich die Dobrudscha ganz aus der Nase gehen. Sie scheinen nicht einmal das dort herauskommende »Niederbarnimer Kreisblatt« zu lesen, und das wäre denn doch das Wenigste, was wir von einem gutdotirten Kriegscorrespondenten verlangen können.

Obenein berichtet uns ein dortiger Freund, Sie seien in den letzten 14 Tagen nur selten in Bernau gewesen, sondern hielten sich viel auf dem Bahnhof von Freienwalde auf, wo die hübsche Kellnerin servirt. Ist dem so, so verkennen Sie allerdings Ihre Stellung: zum Erobern von Stationsmädchen brauchen wir keinen Kriegsberichterstatter.

Wir bitten Sie also recht sehr, sich schleunigst Ihrer Pflicht zu erinnern und uns einen Kampf von mindestens 30 Zeilen zukommen zu lassen. Geschieht dies nicht, widmen Sie sich mehr der Liebe, als dem orientalischen Krieg, so haben Sie sich die Folgen selber zuzuschreiben.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 12. Juli 1877.

Ich habe mir eine Cholerado angezündet und ließ mir meinen Seidel mit schäumendem Gambrinus füllen. So hoffe ich den von Ihnen gekrümmten Wurm in mir vor einem gerechten Zornausbruch zu bewahren. Ich gebe gern 22 zu, daß ich mich nach meinem jüngst ergebenen Donauübergang einem Dolce überließ, welches etwas zu farniente war. Aber es geschah dies wahrlich nicht in den Tag hinein. Mein Princip ist, das Publikum nicht zu übersättigen. Man kann des Rebhuhns auch zu viel thun. In der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister, sagt der Dichter. Wohin kommen wir, wenn ich täglich mit Ausnahme der Montage eine Schlacht abschicke, ein Bombardement in die Druckerei sende? Ohne modus in rebus wäre ich unstreitig nicht der geeignete Mann für meine Ausgabe.

Gerne will ich eingestehen, daß ich zur Erholung von meiner Blutarbeit die Berichterstattung des Processes Tourville von hier aus für ein Holsteinisches Blatt übernommen und daher in diesen Tagen besonders stark in Anspruch genommen war. Es war recht schwer, in dieser hügellosen Gegend über das Stilfser Joch zu schreiben, um so schwerer, als ich parterre wohne, mir daher mit dem besten Willen keine Absturzstelle vorstellen konnte und doch als Theilnehmer an der Inspectionsfahrt gelten mußte. Nun aber, nach der Verurtheilung Tourvilles, die ich leider einen Tag zu früh gemeldet habe, kehre ich wieder gestärkt zu meinem Orient zurück.

Und Sie werfen mir ein Mädchen vor! Sie nehmen mir eine Kellnerin krumm! Wenn Sie mir, als Sie mich gewannen, gesagt hätten: »§ 1. Herr Wippchen verpflichtet sich, dem weiblichen Geschlecht nichts anderes als Valet zu sagen,« so würde ich für keinen Midas der Welt die Stellung angenommen haben. Ich bin kein steinerner Don Juan, 23 gewiß nicht, und niemals im Leben habe ich mich vom Ewigweiblichen derart hinanziehen lassen, daß ich heute nicht sagen könnte: »Ich blicke auf einen mäßig verlebten Casanova zurück.« Ganz aber kann ich das weibliche Herz nicht ungebrochen lassen, dann und wann drängt es auch den Kriegscorrespondentesten, seine Hände auf das Haupt eines Mädchens zu legen und das berühmte Heine'sche Gebet zu verrichten. Und im vorliegenden Fall ist es noch dazu eine Bahnhofskellnerin, ein Verhältniß also, welches absolut harmlos ist. Jeden Augenblick kommt ein Zug, noch häufiger klingelt's und pfeift's, und Passagiere, welche Kaffee und Spritzkuchen heischen, drängen sich zwischen den Gürtel und den Schleier meines süßen Geheimnisses, das Sie so rauh mit den Fasces Alexanders durchhauen wollen.

Angebogen der Eintritt der Griechen in die Action. Auf was sollen wir noch warten? Ich habe abermals eine außerordentliche Quelle, nämlich Leonidas und die Perser bei Thermopylä, benutzt, Sie sehen, ich scheue keine Mühe, und wir könnten wie Kastor und Pollack miteinander leben, wenn Sie mir blindlingser vertrauten.

Mein Mammon rerum ist wieder zu Ende. Bitte, senden Sie mir umgehend 40 bis 30 Mark!

* * *

Larissa, den 10. Juli.

W. Ich rede mir nicht ein, die Pythia mit Löffeln gegessen zu haben, aber das Erscheinen der Griechen auf dem 24 Kriegstheater hatte ich lange vorausgesehen. Schon das alte Griechenland rüttelte an dem Fuß, den ihm ein Tyrann auf den Nacken gesetzt hatte, und wollte ich alle die längst geflügelt gewordenen Helden namhaft machen, so würde der mir zu Gebote stehende Raum gewiß nicht ausreichen. In dem modernen Griechenland waren nun die kühnen Peloponnesier wieder wach geworden, und da stand nun die Armee von 80,000 schönen Hellenen, bereit, ihre Waffen für das Vaterland zu vergießen. Ich eilte näher. An einem Engpaß des Olympos, dessen Fuß den Golf von Saloniki bespült, kam es zum Kampf. Die Türken forderten den Griechen die Waffen ab, aber die lakonische Antwort lautete in der Ursprache: »Komm' und hole sie!« und als nun ein Mann von Trachis den Hellenen sagte, die türkischen Kanonen würden die Sonne verfinstern, da riefen sie wie aus einer Zunge: »Desto besser, so werden wir im Schatten fechten!« Gesagt, gethan. Der Kampf begann. Der Engpaß wurde tapfer vertheidigt. Leider hatte ein gewisser Ephialtes für schnöde Talente den Türken die Stellung der Hellenen verrathen. In Poseidons Fichtenhain, der von Kranichen wimmelte, sah ich Alles deutlich mit an. Viermal schlugen die im Engpaß stehenden Leonidasse die Türken zurück, dann aber unterlagen sie, den Geboten Lakedämons getreu. Die Andern traten den Rückzug an, verfolgt von den Türken. Der Tod erntete Alles nieder. Aber es ist damit noch nicht aller Dinge Abend. Die Griechen werden den Sieg der Türken nicht auf sich 25 sitzen lassen. Sie glauben fest an ihren Sieg, – habent sua fata morgana!«

Als die Türken ein griechisches Grenzdorf stürmten, war ich Zeuge einer rührenden Scene. Aus einem brennenden Hause hörte ich ein Kind schreien. Ich trat ein, und das Kind rief mir Alpha! Alpha! entgegen. Ich verstand es. Dann brachte ich es in Sicherheit. Inmitten der Gräuel des Krieges ein Idyll!

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.