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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10 III.

Herrn Wippchen in Bernau.

Ihr werthes Gemetzel vom 20. ist uns richtig geworden. Wir konnten aber keinen Gebrauch davon machen, da es viel zu klein war. Wie wir Ihnen schrieben, wollten wir am Pfingstmontag ein Extrablatt vom Kriegsschauplatz herausgeben, jedoch sahen wir wohl ein, daß die Dienstmänner mit dem unbedeutenden Zusammenstoß, welchen Sie uns geschickt hatten, nichts machen konnten: sie hätten sich die Kehlen umsonst heiser geschrien und höchstens ¼ Rieß abgesetzt. War das ein Ereigniß für zehn Pfennige? Da es nun am Pfingstmontage regnete, so wäre wohl selbst mit einer Entscheidungsschlacht nicht viel zu machen gewesen, immerhin aber konnten Sie schärfer in's Zeug gehen, den Donauübergang bewerkstelligen, etliche türkische Regimenter aufreiben, oder auf andere Weise Ihren guten Willen zeigen. Sie haben also viel nachzuholen.

Noch eins. Können Sie sich denn Ihre ewigen mythologischen Bilder nicht abgewöhnen? Sie gelingen Ihnen nicht immer. In Ihrem jüngsten, ungedruckt gebliebenen Gemetzel sprachen Sie von dem Vertauschen des Diesseits mit einem besseren Acheron 11 und von dem Cerberus, der seine eigenen Kinder verschlingt. Aber Herr Wippchen!

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 30. Mai 1877.

Sie sagen das wohl. Aber wenn Sie in meiner Stelle wären, so würden Sie es wahrlich nicht anders machen. Es hieße, mein Pulver mit dem Bade zu früh verschießen, wollte ich gleich im Anfang nur Riesenschlachten schicken. Man muß aber nicht mit der Pforte (sic!) in's Haus fallen. Da ich nicht weiß, wie lange sich der gegenwärtige Mars hinzieht, – wer kann wohl sagen, wann die Friedenspalme unterzeichnet wird! – so bin ich entschlossen, meine Schlachten nicht wie die Pferdebahnwagen hinter einander folgen zu lassen, sondern die Pausen durch Gräuel, Treffen, Ueberfälle und halbstarke Schlachten, in welchen einmal die Russen den Kürzeren, das andere Mal den Längeren ziehen, auszufüllen. Paßt Ihnen dies nicht, so machen Sie aus Ihrer Meinung keine Mördergrube, sondern schreiben es mir mit Ihrem nächsten Vorschuß von 30 Mark.

Denn ich befinde mich gegenüber dem vis-à-vis de rien. Nachdem ich das letzte Gemetzel in den Postkasten gesteckt hatte, machte ich, weil Pfingsten war, eine kleine Villeggiatour in die Umgegend, wo aber ein derartiges Regengestöber stattfand, daß ich bis auf die Haut naß wurde und mich furchtbar erkältet 12 habe. Mir ist, als hätte ich ein Medusenhaupt an meinem Busen genährt, und ich muß deshalb Hekatomben von Glühwein trinken, um wie der Riese Antäus mit meinen thönernen Füßen wieder auf die Beine zu kommen.

Aus diesem Grunde niese ich fortwährend, und meine freundlichen Wirthsleute schreien eben so oft »Gesundheit, Herr Doctor!« Ein Höllenlärm, der so recht zu der gerade unter meiner Feder befindlichen Zerstörung eines Monitors paßt, die ich Ihnen einliegend sende. Das Ereigniß ist wieder nach einer gewiß hervorragenden Quelle, nämlich nach Schillers unüberwindlicher Flotte, bearbeitet.

Was meine Mythologie betrifft, so verbitte ich mir die Kritik. Jeder fege vor seinem Olymp!

* * *

Matschin, den 26. Mai 1877.

W. Andauernd erzittert die Luft weithin von dem Schicksal des größten türkischen Monitors.

Noch graute der Hahn nicht, als ich mir Morpheus' Arme gewaltsam aus den Augen rieb und an die Küste stürzte. Denn es war mir aus dem Hauptquartier unter den strengsten vier Augen mitgetheilt worden, daß die russischen Marineoffiziere Dubaschoff und Schestakoff gegen einen türkischen Monitor einen Torpedo im Schilde führten.

Jetzt sollte dieser Schild zur That werden. Es war 3 Uhr.

Vorsicht ist die Mutter der Gracchen, aber nicht der 13 Kriegsberichterstatter. Ich ging nahe an's Ufer heran. Vor mir lag der Canal von Matschin.

»Sie kommt – sie kommt!« hieß es ringsum. Wann? fragte ich. »Des Mittags,« fuhr man fort. Aber man hatte sich geirrt. Sie kommt des Morgens, jetzt, diesen Augenblick kommt sie, die stolze türkische Flotte. Voran ein Monitor, welcher Lutfi Djelil hieß. Ich hörte deutlich das Weltmeer unter ihr wimmern, unter diesem schwimmenden Heer furchtbarer Citadellen, die man unüberwindlich nennt. Nie sah der Ocean ihresgleichen.

Da standen mir die Haare am Berge.

Währenddeß war die mit Torpedos bewaffnete rumänische Schaluppe Rundunika bereit, auf den Monitor zuzufahren.

»Lebt wohl!« rief ich in mir den beiden Officieren zu. Mir war, als sollte ich zweimal Hectors Abschied von ihnen nehmen, als seien sie vom Schicksal auserkoren, für ihre Kühnheit in Charons Nachen zu beißen.

Da blies Gott, der Allmächtige, und in demselben Augenblick flog der Monitor nach allen Winden in die Luft. Von der Schaluppe aus war ein Torpedo explodirt, und wie im Halsumdrehen war das entsetzliche Glück geschehen.

Die beiden Officiere kehrten wohlbehalten zurück. Der Monitor war bis zur Unkenntlichkeit versunken, und der Neptun hatte sich mit seinem Dreizack über ihm geschlossen. Bis auf ein fortwährendes Bombardement von allen Schiffen, das Wuthgeheul des Sturms, das Hurrahgeschrei der Russen und das Wehklagen der Türken war Alles still ringsum.

14 Die Türkei wird allerdings ein neues Panzerschiff bauen lassen, denn sie hat Geld wie Heu am Meere, und im Kriege wird gewiß kein Krösus gespart. Aber der Schlag ist doch ein empfindlicher und wird sich schwer verwinden lassen.

Um von mir zu sprechen: ich bin noch ganz betäubt von der Explosion und muß die platte Erde hüten, auf die ich mich niederwarf. Ach, und so weit das Auge reicht, kein Aeskulap, der meiner Nervenhydra die Köpfe abhackt!

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