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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 20
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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91 XIX.

Während wir unseren Herrn Wippchen in Constantinopel glaubten, hatte derselbe bereits diese Stadt verlassen, um sich auf das neue, inzwischen eröffnete Kriegstheater zu begeben. Von dorther erhalten wir folgenden Bericht.

Die Redaktion.

* * *

Domoko, 5. Februar 1878.

W. Ich habe es ja gewußt, und ich hätte mit keinen Augen geschlagen sein müssen, wenn ich es nicht vorhergesehen haben würde. Um den Propheten zu spielen, brauchte ich wahrlich nicht auf der Pythia zu sitzen. Es giebt Ereignisse, die dem Politiker ein mit sieben Siegeln verschleiertes Bild sind, nicht mir. Und kaum hörte ich also, der Waffenstillstand sei abgeschlossen, als ich mir auch schon in's Ohr raunte, daß nun für Griechenland der Augenblick gekommen sei.

Keine Feinde ringsum! Nun war für die Griechen kein Fabius mehr möglich, nun mußten sie die Flinte ziehen.

Rußland hatte den Mars an den Nagel gehängt, die Türkei hatte den Kriegsfuß begraben, und so weit die circulos meos reichten, gab es keine Soldaten, die sie zu stören wagen konnten. Es herrschte Ruhe an allen Punkten, welche Archimedes verlangen konnte. Der Halbmond hatte zu Kreuz 92 kriechen müssen. Ließ Griechenland jetzt die Stirnlocke unbenützt vorübergehen, so war anzunehmen, daß die Türkei wieder zu sich selbst kommen und sich vertheidigen würde. Griechenland sagte also: Hic niger est, hic salta! und überschritt die Gränze.

Es sind Männer der That, die Griechen! Noch lebt in Allen ein Stück von dem Heuwagen, vor den sich Alkibiades hinwarf und dem Kutscher zurief: »Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!« Noch steckt in Jedem etwas von den Männern, welche, kaum ein Pferd voll, sich nach Troja hineinziehen ließen. Noch sind sie nicht nur tapfer, sondern auch weise, wie Diogenes, der, als ihm Alexander nicht aus der Tonne gehen wollte, auch noch den Becher wegwarf, weil er die Menschen am hellen Tag mit der Laterne suchen konnte.

Wie Recht die Griechen hatten, jetzt energisch in die Speichen zu greifen, beweist die furchtbare Unsicherheit, von der der Minister des griechischen Auswärtigen Delyanny gesprochen hatte. Die Baschibozuks und Tscherkessen waren gewiß schon in Griechenland eingedrungen. Ich habe folgendes Lied davon zu erzählen. Gestern wanderte ich an leichtem Stabe jenseits der Gränze, des Gottes voll, und war, nur begleitet von Kranichen, deren Loos dem meinen so gleich ist, in Poseidons Fichtenhain eingetreten, als ich, bis in des Waldes Mitte gekommen, angegriffen wurde. So weit das Auge reichte, zwei Mörder. Ohne Zweifel Baschibozuks oder Tscherkessen. An Vertheidigung konnte ich nicht denken, ich, 93 der wohl die Leyer, doch nie den Bogen zu spielen gelernt hat. So legte ich mich denn auf das Hülferufen, natürlich umsonst, ich sank schwer getroffen nieder und wurde bis auf die Neige ausgeraubt. Erst gegen Abend schlug ich die Augen empor, als ich einen Griechen, der mich am Boden liegen sah, Ευρηκα! rufen hörte. Dieser wackere Mann brachte mich wieder zu sich, indem er einen Schnaps trank, und geleitete mich zurück. Er meinte zwar, daß die Kraniche die Verbrecher, und wären sie noch so fein gesponnen, schon herausbringen würden. Ich antwortete, daß ich wohl die Botschaft hörte, daß mir aber Alles fehle, was ich bei mir gehabt. (Ich bitte daher, mir etwas baares Talent zu senden. Das Talent hatte im alten Griechenland einen Werth von 4500 Mark. Ich bitte also um ein neunzigstel Talent. Wenn Sie etwas mehr als 50 Mark schicken, so schadet es mir ja nicht.)

Am andern Morgen – der Hahn hatte noch nicht gedämmert – betraten 20,000 Mann Griechen das türkische Gebiet. Da keine Türken zu sehen waren, drangen die Hellenen muthvoll vor, stürmten alle nicht vertheidigten Höhen und besetzten alle wehrlosen Dörfer, die ihnen entgegentraten. Die feindliche Armee konnte von Glück sagen, daß sie nicht in der Nähe war, sie wäre sicher dem Erdboden gleichgemacht worden. Unaufhaltsam wurde auf dem menschenleeren Gebiet vorgedrungen, bis gegen Mittag endlich der Oberbefehlshaber dem Schweißvergießen ein Ende machte. Er kündete seiner Armee an, daß sie glorreich gesiegt habe, worauf dieselbe in ein homerisches Hurrah ausbrach.

94 Ich muß sagen, daß noch niemals eine Armee sich so human ihrer blutigen Pflicht entledigt hat. Es ist vom Beginn des Kampfes bis zum Ende desselben auch nicht eine einzige Körperverletzung oder irgend ein anderer Exceß vorgekommen. In dem Augenblick, wo ich meinen Brief schließe, ist Alles so still, daß man Olympia ausgraben hören könnte. Es war ein schöner Tag, von dem noch die spätesten Tempi passati erzählen werden!

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