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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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66 XIV.

Herrn Wippchen in Bernau.

Nach reiflicher Ueberlegung haben wir uns, wie Sie richtig vermuthen, entschlossen, Ihren jüngsten Bericht zurück zu legen. Wir werden denselben auch nicht etwa später drucken, so interessant er in mancher Beziehung auch sein mag. Sie werden uns ohne Zweifel beipflichten. Denn Sie lassen denn doch Ihrer Phantasie etwas zu unüberlegt die Zügel, indem Sie sich in dem gestürmten Kars das gefallene Paris des Jahres 1871 vorstellen und den Ausbruch und die Herrschaft der Commune in Kars schildern. Dabei halten Sie sich streng an das Original und erzählen von dem Brand der Schlösser, dem Sturz einer Vendômesäule, der Erschießung der Geißeln &c., ja, gehen sogar so weit, ausführlich mitzutheilen, daß Rußland sich entschlossen habe, einen Theil der gefangenen türkischen Armee frei zu lassen, damit dieselbe Kars den Händen der Petroleure entreiße. Das, meinen wir, geht doch etwas zu weit. Wir haben Ihnen manche Concession gemacht und dadurch vielerlei Berichtigungen, Klagen, ja selbst Spott hervorgerufen. Es wäre doch unverantwortlich und hieße, unser Blatt ruiniren, wenn 67 wir nicht da wenigstens Halt machten, wo Ihre Phantasie sich allzu kühne Ausschreitungen erlaubt.

Entschädigen Sie uns recht bald durch einen anderen interessanten und weniger gewagten Bericht.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 29. November 1877.

Wie einen Blitz aus heiterem Gewitter las ich Ihr ergebenes Schreiben. Ich sehe leider ein, daß Sie nicht anders können, als sich mit mir in den Erisäpfeln liegen. Wie Diogenes mit brennender Tonne Menschen suchte, so suchen Sie, fortwährend neue Knoten in den Gordon zu schürzen. Jeder Ihrer Briefe ist eine wahre Hiobsrohrpost. In der Hoffnung, die Hand Noahs mit dem Oelblatt zu sehen, brach ich den Gummi und mußte enttäuscht entdecken, daß Sie mir überall, wo Sie nur können, ein Bein in den Weg stellen.

Wohl weiß ich, daß der Mensch nicht wie ein Haar durch die Milch gezogen wird, und daß er häufiger, als ihm angenehm ist, fünf gerade herunterschlucken muß. Aber jeder modus muß sein rebus haben! Nicht immer kann ich, wenn man mir den Schuh drückt, ruhig zurückweichen, oder dastehen und – verzeihen Sie das harte Wort! – einen Maulaffen aufsperren. Es mag, ich gebe es ja zu, vernünftig sein, immer, wo man als Wurm getreten wird, eine Katze zu buckeln, einen Bücklingsdiener zu machen und so klein, wie 68 nur irgend möglich, beizugeben, aber jedes Ding hat zwei Seiten, und nur Cerberus hatte drei, und wenn Sie mir gegenüber keine anderen Saiten einschlagen, so bäume ich meinen angeborenen Stolz und nehme Hektors Abschied.

Ist es denn möglich? Ist es denn nicht eins der sieben Wunder der Welt, daß Sie mir meine strotzende Phantasie vorwerfen? Oder irren Sie mich? Mein Aufstand der Commune in Kars wäre wie ein Lauffeuer in den deutschen Journalen nachgedruckt worden. Ich bin nicht eitel. Wenn der König von Salomo sagt: »Alles ist eitel!« ich bin es gewiß nicht. Ich wuchere nicht mit einem einzigen Loth meines Pfundes, aber ich will auch den Scheffel nicht über mein Licht gestellt sehen. Die Niederwerfung der Vendômesäule in Kars, von einem Augenzeugen erzählt, hätte überall einen Schrei des Entzückens ausgestoßen, während Sie das Werk meiner Phantasie abweisen, als sei ein solches überhaupt so zahlreich, wie Sommersprossen an der Jakobsleiter, oder so billig wie Brombeeren am Meere. Da befindet sich aber Ihr Errare in einem sehr bedenklichen Humanum est. Phantasie ist ein Geschenk des Himmels, und ich bin glücklich, daß mir die Götter das muthlose Anker dieser kühnen Seglerin in den Schooß geworfen haben. Sie belebt die todten Buchstaben, sie giebt den Flügeln Schwingen, sie durchgeistigt die Prosa, als schriebe man in Achillesversen, und sie schützt vor dem Versinken in die pontinischen Alltäglichkeiten. Ob Sie mich verstehen? Ach, ich muß fürchten, daß das, was ich sage, über Ihren Zenith geht. Homo, was bist Du für ein armer 69 Sapiens, wenn Dir die Phantasie fehlt! Verzeihen Sie, wenn meine Worte überkochen! Aber ich bin gereizt, und wenn ich sehe, daß ich einen Laokoon an meinem Busen genährt habe, dann gleiche ich einer Löwin, der man das Nestküchlein raubt. Aber ich mußte sagen, was mir den Alp drückte, und wer die Suppe eingebrockt hat, der kratze sich.

Damit halte ich diese Hydra für erledigt. Ist sie das für Sie nicht, so sagen Sie einfach mit Goethe:

»Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe,
Ein Rauchfang ist Dir auch gewiß,«

und ich schüttle mein Bündel von den Schuhen und verlasse das Kriegstheater.

Hier ein Sensationsereigniß. Keiner meiner Collegen wird mir dergleichen nachmachen. Habe ich Ihnen wieder zu viel Phantasie, oder kann ich morgen mindestens 40, höchstens 30 Mark Vorschuß haben?

* * *

Bogot, 25. November.

W. Die Kämpfe, welche seit der Mitte des vorigen Hujus um Plevna stattfanden, hatten mich hierhergelockt. Der Feldmarschall Osman v. Pascha vertheidigte diese Festung mit einer die Katze in den Schatten stellenden Zähigkeit. Ein Ausfall gab dem andern die Hacken in die Hand, und keine Menschen wurden gescheut. Heute aber hat die List der Türken einen ungeheuren Erfolg zu verzeichnen. Lassen Sie sich erzählen.

70 Es mochte heute Morgen kaum Frühroth geschlagen haben, als die Russen mit ihrer ganzen Macht die Festung angriffen. Was mir sofort auffiel, war, daß die Türken während des Sturms ganz unzählig wenig schossen, als fehlten ihnen Munition und Geschosse. Es war schlechtes Wetter, man konnte seinen eigenen Nebel nicht vor Augen sehen. Das hielt aber den General Skobeleff nicht zurück. Er ließ unaufhaltsam zum Angriff blasen, war der Erste auf allen Sturmleitern und rief fortwährend: »Wir müssen Plevna haben, es koste coûte qui coûte!« Der Zar wohnte in seiner bekannten Loge dem Schauspiel bei, dem er durch seinen Opernkrimstecher mit Interesse folgte, und ließ dann und wann seinen Beifall eigenhändig laut werden.

Um Mittag war die Festung genommen. Um ein Uhr fand der Einzug statt. Da ereignete sich, was ich schon geahnt hatte: Die Türken hatten eben die Festung verlassen, alle Nahrungsmittel bis auf einige alte Uniformen mitnehmend, und als sie von den Russen die Festung in Besitz genommen sahen, schlossen sie sie ein und begannen alsbald die Belagerung, welche, wenn die Russen ihren mitgebrachten Zwieback und anderen Caviar verzehrt haben werden, mit der Aushungerung Plevnas enden muß.

Als der Zar sah, was sich zutrug, warf er erschüttert seinen Hut um die Schulter und entfernte sich schleunig. Ich noch mehr.

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