Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stettenheim >

Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 13
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

56 XII.

Herrn Wippchen in Bernau.

Wir haben geglaubt, Sie von Ihren vielen Projecten zu Ihrer Aufgabe zurückzubringen, wenn wir Ihre Briefe, welche sich nicht speciell mit dieser beschäftigen, überhaupt nicht mehr beantworten. Leider sehen wir, daß uns dies Verhalten nicht zum Ziele führt. Anstatt einer Schlacht erhielten wir seit einer Woche täglich ein Schreiben von Ihnen, in welchem Sie uns Ihren Plan weitläufig auseinandersetzen, einen Luftballon zu bauen, und uns auffordern, die Kosten zu tragen. Mit diesem Luftballon wollen Sie, wie Sie sagen, Ihre Briefe zur Eisenbahnstation befördern, sie so vor den Verfolgungen des Feindes sichern und den Kriegsschauplatz nach allen Richtungen überblicken. Ferner verlangen Sie zum Ankauf eines guten Fernrohrs eine ziemlich bedeutende Summe und schicken uns eine Rechnung für einen Expreßboten nach Kars, Feldbettreparaturen und einen neuen Sattel. Alles in Allem würden diese Zahlungen eine Summe repräsentiren, wie sie etwa von den »Times« für ihre Kriegsrubrik aufgewendet wird.

Aber ganz abgesehen von diesem Bedenken, so könnten Ihre Projecte und Forderungen doch nur 57 dann Sinn haben, wenn Sie in irgend einer Form das Publikum damit unterhalten, um es glauben zu machen, Sie seien auf dem Kriegsschauplatz. Indem Sie indeß uns, und zwar in allem Ernst, damit behelligen, scheinen Sie zu vergessen, daß wir Mitwisser sind und das Recht haben, speciell Ihre Luftballon-Idee wenigsteus grotesk zu finden.

Wozu also diese und ähnliche Correspondenz? Haben Sie ein Einsehen und senden Sie schleunigst Manuscript.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 1. November 1877.

Grotesk! Wippchen grotesk! Ich grotesk, weil ich Geld verlange, um einen Ballon zu Kriegszwecken zu errichten! Sollen denn immer noch die Sokratesse den Scheiterhaufen leeren, weil sie ihrer Zeit voraneilen? Ich nicht! Ich – darauf können Sie mich verlassen – stampfe im Gegentheil mit dem Fuße in den Giftbecher und rufe mit Giordano Galilei: »E pur si bewegt sich doch!« Ich grotesk! O, wie Recht hat Dühring, wenn er seinen Hin- und Widersachern zuruft: »Noli me tangere circulos meos!« Aber bin ich denn eine solche Hekatombe, daß Sie mich opfern wollen, weil ich eine große Idee hatte?

58 Ich grotesk! Es gab eine Zeit, wo ich solches Wort nur mit zehn Schritten Distanz abgewaschen, wo ich Sie wegen dieses Ausdrucks zu einem überseeischen Duell gezwungen hätte. Das war, als ich noch ein steinjunger Mann war, als meine Locken noch blond schlugen. Damals legte Jeder, der mit mir sprach, seine Zunge auf die Wagschale, und wer mich beleidigte, ging über meine Leiche. Die Männer fürchteten mich, die Frauen – doch wozu die kaum vernarbten Lippen wieder aufreißen, an denen der Held einst hing, den Sie ungestraft grotesk genannt haben!

Es waren – entschuldigen Sie das harte Wort – schöne Tage, die nun in den Zahn der Zeit versunken sind! Sorgen haben mein Haupthaar gefurcht, meine Jugend ist zu den Bären geflohen, ich bin ruhiger, ein Kaltsporn geworden. Und so will ich denn vergessen, daß Sie das Wort grotesk gesprochen haben, – Punktum ist ja die Höflichkeit der Könige.

Aber protestiren möchte ich doch gegen Ihre Auffassung meiner jüngsten Vorschläge. Dieselben waren mein völliger Ernst. Ich und scherzen und noch dazu mit einem Luftballon, mit Fernröhren, Feldbetten, Expreßboten und Sätteln! Das sind im Gegentheil für einen Kriegscorrespondenten die wichtigsten Attribute, und ich kann mir eher einen Apollo ohne Herkuleskeulen denken. Und wann hätte ich überhaupt jemals gescherzt? Ich und Lachen sind zwei Gegenfüße, welche sich ewig fliehen; der Bauch, den ich nur vor Lachen halten möchte, soll noch erst geboren werden, und nur, wenn man mir das 59 Zwerchfell über die Ohren zöge, würde ich der Gewalt weichen und mich eines Gelächters bemächtigen.

Genug des Basta! Ich schreibe heute meinen dutzendsten Brief. Sie werden staunen, wo. Ich bin ganz stolz auf die Idee. Die Leser sollen vor Grauen nicht wissen, wo mir der Kopf steht. Ich liefere eine Schilderung aus dem Vollen und bitte um Vorschußsendung. Es darf auch etwas mehr sein.

* * *

Kars, den 27. October, im 1255. Jahre nach der Hedschra.

W. Da bin ich in der Festung Kars. Das Hineinkommen war eine Arbeit, welche ich nicht noch einmal, nicht einmal pour le Roi de Prusse, machen möchte. Ich mußte durch manchen Russen hindurch, und mancher Knute sah ich in's Auge. Erwischte man mich, so war ich überzeugt, daß ich der standrechtlichen Erschießung nach Sibirien nicht entging, und ich hätte es mir selbst zuzuschreiben gehabt. Aber gerade die Gefahren waren die Sirenen, welche mich lockten und mir das Ohr mit Wachs verstopften.

Hier ist es allerdings nicht weniger unerfreulich. Durch die Niederlage Moukhtar-Pascha's hat sich die Besatzung verdoppelt und die Lebensmittel gehen ihrer Neige entgegen. In einigen Tagen, vielleicht schon morgen, wird das Hungertuch seine Krallen nach uns ausstrecken, und wir werden so darben, daß uns eine Ratte, wo wir eine solche sehen, im Munde zusammenläuft. Soeben sagte ein Derwisch zu mir: »Ach, Efendi, ich bin so auf dem Hund, daß ich denselben 60 schlachtete und verspeiste,« und dabei fluchte er, der Russe sei der leibhaftige Allahseibeiuns. Und was noch schlimmer ist: Als ich in die Festung einfuhr, spannte man mir die Pferde aus. Ich dachte, man bereite mir einen Enthusiasmus, verbeugte meinen Fez nach rechts und links und hielt eine Dankrede. Aber es war Täuschung, man spannte mir nur die Pferde aus, um sie lebendig zu schlachten und zu verspeisen.

Wie lange sich die Festung unter solchen Umständen wird halten können, das ist eine Frage mit sieben Siegeln. Das Bombardement nimmt dann und wann kein Ende, und obschon unsere inmitten der Stadt auf einem steilen Felskegel errichtete Citadelle auch kein Blatt vor den Krupp nimmt, so wird sich doch das Zünglein der stolzen Veste bald auf die Seite der Russen neigen. Contre la force il n'y a qu'un pas!

Eben komme ich von den Wällen. Welch' ein Anblick! Auf der ganzen Vogelwiese vor denselben sah ich Nichts als Schwerter und Spieße. Wohl an die Hunderttausend, oder gar noch weniger. Ich schließe. Ob dieser Brief ankommt?

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.