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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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50 XI.

Herrn Wippchen in Bernau.

Ihr geschätztes jüngstes Schreiben, das Sie auffallender Weise mit einem Trauerrand umgaben, beschäftigt sich ausschließlich mit dem Concurs der Ritterschaftlichen Privatbank in Stettin, und zwar augenscheinlich nur, um einen von Ihnen geforderten Vorschuß von 30 Mark zu rechtfertigen. Wir haben diese Summe sofort an Sie abgesandt. Wozu aber diese herzzerreißende Beschreibung des Elends, welche der erwähnte Banksturz hervorgebracht hat? Sie haben ja weder Aktien dieser Bank besessen, noch derselben ein Capital übergeben. Wenn Sie uns also anstatt der Schilderung jenes Sie garnichts angehenden Krachs einen Kriegsbericht geschickt und, wie gewöhnlich, mit einer einzigen Zeile den Vorschuß gefordert hätten, so wären wir Ihnen dankbar gewesen, während wir jetzt in der größten Verlegenheit sind.

Wir bitten Sie dringend um Fortsetzung der Kriegsberichte.

Ergebenst

Die Redaktion.

51 Bernau, 18. October 1877.

»Du siehst mich lächelnd an, Eleonore!« Mit diesen Worten, mit welchen der Bürger'sche Reiter Wilhelm, untreu oder todt, aus der Prager Schlacht in die Arme seiner Geliebten eilt, eröffne auch ich meinen heutigen Brief. Ja, ich bin glücklich, bin zufrieden, und froher, als nie zuvor, werde ich heute die Briefmarke befeuchten. »Ein–zwei–drei Heureka!« rief meines Wissens Archimedes, als er die Quadratur seiner berühmten Schraube entdeckt hatte, und so rufe auch ich. Denn heute, am 18. October, am Jahrestage der Schlacht bei Leipzig, ist auch endlich diejenige Erfindung gereift, an welcher ich seit meiner grauesten Jugend gearbeitet habe! Oft! genug verzweifelte ich. Häufig war ich nahe daran, meine Idee für eine allzukühne zu halten und den Strohhalm, an den ich mich klammerte, in's Korn zu werfen. Heute aber fiel es mir plötzlich wie Schuppen ein, und da war sie geschaffen: die neue Schrift für Kriegscorrespondenten!

Der Kriegscorrespondent hat immer Eile. Bei ihm heißt es: »Gefahr in periculum!« Die Gabelsberger- oder Stolzegraphie ist nicht Jedermanns Sache. So erfand ich denn die Courierschrift, das ist die Kunst, mit Hülfe griechischer Lettern und deutscher Interpunktionen, die in jeder Druckerei vorräthig sind, über Hals und Kopf, gewissermaßen im Handumdrehen, zu schreiben und zu lesen. Während ich Ihnen dies mittheile, fühle ich, daß, wenn mein Staub längst nicht mehr unter den Lebenden wandelt, mein Name in mancher Zunge leben wird. Ich lasse einige Proben folgen.

Wippchens Courierschrift. Bedeutung.
γschendienst. Gamaschendienst.
Militärη. Militäretat.
Der ,ndant der :ne. Der Commandant der Colonne.
In – der Feldherr schon durch die eroberte Festung. In Gedanken strich der Feldherr schon durch die eroberte Festung.
Man hörte nach dem Geβllarm blasen. Man hörte nach dem Gebet Allarm blasen.
DerGenerαnd heftigen Widerstand. Der General fand heftigen Widerstand.
Das τwetter schadet sehr. Das Thauwetter schadet sehr.
Der russische Aδnzt auf einem Vulcan. Der russische Adel tanzt auf einem Vulcan.
Der μνster ist für Fortsetzung des Krieges. Der Minister ist für Fortsetzung des Krieges.
Ueberall finden sich, das ist keine ? des Verfalls. Ueberall finden sich, das ist keine Frage, Zeichen des Verfalls.
Die φhische ρheit der Baschibozuks. Die viehische Rohheit der Baschibozuks.
Die Heere um() die Festung. Die Heere umklammern die Festung.
ωlles gut enden! O mög' Alles gut enden!

53 Noch voll bis zum Rande von meiner Erfindung, sende ich Ihnen beifolgend ein Bild von der Belagerung von Plevna. Auch zu diesem benutze ich eine ausgezeichnete Quelle: Wallensteins so wohl assortirtes Lager von Schiller. Es wird hoffentlich Ihre Beifallsernte finden.

Nächstens mehr oder weniger.

* * *

Vor Plevna, den 13. October.Dieser Bericht unseres geschätzten Kriegs-Correspondenten war ursprünglich in einer von diesem erfundenen sogenannten Courierschrift abgefaßt, aus der wir ihn übersetzt haben, da die Arbeit, die Courierschrift zu entziffern, eine fast eben so zeitraubende ist, wie die, sie zu schreiben.    Anm. d. Red.

W. Seit drei Tagen liege ich nun schon vor dieser Festung, ohne daß dieselbe Miene macht, zu Kreuze zu kriechen, so wenig wie der Russe daran denkt, zu Halbmond zu kriechen. Dagegen bombardirt der Belagerer fortwährend, und auch der Türke legt die Kanonen wahrlich nicht in den Schooß. Es ist ein Getöse, daß man oft nicht weiß, wo einem der Kopf steht, wenn man die Hände über denselben zusammenschlagen will, und man Gott dankt, seine heile Haut zu Markte tragen zu können.

Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber, Menschen, fragt mich nur nicht: wie.

54 Ich will es in einem Augenblick der Ruhe versuchen, ein Lagerbild zu entrollen. Soldaten von allen Farben und Feldzeichen drängen sich durcheinander. In den Zelten wird gesungen. Ein Bauer und sein Sohn kommen und denken, sie könnten den Soldaten die gestohlenen Sachen abnehmen. Denn die Russen, das muß ihnen der Neid lassen, stehlen wie die sieben Raben. Da nahen ein Wachtmeister, ein Trompeter und ein Ulan, und der Letztere giebt dem Bauer und seinem Sohn zu trinken und führt sie nach dem Zelt, wahrscheinlich, um mit ihnen zu würfeln. Gleichzeitig kommt ein Kosak, der ein Halsband hat, das nimmt ihm ein Scharfschütze ab und giebt ihm seine blaue Mütze dafür. »Halbpart, Schütze!« ruft ein Trompeter. Ein buntes Treiben! Dazwischen Marketendirnen, welche sich von Jägern den Hof schneiden lassen, Ich muß es mir hinter meinem Rücken nachsagen, daß ich dem Amor nie über die Schnur haue. Da kommt ein Rekrut singend aus dem Zelt, der sich anwerben ließ, Bergknappen aus dem Kaukasus treten auf und spielen einen Walzer. Alsbald beginnt ein kleiner Terpsichore, und Alles tanzt. Mittendrin erscheint ein Kapuziner und predigt eine sehr wüthende Gardine, bis es den Soldaten zu viel wird und sie den Philippicus fortjagen. Kaum ist dies geschehen, so bringen Arkebusiere, Dragoner und Andere den Bauer, der mit falschen Würfeln Karten gespielt hat. Man will ihn hängen. Zum Glück kommt ein erster Kürassier, der ihn befreit, und nun singen Alle ein munteres Lied, dessen Anfang, aus dem Russischen übersetzt, etwa lautet:

55 »Wohl auf, Moskowiten, auf's Pferd, auf's Pferd!«

und dazwischen regnen die Granaten so dicht aus der Festung, daß keine Bombe zur Erde fallen kann.

Trommelwirbel. Die Truppen stürmen. Ich schließe. Vielleicht stecke ich den Brief in Plevna in einen Kasten.

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