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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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45 X.

Herrn Wippchen in Bernau.

Wieder mußten wir es uns gefallen lassen, daß Sie die Reihe Ihrer Berichte unterbrochen und sich augenscheinlich heute noch nicht entschlossen haben, Ihre contractlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Den Grund dieser uns empfindlich schädigenden Unterbrechung finden wir in Ihren jüngsten Privatbriefen, und wir können nicht umhin, denselben für frivol zu erklären.

Sie wünschten sich im Namen der russischen oder türkischen Nation, – wir sollten die uns zu diesem Zweck passend erscheinende selbst bestimmen, – einen Ehrensäbel zu überreichen. Wir antworteten Ihnen, daß es nicht üblich sei, Correspondenten derlei Ehren zu erweisen. Sie schrieben uns zurück, daß wir dies nicht verständen, und baten sich zum Ankauf der betreffenden Waffe die Uebersendung von 100 Mark aus. Als wir Ihnen dies verweigerten, theilten Sie uns mit, daß Sie mittlerweile dort bei einem Sammler ein altes Richtschwert gefunden und gekauft hätten, welches Sie sich, wie Sie schreiben, feierlich überreichen wollten. Ein altes Richtschwert! Wir trauten unseren Augen nicht. Sie schrieben, es 46 stehe Ihnen wie angegossen, und es seien mit demselben viele hervorragende Köpfe des vorigen Jahrhunderts dem Erdboden gleichgemacht worden.

Dem sei nun, wie ihm wolle, wir bitten Sie allen Ernstes, derartige Ideen, mit denen Sie die kostbare Zeit vertrödeln, aufzugeben und an Ihre Arbeit zurückzukehren.

Halten Sie dies nicht für nöthig, so werden wir thun, was wir im Interesse unseres Blattes für dringend geboten erachten.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 4. October 1877.

Nur so weiter! Verfolgen Sie die sich Ihnen freundschaftlich entgegenstreckende Hand, bis sie röchelnd verendet! Ich will Alles drunter und drüber mich ergehen lassen und höchstens wie der römische Fechter ausrufen: »Heil Dir, Ave, die dem Tode Geweihten lassen Dich grüßen!«

Nur so weiter!

Was habe ich denn gewollt! Ich bin kein Ehrgeizhals, bin nicht eitel wie der Pfau, dessen Rad mir stets als das fünfte am Wagen erschien. Gewiß nicht. Aber ich will auch nicht, daß das, was ich schaffe, spurlos in Aeonen untergehe, und in solchen Momenten verlange ich nach einem Zeichen der öffentlichen Anerkennung. Der schnöde Krösus, den Sie auf 47 der Post für mich einzahlen, befriedigt mich nicht allein, ich singe:

Was frag' ich viel nach Geld und Gut,
Wenn ich am Fenster steh'?

und in diesem Sinne wünschte ich nichts als im Besitz eines Ehrensäbels zu sein, welchen einst meine späten Enkel mit Stolz auf ihren Knieen schaukeln konnten.

Es ist ihnen nicht gegönnt. Das Schwert geht mir aus der Nase. Ich ertrage es mit jener Ruhe vor dem Gewitter, welche ich mir stets bewahrt habe. Ich habe das Richtschwert, einen prachtvollen Zweischneider, dem Händler, der eine ganze Bibliothek von derlei Waffen besitzt, zurückgegeben und stehe nun, in meinem zwölf und dreißigsten Jahre, ohne den Traum meiner Jugend da, enttäuscht, wie ein neugeborener Greis. War es nicht Heinrich der Vierte, oder war es Henry quatre, welcher verlangte, daß jeder Soldat sein Huhn im Tornister tragen sollte? Anders Sie. Sie wollen, daß ich wie Hercules täglich meine Dutzendarbeit verrichte, die Aepfel der Hesperiden aus den Ställen des Augias hole, dem Kerberos die Hydra abhaue u. s. w., aber es ist Ihnen gleichgültig, ob sich einst irgend Jemand ein graues Haar nach mir kräht.

Nur so weiter! Ich beschreibe also heute nicht die Feierlichkeit, mit welcher ich mir den Ehrensäbel zu überreichen gedachte und zu der ein zu Mantua in Banden geborener Lombarde die Rede aus meinem Aermel schütteln sollte. Sondern ich sende Ihnen umstehend meinen zehnten Bericht. Ich sehe 48 ein, daß ich dem Krieg neulich zu früh ein »Bis hierher und so weiter!« zugerufen, und eröffne ihn daher wieder und zwar mit großer Heftigkeit. Machen Sie sich auf Schlachten gefaßt, in welchen die Gefallenen in Strömen fließen. Ich beabsichtige nicht, den Türken das Blatt zu wenden und ihnen den Rücken des Kriegsglücks zuzukehren, aber mein ganzes Ich drängt nach Entscheidung, denn ich bin außer mir, daß sich Mars so in die Länge zieht. Jetzt sollen Sie mich kennen lernen. Wenn Sie sich nicht täuschen, bringe ich in vierzehn Tagen oder höchstens zwei Wochen die Türken in die Hauptstadt Rußlands. Ich bin noch nicht mit mir einig, aber Sie wissen, der Appetit kommt mit dem Schreiben. Hier der Rückmarsch über die Donau. Senden Sie mir 30 Mark Vorschuß. Wenn nicht, so 40.

* * *

Rustschuk, 1. October.

W. Als der erste Schnee fiel, sah ich schwarz. Ich glaubte an einen Waffenstillstand, welcher erst im nächsten Frühjahr schmelzen würde. Aber der Mensch irrt, so lang ich strebe. Ich komme vom Schlachtfeld bei Pyrgos. Ich muß leider jeder Beschreibung spotten, es ist, als sträube sich das Papier gegen die Feder, welche den Bericht schreibt. Wappnen Sie Ihre Ohren!

Zwischen der Jantra und dem schwarzen Lom standen die Achillesheere, deren eines die Ferse des andern zu erspähen suchte. Der Plan der Russen war, über die Donau 49 zurückzugehen, es koste, was vom Himmel konnte. Die Türken unter Mehemed Ali wollten dies um jeden Preis verhindern, um den Russen auf dem Grund und Boden des Halbmondes das Lebenslicht zu massakriren. Gestern Abend, als der bleiche Morpheus eben aufgegangen war, ward das Zeichen zum Kampf gegeben, der die ganze Nacht währte. Kein Soldat konnte auf beiden Seiten ein Auge schließen. Der Donner der Geschütze weckte überall das Echo. Ich stand mitten im Gewühl. »Was schert mich Weib, was schert mich Kind!« sang ich mit Heine, da ich weder das eine, noch das andere habe. Die Armee, commandirt von Osman, Suleiman und Achmed Ejub, Paschas von mindestens drei Trakehner Roßschweifen, boten Alles auf, die Russen nicht entkommen zu lassen. Umsonst! Heute Morgen 6 Uhr – Helios brach eben durch die Wolken – hatten die Russen gesiegt und gingen über die Wellen der Donau zurück.

Weithin schallte ihr Hoch auf den Kaiser, ihr »Vivat, Väterchen!« welches sie in »Viväterchen!« zusammenzogen. Bleibt das Kriegsglück den Russen treu, so sind sie in acht Tagen in St. Petersburg. Es war ein großer Erfolg. Die Türken sind darüber ganz aus dem Serailchen. Allah il Allah, sagte heute einer achselzuckend zu mir, eine blinde Henne kriegt auch einmal ein Gerstenkorn!

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