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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 1
pages99
created20090112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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40 IX.

Herrn Wippchen in Bernau.

Sie sind ein überaus unruhiger Mitarbeiter und haben bereits unsere sämmtlichen Redakteure nervös gemacht. Kommt ein Brief von Ihnen, so weigern sich schon sämmtliche Herren, ihn zu öffnen, denn sie sind überzeugt, daß der Umschlag Alles enthält, nur keine Entscheidungsschlacht. Und dies ärgert sie natürlich. Denn nun haben sie im letzten Augenblick den Ihnen auf der ersten Seite des Blattes angewiesenen Raum mit einem Leitartikel zu füllen, und nicht immer ist ein Ereigniß, wie die Beerdigung Thiers', vorhanden, über welches sich mehrere Tage hintereinander leitartikeln läßt. So enthielten denn auch Ihre letzten Briefe nur Klagen über die Schwere Ihrer Pflichten und über die Masse Ihrer Arbeit, beweisen aber nicht, daß Sie sich Ihrer Pflichten entledigen, oder sich mit irgend einer Arbeit beschäftigen. Dagegen schildern Sie uns die Nothwendigkeit einer Erholungsreise für Sie und dringen darauf, daß wir Ihnen zu einer solchen einen Urlaub und Diäten bewilligen. Es versteht sich wohl von selbst, daß wir uns auf derartige Anforderungen nicht einlassen. Dagegen erinnern wir Sie hiemit 41 dringend daran, daß wir das Recht haben, eine Schlacht, auf welche unsere Leser mit Schmerzen warten, von Ihnen zu fordern.

Was hiemit geschieht

ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, 13. September 1877.

Fassung, Wippchen, Fassung!

Lange ringelte mein Herz vergeblich danach, bis es sie gewann. Mein erster Gedanke war Vendetta! Vendetta, sagte ich mir, ist süß, ich wollte mich in die Spalten eines anderen Blattes stürzen, oder, um deutlicher zu sein, mich seitwärts in die Büsche einer anderen Stellung schlagen. Erst nach schwerem Kampf brachte ich den an mir nagenden Wurm zum Schweigen. Es war der Kampf mit dem Drachen, den ich wahrlich nicht zum zweiten Mal steigen lassen möchte!

Fassung, Wippchen, Fassung!

Seit ich in meiner frühesten Jugend geboren wurde, bin ich verdammt, meine Freiheit unter das Joch anderer Menschen zu beugen. Stürme ich, ein Titan, den Himmel, so kommt irgend ein beliebiger Jupiter und zeigt mir, wo der Zimmermann den Tartarus gelassen hat. Habe ich ein Müthchen, so kühlt es mir ein Unberufener, habe ich ein Hühnchen, so pflückt es Jemand mit mir, den die Sache garnichts angeht.

Fassung, Wippchen, Fassung!

42 Man möchte verzweifeln! Anstatt meinen Wünschen Rechnung zu tragen, machen Sie mir und zwar ohne Wirth einen Strich durch dieselbe. Ich muß eine Reise machen, weil dieser Krieg meine Nerven auf den Kopf gestellt hat, da, während mir der Baedeker auf den Nägeln brennt, da verweigern Sie mir den Urlaub, welcher Wasser auf meine Tretmühle gewesen wäre. Nun ist der Herbst da, Pomona wird von den Bäumen geschüttelt, und ich sitze hier und muß den Storch beneiden, der sich mit der Schwalbe sammelt und in eine wärmere Halbkugel zieht! Das ist eine Grausamkeit, gegen welche Marsyas ein bei offener Scene gerufener Flötenspieler ist, und sie läßt in meinem Busen einen Stachel zurück, gegen den ich vergeblich löke!

Fassung, Wippchen, Fassung!

Mein Arzt, ein ausgezeichneter Medicyniker, sieht schwarz. Er meint, daß ich einem langen Aesculap entgegenginge. So sei es denn, ich muß die Reise trotz des sehnsüchtig in mir pfeifenden Dampfrosses aufgeben, ich opfere mein Sein, ich harre aus bis zu meinem letzten Mann, ich gebe den Morpheus meiner Jugend auf . . .

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Ich hab' ihn hören plumpen.«

Fassung, Wippchen, Fassung!

Einliegend der nahende Winter, welcher die beiden Heere zwingt, bis zum nächsten Lenz das Blutvergießen in die Scheide zu stecken. Es ist der Bericht, den ich verfaßte, um einige Wochen Muße zu haben, irgend ein fernes Gebirge 43 einzuathmen, oder am Ufer eines Thalattas zu verweilen. Es sollte nicht sein!

Wollen Sie meinen Wünschen die Krone aufsetzen, so senden Sie mir deren zehn. Von der Kirchenmaus kann ich nicht leben.

* * *

Schipkapaß, 5. September.

W. Das Plevna-Jubiläum, zur Feier der 25. Schlacht bei Plevna, verlief dem seltenen Fest angemessen. Die russischen Officiere dort, die türkischen hier, oder umgekehrt, versammelten sich, vom herrlichsten Kanonendonner begünstigt, in einer festlich geschmückten Batterie, stießen mit den Toasten an und drückten sich unzählige Hände. Es ist ihnen diese Freude schon zu gönnen. 25 Schlachten in 25 Tagen! Eine silberne Bluthochzeit! 25 Tage hintereinander hatte Bellona jeden Morgen, den sie anbrach, in die blutige Geißel gestoßen und die Heere gewissermaßen mit den Worten geweckt: »Aufstehen! Mars steht schon hoch am Himmel!« Und zehn Minuten später fielen aus den Kanonen die eisernen Würfel. Auch wir Berichterstatter hatten uns zur Feier des Tages um mich versammelt, den Tag zu feiern. Ohne der Bescheidenheit Schranken zu setzen, kann ich wohl behaupten, daß ich ihr Nestorküchlein bin und daß Jeder, ein Laokoon, mich mit den Schlangen seiner Verehrung umwindet. »Wippchen hoch, one, zwei, trois!« so tönte es 44 in drei Zungen, während sie die Neige bis zum Rande ihres Bechers leerten.

Da fiel Schnee, und im folgenden Nu lag der Balkan unter einem Hügel von Flocken begraben. Welch ein Schauspiel! »Soweit die Schifffahrt das Scepter meines Vaters sendet,« (Schillers Carlos) schoß der Schnee wie Pilze aus den düsteren Wolken, fiel die Null im Thermometer tief unter sich und kündigte Waffenruhe an. Waffenruhe! Das Schwert gießt sich in die Ecke des Divans zu süßer Siesta, denn in dieser Jahreszeit ist kein Mars zu führen, bis die Rosen das Eis wieder schmelzen. Waffenruhe! Da war in der weiten Runde kein Stein, der nicht Jedem vom Herzen fiel, keine Thräne, die nicht ein Auge füllte! Auch ich!

Die Armeen bleiben natürlich bis zum Wiederbeginn der orientalischen Frage mobil. Alles athmet auf. Ich gedenke mit Wallenstein einen langen Bruder des Todes zu thun. Freilich, wer weiß? Kein Mensch. Wenn aber, dann werde ich wieder auf meinem Vorposten sein und dem Fuß der Kriegsfurie getreulich in die Stapfen treten. Gewiß nicht!

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