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Winternächte

Arthur Fitger: Winternächte - Kapitel 6
Quellenangabe
authorArthur Fitger
titleWinternächte
publisherSchulzesche Hof-Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180828
projectid886d2abe
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Lieder.

Buchschmuck

I.

In Eis erstarrt mein Herze lag,
So kalt, so hart seit Jahr und Tag.
Seit Jahr und Tag
Erhub kein Schlag
Mit lieblichem Wiegen des Busens Erz;
Ich habe geschwiegen von meinem Schmerz.

Nun aber bricht's mit Sturm herein;
O Macht des Lichts! O Sonnenschein!
O Sonnenschein,
Der Sieg ist dein!
Die berstenden Schollen, Stoß auf Stoß,
Sie wirbeln und rollen vom Herzen los.

Vertrübter Sinn, verjährter Zorn,
Schmelzt hin, schmelzt hin; schon weckt den Born,
Lebendigen Born,
Des Frühlings Horn,
Und fortgezogen in schäumender Lust
Durchwandelt, ihr Wogen der Liebe, die Brust.

*

II.

Ich bin ein Drach' gewesen,
Ein Lindwurm schlimmster Art;
Dein Kuß ließ mich genesen,
Daß ich entzaubert ward;
Fahr ab, du leidig Schuppenvließ,
Du moderdunkles Felsverließ,
Ade! auf Nimmerwieder!

Auf Asch' und Staub gebrütet
Hab' ich jahraus, jahrein;
Hätt' ich 'nen Schatz gehütet,
Der ganze Schatz wär dein:
Seid' und Geschmeid und Park und Schloß
Und Edelfrauen und Knappentroß
Und Hermelin und Krone.

Nun hab' ich nichts zu geben
Zum Dank der Retterin;
Nichts hab' ich als mein Leben,
So nimm mein Leben hin.
Wie ist der Himmel maienhell!
Wie blüht die Flur, wie springt der Quell!
Mein Herz ist lauter Liebe.

*

III.

Ich war schon so klug, ich war schon so alt,
Und mein Auge so klar und mein Herze so kalt,
Da hat mich die Anmut deiner Gestalt
Mit Blitzesgewalt
In's innerste Herze getroffen.

Und ein Heer von jauchzenden Versen erblüht
Mir stürmisch im flammentrunknen Gemüt,
Eine ganze Liedergirandola glüht
Und funkelt und sprüht
Von der Lippe mir tausendfarbig.

Und war es wieder nur Traum und Trug –
Ich will es nicht wissen – genug, genug!
Ich spüre den göttlichen Athemzug
In olympischem Flug!
O Jugend, o Torheit, o Liebe!

*

IV.

Athm' ich denn euch schon, Lüfte der Seligen?
Wandl' ich bei euch, ihr Olympischen droben?
Hoch in den Himmel hat über unzähligen
Kindern des Staubes das Glück mich erhoben.
Darf diesen Kranz,
Darf ich auf sterblichem Scheitel ihn tragen?
Muß nicht in Demut die Seele verzagen,
Scheu vor dem höchsten, dem göttlichsten Glanz?

Flüchten müßte mein Glück ich in laubige
Gärten, in dämmernde Schattengänge,
Oder verstummend wandeln durch staubige
Gassen mit der geschäftigen Menge,
Neid und Gericht
Klug zu vermeiden; die göttlichen Rächer
Hassen den Glücklichen wie den Verbrecher;
Doch diese Strahlen verbergen sich nicht.

Nein! An den Wagen schirrt mir die prächtigen,
Stolz hinschreitenden, schnaubenden Schimmel,
Und ein Triumphlied schalle mit mächtigen
Rhythmen hinauf in den sonnigen Himmel.
Traget mir vor
Banner und Fahnen; erjubelt, Fanfaren,
Klirret mir, Ketten gefangner Barbaren,
Siegmelodeien in's trunkene Ohr.

Aber Fortuna, die schöngeflügelte
Göttin mit ewiger Lorbeerkrone
Lenke schwebend das goldgezügelte
Viergespann vor dem rollenden Throne,
Lenk' es durch die Reihn
Schimmernder Säulen zu Jupiters Sitze;
Capitolinus, nun rüste die Blitze,
Oder ich brech' in den Himmel dir ein.

*

V.

Wohlan, nun hast du's, du wildes Herz,
Nun stehst du wieder in Flammen;
Und die mächtige Lohe von Glück und Schmerz
Schlägt über dir zusammen.

Du hast es ersehnt, du hast es begehrt
Mit lechzendem, brünstigem Flehen;
Nun ist dir das göttliche Zeichen gewährt,
Und das himmlische Wunder geschehen.

Dein heißes Martyrium nun trag es wie San
Lorenzo mit lautem Lobsingen,
Und stimme dein schönstes Te Deum an,
Dieweil dich die Gluten verschlingen.

*

VI.

Laß den Sängern ihre Lieder,
Ihres Lorbeers Kranzgeflecht,
Gerne kehr' ich sieglos wieder
Aus der Harfen Wettgefecht:
Gerne duld' ich, daß die Richter
Schelten über meinen Sang,
Und ich neide nicht die Dichter,
Denen der Triumph gelang.

Mächtig rauschten ihre Saiten,
Doch so trübe, sehnsuchtsvoll:
Seligkeit verlorner Zeiten,
Blut'gen Herzens dunklen Groll.
Leid will sich in Liedern endigen,
Jammer löst sich im Accord;
Doch den Sturm des Glücks zu bändigen,
Das versucht kein menschlich Wort.

Und ob ich mit Engelszungen
Sänge Himmelsmelodein,
Schöner bleibt es ungesungen:
Ich bin dein und du bist mein.
Ausgelärmt hat Mahl und Reigen,
Nur der Nachtwind raunt im Schlot;
Komm, o komm, das tiefste Schweigen
Ist des Glücks getreuer Gott.

*

VII.

Ich liege dir zu Füßen,
Das Haupt geschmiegt in deinen Schooß,
Und deine Augen grüßen
Mich sonnenhell und sonnengroß.

Mein Denken ist zu Ende,
Die ganze Welt ist mir ein Traum;
Ich küsse deine Hände,
Ich küsse deines Kleides Saum.

Des Wahnsinns Finger streifen
Durch meiner Seele Saitenspiel;
Ich kann es nicht begreifen;
Dies Glück – o Gott! es ist zu viel.

*

VIII.

Ich seh's deinen strahlenden Augen an:
Die Liebe hat es dir angetan,
Dich betört und behext.
Ich rate dir, spiele mit Kätzchen nicht;
Und kratzt auch solch junges Frätzchen nicht;
Doch bedenk, daß es wächst.

Was schweifst du so einsam, so scheu und so stumm?
Und all deine Freuden, o sage, warum
Du sie alle verläßt?
Die Katze besuchte dein Taubenhaus,
Blutfleckige Federn stauben heraus
Aus geplündertem Nest.

Dein Aug' ist erloschen, dein Haupt ist gebeugt,
Dein nächtliches Kissen von Thränen feucht;
Doch du hast's begehrt.
Eine Hex', eine Hex' in der Katze steckt,
Die heimlich dein glühendes Herzblut leckt,
Das Mark dir verzehrt.

*

IX.

Wieder mal' ich Liebesenglein,
Muntre Amorettenbrut,
Straffe Leibchen, Rosenwänglein,
Schelmenaugen, Lockenflut.

Wie ein Heer von Schmetterlingen
Flattern sie, im Glanz gewiegt,
Fackeln lodern, Saiten klingen,
Und der Pfeil vom Bogen fliegt.

Lieb', in tausend Himmelsstrahlen
Hab' ich Andern dich verklärt,
Wenn in tausend Höllenqualen
Sich mein eigen Herz verzehrt.

*

X.

Da droben auf dem Berge steht
Ein Schloß von Marmelstein;
Vom Turm das bunte Banner weht,
Wie stolz! im Sonnenschein;
Bei Tage Lust und Prunk und Pracht;
Doch Graun! – o Graun der Mitternacht!

Um Mitternacht, wenn alles schweigt,
Wenn Saal und Halle leer,
Welch feuchter Hauch des Grabes streicht
Den finstern Gang daher?
Und markerkältend – welch ein Ton?
O, still und rede nicht davon.

Zieh nicht ins Schloß, hellaugig Kind,
Ich rat' es, sei gewarnt;
Zu Eis dein warmes Blut gerinnt,
Wenn dich der Spuk umgarnt.
Hellaugig Kind, ich rat es dir:
Du kennst mich nicht; laß ab von mir.

*

XI.

Ich neide nicht die goldnen Säle
Den Reichen, nicht das Schwelgermahl;
Ich neide nicht die süße Kehle
Den Sängern und der Nachtigal.

Des Ruhmes Glanz mag ich entbehren,
Den schönen Himmelsglorienschein,
Und dieser Erden flücht'ge Ehren
Gelassnen Mutes geb' ich drein.

Doch wenn ich in der Dämmerstunde
Zwei junge Buhlen wandeln seh,
Mein einsam Herz, dann brennt die Wunde,
Dann schreist du auf vor Neid und Weh.

*

XII.

Das ist der Liebe schönes Licht,
Das lieblich durch die Nebel bricht;
In Gold und Rosenflammen sonnt
Sich schon der weite Horizont.

Ich grüße dich mit hellem Sang,
Ich grüße dich mit lautem Klang,
So grüßt am Nil der Memnonstein
Des Morgens ersten Dämmerschein.

Du aber schönstes Licht, du steigst
Und hörst mich nicht und sinkst und weichst;
Und Schatten lagern wieder schwer
Um das getäuschte Herz sich her.

Ich kenne ja das alte Spiel
So gut als jenes Bild am Nil,
Als jenes Bild im Wüstensand
Es seit Jahrtausenden gekannt.

Wenn auch das Herz in Sehnsucht schrie,
O schönes Licht du hörst uns nie;
Doch ob du ewig uns verschmähst,
Wir tönen doch, wenn du erstehst.

*

XIII.

Es war im sonnigen Monat März,
Die Bäume blühten aufs Neue;
Da glaubte mein armes, betörtes Herz
Noch einmal an Lieb' und Treue.
Die Blüten so weiß, die Lüfte so lau,
Der Himmel so tief, dein Auge so blau,
Unendlicher Reichtum mein eigen;
Ich konnte nur lächeln und schweigen.

Die Blüten verwehten und reifende Frucht
Hat keine mir, keine getragen,
Und du hast dir längst einen Andern gesucht;
Mein Liebchen, wie sollt' ich's beklagen.
Ich trage mein Kreuz als geduldiger Christ,
Trotz Pulver und Blei; beim Teufel, mir ist
Nach Glauben und Hoffen und Lieben,
Noch schweigendes Lächeln geblieben.

*

XIV.

Ein einzger, steter Schmerz
All meine Tage quält;
Bin ich nach so viel Schlägen
Denn immer noch nicht hart genug?
Noch kein gediegen Erz?
Noch nicht genug gestählt?

Auf Ehr und Gut und Glanz
Tat ich schon längst Verzicht;
Die stolzen Himmelsträume
Sie alle blies ich in den Wind;
Ade, du schöner Kranz,
Nach dir begehr' ich nicht.

Nur Liebe, Liebe glüht
Noch weich in dieser Brust,
Und meines Schicksals Hammer
Zermalmend schlägt er auf sie los;
O werde hart, Gemüt,
Hart, hart mein Herz, du mußt.

Du aber bäumst dich noch
Empor in deiner Not:
»Soll ich denn sein zerschlagen,
So schlagt in tausend Splitter mich;
Und lieben werd ich doch
Bis in den kalten Tod.«

*

XV.

Es sitzen drei Weiber zu weben,
Sie weben und wirken mein Leben;
Die erste, die zweite woben fein
Gesponnenes Gold und Seide hinein;
Die dritte durchzog es mit langen,
Gifttriefenden Ottern und Schlangen.

Sie ließen die Schifflein sausen,
Die goldigen Fäden nach außen;
Nach außen das schillernde Farbenspiel,
Der gräßliche Einschlag nach innen fiel;
Nun krümme dich, Seele, nun leide
Im heimlichen Nessuskleide.

Und fragt ihr, warum so strenge
Den Mantel ich um mich hänge?
Warum ich mit offenen Armen nie
Die Liebste, den Freund ans Herze zieh?
Warum keines Tags ich genieße
Und immer mich einsam verschließe?

Gewahrtet ihr, wie ich von Bissen
Der bösen Gewürme zerrissen,
Mit Hiob und Lazarus müßt' ich zur Stund
Der dritte Geächtete sein im Bund.
Laßt ab, mich zu laden, zu werben.
Laßt schweigend mich gehen und sterben.

*

XVI.

Erst verlor um eine Braune
Ich Humor und gute Laune,
Dreizehnjährig war ich kaum;
Auch kein Heil der hellen Blonden
Ward zum Teil mir Vagabonden,
Wandern, Hoffen – Trug und Traum.

Denkst du noch der Rabenflechten,
Die ins Joch von bösen Mächten,
Armes Herz, dich eingespannt?
Über's Jahr kam dann das rothe
Flammenhaar, das dich umlohte,
Das dich halb zu Tod gebrannt.

Nun – erbleicht – wag ich das Letzte,
Das vielleicht mich noch ergetzte,
Schwärm ich für die graue Hex;
Laß auch da mich noch verschmähen,
Und – Hurrah! – zu Grabe gehen
Kann ich und die Müh' ist ex.

*

XVII.

Du kannst ja doch nicht singen,
Was dir das Herz verbrennt,
In Melodie nicht bringen
Das Höllenelement;
Dein eitles Saitenspiel zerschlag's;
Dein Qualenschicksal, stumm ertrag's.

Und bricht der stolze Wille,
Und reißt die zähe Kraft,
Und graut's dir ob der Stille,
Und sprengt der Schmerz die Haft –
Die Musen fliehn dir scheu vorbei;
Schrei aus den wüsten Todesschrei.

Buchschmuck

Buchschmuck
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