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Winternächte

Arthur Fitger: Winternächte - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArthur Fitger
titleWinternächte
publisherSchulzesche Hof-Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180828
projectid886d2abe
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Balladen.

Buchschmuck

Erkenntniß.

»Herr Abt, hört auf, in Euren Litanein
Vom Tale Josaphat mir vorzuschwatzen;
Der Geist in mir ruft grollend: »Nein!
Und aber Nein!« zu Euren Glaubensfratzen.
Des Denkens letztes Labyrinth
Hab ich durchschweift, – und wie ein Kind
Wollt Ihr den Zweifler nun beschwichten.
Was birgt das Grab? Was ist der Tod?
Ihr stillt nicht meines Herzens Not
Mit märchendämmrigen Gedichten.

Doch pack auch du mit deiner Logica
Dich fort, du Priester der Zerstörung;
Aufbäumt sich's in mir zornig: »Ja!«
Und aber »Ja!« mit flammender Empörung.
Den Sturmwind meiner Leidenschaft
Bannst du in keine Grabeshaft,
Wie todt auch immer deine Schädel scheinen.
Hebt alle Beid' euch fort. Im grimmen Weh
Des Zweifels irr ich weit durch Land und See,
Bis diese Widersprüche sich vereinen.«

Der Jüngling zog hinaus in alle Welt;
Da ist nicht Einer, Antwort ihm zu geben.
Und nur ein hohles Echo gellt
Die Frag' ihm nach von Tod und ewgem Leben.
Da ritt dem Frager in die Quer
Des Wegs ein dunkler Kämpe her:
»Ich weiß die Lösung deiner Fragen.
Vor meinem Wort, wie vor des Tages Strahl
Das Nachtgewölk, weicht deines Zweifels Qual,
Doch erst sollst du mit mir dich schlagen.«

Ein ehrner Blitz, so fuhr das Schwert heraus,
Wie Donner scholl's von ihren Schlägen,
Bis in dem ungefügen Strauß
Der Jüngling blutig wund erlegen.
Und sieh, und sieh mit magrer Hand
Den Helm vom Haupt der Sieger band;
Den Jüngling packt ein eisig Schaudern.
Ein gelber Schädel grinst ihn an:
»Der Tod giebt Antwort, stolzer Mann,
Wenn deine Lippen nicht mehr plaudern«.

*

Böse Träume.

Der Edelherr und sein treuer Knecht
Schliefen im Kämmerlein;
Was singt und klingt in des Junkers Ohren?
Hat Alp und Nachtmar heraufbeschworen
Der flimmernde Mondenschein?

»Vergaßest du mich gar so bald,
Und hattest mich doch so lieb?
Du schenktest mir Blumen und Band und Geschmeide,
Wie lockten die Flöten, wie tanzten wir beide!
O weh! daß es nimmer so blieb!«

»Wacht auf, o Herr, Ihr singt im Schlaf,
Ihr singt im tiefen Traum;
Euch ängsten verschollene Tanzmelodeien,
Und morgen reitet Ihr aus zu freien,
Gebt süßeren Träumen Raum.«

»Ich gab dir all mein Leben hin,
Ich armes junges Blut.
Denkst du noch an die blühende Linde?
Du streutest mein Kränzlein in alle vier Winde
Mit Schmeicheln und Übermut.«

»Wacht auf, o Herr, Euch würgt im Schlaf
Der Nachtalp und Alraun.
Und morgen läuten vom Dom die Glocken,
Und morgen sollt Ihr in der Liebsten Locken
Die bräutliche Krone schaun.«

»Die argen Leute spotten und schmähn;
O Schand, o bittre Schmach!
Hörst du ein Kindlein im Wasser weinen?
Die Fische spielen mit seinen Gebeinen,
Die Frösche tauchen danach,«

»Wacht auf, o Herr, Ihr sprecht so wüst,
Im Krampf die Hand Ihr brecht;
Und morgen im dämmernden Brautgemache
Halten die Engel des Himmels Wache
Und segnen ein kommend Geschlecht.«

»Ich habe dich übermaßen geliebt,
O wehe, wie hast du's gedankt!
Kennst du am Kreuzweg das Hüglein, das schmale,
Das scherbendedeckte, darüber die fahle
Armsünderblume schwankt?«

»Mein Knapp, nun hast du zum letzten Mal
Aus bösem Traum mich geweckt;
Nun will ich schlafen, bis die Fanfare
Des jüngsten Tages mich von der Bahre
Zur Auferstehung schreckt.«

*

Vaterzorn.

Schlaf süß, mein liebes Kind, schlaf sacht;
Dein Vater ist in Bann und Acht;
Dein' Mutter ist ein Königskind;
O weh, wie eisig geht der Wind!
Wie stäubt der Schnee am Höhlenrand!
Und Fetzen sind dein Schlafgewand.

»O König, stellt das Jagen ein,
Was klingt und singt im hohlen Stein?«

Schlaf süß, mein liebes Kind, schlaf sacht;
Dein Vater schweift auf ferner Jagd,
Auf ferner Jagd im wilden Tann,
Bis Beute sein Geschoß gewann.
O wehe, weh, durch Mark und Bein
Wie grimmig nagt des Hungers Pein!

»O König, König, horch, das klang,
Wie weiland Eure Tochter sang.«

Schlaf süß, mein liebes Kind, schlaf sacht;
Des Waldes Raubgetier erwacht,
Und nah und näher dräut uns schon
Der Wölfe langer Klageton.
O weine nicht, o schweige nur,
Du lockst sie, ach, auf unsre Spur.

»O König hört ihr Angstgestöhn!
Und war so jung und war so schön!«

Schlaf süß, mein liebes Kind, schlaf sacht;
Verbannt in's Graun der Winternacht –
Sein Kind bist du, sein Weib bin ich,
Und selig preis ich dich und mich,
Und unter uns wie tief, wie weit,
Liegt all' der Erde Herrlichkeit.

»O König, und sie war so gut,
Solch lachend Herz, solch fröhlich Blut.«

Und stille ward's in Fels und Kluft,
Da ging ein Brausen durch die Luft,
Auf zog am eisigen Himmel schwer
Und warm ein dunkles Wolkenheer
Und kündet' aus des Frostes Bann
Erlösung leise tropfend an.

»O König, König, berget nicht
Die Trän' auf Eurem Angesicht.«

»O wunderstarke Liebesmacht!
Nun lös ich Acht und Aberacht!
Komm mit, verfehmtes Kind, komm mit,
Durch's Dickicht bricht des Gatten Schritt;
Mein Kind, mein Sohn, mein Enkelein,
Sollt alle drei gesegnet sein.«

»O König, König, über Nacht –
Gott segen's, ist der Lenz erwacht.«

*

Die Hexe.

Großmutter fuhr zum Schlot hinaus:
Wie spornte sie ihren Besen!
Nun treibt allein im dunklen Haus
Das schlimmre Hexlein sein Wesen.
Sie sitzt an des Herdes züngelnder Glut
Und plaudert mit ihrem Raben,
In goldiger Ringellocken Flut
Das Rosengesicht vergraben.

Dem Büttel hat sie es angetan,
Den Richter hat sie gefangen,
Behext den Küster und den Caplan;
Nun trägt sie nach mir Verlangen.
O Mädel, laß ab; ich rate dir gut,
Laß ab, mich zu betören;
Sonst brech ich den lachenden Übermut;
Auch ich kann Zauber beschwören.

Ich kenne Sprüche, davon dein Herz
In seinen Tiefen sich wendet,
Davon, was du begonnen im Scherz,
In bittren Schmerzen sich endet.
Ich weiß Gesänge, deren Kraft
Wirft dich zu meinen Füßen;
Dann mußt du mit Tränen der Leidenschaft
Das Lächeln der Lüge büßen.

*

Justitia.

»Die Sonne bringt es an den Tag.«
O Toren, schwatzende Toren!
Wer spürt, wer zählt, wer rechnet es nach,
Was still sich im Dunkel verloren?

Das Brautlied schallt in dem Herzogssaal;
Frau Wittib tät wieder freien;
Und grüßend mit dem jungen Gemahl
Wandelt sie durch die Reihen.

Ihr leuchtendes Auge lacht ihn an,
Die Wange glühet vom Feste:
Du lieber, du schöner, du liebster Mann,
Scheiden nicht bald die Gäste?

Die Fackeln kreisen, der wirbelnde Schein
Die Augen verblitzt und verblendet;
Wer denkt noch, wie jäh in krampfiger Pein
Der alte Herzog geendet?

»Die Sonne bringt es an den Tag.«
O Toren, schwatzende Toren!
Wer spürt, wer zählt, wer rechnet es nach,
Was still sich im Dunkel verloren?

*

General und Rekrut.

Ehrenpforten! – Festfanfaren!
Seinem Feldherrn, seinem Helden,
Ihm, dem schlachtbewährten Greise,
Zollt den Dank das Vaterland.
Glocken läuten ihm zum Preise,
Laute Lobgesänge melden,
Wie in siebzig Sturmesjahren
Als ein Turm im Kampf er stand,
Und den silberweißen Haaren
Beut den Kranz des Kaisers Hand.

Mondesdämmer! – Lindendüfte!
Sein trautliebes Lieb am Arme
Wandelt noch in stiller Stunde
Der blutjunge Reitersknecht.
Kuß um Kuß von Mund zu Munde
Kommt und geht in emsigem Schwarme,
Also schwärmt durch Sommerlüfte
Emsiger Bienen süß Geschlecht;
Doch das Schwert der Knabenhüfte,
Ruhmlos, sah noch kein Gefecht.

Bleib im Saal bei deinem Kaiser,
Grauer Held, und beim Bankette,
Tritt hinaus nicht zum Altane,
Schau nicht deines Knechtes Glück.
Trotz der sieggeschwellten Fahne,
Trotz der güldnen Ehrenkette
Trübte heimlich doch ein leiser
Neid betränend deinen Blick;
Nimmer geben Lorberreiser
Jugendlocken dir zurück.

*

Der Sänger.

Heiße Liederkämpfe waren
Im Saintrailler Schloß gestritten;
Nun mit seinen Troubadouren
Ist der Graf ins Tal geritten,
Ihren Schritten
Blüht der junge Lenz entgegen;
Doch den ehrbegierigen Degen
Ward kein Zweig zum Kranz geschnitten,
Und der Lenz – was galt er dann?

Bittren Haß im Herzen zogen
Sie dahin, zum Scherz sich zwingend;
Sieh, da trieb ein Hirtenknabe
Seine Lämmer, einsam singend.
Silberklingend
Schwebten seine Melodeien
Durch den Jubelchor des Maien,
Schlicht von Herz zu Herzen dringend
Flossen friedlich sie dahin.

Mit der Nachtigal Gesängen,
Mit der Lerche hellem Schlage
Sang der junge Fant zur Wette
Seine Lust und seine Klage.
Fern im Hage
Stand ein schüchtern Reh zu lauschen,
Und im Klang sich zu berauschen
Hastig schlüpft' hervor zu Tage
Der Lazerten kluges Volk.

»Graf Saintrailles, Graf Saintrailles,
Allen Streits wir uns begeben;
Deinen Siegeslorbeer mußt du
Um des Knaben Stirne weben!
Wehe! neben
Solchem gottgeliebten Sänger
Duldet uns die Scham nicht länger;
Was wir mühen, was wir streben,
In der Wiege ward es sein.«

Schweigt, ihr wilden Troubadoure;
Laßt den Knaben, laßt ihn singen,
Ihn zu wecken, ihn zu kränzen,
Würde schlimmen Lohn uns bringen.
Götter gingen
Heimlich segnend ihm zur Seite,
Und das himmlische Geleite
Flieht hinweg auf Windesschwingen,
Wenn es unser Nahn gespürt.«

*

Die schöne Lore.

Ihr lieben Spielleut' stellt das Fiedeln ein,
Streut Rosmarin, ihr lieben Mägdelein;
Die schöne Lore liegt im Todtenschrein.

Und gestern in des Maienfestes Glanz,
Wie flog ihr Haar, wie flatterte der Kranz!
Der Burgherr selber führte sie zum Tanz.

Er tanzte mit ihr auf dem grünen Plan,
Nie führt' ein schönres Paar den Reigen an;
Die finstre Herrin schaute vom Altan.

Er tanzte mit ihr durch den Laubengang,
Er tanzte mit ihr auf dem Wiesenhang,
Er tanzte, bis die letzte Saite sprang.

Und als den durstigen Tänzern aufgetischt,
Und Paar an Paar sich am Bankett erfrischt,
Die Herrin selbst hat ihr Sorbet gemischt.

Ihr lieben Spielleut' stellt das Fiedeln ein,
Streut Rosmarin, ihr lieben Mägdelein;
Die schöne Lore liegt im Todtenschrein.

*

Der Schäfer.

Der Schäfer trieb aus im blühenden Mai;
Am Edelhofe trieb er vorbei;
Er blies seine Flöte so süß, so süß,
»Herztausiger Schatz, daß Gott dich grüß!«

»Du Schäfer, wen lockst, wen grüßest du?
Ich rate dir, treibe vorüber in Ruh;
Deine Flöte zerschlag am nächsten Stein,
Meine Tochter hasset das Schäferschallmai'n.«

Herr Edelmann, gönnt mir meine Kunst;
Ich blase ja nicht um des Fräuleins Gunst,
Ich blase ja nicht um des Fräuleins Zorn,
Ich blas' um den Dank der Magd am Born.

Und der Schäfer trieb aus um den längsten Tag
Am Hofe vorbei in den schattigsten Hag;
Er blies seine Flöte so jubelnd, so laut:
»Gott grüß dich du liebste, du schönste Braut.«

»Du Schäfer, du Schäfer, was hast du getan?
Du hältst meine Tochter in Zauber und Bann;
Sie schmachtet in sehnender Liebesqual;
So führe sie heim als dein ehlich Gemahl.«

»Herr Edelmann, wahrlich, ich bin nicht Schuld
An ihrer unseligen Liebeshuld;
Gott wend' ihre Liebe, Gott wend' ihr Leid;
Doch ich bin zu eigen am Brunnen der Maid.«

Und der Herbst schnob im Walde; der Schäfer trieb aus;
Zum letzten mal trieb er ans Grafenhaus:
»Ihr Lämmer, nun hüt euch, wer hüten euch mag;
Denn morgen ist, morgen mein Hochzeitstag.«

»Du Schäfer, soll morgen die Hochzeit sein,
So führe den bräutlichen, festlichen Reihn,
Den bunten, bekränzten, bebänderten Chor
Die Stiegen gen Aufgang zum Kirchlein empor.

Gen Aufgang mit Lachen und Klang und Gesang;
Dieweil auf der Stiege gen Niedergang
Mit den schweigenden, schwarzen Genossen ich still
Meine Tochter zu Grabe tragen will.«

*

Die Bandter.

Der Tor sei verschmäht und verachtet in Bandt,
Der fürder zur Arbeit rühret die Hand;
Die Äcker, die deichumpanzerten Wiesen,
Sie lassen uns Reichtums in Fülle genießen,
Und herein von allen vier Winden rollt
In unsere Schreine das rothe Gold;
Wir pflastern mit Silber die Säle.«

Und sie dehnten sich breit auf den Sitzen der Macht,
Und sie schlemmten bei Tag, und sie praßten bei Nacht,
Und als wollten sie Teufel und Hölle bewirten
Erklangen die Becher, die Würfel klirrten,
Entfesselt im Reigen wallte das Haar
Der lautaufjauchzenden Mägdeschaar;
Schandlieder psallirten die Pfaffen.

Da erhub sich der Sturm und der salzige Schaum;
Sie achteten's nimmer in trunkenem Traum;
Da sträubten die Wogen die zornigen Kämme
Und stürzten sich auf die vermorschenden Dämme,
Und das Werk, das im Schweiße des Angesichts
Die Väter gefügt, ihr Enkel, nun bricht's,
Nun trinket den Tod euch, ihr Trunkenen.

Wer findet die Statt, wo das schwelgende Bandt
Mit Höfen und Burgen und Türmen stand?
Langrollende Wogen die Äcker decken,
Die Wiesen umspielen die Wassernecken,
Die silbergepflasterten Säle durchziehn
Der glitzernde Stör und der schwarze Delphin;
Am Goldschrein starrt es von Muscheln.

*

Versäumniß.

Durch Wald und Busch das Tal entlang
Sind das die Nachtigalen?
Der Fiedelmann läßt seinen Sang
Und seine Saiten schallen.
Schau hin, du junger Fant, schau hin:
Die schöne Elfenkönigin,
Zu hören deine Lieder,
Lugt aus den Zweigen nieder.

Der Bogen springt, die Geige klingt,
Die Töne sprühn und gleiten,
Und süßer Liederklang verschlingt
Sich mit dem Klang der Saiten.
Erwach, o Knab, erwach vom Traum:
Die Nixe taucht aus Schilf und Schaum,
Sieh, welche Gunst die weißen,
Die Arme dir verheißen.

Die Saiten rauschen auf mit Macht,
Ein Schwellen und ein Steigen,
Das klingt und jauchzt, das weint und lacht
In übermütigem Reigen;
O Geiger, hemm, o hemm den Strom:
Aus seiner Höhle kreucht der Gnom,
Unschätzbar reiche Gaben
Beut er dem armen Knaben.

Die Saite schwingt, die Geige klingt
In märchenhafter Schöne;
Triumph, Triumph, der Sieg gelingt!
O stolze Jubeltöne!
Und als der letzte Ton verscholl,
Dem Knaben ward so unruhvoll –
Im Walde Todesschweigen,
Und Nacht hing auf den Zweigen.

»O weh, wie einsam ist die Welt!
Wie steh ich gar verlassen!
So nah war mir das Glück gesellt,
Ich wußt es nicht zu fassen;
So nah mir's winkt', ich ließ es ziehn,
So hold mir's lacht', ich ließ es fliehn
Und kann's nicht mehr erkunden –
Versäumt, verträumt, verschwunden.«

*

Die Wahrsagerin.

Nun sag mir, du braune Zigeunerin,
– Schon dämmert der Morgen zum Streite –
Nun sag mir, ob ich den gehofften Gewinn,
Den Hauptmannsstern mir erreite.«
Sie sah ihm in's Auge, sie sann, sie schwieg;
Dem Knaben das Blut in die Wangen stieg.

»Und ahnest du Arges, was hältst du zurück?
– Schon lärmen die Trommeln und Pfeifen –
So sage mir, werd ich das flüchtige Glück
Nicht einmal im Fluge nur streifen?«
Sie sah in die Hand ihm, sie schwieg so lang;
Dem Knaben ward es im Herzen bang.

»So sage, so rede, und sei es auch hart,
– Schon brüllt es aus ehernem Schlunde –
So sage mir, lieg ich morgen erstarrt
Und blutig auf blutigem Grunde?«
Sie hub den Turban, da ringelt sich's licht
Und golden um's rosige Angesicht.

»Was fragst du nach Künftgem, du lieber Gesell,
– Schon stöhnen die Brüder im Blute –
Da bin ich! Nun küsse, nun küsse mich schnell;
Ergreife das Glück der Minute!
Die Wage schwankt und der Würfel springt,
Gott weiß, was die nächste Stunde bringt.«

*

Der Vogt von Merum.

Der lange Winter wich,
Die Vögel ziehn gen Norden;
Du wilder Vogt von Merum Schloß,
Was ist mit deinem Weibe,
Deinem jungen Weibe geworden?

»Mein Weib zur Winterszeit
Versiecht' in argen Kränken,
Ihr Antlitz ward so hohl und schmal,
Und als der Schnee geschmolzen,
Mußt ich in's Grab sie senken.«

Dein jung jungschönes Weib
War lauter Lust und Leben,
Du wilder Vogt von Merum Schloß,
Und liegt sie nun im Grabe,
Das mag dir Gott vergeben.

»Mein' Hand ist rein von Blut,
Von Gift und Zaubereien,
Und wer mich einen Mörder heißt,
Der stehe meinem Schwerte;
Ich will mich wohl befreien.«

Kein Zauber diente dir,
Nicht Gift noch tötlich Eisen,
Du wilder Vogt von Merum Schloß,
Dich darf kein Rechtsgelahrter
Des Mordes schuldig heißen.

Doch wissen Sonn' und Stern,
Welch Leid dein Weib geduldet;
Und ob sie nimmer dich verklagt
Und stumm dein Joch getragen,
Den Tod hast du verschuldet.«

In Nacht und Nebeldunst,
Welch schleichende Gestalten
Durch Busch und Schlucht um Merum Schloß?
Da lugen Strang und Schwert
Aus schwarzen Mantelfalten.

Der lange Winter wich,
Die Welt steht all' im Laube,
Die junge Nachtigal psallirt,
Im Dickicht ruft die Amsel,
Im Tann die wilde Taube.

Ich wandle durch den Wald,
Da schrein drei heis're Raben;
Da hängt der Vogt von Merum Schloß
An einem dürren Aste;
Drei Kreuze eingegraben.

*

Mädchenlogik.

Mädel, offen kann ich sehen:
Dir hofirt der Corporal.
»Sollen wir bei Seite gehen?
Mutter gut – das nächste Mal.«

Schwatzt noch an der Gartentüren
Ueber Mond und Nachtigal.
»Soll ich ihn zur Laube führen?
Mutter, gut – das nächste Mal.«

Mädel, mußt du dich nicht schämen,
Daß er Kuß um Kuß dir stahl?
»Soll ich ihm sie wieder nehmen?
Mutter, gut – das nächste Mal.«

Vor dein Fensterlein zu passen
Schleicht er Nachts, – es ist Scandal!
»Soll ich gar herein ihn lassen?
Mutter, gut – das nächste Mal.«

Und er läßt dich doch verderben
Und vergehn in Schand und Qual.
»Soll er förmlich um mich werben?
Mutter, gut – das nächste Mal.«

*

Abendsegen.

Mädchen, hör' die Pforte gehen
Leise klirrend durch die Nacht.« –
Base, nur die Winde wehen,
Gebt des späten Lärms nicht Acht;
An die Fenster streicht der Regen;
Schlafet ein,
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Ihr Töchter Jerusalems, horcht und lauscht:
Mein Freund ist nahe, sein Fußtritt rauscht;
Sein Fußtritt rauscht durch die dämmernde Au',
Die Locke trieft ihm vom nächtlichen Thau.

»Mädchen, hör's zur Treppe schleifen,
Sorglich tasten Schritt vor Schritt.« –
Base, nur die Mäuschen pfeifen,
Heimchen pfeift am Herde mit;
An die Fenster streicht der Regen;
Schlafet ein;
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Ihr Töchter Jerusalems! hört meinen Freund,
Vom Garten, wo purpurn die Feige sich bräunt,
Wo die Traube sich rankt über blumige Zier,
Er kommt, er suchet, er sehnt sich nach mir.

»Mädchen, hör', nun spukt es droben
Tappend in dein Kämmerlein.« –
Base, wenn Gespenster toben,
Wird ein Engel bei mir sein.
An die Fenster streicht der Regen,
Schlafet ein;
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Mein Freund, mein Geliebter, du Schöner, du Trauter,
Laut schlägt mir das Herze und lauter und lauter.
Allum liegt's im Schlaf und es wachet kein Licht;
Ihr Wächter von Zion, verratet uns nicht.

*

Spuren.

Ich ging des Wegs am Walde,
Ich ging durch's hohe Waizenkorn;
Da grüßt' hinab zur Halde
Ein helles Jägerhorn.
Die übermütgen Melodein
Verloren sich waldein, waldein.

Im Windesflüstern gingen
Die Halme, da ich schritt entlang;
Ich hört' ein Mägdlein singen,
Wie wunderlieb sie sang!
Die süßen Töne zogen weich
Und lind hinab den Wiesensteig.

Ich fand mit Vogelbeeren
Und Schlehen einen Platz geschmückt;
O weh, wie sind die Aehren
Zu Boden rings gedrückt!
Ein seiden Tüchlein liegt darin,
Zwei Tauben fliegen drüber hin.

*

Hochzeit.

Ach Anne Susanne, was hast du versprochen?
Du hast deinem Schiffer die Treue gebrochen,
Deinem schwarzkrausen Schiffer gebrochen den Eid.
Nun hast du den hellen,
Goldblonden Gesellen,
Nun hast du den jung-jungen Jäger gefreit.

Das Aennelein kam aus der Kirche gegangen
In Rosen und Myrten und bräutlichem Prangen:
»Ach Spielleut', liebe Spielleut', nun stimmet, nun streicht;
Die Bratschen, die Geigen,
Sie sollen nicht schweigen,
Bis daß ihr die Saiten nicht alle zergeigt.«

Der Bräutigam kam aus der Kirche geschritten:
»Halloh ihr Genossen, und tapfer gestritten
Mit weißem, mit rothem, mit schäumendem Wein!
Mich schiert's keinen Heller,
Und sollt auch im Keller
Auf morgen kein Tröpflein zu finden mehr sein!«

Die Sonne ging unter, da wogte das Klingen,
Da dampften die Schüsseln, da hob sich das Springen:
Das Aennelein wirbelt' im Reigen und lacht',
Der Bräutigam herzte
Sein Feinslieb und scherzte
Und tanzte und küßte die liebe, lange Nacht.

Die Sonne geht auf. – O Grausen, o Jammer!
Zerschmettert die Thüre der bräutlichen Kammer,
Die Geigen zerbrochen, verschüttet der Trank,
Die Speisen verderben
In Schutt und in Scherben,
Und Blut auf den Tafeln und Blut auf der Bank.

Ach Anne Susanne, was hast du versprochen?
Du hast deinem Schiffer die Treue gebrochen,
Deinen schwarzkrausen Schiffer zu Tode gekränkt.
Zwei Buhlen für einen?
Nun hast du keinen:
Der Ein' ist erschlagen, der Andre gehenkt.

*

Vater Unser.

Flötet die Nachtigal
Vor meiner Zelle;
Weiche, verstumme,
Satansgeselle!
Was mischst du das süße, melodische Gift
In alle Gesänge der heiligen Schrift?
Pater, adveniat regnum tuum!

Strömen im Sonnenglanz
Durch alle Lüfte
Die rothen Rosen
Teuflische Düfte –
Ich weiß nicht, wie ich mich geißeln soll,
Mein Herz ist sündiger Sehnsucht voll.
Fiat sancta voluntas tua.

Spritzen die Trauben
In herbstlichen Kufen,
Geigen verlocken,
Waldhörner rufen;
Zum Tanze gedrängt ziehn Mädchen daher;
Die Schönste der Schönen vergeß ich nicht mehr.
Ne nos inducas in tentationem.

Bußpsalmen sing ich
In Winternächten;
Doch wehe! mit Satan
Frommt mir kein Fechten,
Frommt mir kein Ringen! Schon taut im Tal
Der Schnee, schon flötet die Nachtigal.
Sed libera nos a malo.

Sie lockt zur Liebe,
Zu Küssen und Kosen
Die jungen Buhlen
Hinaus in die Rosen.
Am Weinbergspförtchen winkt mir's: Gott grüß!
So schön ist die Welt und die Sünde so süß!
Et debita nostra dimitte nobis.

*

Heimkehr.

Dort an der Riva welch ein Laufen?
Wie drängt sich's um den fremden Greis!
Sieh nur, des Goldes blanke Haufen
Verstreut er in des Volkes Kreis,
Der Perlen Schmelz, Demantenglut,
Rubin, Opal, ein Königsgut!
Sein Aug' indeß schaut wonnetrunken
Im Anblick nur der Stadt versunken.

Wer kennt den Mann? die braune Wange,
Der mächtige zwiegeteilte Bart,
Des Kopftuchs Falten und der lange
Talar sind nicht Venedigs Art.
Dies Antlitz zeigt von Sonnenstrahl
Und Wintersturm, von Lust und Qual,
Von heißem Haß und heißrem Lieben
Die tiefen Narben eingeschrieben.

Nun ist der Schatz vergabt; nun schleppe
Den Reichtum heim, du lauter Chor;
Doch einsam steigt die Riesentreppe
Der Gast zum Saal des Rats empor:
»San Marco Heil! Heil dem Senat!
Erlauchte Herrn, mit Flehen naht,
Den ihr vertrieben und geächtet,
Daß ihr auf's neue mit ihm rechtet.

Von tausendfacher Pein zerschlagen
Und satt des martervollen Spiels,
Kann ich mein Schicksal nicht mehr tragen,
Das Höllenschicksal des Exils.
Erlauchte Väter, königsreich
Schien ich dem Volke; bettlergleich
Heb ich zu euren Knien die Hände:
Gewährt mir Gnade, macht ein Ende!

Zehn Jahre lang! In wilden Kämpfen
Mit des beschwingten Leun Panier
Wollt' ich der Rachsucht Qualen dämpfen,
Und eure Flotte sank vor mir;
Und eure Jugend ward ein Mahl
Der schuppigen Brut durch diesen Stahl;
Doch Schlacht nach Schlachten, Sieg nach Siegen –
Mein Herze wollt in Leid erliegen.

Zehn Jahre lang! In alle Tiefen
Taucht' ich hinab unbändiger Lust;
Schwül ward's im Haupte; doch entschliefen
Die Drachen nicht in meiner Brust.
Ob Stambuls Tochter mir gefiel,
Ob mich entzückt die Maid am Nil,
Beim Becherklingen, Würfelrollen
Hört' ich mein Herze klagend grollen.

Zehn Jahre lang! Im Klosterkerker
Begraben, bleichte dieses Haar,
Doch meine Sehnsucht brannte stärker
Im Weihrauchdunst am Hochaltar;
Und ob ich in Gebeten rang
Und über mir die Geißel schwang,
Vor Sehnsucht wollt' ich gar verzagen,
Bis ich das Meßbuch zugeschlagen.

Nun bin ich da, nun laßt mich sterben!
Das Volk wirft um mein Gut das Loos,
Nun laßt mein Blut die Steine färben
Am Fußgestell San Giorgios.
Ich sah die Leun am Arsenal,
Die ehernen Rosse noch einmal,
San Marcos goldne Dämmerhallen –
O Vaterstadt! – Mein Haupt mag fallen.«

Verstummend saß der Kreis der Richter
Und unbeweglich, wie in Stahl
Geprägt die harten Angesichter;
Da murrt's von fern herauf zum Saal,
Da murrt's und summt's vom Hafen her,
Ein tausendstimmig brandend Meer:
»Leon Leoni, der Verbannte,
Er ist's! Er kam zum Vaterlande.

Er wagte sein verfehmtes Leben,
Er brach den Bann, er kam zurück,
Er brach den Bann, und preisgegeben
Dem Henkerschwert ist sein Genick.
Dem Henkerschwert! – Venedig, nimm
In Schutz ihn vor der Richter Grimm!
Solch übergroßes Heimweh lohne
Mit deiner schönsten Bürgerkrone!«

Und laut zum Aufruhr schwillt das Dräuen;
Da tritt Leoni zürnend vor:
»Ist das das Volk des Flügelleuen,
Das vor dem Recht die Scheu verlor?
Nicht diese Stadt von Marmelstein,
Venedigs Recht sei wieder mein;
Fluch über euer wild Erkühnen;
Kniet hin im Staub und laßt mich sühnen!«

*

Romanze.

Im Forst der Klausner grub
Sein letztes Ruhebette;
Ein dürres Kreuz erhub
Er auf der kühlen Stätte;
Und wie er schwer die Schaufel schwang,
Sein eigen Requiem er sang:
»Fahr wohl, o Welt; im Hafen
Wie wonnig will ich schlafen!«

Frau Holda zog vorbei,
Ihr Zelter licht wie Sonne,
Ihr Lächeln Melodei,
Ihr Blick des Himmels Wonne;
Ein Schwarm von Liebesgöttern hoch
Zu Häupten seiner Herrin flog:
»O Tor, zu Grabe gehen,
Bevor dir Heil geschehen?«

Ich warf den Spaten fort,
Mir bebt' es im Gemüte;
Das Kreuz, das längst verdorrt,
Trieb wieder Laub und Blüte.
»Wohlan, noch mal die wilde Jagd,
Noch mal die Qual, die selig macht,
Der Sturm von tausend Bränden! –
Gott weiß, wie es mag enden!«

Buchschmuck

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