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Winnetou II

Karl May: Winnetou II - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleWinnetou II
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20218-9
sendernadja@abc.de, hille@abc.de
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Old Firehand

Viel, sehr viel könnte ich von dem erzählen, was ich mit Harton erlebte; da es sich aber hier nur um Winnetou handelt, welcher nicht mit war, will ich nur sagen, daß wir, allerdings unter großen Mühen, Beschwerden und Kämpfen, so glücklich waren, eine Bonanza zu entdecken. Den Anteil, welchen ich an derselben zu beanspruchen hatte, persönlich auszubeuten, hatte ich nicht Lust; darum verkaufte ich ihn und erhielt eine Summe, welche mir den bei dem Schiffbruche erlittenen Verlust mehr als vollständig ersetzte. Dann ritt ich nach dem Rio Pecos, um das Apachen-Pueblo aufzusuchen. Ich wurde dort wie ein Bruder aufgenommen, fand aber Winnetou nicht vor; er befand sich auf einem Rundritte zu sämtlichen Unterabteilungen der Apachen.

Ich sollte bleiben und auf ihn warten; da dies aber einen Aufenthalt von einem halben Jahre bedeutet hätte, ließ ich mich nicht halten und unternahm einen Abstecher nach Kolorado, um dann durch Kansas nach St. Louis zurückzukehren. Unterwegs schloß sich mir der Engländer Emery Bothwell an, ein hochgebildeter, unternehmender und kühner Mann, den ich später, wie meine lieben Leser noch erfahren werden, in der Sahara wieder traf.

Alles, was ich vorher mit Winnetou und dann mit Fred Harton erlebt hatte und nun mit Bothwell erlebte, sprach sich schnell und immer weiter herum, und ich war, als ich nach St. Louis kam, ganz erstaunt, den Namen Old Shatterhand in Aller Mund zu finden. Als mein alter Mr. Henry diese meine Verwunderung bemerkte, sagte er in seiner eigenartigen Ausdrucksweise:

»Seid Ihr ein Kerl! Erlebt in einem Monate mehr Abenteuer als andere in zwanzig Jahren, geht durch alle Gefahren so glücklich hindurch wie eine Pistolenkugel durch ein Stück Löschpapier, nehmt es als junges Greenhorn mit dem erfahrensten Westläufer auf, werft alle die grausamen und blutigen Gesetze des wilden Westens über den Haufen, indem Ihr selbst den ärgsten Todfeind schont, und sperrt dann das Maul vor Erstaunen darüber auf, daß man von Euch redet! Ich sage Euch, Ihr habt in Beziehung auf Berühmtheit in dieser kurzen Zeit sogar den großen Old Firehand ausgestochen, weicher über noch einmal so alt ist, als Ihr seid. Ich habe meine helle Freude gehabt, wenn ich so von Euch hörte, denn ich bin es ja gewesen, der Euch diesen Weg gezeigt hat. Für diese Freude muß ich Euch dankbar sein. Seht einmal her, was ich da habe!«

Er öffnete seinen Gewehrschrank, nahm – – – den ersten fertigen Henrystutzen heraus, erklärte mir die Zusammensetzung und den Gebrauch desselben und führte mich dann nach seinem Schießstande, wo ich das unübertreffliche Gewehr probieren und beurteilen sollte. Ich war geradezu entzückt über den Stutzen, machte ihn aber, wie schon früher, darauf aufmerksam, daß die Verbreitung dieses Schnellfeuergewehres für die Tier- und auch die Menschenwelt des Westens die nachteiligsten Folgen haben werde.

»Weiß es, weiß es,« nickte er; »habt es mir ja schon erklärt. Werde also nur einige Exemplare anfertigen. Das erste, also dieses hier, schenke ich Euch. Habt meinen alten Bärentöter berühmt gemacht, sollt ihn also für immer behalten und den Stutzen dazu. Ich kalkuliere, daß er Euch auf Euren weiteren Fahrten jenseits des Mississippi gute Dienste leisten wird.«

»Ohne allen, allen Zweifel! Aber dann darf ich ihn jetzt nicht annehmen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich jetzt nicht nach dem Westen gehe.«

»Wohin denn?«

»Erst heim und dann nach Afrika.«

»Af – – Af – – – Af – – – –?!« rief er aus, indem er vergaß, den Mund wieder zuzumachen. »Seid Ihr gescheit? Wollt Ihr ein Neger oder Hottentotte werden?«

»Das nicht. Ich habe Mr. Bothwell versprochen, mit ihm in Algier zusammenzutreffen. Er hat Verwandte dort. Wir wollen von dort aus einen Ausflug in die Sahara machen.«

»Und Euch von den Löwen und Nilpferden fressen lassen!«

»Pshaw! Die Nilpferde sind keine fleischfressenden Tiere und leben nicht in der Wüste.«

»Aber die Löwen!«

»Gibt es auch nicht in der wirklichen Sahara. Raubtiere brauchen Wasser.«

»Das weiß ich, daß sie keinen Sirup trinken! Es handelt sich hier um noch viel mehr. Nicht wahr, in Algier wird französisch parliert?«

»Ja.«

»Versteht Ihr das denn?«

»Ja.«

»Und in der Wüste?«

»Arabisch.«

»Da wird es aber hapern!«

»Nein. Der Professor, welcher mein Lehrer im Arabischen war, galt für den größten Arabisten Deutschlands.«

»Hol Euch der Kuckuck! Euch ist ja von keiner Seite beizukommen! Aber es fällt mir noch etwas ein, was Euch von dieser Reise abbringen wird.«

»Was?«

»Das Geld.«

»Ich habe welches.«

»Oho!«

»Ja! Die Bonanza hat mir viel eingebracht, und von dem Bankier Ohlert habe ich eine ansehnliche Gratifikation erhalten, den Gehaltrest, den er mir von Josy Taylor mitbrachte, gar nicht gerechnet.«

»So lauft, lauft, immer lauft nach Eurer Sahara!« rief er zornig aus. »Kann keinen Menschen begreifen, der dorthin will! Sand, nichts als Sand und Millionen Wüstenflöhe! Konntet es hier viel besser haben. Wir sind geschiedene Leute, denn wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen.«

Er lief mit langen, raschen Schritten hin und her, brummte allerlei zorniges Zeug und gestikulierte mit beiden Armen dazu. Aber seine Gutmütigkeit gewann sehr bald den Sieg; er blieb vor mir stehen und fragte:

»Könnt Ihr den Bärentöter auch in der Wüste brauchen?«

»Ja.«

»Und den Stutzen?«

»Den erst recht.«

»Da habt Ihr beide, und nun macht, daß Ihr fortkommt! Packt Euch hinaus, und laßt Euch niemals wieder bei mir sehen, wenn Ihr nicht hinausgeworfen sein wollt, Ihr-Ihr-Ihr –- dummer Wüstenesel, Ihr!«

Er drückte mir die beiden Gewehre in die Hände, riß die Türe auf, stieß mich hinaus und schob hinter mir den Riegel vor. Aber als ich auf die Straße trat, reckte er den Kopf schon zum Fenster heraus und fragte:

»Ihr kommt doch heute abend ein Bißchen zu mir?«

»Versteht sich ganz von selbst!«

»Well! Werde eine Biersuppe auf der Kaffeemaschine kochen, Euer Leibessen des Abends. Nun trollt Euch aber fort!«

Als ich mich einige Tage später von ihm verabschiedete, zwang er mir mein Ehrenwort ab, nach sechs Monaten wiederzukommen, falls kein unüberwindbares Hindernis sich mir in den Weg lege. Ich konnte Wort halten und war genau nach einem halben Jahre wieder in St. Louis.

Er freute sich ungemein, als er hörte, welchen großen Nutzen mir die beiden Gewehre bei der Vernichtung der berüchtigten Gum erwiesen hatten, und teilte mir mit, daß Winnetou inzwischen bei ihm gewesen sei. Er hatte diesem gesagt, in welcher Zeit er mich wieder erwarte, und von dem Apachen die Aufforderung erhalten, mich nach dem Rio Suanca zu schicken, wo er mit einer Schar seiner Krieger jagen werde.

Ich machte mich unverzüglich auf den Weg nach diesem Flusse, brauchte drei volle Wochen, ehe ich ihn erreichte, und fand nach kurzem Suchen das Jagdlager der Apachen. Winnetou war ebenso entzückt über den Henrystutzen wie ich, begehrte aber nicht, einen einzigen Schuß aus demselben zu tun; er betrachtete das Gewehr als ein Heiligtum für mich. Eine große freudige Überraschung war es für mich, als er mir ein Pferd schenkte, einen Rappen, den er für mich mitgebracht hatte. Der Hengst führte nach der Haupteigenschaft, welche er besaß, nämlich der Schnelligkeit, den Namen Swallow; er besaß die feinste indianische Dressur und gewöhnte sich sehr rasch an mich.

Winnetou wollte nach der Jagd zu den Navajos hinüber, um zwischen ihnen und den Nijoras, welche sich im Streite befanden, Frieden zu stiften, und es war meine Absicht, ihn zu begleiten. Dies kam aber nicht zur Ausführung, denn einige Tage vor dem beabsichtigten Aufbruche begegneten wir einem kalifornischen Goldtransporte, dessen Teilnehmer nicht wenig erschraken, als sie sich so plötzlich von Roten umgeben sahen, sich aber schnell beruhigten, als sie Winnetous und Old Shatterhands Namen hörten. Welch einen guten Klang diese beiden Namen hatten, ersah ich daraus, daß die Leute mich baten, sie, natürlich gegen eine angemessene Gratifikation, bis nach Fort Scott zu bringen. Ich wollte, um mich nicht von Winnetou trennen zu müssen, nicht darauf eingehen; aber er war, als mein einstiger Lehrmeister, stolz auf die Auszeichnung und das Vertrauen, welches mir da entgegengebracht wurde, und forderte mich auf, den Leuten diesen Dienst zu erweisen und dann von Fort Scott nordwärts nach der westlich vom Missouri gelegenen Gravel-Prairie zu reiten, wo er mit mir zusammentreffen werde, denn er wolle einmal seinen alten, berühmten Freund Old Firehand besuchen, welcher sich jetzt in der dortigen Gegend aufhalte.

Da die Trennung also sein eigener Wille war, ritt ich mit diesen Leuten fort und brachte sie glücklich nach ihrem Bestimmungsort, allerdings nicht ohne öftere Gefahren, welche wir zu überwinden hatten. Ich nahm diese ganz allein auf mich und hatte es einige Male nur dem Henrystutzen und meinem Pferde zu verdanken, daß ich dieses Verfahren nicht mit dem Leben büßte.

Dann ritt ich allein weiter, erst über den Kansas und dann über den Nebraska durch das Gebiet der Sioux, vor deren Verfolgung mich wiederholt die Schnelligkeit Swallows rettete. Winnetou hatte mir gesagt, daß mein Weg mich in dieser Gegend nach einer neu entdeckten und in Angriff genommenen Ölregion führen werde, deren Besitzer Forster heiße; dort gebe es auch einen Store, in welchem ich mir Alles kaufen könne, was ich etwa brauche.

Meiner Berechnung nach mußte ich mich nun in der Nähe der Ölniederlassung befinden. Ich wußte, daß sie New-Venango hieß und in einer jener Schluchten lag, die, Bluffs genannt, steil in die Fläche der Prairie einschneiden und gewöhnlich von einem Flüßchen durchzogen sind, das entweder spurlos unter Felsen verschwindet, vielleicht auch im durchlassenden Boden langsam versiegt, oder auch, wenn seine Wassermasse bedeutender ist, dieselbe einem der größeren Ströme zuführt. Bisher aber hatte sich auf der mit gelbblühendem Helianthus übersäeten Ebene kein Zeichen wahrnehmen lassen, welches auf die Nähe einer solchen Senkung schließen ließ. Das Pferd bedurfte der Ruhe; ich selbst war müde und von der langen Irrfahrt so angegriffen, daß ich mich mehr und mehr nach dem Ziele meiner heutigen Wanderung sehnte, wo ich einen Tag lang gehörig Rast machen und dabei die ziemlich auf die Neige gegangene Munition wieder ergänzen wollte.

Schon gab ich es auf, dieses Ziel noch zu erreichen, da hob Swallow das Köpfchen und stieß den Atem mit jenem eigentümlichen Laute aus, durch welchen das echte Prairiepferd das Nahen eines lebenden Wesens signalisiert. Mit einem leisen Ruck war es zum Stehen gebracht, und ich wandte mich auf seinem Rücken, um den Horizont abzusehen.

Ich brauchte nicht lange zu forschen. Seitwärts von meinem Standpunkte bemerkte ich zwei Reiter, welche mich erblickt haben mußten, denn sie ließen ihre Pferde weit ausgreifen und hielten gerade auf mich zu. Da die Entfernung zwischen ihnen und mir noch zu groß war, die Einzelheiten unterscheiden zu können, so griff ich zum Fernrohre und gewahrte zu meiner Verwunderung, daß die eine der beiden Personen nicht ein Mann, sondern, in dieser Gegend eine Seltenheit, ein noch ziemlich junger Knabe war.

»Alle Wetter, ein Kind hier mitten in der Prairie, und gar in echter Trapperkleidung!« fuhr es mir über die Lippen, und erwartungsvoll schob ich Revolver und Bowiemesser, welche ich vorsichtig gelockert hatte, wieder zurück.

»Ist der Mann dabei einer jener extravaganten Yankees, welche zu allem Außerordentlichen fähig sind, oder ist es gar der › flats ghost‹ der Geist der Ebene, welcher nach dem Glauben der Indianer des Nachts auf feurigem Rosse und am Tage unter allerlei trügerischen Gestalten über die Woodlands reitet, um die weißen Männer in das Verderben zu locken, und der Knabe ein weißer Geisel, welchen er aus dem Osten entführt hat?«

Ich musterte mit einigem Bedenken meinen äußern Adam, welcher allerdings nicht das Geringste von alledem, was ein Gentleman in Gesellschaft an und um sich zu tragen pflegt, aufzuweisen hatte. Die Mokassins waren mit der Zeit höchst offenherzig geworden; die Leggins glänzten, da ich die löbliche Gewohnheit aller Jäger, die Hosenbeine bei Tafel als Serviette und Wischtuch zu gebrauchen, angenommen hatte, von Büffeltalg und Waschbärfett; das sackähnliche, lederne Jagdhemd, welches alle Temperaturen und atmosphärischen Kalamitäten mit anerkennungswerter Aufopferung ertragen hatte, gab mir das Aussehen einer von Wind und Wetter maltraitierten Krautscheuche, und die Bibermütze, welche mein Haupt bedeckte, war mir nicht nur viel zu weit geworden, sondern hatte auch den größten Teil ihrer Haare verloren und schien zu ihrem Nachteile mit den verschiedenen Lagerfeuern in sehr intime Bekanntschaft geraten zu sein.

Glücklicherweise befand ich mich nicht im Parkett eines Opernhauses, sondern zwischen den Black-Hills und dem Felsengebirge und hatte auch gar keine Zeit, mich zu ärgern, denn noch war ich mit meiner Selbstbetrachtung nicht ganz zu Ende, so hielten die Beiden schon vor mir; der Knabe hob den Griff seiner Reitpeitsche grüßend in die Höhe und rief mit heller, frischer Stimme:

»Good day, Sir! Was wollt Ihr finden, daß Ihr so an Euch herumsucht?«

»Your servant, mein Männchen! Ich knöpfe mein Panzerhemd zu, um unter dem forschenden Blicke Eures Auges nicht etwa Schaden zu leiden.«

»So ist es wohl sehr verboten, Euch anzusehen?«

»O nein, doch nehme ich natürlich an, daß mir die Erlaubnis zur Gegenbetrachtung nicht versagt wird.«

»Gegen einen Ritter mit Biberhelm und Karfunkelpanzer muß man gefällig sein. Schlagt Euer fürchterliches Visier also empor, und schaut mich an!«

»Danke, so wollen wir uns denn einmal nach Herzenslust begucken, wobei ich allerdings wohl besser wegkomme als Ihr, denn Euer Habitus ist noch ziemlich neu und gentlemanlike.« Und meinen Mustang auf den Hinterbeinen herumdrehend, fügte ich hinzu: »So, da habt Ihr mich von allen Seiten, zu Pferde und in Lebensgröße! Wie gefalle ich Euch?«

»Wartet ein wenig, und seht auch mich erst an!« erwiderte er lachend, zog sein Tier vom in die Höhe und präsentierte sich durch eine kühne Wendung in derselben Weise, wie ich es getan hatte. »Jetzt ist die Vorstellung eine vollständige, und nun sagt erst Ihr, wie ich Euch gefalle!«

»Hm, nicht übel! Wenigstens scheint Ihr mir passabel genug für den Ort hier. Und ich?«

»So so, la la! Nur muß man sich hüten, Euch näher zu kommen, als es gewisse Bedenken gestatten.«

»Ja, wenn man den Mann nicht rechnet, so ist der Reiter ganz prächtig,« meinte sein Begleiter in wegwerfendem Tone, indem er Swallow mit bewunderndem Blicke betrachtete. Ich beachtete diese Beleidigung nicht und entgegnete dem Knaben, der eine für sein Alter außerordentlich gewandte Umgangsform zeigte:

»Eure Bedenken sind gerecht, Sir, doch wird mich die Wildnis entschuldigen, in der wir uns befinden.«

»Die Wildnis! So seid Ihr wohl fremd hier?«

»So fremd, daß ich bereits einen ganzen Tag lang die richtige Hausnummer vergebens suche.«

»So kommt mit uns, wenn Ihr sehen wollt, wie ungeheuer groß diese Wildnis ist!«

Er wandte sich der Richtung zu, welche ich verfolgt hatte, und ließ sein Pferd vom langsamen Schritte durch alle Gangarten bis zum gestreckten Galoppe übergehen. Swallow folgte mit Leichtigkeit, obgleich wir vom grauenden Morgen an unterwegs gewesen waren. Ja, das brave Tier schien zu bemerken, daß es sich hier um eine kleine Probe handle, und griff ganz freiwillig in einer Weise aus, daß der Knabe zuletzt nicht mehr zu folgen vermochte und mit einem Ausrufe der Bewunderung sein Pferd parierte.

»Ihr seid außerordentlich gut beritten, Sir. Ist Euch der Hengst nicht feil?«

»Um keinen Preis, Sir,« antwortete ich, verwundert über diese Frage.

»Laßt das Sir fort!«

»Ganz wie es Euch beliebt. Der Mustang hat mich aus so mancher Gefahr hinweggetragen, daß ich ihm mehr als einmal mein Leben verdanke und er mir also unmöglich feil sein kann.«

»Er hat indianische Dressur,« meinte er mit scharfem Kennerblicke. »Wo habt Ihr ihn her?«

»Er ist von Winnetou, einem Apachenhäuptling, mit welchem ich zuletzt am Rio Suanca ein Weniges zusammenkam.«

Er blickte mich sichtbar überrascht an.

»Von Winnetou? Das ist ja der berühmteste und gefürchtetste Indianer zwischen Sonora und Columbien! Ihr seht gar nicht nach einer solchen Bekanntschaft aus, Sir.«

»Warum nicht?« fragte ich mit offenem Lächeln.

»Ich hielt Euch für einen Surveyor oder etwas derartiges, und diese Leute sind zwar oft sehr brave und geschickte Männer, aber sich mitten zwischen Apachen, Nijoren und Navajos hineinzuwagen, dazu gehört schon ein wenig mehr. Eure blanken Revolver, das zierliche Messer da im Gürtel und die Weihnachtsbüchse dort am Riemen oder gar noch Eure Paradehaltung auf dem Pferde stimmen wenig mit dem überein, was man an einem echten und rechten Trapper oder Squatter zu bemerken pflegt.«

»Ich will Euch ganz gern gestehen, daß ich wirklich nur so eine Art Sonntagsjäger bin, aber die Waffen sind nicht ganz schlecht. Ich habe sie aus der Front-Street in St. Louis, und wenn Ihr auf diesem Felde so zu Hause seid, wie es scheint, so werdet Ihr ja wissen, daß man dort für gute Preise auch gute Ware bekommt.«

»Hm, ich meine, daß die Ware ihre Güte erst beim richtigen Gebrauche zeigt. Was sagt Ihr zu dieser Pistole hier?«

Er griff in die Satteltasche und zog ein altes, verrostetes Schießinstrument hervor, welches einem viel in Gebrauch gewesenen Prügel ähnlicher sah als einer ordentlichen und zuverlässigen Feuerwaffe.

»So! Das Ding stammt jedenfalls noch von Anno Poccahontas her; aber es kann für den damit Geübten doch ganz gut sein. Ich habe Indianer oft mit dem armseligsten Schießzeuge zum Verwundern umgehen sehen.«

»Dann sagt einmal, ob sie auch das fertig gebracht haben!«

Er warf das Pferd zur Seite, schlug im raschen Trabe einen Kreis um mich, hob den Arm und drückte, ehe ich nur eine Ahnung von seiner Absicht haben konnte, auf mich ab. Ich fühlte einen leisen Ruck an meiner kahlhäutigen Kopfbedeckung und sah zu gleicher Zeit die Helianthusblüte, welche ich an die Mütze gesteckt hatte, vor mir niederfliegen.« Es schien mir ganz, als wolle der sichere Schütze sich darüber informieren, was von meiner Sonntagsjägerei zu halten sei, und ich antwortete also auf die ausgesprochene Frage kaltblütig:

»Ich denke, so etwas bringt jeder fertig, obgleich es nicht jedermanns Passion ist, seine Mütze hinzuhalten, da zufälligerweise einmal ein Kopf darunter stecken kann. Schießt also auf einen Andern nicht eher, als bis Ihr ihn überzeugt habt, daß Ihr mit Eurer Pulverspritze für einen guten Schuß zusammenpaßt!«

»Wherefore?« fragte es da hinter mir. Sein Begleiter ritt einen hohen, schwerfälligen Gaul, der mit unsern Pferden nicht hatte Schritt halten können, und war darum erst im Augenblicke des Schusses wieder zu uns gestoßen. »Der Kopf eines Savannenläufers ist samt der darauf sitzenden Pelzmütze mit einem Schusse Pulvers jedenfalls mehr als genug bezahlt!«

Der hagere, lang- und dünnhalsige Mann hatte eine echte, verkniffene Yankeephysiognomie. Aus Rücksicht gegen seinen Gefährten ließ ich auch diese Grobheit unberücksichtigt, obgleich es mir vorkam, als ob meinem Schweigen von dem Knaben eine falsche Ursache untergelegt werde; wenigstens sah ich über sein Gesicht einen Ausdruck gleiten, in welchem wenig Anerkennung für den von mir gezeigten Mangel an Schlagfertigkeit zu lesen war.

Die ganze Begegnung kam mir sehr sonderbar vor, und hätte ich etwas Ähnliches in irgend einem Roman gelesen, so wäre der Verfasser sicher in den Verdacht gekommen, Unmögliches für möglich darzustellen. Jedenfalls, das war klar, mußte eine Ansiedlung in der Nähe sein, und da seit längerer Zeit der Kriegspfad keinen der wilden Stämme in diese Gegend geführt hatte, so konnte es selbst ein Knabe immerhin wagen, ein Stückchen in die Ebene hineinzureiten.

Nicht so klar war es mir, was ich eigentlich aus dem interessanten jungen machen sollte. Er verriet eine Kenntnis des Westens und eine Übung in den hier notwendigen Fertigkeiten, daß ich wohl Ursache hatte, auf ganz besondere Verhältnisse zu schließen. Es war daher wohl kein Wunder zu nennen, daß mein Auge mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit auf ihm ruhte.

Er ritt jetzt eine halbe Pferdelänge vor und der Schein der sich dem Horizonte zuneigenden Sonne umflutete ihn mit goldenen Lichtstrahlen. ›Bräunlich und schön‹, wie die heilige Schrift von dem Knaben David erzählt, zeigten seine eigenartigen Züge trotz ihrer noch jugendlichen Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf frühzeitige Entwicklung des Geistes und kräftige Energie des Willens schließen ließ, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen seiner Bewegungen sprach sich eine Selbständigkeit und Sicherheit aus, welche unbedingt verbot, das jugendliche Wesen als Kind zu behandeln, obgleich der Knabe nicht über sechzehn Jahre zählen konnte.

Ich mußte unwillkürlich an die Erzählungen denken, welche ich früher gelesen hatte, an Geschichten von der Kühnheit und Selbständigkeit, welche hier im › far west‹ selbst Kindern zu eigen ist, und diese Selbständigkeit konnte nicht nur in Beziehung auf den Charakter, sondern auch in Betreff des pekuniären Vermögens gelten, sonst hätte er mich ja nicht vorhin nach dem Preise meines Pferdes fragen können.

Plötzlich zog er die Zügel an.

»Ihr wollt nach New-Venango, Sir?«

»Ja.«

»Und kommt aus der Savanne natürlich?«

»Wie Ihr mir ansehen könnt, ja.«

»Aber ein Westmann seid Ihr nicht!«

»Ist Euer Blick so scharf, um das sofort zu erkennen?«

»Ihr seid ein Deutscher?«

»Ja. Spreche ich das Englisch mit einem so bösen Accent, daß Ihr an demselben den Ausländer in mir erkennt?«

»Bös gerade nicht, aber doch so, daß man Eure Abstammung erkennt. Wenn es Euch recht ist, wollen wir uns unserer Muttersprache bedienen!«

»Wie, auch Ihr habt die gleiche Heimat?«

»Der Vater ist ein Deutscher; geboren aber bin ich am Quicourt. Meine Mutter war eine Indianerin vom Stamme der Assineboins.«

Nun war mir mit einemmal der eigentümliche Schnitt seines Gesichtes und der tiefe Schatten seines Teints erklärlich. Seine Mutter war also tot, und der Vater lebte noch, Hier stieß ich jedenfalls auf außergewöhnliche Verhältnisse, und es war mehr als bloße Neugierde, was ich jetzt für ihn empfand.

»Wollt Ihr einmal da hinüberblicken?« forderte er mich mit erhobenen Armen auf. »Seht Ihr den Rauch wie aus dem Boden emporsteigen?«

»Ah, so sind wir endlich am Bluff, den ich suchte und in dessen Senkung New-Venango liegt! Kennt Ihr Emery Forster, den Ölprinzen?«

»Ein wenig. Er ist der Vater von meines Bruders Frau, welche mit ihrem Manne in Omaha lebt. Ich komme von dort von einem Besuche zurück, und habe hier Absteigequartier genommen. Habt Ihr mit Forster zu tun, Sir?«

»Nein. Ich will nach dem Store, um mich mit Einigem zu versorgen, und fragte nur, weil er als einer der bedeutendsten Ölprinzen jedem, der in diese Gegend kommt, von Interesse sein muß.«

»Ihr habt ihn schon gesehen!«

»Nein!«

»Und doch! Ihr seht ihn sogar jetzt, denn er reitet an Eurer Seite! Unsere Vorstellung war eine mangelhafte, ist aber zu entschuldigen; die Prairie kennt keine Dehors.«

Ach möchte diese Ansicht nicht teilen,« erwiderte ich, ohne den Yankee mit einem einzigen Blicke zu beachten. »Ich meine sogar, daß die Prairie eine sehr scharfe Distinktion ausgebildet hat, deren Maßstab allerdings nicht der Geldbeutel, sondern das Gewicht des Mannes ist. Gebt einem Eurer arroganten Ölprinzen die Pistole, mit welcher Ihr so vortrefflich umzugehen versteht, in die Hand und schickt ihn nach dem Westen, er wird trotz seiner Millionen untergehen. Und fragt im Gegenfalle einen unserer berühmten Westmänner, die wie unbeschränkte Fürsten mit ihren Büchsen die weite Ebene beherrschen, nach dem Monney, welches er besitzt; er wird Euch in das Angesicht lachen. Da, wo der Mensch grad so viel wiegt wie die Gefahr, welche er zu überwinden vermag, leistet zum Beispiel meine ›Patentmütze‹ bessere Dienste, als der Besitz von einem Viertel- oder halben Dutzend von Ölquellen. Die Prairie schreibt ihre Gesetze und Komplimente nicht durch den Tanzlehrer, sondern mit dem Bowiemesser vor!«

Sein Auge blitzte mit einem raschen, leuchtenden Blicke von Förster auf mich herüber. Ich bemerkte, daß ich ihm aus der Seele gesprochen hatte. Dennoch aber konnte er eine Berichtigung nicht unterlassen.

»Ich will Euch nicht ganz unrecht geben, Sir; aber es gibt doch vielleicht hier und da einen Trapper oder Squatter, der nicht lachen würde, wenn ich ihn nach dem ›Metall‹ fragte. Habt Ihr einmal von Old Firehand gehört?«

»Warum sollte ich nicht? Er ist einer der angesehensten unter den Waldläufern. Begegnet freilich bin ich ihm noch nicht.«

»Nun seht, er und Winnetou, den Ihr ja kennt, also ein Weißer und eine Rothaut, gehören zu denen, die ich meine. Diese beiden Männer kennen jedes › Open‹ und jedes › Shut‹ des Gebirges und könnten Euch zu Gold- und Silberlagern führen, von deren Dasein und Reichhaltigkeit kein Anderer eine Ahnung hat. Ich glaube nicht, daß einer von ihnen mit irgend einem Ölmanne tauscht!«

»Pshaw, Harry,« fiel Forster ein; »ich hoffe nicht, daß du anzüglich sein willst!«

Er vermied, Zu antworten, und ich meinte kalt:

»Der Ölmann hätte diese Schätze jedenfalls nicht entdeckt und würde sich wohl auch hüten, ihre Ausbeutung mit seinem kostbaren Leben zu bezahlen. Übrigens gebt Ihr wohl zu, mein junger Master, daß Eure Entgegnung nur eine Bestätigung meiner Behauptung enthält. Der richtige Jäger mag eine Ader aufgefunden haben, aber er verkauft gegen ihren Inhalt die kostbare Freiheit nicht, die ihm über alles geht. Doch da ist ja der Bluff und mit ihm unser Ziel.«

Wir hielten am Rande der Schlucht und blickten auf die kleine Niederlassung hinab, deren Häuserzahl ich mir höher vorgestellt hatte. Das vor uns liegende Tal bildete eine schmale Pfanne, welche, rings von steil aufsteigenden Felsen umschlossen, in ihrer Mitte von einem ansehnlichen Flusse durchströmt wurde, der sich zwischen nahe zusammentretendem Gestein unten einen Ausweg suchte. Das ganze unter uns liegende Terrain war mit Anlagen, wie sie die Petroleumerzeugung erfordert, bedeckt; oben, ganz nahe am Wasser, befand sich ein Erdbohrer in voller Tätigkeit; am mittleren Laufe stand etwas vor den eigentlichen Fabrikräumlichkeiten ein trotz des Interims doch ganz stattliches Wohngebäude, und wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, Böden und fertige Fässer, teils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoffe gefüllt, zu sehen.

»Ja, das ist der Bluff, Sir,« antwortete Harry. »Da drüben seht Ihr den Store, zugleich Restauration, Boardinghouse und alles sonst noch Mögliche, und hier führt der Weg hinab, ein wenig steil zwar, sodaß wir absteigen müssen, aber doch immer noch ohne Lebensgefahr zu passieren. Wollt Ihr mitkommen?«

Ich schnellte mich rasch aus dem Sattel; auch er war abgesprungen und meinte:

»Nehmt Euer Tier an die Hand.«

»Swallow kommt von selbst nach. Steigt immerhin voran!«

Er ergriff die Zügel seines Pferdes; mein Mustang folgte ohne besondere Aufforderung, und während Forster mit seinem Gaule langsam und zaghaft nachgestiegen kam, hatte ich Gelegenheit, an dem Vorangehenden die Gewandtheit und Sicherheit des Schrittes zu bewundern. Diese Übung hatte er sich ganz bestimmt nicht im Osten aneignen können, und mein Interesse für ihn wuchs von Minute zu Minute. Auf der Sohle des Tales angekommen, setzten wir uns wieder zu Pferde. Ich wollte mich verabschieden, weil ich annehmen mußte, daß die Beiden direkt nach dem bereits angegebenen Wohngebäude reiten würden, während mein Weg mich nach dem Laden führte, da aber fiel mir Forster in die Rede:

»Laßt das sein, Mann! Wir kommen mit nach dem Store, denn ich habe noch irgend eine Kleinigkeit mit Euch abzumachen!«

Es war mir um des interessanten Jünglings willen ganz lieb, die bisherige Gesellschaft noch für kurze Zeit genießen zu können, aber ich hatte keine Lust, Forster eine Frage über seine Kleinigkeit vorzulegen. Ich brauchte indes nicht lange zu warten, um Aufklärung über dieselbe zu erhalten. Bei dem › Store and Boardinghouse‹, wie die einfache Blockhütte mit Kreideschrift an ihrer Türe bezeichnet war, angekommen, hatte ich kaum den Sattel verlassen, so war er auch von dem seinen herunter und faßte Swallow am Zügel.

»Ich werde Euch das Pferd abkaufen, was kostet es?«

»Ich verkaufe es nicht!«

»Ich gebe zweihundert Dollars.«

Ich lachte verneinend.

»Zweihundert und fünfzig!«

»Gebt Euch keine Mühe, Sir!«

.»Dreihundert!«

»Es ist mir nicht feil!«

»Dreihundert, und was Ihr hier aus dem Store nehmt, das bezahle ich obendrein!«

»Glaubt Ihr wirklich, daß ein Präriemann sein Pferd verkauft, ohne weiches er vielleicht zugrunde geht?«

»So gebe ich Euch das meinige noch dazu!«

»Behaltet Euern Patentgaul immerhin; ich tausche ihn Euch nicht um ein einziges Haar aus meiner Mütze ab!«

»Aber ich muß das Pferd haben,« versetzte er ungeduldig. »Es gefällt mir!«

»Das glaube ich Euch gern; doch bekommen könnt Ihr es nicht. Ihr seid zu arm, es zu bezahlen.«

»Zu arm?!« Er warf mir einen Blick zu, der mich jedenfalls einschüchtern sollte. »Habt Ihr nicht gehört, daß ich Emery Forster bin? Wer mich kennt, der weiß sehr genau, daß ich imstande bin, ein ganzes Tausend solcher Mustangs zu bezahlen!«

»Euer Geldbeutel ist mir ein sehr gleichgültiges Ding. Könnt Ihr wirklich ein gutes Pferd bezahlen, so geht zum Pferdehändler; das meinige aber laßt jetzt einmal los!«

»Ihr seid ein unverschämter Kerl, wißt Ihr's! Ein Bursche, dem wie Euch die Füße aus den Schuhen gucken, sollte froh sein, daß ihm das Geld zu neuen Stiefeln so leicht geboten wird; er kommt dann wenigstens einmal auf ehrlichem Wege zu ihnen!«

»Emery Forster, nimm deine Zunge in acht, du könntest sonst auf einem sehr ehrlichen Wege erfahren, daß der Mann, der nach deiner Meinung mit einem Schusse Pulvers mehr als genugsam bezahlt ist, mit dieser Art von Geld schnell bei der Hand ist!«

»Oho, mein junge! Hier ist nicht Savannenland, wo jeder Strolch tun kann, was ihm gerade beliebt. In New-Venango bin ich allein Herr und Gebieter, und wer sich nicht in gutem nach mir richtet, der wird auf andere Weise zu Verstand gebracht. Ich habe mein letztes Gebot getan. Bekomme ich das Pferd dafür oder nicht?«

»Ein jeder andere Westmann hätte jedenfalls schon längst nur mit der Waffe geantwortet; das Verhalten des Mannes verursachte mir aber Vergnügen anstatt Ärger, und andernteils bewog mich auch die Rücksicht auf seinen Begleiter zu einer größeren Selbstbeherrschung, als ich ihm allein gegenüber gezeigt hätte.

»Nein,« antwortete ich daher ruhig. »Laßt es los!«

Ich langte nach dem Zügel, welchen er in der Hand hielt. Er gab mir einen Stoß vor die Brust, daß ich zurücktaumelte, und schwang sich in den Sattel.

»So, Mann, jetzt werde ich dir zeigen, daß Emery Forster ein Pferd zu kaufen versteht, auch wenn es ihm verweigert wird. Hier steht das meinige, es ist dein. Die Rechnung im Store werde ich berichtigen, und die Dollars kannst du dir holen, sobald es dir beliebt! Komm, Harry; wir sind fertig!«

Der Gerufene folgte nicht sofort, sondern hielt noch einige Augenblicke auf der Stelle und blickte mir gespannt in das Gesicht. Als ich aber keine Miene machte, mir nach Jägerart mein Eigentum zurückzuholen, glitt es wie eine tiefe Verachtung über sein Gesicht.

»Wißt Ihr, was ein Coyote ist, Sir?« fragte er mich.

»Ja,« antwortete ich gleichmütig.

»Nun?«

»Ihr meint den Präriewolf? Er ist ein feiges, furchtsames Tier, welches schon vor dem Bellen des Hundes flieht und nicht wert ist, daß man es beachtet.«

»Ihr habt recht mit Eurer Antwort; Ihr konntet sie auch leicht geben, denn –- Ihr seid ein Coyote!«

Mit einer unbeschreiblich geringschätzigen Handbewegung wandte er sich ab und folgte dem vorangerittenen ›Herrn und Gebieter‹ von New-Venango nach.

Ich schwieg, denn ich wußte, was ich tat. Swallow war mir nicht verloren, und ließ ich ihn für eine kurze Zeit bei Forster, so war es mir vielleicht möglich, Harry, für den ich mich zu interessieren begann, wieder zu sehen. Aus seinem Munde ließ ich die letzten Worte nicht als Beleidigung gelten.

Aus dem Laden waren einige Männer getreten, welche unserer unerquicklichen Verhandlung beigewohnt hatten. Der eine von ihnen band jetzt den Gaul Forsters an einen Pfahl und trat dann zu mir. Man konnte dem rothaarigen und vertrunkenen Burschen auf tausend Schritte den Irländer ansehen.

»Laßt Euch den Handel nicht dauern, Master,« meinte er; »Ihr kommt nicht schlecht dabei weg! Wollt Ihr längere Zeit in New-Venango bleiben?«

»Hab' keine Lust dazu! Seid Ihr der Besitzer von diesem berühmten Etablissement hier?«

»Der bin ich, und berühmt ist es; da habt Ihr recht; berühmt, so weit es nur immer Einen gibt, dem der Brandy gut über die Zunge läuft. Ihr seid vielleicht zu Eurem Glück hierher gekommen!«

»Wieso?«

»Das will ich Euch sagen! Ihr könntet hier bei mir bleiben, aber nicht bloß für heute, sondern für morgen und übermorgen und immer. Ich brauche einen Boardkeeper, der nicht gleich dreinspringt, wenn er einen derben Tritt bekommt. In unserem Geschäfte ist die Ambition oft ein recht überflüssiges und schädliches Ding, und ich habe ja vorhin gesehen, daß Ihr in dieser Beziehung einen guten Puff vertragt. Schlagt ein; es soll Euer Schade nicht sein!«

Ich hätte dem Manne eigentlich ins Gesicht schlagen mögen; doch war seine Offerte wirklich mehr lächerlich als ärgerlich, und so trat ich ohne Erwiderung in das Haus, um die nötigen Einkäufe zu machen. Als ich nach dem Preise des Ausgewählten fragte, blickte er mich erstaunt an.

»Habt Ihr denn nicht gehört, daß Emery Forster alles bezahlen will? Er wird Wort halten, und ich gebe Euch alle diese Sachen, ohne daß Ihr einen Penny dafür habt.«

»Danke! Wenn ich mir etwas kaufe, so habe ich nicht das Geld eines Pferdediebes dazu nötig.«

Er wollte einen Einspruch erheben, als er aber die Handvoll goldener Füchse bemerkte, welche ich unter dem Gürtel hervorzog, nahm seine Miene einen äußerst respektvollen Ausdruck an, und der Handel begann mit jener Schlauheit und Zähigkeit, welche in jenen Gegenden den Unkundigen auf das Glänzendste auszubeuten versteht.

Endlich wurden wir einig. Ich kam in den Besitz einer vollständig neuen Trapperkleidung und versah mich gegen schweres Geld mit einigem Proviant und so viel Munition, daß ich es nun wieder eine ganze Weile auszuhalten vermochte.

Der Abend war mittlerweile vollständig hereingebrochen, und tiefes Dunkel hatte sich über das Tal gesenkt. Es war nicht meine Absicht, in dem niedrigen und dunstigen Boarraum Herberge zu nehmen; ich warf daher den neuen, bis oben herauf gefüllten Fouragesack über die Schulter und trat hinaus in das Freie. Ich wollte zu Forster, um ihm eine richtigere Meinung über seine Herrscherrechte beizubringen.

Mein Weg führte längs dem Flusse hin, und was ich vorher nicht bemerkt hatte, das fiel mir jetzt, da meine Aufmerksamkeit nicht mehr von dem kleinen Begleiter in Anspruch genommen wurde, sofort auf: Der Ölgeruch, welcher das ganze Tal erfüllte, verstärkte sich in der Nähe des Wassers; der Fluß mußte also eine nicht unbedeutende Menge des Brennstoffes mit sich führen.

Der Gebäudekomplex, welchem ich zuschritt, lag vollständig schwarz vor mir; aber als ich eine leichte Krümmung des Weges zurückgelegt hatte und nun das Herrenhaus von vorn sehen konnte, fiel ein heller Lichtglanz von der Veranda herüber, und ich erkannte, daß eine kleine Gesellschaft dort versammelt sei. Als ich an der Fenz anlangte, welche den Vorplatz umschloß, vernahm ich ein leichtes Schnaufen, über dessen Ursache ich mir sofort im Klaren war.

Ich wußte, daß Swallow von keinem Fremden in einen Stall zu bringen sei. Man hatte ihn im Freien lassen müssen und gerade unter der Veranda angebunden, weil dort das Tier am besten zu bewahren war. Ich schlich mich leise über die dunklen Stellen des erwähnten Vorplatzes bis an das niedere Mauerwerk, in welches die Träger der leichten Überdachung eingesenkt waren. Ich befand mich jetzt ganz in der Nähe meines Pferdes und bemerkte zu meiner Genugtuung auch Harry, welcher in einer der Hängematten lag. Er war eben im Begriffe, dem neben ihm sitzenden Forster eine Auseinandersetzung zu machen. Keinen Blick von der Gesellschaft verwendend, befestigte ich den mitgebrachten Sack hinter dem Sattel Swallows. Das brave Tier hatte sich das Lederzeug nicht abnehmen lassen; hätte ich, als Forster mit ihm davonritt, einen Pfiff ausgestoßen, so hätte es ihn ganz sicher abgeworfen und wäre zu mir zurückgekommen.

»Es ist ein unnützes und lästerliches Unternehmen, dear uncle, und du hast dir die Sache wohl nicht ganz richtig berechnet,« hörte ich den Knaben sagen.

»Willst du mich etwa das Kalkulieren lehren? Die Ölpreise sind nur deshalb so gedrückt, weil die Quellen zu viel liefern. Wenn wir also, Einer wie der Andere, das Öl so einen Monat lang ablaufen lassen, so muß es wieder teuer werden, und wir machen Geschäfte, gute Geschäfte, sage ich dir. Und diesen Coup werden wir ausführen; es ist so beschlossen, und ein jeder wird sein Versprechen halten. Ich lasse aus dem unteren Loche jetzt alles in unseren Venango-River fließen; bis die Preise steigen, werden wir weiter oben auch auf Öl getroffen sein, und da ich einen hinreichenden Vorrat von Fässern habe, so schicke ich dann im Verlaufe von wenigen Tagen eine Quantität Öl nach dem Osten, die mir Hunderttausende einbringt.«

»Das ist kein ehrliches Unternehmen, und mir scheint auch, ihr habt die Quellen drüben im alten Lande und sonst noch wo dabei ganz außer acht gelassen. Euer Verhalten wird die dortige Konkurrenz sofort zur äußersten Anstrengung spornen, und ihr selbst gebt also dem noch schlafenden Gegner die Waffen in die Hand. Übrigens sind ja die hier in den Staaten aufgestapelten Vorräte so groß, daß sie für sehr geraume Zeit zureichen.«

»Du kennst den ungeheuren Bedarf nicht und hast also gar kein Urteil, bist für ein solches überhaupt noch zu jung.«

»Das müßte denn doch sehr bewiesen werden!«

»Der Beweis liegt nahe. Hast du mir nicht vorhin erst gestanden, daß du dich in dem Woodsmann, oder was der Mensch eigentlich war, getäuscht hast? Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß es dir in solcher Gesellschaft gefallen könnte!«

Ich sah Harry erröten, aber er antwortete schnell:

»Ich bin in solcher Gesellschaft aufgewachsen, das weißt du ja, habe mein bisheriges Leben in den ›dunklen Gründen‹ verbracht und müßte den Vater nicht im geringsten lieb haben, wenn ich diese ›Gesellschaft‹ bloß um ihrer äußeren Erscheinung willen verachten könnte. Es gibt Männer unter ihr, denen gar mancher eurer noblen Gentlemen und stolzen Geldbarone an innerem Werte nicht gewachsen ist. Und übrigens ist ja heut von einer Täuschung keine Rede, denn ich sagte nur, daß er mir erst anders geschienen habe, und zwischen Vermutung und Behauptung pflege ich einen Unterschied zu machen.«

Forster wollte eine Entgegnung aussprechen, kam aber nicht dazu, denn in diesem Augenblicke geschah ein Donnerschlag, als sei die Erde mitten unter uns auseinandergeborsten. Der Boden erzitterte, und als ich das Auge erschrocken seitwärts wandte, sah ich im oberen Teile des Tales, da, wo der Erdbohrer tätig gewesen war, einen glühenden Feuerstrom fast fünfzig Fuß senkrecht in die Höhe steigen, welcher flackernd oben breit auseinanderfloß und, wieder zur Erde niedersinkend, mit reißender Schnelligkeit das abfallende Terrain überschwemmte. Zugleich drang ein scharfer, stechender, gasartiger Geruch in die Atmungswerkzeuge, und die Luft schien von leichtflüssigem, ätherischem Feuer erfüllt zu sein.

Ich kannte dieses furchtbare Phänomen, denn ich hatte es im Kanawhatale in seiner ganzen Schrecklichkeit gesehen, und stand mit einem einzigen Sprunge mitten unter der vor Schreck fast todesstarren Gesellschaft.

»Löscht die Lichter aus, schnell, die Lichter aus! Der Bohrer ist auf Öl getroffen, und ihr habt versäumt, alles Feuer in der Nähe zu verbieten. Nun breiten sich die Gase aus und haben sich entzündet. Lichter aus, sonst brennt in zwei Minuten das ganze Tal!« rief ich.

Ich sprang von einem der brennenden Armleuchter zum andern, aber im obern Zimmer brannten die Lampen auch, und drüben vom Store her sah ich ebenfalls Lichtschimmer. Dazu hatte die Flut des hochaufsprühenden Öles, welches sich mit unglaublicher Raschheit über das ganze obere Tal ausbreitete, jetzt den Fluß erreicht, und nun galt es, alles einzusetzen für das nackte, bloße Leben.

»Rettet euch, ihr Leute! Lauft, lauft um Gottes willen! Sucht die Höhen zu gewinnen!« fuhr ich fort.

Mich um weiter niemand kümmernd, riß ich Harry empor in meine Arme und saß im nächsten Augenblick mit ihm im Sattel. Harry, mein Verhalten mißverstehend und die Größe der Gefahr nicht erkennend, sträubte sich mit Aufbietung aller seiner Kräfte gegen die Umschlingung; aber wie man in solchen Augenblicken stets eine auf das äußerste gesteigerte Körperstärke besitzt, so verschwand auch diese Anstrengung fast ganz unter der Gewalt, mit welcher ich ihn festhielt, und in rasendem Laufe trug Swallow, dessen Instinkt die Führung des Zügels und den Gebrauch der Sporen überflüssig machte, uns stromabwärts.

Der Bergpfad, welchen wir von der Savannenhöhe nach New-Venango herabgestiegen waren, konnte jetzt nicht mehr erreicht werden, denn der Glutstrom war schon an ihm vorübergeflutet. Nur abwärts konnten wir Rettung finden; aber ich hatte am Tage nichts einer Straße Ähnliches bemerkt und im Gegenteil gesehen, daß die Felswände so eng zusammentraten, daß sich der Fluß nur schäumend den Ausweg erzwingen konnte.

»Sagt,« rief ich in ängstlicher Hast, »gibt es einen Weg, welcher hier unten aus dem Tale führt?«

»Nein, nein!« stöhnte er unter der krampfhaften Anstrengung, von mir loszukommen. »Laßt mich fahren, sage ich Euch, laßt mich fahren. Ich brauche Euch nicht, ich bin mir selbst genug!«

Natürlich konnte ich auf dieses Verlangen nicht achten und musterte mit Aufmerksamkeit den nahe zusammentretenden Horizont, welchen die beiden schroff aufsteigenden Talwände bildeten. Da fühlte ich einen Druck in der Gürtelgegend, und zugleich rief der Knabe:

»Was wollt Ihr mit mir? Laßt mich los; gebt mich frei, oder ich stoße Euch Euer eigenes Messer in den Leib!«

Ich sah eine Klinge in seiner Hand funkeln; er hatte mein Bowiemesser an sich gerissen. Ich hatte keine Zeit zu einer langen Auseinandersetzung, sondern vereinte nur mit einem raschen Griffe seine beiden Handgelenke in meiner Rechten, während ich mit dem linken Arme ihn immer fester umschloß.

Mit jeder Sekunde wuchs die Gefahr. Der glühende Strom hatte die Lagerräume erreicht, und nun sprangen die Fässer mit kanonenschußähnlichern Knalle und ergossen ihren sofort in heller Lohe brennenden Inhalt in das auf diese Weise immer mehr anwachsende und immer rascher vorwärts schreitende Feuermeer. Die Atmosphäre war zum Ersticken heiß; ich hatte das Gefühl, als koche ich in einem Topfe siedenden Wassers, und doch wuchsen Hitze und Trockenheit mit solcher Rapidität, daß ich innerlich zu brennen vermeinte. Fast wollten mir die Sinne schwinden; aber es galt nicht bloß mein Leben, sondern noch viel mehr dasjenige des Knaben.

»Come on, Swallow, voran, voran, Swall –!«

Die fürchterliche Hitze versengte mir das Wort im Munde; ich konnte nicht weiter sprechen. Es war aber auch ein solcher Zuruf gar nicht notwendig, denn das brave, herrliche Tier raste ja mit einer schier unmöglichen Geschwindigkeit dahin. So viel sah ich, diesseits des Flusses war kein Ausweg. Die Flammen beleuchteten die Felswände hell genug, um sehen zu lassen, daß die letzteren nicht zu erklimmen seien, deshalb ins Wasser, ins Wasser – hinüber auf die andere Seite!

Ein leiser Schenkeldruck – ein Sprung des gehorsamen Mustangs, und hochauf schlugen die Wellen über uns zusammen. Ich fühlte neue Kraft, neues Leben durch meine Adern pulsieren, aber das Pferd war unter mir verschwunden. Doch das war jetzt gleich; nur hinüber – immer hinüber! Swallow war schneller gewesen als das lohende Element; jetzt aber kam es flammend und himmelhoch züngelnd den Fluß herabgewälzt und fand in dem aus der Quelle hineingeleiteten Petroleum immer neue Nahrung. In einer Minute, in einer Sekunde, ach, vielleicht schon in einem Augenblicke mußte es mich erreichen. Der jetzt bewußtlose Knabe hing mit todesstarren Armen an mir; ich schwamm wie noch nie, nie in meinem Leben, oder nein, ich schwamm nicht, sondern schnellte mich in wahnsinnigen Sätzen über die von zuckenden Lichtern bis auf den Grund hinab durchblitzte Flut. Ich fühlte eine Angst, so furchtbar – so furchtbar – – – Da schnaufte es an meiner Seite. »Swallow, du treuer, wackerer -bist du's?« – Hier ist das Ufer – – – wieder in den Sattel – ich komme nicht hinauf – es ist, als sei mir das innerste Mark verdorrt – – Herr Gott, hilf, ich kann nicht liegen bleiben – -noch einmal; es gelingt –- »Swallow, fort – fort –-wohin du willst, nur hinaus, hinaus aus diesem Höllenbrande!«

Es ging weiter, nur das wußte ich; wohin, danach fragte ich nicht. Die Augen lagen mir wie geschmolzenes Metall in ihren Höhlen, und das von ihnen aufgefangene Licht wollte mir das Hirn verbrennen; die Zunge strebte zwischen den trockenen Lippen hervor; ich hatte durch den ganzen Körper ein Gefühl, als bestehe er aus glimmendem Schwamme, dessen lockere Asche jeden Moment auseinanderfallen könne. Das Pferd unter mir schnaubte und stöhnte mit fast menschlichem Wehelaute; es lief, es sprang, es kletterte, es schoß über Felsen, Vorsprünge, Risse, Kanten und Spitzen mit tiger-, mit schlangenartigen Bewegungen. Ich hatte mit der Rechten seinen Hals umklammert und hielt mit der Linken noch immer den Knaben fest. Noch einen Satz, einen weiten, fürchterlichen Satz – endlich, endlich ist die Felswand überwunden – noch einige hundert Schritte vom Feuer hinweg und in die Prairie hinein, und Swallow blieb stehen; ich sank von ihm zur Erde nieder.

Die Aufregung, die Überanstrengung war so groß, daß sie die Ohnmacht besiegte, die sich meiner bemächtigen wollte. Ich raffte mich langsam wieder empor, schlang die Arme um den Hals des treuen, unvergleichlichen Tieres, welches an allen Gliedern zitterte, und küßte es unter konvulsivischem Weinen mit einer Inbrunst, wie wohl selten ein Liebender die Auserwählte seines Herzens geküßt hat.

»Swallow, du Köstlicher, ich danke dir, du hast mich, du hast uns beide erhalten. Diese Stunde soll dir nie vergessen werden!«

Der Himmel glänzte blutigrot, und der Brodem des entfesselten Elements ruhte in dichten, schwarzen, von purpurnen Strahlen durchbrochenen Ballen über dem Herde der Verwüstung. Aber ich hatte keine Zeit zu diesen Betrachtungen, denn vor mir lag, das Messer noch immer krampfhaft festhaltend, Harry, bleich, kalt und starr, so daß ich ihn tot glaubte, ertrunken in den Fluten des Wassers, während ich ihn den Flammen entreißen wollte.

Seine Kleidung war durchnäßt und legte sich eng an die leblosen Glieder; auf dem erbleichten Angesichte spielten die düsteren Reflexe der über den Rand der Ebene emporsprühenden Feuerstrahlen. Ich nahm ihn in die Arme, strich ihm das Haar über die Stirn, rieb ihm die Schläfe, legte, um seiner regungslosen Brust Atem zu geben, meinen Mund auf seine Lippen, kurz, tat alles, was ich in meiner eigenen Hilflosigkeit zu tun vermochte, um ihn in das Leben zurückzurufen.

Da – endlich – ging ein Zittern über seinen Körper, erst leise, dann immer bemerkbarer; ich fühlte das Klopfen seines Herzens und den Hauch des wieder erwachten Odems. Er erwachte, öffnete weit, weit das Auge und starrte mir mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke in das Gesicht. Dann belebte sich der wiederkehrende Blick, und mit einem lauten Schrei sprang er empor.

»Wo bin ich – wer seid Ihr – was ist geschehen?« rief er aus.

»Ihr seid gerettet aus der Glut da unten!«

Bei dem Klange meiner Stimme und dem Anblicke des noch immer hochlodernden Brandes kehrte ihm die Besinnung wieder vollständig zurück.

»Glut –? Da unten –? Herrgott, es ist wahr, das Tal hat gebrannt, und Forsters – –«

Als besinne er sich bei dem letztgenannten Namen auf die Gefahr, in welcher er die Verwandten zurückgelassen hatte, erhob er drohend den Arm.

»Herr, Ihr seid ein Feigling, ein elender Feigling, ein Coyote, wie Ihr schon gehört habt! Ihr konntet sie retten, alle, alle, aber Ihr seid geflohen, wie der Schakal flieht vor dem Gebell eines elenden Hundes. Ich – verachte Euch! Ich – – muß fort, fort zu ihnen!«

Er wollte fort. Ich hielt ihn bei der Hand fest.

»Bleibt! Es ist nichts mehr zu tun; Ihr lauft nur in Euer eigenes Verderben!«

»Laßt mich. Ich habe mit Euch, Memme, nichts zu schaffen!«

Er riß seine Hand los und stürzte fort. Ich fühlte einen kleinen Gegenstand zwischen meinen Fingern. Es war ein Ring, den er sich bei dem kräftigen Rucke abgestreift hatte.

Ich folgte ihm; aber schon war er im Schatten der steil abfallenden Klippen verschwunden. Ich konnte dem Knaben nicht zürnen. Er war noch jugendlich, und die Katastrophe hatte ihm die Ruhe geraubt, welche zu einem richtigen Urteile stets unerläßlich ist. Ich steckte also den Ring zu mir und setzte mich nieder, um von der fürchterlichen Anstrengung auszuruhen, die Nacht hier zu bleiben und den Anbruch des Morgens zu erwarten, denn früher war es unmöglich, hinab in den Bluff zu gelangen.

Noch zitterten alle meine Nerven, und das Tal, in welchem noch immer die Petroleumglut lohte, kam mir wie eine Hölle vor, der ich entkommen war. Der alte Anzug, den ich getragen hatte, fiel mir wie Zunder vom Leibe; ich zog den neuen an, der beim Durchreiten des Flusses naß geworden und infolgedessen unversehrt geblieben war.

Swallow lag ganz in meiner Nähe; es gab da Gras, aber er fraß nicht; das brave Tier war ebenso oder noch mehr angegriffen als ich selbst. Was war aus den Bewohnern des Tales geworden? Diese Frage ließ mich nicht schlafen, obgleich ich der Ruhe sehr bedurfte. Ich wachte während der ganzen Nacht und trat wiederholt hart an den Rand des Bluffs, um hinabzublicken. Das Feuer hatte nicht mehr den früheren Umfang, die vorherige Ausdehnung, gewährte aber dennoch einen Anblick, den ich nie vergessen werde. Das Petroleum stieg in einer starken und wohl dreißig Ellen hohen Fontäne aus dem Bohrloche in die Luft empor; dieser Ölstrahl brannte, zerstob oben in einzelne Garben und tausend sprühende Funken, fiel zur Erde nieder und rann dann als doppelt manneshoch loderndes Feuerband dem Flusse zu, dessen ganze Breite sofort einnehmend.

So blieb es bis zum Morgen, und so mußte es bleiben und brennen, so lange noch Öl aus dem Bohrloche floß, wenn es nicht gelang, den Brand zu löschen. Das Tageslicht milderte die Intensivität der Flammen; als ich jetzt wieder hinunterblickte, sah ich, daß außer einem kleinen Häuschen, weiches ganz oben an der höchsten Stelle des Tales lag, wohin das Feuer nicht hatte kommen können, alles, alles verschwunden war. Das Wohnhaus, die Fabrikanlagen und alle sonst dagewesenen Gebäude waren samt den Vorräten ein Raub der Flammen geworden. Der ganze Bluff sah bis hinauf zur obersten Felsenkante schwarz aus und bot den Anblick einer riesigen, rußüberzogenen Pfanne, deren Inhalt ein unaufmerksamer Koch verkohlen ließ.

Vor dem erwähnten, allein geretteten Häuschen standen einige Menschen, bei denen ich Harry sah. Der verwegene Knabe hatte es also gewagt, während der Nacht da hinunterzusteigen. Jetzt, am Tage, war es kinderleicht, dies zu tun. Ich hatte den Pfad vor mir, welcher uns gestern bei unserm Kommen hinabgeführt hatte, und folgte ihm auch heute. Dabei sah ich, daß Harry, nach mir heraufzeigend, die Andern auf mich aufmerksam machte. Ein Mann ging in das Häuschen und kam nach wenigen Augenblicken mit einem Gewehr wieder heraus. Er ging mir bis vor das jenseitige Ufer des Flusses, wo er stehen blieb, entgegen, wartete da, bis ich an dem diesseitigen angekommen war, und rief dann zu mir herüber:

»Halloo, Mann, was treibt Ihr noch hier in unserm Orte? Macht Euch fort, wenn Ihr nicht eine Kugel zwischen den Rippen haben wollt!«

»Ich bin dageblieben, um Euch zu helfen, so viel es möglich ist,« antwortete ich hinüber.

»Weiß schon!« lachte er höhnisch. »Solche Hilfe kennt man ja!«

»Auch muß ich mit dem Knaben Harry reden.«

»Das dürfte Euch schwer fallen.«

»Ich habe ihm etwas zu geben.«

»Macht mir nichts weis! Möchte wissen, was so ein Kerl zu geben hätte! Erst feig und ehrlos zum Erbarmen, und dann steckt er aus Rache das Petroleum in Brand!«

Ich war für den Augenblick nicht eines Wortes fähig; ich ein Mordbrenner! Er mochte mein Schweigen für eine Folge des bösen Gewissens halten, denn er fuhr fort:

»Seht, wie Ihr erschreckt! Ja, wir wissen gar wohl, woran wir sind. Wenn Ihr nicht augenblicklich geht, bekommt Ihr eine Kugel!«

Er legte das Gewehr auf mich an. Da rief ich zornig hinüber:

»Was fällt Euch ein, Mann! Von einer Brandstiftung kann keine Rede sein; die Ölgase haben sich an euren Lampen und Lichtern entzündet: das furchtbare Unglück ist eine Folge eurer eignen Nachlässigkeit.«

»Weiß schon, weiß! Fort mit Euch! Oder soll ich schießen?«

»Hätte ich denn mit eigener Lebensgefahr den Knaben gerettet, wenn ich der Täter wäre?«

»Ausrede! Wenn Ihr gewollt hättet und nicht geflohen wäret, wären sie alle gerettet worden; nun aber sind sie alle verbrannt, elendiglich verbrannt! Hier habt Ihr Euren Lohn!«

Er schoß nach mir. Die Entrüstung hielt mich an der Stelle fest, wo ich stand; ich machte keine Bewegung, der Kugel zu entgehen, und das war gut, denn er hatte schlecht gezielt; ich wurde nicht getroffen. Meine Finger zuckten, ihm eine sichere Kugel als Antwort zu geben; ich tat dies aber natürlich nicht, drehte mich um und stieg langsam wieder empor, ohne mich ein einziges Mal nach dem Manne umzusehen. Oben angekommen, setzte ich mich auf das Pferd und ritt fort. Wenn man, anstatt als Lebensretter Dank zu erhalten, eines Verbrechens beschuldigt wird, so schüttelt man den Staub von den Füßen.

Einige Tage später erreichte ich die Gravel-Prairie, wo ich eine ganze Woche auf Winnetou zu warten hatte. Not zu leiden hatte ich während dieser Zeit nicht, denn es gab Wild in Menge. Und einsam und langweilig konnte mir die Gegend auch nicht vorkommen, denn es tummelten sich mehrere Trupps von Sioux da herum, so daß ich mich fortwährend auf dem Quivive befand, nicht von ihnen entdeckt zu werden. Als dann Winnetou kam und ich ihm die Anwesenheit der Roten meldete, war er mit mir einverstanden, sogleich weiter zu reiten.

Ich freute mich außerordentlich darauf, Old Firehand, diesen berühmten Westmann, zu sehen, und war bereit, von ihm noch viel, sehr viel zu lernen. Der Weg zu ihm war kein ungefährlicher; das bemerkten wir schon am nächsten Tage, als wir auf die Fährte eines Indianers trafen, der wohl kaum etwas anderes als ein Kundschafter sein konnte.

Ich untersuchte den Boden sorgfältig. Das Pferd des Indianers war angepflockt gewesen und hatte die halbdürren Büschel des Prairiegrases abgefressen; der Reiter hatte am Boden gelegen und mit dem Köcher gespielt. Dabei war ihm der Schaft eines Pfeiles zerbrochen, und er hatte die beiden Bruchstücke ganz gegen die gewöhnliche Vorsicht der Indianer liegen lassen. ich hob sie auf, um sie zu betrachten. Es war kein Jagd-, sondern ein Kriegspfeil gewesen.

»Er befindet sich auf dem Kriegspfade,« sagte ich; »aber er ist noch jung und unerfahren, sonst hätte er die verräterischen Stücke versteckt, und die Spuren seines Fußes sind nicht die eines erwachsenen Mannes.«

Ein Blick auf die weiterlaufenden Eindrücke genügte, uns zu zeigen, daß der Mann erst vor Kurzem den Platz wieder verlassen habe; denn die Kanten derselben waren noch scharf, und die gestreiften oder zerdrückten Halme hatten sich noch nicht vollständig wieder erhoben.

Wir folgten der Spur weiter, bis die Schatten länger und länger wurden; der Abend begann zu dunkeln, und wir waren nun gezwungen, abzusteigen, wenn wir die Fährte nicht verlieren wollten. Aber ehe ich vom Pferde stieg, griff ich zum Fernrohre, um die Ebene vorher noch einmal abzusuchen.

Wir hielten gerade auf einer der zahlreichen, wellenförmigen Erhebungen, welche sich in jenem Teile der Prairie wie die Wogen eines erstarrten Meeres aneinander legen, und es war mir deshalb ein ziemlich freier Ausblick gestattet.

Kaum hatte ich das Glas am Auge, so fiel mir eine lange, gerade Linie auf, welche sich von Osten her längs des nördlichen Horizontes bis zum entferntesten westlichen Punkte hinzog. Voll Freuden gab ich Winnetou das Rohr und zeigte ihm die Richtung an, in welche er es zu führen hatte. Nachdem er einige Zeit hindurchgesehen, zog er es mit einem überraschten ›Uff‹ wieder ab und blickte mich mit fragendem Ausdrucke an.

»Weiß, mein Bruder, was für ein Pfad das ist?« sagte ich. »Es ist nicht der Weg des Buffalo, auch hat ihn nicht der Fuß des roten Mannes ausgetreten.«

»Ich weiß es. Kein Büffel kann die Strecke laufen, welche dieser Pfad durchführt, und kein Indsman vermag, ihn durch die Prairie zu ziehen. Es ist der Pfad des Feuerrosses, welches wir heute noch sehen werden.«

Rasch hob er das Rohr wieder empor und betrachtete mit regem Interesse den durch die Linsen nahegerückten Schienenstrang. Plötzlich aber ließ er das Rohr sinken, sprang vom Pferde und zog es raschen Laufes hinunter in das Wellental.

Natürlich mußte dieses Beginnen einen sehr triftigen Grund haben, und ich ahmte deshalb sein Verhalten ohne Verzug nach.

»Da drüben am Pfade des Feuerrosses liegen rote Männer,« rief er. »Sie stecken hinter dem Rücken der Erhebung; aber ich sah eines ihrer Pferde!«

Er hatte wohlgetan, unseren erhöhten Standpunkt sofort zu verlassen, da wir auf demselben leicht bemerkt werden konnten. Zwar war die Entfernung selbst für das scharfe Gesicht eines Indianers eine sehr bedeutende; aber ich hatte während meiner Streifereien mehrere Male in den Händen dieser Leute Fernrohre gesehen. Die Kultur schreitet eben unaufhaltsam vorwärts, und indem sie den Wilden immer weiter zurückdrängt, bietet sie ihm doch die Mittel, sich bis zum letzten Manne gegen ihre Gewalt zu verteidigen.

»Was sagt mein Bruder zu der Absicht dieser Leute?« fragte ich.

»Sie werden den Pfad des Feuerrosses zerstören wollen,« antwortete er.

»Das ist meine Ansicht auch. Ich werde sie einmal beschleichen.«

Das Rohr aus seiner Hand nehmend, forderte ich ihn auf, mich hier zu erwarten, und schlich mich vorsichtig vorwärts.

Obgleich ich fest überzeugt sein konnte, daß sie von unserer Nähe keine Ahnung hatten, suchte ich soviel wie möglich Deckung zu behalten und gelangte dadurch so weit an sie heran, daß ich, am Boden liegend, sie zählen und beobachten konnte.

Es waren ihrer dreißig, sämtlich mit den Kriegsfarben bemalt und sowohl mit Pfeilen als auch mit Feuerwaffen bewehrt. Die Zahl der angepflockten Pferde war bedeutend höher, und dieser Umstand bekräftigte meine Ansicht, daß sie Beute machen wollten.

Da hörte ich einen leisen Atemzug hinter mir. Rasch das Messer ziehend, drehte ich mich um. Es war Winnetou, den es nicht bei den Pferden gelitten hatte.

»Uff!« klang es von seinen Lippen. »Mein Bruder ist sehr kühn, so weit voranzugehen. Es sind Ponkas, die kühnsten der Sioux, und dort liegt Parranoh, der weiße Häuptling.«

Erstaunt sah ich ihn an.

»Der weiße Häuptling?«

»Hat mein Freund noch nichts gehört von Parranoh, dem grausamen Häuptling der Atabaskah? Niemand weiß, wo er hergekommen ist; aber er ist ein gewaltiger Krieger und im Rate des Stammes unter die roten Männer aufgenommen worden. Als die grauen Häupter alle zu Manitou, dem großen Geiste, gegangen waren, hat er das Calumet des Häuptlings erhalten und viele Skalps gesammelt. Dann ist er aber von dem bösen Geist verblendet worden, hat seine Krieger wie Niggers behandelt und fliehen müssen. Jetzt wohnt er im Rate der Ponkas und wird sie zu großen Taten führen.«

»Kennt mein Bruder sein Angesicht?«

»Winnetou hat seinen Tomahawk mit ihm gemessen; aber der Weiße ist voller Tücke; er kämpft nicht ehrlich.«

»Er ist ein Verräter; ich sehe es. Er will das Feuerroß halten und meine Brüder töten und berauben.«

»Die weißen Männer?« fragte er erstaunt. »Er trägt doch ihre Farbe! Was wird mein Freund tun?«

»Er wird warten und sehen, ob Parranoh den Pfad des eisernen Rosses zerstört, und dann seinen weißen Brüdern entgegenreiten, um sie zu warnen.«

Er nickte. Damals kam es nicht selten vor, daß weiße oder rote Halunken Züge zum Entgleisen brachten, um sie zu berauben. Ich werde hiervon noch zweimal zu erzählen haben.

Das Dunkel des Abends senkte sich immer tiefer herab, so daß es immer schwieriger wurde, die feindlichen Gestalten im Auge zu behalten. Ich mußte über das Tun der Indianer genau unterrichtet sein und bat Winnetou, zu den Pferden zurückzukehren und dort auf mich zu warten. Er fügte sich meinem Verlangen, nachdem er mir gesagt hatte:

»Wenn mein Bruder in Gefahr ist, so mag er den Schrei des Prairiehuhnes ausstoßen. Ich werde dann kommen, ihm zu helfen.«

Er bewegte sich vorwärts, und ich schlug, immer am Boden kriechend und aufmerksam jedes Geräusch beachtend, eine schräge Richtung nach dem Bahnkörper ein. Lange dauerte es, ehe ich ihn erreichte. Dann aber überkroch ich ihn und hielt auf seiner andern Seite mit verdoppelter Vorsicht auf die Stelle zu, an welcher ich die Ponkas gesehen hatte. Ich gelangte glücklich in ihre Nähe und bemerkte, daß sie sich bei der Arbeit befanden. Es gab in dieser Gegend, was sonst in der Prairie selten ist, große Steine. Darum wohl hatten die Ponkas diese Stelle zur Ausführung ihres Vorhabens ausersehen. Ich hörte, daß sie Steine auf die Schienen häuften, und es mußten sehr große und schwere sein, wie ich aus dem tiefen Atem der Träger schloß.

Hier war nicht die mindeste Zeit zu versäumen, und nachdem ich nur eine kurze Strecke rückwärts geschlichen war, erhob ich mich und sprang den Weg zurück, welchen ich gekommen war. Ich kannte den Punkt der Bahnstrecke nicht, an welchem wir uns befanden, und wußte ebensowenig die Zeit, in welcher ein Zug vorüberkommen mußte, doch erriet ich die Richtung, aus welcher er zu erwarten war. Das konnte alle Augenblicke geschehen, und zur Warnung war ein bedeutender Vorsprung nötig. Ich befand mich in einer nicht unbedeutenden Aufregung und wäre von Winnetou, an welchen ich fast anrannte, beinahe verkannt und niedergestochen worden.

Nach einigen Worten der Verständigung saßen wir zu Pferde und bewegten uns in scharfem Trabe längs des Schienengeleises nach Osten zu. Ein wenig Mondenschein wäre uns jetzt zwar willkommen gewesen, aber der klare Schimmer der Sterne genügte ja auch so ziemlich, uns die Strecke erkennen zu lassen.

Eine Viertelstunde verging und noch eine. Gefahr für den herannahenden Zug war also nicht mehr zu befürchten, sobald es nur gelang, uns bemerklich zu machen. Aber besser noch war es, wenn dies ohne Wissen der Indianer geschehen konnte, und bei dem platten Terrain war das durchdringende Licht, wie es die amerikanischen Maschinen bei sich führen, auf mehrere Meilen weit bemerklich. Also ließen wir die Pferde laufen und legten so, wortlos nebeneinander haltend, noch eine ansehnliche Strecke zurück.

Jetzt schien es mir an der Zeit. Ich hielt an und sprang vom Pferde. Winnetou tat dasselbe. Nachdem die Tiere gehörig gefesselt waren, sammelte ich einen Haufen ausgedörrten Grases, dessen trockenste Teile ich zu einer Art Fackel zusammendrehte. Mit Hilfe einigen aufgestreuten Pulvers war dieselbe leicht in Brand zu stecken, und nun konnten wir das Kommende ruhig erwarten.

Auf unseren Decken gelagert, lauschten wir in die Nacht hinein und verwandten fast kein Auge von der Richtung, aus welcher der Zug kommen mußte.

Da, nach einer kleinen Ewigkeit, blitzte in weiter, weiter Ferne ein Licht auf, erst klein und kaum wahrnehmbar, aber nach und nach immer größer werdend. Dann machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes Rollen bemerklich, welches nach und nach zu einem Geräusche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich.

Der Augenblick war gekommen. Einen blendenden Lichtkeil vor sich herwerfend, brauste der Zug heran. Ich zog den Revolver und drückte auf die Lunte los, Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das dürre Gras in glimmenden Brand. Die Lunte schwingend, versetzte ich sie in helle Flamme und gab mit dem andern Arme das Zeichen zum Halten.

Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemerkt haben; denn schon nach den ersten Schwingungen des Brandes ertönte ein sich scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dröhnen flog die Wagenreihe an uns vorüber. Ich gab Winnetou ein Zeichen, mir zu folgen, und sprang dem seine Geschwindigkeit zusehends verringernden Zuge nach.

Endlich hielt er. Ohne zunächst die sich von ihren erhöhten Plätzen herabbeugenden Beamten zu beachten, eilte ich an den Wagen vorüber bis vor die Lokomotive, warf meine Decke, welche ich vorsorglich in die Hand genommen hatte, über den Reflektor und rief zu gleicher Zeit mit möglichst lauter Stimme:

»Lichter aus!«

Sofort verschwanden die Laternen. Die Angestellten der Pazificbahn sind ein geistesgegenwärtiges und schnell gefaßtes Völkchen.

»' sdeath!« rief es von der Maschine herab; »warum verdeckt Ihr unsere Flamme, Mann? Ich hoffe nicht, daß da vorn irgend etwas los ist!«

»Wir müssen im Finstern sein, Sir,« antwortete ich; »es sind Indianer vor uns, welche den Zug entgleisen lassen wollen.«

»Alle Teufel! Wenn das so ist, so seid Ihr der bravste Kerl, der jemals durch dieses verfluchte Land stolperte.« Und zur Erde herabspringend, drückte er mir die Hand, daß ich hätte aufschreien mögen.

In einigen Augenblicken waren wir von den wenigen Passagieren umringt, welche sich in dem Zuge befunden hatten.

»Was ist's? – was gibt's? – warum halten wir?« rief es rund im Kreise.

Mit kurzen Worten erklärte ich ihnen die Verhältnisse und brachte dadurch eine nicht geringe Aufregung unter den Männern hervor.

»Gut, sehr gut!« rief der Ingenieur. »Zwar bringt das eine Störung im Betriebe hervor; aber das hat nichts zu sagen gegen die prächtige Gelegenheit, den roten Halunken einmal Eins aufs Fell zu brennen. Glücklicherweise sind wir zwar nur wenig Leute, aber alle gut bewaffnet. Wißt Ihr, wieviel Rote es sind?«

»Dreißig Ponkas habe ich gezählt.«

»Well! So nehmen wir es gut und gern mit ihnen auf. Aber was steht denn da drüben für ein Mann? Bei Gott, eine Rothaut!«

Er griff in den Gürtel und wollte sich auf Winnetou stürzen, welcher mir gefolgt war und nun in aufrechter, zuwartender Haltung seitwärts im Halbdunkel stand.

»Bleibt ruhig hier, Sir! Es ist mein Jagdgenosse, der sich freuen wird, die kühnen Reiter des Feuerrosses kennen zu lernen.«

»Das ist was Anderes. Ruft den Mann her! Wie heißt er?«

»Es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.«

»Winnetou?« rief es da laut im Hintergrunde, und ein Mann drängte sich hastig durch die Umstehenden. »Winnetou, der große Häuptling der Apachen ist hier?«

Es war ein Mann von wahrhaft riesigen Körperformen, wie ich in der Dunkelheit erkennen konnte; auch schien er mir nicht die Kleidung der ihm rasch Platz machenden Beamten und Reisenden, sondern das Gewand eines Prairiejägers zu tragen. Er stellte sich vor den Häuptling und fragte mit hörbar freudigem Tone:

»Hat Winnetou die Gestalt und die Stimme seines Freundes vergessen?«

»Uff!« antwortete mit ebensolcher Freude der Gefragte. »Wie kann Winnetou vergessen Old Firehand, den größten unter den weißen Jägern, obgleich er ihn seit vielen Monden nicht gesehen habe!«

»Glaub's, glaub's, mein lieber Bruder – geht mir mit dir ja ebenso; aber –«

»Old Firehand?« rief's, ihn unterbrechend, rund im Kreise, und fast ehrerbietig traten die Anwesenden einen Schritt von dem Genannten zurück, diesem berühmtesten unter den Indianerfeinden, an dessen Person sich die Erzählung von fast unglaublichen Kühnheiten knüpfte, so daß ihn der Aberglaube der Prairiejäger mit einem durch immer neue Berichte wachsenden Nimbus umgab.

»Old Firehand?« rief auch der Ingenieur. »Warum habt Ihr mir Euern Namen nicht genannt, als Ihr aufstieget, Mann? Ich hätte Euch einen besseren Platz angewiesen, als jedem Andern, den man aus Gefälligkeit ein Stück mit in den Westen hineinnimmt!«

»Danke, Sir; war gut genug! Aber laßt uns die kostbare Zeit nicht verschwatzen, sondern beraten, was wir gegen die Indsmen vorzunehmen haben.«

Sofort gruppierte sich alles, als wäre er selbstverständlich derjenige, dessen Ansicht die beste sei, um ihn, und ich mußte meinen Bericht eingehender wiederholen.

»So seid Ihr also Winnetous Freund?« fragte er, als ich geendet hatte. »Ich mag so leicht nicht von jemandem was wissen; aber wem der seine Achtung schenkt, der kann auch auf mich rechnen. Hier habt Ihr meine Hand!«

»Ja, er ist mein Freund und Bruder,« erklärte Winnetou. »Wir haben das Blut der Vereinigung miteinander getrunken.«

»Das Blut getrunken?« fragte Old Firehand schnell, indem er näher zu mir herantrat, um mich zu betrachten. »So ist dieser Mann wohl gar – – wohl gar – – –«

»Old Shatterhand, unter dessen Faust jeder Gegner zusammenbricht,« ergänzte Winnetou.

»Old Shatterhand, Old Shatterhand!« riefen die Umstehenden, indem sie sich an mich drängten.

»Ihr seid Old Shatterhand?« fragte der Ingenieur in frohem Tone. »Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou! Welch ein glückliches Zusammentreffen! Die drei berühmtesten Männer des Westens, die drei Unüberwindlichen! Nun kann es uns ja gar nicht fehlen! Nun sind die roten Kanaillen verloren! Mesch'schurs, sagt uns nur, was wir tun sollen, wir werden euch gehorchen.«

»Es sind dreißig rote Lumpen,« antwortete Old Firehand, »mit denen wir gar keine Umstände machen werden. Wir schießen sie alle über den Haufen.«

»Sie sind Menschen, Sir,« warf ich ein.

»Vertierte Menschen, ja,« entgegnete er. »Ich habe genug von Euch gehört, um zu wissen, daß Ihr selbst in der größten Gefahr noch nachsichtig mit diesen Kerlen seid; ich aber bin ganz anderer Meinung. Wenn Ihr erlebt hättet, was ich erlebt habe, so würde niemand von Old Shatterhand, dem Schonungsvollen, erzählen können. Und da diese Sippe von Parranoh, dem abtrünnigen und hundertfachen Mörder, angeführt wird, so soll mein Tomahawk sie erst recht nun alle, alle fressen! Ich habe eine Rechnung mit ihm auszugleichen, eine Rechnung, welche mit Blut geschrieben ist!«

»Howgh!« stimmte der sonst so milde Winnetou bei. Er mußte triftige Gründe haben, ganz gegen seine Gewohnheit heut einmal eine strengere Anschauung der meinigen vorzuziehen.

»Ihr habt sehr recht, Sir,« erklärte auch der Ingenieur; »Schonung würde hier Sünde sein. Also sagt, welchen Plan Ihr hegt!«

»Das Zugpersonal hat bei den Waggons zu bleiben. Ihr seid Beamte, die wir nicht mit in den Kampf verwickeln dürfen. Aber die andern Gentlemen können sich alle das Vergnügen machen, an dem Abenteuer teilzunehmen und den Kerls die Lehre beizubringen, daß es nicht geraten ist, einen Bahnzug auszurauben. Wir schleichen uns im Dunkeln stracks auf sie zu und fällert über sie her. Da sie keine Ahnung davon haben, wird der Schreck noch weit größere Wirkung als ihre Waffen haben. Sobald wir sie verjagt haben, geben wir ein Feuerzeichen, auf welches der Zug nachfolgen kann, aber langsam, denn wir wissen nicht, ob es uns bis zu seiner Ankunft gelingen wird, die Hindernisse wegzuräumen. Also wer will mit?«

»Ich, ich, ich – – –!« riefen alle, welche außer dem Zugpersonal anwesend waren. Keiner wollte sich ausschließen.

»So nehmt eure Waffen, und kommt! Wir haben keine Zeit zu versäumen, denn die Roten wissen jedenfalls, wann der Zug zu kommen hat, und wenn er zögert, können sie leicht mißtrauisch werden.«

Wir brachen auf, Winnetou und ich als Führer voran. Tiefe Stille lag über der Gegend, denn wir bemühten uns, alles und selbst das leiseste Geräusch zu vermeiden. Nichts verriet, daß der auf der weiten Ebene ruhende scheinbare Frieden die Vorbereitung zu einer blutigen Katastrophe in sich berge.

Zunächst legten wir eine ansehnliche Strecke in aufrechter, bequemer Stellung zurück, dann aber, nachdem wir die Nähe des mutmaßlichen Kampfplatzes erreicht hatten, legten wir uns nieder und krochen, Einer hinter dem Andern, auf Händen und Füßen an der Böschung entlang.

Der Mond war mittlerweile aufgegangen und warf ein ruhiges, klares Licht über die Gegend, so daß es möglich war, in sehr geraume Entfernung zu blicken. Diese Helligkeit erschwerte zwar das Anschleichen, war uns aber in anderer Beziehung wieder von Vorteil. Bei der Gleichheit der Hebungen und Senkungen des Bodens wäre es uns im Dunkel nicht leicht geworden, den Ort genau zu bestimmen, an welchem wir die Ponkas gesehen hatten, und möglicherweise konnten wir also ganz unversehens auf sie stoßen; das war jetzt nicht zu befürchten.

Von Zeit zu Zeit im Vorwärtsdringen einen Augenblick innehaltend und mich vorsichtig erhebend, warf ich einen forschenden Blick über den Damm hinaus und gewahrte jetzt auf der seitwärts liegenden Erhöhung eine Gestalt, welche sich leicht kenntlich am Horizonte abzeichnete. Man hatte also jetzt eine Wache ausgestellt, und wenn der Mann sein Augenmerk nicht bloß in die Ferne auf den von ihm erwarteten Bahnzug, sondern auch auf die nähere Umgebung richtete, so mußte er uns unbedingt bemerken.

Nach wenigen Minuten konnten wir die Übrigen sehen, welche bewegungslos am Boden lagen. Eine kurze Strecke hinter ihnen hielten die angekoppelten Pferde, ein Umstand, der einen plötzlichen Überfall sehr erschwerte, da die Tiere leicht zu Verrätern werden konnten. Zu gleicher Zeit erblickte ich die Vorrichtung, welche die Indianer getroffen hatten, um den Zug aufzuhalten. Es waren noch mehr Steine, als wir vorhin gesehen hatten, auf das Geleis gelegt worden, und mit Schaudern dachte ich an das Schicksal, welches die Insassen der Wagen hätte treffen müssen, wenn das Vorhaben der Wilden nicht von uns bemerkt worden wäre.

Wir setzten unsere Bewegung so lange fort, bis wir uns der Truppe gerade gegenüber befanden, und blieben nun, die Waffen zum sofortigen Gebrauch bereit haltend, erwartungsvoll liegen.

Die Aufgabe war jetzt, zunächst den Posten unschädlich zu machen, ein Vornehmen, welches ich kaum einem andern als Winnetou zutraute. Der Mann konnte im hellen Mondschein die geringste Kleinigkeit seiner Umgebung genau erkennen und mußte bei der ringsum herrschenden Ruhe das leiseste Geräusch bemerken. Und selbst wenn es gelang, ihn zu Überraschen, so war es doch, um ihn durch einen gutgeführten Messerstich unschädlich zu machen, notwendig, aufzuspringen, und dann mußte man ja sofort von den Andern gesehen werden. Dennoch übernahm Winnetou bereitwillig die Lösung dieses schwierigen Problemes. Er schlich sich fort, und kurze Zeit später sahen wir den Posten plötzlich wie in den Boden hinein verschwinden, im nächsten Augenblicke aber schon wieder in seiner früheren Haltung aufrecht stehen. Nur einen einzigen, blitzschnellen Moment hatte diese Bewegung in Anspruch genommen; aber ich wußte sogleich, was sie zu bedeuten hatte. Der jetzt scheinbar Wache Haltende war nicht mehr der Ponka, sondern Winnetou. Er mußte sich unmittelbar an den Posten geschlichen haben und war in demselben Augenblicke, an welchem Letzterer von dem Andern bei den Füßen niedergerissen und sofort eines Lautes unfähig gemacht wurde, kerzengrad in die Höhe gefahren.

Das war wieder eines seiner bewundernswerten Indianerstücke, und da die Feinde in ihrer Unbeweglichkeit verharrten, so mußte der Vorgang ihnen entgangen sein. Das Schwerste war somit glücklich vollbracht, und nun konnten wir den Angriff beginnen.

Aber noch war das Zeichen dazu nicht gegeben, da krachte hinter mir ein Schuß. Ein Unvorsichtiger von unsern Leuten war mit dem Finger an den Drücker seines gespannten Revolvers gekommen. So wenig die Roten einen Angriff erwartet hatten, sie ließen sich doch nicht aus der Fassung bringen. Wir sprangen infolge des vorzeitigen Schusses auf und auf sie zu. Sie sahen uns und eilten unter durchdringenden Schreien zu ihren Pferden, um zunächst schnell aus unserer Nähe zu kommen und dann in gesicherter Stellung einen Entschluß zu fassen.

»Have care!« rief Old Firehand. »Schießt auf die Pferde, daß die Kerls herunter müssen, und dann drauf!«

Unsere Salve krachte, und sogleich bildete die Schar der Indsmen einen wirren Knäuel von gestürzten Pferden mit niedergerissenen Indianern und von Reitern, welche zu entkommen suchten. Dieses Letztere zu verhindern, wurde mir durch meinen Henrystutzen leicht. Sobald ein Ponka ausbrechen wollte, gab ich seinem Pferde eine Kugel, die es niederwarf.

Old Firehand und Winnetou hatten sich sofort, ihre Tomahawks schwingend, auf den Knäuel geworfen; auf eine kräftige Hilfe seitens der andern Weißen hatte ich im Stillen gleich von vornherein nicht gerechnet, und nun sah ich, daß diese Voraussetzung richtig gewesen war. Sie pafften mit ihren Revolvern und sonstigen Schießzeugen von weitem auf die Indianer los, meist ohne zu treffen, und rissen schmählich aus, als einige Rote brüllend auf sie zusprangen.

Als ich meine letzte Kugel verschossen hatte, legte ich den Bärentöter und den Stutzen weg, zog den Tomahawk und eilte an die Seite von Old Firehand und Winnetou. Wir Drei waren die einzigen, welche eigentlich gegen die Ponkas kämpften.

Winnetou kannte ich genugsam und ließ ihn also unbeachtet; mit Gewalt dagegen drängte es mich in die Nähe von Old Firehand, dessen Anblick mich an jene alten Recken mahnte, von denen ich als Knabe so oft und mit Begeisterung gelesen hatte. Mit auseinandergespreizten Beinen stand er grad und aufrecht da und ließ sich von uns die Indianer in das Schlachtbeil treiben, welches, von seiner riesenstarken Faust geführt, bei jedem Schlage zerschmetternd auf die Köpfe der Feinde sank. Die langen, mähnenartigen Haare wehten ihm um das entblößte Haupt, und in seinem, vom Monde hell beschienenen Angesichte sprach sich eine Siegesgewißheit aus, welche den Zügen einen geradezu befremdenden Ausdruck gab.

Ich sah Parranoh mitten im Haufen der Indianer und suchte, an ihn zu kommen. Mir ausweichend, kam er in die Nähe des Apachen, wollte aber auch diesen vermeiden. Das sah Winnetou, sprang auf ihn ein und rief:

»Parranoh! Will der Hund von Atabaskah laufen vor Winnetou, dem Häuptling der Apachen? Der Mund der Erde soll sein Blut trinken, und die Kralle des Geiers soll zerreißen den Leib des Verräters; aber sein Skalp wird zieren den Gürtel des Apachen!«

Er warf den Tomahawk weit von sich, riß das Messer aus dem mit Kopfhäuten geschmückten Gürtel und packte den weißen Häuptling bei der Kehle. Aber er wurde von dem tödlichen Stiche abgehalten.

Als er gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit so lautem Rufe auf den Ponka stürzte, hatte Old Firehand einen raschen Blick herüber geworfen, welcher das Gesicht des Feindes streifte. Trotz der Flüchtigkeit dieses Blickes aber hatte er doch ein Gesicht gesehen, das er haßte mit der tiefsten Faser seines Innern, welches er lange, lange Jahre mit fürchterlicher Anstrengung, aber vergebens gesucht hatte, und das ihm nun so unerwartet an diesem Orte vor die Augen kam.

»Tim Finnetey,« schrie er, schlug mit den Armen die Indianer wie Grashalme auseinander und sprang mitten durch sie hindurch auf Winnetou zu, dessen soeben zum Stoße erhobene Hand er packte. »Halt, Bruder, dieser Mann gehört mir!«

Vor Schrecken starr stand Parranoh, als er seinen eigentlichen Namen rufen hörte; kaum aber hatte er einen Blick in das Angesicht Old Firehands geworfen, so riß er sich von der Hand Winnetous, der seine Aufmerksamkeit geteilt hatte, los und stürmte wie von der Sehne geschnellt von dannen. Im Augenblicke machte auch ich mich von dem Indianer, mit welchem ich während dieser Szene im Kampfe stand, los und setzte dem Fliehenden nach. Zwar hatte ich für meine Person keinerlei Abrechnung mit ihm zu halten, aber selbst wenn er auch nicht als der eigentliche Urheber des beabsichtigten Überfalles Anrecht auf eine Kugel gehabt hätte, so wußte ich doch, daß er ein Todfeind Winnetous sei, und ebenso hatten mich die letzten Augenblicke belehrt, daß Old Firehand an der Habhaftwerdung seiner Person gelegen sein müsse.

Beide hatten sich ebenfalls augenblicklich zur Verfolgung in Bewegung gesetzt; aber ich wußte, daß sie den Vorsprung, welchen ich vor ihnen hatte, nicht verringern würden, und mußte freilich auch zu gleicher Zeit bemerken, daß ich es mit einem außerordentlich guten Läufer zu tun hatte. Obgleich Old Firehand nach dem, was ich von ihm gehört hatte, ein Meister in allen Fertigkeiten, welche das Leben im Westen verlangt, sein mußte, so befand er sich doch schon nicht mehr in den Jahren, welche einen Wettlauf auf Tod und Leben begünstigen, und Winnetou hatte mir schon öfters eingestanden, daß er mich nicht einzuholen vermöge.

Zu meiner Genugtuung bemerkte ich, daß Parranoh den Fehler beging, ohne seine Kräfte gehörig abzumessen, Hals über Kopf immer gradaus zu rennen, und in seiner Bestürzung die gewöhnliche Taktik der Indianer, im Zickzack zu fliehen, nicht befolgte, während ich den Odem zu sparen suchte, und in vollständiger Berechnung meiner Kräfte und der möglichen Ausdauer die Anstrengung des Laufes abwechselnd von einem Beine auf das andere legte, eine Vorsicht, welche mir stets von Vorteil gewesen war.

Die beiden Andern blieben immer weiter zurück, so daß ich das Geräusch ihres Atems, welches ich erst dicht hinter mir gehört hatte, nicht mehr vernahm, und jetzt erscholl auch aus schon ziemlicher Entfernung die Stimme Winnetous.

»Old Firehand mag stehen bleiben! Mein junger, weißer Bruder wird die Kröte von Atabaskah fangen und töten. Er hat die Füße des Sturmes, und niemand vermag, ihm zu entkommen.«

So schmeichelhaft dieser Ruf für mich klang, ich konnte mich doch nicht umsehen, um zu gewahren, ob der grimme Jäger ihm auch Folge leiste. Zwar schien der Mond, aber bei der Trüglichkeit seines Schimmers mußte ich den Flüchtling immer fest im Auge behalten.

Bisher war ich ihm noch um keinen Schritt näher gerückt; aber als ich jetzt bemerkte, daß seine Geschwindigkeit im Abnehmen begriffen sei, holte ich weiter aus, und in kurzer Zeit flog ich so nahe hinter ihm her, daß ich sein keuchendes Schnaufen vernahm. Ich hatte keine andere Waffe bei mir, als die beiden abgeschossenen Revolver und das Bowiemesser, welches ich jetzt zog. Das Beil hätte mich am Laufen gehindert und war deshalb schon nach den ersten Schritten von mir weggeworfen worden.

Da plötzlich sprang er zur Seite, um mich im vollen jagen an sich vorüberschießen zu lassen und dann von hinten an mich zu kommen; aber ich war natürlich auf dieses Manöver gefaßt und bog in ebendemselben Momente seitwärts, so daß wir mit voller Gewalt zusammenprallten und ihm dabei mein Messer bis an den Griff in den Leib fuhr.

Der Zusammenstoß war so kräftig, daß wir beide zur Erde stürzten, von welcher er sich allerdings nicht wieder erhob, während ich mich augenblicklich zusammenraffte, da ich nicht wissen konnte, ob er tödlich getroffen sei. Aber er bewegte kein Glied, und tief Atem holend, zog ich das Messer zurück.

Es war nicht der erste Feind, welchen ich niedergestreckt hatte, und mein Körper zeigte manches Andenken an nicht immer glücklich bestandene Rencontres mit den kampfgeübten Bewohnern der amerikanischen Steppen; aber hier lag ein Weißer vor mir, der von meiner Waffe gestorben war, und ich konnte mich eines beengenden Gefühls nicht erwehren. Doch hatte er den Tod jedenfalls verdient und war des Bedauerns also nicht wert.

Noch mit mir zu Rate gehend, welches Zeichen meines Sieges ich mit mir nehmen sollte, hörte ich hinter mir den eiligen Lauf eines Menschen. Rasch warf ich mich nieder; aber ich hatte nichts zu befürchten; denn es war Winnetou, welcher mir in freundschaftlicher Besorgnis doch gefolgt war und jetzt an meiner Seite hielt.

»Mein Bruder ist schnell wie der Pfeil des Apachen, und sein Messer trifft sicher das Ziel,« sagte er, als er den Toten liegen sah.

»Wo ist Old Firehand?« fragte ich.

»Er ist stark wie der Bär zur Zeit des Schneefalls; aber sein Fuß wird gehalten von der Hand der Jahre. Will mein Bruder sich nicht schmücken mit der Skalplocke des Atabaskah?«

»Ich schenke sie meinem roten Freunde!«

Mit drei Schnitten war die Kopfhaut des Gefallenen vom Schädel gelöst. Wie grimmig mußte der sonst so menschenfreundliche Apache diesen Tim Finnetey gehaßt haben, da er ihm die Kopfhaut nahm! Ich hatte mich, um von dieser Prozedur nicht berührt zu werden, abgewandt, da war es mir, als bewegten sich einige dunkle Punkte langsam auf uns zu.

»Winnetou mag sich zur Erde strecken; er wird den Skalp des weißen Häuptlings verteidigen müssen!« warnte ich.

Die Kommenden nahten sich mit sichtbarer Vorsicht; es waren ungefähr ein halbes Dutzend Ponkas, welche beabsichtigten, etwa versprengte Ihrige aufzusuchen.

Der Apache kroch, tief zur Erde gedrückt, seitwärts, und ich folgte, seine Absicht erratend. Längst schon hätte Old Firehand bei uns sein müssen; aber vermutlich hatte er, sobald Winnetou ihm aus den Augen geraten war, eine falsche Richtung eingeschlagen. Jetzt bemerkten wir, daß die Nahenden Pferde bei sich hatten, welche sie am Zügel nachführten; auf diese Weise waren sie für alle Fälle zur schnellen Flucht bereit; uns aber konnte dieser Umstand gefährlich werden und wir mußten uns deshalb in den Besitz der Tiere setzen. Wir schlugen daher einen kleinen Bogen ein, eine Bewegung, welche uns in ihren Rücken und die Pferde zwischen uns und sie bringen mußte.

In dieser Entfernung vom eigentlichen Kampfplatze hatten sie natürlich keinen Toten vermutet und stießen ein verwundertes ›Uff!‹ aus, als sie einen regungslosen menschlichen Körper vor sich erblickten. Hätten sie vermutet, daß er hier getötet worden sei, so wären sie gewiß mit weniger Eile auf ihn zugeschritten; sie schienen aber anzunehmen, daß er sich verwundet aus dem Handgemenge bis hierher geschleppt habe, bückten sich unverzüglich auf ihn nieder und stießen, als sie ihn und seine Entstellung erkannten, ein unterdrücktes Wutgeheul aus.

Das war der geeignete Augenblick für uns. Im Nu hatten wir die Pferde, welche sie im Schrecken losgelassen hatten, bei den Riemen, saßen auf und jagten im Galopp den Unsrigen zu. An einem Kampfe konnte uns nichts gelegen sein; es war genug, daß wir, fast waffenlos, wie wir waren, den dreifach Überlegenen entkamen und außer dem Skalpe des feindlichen Anführers noch eine Anzahl Pferde mitbrachten.

Mit sehr verzeihlichem Vergnügen dachte ich an die verdutzten Gesichter, welche die Betrogenen uns jedenfalls nachschnitten, und selbst der so ernste Winnetou konnte ein lachendes ›Uff‹ nicht unterdrücken. Zugleich aber war eine kleine Sorge um Old Firehand sicher gerechtfertigt, da er ebensogut wie wir mit einer Truppe der Verschlagenen zusammengetroffen sein konnte.

Und diese Sorge erwies sich als gerechtfertigt; denn wir fanden ihn bei unserer Rückkehr an dem Platze des Überfalles nicht vor, trotzdem seit unserer Entfernung eine geraume Zeit vergangen sein mußte.

Der Kampf war beendet; die Weißen, die uns geholfen oder vielmehr nicht geholfen hatten, trugen die toten Indianer zusammen; die verwundeten Roten waren natürlich mit den unbeschädigten fort. In der Nähe derjenigen Stelle, an welcher die Steine auf den Schienen lagen, brannten zwei hochlodernde Feuer, welche die nötige Helle verbreiteten und zugleich dem Zugpersonale als Signal dienten.

Es wurde bemerkt, und bald kam der Train herbei, um bei den Feuern zu halten. Die Beamten sprangen herab und erkundigten sich nach dem Resultate des Kampfes. Als ich es ihnen gesagt hatte, erteilten sie uns ihr Lob, welches sie besser hätten unterlassen mögen, und der Konduktor versprach uns, in seinem Berichte uns rühmend zu erwähnen und dafür zu sorgen, daß unsere Namen überall genannt würden.

»Ist nicht nötig, Sir,« entgegnete ich ihm. »Wir sind einfache Westmänner und verzichten gern auf solchen Ruhm. Wenn es Euch aber gar so sehr drängt, Euch erkenntlich zu zeigen, so posaunt die Namen dieser andern tapfern Gentlemen in den Staaten aus. Sie haben viel Pulver verknallt, und ich denke, es ist nur billig und gerecht, wenn sie dafür eine Anerkennung erhalten.«

»Ist das Euer Ernst, Sir?« fragte er, da er aus dem Tone, in welchem ich dies sagte, nicht recht klug werden konnte.

»Allerdings.«

»Sie sind also tapfer gewesen?«

»Über alle Maßen.«

»Freut mich ungemein. Werde also ihre Namen notieren und veröffentlichen. Aber wo ist denn Old Firehand? Ich sehe ihn nicht. Ich will nicht hoffen, daß er bei den Gefallenen liegt!«

Hierauf antwortete Winnetou.

»Mein Bruder Old Firehand hat verloren die Fährte Parranohs und wird auf neue Feinde gestoßen sein. Ich werde mit Old Shatterhand gehen, ihn zu suchen.«

»Ja, wir müssen schnell wieder fort,« stimmte ich bei, »denn es steht zu vermuten, daß er sich in Gefahr befindet. Hoffentlich seid Ihr noch hier, wenn wir wiederkommen.«

Wir beide, Winnetou und ich, nahmen unsere Gewehre und Tomahawks, welche wir vor der Verfolgung Parranohs weggeworfen hatten, wieder auf und eilten fort, natürlich in der Richtung, in welcher wir vorhin gewesen waren, weil dies diejenige war, in der wir Old Firehand zu suchen hatten.

Sehen konnten wir ihn auf größere Entfernung nicht; dazu war das Mondlicht zu bleich und schwach. Wir mußten uns also mehr als auf unsere Augen auf unser Gehör verlassen. In den ersten Minuten war auch dies vergeblich, weil der Lärm, welcher vom Bahnzuge ausging, jedes andere Geräusch unvernehmlich machte; aber als wir uns soweit entfernt hatten, daß dieser nicht mehr zu hören war und die tiefe Stille der Nacht um uns herrschte, blieben wir von Zeit zu Zeit stehen, um zu lauschen.

Auch dies war lange ohne Erfolg, und schon wollten wir wieder umkehren, weil wir glaubten, daß Old Firehand sich nun wieder an der Bahn befinden werde, als wir einen Ruf vernahmen, welcher aus der Ferne zu uns drang.

»Das muß unser Bruder Old Firehand sein, denn den fliehenden Ponkas wird es nicht einfallen, sich durch Rufe zu verraten,« sagte Winnetou.

»Das ist auch meine Meinung,« antwortete ich. »Laufen wir schnell hin!«

»Ja, schnell! Er befindet sich in Gefahr, sonst würde er nicht rufen.«

Wir liefen, aber Winnetou nach Nord und ich nach Ost. Darum blieben wir sofort wieder halten, und der Apache fragte:

»Warum eilt mein Bruder dorthin? Es war im Norden.«

»Nein, sondern im Osten. Horch!«

Der Ruf wiederholte sich, und ich fügte hinzu: »Es ist im Osten: ich höre es ganz deutlich.«

»Es ist im Norden; mein Bruder Old Shatterhand irrt sich abermals.«

»Und ich bin überzeugt, daß ich recht habe. Er befindet sich in Gefahr, und wir haben also keine Zeit, die irrige Meinung zu berichtigen. Winnetou mag also nördlich gehen, während ich östlich laufe; einer von uns findet ihn dann bestimmt.«

»Ja, so soll es geschehen!«

Mit diesen Worten sprang er, der sich sonst in solchen Dingen niemals irrte, fort, und ich lief, so schnell ich konnte, in der von mir behaupteten Richtung davon. Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, daß ich recht gehabt hatte, denn der Ruf erklang wieder, und zwar viel deutlicher als vorher. Und dann sah ich vor mir eine Gruppe von kämpfenden Menschen.

»Ich komme, Old Firehand, ich komme!« schrie ich und verwandelte meine Schritte in noch viel weitere Sätze.

Nun sah ich die Gruppe deutlicher. Old Firehand kniete an der Erde, weil er verwundet zusammengesunken war, und verteidigte sich gegen drei Feinde, während er schon drei niedergemacht hatte. Das waren die sechs, denen wir die Pferde genommen hatten. jeder Streich konnte ihm das Leben kosten, und ich war wohl noch fünfzig Schritte weit. Darum blieb ich stehen und legte den Stutzen an, den ich wieder geladen hatte. Es war bei dem unbestimmten Scheine des Mondes, und weil infolge des schnellen Laufes mein Puls rascher ging und meine Lunge erregter atmete, ein gefährliches Schießen, denn ich konnte den treffen, dein ich helfen wollte; aber ich mußte es wagen. Drei schnell aufeinander folgende Schüsse; die drei Feinde stürzten nieder und ich rannte weiter, auf Old Firehand zu.

»Gott sei Dank! Das war zur rechten Zeit, grad im letzten Augenblicke, Sir!« rief er mir entgegen.

»Ihr seid verwundet?« fragte ich, bei ihm angekommen. »Doch nicht etwa schwer?«

»Lebensgefährlich wohl nicht. Zwei Tomahawkhiebe in die Beine. Die Kerls konnten mir oben nicht an den Leib; darum hackten sie unten in die Beine, daß ich zusammenbrechen mußte.«

»Das gibt großen Blutverlust. Erlaubt, daß ich Euch untersuche!«

»Ja, ja! Aber, Sir, was seid Ihr für ein Schütze! Bei solchem Lichte und nach einem solchen Dauerlaufe alle drei mitten in den Kopf getroffen! Sie sind tot. Das bringt nur Old Shatterhand fertig! Ich kam Euch vorhin, als wir Tim Finnetey verfolgten, nicht nach, weil ich eine Pfeilwunde am Beine hatte, die mich am Laufen hinderte. Eure Spur konnte ich nicht sehen; ich suchte nach Euch; da wuchsen die sechs roten Kerls grad vor mir förmlich aus der Erde; sie hatten sich platt niedergelegt, um mich herankommen zu lassen. Ich hatte nur das Messer und meine Fäuste, weil ich die andern Waffen, um besser laufen zu können, weggeworfen habe. Sie hackten mich in die Beine; drei stach ich nieder; die andern Drei hätten mich, wenn Ihr nicht gekommen wäret, wohl kalt gemacht. Ich werde dies Old Shatterhand niemals vergessen!«

Während er dies erzählte, untersuchte ich seine Wunden; sie waren schmerzhaft, aber glücklicherweise nicht gefährlich. Da kam Winnetou und half sie mit verbinden. Er gab freimütig zu, heut einmal von seinem sonst so vortrefflichen Gehör getäuscht worden zu sein. Die sechs Toten ließen wir liegen und kehrten nach der Bahn zurück, natürlich sehr langsam, weil Old Firehand nicht schnell gehen konnte. Darum wunderten wir uns nicht darüber, daß der Zug fort war, als wir das Geleise erreichten. Er hatte seine Zeit einzuhalten und nicht länger warten können. Die erbeuteten Pferde standen bei den unserigen angepflockt, und das war gut, weil wir nun Old Firehand leichter transportieren konnten. Freilich waren wir seinetwegen gezwungen, eine Woche oder auch noch länger still zu liegen, bis er zum Reiten fähig war, und dazu schlug er uns eine einen halben Tagesritt entfernte Stelle vor, wo es Wald und Wasser gab und wir also nicht nur für uns, sondern auch für unsere Pferde alles hatten, was wir brauchten. – – –

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