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Winnetou I

Karl May: Winnetou I - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleWinnetou I
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Sechstes Kapitel.

Sams Befreiung.

Es läßt sich denken, welch großen Schmerz Winnetou über den Verlust seines Vaters und seiner Schwester empfand. Während des Begräbnisses durfte er demselben noch Ausdruck geben, dann aber mußte er ihn streng in seinem Innern verschließen; dies wurde ihm einesteils durch die indianische Sitte und andernteils durch die Notwendigkeit geboten, seine ganze Aufmerksamkeit auf die erwartete Ankunft der Kiowas zu richten. Er war jetzt nicht mehr der durch den herben Verlust fast niedergeschmetterte Sohn und Bruder, sondern der Anführer seiner Kriegerschar, mit welcher er den Angriff der Feinde abzuweisen hatte und den Mörder Santer fangen wollte. Er schien mit dem Plane dazu schon fertig zu sein, denn gleich nach dem Begräbnisse befahl er den Apachen, sich zum Aufbruche bereit zu machen und darum die Pferde, welche sich unten im Tale befanden, heraufzuholen.

»Warum erteilt mein Bruder diese Weisung?« fragte ich ihn. »Das Terrain ist so schwierig, daß es sehr viel Mühe machen wird, die Tiere hierher zu bringen.«

»Das weiß ich,« antwortete er; »aber es muß dennoch geschehen, weil ich die Kiowas dadurch überlisten will. Sie haben sich des Mörders angenommen und werden alle sterben müssen alle!«

Sein Gesicht hatte bei diesen Worten einen drohenden, entschlossenen Ausdruck; wenn er seinen Vorsatz zur Ausführung brachte, waren die Kiowas verloren. Ich hegte mildere Gesinnungen als er. Sie waren allerdings unsere Feinde, trugen aber doch nicht die Schuld an dem Tode Intschu tschunas und seiner Tochter. Durfte ich es wagen, ihn anders zu stimmen? Vielleicht lud ich dadurch seinen Zorn auf mich; aber die Gelegenheit zu einer solchen Bitte war günstig, weil wir uns ganz allein auf der Lichtung befanden. Die Apachen hatten seinen Befehl sofort befolgt und sich entfernt, und Stone und Parker waren mit ihnen gegangen. Es hörte es also niemand, wenn er mir in der Erzürnung eine Antwort gab, welche mich in Gegenwart anderer hätte beleidigen müssen. Ich sprach ihm also die soeben erwähnte Ansicht aus, und zu meiner Ueberraschung trat die Wirkung nicht ein, welche ich befürchtet hatte. Er sah mich zwar mit großen, finstern Augen an, antwortete aber in ruhigem Tone:

»Das mußte ich freilich von meinem Bruder erwarten; er hält es nicht für eine Schwachheit, dem Feinde auszuweichen.«

»So habe ich es nicht gemeint, von einem Ausweichen kann keine Rede sein; ich habe sogar schon daran gedacht, wie wir sie alle festnehmen werden. Aber sie sind nicht an Dem schuld, was hier geschehen ist, und es wäre ungerecht, sie die Strafe dafür mittragen zu lassen.«

»Sie haben sich des Mörders angenommen und kommen hierher, um uns zu überfallen! Ist das nicht Grund genug für uns, sie ohne Schonung zu behandeln?«

»Nein, es ist kein Grund, wenigstens für mich nicht. Es tut mir leid, zu hören, daß mein Bruder Winnetou in den Fehler fallen will, welcher die Ursache zum Untergange aller roten Nationen ist.«

»Welchen Fehler meint Old Shatterhand?«

»Den, daß die Indsmen sich gegenseitig zerfleischen, anstatt einander gegen den allgemeinen Feind beizustehen. Erlaube mir, recht aufrichtig zu dir zu reden! Wer meinst du wohl, wer im allgemeinen listiger und klüger ist, der rote Mann oder das Bleichgesicht?«

»Das Bleichgesicht. Ich sage dies, weil es die Wahrheit ist. Die Weißen haben mehr Kenntnisse und Geschicklichkeiten als wir; sie sind uns fast in allem überlegen.«

»Das ist richtig; wir sind euch überlegen. Du aber bist kein gewöhnlicher Indianer. Der große Geist hat dir Gaben verliehen, welche auch unter den Weißen nur selten einer besitzt, und darum möchte ich haben, daß du anders denkst als ein gewöhnlicher roter Mann. Dein Verstand ist scharf, und dein Blick reicht weit, viel, viel weiter als das körperliche und geistige Auge eines gewöhnlichen Kriegers. Wie oft ist der Tomahawk des Kampfes unter euch ausgegraben! Du mußt einsehen, daß dies ein fortgesetzter, gräßlicher Selbstmord ist, den der rote Mann an sich selbst begeht, und wer in derselben Weise handelt, nimmt an diesem Selbstmorde teil. Intschu tschuna und Nscho-tschi sind getötet worden, nicht von roten, sondern von weißen Männern; einer der Mörder hat sich zu den Kiowas geflüchtet und sie beredet, euch zu überfallen; das ist wohl Grund, sie hier zu erwarten und mit ihnen zu kämpfen, rechtfertigt es aber nicht, sie wie gefangene, tolle Hunde niederzuschießen. Sie sind rote Brüder von dir, bedenke das wohl!«

In dieser Weise fuhr ich noch einige Zeit fort. Er hörte mir ruhig zu, reichte mir, als ich das letzte Wort gesprochen hatte, die Hand und sagte:

»Old Shatterhand ist ein wirklicher, aufrichtiger Freund aller roten Männer, und er hat recht, wenn er vom Selbstmorde spricht. Ich werde tun, was er wünscht; ich will die Kiowas gefangen nehmen, sie dann aber wieder freigeben und nur den Mörder festhalten.«

»Gefangen nehmen? Das wird schwer halten, denn sie werden in Ueberzahl kommen. Oder solltest du denselben Gedanken haben wie ich?«

»Welchen?«

»Die Kiowas an einen Ort zu locken, wo sie sich nicht wehren können?«

»Ja, das ist mein Plan.«

»Der meinige auch. Du kennst die hiesige Gegend, und ich wollte dich fragen, ob es hier wohl einen solchen Ort gibt.«

»Es gibt einen, und er liegt gar nicht weit von hier, nämlich eine enge Felsenschlucht, welche einem schmalen Kañon gleicht. Da hinein will ich die Feinde locken.«

»Hoffst du, daß es dir gelingt?«

»Ja. Wenn sie sich in dieser Schlucht befinden, welche zu beiden Seiten nicht erstiegen werden kann, werden wir sie von vorn und auch von hinten angreifen, und sie müssen sich ergeben, wenn sie sich nicht wehrlos niederschießen lassen wollen. Ich werde ihnen das Leben schenken und damit zufrieden sein, daß ich Santer in meine Hand bekomme.«

»Ich danke dir! Mein Bruder Winnetou hat für ein gutes Wort ein offenes Herz. Vielleicht denkt er in einer andern Angelegenheit ebenso milde.«

»Was meint mein Bruder Old Shatterhand?«

»Du wolltest allen Weißen Rache schwören, und ich bat dich, dies nicht gleich zu tun, sondern bis nach dem Begräbnisse zu warten. Darf ich erfahren, was du nun beschlossen hast?«

Er blickte eine kurze Zeit zur Erde nieder, richtete dann sein Auge hell auf mich, deutete auf die Hütte, in welcher die Leichen gelegen hatten, und antwortete:

»Ich habe die vergangene Nacht dort bei den Toten zugebracht und im Kampfe mit mir selbst gelegen. Die Rache gab mir einen großen, kühnen Gedanken ein. Ich wollte die Krieger aller roten Nationen zusammenrufen und mit ihnen gegen die Bleichgesichter ziehen. Ich wäre besiegt worden. Aber in dem Kampfe gegen mich selbst heut in der Nacht bin ich Sieger geblieben.«

»So hast du diesen großen, kühnen Gedanken fallen lassen?«

»Ja. Ich habe drei Personen, welche ich liebe, befragt, zwei Tote und einen Lebenden; sie rieten mir, diesen Plan fallen zu lassen, und ich beschloß, ihrem Rate zu folgen.«

Ich sprach eine Frage aus, nicht durch Worte, sondern durch den Blick, welchen ich auf ihn richtete; da fuhr er fort:

»Mein Bruder weiß nicht, von welchen Personen ich spreche? Ich meine Klekih-petra, Nscho-tschi und dich. Euch drei habe ich in Gedanken befragt und eine dreifache, aber gleichlautende Antwort erhalten.«

»Ja, wenn beide noch lebten und du sie fragen könntest, sie würden dir ganz gewiß dasselbe sagen, was ich dir rate. Der Plan, den du hegtest, war groß, und du wärest der Mann dazu gewesen, ihn auszuführen, doch«

»Mein Bruder mag bescheidener von mir denken und sprechen,« unterbrach er mich. »Sollte es wirklich einem roten Häuptlinge gelingen, die Krieger aller Stämme unter sich zu vereinigen, so könnte es doch nicht so schnell geschehen, wie ich es wünschte, sondern es würde eines langen, mühevollen Menschenlebens bedürfen, um an dieses Ziel zu gelangen, und es wäre dann, am Schlusse dieses Lebens, zu spät, den Kampf zu beginnen. Einer allein, und wäre er ein noch so großer und berühmter roter Mann, kann diese Aufgabe nicht lösen, und nach seinem Tode würde der würdige Nachfolger fehlen, der imstande wäre, das Werk fortzusetzen und zu Ende zu führen.«

»Es freut mich, daß mein Bruder Winnetou zu dieser Ansicht gekommen ist; sie ist die richtige. Einer reicht nicht aus, und ein Nachfolger würde sich schwerlich finden. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so würde der Kampf der Roten gegen die Weißen für euch unglücklich enden.«

»Ich weiß es; er würde unsern Untergang nur beschleunigen. Und wenn wir aus allen Kämpfen als Sieger hervorgingen, so sind der Bleichgesichter so viele, daß sie immer neue Scharen gegen uns senden könnten, während es uns unmöglich wäre, unsere Verluste zu ersetzen. Die Siege würden uns zwar langsamer aber doch grad auch so aufreiben, als wenn wir geschlagen würden. Das habe ich mir gesagt, als ich während der Nacht bei meinen Toten saß, und den Entschluß gefaßt, auf die Ausführung meines Planes zu verzichten. Ich wollte mich damit begnügen, den Mörder zu fangen und mich an denen zu rächen, welche ihm Hilfe geleistet haben und nun mit ihm kommen, uns zu überfallen. Aber auch dies hat mir mein Bruder Old Shatterhand ausgeredet, und so soll meine Rache denn nun nur darin bestehen, daß ich Santer festnehme und ihn bestrafe. Die Kiowas lassen wir laufen.«

»Diese deine Worte machen mich stolz auf die Freundschaft, welche uns verbündet; ich werde sie dir nie vergessen. Wir beide sind, obgleich wir es nicht mit Sicherheit behaupten können, doch überzeugt, daß die Kiowas kommen werden. Es handelt sich nun darum, den Zeitpunkt ihrer Ankunft zu erfahren.«

»Der Tag ihrer Ankunft hier ist heut,« behauptete er in einem so sichern Tone, als ob es sich um eine vollständig festgestellte Tatsache handle.

»Wie ist es dir möglich, dies so bestimmt zu sagen?«

»Ich schließe es aus dem, was du mir von eurem letzten Ritte erzählt hast. Die Kiowas sind scheinbar nach ihrem Dorfe gezogen, um euch hinter sich her zu locken, wollen aber eigentlich hierher; sie haben also einen Umweg gemacht, sonst hätten sie schon gestern eintreffen können. Sie haben auch noch andere Abhaltungen gehabt, durch welche ihre Ankunft verzögert worden ist.«

»Andere Abhaltungen? Welche?«

»Wegen Sam Hawkens. Den bringen sie natürlich nicht mit hierher, sondern sie haben ihn heim zu den Ihrigen geschickt; dazu mußte ein passender Ort und der geeignete Zeitpunkt abgewartet werden, vielleicht auch eine Gelegenheit, welche sich zufällig bot. Ebenso war es nötig, einen Boten abzusenden, welcher eure Ankunft zu melden hatte.«

»Ah, du meinst, daß die Krieger des Dorfes uns entgegenreiten sollten?«

»Ja. Die Krieger, mit denen ihr es dort am ausgetrockneten Flusse zu tun hattet, haben euch hinter sich her ziehen wollen, hatten aber, weil sie beabsichtigten, hierher zu reiten, nicht die nötige Zeit, dann mit euch anzubinden. Sie haben also jedenfalls einen oder einige Boten an die Ihrigen abgeschickt, damit man euch vom Dorfe aus entgegenziehe. Diesen Boten ist Sam Hawkens mitgegeben worden. Dann, nachdem dies geschehen ist, sind die Kiowas von ihrer Richtung abgewichen und haben den Weg nach dem Nugget-tsil eingeschlagen. Diese Schwenkung durftet ihr aber nicht entdecken; darum mußte sie an einer Stelle vor sich gehen, an welcher keine Spuren zurückbleiben konnten. Dergleichen Stellen sind selten; sie liegen meist nicht am Wege und müssen extra aufgesucht werden. Auch das ergibt einen Zeitverlust. Darum konnten die Kiowas unmöglich schon gestern hier sein. Sie sind auch bis jetzt noch nicht angekommen, werden aber ganz gewiß heut noch eintreffen.«

»Woher weißt du, daß sie jetzt noch nicht da sind?«

Er deutete nach der nächsten Bergkuppe. Der Wald, welcher sie bedeckte, wurde von einem sehr hohen Baume überragt. Dort war der höchste Punkt der Nuggetberge, und wer auf dem Baume saß und ein scharfes Auge hatte, der konnte rundum die angrenzende Prairie überblicken.

»Mein Bruder weiß nicht,« antwortete er, »daß ich einen Krieger dort hinaufgeschickt habe, welcher aufpassen soll und die Ankunft der Kiowas bemerken wird, denn er besitzt die Augen eines Falken. Sobald er sie kommen sieht, steigt er herab, um es mir zu melden.«

»Das ist gut. Die Meldung ist noch nicht erfolgt, also sind sie noch nicht da. Und du meinst aber, daß sie ganz bestimmt heut noch kommen?«

»Ja, denn länger dürfen sie nicht zögern, wenn sie uns antreffen wollen.«

»Sie hatten aber nicht die Absicht, bis zum Nugget-tsil vorzugehen, sondern sie wollten dir in der Nähe desselben einen Hinterhalt legen, um euch auf eurer Heimkehr zu überfallen.«

»Dies wäre ihnen vielleicht gelungen, wenn du sie nicht belauscht hättest; nun ich es aber weiß, wird aus dem Hinterhalte nichts, sondern ich locke sie hierher. Die Heimkehr hätte mich nach Süden geführt, und in dieser Richtung hätten sie sich also lagern müssen; nun tue ich aber, als ob ich nordwärts gegangen sei, und locke sie hinter mir her.«

»Ob sie dir folgen werden?«

»Gewiß. Sie müssen auf alle Fälle einen Späher senden, um zu erfahren, ob wir überhaupt noch da sind. Diesem Kundschafter tun wir natürlich nichts, sondern lassen ihn unbelästigt zu ihnen zurückkehren. Seinetwegen habe ich den Befehl gegeben, die Pferde hier heraufzubringen. Das sind über dreißig Tiere; er muß trotz des harten Bodens und trotz des Steingerölls ihre Spuren unbedingt sehen und wird ihnen folgen. Wir suchen von hier aus die Schlucht auf, welche die Falle sein soll, in der wir sie fangen wollen. Dorthin wird er uns nicht nachgehen, sondern er wird unserer Fährte nur eine kurze Strecke folgen, um sich zu überzeugen, daß wir wirklich fort sind, und dann schnell wieder umkehren, um den Seinen zu melden, daß wir nicht südwärts, sondern nach Norden davongeritten sind. Stimmt mein Bruder mir da bei?«

»Ja. Sie werden dadurch gezwungen, auf den beabsichtigten Hinterhalt zu verzichten, und es läßt sich beinahe mit Sicherheit erwarten, daß sie dann hierherkommen und uns von hier aus nachreiten.«

»Das werden sie; ich bin überzeugt davon. Santer, den ich haben muß, wird noch heut in meinen Händen sein.«

»Was wirst du mit ihm machen?«

»Ich bitte meinen Bruder, mich nicht danach zu fragen. Er wird sterben; das ist genug.«

»Wo? Hier? Oder transportierst du ihn nach dem Pueblo?«

»Das ist noch unbestimmt. Hoffentlich ist er nicht so ein Feigling wie Rattler, dem wir den schnellen Tod einer hündischen Memme gewähren mußten. Horch! Ich höre den Hufschlag unserer Pferde. Wir werden diesen Ort verlassen, um ihn dann mit unsern Gefangenen wieder aufzusuchen.«

Die Pferde wurden gebracht. Das meinige und die Mary Sams waren auch mit dabei. Aufsteigen konnten wir nicht, dazu war der Weg nicht bequem genug; es mußte ein jeder sein Tier am Zügel führen.

Winnetou ging voran. Er brachte uns nordwärts von der Blöße weg in den Wald hinein, welcher in einer ziemlich steilen Senkung niederfiel. Unten gab es einen offenen Wiesenplan; wir bestiegen die Pferde und ritten über denselben hinüber nach einer Bergwand, welche wie eine hohe, senkrechte Felsenmauer vor uns lag. Sie war durch eine schmale Schlucht gespalten. Winnetou deutete auf dieselbe und sagte:

»Das ist die Falle, von welcher ich sprach. Wir reiten jetzt hindurch.«

Der Ausdruck Falle paßte sehr gut auf den engen Durchgang, den wir nun passierten. Die Wände desselben stiegen zu beiden Seiten fast lotrecht himmelan, und es gab keine Stelle, an welcher sie erklimmt werden konnte. Wenn die Kiowas so dumm waren, hier herein zu reiten, und wir besetzten die beiden Eingänge dieser Schlucht, so wäre es Wahnsinn von ihnen gewesen, sich zur Gegenwehr zu setzen.

Der Weg führte nicht in gerader Richtung, sondern er wand sich bald nach rechts, bald nach links, und es währte wohl eine Viertelstunde, bis wir den Ausgang erreichten. Dort blieben wir halten und stiegen ab. Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Apachen kommen, welcher von dem Baume auf der Bergkuppe aus nach den Kiowas ausgelugt hatte.

»Sie sind gekommen,« meldete er. »Ich wollte sie zählen, konnte dies aber nicht, weil sie nicht einzeln ritten und sehr entfernt waren.«

»Haben sie die Richtung nach dem Tale genommen?« erkundigte sich Winnetou.

»Nein. Sie hielten draußen auf der Prairie an, wo sie sich zwischen Büschen gelagert haben. Aber dann trennte sich ein einzelner Krieger von ihnen; er war zu Fuße, und ich sah ihn nach dem Tale gehen.«

»Das ist der Späher. Wir haben grad noch Zeit, die Falle zu öffnen, um sie dann zu schließen. Mein Bruder Shatterhand mag Stone, Parker und zwölf meiner Krieger mit sich nehmen und hier links um den Berg gehen. Sobald er eine sehr starke, hohe Birke erblickt, dringt er in den Wald ein, welcher langsam empor- und jenseits wieder niedersteigt. Kommt mein Bruder drüben an, so befindet er sich in der Verlängerung des Tales, von welchem aus wir nach dem Nugget-tsil emporgestiegen sind. Geht er dieses Tal hinab, so erreicht er bald die Stelle, an welcher wir unsere Pferde zurückließen; der fernere Weg ist ihm bekannt. Er darf aber nicht im offenen Tale gehen, sondern muß an der Seite desselben im Walde verborgen bleiben. Old Shatterhand steckt also hüben im Walde, wo jenseits drüben unsere Schlucht nach oben führt. Er wird den feindlichen Späher bemerken, ihm aber nicht hinderlich sein. Dann wird er die Feinde kommen sehen und sie in die Schlucht eindringen lassen.«

»Das ist also dein Plan,« führte ich seine Rede fort. »Du bleibst hier, um den Ausgang der Falle besetzt zu halten, und ich kehre auf dem Umwege, den du mir jetzt beschrieben hast, nach dem Fuße des Nugget-tsil zurück, um die Feinde zu erwarten und ihnen heimlich zu folgen, bis sie hier in die Falle eingedrungen sind?«

»Ja, so meine ich es. Wenn mein Bruder Old Shatterhand keinen Fehler begeht, so wird uns der Fang ganz gewiß gelingen.«

»Ich werde so vorsichtig wie möglich sein. Hat Winnetou mir noch weitere Winke zu erteilen?«

»Nein. Ich überlasse alles weitere dir.«

»Wer verhandelt mit den Kiowas, wenn es uns gelungen ist, sie einzuschließen?«

»Ich. Old Shatterhand hat nichts zu tun, als sie nicht aus der Felsenschlucht zu lassen, wenn sie mich und meine Krieger bemerken und dann umkehren wollen. Aber sputet euch! Der Nachmittag ist fast vorüber, und die Kiowas werden nicht bis morgen warten, uns zu folgen, sondern dies noch heut, bevor es dunkel wird, tun wollen.«

Die Sonne hatte ihren Tagesbogen allerdings schon fast vollendet, und der Abend war in nicht viel über einer Stunde zu erwarten. Ich machte mich also mit Dick, Will und den mir zugeteilten Apachen auf den Weg, zu Fuße, wie sich ganz von selbst versteht.

Nach einer kleinen Viertelstunde sahen wir die Birke stehen und drangen in den Wald ein. Wir fanden die Gegend genau so, wie Winnetou sie beschrieben hatte, und erreichten jenseits unser Tal und in demselben die Stelle, wo unsere Pferde geweidet hatten. Uns gegenüber öffnete sich die Seitenschlucht, welche hinauf nach der Lichtung und den beiden Gräbern führte.

Da, wo wir uns unter den Bäumen niedersetzten, konnten wir die Kiowas kommen sehen wenn sie überhaupt kamen, hatten aber nicht zu befürchten, von ihnen bemerkt zu werden, denn es war ja anzunehmen, daß sie nicht herüber nach unserer Seite kommen, sondern drüben der Seitenschlucht folgen würden.

Die Apachen verhielten sich schweigsam; Stone und Parker sprachen leise miteinander. Wie ich hörte, waren sie überzeugt, daß die Kiowas, und mit ihnen Santer, in unsere Hände fallen würden. Ich war dieser Sache nicht so sicher wie sie. Wir hatten nun höchstens noch zwanzig Minuten Tag, und die Kiowas kamen noch nicht; ich glaubte also, daß erst der nächste Morgen die Entscheidung bringen werde, zumal von dem Späher, den die Feinde nach dem Tale geschickt hatten, auch nichts zu sehen war. Bei uns unter den Bäumen wurde es schon dunkel.

Das Flüstern zwischen Parker und Stone hatte aufgehört; ein Luftzug strich über die Wipfel und verursachte jenes monotone Rauschen, welches eigentlich kein Rauschen, sondern besser ein ununterbrochener, leise und tief klingender Hauch zu nennen ist, von welchem man jedes andere, noch so unbedeutende Geräusch leicht zu unterscheiden vermag. So auch jetzt. Es war mir, als ob etwas hinter mir auf dem weichen Waldboden hinstreife. Ich horchte schärfer; ja, es bewegte sich etwas. Was war es? Ein vierfüßiges Tier hätte sich nicht so nahe zu uns herangewagt. Ein Reptil? Nein, auch nicht. Ich drehte mich schnell um und legte mich nieder, um von unten herauf besser sehen zu können. Dies geschah noch zur rechten Zeit, um mich einen dunklen Gegenstand bemerken zu lassen, welcher wohl hinter mir gelegen hatte und nun zwischen den Bäumen fortschlüpfte. Ich sprang auf und eilte ihm nach. Wie einen dunklen Schlag- im helleren Halbschatten sah ich ihn vor mir und griff zu, wobei ich ein Stück Zeug in die Hand bekam.

»Away!« rief eine erschrockene Stimme, und das Zeug wurde mir aus der Hand gerissen. Der Schatten war nicht mehr zu sehen; und ich blieb stehen und horchte, um ihn wenigstens zu hören. Aber meine Gefährten hatten meine schnellen Bewegungen bemerkt und den Ausruf vernommen. Sie sprangen auf und fragten mich, was es gebe.

»Still, seid still!« antwortete ich und lauschte von neuem. Es war nichts zu hören.

Es war ein Mensch gewesen, welcher uns belauscht hatte, und zwar ein Weißer, wie der englische Ausruf bewies, vielleicht gar Santer selbst, weil sich außer diesem kein anderes Bleichgesicht bei den Kiowas befand. Ich mußte ihm unbedingt nach, trotz der Dunkelheit nach!

»Setzt euch wieder nieder und wartet, bis ich zurückkehre!« gebot ich meinen Leuten und rannte fort.

Welche Richtung ich einzuschlagen hatte, darüber gab es keinen Zweifel; natürlich hinaus nach der Prairie zu, wo sich die Kiowas befanden; der Lauscher ging zu ihnen, nirgends wo anders hin.

Es galt, seine Flucht zu verlangsamen; wollte ich dies erreichen, so mußte ich ihn ängstlich machen. Ich rief ihm also zu:

»Halt, bleib stehen, sonst schieße ich!«

Und einige Sekunden später gab ich zur Bekräftigung dieser Drohung zwei Revolverschüsse ab. Dies war kein Fehler, weil unsere Anwesenheit nun doch einmal verraten war. Jetzt konnte ich annehmen, daß der Flüchtling aus Angst vor mir tiefer in den Wald eindringen werde, wo sich seine Flucht verzögern mußte, weil es dort nun völlig dunkel war. Ich hingegen, der ihm zuvorkommen wollte, sprang nach dem Waldesrande, wo ich noch sehen konnte, und eilte an demselben hin. Ich wollte in dieser Weise das ganze Tal hinab, bis es auf die Prairie mündete, und mich dort verstecken. Wenn der Mann dann kam, mußte er an mir vorüber, und ich konnte ihn fassen.

Dieser Plan war wohl ganz gut, konnte aber nicht zur Ausführung kommen, denn eben als ich einer Krümmung des Tales folgen wollte und um eine vorstehende Buschgruppe bog, sah ich Menschen und Pferde vor mir und konnte es kaum ermöglichen, mich noch rechtzeitig wieder nach rückwärts zu werfen und unter die Bäume zu schlüpfen.

Die Kiowas hatten hier hinter den Büschen ihr Lager aufgeschlagen, warum, das war gar nicht schwer zu erraten.

Erst hatten sie draußen auf der Prairie Halt gemacht und einen Kundschafter ausgesandt. Dieser hatte gar keine schwierige Arbeit zu verrichten, wie ich bald erfuhr. Santer war nämlich, weil er die Oertlichkeit schon kannte, den Indianern weit vorausgeritten, um die Gegend nach uns zu durchspähen und ihnen gleich bei ihrer Ankunft Nachricht zu geben; er war aber, als sie kamen, noch nicht wieder da, und so schickten sie einen roten Späher aus, welcher nur seiner Spur zu folgen brauchte und keine Gefahr zu fürchten hatte, weil im Falle einer solchen Santer jedenfalls zurückgekehrt wäre, um die Indianer zu warnen. Der Kundschafter schritt also in das Tal hinein, so weit es ihm gut dünkte, fand keinen Feind und ging wieder zurück, um dies zu melden. Da das Tal für die Nacht einen besseren Aufenthalt bot als die freie Prairie, so entschlossen sich die Kiowas, diese letztere zu verlassen und das erstere aufzusuchen. Santer konnte sie nicht umgehen, sondern er mußte sie finden, sobald er vorüberkam, obgleich sie aus Vorsicht kein Feuer brennen durften.

Nun war es gewiß, daß wir sie heut nicht in unsere Hände bekommen konnten, wahrscheinlich auch morgen nicht, wenn Santer so klug gewesen war, unsern Plan zu erraten. Was war zu tun? Sollte ich an meinen Posten zurückkehren und auf demselben warten, ob die Kiowas morgen früh doch in die Falle gehen würden? Oder sollte ich Winnetou aufsuchen, ihm meine Entdeckung mitteilen und ihn um andere Verhaltungsmaßregeln bitten? Es gab noch ein drittes, was ich tun konnte; aber dies war gefährlich für mich, nämlich hier bleiben. Es war jedenfalls von großem Werte für uns, zu erfahren, was die Roten beschließen würden, nachdem sie von Santer über das, was er gesehen hatte, unterrichtet worden waren. Wenn ich sie belauschen konnte! Aber ich riskierte viel, sehr viel, sogar alles dabei. Santer sagte jedenfalls, daß ich hinter ihm her sei, und das konnte, ja es mußte beinahe zu meiner Entdeckung führen. Dennoch beschloß ich, es zu wagen, falls nur irgend eine Möglichkeit des Gelingens abzusehen sei. Sie brannten kein Feuer, um nicht bemerkt zu werden; dieser Umstand, der sie schützte, mußte auch mir Schutz gewähren.

Unter den Bäumen lagen hohe Steinblöcke, mit Moos bewachsen und von Farnkräutern umgeben; vielleicht konnte ich mich hinter einen solchen verbergen.

Die Mehrzahl der Roten war noch mit den Pferden beschäftigt, welche angepflockt wurden, damit sie sich nicht entfernen und das Lager verraten könnten; die übrigen hatten sich am Waldesrande niedergesetzt oder -gelegt. An einer Stelle desselben ertönte eine halblaute, befehlende Stimme; dort stand also der Anführer, und ich durfte vermuten, daß er diesen Punkt auch später beibehalten werde. Dorthin mußte ich, wenn es nur halbwegs möglich war!

Auf dem Boden liegend, schob ich mich in dieser Richtung fort. Nach Deckung brauchte ich nicht sehr zu suchen, denn es war rundum dunkel, und die Roten befanden sich meist jenseits der Stelle, welche ich erreichen wollte. Entdeckt konnte ich für jetzt nur in dem Falle werden, daß einer mir in den Weg kam und über mich stolperte. Glücklicherweise geschah dies nicht, und ich gelangte glücklich an mein Ziel. Da lagen zwei Felsblöcke nebeneinander, der eine lang und hoch, der andere niedriger; da oben suchte man gewiß keinen Horcher; ich stieg von dem niedrigen auf den hohen und streckte mich auf demselben lang aus. Ich lag über zwei Meter hoch in ziemlicher Sicherheit, denn es war wohl kein Grund vorhanden, welcher einen Roten veranlassen konnte, mir nachzusteigen.

Die bis jetzt mit ihren Pferden beschäftigten Indianer kamen nun auch herbei und setzten oder legten sich nieder. Da, wo ich den Anführer vermutete, wurden einige halblaute Befehle gegeben, welche ich nicht verstand, weil mir die Sprache der Kiowas fremd war. Hierauf entfernten sich einige Rote. Sie waren jedenfalls die Wachen, welche ausgestellt wurden. Ich bemerkte, daß sie nur die Talseite des Lagers, nicht aber auch den Wald besetzten, und dies war ein glücklicher Umstand für mich, weil ich mich später entfernen konnte, ohne befürchten zu müssen, auf Vorposten zu stoßen.

Die Lagernden sprachen miteinander, zwar in gedämpftem Tone, doch immerhin so, daß ich jedes Wort hören konnte. Leider aber verstand ich es nicht. Wie vorteilhaft wäre es gewesen, wenn ich hätte erfahren können, was sie sagten! Wie oft muß ich erzählen, daß ich während meiner Streifzüge im Westen Indianer ganz verschiedener Stämme und auf meinen Reisen in anderen Ländern wiederholt Lagerplätze angeschlichen und die dort befindlichen Menschen belauscht habe. Dieser Angewohnheit verdanke ich viele meiner Erfolge, oft sogar auch das Leben. Wer es liest, denkt wohl nicht daran oder hat keinen Begriff davon, wie schwer und wie gefährlich ein solches Anschleichen ist. Und diese Schwierigkeit bezieht sich nicht nur auf die Anforderungen, welche dabei der körperlichen Gewandtheit, Kraft und Ausdauer gemacht werden, sondern auch und vor allen Dingen auf das geistige Geübtsein, auf die unerläßliche Intelligenz und die Kenntnisse, welche man besitzen muß. Was nützt es mir, wenn ich ein Indianer-, Beduinen- oder Kurdenlager, eine sudanesische Seribah oder eine südamerikanische Gauchostätte noch so meisterhaft zu beschleichen verstehe, aber der betreffenden Sprache nicht mächtig bin und also nicht erfahren kann, was gesprochen wird! Und meist ist grad der Inhalt der Gespräche viel wichtiger als alles andere, was man dabei erfährt. Darum ist es stets mein erstes Bestreben gewesen, die Sprache der Menschen, mit denen ich es zu tun bekam, kennen zu lernen. Winnetou beherrschte sechzehn Indianerdialekte und ist auch hierin mein hervorragendster Lehrer gewesen. Es ist mir später niemals vorgekommen, daß ich einen Lagerplatz beschlich, ohne zu verstehen, was auf demselben gesprochen wurde.

Ich mochte ungefähr zehn Minuten auf dem Steine gelegen haben, als ich einen Posten rufen hörte; darauf erfolgte die für mich sehr erwünschte Antwort:

»Ich bin es, Santer. Ihr seid also herein in das Tal gekommen?«

»Ja. Mein weißer Bruder mag weitergehen; er wird die roten Krieger sogleich sehen.«

Diese Worte konnte ich verstehen, weil mit Santer in dem aus indianischen und englischen Worten bestehenden Jargon, den ich nun auch kannte, gesprochen werden mußte. Er kam herbei; der Anführer rief ihn zu sich und sagte:

»Mein weißer Bruder ist viel länger fortgewesen, als vorher bestimmt worden war. Er wird wichtige Gründe dazu gehabt haben.«

»Wichtiger, als ihr ahnen könnt. Seit wann befindet ihr euch hier?«

»Seit nicht ganz der Zeit, welche die Bleichgesichter eine halbe Stunde nennen.«

»Ihr habt mein Pferd getroffen?«

»Ja, denn wir sind ja deiner Spur gefolgt. Da, wo du es angebunden hattest, machten wir Halt, und als wir dann hierher ritten, haben wir es mitgenommen.«

»Ihr hättet draußen auf der Prairie bleiben sollen! Es ist hier nicht geheuer.«

»Wir blieben nicht dort, weil es sich hier besser lagert und weil wir glaubten, daß hier keine Gefahr zu befürchten sei; du wärest sonst ja schnell zurückgekommen, um uns zu warnen.«

»Es ist umgekehrt. Ich blieb so lange aus, weil wir uns hier in großer Gefahr befinden und ich lange Zeit brauchte, zu entdecken, worin dieselbe besteht. Old Shatterhand ist hier.«

»Das dachte ich. Hat mein Bruder ihn gesehen?«

»Ja.«

»Wir werden ihn fangen und unserm Häuptling bringen, dem er die Beine zerschmettert hat. Der Tod am Marterpfahle ist ihm gewiß. Wo befindet er sich denn?«

Also die Kiowas hatten uns nicht nach ihrem Dorfe locken wollen, sondern angenommen, daß wir zu Winnetou zurückkehren würden.

»Ob ihr ihn fangen werdet, das ist noch sehr ungewiß,« antwortete Santer.

»Es wird geschehen, denn diese Hunde haben nur dreißig Krieger bei sich, wir aber zählen über fünfmal zehn, und sie wissen nicht, daß wir da sind. Wir werden sie also vollständig überrumpeln.«

»Da irrst du dich gewaltig. Sie wissen, daß wir kommen wollen; sie wissen vielleicht sogar schon, daß ihr da seid, denn sie haben uns jedenfalls Späher entgegengesandt.«

»Uff! Sie wissen es?«

»Ja.«

»Dann können wir sie ja nicht überraschen!«

»Freilich nicht.«

»Es wird also, wenn wir sie angreifen, zum Kampfe kommen, welcher Blut kostet, denn Winnetou und Old Shatterhand sind jeder für zehn Krieger zu rechnen.«

»Ja, das sind sie. Der Tod Intschu tschunas und seiner Tochter hat sie jedenfalls mit Wut erfüllt; sie kochen Rache und werden sich wie tolle Hunde, wie wütende Raubtiere verteidigen. Aber unser müssen sie doch werden. Winnetou wenigstens muß ich auf alle Fälle fangen.«

»Warum ihn?«

»Der Nuggets wegen. Er ist nun wahrscheinlich der einzige, welcher den Fundort kennt.«

»Und wird ihn keinem Menschen verraten.«

»Auch dann nicht, wenn wir ihn gefangen nehmen?«

»Nein.«

»Ich martere ihn so lange, bis er mir das Geheimnis mitteilt.«

»Er wird dennoch schweigen. Dieser junge Hund der Apachen spottet aller Qualen. Und wenn er weiß, daß wir kommen, wird er sich hüten, in unsere Hände zu fallen.«

»O, ich weiß, wie wir es anfangen müssen, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.«

»Wenn du es weißt, so sage es uns!«

»Wir brauchen nur die Falle, welche sie uns gestellt haben, schlau zu benutzen.«

»Eine Falle haben sie uns gelegt? Welche?«

»Sie wollen uns in eine enge Schlucht locken, in welcher wir keinen Platz zur Verteidigung haben, und uns da gefangen nehmen.«

»Uff! Weiß mein Bruder Santer dies genau?«

»Ja.«

»Kennt er auch die Schlucht?«

»Ich bin drin gewesen.«

»Erzähle mir, wie du es erfahren hast!«

»Ich habe viel, sehr viel gewagt. Wenn man mich bemerkt hätte, so wäre ich jedenfalls dem gräßlichsten Martertode verfallen, und ich bin verteufelt froh, daß es so glücklich abgelaufen ist. Diesen guten Erfolg habe ich nur dem Umstande zu verdanken, daß ich den Weg nach dem Nugget-tsil schon einmal gemacht hatte und die Oertlichkeit da oben, wo die Gräber stehen, kannte.«

»Die Gräber? Winnetou hat also, so wie ich es vermutete, seine Toten da oben begraben?«

»Ja. Das war für mich sehr vorteilhaft, denn dadurch ist die Aufmerksamkeit der Apachen abgelenkt worden. Ich sagte mir selbstverständlich, daß sie droben auf der Lichtung seien, und nahm mich außerordentlich in acht. Ich habe schon manches durchgemacht und darf mich rühmen, kein unerfahrener Westmann zu sein; aber so vorsichtig wie heut bin ich doch noch nie gewesen. Ich ging natürlich nicht im offenen Tale, sondern im Walde an der Lehne desselben. Da, wo es rechts in die Schlucht hinaufgeht, hatten die Kerls ihre Pferde. Es war keine Kleinigkeit, hinaufzukommen, ohne sich der Schlucht als Weg zu bedienen, aber es gelang mir doch. Droben mußte ich diese Vorsicht noch verdoppeln und alle meine Schlauheit zusammennehmen. Ich hielt es nicht für möglich, unbemerkt bis zur Blöße vordringen zu können; aber die Apachen hatten nur Augen und Ohren für das Begräbnis, und so wagte ich mich bis hinter einen Felsen, der am Rande der Lichtung liegt. Von dort aus konnte ich alles beobachten.«

»Mein weißer Bruder ist sehr kühn gewesen; daß er noch lebt, hat er nur dem Begräbnisse zu verdanken.«

»Das sagte ich ja schon! Als die Gräber zugemacht worden waren, schickte Winnetou seine Leute fort, um die Pferde holen zu lassen.«

»Dort hinauf? Ist das nicht schwer?«

»Sehr mühevoll!«

»Dann muß er einen Grund dazu gehabt haben!«

»Allerdings. Wir sollen, wenn wir sehen, daß sie mit den Pferden da hinauf sind, ihnen mit den unserigen nachklettern und dann ihrer Fährte weiter folgen, welche in die Falle führt.«

»Warum vermutest du das?«

»Ich vermute es nicht, sondern ich weiß es; ich habe es gehört.«

»Von wem?«

»Von Winnetou. Als er seine Leute nach den Pferden geschickt hatte, war er mit Old Shatterhand allein; sie standen gar nicht weit von meinem Verstecke, und was sie miteinander sprachen, das habe ich gehört.«

»Uff! Es ist ein großes Wunder geschehen! Winnetou ist belauscht worden! Das ist nur dadurch möglich geworden, daß seine Gedanken nicht bei uns, sondern bei seinem Vater und seiner Schwester waren.«

»O, sie waren doch auch bei uns. Er hatte einen Späher auf die höchste Bergesspitze geschickt, der von einem Baume aus unsere Ankunft erforschen sollte.«

»Hat er sie bemerkt?«

»Nein; ich weiß wenigstens nichts davon. Du siehst also, wie gut es ist, daß ich allein vorausgeritten bin; als einzelner Reiter bin ich dem Auge dieses Spähers entgangen.«

»Ja, du hast sehr klug gehandelt. Erzähle weiter!«

»Als die Roten die Pferde brachten, wurde nicht länger gewartet; sie verließen die Lichtung, um jenseits derselben ins Tal herabzukommen. Ist man über dasselbe hinüber, so gelangt man in eine sehr schmale und lange Schlucht, deren Seiten nicht zu erklettern sind; da hinein sollen wir gelockt werden.«

»So beabsichtigt Winnetou wohl, den Ein- und Ausgang derselben zu verschließen, zu besetzen?«

»Ja. Natürlich aber erst dann, wenn wir hinein sind.«

»Da muß er seine Leute teilen. Die eine Hälfte reitet durch die Schlucht und wartet am Ende derselben auf uns, während die andere Hälfte zurückbleibt und sich versteckt, um dann hinter uns her zu folgen.«

»Das dachte ich auch.«

»Ist der Boden felsig oder grasig dort?«

»In der Schlucht felsig, vor derselben, also im Tale, aber grasig.«

»So muß die zweite Abteilung der Apachen, wenn sie sich versteckt, Spuren hinterlassen, welche wir bemerken werden. Wir würden also auf keinen Fall in die Falle gegangen sein.«

»O doch! Diese Kerls sind pfiffiger, als du denkst. Die zweite Abteilung ist nämlich nicht zurückgeblieben, sondern mit durch die Schlucht geritten.«

»Uff! Wie wollen sie uns da hinten und vorn einschließen?«

»Das fragte ich mich auch. Es gab nur eine einzige Antwort darauf, nämlich die, daß diese Abteilung nun auf einem andern Wege uns in den Rücken und wieder an die Schlucht gelangen will.«

»Da hat mein Bruder abermals sehr klug gedacht. Hast du diesen andern Weg entdeckt?«

»Ja. Ich bin zunächst auch in die Schlucht hinein, obgleich dies gefährlich war; aber ich mußte sie doch kennen lernen. Ganz hindurch konnte ich natürlich nicht, weil ich da auf die Apachen getroffen wäre, welche sie hinten besetzt hatten. Ich kehrte also sehr bald um, hatte sie aber noch nicht ganz verlassen, als ich eilige Schritte hörte. Glücklicherweise lagen mehrere hohe Steine an der Seite, hinter welche ich mich schnell niederducken konnte; ein Apache kam vorüber, er sah mich nicht.«

»Ob dies vielleicht der Späher von der Bergeshöhe gewesen ist?«

»Wahrscheinlich.«

»So hat er uns kommen sehen und eilte, dies Winnetou zu melden.«

»Vielleicht auch nicht. Winnetou hat, als er sein bisheriges Lager oben bei den Gräbern verließ, ihn davon benachrichtigt und ihm sagen lassen, daß er nachkommen soll.«

»Nein, denn da wäre derjenige bei ihm gewesen, der ihm diese Nachricht zu bringen hatte; er kam aber allein. Es ist also so, wie ich denke. Er hat unsere Ankunft bemerkt und sich so beeilt, Winnetou davon zu benachrichtigen. Wie gut, daß du noch Zeit fandest, dich zu verbergen! Was tatest du dann?«

»Ich überlegte. Wenn die Feinde uns in den Rücken kommen wollten, so geschah dies am leichtesten dadurch, daß sie an einer bequemen Stelle, wo wir vorüber mußten, heimlich auf uns warteten. Welche Stelle konnte das sein? Jedenfalls dieses Tal hier, in welchem wir uns befinden, und zwar der hintere Teil desselben, wo rechts die Schlucht zur Höhe geht. Wenn die Apachen sich dort diesseits unter den Bäumen verstecken, so müssen sie uns kommen sehen und können uns unbemerkt bis zur Falle folgen und diese hinter uns verschließen. Das sagte ich mir, und darum kehrte ich nach hier zurück und schlich mich dahin, wo ich glaubte, daß ich sie finden werde, falls meine Berechnung richtig sein sollte.«

»Und fandest du sie?«

»Nicht gleich, denn ich war eher dort als sie; aber ich hatte noch nicht lange gewartet, so kamen sie.«

»Wer? Hast du sie deutlich gesehen und gezählt?«

»Old Shatterhand war es, mit den beiden andern Weißen und etwas über zehn Indianern.«

»So befehligt also Winnetou die andere Abteilung, welche das Ende der engen Schlucht besetzt hält.«

»So ist es. Die Kerls setzten sich nieder. Ich hatte heut so viel gewagt und war glücklich dabei gewesen; darum wagte ich es auch noch, mich ganz nahe an sie hinanzuschleichen, um zu hören, was sie zu einander sagten.«

»Was sprachen sie?«

»Nichts. Als ich noch nicht ganz bei ihnen war, unterhielten sich die beiden anderen Weißen miteinander, aber nicht laut genug für mich; dann aber, als ich nahe genug war, sie zu verstehen, schwiegen sie. Die Apachen waren still, und auch Old Shatterhand sagte kein Wort. Ich lag so nahe hinter ihm, daß ich ihn beinahe mit der Hand berühren konnte. Wie würde er sich ärgern, wenn er das wüßte!«

Da hatte Santer sehr recht. Ich ärgerte mich, und wie! Dieser Mensch war wirklich ein ebenso schlauer wie verwegener Kerl! Winnetou und mich zu belauschen, als wir oben bei den Gräbern allein mit einander sprachen! Uns dann bis in die Schlucht zu folgen, unsern Plan vollends zu erraten und endlich gar noch da, wohin ich von Winnetou geschickt wurde, auf uns zu warten! Er hatte hinter mir gelegen, ja, ich hatte ihn sogar schon bei einem Zipfel seines Rockes festgehabt! Das war Pech, außerordentliches Pech, so großes Pech, wie sein Glück heut groß gewesen war! Wenn es mir gelungen wäre, ihn festzuhalten, so hätten, wie ich jetzt weiß, die Ereignisse für mich einen ganz andern Verlauf genommen; vielleicht hätte mein Leben überhaupt eine völlig andere Richtung bekommen. So hängt das Schicksal des Menschen scheinbar oft von einem Augenblicke, von einer einzigen, vielleicht gar nicht wichtigen Tat oder Unterlassung oder Begebenheit ab, aber auch nur scheinbar, denn über jedem seiner Kinder wacht der große Weltenlenker, ohne dessen Willen keine Sonne sich bewegt und kein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert.

Bei dem Aerger, den ich empfand, war es wenigstens eine kleine Genugtuung für mich, daß ich jetzt hier so viel erlauschte, während Santer bei uns gar nichts erfahren hatte.

»So nahe bist du diesem Hunde gewesen?« rief der Kiowa aus. »Warum hast du ihm dein Messer nicht von hinten in das Herz gestoßen?«

»Konnte mir nicht einfallen!«

»Warum nicht?«

»Weil ich dadurch alles verdorben hätte. Welch einen Lärm hätte das gegeben! Die Apachen wären zu Winnetou gerannt, und dieser hätte erfahren, daß sein Plan verraten ist. Da wäre es mir nicht mehr möglich gewesen, ihn zu fangen, und wie wollte ich dann zu den Nuggets kommen, welche ich haben muß!«

»Du wirst sie überhaupt nicht erhalten. Befindet sich Old Shatterhand noch dort, wo du ihn verlassen hast?«

»Ich hoffe es.«

»Du hoffst es nur? So ist es also möglich, daß er fort ist? Ich denke, er will auf uns warten!«

»Das wollte er; aber nun kann es sein, daß er diesen Vorsatz aufgegeben hat.«

»Welchen Grund könnte er dazu haben?«

»Er weiß, daß er beobachtet worden ist.«

»Uff! Wie konnte er es erfahren?«

»Durch ein Loch, durch ein fatales, verfluchtes Loch, welches sich im Erdboden befand, vielleicht von irgend einem Tier gegraben.«

»Können Löcher sprechen?«

»Unter Umständen, ja. Dieses wenigstens hat gesprochen. Ich wollte mich fortschleichen und drehte mich um. Dabei mußte ich das Körpergewicht auf die Hände legen und brach mit der rechten durch den weichen Boden in ein darunter befindliches Loch, wobei ein Geräusch entstand, welches Old Shatterhand hörte. Er drehte sich augenblicklich um und muß mich gesehen haben, denn als ich nun schnell aufsprang und fort wollte, war er ebenso rasch auf und hinter mir her. Beinahe hätte er mich erwischt, denn er ergriff meinen Rock; ich riß mich aber los und huschte nach der Seite. Er rief zwar, daß ich stehen bleiben solle, sonst werde er schießen, doch fiel es mir natürlich nicht ein, diese Dummheit zu begehen. Ich machte mich im Gegenteile noch tiefer in den Wald hinein, wo mir das Dunkel Sicherheit gewährte, und setzte mich da nieder, um zu warten, bis ich ohne Gefahr weiter konnte.«

»Was taten seine Leute?«

»Sie wollten wahrscheinlich mit nach mir suchen; aber er verbot es ihnen. Er befahl ihnen, bis zu seiner Wiederkehr zu bleiben, und suchte dann weiter. Ich hörte noch einige Augenblicke lang seine Schritte, dann wurde es still.«

»Er ging also fort?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Er wird nicht weit gelaufen sein und ist, als er einsah, daß ich nicht zu finden war, jedenfalls wieder umgekehrt.«

»Hat er dich erkannt?«

»Wohl kaum; dazu war es zu finster.«

»Vielleicht ist er gar hierhergegangen und steckt nun irgendwo, um uns zu beobachten!«

»Unmöglich! Er konnte ja gar nicht sehen, wohin ich dann ging. Er ist auf alle Fälle zu seinem Posten zurückgekehrt. Ich schlich, als ich lange genug gewartet hatte, mich fort, aus dem Walde hinaus und in das Freie, wo ich rascher laufen konnte. Da rief mich deine Wache an, und ich erfuhr, daß ihr euch hier befindet.«

Es trat jetzt eine Pause ein. Der Anführer hatte erfahren, was er wissen mußte, und schien nun darüber nachzudenken. Nach einiger Zeit hörte ich ihn fragen:

»Was gedenkt mein weißer Bruder nun zu tun?«

»Ich gedenke, zunächst zu erfahren, was du beschließen wirst.«

»Wie ich von dir hörte, ist es ganz anders geworden, als wir vermuteten. Wenn es uns gelungen wäre, die Apachen zu überrumpeln, so wären sie tot oder lebendig in unsere Hände gefallen, ohne daß es uns wohl Blut gekostet hätte. Nun aber erwarten sie uns. Old Shatterhand hat dich bemerkt; er weiß also, daß sein Plan verraten ist, und wird die größte Vorsicht anwenden. Es ist am besten, wir verlassen diese Gegend.«

»Verlassen? Fort willst du? Was fällt dir ein! Fürchtest du dich vor dieser handvoll Apachen?«

»Mein weißer Bruder wird mich nicht beleidigen wollen! Ich kenne keine Furcht; aber wenn ich einen Feind sowohl mit als auch ohne Blutvergießen in meine Hand bekommen kann, so wähle ich das letztere; das tut jeder kluge Krieger, auch wenn er sonst noch so tapfer ist.«

»Meinst du etwa, daß wir durch das Verlassen dieser Gegend diese Weißen und die Apachen fangen können?«

»Ja.«

»Oho! Möchte wissen, wie!«

»Sie werden uns verfolgen.«

»Das ist nicht so gewiß.«

»Es ist gewiß. Winnetou muß sich an dir rächen, und er weiß, daß du bei uns bist; er wird also keinen Augenblick von unserer Fährte lassen. Wir machen diese Spur mit Absicht so deutlich, daß sie leicht zu erkennen ist, und reiten direkt nach unserem Dorfe, wohin ich das gefangene Bleichgesicht Sam Hawkens geschickt habe.«

»Und du bist der Ansicht, daß die Apachen uns dorthin folgen werden?«

»Ja, sie werden sogar mit sehr großer Eile hinter uns her kommen.«

»Ah! Um mich zu fangen? Soll mir das etwa Freude machen? Ich soll mich wieder von ihnen jagen lassen, während ich hier die beste Gelegenheit habe, meine Absichten zu erreichen!«

»Du wirst hier nichts, gar nichts erreichen und befindest dich während unseres Rittes heimwärts nicht in der allergeringsten Gefahr.«

»Wenn sie uns aber einholen, ist die Gefahr für mich so groß, wie sie nur sein kann!«

»Sie werden uns aber nicht einholen, denn wir nehmen einen Vorsprung, welcher uns vor ihnen Sicherheit gibt. Wir brechen jetzt sofort auf, und sie können uns erst dann folgen, wenn sie bemerken, daß wir fort sind; das wird aber kaum vor morgen mittag sein.«

»Jetzt fort, jetzt gleich? Das gebe ich nicht zu. Was wird euer Häuptling sagen, wenn er erfährt, daß du einen so großen Vorteil, den du hier in den Händen hast, aufgibst, ohne dazu gezwungen zu sein. Bedenke das!«

Der Anführer nahm diese Verwarnung auf, ohne eine Antwort zu geben; sie machte also Eindruck auf ihn. Santer merkte das gar wohl und fuhr fort:

»Ja, wir befinden uns hier so im Vorteile, wie wir es durch deinen neuen Plan gar nicht erreichen können. Wir haben nichts weiter zu tun, als die Falle, welche man uns gestellt hat, umzudrehen, so daß die Apachen hineingehen.«

»Uff! Wie sollen wir das machen?«

»Wir greifen die beiden Abteilungen, welche uns in der Schlucht einschließen wollen, einzeln an, so daß wir gar nicht eingeschlossen werden können.«

»Da müßten wir erst Old Shatterhands Abteilung nehmen. Meinst du das?«

»Ja.«

»Wir ziehen also morgen an ihr vorüber und tun so, als ob wir gar nicht wüßten, daß sie uns folgt.«

»Nein. So lange brauchen wir gar nicht zu warten. Wir vernichten sie schon heut.«

»Uff! Mein weißer Bruder mag mir sagen, wie er das anfangen will!«

»Es ist so einfach und selbstverständlich, daß es eigentlich gar nicht notwendig sein sollte, es dir zu erklären. Ich kenne die Stelle, an welcher sich Old Shatterhand mit seinen Leuten jetzt befindet, doch ganz genau und führe euch hin. Die Augen der Kiowas sind an die Dunkelheit gewöhnt, und ihre Bewegungen gleichen denen der Schlange, die nicht gehört werden kann, wenn sie durch das Moos des Waldes gleitet. Wir umzingeln die drei Weißen mit ihren Apachen und fallen auf ein gegebenes Zeichen über sie her. Es kann uns ganz gewiß keiner von ihnen entgehen. Wir stechen sie nieder, ehe es ihnen nur einfällt, sich zur Wehr zu setzen.«

»Uff, uff, uff!« ließen sich einige der Zuhörer zustimmend vernehmen. Der Vorschlag Santers gefiel ihnen also.

Ihr Anführer war nicht so schnell mit seinem Urteile da, meinte aber auch nach einer kurzen Weile des Nachdenkens:

»Es kann allerdings gelingen, wenn wir recht vorsichtig verfahren.«

»Es kann nicht, sondern es muß gelingen! Die Hauptsache ist, daß wir sie völlig unhörbar umzingeln, und das ist ja gar nicht schwer. Dann gibt es einige sichere Messerstöße, und die Sache ist abgetan. Die Beute, welche wir diesen Kerls abnehmen, gehört euch; ich will nichts davon haben. Dann machen wir uns über Winnetou her.«

»Auch noch in der Nacht?«

»Nein, sondern am Morgen. Seine Person ist mir so wichtig, daß ich sie beim Angriffe in den Augen haben muß; dies ist aber bei Nacht nicht möglich. Wir machen es so, wie es die Apachen gemacht haben, wir teilen uns. Die eine Hälfte von uns führe ich noch während der Nacht in die Schlucht, in welcher wir gefangen werden sollen. Sie bleibt da, bis der Tag zu grauen beginnt, und dringt dann weiter vor, bis sie am Ende der Schlucht von Winnetou angegriffen wird, denn dieser wird denken, daß sich Old Shatterhand mit seinen Leuten hinter ihr befindet. Die andere Abteilung sucht mit mir beim ersten Tagesscheine den Weg, auf welchem Old Shatterhand hierher ins Tal zurückgekehrt ist; ich weiß, daß ich ihn sicher finden werde. Ich bin überzeugt, daß er erst grad durch den Wald und dann um den Fuß des Berges herum nach dem Ausgange der Schlucht führt, wo Winnetou hält. Dieser wird alle seine Aufmerksamkeit nach dem Innern der Schlucht richten und unsere erste Abteilung bemerken. Dabei und dadurch wird es ihm entgehen, daß wir uns ihm von hinten nähern. Er wird also so eingeschlossen, wie er uns einschließen wollte, und da er nur fünfzehn Mann oder wenig mehr bei sich hat, so muß er sich ergeben, wenn er nicht mit den Seinen vernichtet werden will. Das ist mein Plan.«

»Wenn er so ausgeführt werden kann, wie mein Bruder ihn entworfen hat, so ist er gut.«

»Er hat also deine Zustimmung?«

»Ja. Ich will Winnetou lebendig haben, um ihn dem Häuptling zu bringen, weiter nichts, und durch deinen Vorschlag können wir dies schon jetzt erreichen, ohne noch länger warten zu müssen.«

»So laß uns nicht zaudern, ihn auszuführen!«

»Old Shatterhand im Dunkel des Waldes zu umzingeln, ohne daß er es bemerkt, das ist sehr schwer. Ich werde dazu diejenigen meiner Krieger auswählen, welche auch des Nachts scharfe Augen haben und im Schleichen am geübtesten sind.«

Er begann, die Namen dieser Leute zu nennen, und da wurde es hohe Zeit für mich, zu meinen Leuten zurückzukehren, die ich sonst, wenn die Kiowas schnell aufbrachen, gar nicht warnen konnte. Ich glitt also von dem hohen Steine auf den niedrigen und von diesem auf den Boden herab und schlich mich fort. Als ich die oben erwähnte, vorstehende Buschecke hinter mir hatte, trat ich aus dem Walde ins Freie hinaus und rannte, wobei der Sternenschimmer mir hinreichend leuchtete, das Tal hinauf, bis ich mich parallel mit meinen Leuten befand. Da durchquerte ich den Waldesrand und traf sie an, mit großer Spannung meiner wartend.

»Wer kommt da?« fragte Dick Stone, als er meine Schritte hörte. »Seid Ihr es, Sir?«

»Ja,« antwortete ich.

»Wo habt Ihr denn so lange Zeit gesteckt? Nicht wahr, ein Kerl war da? Natürlich ein roter Kiowa, der auf einer Schleicherei zufällig auf uns stieß?«

»Nein; Santer ist's gewesen.«

»Alle Wetter! Dieser? Und wir haben ihn nicht ertappt! Rennt dieser Kerl uns da in die Hände, und wir greifen nicht zu! Sollte man das für möglich halten!«

»Es ist noch mehr vorgekommen, was eigentlich unmöglich sein sollte. Ich habe jetzt keine Zeit, es Euch zu sagen, denn wir müssen rasch von hier fort. Später werdet Ihr es hören.«

»Fort von hier? Warum?«

»Die Kiowas kommen, uns jetzt zu überfallen.«

»Ist das Euer Ernst, Sir?«

»Ja. Ich habe sie belauscht. Sie wollen uns jetzt hier auslöschen und dann morgen früh Winnetou angreifen. Sie kennen unsern Plan. Darum schnell fort von hier!«

»Wohin?«

»Zu Winnetou.«

»Mitten durch den dunklen Wald? Das wird Kopfstöße und Beulen geben.«

»Nehmt die Augen in die Hände! Also fort!«

Ein Gang des Nachts durch den weglosen Urwald ist freilich für die Schönheit des menschlichen Angesichts eine höchst gefährliche Sache, weil sie anstößig in des Wortes eigenster Bedeutung ist. Wir mußten, meiner Aufforderung gemäß, die ›Augen in die Hände nehmen‹, das heißt, uns weit mehr auf den Tastsinn als auf das Gesicht verlassen. Zwei tasteten mit ihren Händen voran, und die anderen folgten ihnen in der Weise, daß sich der Hintermann immer an dem Vordermanne anhielt. Es währte auf diese Weise über eine Stunde, bis wir den Wald hinter uns hatten; das Schwerste dabei war, die Richtung einzuhalten. Als wir uns dann im Freien befanden, ging es besser und schneller. Wir gingen um den Berg herum und auf die Schlucht zu, an deren Ausgange Winnetou lagerte.

Dieser hatte, wenigstens von der Seite aus, von welcher wir kamen, nichts Feindseliges zu erwarten, aber doch einen Posten ausgestellt, welcher uns mit lauter Stimme anrief. Ich antwortete ebenso laut; die Apachen erkannten diese Stimme und sprangen von der Erde auf.

»Mein Bruder Old Shatterhand kommt?« fragte Winnetou im Tone der Befremdung. »Da muß etwas geschehen sein. Wir haben vergeblich auf die Kiowas gewartet.«

»Sie wollen erst morgen früh kommen, doch nicht nur durch die Schlucht, sondern auch von dieser Seite, um euch zu vernichten.«

»Uff! Um dies zu beschließen, müßten sie erst dich besiegt haben und überhaupt wissen, was wir zu tun beabsichtigten.«

»Sie wissen es.«

»Unmöglich!«

»Sie wissen es wirklich. Santer ist oben bei den Gräbern gewesen und hat alles gehört, was du mir sagtest, als wir allein waren.«

Ich konnte das Gesicht Winnetous nicht erkennen, aber er antwortete mir nicht. Dieses momentane Schweigen verriet mir die Größe seines Erstaunens. Dann setzte er sich wieder nieder, forderte mich auf, neben ihm Platz zu nehmen, und sagte:

»Wenn du das weißt, mußt du ihn ebenso belauscht haben wie er uns.«

»Allerdings.«

»So sind unsere Berechnungen zunichte. Erzähle, was geschehen ist!«

Ich folgte dieser Aufforderung. Die Apachen drängten sich heran, um sich kein Wort entgehen zu lassen. Zuweilen wurde meine Rede durch ein erstauntes »Uff« unterbrochen; Winnetou aber schwieg, bis ich zu Ende war; dann fragte er:

»Mein Bruder Shatterhand hielt es unter diesen Umständen für das Allerbeste, seinen Posten aufzugeben?«

»Ja. Ich hätte allerdings noch zweierlei tun können, entweder das eine oder das andere, aber keins von beiden hätte mit der Sicherheit, die ich für notwendig hielt, zum Ziele geführt.«

»Was hätte dies sein können?«

»Erstens hätten wir, um nicht überfallen zu werden, uns nur eine Strecke zurückziehen und dann den Morgen abwarten können, anstatt uns ganz bis hierher zu entfernen.«

»Das wäre falsch gewesen, denn am Morgen hättet ihr über fünfzig Feinde gegen euch gehabt, und unser Plan wäre doch vereitelt gewesen. Was ist das zweite?«

»Wir hätten auf unserm Posten bleiben können. Als mir dieser Gedanke kam, hätte ich ihn gar zu gern ausgeführt. Santer wollte die Kiowas zu uns führen; er schlich ihnen also voran und mußte der erste sein, der bei uns ankam. Wenn ich scharf aufpaßte, mußte ich ihn kommen hören, konnte ihn durch einen Faustschlag betäuben und mich dann mit ihm davonmachen.«

»Mein Bruder ist ein kühner Krieger, aber eine solche Verwegenheit wäre ihm gewiß verderblich geworden. Mit Santer auf den Armen hättest du dich nicht schnell genug entfernen können und wärest überwältigt und getötet worden.«

»Das stand freilich zu erwarten; auch war es nicht so ganz sicher und gewiß, daß Santer der vorderste sein werde. Er konnte die Kiowas nur bis in die Nähe bringen und dann zurückbleiben, um sie die Arbeit machen zu lassen. Darum hielt ich es für das Allerbeste, dich aufzusuchen.«

»Daran hast du sehr recht getan. Mein Bruder handelt stets so, wie ich handeln würde, wenn ich mich an seiner Stelle befände.«

»Auch sagte ich mir, daß es geraten sei, zu dir zu gehen, weil wir nun besprechen können, was zu geschehen hat.«

»Was zu geschehen hat! Was wird mein Bruder Old Shatterhand uns da vorschlagen?«

»Hier kann man nicht eher einen Vorschlag machen, als bis man weiß, was die Kiowas unternommen haben, nachdem sie bemerkten, daß wir nicht mehr da waren.«

»Muß man dies erst erfahren? Kann man es nicht vielleicht auch erraten?«

»Ja, erraten kann man es, aber das Erraten bietet nie die Sicherheit wie das Sehen und Hören, das wirkliche Erfahren. Man kann sich irren.«

»Hier nicht. Die Kiowas sind keine Kinder, sondern erwachsene Krieger; sie werden von allem, was hier möglich ist, das Klügste tun, und das ist nur eins.«

»Sie reiten fort? Nach ihrem Dorfe?«

»Ja. Wenn sie dich nicht angetroffen haben, so wissen sie, daß Santers Absicht nun nicht auszuführen ist, und der Anführer wird wieder auf seinen Vorschlag zurückkommen. Ich bin überzeugt, daß sie es aufgeben, uns hier noch anzugreifen.«

»Santer wird doch versuchen, sie dazu zu bereden!«

»Das tut er gewiß, aber niemand wird auf ihn hören. Sie reiten fort.«

»Und wir? Was tun da wir? Reiten wir, wie sie erwarten, ihnen nach?«

»Oder ihnen voran!«

»Auch gut! Da kommen wir ihnen vor und können sie überrumpeln.«

»Ja, das könnten wir; aber es gibt etwas weit Besseres. Wir müssen Santer haben, und wir wollen Sam Hawkens befreien. Unser Weg führt uns also nach dem Dorfe Tanguas, wo sich Hawkens in Gefangenschaft befindet; aber es braucht nicht ganz derselbe Weg zu sein, den diese Kiowas von hier aus einschlagen. Diesen müssen wir vermeiden, weil man uns auf demselben erwartet. Wenn wir ihn einschlagen, können wir nicht unbemerkt bleiben, und dies ist doch erforderlich, wenn wir das, was wir beabsichtigen, erreichen wollen.«

»Kennt mein Bruder Winnetou das Dorf des Häuptlings Tangua?«

»Ja.«

»Und weißt du ganz genau, wo es liegt?«

»So genau, wie ich die Lage meines eigenen Pueblo kenne. Es liegt am Salt Fork des Red River-Nordarmes.«

»Also südöstlich von hier?«

»Ja.«

»So werden wir aus Nordwesten erwartet und sollten es ermöglichen, von der entgegengesetzten Richtung, also aus Südosten, zu kommen.«

»Das ist es, was auch ich will. Mein Bruder Shatterhand hat stets dieselben Gedanken wie ich. Es ist ganz so, wie Intschu tschuna, mein Vater, sagte, als wir das Blut der Brüderschaft miteinander getrunken hatten: ›Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands!‹ So hat er gesprochen, und so ist es geschehen. Sein Auge blickte in unsere Herzen und es sah unsere Zukunft offen. Es wird ihn auch in den ewigen Jagdgründen freuen und seine Seligkeit erhöhen, daß seine Vorhersagung so eingetroffen ist. Howgh!«

Er schwieg bewegt, und alle, die wir uns bei ihm befanden, achteten dieses Schweigen. Es war ein stummer und doch so beredter Ausdruck der Pietät, die der Sohn seinem toten Vater widmete. Erst nach einigen Minuten räusperte er sich wie verlegen über die Rührung, der er sich hingegeben hatte, und fuhr fort:

»Ja, wir werden das Dorf Tanguas aufsuchen, doch nicht auf dem geraden und kürzesten Wege, den die Kiowas einschlagen, sondern sein Gebiet umreiten, damit wir von der anderen Seite kommen. Diese ist unbewacht, und da kann uns das, was wir beabsichtigen, leichter gelingen. Es fragt sich nur, wann wir von hier aufbrechen sollen. Wie denkt Old Shatterhand hierüber?«

»Wir könnten sogleich fortreiten; der Weg ist weit, und je früher wir ihn antreten, desto eher kommen wir an das Ziel. Aber ich möchte doch nicht raten, dies zu tun.«

»Warum nicht?«

»Weil wir nicht wissen, wann die Kiowas diese Gegend verlassen.«

»Wahrscheinlich schon heut abend.«

»Das nehme auch ich als wahrscheinlich an; aber möglich ist es doch, daß es erst morgen geschieht. Es erscheint mir auch als noch gar nicht so ausgeschlossen, daß sie doch wieder auf den Gedanken kommen, uns noch anzugreifen. Auf alle Fälle müssen wir, wenn wir eher fortgehen als sie, darauf gefaßt sein, daß sie unsere Fährte entdecken und derselben folgen. Dann merken oder erraten sie, was wir vorhaben, und vereiteln es.«

»Mein Bruder spricht abermals meine Gedanken aus. Wir müssen hier bleiben, bis sie fort sind; dann sind wir sicher, daß sie uns nicht schaden können. Aber an dem Platze, wo wir uns jetzt befinden, dürfen wir die Nacht nicht zubringen, denn wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß sie uns hier aufsuchen; das darf ihnen nicht gelingen.«

»Dann müssen wir uns aber nach einer Stelle begeben, von welcher aus wir, wenn es Tag wird, diesen Schluchtausgang beobachten können.«

»Ich weiß einen solchen Ort. Meine Brüder mögen ihre Pferde bei den Zügeln nehmen und mir folgen!«

Wir holten unsere Pferde, welche in der Nähe weideten, und folgten ihm in die Prairie hinaus. Nach einigen hundert Schritten kamen wir an eine größere Baumgruppe, hinter welcher wir wieder Halt machten. Hier konnten wir lagern, ohne von den Kiowas, wenn sie es ja noch in dieser Nacht auf uns abgesehen haben sollten, aufgefunden zu werden. Und wenn der Morgen anbrach, lag uns die Schlucht gegenüber, und es war leicht, alles zu beobachten, was etwa dort geschah.

Die Nacht war ebenso kalt wie die vorigen Nächte; ich wartete, bis mein Pferd sich legte, und lagerte mich dann so an seinen Leib, daß er mich erwärmte. Das Tier lag so ruhig, als wüßte es, welchen Dienst ich von ihm verlangte, und ich wachte bis zum Morgen nur einmal auf.

Wir kamen, als es hell geworden war, nicht hinter den Bäumen hervor und beobachteten die Schlucht weit über eine Stunde lang. Es regte sich nichts da drüben. Darum hielten wir es nun für angezeigt, nach den Kiowas zu forschen. Für den Fall, daß sie doch noch da waren, mußten wir vorsichtig sein und uns ihnen heimlich nähern; dies erforderte aber viel Zeit; darum machte ich Winnetou den Vorschlag:

»Sie sind über die Prairie nach dem Nugget-tsil gekommen und werden den Berg jedenfalls auf demselben Wege verlassen. Warum da mühsam nach ihnen suchen! Wenn wir die Berge bis nach der Stelle umreiten, auf welcher sie dein Späher gestern erblickte, müssen wir unbedingt sehen, ob sie fort sind oder nicht. Warum lange Zeit auf etwas verwenden, was man viel kürzer und mühelos erreichen kann!«

»Mein Bruder hat das Richtige getroffen. Wir werden nach seinen Worten handeln.«

Wir stiegen auf unsere Pferde und ritten in einem nach Süden gerichteten und nach Westen ausgebogenen Halbkreise um die Berge. Dies war derselbe Weg, nur rückwärts, den die Apachen geritten waren, als wir nach der Spur Santers suchten, nachdem er die Flucht ergriffen hatte. Als wir dann die südlich von dem Nugget-tsil liegende Prairie erreichten, kam es so, wie ich gedacht hatte: Wir sahen zwei große, starke Fährten; die von gestern führte in das Tal hinein, und die von heut nacht kam aus demselben heraus; die Kiowas waren also fort; darüber war kein Zweifel möglich. Trotzdem ritten wir, um ganz sicher zu gehen, in das Tal hinein und untersuchten dasselbe so weit nach hinten, bis uns auch die dortigen Spuren vollständig überzeugten, daß es von den Kiowas verlassen worden war.

Nun folgten wir ihrer neuen, von dem Nugget-tsil wegführenden Fährte, welche mit der herbeiführenden zusammenfiel und so scharf ausgeprägt war, daß wir die Absicht, sie uns zu zeigen, gar nicht verkennen konnten. Sie wollten eben, daß wir ihnen folgen sollten, und hatten sich darum selbst an Stellen, an denen sonst keine Spur zurückgeblieben wäre, geradezu Mühe gegeben, deutliche Eindrücke zu hinterlassen. Winnetou ließ ein kleines Lächeln um seine Lippen spielen und sagte:

»Diese Kiowas sollten uns doch kennen und grad darum ihre Spur verbergen, die wir dennoch entdecken würden. Daß sie dies nicht tun, muß doch unser Mißtrauen erwecken. Sie wollen sehr klug handeln, tun aber das Gegenteil, weil sie kein Gehirn in den Köpfen haben.«

Er sagte dies so laut, daß es auch der gefangene Kiowa hörte, den wir selbstverständlich noch immer bei uns hatten. Und sich direkt an diesen wendend, fügte er hinzu:

»Du wirst wahrscheinlich sterben müssen, denn wenn wir Sam Hawkens nicht frei bekommen, oder wenn wir erfahren, daß er gequält worden ist, werden wir dich töten; aber falls dies nicht geschieht und wir dir die Freiheit wiedergeben sollten, so sage euren Kriegern, daß sie wie kleine Knaben handeln, welche noch nichts gelernt haben und ausgelacht werden müssen, wenn sie sich als Erwachsene gebärden. Es wird uns nicht einfallen, diesen ihren Spuren weiterzufolgen.«

Er lenkte diesen Worten gemäß von der nach Südosten führenden Fährte ab, indem er sich grad östlich wendete. Wir befanden uns zwischen dem Quellgebiete des südlichen Canadian und demjenigen des nördlichen Red River-Armes, und es war Winnetous Absicht, diesen letzteren aufzusuchen.

Die Pferde derjenigen Apachen, welche Santer mit mir verfolgt hatten, waren ziemlich angegriffen; darum konnte unser Ritt nicht so schnell von statten gehen, wie wir es wünschten. Dazu kam, daß der Proviant, den wir mitgenommen hatten, fast zur Neige ging. Sobald er zu Ende war, sahen wir uns auf die Jagd angewiesen, und dies mußte bei der Absicht, welche wir verfolgten, uns zum großen Nachteile gereichen, denn erstens nahm es unsere Zeit, von der wir eigentlich keine Stunde zu versäumen hatten, in Anspruch, und zweitens konnten wir während der Jagd die Vorsicht nicht anwenden, welche unbedingt geboten war; wir waren gezwungen, Spuren zu machen und zurückzulassen, was wir sonst vermieden hätten.

Glücklicherweise trafen wir am Spätnachmittage auf einen kleinen Bisontrupp. Das waren Nachzügler der großen Büffelherden, die ihre Wanderung nach Süden schon vollendet hatten. Wir schossen zwei Kühe und bekamen von ihnen so viel Fleisch, daß wir für eine ganze Woche versehen waren und nun nur noch an den eigentlichen Zweck unsers Rittes zu denken brauchten.

Am nächsten Tage erreichten wir den nördlichen Arm des Red River, dem wir abwärts folgten. Er führte wenig Wasser, doch waren die Ufer grün, während wir bisher verdorrtes Büffelgras unter uns gehabt hatten. Das gab Futter für unsere Pferde.

Der Salt Fork kommt aus westlicher Richtung und mündet also von rechts her in den Red River. In dem Winkel, der dadurch gebildet wird, lag damals das Kiowa-Dorf, dessen Häuptling Tangua war. Wir befanden uns auf der anderen, der linken Seite des ›roten Flusses‹ und konnten darum wohl hoffen, nicht gesehen zu werden, ritten aber dennoch, als wir die Mündungsgegend des Salt Fork erreichten, einen weiten Bogen, um eine halbe Tagesreise unterhalb derselben wieder an den Red River zu kommen. Aus weiteren Vorsichtsgründen benutzten wir dazu die Nacht, und es war am frühen Morgen, als wir den Fluß wieder vor uns sahen. Wir befanden uns nun so, wie wir beabsichtigt hatten, auf der entgegengesetzten Seite der Richtung, aus welcher wir von den Kiowas erwartet wurden, und suchten eine versteckte Stelle auf, um da von dem nächtlichen Ritte auszuruhen. Nur für Winnetou und mich gab es keine Erholung, denn er wollte rekognoszieren, und forderte mich auf, ihn zu begleiten.

Während unser bisheriger Weg uns stromabwärts geführt hatte, mußte dieses Auskundschaften nun stromaufwärts vorgenommen werden, und zwar auf dem jenseitigen Ufer. Wir mußten also über den Fluß hinüber, was uns selbst dann, wenn er mehr Wasser gehabt hätte, nicht schwer geworden wäre.

Natürlich bewerkstelligten wir den Uebergang nicht in der Nähe unseres Lagers, weil dieses leicht entdeckt werden konnte, wenn später jemand auf unsere Fährte traf und derselben aus irgend einem Grunde folgte. Wir ritten vielmehr noch ein Stück flußabwärts, bis wir an einen Wasserlauf kamen, welcher in den Red River mündete. In diesen trieben wir unsere Pferde und ritten im Wasser gegen den Strom desselben. Da gingen unsere Spuren verloren. Nach einer halben Stunde verließen wir dieses Gerinne und lenkten die Pferde auf die Prairie, um, nun nach dem Red River zurückkehrend, diesen an einer Stelle zu erreichen, welche sich einige englische Meilen oberhalb unsers Lagers befand.

Dieser Umweg mit seinem Spurenverbergen war zeitraubend gewesen, aber die Mühe, welche wir darauf verwendet hatten, wurde schneller belohnt, als wir hatten denken können. Wir hatten nämlich den Fluß noch nicht wieder erreicht, sondern befanden uns noch auf der Prairie, da sahen wir zwei Reiter, welche wohl ein ganzes Dutzend Packtiere bei sich hatten. Sie kamen uns nicht gerade entgegen, sondern ihre Richtung führte sie rechts an uns vorüber. Der eine ritt vor und der andere hinter den wohlbeladenen Mauleseln, und wenn wir ihre Gesichter auch nicht erkennen konnten, so mußten wir nach ihrer Kleidung Weiße in ihnen vermuten.

Sie sahen uns auch und hielten an. Es wäre höchst auffällig gewesen, wenn wir vorüber geritten wären; wir konnten im Gegenteile Nützliches von ihnen erfahren, denn sie kamen jedenfalls aus dem Dorfe der Kiowas. Schaden konnten sie uns wohl kaum, und unsere Fährte zu suchen, um zu erfahren, woher wir gekommen waren, das fiel ihnen wohl auch nicht ein, da sie viel nördlicher auf den kleinen Wasserlauf treffen mußten als da, wo wir ihn verlassen hatten. Darum fragte ich Winnetou:

»Gehen wir hin?«

»Ja,« antwortete er. »Es sind Bleichgesichter, Händler, welche mit den Kiowas ein Tauschgeschäft gemacht haben. Aber sie dürfen nicht wissen, wer wir sind.«

»Gut! Ich bin der Unterbeamte eines Indianeragenten und muß in dieser Eigenschaft zu den Kiowas, verstehe aber ihre Sprache nicht; darum habe ich dich mitgenommen. Du bist ein Pawnee-Indianer.«

»So ist es gut. Mein Bruder mag mit diesen beiden Bleichgesichtern sprechen.«

Wir ritten auf sie zu. Sie hatten, wie man bei Begegnungen im wilden Westen stets zu tun pflegt, ihre Gewehre zur Hand genommen und sahen uns erwartungsvoll entgegen.

»Tut eure Büchsen weg, Mesch'schurs,« forderte ich sie auf, als wir sie ziemlich erreicht hatten. »Wir haben nicht die Absicht, euch anzubeißen.«

»Würde euch auch schlecht bekommen,« antwortete der eine von ihnen. »Wir können nämlich auch beißen. Zu den Gewehren haben wir nicht etwa aus Angst gegriffen, sondern weil es so Gebrauch ist und weil ihr uns verdächtig vorkommt.«

»Verdächtig? Wieso?«

»Nun, wenn zwei Gentlemen, von denen der eine ein weißer und der andere ein roter ist, so allein in der Prärie herumreiten, dann sind sie gewöhnlich Spitzbuben. Dazu ist euer Habit ein ganz indianisches. Sollte mich wundern, wenn ihr ehrliche Kerle wäret!«

»Danke Euch für diese Aufrichtigkeit! Es ist immer nützlich, zu wissen, was andere von einem halten. Kann Euch aber versichern, daß Ihr Euch irrt.«

»Möglich. Eine Galgenvisage habt ihr nicht; das ist richtig. Kann mir auch ganz gleichgültig sein, ob ihr früher oder später irgendwo aufgehangen werdet, denn da bekommt ihr den Strick an euern und nicht an meinen Hals. Vielleicht habt ihr die Gewogenheit, uns zu sagen, woher ihr kommt?«

»Ganz gern. Wir haben keinen Grund, heimlich damit zu tun. Wir kommen vom False Washita herüber.«

»So! Und wo wollt ihr hin?«

»Ein wenig zu den Kiowas.«

»Zu welchen?«

»Zu dem Stamme, dessen Häuptling Tangua heißt.«

»Das ist nicht weit von hier.«

»Weiß es. Das Dorf liegt zwischen dem Red River und dem Salt Fork.«

»Richtig! Aber wenn ihr einen guten Rat annehmen wollt, so kehrt schnell wieder um und laßt euch vor keinem Kiowa sehen.«

»Warum?«

»Weil es eine schlechte Angewohnheit ist, sich von den Roten umbringen zu lassen.«

»Pshaw! Habe mir das bisher noch nicht angewöhnt und werde es auch später niemals tun.«

»Was später geschieht, kann niemand wissen. Meine Warnung ist gut gemeint und hat ihren Grund. Wir kommen nämlich von Tangua. Derselbe hat die löbliche Absicht, jeden Weißen, der in seine Hände fällt, auszulöschen und auch jeden Roten, der kein Kiowa ist.«

»Dann ist er ja ein außerordentlich wohlmeinender Gentleman! Hat er euch das selbst gesagt?«

»Jawohl, und zwar wiederholt.«

»Der Spaßvogel!«

»Oho! Es war ihm ungeheuer ernst dabei!«

»Ernst? Wirklich? Wie komme ich da zu dem Vergnügen, euch so hübsch lebendig und bei guter Gesundheit vor mir zu sehen? Er will jeden Weißen umbringen und auch jeden Roten, wie ihr behauptet. Habe euch auch für Weiße gehalten. Solltet ihr vielleicht Neger sein?«

»Macht keine dummen Witze! Uns tut er nichts; mit uns hat er eine Ausnahme gemacht, weil wir alte, gute Bekannte von ihm sind und schon viele Male in seinem Dorfe waren. Wir sind nämlich Trader, wie ihr wohl schon erraten habt, und zwar ehrliche Trader, nicht solche Halunken, welche die Roten mit ihren Waren betrügen und sich dann nicht wieder bei ihnen sehen lassen dürfen. Darum heißt man uns überall willkommen. Die Roten brauchen doch unsere Waren und werden also nicht so dumm sein, einem ehrlichen Kerl, auf den sie sich verlassen können und von dem sie Nutzen haben, an den Kragen zu gehen. Euch aber werden sie kalt machen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Werde wohl warm bleiben, denn ich meine es auch ehrlich mit ihnen und suche sie eben jetzt auf, um ihnen Nutzen zu bringen.«

»So? Dann sagt uns doch einmal, was Ihr seid und was Ihr bei ihnen wollt.«

»Ich gehöre zur Agentur.«

»Zur Agentur? Hört, das ist ja noch viel schlimmer! Nehmt es mir nicht übel, aber ich will Euch um Euertwillen offen sagen, daß die Roten grad auf die Agenten gewaltig schlecht zu sprechen sind, weil weil«

Er zögerte, fortzufahren, darum ergänzte ich seine Rede:

»Weil sie so oft von ihnen betrogen worden sind. Das meint Ihr wohl. Ich gebe dies zu.«

»Freut mich ungemein, aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß ihr Agenten Spitzbuben seid!« lachte er. »Grad die Kiowas sind bei den letzten Lieferungen großartig übers Ohr gehauen worden. Wenn Ihr die Absicht habt, ein wenig zu Tode gemartert zu werden, so reitet hin; es wird Euch sofort geholfen werden.«

»Kann darauf verzichten, Sir. Ich sage Euch, daß die Kiowas mich zwar nicht gut empfangen, dann aber um so größere Freude haben werden, wenn ich ihnen sage, was ich bei ihnen will. Ich habe es nämlich durchgesetzt, daß der Fehler, welcher gemacht worden ist, ausgebessert wird. Sie werden nachgeliefert bekommen, und ich will ihnen eben sagen, wo sie die Waren in Empfang nehmen sollen.«

»Alle Wetter, was seid Ihr da für ein weißer Rabe!« rief er erstaunt aus. »In diesem Falle werden sie Euch freilich nichts tun. Aber warum habt Ihr da einen Roten bei Euch?«

»Weil ich den Dialekt der Kiowas nicht verstehe; er ist mein Dolmetscher, ein Pawnee, den Tangua auch kennt.«

»Well! Dann ist ja alles in bester Ordnung, und meine Warnung war überflüssig. Aber ich hatte guten Grund dazu, denn Tangua ist förmlich wütend auf alles, was nicht Kiowa heißt.«

»Warum?«

»Hat in letzter Zeit verdammt schlechte Erfahrungen gemacht. Die Apachen sind in sein Gebiet eingefallen und haben ihm mehrere hundert Stück Pferde gestohlen. Er hat sie natürlich verfolgt; aber weil sie drei- oder viermal mehr Krieger hatten als er, ist er geschlagen worden. Dies wäre trotz ihrer Uebermacht nicht geschehen, wenn nicht eine Gesellschaft von weißen Westmännern den Apachen geholfen hätte. Einer von diesen Leuten hat den Häuptling zum Krüppel geschossen. Heißt Old Shatterhand, dieser Mann, ein Kerl, der den stärksten Menschen mit der Faust zu Boden schlägt. Wird ihm aber nicht gut bekommen.«

»Nicht? Wollen sich die Roten rächen?«

»Natürlich. Tangua ist durch beide Knie geschossen worden, ein fürchterliches Schicksal für einen Kriegshäuptling! Er schäumt förmlich vor Wut und wird nicht eher ruhen, als bis er diesen Old Shatterhand und Winnetou in seine Hände bekommen hat.«

»Winnetou? Wer ist das?«

»Ein junger Apachenhäuptling, der mit einer kleinen Kriegerschar ungefähr zwei Tagesritte von hier gelagert hat. Die Weißen sind bei ihm, und eine Anzahl Kiowas ritten hin, um diese Kerls in ihr Dorf zu locken.«

»Hm! Werden diese Weißen und diese Apachen so dumm sein, in die Falle zu gehen?«

»Wahrscheinlich. Tangua ist überzeugt davon und hat die Gegend, durch welche sie kommen müssen, besetzen lassen. Diese Leute sind unbedingt verloren. Mich geht das eigentlich gar nichts an, aber weil Weiße dabei sind, habe ich mich aus dem Staube gemacht. Ich wäre wohl noch einige Tage bei Tangua geblieben, aber zuzusehen, wie Weiße zu Tode gemartert werden, das ist mein Gusto nicht.«

»Wäre es Euch denn nicht möglich gewesen, ihnen Hilfe zu bringen?«

»Nein, selbst dann nicht, wenn ich gewollt hätte. Aber warum soll ich meine gesunden Hände, die ich brauche, in fremde Feuer stecken und sie mir verbrennen! Ich bin, sozusagen, Geschäftsfreund der Kiowas, und es fällt mir nicht ein, mir dadurch bei ihnen zu schaden, daß ich mich ihrer Feinde annehme. Ich bin so gutherzig gewesen, einen kleinen Versuch zu riskieren, habe aber schleunigst davon ablassen müssen, denn Tangua bellte mich an wie ein wütender Kettenhund.«

»Das läßt sich denken, denn es war ja noch gar nicht die Zeit dazu, sich der Gefangenen anzunehmen, weil sie eben noch nicht gefangen waren. Ihr hättet warten sollen.«

»O, einer war doch schon gefangen, ein Weißer von den Leuten Old Shatterhands. Ein sonderbarer Kerl, der immer nur lachte, und gar nicht so tat, als ob er den Tod vor Augen habe.«

»Ihr habt ihn gesehen?«

»Ich sah ihn bringen und wohl eine Stunde lang gefesselt an der Erde liegen. Dann wurde er nach der Insel gebracht.«

»Nach einer Insel? Die also als Gefängnis dient?«

»Ja. Sie liegt im Salt Fork, einige Schritte vom Dorfe und wird gut bewacht.«

»Habt Ihr mit dem Gefangenen gesprochen?«

»Einige Worte. Ich fragte ihn, ob ich vielleicht etwas für ihn tun könne. Da lachte er mich freundlich an und sagte, er hätte so großen Appetit nach Buttermilch, ob ich nicht nach Cincinnati reiten und ihm ein Glas voll holen wolle. Ein ganz närrischer Kerl. Ich sagte ihm, daß seine Lage nicht zum Lachen sei; da kicherte er mich wieder an und meinte, ich solle mich nur nicht um ihn sorgen, denn dazu seien ganz andere Leute da. Dennoch bat ich beim Häuptling für ihn, wurde aber hundegrob abgewiesen. Er wird übrigens nicht schlecht behandelt, denn Old Shatterhand hat einen gefangenen Kiowa als Geisel bei sich. Nur Santer gibt sich Mühe, ihm das bißchen Leben, welches er noch haben wird, schwer zu machen.«

»Santer? Dem Namen nach ein Weißer! Sind denn außer euch noch andere Weiße bei den Kiowas gewesen?«

»Nur dieser eine, der sich Santer nennt. Ein Kerl, der mir widerwärtig ist. Er kam gestern mit den Roten hier an, welche Winnetou herbeigelockt haben, und machte sich gleich über den Gefangenen her. Werdet ihn ja auch kennen lernen, wenn Ihr nachher in das Dorf kommt.«

»Wißt Ihr denn, was er eigentlich bei Tangua will?«

»Nein. Habe ihn zwar begrüßt, aber dann nicht wieder beachtet, weil ihm meine Gegenwart nicht zu gefallen schien. Hätte es von den Roten erfahren können, habe aber nicht gefragt. Was mich nichts angeht, das nehme ich nicht in den Mund; das ist mein Grundsatz, mit welchem ich am besten vorwärts komme.«

»Ist dieser Santer der Gast des Häuptlings, oder hat er ein besonderes Zelt?«

»Es ist ihm eines angewiesen worden, nicht etwa gleich neben demjenigen des Häuptlings, was die gewöhnliche Auszeichnung für gern gesehene Gäste ist, sondern eine alte Lederhütte, die fast am Ende des Dorfes liegt. Er scheint also beim Häuptlinge nicht in besonderer Gunst zu stehen.«

»Wißt Ihr vielleicht, wie der weiße Gefangene heißt?«

»Sam Hawkens, ein fast berühmter Westmann trotz seiner Drolligkeit. Tut mir leid, daß er ausgelöscht werden soll, kann ihm aber nicht helfen. Vielleicht hört der Häuptling auf Euch mehr, als er auf mich gehört hat, wenn Ihr ein gutes Wort für ihn einlegt.«

»Werde es versuchen. Könnt Ihr mir die Lage des Zeltes, in welchem Santer wohnt, nicht genauer angeben?«

»Wozu? Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr hinkommt. Es ist das vierte oder fünfte, flußaufwärts gerechnet. Glaube nicht, daß Euch der Mann gefallen wird; hat ein Galgengesicht. Hütet Euch vor ihm! Ihr seid trotz Eures Amtes noch sehr jung und werdet mir einen guten Rat nicht übelnehmen. Ich muß nun weiter. Lebt wohl, und kommt heiler Haut wieder von hier fort!«

Sollte ich ihn halten, um mehr zu erfahren? Da hätte ich ihm aufrichtig sagen müssen, wer wir waren und was wir wollten, und das erschien mir doch gewagt. Winnetou war auch dieser Ansicht, denn er ritt weiter und sagte mit unterdrückter Stimme:

»Es ist genug. Mein Bruder mag nicht weiter fragen, denn dies würde diesen Leuten auffallen, welche Freunde der Kiowas sind.«

»Ich glaube auch, daß wir genug erfahren haben. Wir wissen mit ziemlicher Genauigkeit, wo Hawkens steckt und auch wo Santer wohnt, und werden beide finden. Wie weit reiten wir jetzt?«

»So weit, bis uns diese beiden Händler aus den Augen sind; dann kehren wir nach unserm Lager um. Das Zusammentreffen mit ihnen war für uns sehr vorteilhaft. Um das auszukundschaften, was wir von ihnen erfahren haben, hätten wir uns in große Gefahr begeben müssen. Nun wissen wir, woran wir sind, und werden heut abend miteinander das Dorf der Kiowas beschleichen.«

Die beiden Trader kamen uns nach und nach aus den Augen. Sie mußten langsam reiten, weil sie so viele Packtiere bei sich hatten. Ich erfuhr später, wie verhängnisvoll ihnen das geworden war. Ebenso erfuhr ich, daß sie bei den Kiowas Felle verschiedener Pelztiere eingetauscht hatten. Der, welcher mit uns gesprochen hatte, war der eigentliche Händler, der andere nur sein Gehilfe gewesen. Nun, da sie fort waren und uns nicht mehr sahen, kehrten wir auf demselben Wege, auf welchem wir gekommen waren, nach unserm Lager zurück und gaben uns unterwegs wieder alle Mühe, unsere Spuren zu verbergen.

Dick Stone und Will Parker waren mit dem Erfolge unserer Rekognoszierung sehr zufrieden. Besonders freuten sie sich darüber, daß ihr kleiner Sam sich verhältnismäßig wohl befand und seine unverwüstliche gute Laune noch besaß. Sie baten uns, sie heut abend mitzunehmen, doch Winnetou schlug ihnen diesen Wunsch ab, indem er erklärte:

»Meine beiden weißen Brüder mögen heut noch dableiben, denn wir werden auf diesem Gange Sam Hawkens wohl schwerlich befreien können. Dies kann wahrscheinlich erst morgen geschehen, und da werdet ihr dabei sein.«

Unser Versteck war ein verhältnismäßig gutes; aber wir befanden uns mitten auf feindlichem Gebiete, und der Zufall konnte leicht einen oder einige Kiowas an die Uferstelle führen, wo wir lagerten. Darum schlug Winnetou vor:

»Ich kenne eine Insel, welche eine kleine Strecke abwärts mitten im Flusse liegt. Sie hat Büsche und Bäume, die uns verbergen werden. Dorthin wird niemand kommen. Meine Brüder mögen sich mit mir nach dieser Insel begeben.«

Wir verließen also unser Lager und ritten am Flusse hinunter, bis wir die Insel sahen. Das Wasser war hier tief und hatte ein ziemliches Gefälle, doch kamen wir auf unsern Pferden ganz gut hinüber, wo es sich zeigte, daß Winnetou recht gehabt hatte: die Insel war groß und auch bewachsen genug, um uns und unsern Pferden vollständige Deckung zu gewähren.

Ich machte mir zwischen den Büschen ein Lager zurecht und schlief, denn es war vorauszusehen, daß in der nächsten Nacht von einem Schlafe keine Rede sein werde. Nicht daß es keine Zeit oder Gelegenheit dazu gegeben hätte, sondern des Wassers wegen.

Sam Hawkens war auf einer kleinen Insel interniert, die ich beschleichen wollte. Da mußte ich in das Wasser. Ja, schon vorher, gleich beim Aufbruche, mußte ich mit Winnetou von unserer Insel an das Ufer schwimmen, wobei wir vollständig durchnäßt werden mußten. Wir standen in der Mitte des Dezember, und das Wasser war also kalt; wer hätte da in den durchnäßten Kleidern schlafen können.

Als es dunkel geworden war, wurden wir geweckt, denn auch Winnetou hatte geschlafen. Es war Zeit, nach dem Dorfe aufzubrechen. Wir legten die nicht durchaus notwendigen Kleidungsstücke ab und ließen auch alles, was wir in den Taschen hatten, zurück. Von unsern Waffen nahmen wir nur die Messer mit. Dann sprangen wir in den Fluß und schwammen nach dem rechten Ufer desselben, weil wir von diesem aus an den Salt Fork gelangen konnten. Als wir eine kleine Stunde lang an diesem Ufer aufwärts gegangen waren, kamen wir an die Stelle, wo der Salt Fork in den Red River-Arm mündete, und hatten dem ersteren nur wenige hundert Schritte nach links zu folgen, bis wir die Feuer des Dorfes sahen. Es lag hart am linken Ufer des Salt-Fork, während wir uns auf dem rechten befanden. Wir mußten also hinüber.

Dies taten wir aber nicht gleich, sondern wir schritten erst langsam, natürlich diesseits, die ganze Länge des jenseits liegenden Dorfes ab. Das Wort Dorf bezeichnet hier nicht den europäischen Begriff, eine Ansammlung von festen Häusern, bei denen und um welche Gärten und Felder liegen. Von Gärten und Feldern gab es hier keine Spur, und die Wohnungen bestanden jetzt aus dicken Lederzelten, während die Roten im Sommer leinene zu bewohnen pflegen.

Fast vor jedem Zelte brannte ein Feuer, an welchem die Bewohner saßen, um sich zu wärmen und ihr Abendessen zu bereiten. Das größte Zelt stand ungefähr in der Mitte des Dorfes. Der Eingang war mit Lanzen geschmückt, an denen Adlerfedern und sonderbar gestaltete Medizinen hingen. An dem dort befindlichen Feuer saß Tangua, der Häuptling, mit einem jungen, vielleicht achtzehnjährigen Indianer und zwei Knaben, welche zwölf und vierzehn Jahre zählen mochten.

»Diese drei sind seine Söhne,« sagte Winnetou. »Der älteste ist sein Liebling und wird ein tapferer Krieger werden. Sein Lauf ist so rasch, daß er den Namen Pida bekommen hat, was Hirsch bedeutet.«

Auch Frauen gingen geschäftig ab und zu, doch ist es bei den Indianern den Frauen und Töchtern nicht erlaubt, mit den Männern und Söhnen zu essen. Sie essen später und müssen nehmen, was übrig bleibt, dafür aber alle, selbst die schwerste, Arbeit verrichten.

Ich suchte nach der Insel. Der Himmel hing schwarz voller Wolken und kein Stern war zu sehen, doch die Feuer ermöglichten es uns, drei Inseln zu erkennen, welche in geringen Entfernungen voneinander am Ufer lagen.

»Auf welcher mag sich Sam befinden?« fragte ich.

»Wenn mein Bruder das wissen will, so mag er an das denken, was der Trader gesagt hat,« antwortete Winnetou.

»Daß die Insel nahe am Ufer liege? Die erste und die dritte liegen weiter hüben nach uns zu; es wird also die zweite, die mittlere, sein.«

»Wahrscheinlich. Und da rechts ist das untere Ende des Dorfes, wo im vierten oder fünften Zelte Santer wohnt. Wir werden nicht beisammen bleiben, sondern uns trennen. Ich habe es auf den Mörder meines Vaters und meiner Schwester abgesehen und werde also seine Wohnung auskundschaften. Sam ist mehr dein Gefährte als der meinige, darum wirst du nach ihm forschen.«

»Und wo treffen wir uns wieder?«

»Hier, an der Stelle, wo wir auseinander gehen.«

»Wenn nichts Ungewöhnliches geschieht, können wir das; aber wenn zufälligerweise einer von uns bemerkt werden sollte, wird ein großer Aufruhr entstehen; da müssen wir einen andern Ort bestimmen, einen Ort, der weiter entfernt von dem Dorfe ist.«

»Unser Vorhaben ist nicht leicht; deine Aufgabe ist noch schwerer als die meinige, denn du mußt nach der Insel schwimmen, wo du von den Wächtern leicht gesehen werden kannst. Man wird dich also leichter entdecken als mich. Sollte man dich dabei ergreifen, so werde ich dir beispringen; kommst du aber frei, so kehrst du nach unserer Insel zurück, aber auf einem Umwege, damit sie die Richtung deiner Flucht nicht entdecken.«

»Aber morgen früh werden sie die Spuren sehen!«

»Nein, denn wir werden sehr bald Regen bekommen, welcher die Spuren auslöscht.«

»Gut! Und wenn du Unglück haben solltest, haue ich dich heraus.«

»Das wird nicht geschehen, wenn nicht ein böser Zufall spielt. Schau hinüber! Vor der fünften Hütte brennt kein Feuer; sie wird Santer gehören, denn er ist nirgends zu sehen und wird drinliegen und schlafen. Es ist also sehr leicht, zu erfahren, wie es mit ihm steht.«

Nach diesen Worten ging er fort, rechts von mir weg, ein Stück den Fluß hinunter, um dann außerhalb des Dorfbereiches hinüberzuschwimmen und jenseits heimlich nach den Zelten zurückzukehren.

Ich mußte es anders anfangen. Ich hatte ein Ziel, welches im Bereiche des Feuerscheines lag; das war bös. Ich durfte mich nicht auf der Oberfläche des Wassers sehen lassen, mußte die Insel also tauchend erreichen. Das ging aber auf direktem Wege sehr schwer. Unter Wasser bis hinüber zu kommen, das getraute ich mir wohl, aber wie nun, wenn ich grad vor einem Wächter auftauchte? Nein, ich mußte erst nach der benachbarten Insel, auf welcher sich wahrscheinlich niemand befand. Sie, die erste, lag vielleicht zwanzig Meter von der zweiten, mittlern, auf welche ich es abgesehen hatte, entfernt. Also konnte ich von ihr aus wahrscheinlich sehen, wie die Verhältnisse auf der zweiten waren.

Ich ging also eine Strecke flußaufwärts und richtete mein Auge so scharf wie möglich nach der obersten Insel. Es war dort nicht die geringste Bewegung zu bemerken; also befand sich wahrscheinlich niemand drüben. Da stieg ich langsam in das Wasser, tauchte unter und schwamm hinüber. Ich kam glücklich drüben an und schob zunächst nur den Kopf bis an den Mund, um Atem zu holen, aus dem Wasser. Ich befand mich am oberen Ende der ersten Insel und sah da, daß es eine noch bessere Weise, meine Aufgabe zu lösen, gab, als ich drüben gedacht hatte.

Die Insel, an deren Rande ich im Wasser stand, war vielleicht auch zwanzig Meter vom Flußufer entfernt, wo eine ganze Reihe von Kanoes angebunden waren. Diese Kähne konnten mir vortrefflich Deckung geben. Ich tauchte also wieder unter und schwamm nach dem ersten Kanoe, von da nach dem zweiten, dritten und so weiter, bis ich, hinter dem sechsten steckend, der mittlern Insel so nahe war, daß ich sie überblicken konnte.

Sie lag dem Lande näher als die beiden andern Inseln und hatte niedriges Buschwerk, welches zwei Bäume überragten. Von dem Gefangenen und seinen Wächtern konnte ich nichts sehen. Eben wollte ich wieder untertauchen, um hinüberzuschwimmen, als ich über mir auf dem hohen Ufer ein Geräusch hörte. Ich sah hinauf. Ein Indianer kam herabgestiegen. Es war Pida, der ›Hirsch‹, der Häuptlingssohn. Glücklicherweise stieg er schräg herab nach einem weiter abwärts hängenden Kanoe, so daß er mich nicht sah. Er sprang in dieses Boot, band es los, und ruderte sich nach der mittlern Insel. Da konnte ich noch nicht hinüber; ich mußte warten.

Bald hörte ich Leute drüben sprechen und erkannte die Stimme meines kleinen Sam. Ich mußte hören, was sie redeten, und schwamm unter Wasser nach einem weiteren Kanoe. Es gab deren so viele da, daß jeder selbständige Dorfbewohner eines zu besitzen schien. Als ich wieder auftauchte und, hinter diesem Kanoe verborgen, dem Gespräche lauschte, hörte ich den Sohn des Häuptlings sagen:

»Tangua, mein Vater, will es wissen!«

»Fällt mir nicht ein, es zu verraten!« antwortete Sam.

»Dann wirst du zehnfache Qualen erdulden müssen!«

»Laß dich nicht auslachen! Sam Hawkens, und Qualen erdulden, hihihihi! Dein Vater hat mich schon einmal martern lassen wollen, dort am Rio Pecos, bei den Apachen. Was ist die Folge davon gewesen? Kannst du mir das sagen?«

»Daß Old Shatterhand, dieser Hund, ihn zum Krüppel gemacht hat!«

»Well! So ähnlich wird es auch hier werden. Ihr könnt mir nichts anhaben.«

»Wenn du das im Ernste sagst, so ist der Wahnsinn in deinem Kopfe eingezogen. Wir haben dich fest, und du kannst uns nicht entrinnen. Bedenke, daß dein ganzer Körper mit Riemen umschnürt ist, so daß du kein Glied bewegen kannst!«

»Ja; diese Fesselung habe ich dem guten Santer zu verdanken und befinde mich ganz wohl dabei!«

»Du leidest Schmerzen, ich weiß es; aber du gibst es nicht zu. Außer dieser Umschnürung bist du an den Baum festgebunden, und es sitzen bei Tag und bei Nacht vier Krieger hier, dich zu bewachen. Wie willst du entkommen?«

»Das ist meine Sache, geliebter Junge! Jetzt gefällt es mir noch hier; warte also, bis ich fort will; dann könnt ihr mich nicht halten.«

»Wir würden dich frei lassen, wenn du uns sagtest, wohin er gehen wird.«

»Ich sage es aber nicht. Ich weiß schon, wie es geht. Der gute Santer ist so freundlich gewesen, mir die Geschichte zu erzählen, um mir Angst zu machen, was ihm aber nicht gelungen ist. Ihr seid nach dem Nugget-tsil geritten, um Old Shatterhand und Winnetou zu fangen. Lächerlich! Old Shatterhand zu fangen, der mein Schüler ist hihihihi!«

»Aber du, sein Lehrer, hast dich doch von uns fangen lassen?«

»Nur so zum Zeitvertreib. Ich wollte gern einmal einige Tage bei euch sein, weil ich euch so lieb habe, wenn ich mich nicht irre. Also ihr habt den Ritt vergeblich gemacht und bildet euch nun ein, daß Winnetou mit seinen Apachen und Old Shatterhand euch nachlaufen werden. So ein unsinniger Gedanke ist mir doch noch nicht vorgekommen! Heut seht ihr ein, daß ihr euch verrechnet habt. Sie sind nicht gekommen, und ihr wißt nicht, wo sie stecken. Da soll ich euch nun sagen, wohin Old Shatterhand geritten sein kann. Ihr denkt, daß ich das wissen muß. Und ich will es dir aufrichtig sagen, daß ich es auch weiß.«

»Nun, wohin?«

»Pshaw! Du wirst es sehr bald erfahren, ohne daß ich es dir sage, denn«

Er wurde durch ein lautes Geschrei unterbrochen; ich verstand leider die Worte nicht, aber der Tonfall war so, wie wenn man bei uns hinter einem Flüchtlinge her: ›Haltet ihn auf, haltet ihn auf!‹ ruft, und dazu wurde der Name Winnetou gebrüllt.

»Hörst du, wo sie sind!« rief Hawkens frohlockend. »Wo Winnetou ist, da ist auch Old Shatterhand. Sie sind da sie sind da!«

Das Gebrüll verdoppelte sich im Dorfe, und ich hörte die Indianer laufen. Sie hatten Winnetou gesehen, aber noch nicht erwischt. Das machte mir einen großen Strich durch die Rechnung. Ich sah, daß der Sohn des Häuptlings sich auf der Insel hoch aufrichtete und nach dem Ufer blickte. Dann sprang er in sein Kanoe und rief den vier Wächtern zu:

»Nehmt die Gewehre zur Hand und tötet dieses Bleichgesicht sofort, wenn sich jemand sehen läßt, es zu befreien.«

Dann ruderte er sich dem Ufer zu. Ich hatte Sam schon heut, falls es nur einigermaßen möglich war, losmachen wollen; dies konnte nun freilich nicht geschehen. Selbst wenn ich es hätte wagen wollen, nur mit dem Messer bewaffnet, mit den vier Roten anzubinden, so hätte das seinen augenblicklichen Tod zur Folge gehabt; sie hätten Pida gehorcht und Hawkens ermordet.

Aber da kam mir ein Gedanke, noch viel schneller, als Pida das Ufer erreichen konnte. Er war der Lieblingssohn des Häuptlings. Wenn ich ihn in meine Hand bekam, konnte ich ihn dann gegen Sam auswechseln. Dieser Gedanke war wohl beinahe verrückt, aber das kam in diesem Augenblicke nicht in Betracht. Es galt nur, den jungen Häuptling so, daß es niemand sah, zu ergreifen.

Ein einziger Blick zeigte mir, daß die Situation günstig sei. Winnetou war nach dem Red River zu entflohen, also nach links, während unser Lager sich rechts unten auf der Insel befand. Das war klug von ihm, denn er führte dadurch die Verfolger irre. Von dorther, wohin er floh, erscholl das Geschrei der Roten, die ihm nachrannten, und dorthin hatten die vier Wächter ihre Gesichter gerichtet; sie kehrten mir fast ihre Rücken zu, und weiter war niemand da.

Der Häuptlingssohn erreichte mit seinem Kanoe das Ufer, wollte es anbinden und dann forteilen; er bückte sich. Da tauchte ich bei ihm auf; ein Fausthieb streckte ihn nieder; ich warf ihn ins Kanoe, sprang selbst hinein und ruderte fort, gegen den Strom und hart am Ufer hin. Der tolle Streich war gelungen. Oben im Dorfe gab es keinen Menschen, der auf mich achtete, und die Wächter blickten noch immer in die entgegengesetzte Richtung.

Ich legte mich mit allen Kräften in das Zeug, um möglichst schnell aus dem Bereiche des Dorfes zu kommen; dann, als der Schein der Feuer mich nicht mehr traf, ruderte ich mich an das rechte Ufer des Salt Fork, wo ich den ohnmächtigen Häuptlingssohn in das Gras legte. Dann schnitt ich den Riemen, mit welchem das Kanoe angebunden zu werden pflegte, los, um mit demselben den Gefangenen zu fesseln, und gab dem Kahne einen Stoß, daß er fortschwamm; er sollte nicht zum Verräter an mir werden. Als ich Pidas Arme ihm fest an den Leib gebunden hatte, nahm ich ihn auf die Achsel und trat die Rückkehr nach unserer Insel an.

Das war ein schweres Stück Arbeit, nicht etwa, weil mir die Last, die ich trug, zu schwer wurde, sondern weil er mir nicht gutwillig folgen wollte, als er wieder zu sich gekommen war. Ich mußte ihm öfters mit dem Messer drohen. Seine Waffen hatte ich ihm natürlich abgenommen.

»Wer bist du?« fragte er endlich wütend. »Ein räudiges Bleichgesicht, welches Tangua, mein Vater, schon morgen ergreifen und verderben wird!«

»Dein Vater wird mich nicht ergreifen; er kann ja gar nicht gehen,« antwortete ich.

»Aber er hat unzählige Krieger, welche er nach mir aussenden wird!«

»Eure Krieger verlache ich. Es kann leicht jedem von ihnen so ergehen, wie es deinem Vater ergangen ist, als er es wagte, mit mir zu kämpfen.«

»Uff! Du hast mit ihm gekämpft?«

»Ja.«

»Wo?«

»Da, wo er niederstürzte, als er meine Kugel in beide Beine bekam.«

»Uff, uff! So bist du Old Shatterhand?« fragte er erschrocken.

»Wie kannst du da erst fragen! Ich habe dich doch mit der Faust niedergeschlagen. Wer anders als Winnetou und Old Shatterhand konnten es wagen, mitten in euer Dorf zu dringen und den Sohn des Häuptlings herauszuholen!«

»Uff! So werde ich sterben; aber ihr sollt keinen Laut des Schmerzes aus meinem Munde hören.«

»Wir töten dich nicht. Wir sind keine solchen Mörder wie ihr. Wenn dein Vater die beiden Bleichgesichter herausgibt, welche sich bei euch befinden, lassen wir dich frei.«

»Santer und Hawkens?«

»Ja.«

»Er wird sie herausgeben, denn sein Sohn ist ihm mehr wert als zehnmal zehn Hawkens, und auf Santer wird er gar nicht achten.«

Von jetzt an weigerte er sich nicht mehr, mit mir zu gehen. Die Prophezeiung Winnetous ging in Erfüllung, denn es begann zu regnen, und zwar so sehr, daß es ganz unmöglich für mich war, die Uferstelle zu finden, welche unserer Insel gegenüberlag. Ich suchte also einen recht dicht belaubten Baum auf, um unter demselben entweder das Ende des Regens oder den Anbruch des Tages zu erwarten.

Das war eine sehr langweilige Geduldsprobe. Der Regen wollte nicht aufhören und der Morgen nicht erscheinen. Ich hatte nur den einen Trost, daß ich nässer, als ich war, nicht werden konnte, nämlich bis auf die Haut; aber diese Nässe war so kalt, daß ich zuweilen aufstand, um mich durch freiturnerische Bewegungen zu erwärmen. Mich dauerte der junge Häuptlingssohn, der so still liegen mußte; aber er war viel abgehärteter als damals ich.

Endlich wurden meine beiden Wünsche zu gleicher Zeit erfüllt: der Regen hörte auf, und der Tag begann zu grauen. Aber es lag ein dichter, schwerer Nebel ringsumher. Doch wurde es mir nicht schwer, die Uferstelle zu finden. Ich rief ein lautes Hallo hinüber.

»Halloo!« antwortete sofort die Stimme Winnetous. »Ist's mein Bruder Shatterhand?«

»Ja.«

»So komm! Warum rufst du erst! Das ist gefährlich.«

»Ich habe einen Gefangenen. Schicke einen guten Schwimmer und einige Riemen herüber!«

»Ich komme selbst.«

Wie freute ich mich darüber, daß er nicht in die Hände der Kiowas gefallen war! Bald sah ich seinen Kopf zwischen Nebel und Wasser erscheinen. Als er an das Ufer trat und den Indianer sah, sagte er erstaunt:

»Uff! Pida, der Sohn des Häuptlings! Wo hat mein Bruder ihn ergriffen?«

»Am Flußufer, nicht weit von Hawkens' Insel.«

»Hast du Hawkens gesehen?«

»Nein; aber ich hörte ihn mit diesem schnellen ›Hirsch‹ reden. Ich hätte noch mit ihm gesprochen und ihn wohl auch befreit, aber da wurdest du entdeckt, und ich mußte also fort.«

»Es war ein böser Zufall, für den ich nicht konnte. Ich hatte Santers Zelt fast erreicht, da kamen einige Kiowas, welche vorüber wollten. Ich durfte nicht aufspringen und wälzte mich zur Seite. Da blieben sie stehen und sprachen miteinander; dabei fiel das Auge des einen auf mich und sie taten die vier Schritt zu mir hin. Da mußte ich freilich auf und fort. Der Schein der Feuer zeigte ihnen meine Gestalt, und sie erkannten mich. Ich floh aufwärts anstatt abwärts, um sie irre zu führen, schwamm über den Fluß und entkam. Aber Santer habe ich freilich nicht gesehen.«

»Du wirst ihn bald zu sehen bekommen, denn dieser junge Krieger hier ist darauf eingegangen, sich gegen Santer und Sam Hawkens auswechseln zu lassen, und ich bin überzeugt, daß der Häuptling darauf eingehen wird.«

»Uff! Das ist gut; das ist sehr gut! Mein Bruder Shatterhand hat kühn, ja fast tollkühn gehandelt, indem er Pida gefangen nahm, aber es war das Beste, was für uns geschehen konnte.«

Wenn ich gesagt hatte, daß er Santer bald zu sehen bekommen werde, so sollte dies noch viel eher geschehen, als ich gedacht hatte. Wir banden den Gefangenen so an und zwischen uns fest, daß seine Schultern die unserigen berührten und sein Kopf also, obgleich ihm die Arme gebunden waren, über Wasser bleiben mußte; mit den Beinen konnte er uns beim Schwimmen helfen. Dann gingen wir in den Fluß. Pida leistete uns dabei keinen Widerstand, sondern stieß, als wir den Grund unter den Füßen verloren hatten, in gleichem Takte mit den Beinen kräftig aus.

Der Nebel lag so dicht auf dem Wasser, daß wir nicht sechs Manneslängen weit sehen konnten, aber bekanntlich hört man im Nebel um so besser. Wir waren noch gar nicht weit vom Ufer entfernt, da sagte Winnetou:

»Mach leise! Ich habe etwas gehört.«

»Was?«

»Ein Geräusch wie von Rudern, welche in das Wasser getaucht werden, da aufwärts von uns.«

»So bleiben wir halten!«

»Ja; horch!«

Wir machten jetzt nur diejenigen geringen Bewegungen, welche notwendig waren, uns über Wasser zu halten, und verursachten also kein Geräusch. Ja, Winnetou hatte richtig gehört; es kam jemand den Fluß herabgerudert. Er mußte Eile haben, da er trotz des Gefälles, welches der Fluß hier hatte, sich auch noch der Ruder bediente.

Er kam rasch näher. Sollten wir uns sehen lassen oder nicht? Es konnte ein feindlicher Späher sein; vielleicht aber war es vorteilhaft für uns, zu wissen, wer er war. Ich warf Winnetou einen fragenden Blick zu; er verstand denselben und antwortete leise:

»Nicht zurück! Ich will wissen, wer er ist. Er wird uns wohl nicht sehen, weil wir ganz still auf dem Wasser liegen.«

Es stand allerdings zu erwarten, daß wir unbemerkt bleiben würden, denn wir hatten ja nur die Köpfe über Wasser. Wir schwammen also nicht zurück. Pida war ebenso gespannt wie wir; er hätte uns durch einen Hilferuf verraten können, tat dies aber nicht, weil er wußte, daß ihm ohnedies die Freiheit sicher war.

Jetzt war uns der Ruderschlag ganz nahe, und ein indianisches Kanoe tauchte aus dem Nebel auf. In diesem saß wer? Wir hatten still bleiben wollen, aber als Winnetou den Mann erblickte, stieß er den lauten Ruf aus:

»Santer! Er entflieht!«

Mein sonst so ruhiger Freund wurde durch das so plötzliche Erscheinen seines Todfeindes so aufgeregt, daß er die Arme und Beine mit aller Gewalt ausstieß, um auf das Kanoe zuzuschwimmen, wurde aber dadurch zurückgehalten, daß er mit uns oder vielmehr mit Pida zusammengebunden war.

»Uff! Ich muß los; ich muß hin, muß ihn haben!« rief er, indem er sein Messer zog und den Riemen zerschnitt, mit welchem er an Pida hing.

Santer hatte natürlich den Ausruf Winnetous gehört; er richtete sein Gesicht sofort zu uns herüber und sah uns.

»Thousand devils!« schrie er erschrocken auf. »Da sind ja diese«

Er hielt inne. Der Ausdruck des Schreckes wich aus seinem Gesicht und machte dem der Schadenfreude Platz; er hatte unsere Situation erkannt, warf das Ruder ins Kanoe, griff nach seinem Gewehre, richtete es auf uns und rief:

»Eure letzte Wasserpartie, ihr Hunde!«

Er drückte glücklicherweise grad in dem Augenblicke los, in welchem sich Winnetou von uns freigemacht hatte und mit gewaltigen Stößen auf das Boot zuschoß; dadurch erhielt ich mit Pida einen Ruck, welcher uns von dem Punkte, nach welchem Santer gezielt hatte, entfernte, und die Kugel ging fehl.

Das was ich jetzt von Winnetou sah, war kein Schwimmen, sondern viel eher ein auf dem Wasser Hinschnellen zu nennen. Er hatte sein Messer zwischen die Zähne genommen und flog auf den Feind in weiten Sätzen zu, wie ein ricochettierender Stein, den man flach gegen das Wasser wirft. Santer hatte im zweiten Lauf noch einen Schuß, hielt dem Apachen die Mündung entgegen und rief hohnlachend:

»Komm her, verdammte Rothaut! Ich schicke dich zum Teufel!«

Er glaubte, leichtes Spiel zu haben und nur losdrücken zu brauchen, hatte sich aber in Winnetou geirrt, denn dieser tauchte sofort unter, um von unten an das Kanoe zu kommen und es umzustürzen. Wenn ihm dies gelang, so konnte dem in das Wasser stürzenden Santer sein Gewehr nichts mehr helfen, und es mußte zu einem Ringkampf kommen, in welchem der gewandte Apache jedenfalls Meister blieb. Das sah er ein, legte die Büchse schnell weg und ergriff das Ruder wieder. Es war die höchste Zeit für ihn gewesen, denn kaum hatte er es in Bewegung gesetzt, so kam Winnetou an der Stelle empor, an welcher sich das Kanoe im vorhergehenden Augenblicke befunden hatte. Santer gab den Angriff auf, brachte sich durch einige kräftige Ruderschläge aus der gefährlichen Nähe seines ergrimmten Feindes und schrie:

»Hast du mich, Hund? Ich heb' die Kugel auf fürs nächste Wiedersehen!«

Winnetou arbeitete mit allen Kräften, ihn doch noch zu erreichen, doch vergeblich. Kein Schwimmer, und wäre er der erste Champion der Welt, kann ein Boot einholen, welches durch Ruder im reißenden Wasser abwärts getrieben wird.

Der ganze Vorgang hatte sich in Zeit von kaum einer halben Minute abgespielt, und doch erschienen, als Santer eben im Nebel wieder verschwand, schon einige Apachen, welche die lauten Rufe und den Schuß gehört hatten und sofort von der Insel in das Wasser gesprungen waren, um uns zu Hilfe zu kommen. Ich rief sie zu mir, um mir zu helfen, Pida nach der Insel zu bringen. Als wir diese erreichten und ich den Kiowa von mir losbinden ließ, gebot Winnetou seinen Leuten:

»Meine roten Brüder mögen sich alle schnell fertig machen! Santer ist soeben in einem Kanoe den Fluß hinunter, und wir müssen ihm nach.«

Er war so aufgeregt, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte.

»Ja, wir müssen ihm nach, augenblicklich nach,« stimmte ich bei. »Aber was wird aus Sam Hawkens und unsern beiden Gefangenen?«

»Die überlasse ich dir,« antwortete er.

»So soll ich hier bleiben?«

»Ja. Ich muß diesen Santer, den Mörder meines Vaters und meiner Schwester, haben; du aber bist verpflichtet, Sam Hawkens, der dein Gefährte ist, zu befreien; wir müssen uns also trennen.«

»Auf wie lange?«

Er überlegte nur einige Augenblicke und sagte dann:

»Wann wir uns wiedersehen werden, das weiß ich jetzt nicht. Des Menschen Wunsch und Wille ist dem großen Geist untertan. Ich glaubte, länger bei meinem Bruder Shatterhand sein zu können, doch Manitou hat jetzt plötzlich dagegen gesprochen; er will es anders haben. Weißt du, warum Santer fort ist?«

»Ich kann es mir denken. Wir sind nicht in die uns gestellte Falle gegangen, und man hat dich gestern abend gesehen. Man weiß also, daß wir hier sind und nicht ruhen werden, bis wir Santer ergriffen und Hawkens befreit haben. Da hat Santer Angst bekommen und sich aus dem Staube gemacht.«

»Ja; aber es kann sogar noch anders sein. Der Sohn des Häuptlings ist verschwunden, und dies bringen die Kiowas natürlich mit unserm Erscheinen in Verbindung; sie nehmen an, daß er in unsere Hände geraten ist. Darüber ist Tangua ergrimmt und hat seinen Zorn an Santer, der an allem schuld ist, ausgelassen und ihn fortgejagt.«

»Auch das ist wahrscheinlich. Santer wird haben hören müssen, daß ihm die Kiowas keinen Schutz mehr gewähren.«

»Und warum hat er den Wasserweg gewählt und auf sein Pferd verzichtet?«

»Aus Furcht vor uns. Er hatte Sorge, auf uns zu treffen, und wenn dies auch nicht geschah, so konnten wir seine Fährte entdecken und ihr folgen. Darum ist er im Kanoe fort, welches er wohl gegen sein Pferd ertauscht hat. Er ahnte natürlich nicht, daß wir uns hier auf der Insel befinden und gerade durch seine Vorsicht zur Kenntnis seiner Flucht gelangen würden. Nun er uns gesehen hat, weiß er, daß wir ihm folgen werden, und wird tüchtig rudern, um schnell fortzukommen. Glaubst du, daß ihr ihn zu Pferde einholen könnt?«

»Es ist schwer, aber doch möglich. Wir müssen die Windungen des Flusses abschneiden.«

»Das geht aber nicht. Ich mache meinen Bruder Winnetou darauf aufmerksam, daß dies ein Fehler sein würde.«

»Warum?«

»Weil er leicht auf den Gedanken kommen kann, den Fluß zu verlassen und die Flucht zu Lande fortzusetzen; da ist die Gewißheit, euch zu entgehen, größer. Da ihr nun nicht wißt, nach welcher Seite er in diesem Falle aus dem Wasser geht, so müßt ihr euch teilen, um dem Red River auf beiden Ufern zu folgen.«

»Mein Bruder hat recht. Wir werden das tun, was er gesagt hat.«

»Ihr müßt dabei sehr aufmerksam sein, damit euch die Stelle, an welcher er landet, nicht entgehe, und das erfordert leider Zeit. Auch könnt ihr die Krümmungen nicht abschneiden, denn was für das eine Ufer eine Ausbiegung ist, das ist für das andere eine Einbiegung, und während die eine Abteilung von euch einen Bogen abschnitte, würde die andere am gegenüberliegenden Ufer einen desto größeren Umweg zu machen haben, und ihr kämet infolgedessen auseinander.«

»Es ist so, wie mein Bruder sagt, und wir sind also gezwungen, allen Krümmungen des Flusses zu folgen. Da dürfen wir jetzt keine Minute versäumen.«

»Wie gern würde ich mit euch reiten; aber es ist wirklich meine Pflicht, für Sam Hawkens zu sorgen; ich darf ihn nicht verlassen.«

»Ich werde nie etwas von dir wünschen, was gegen deine Pflicht ist. Du darfst nicht mit. Aber wenn der große Geist es will, werden wir uns in einigen Tagen wiedersehen.«

»Wo?«

»Wenn du von hier fortreitest, so richte deinen Weg nach dem Zusammenflusse dieses Stromes hier mit dem Rio Bosco de Natchitoches. Da, wo der vereinte Strom beginnt, am linken Ufer desselben, wirst du einen meiner Krieger finden, falls ein Zusammentreffen möglich ist.«

»Und wenn ich keinen Krieger dort sehe?«

»Da bin ich noch hinter Santer her und weiß nicht, wohin er flieht, kann dir also auch nicht sagen lassen, wohin du kommen sollst. Dann reise mit deinen drei Gefährten nach St. Louis zu den Bleichgesichtern, welche den Pfad des Feuerrosses bauen wollen. Aber ich bitte dich, zu uns zurückzukehren, sobald der gute Manitou es dir erlaubt. Du bist im Pueblo am Rio Pecos stets willkommen, und sollte ich nicht dort sein, so wirst du erfahren, wo ich zu finden bin.«

Während dieses unseres Gespräches hatten seine Apachen sich zum Ritte bereit gemacht. Er gab Dick Stone und Will Parker die Hand, um sich von ihnen zu verabschieden, und wendete sich dann mir wieder zu:

»Mein Bruder weiß, wie froh unsere Herzen waren, als wir unsern Ritt am Rio Pecos begannen; er hat Intschu tschuna und Nscho-tschi den Tod gebracht. Wenn du einst zu uns zurückkehrst, wirst du nicht die Stimme der schönsten Tochter der Apachen hören, welche anstatt nach den Städten der Bleichgesichter in das Land der Abgeschiedenen gegangen ist. Nun treibt mich die Rache fort von dir, aber die Liebe wird dich wieder zu uns führen. Ich wünsche sehr, daß ich dir unten an der Mündung des Rio Bosco Nachricht geben kann; sollte dies aber nicht der Fall sein, so verweile dich nicht allzu lange in den Städten des Ostens, sondern kehre recht bald zu mir zurück. Du weißt, wen du mir zu ersetzen hast. Willst du mir versprechen, bald zu kommen, mein lieber, lieber Bruder Scharlih?«

»Ich verspreche es dir. Mein Herz geht mit dir, mein lieber Bruder Winnetou. Du weißt, welches Versprechen ich dem sterbenden Klekih-petra gegeben habe; ich werde es halten.«

»So leite der gute Manitou alle deine Schritte und beschütze dich auf allen deinen Wegen. Howgh!«

Er umarmte und küßte mich, gab seinen Leuten einen kurzen Befehl und stieg auf sein Pferd, um es in das Wasser zu treiben. Der Befehl hatte zur Folge, daß seine Apachen sich teilten; die eine Abteilung schwamm nach dem rechten und Winnetou mit der andern nach dem linken Ufer des Flusses. Ich blickte meinem Winnetou nach, bis er im Nebel verschwand. Es war mir, als sei ein Teil meines eigenen Ich von mir gegangen, und auch ihm war der Abschied schwer geworden.

Stone und Parker sahen mir an, wie wehmütig ich gestimmt war. Der erstere meinte in seiner geraden, treuherzigen Weise:

»Laßt's Euch nicht so zu Herzen gehen, Sir! Wir werden die Apachen schon bald wieder erwischen. Wir reiten ihnen ja nach, sobald Sam frei ist. Wollen darum mit der Auswechslung unserer Gefangenen nicht lange warten. Wie denkt Ihr wohl, wie wir es anzufangen haben?«

»Laßt mich erst Eure Ansicht hören, lieber Dick. Ihr seid erfahrener als ich.«

Er streichelte sich, von diesem Lobe geschmeichelt, den Bart und erklärte:

»Ich halte es für das Einfachste, den gefangenen Kiowa jetzt gleich zu Tangua zu senden und ihm mitteilen zu lassen, wo sich sein Sohn befindet und unter welcher Bedingung er freigegeben werden soll. Was meinst du dazu, alter Will?«

»Hm!« brummte Parker. »Hast noch niemals so einen dummen Gedanken gehabt wie eben jetzt.«

»Dumm? Ich? Alle Wetter! Wieso dumm?«

»Wenn wir sagen, wo wir stecken, so schickt Tangua seine Leute her, und diese nehmen uns Pida ab, ohne daß wir Sam dafür herausbekommen. Ich würde es anders machen.«

»Wie denn?«

»Wir machen uns hier von der Insel fort und ein gutes Stück in die Prairie hinein, wo wir freie Gegend haben, die wir überblicken können. Dann schicken wir den Kiowa ins Dorf und stellen die Bedingung, daß nur zwei Krieger, mehr ja nicht, kommen sollen, um uns Sam zu bringen, wofür sie dann Pida mitnehmen dürfen. Kommen mehr Leute als nur zwei, etwa um uns zu überwältigen, so sehen wir sie von weitem und können uns salvieren. Meint Ihr nicht, daß dies das Beste ist, Sir?«

»Ich möchte noch sicherer gehen und gar keinen Boten senden,« antwortete ich.

»Keinen Boten? Aber wie soll da Tangua erfahren, daß sein Sohn«

»Er erfährt es ja,« unterbrach ich ihn.

»Durch wen?«

»Durch mich.«

»Durch Euch? Wollt Ihr etwa selbst ins Dorf?«

»Ja.«

»Das laßt bleiben, Sir! Das ist ein gefährliches Ding. Man würde Euch sofort festnehmen.«

»Glaube es nicht.«

»Ganz gewiß ganz gewiß!«

»Dann wäre Pida verloren. Ich habe nicht Lust, von zwei Gefangenen den einen als Boten zu schicken und dadurch einen Geisel zu verlieren.«

»Das ist freilich richtig; aber warum wollt Ihr es sein, der in das Dorf geht? Ich kann es doch auch machen!«

»Ich glaube gern, daß Ihr den Mut dazu besitzet, halte es aber für besser, wenn ich selbst mit Tangua spreche.«

»Bedenkt aber, welche Wut er auf Euch hat! Wenn ich zu ihm komme, geht er wohl eher auf unsere Bedingung ein, als wenn er sich über Euern Anblick ärgern muß.«

»Grad darum will ich selber zu ihm. Er soll sich ärgern; er soll wütend darüber sein, daß ich es wage, zu ihm zu kommen, ohne daß er mir etwas anhaben darf. Wenn ich einen andern schicke, denkt er vielleicht, daß ich mich vor ihm fürchte, und in einen solchen Verdacht will ich doch nicht kommen.«

»So macht, was Ihr wollt, Sir! Wo bleiben wir inzwischen? Hier auf der Insel? Oder suchen wir uns eine andere, eine bessere Stelle?«

»Es gibt keine bessere.«

»Well! Aber wehe unsern Gefangenen, wenn Euch im Dorfe etwas geschieht! Wir würden in diesem Falle keinen Pardon geben. Wann werdet Ihr aufbrechen?«

»Heute abend.«

»Erst? Ist das nicht zu spät? Wenn es gut geht, kann die Auswechslung bis Mittag geschehen sein, und wir eilen dann hinter Winnetou her.«

»Und die Kiowas folgen uns in Masse und löschen uns aus!«

»Meint Ihr?«

»Ja. Tangua wird uns Sam gern geben, um seinen Sohn wieder zu bekommen; dann aber, wenn er ihn hat, wird er alles aufbieten, sich an uns zu rächen. Darum soll die Auswechslung am Abend geschehen, und dann reiten wir fort, um während der Nacht, wo man uns nicht folgen kann, einen tüchtigen Vorsprung zu bekommen. Daß wir bis zum Abend warten, ist auch schon deshalb besser, weil die Angst des Häuptlings um seinen Sohn bis dahin immer größer wird. Das wird ihn gefügiger machen.«

»Das ist wahr. Aber wenn man uns vorher hier entdeckt, Mr. Shatterhand?«

»So ist es auch nicht schlimm.«

»Es wird natürlich nach Pida gesucht werden, und da kommen die Roten vielleicht auch nach der Insel!«

»Nach der Insel nicht; aber am Ufer werden wir sie sehen. Da müssen sie Winnetous Fährte entdecken und werden denken, daß wir mit Pida fort sind. Das wird Tangua in noch größere Sorge versetzen. Horch!«

Es erklangen menschliche Stimmen. Der Nebel begann sich zu heben, und wir konnten die Ufer sehen. Dort standen mehrere Kiowas, welche sich laut ihre Ansichten über die Pferdespuren, die sie eben entdeckt hatten, mitteilten; dann verschwanden sie schnell, ohne nur einen Blick herüber nach der Insel geworfen zu haben.

»Sie sind fort; sie schienen es sehr eilig zu haben,« sagte Dick Stone.

»Jedenfalls sind sie nach dem Dorfe, um Tangua von der Fährte zu benachrichtigen. Er wird sofort einen Reitertrupp schicken, welcher der Spur folgen soll.«

Diese Prophezeiung bestätigte sich nach nicht ganz zwei Stunden. Es kam eine Reiterschar drüben am Flusse herunter, setzte sich auf die Fährte und jagte dann auf derselben fort. Daß diese Kiowas Winnetou einholen würden, war nicht zu befürchten, da er wenigstens dieselbe Schnelligkeit wie sie zu entwickeln hatte.

Es ist selbstverständlich, daß wir drei leise gesprochen hatten; die Gefangenen brauchten nicht zu hören, was wir einander sagten. Sie hatten auch nicht gesehen, was am Ufer geschah, denn sie lagen gebunden hinter Sträuchern im Grase.

Am Vormittage machte die Sonne uns die Freude, recht warm auf uns herabzuscheinen; das machte nicht nur unsern Lagerplatz, sondern auch uns selbst trocken, und erhöhte die Behaglichkeit, mit welcher wir uns bis zum Abend der Ruhe hingaben.

Kurz nach Mittag sahen wir einen Gegenstand geschwommen kommen, welcher seine Richtung nach der Insel nahm und von dem nieder in das Wasser hängenden Gesträuch derselben festgehalten wurde. Es war ein Kanoe, in welchem ein Paddelruder lag; der Riemen, mit welchem es der Besitzer anzubinden pflegte, war abgeschnitten. Es war also das Kanoe, in welchem ich Pida entführt hatte; es war aus dem Salt Fork in den Red River getrieben und wohl nur deshalb so spät zur Insel gekommen, weil es unterwegs auch irgendwo hängen geblieben war. Da es mir sehr willkommen kam, zog ich es auf die Insel, um mich am Abend seiner zu bedienen; ich brauchte mich da nicht durch das Ueberschwimmen des Flusses wieder zu durchnässen.

Sobald es dunkel geworden war, schob ich das Boot wieder in das Wasser und ruderte mich flußauf; Stone und Parker gaben mir ihre besten Wünsche mit. Ich sagte ihnen, daß sie sich erst dann um mich beunruhigen sollten, wenn ich am nächsten Morgen nicht zurückgekehrt sein würde.

Es ging langsam gegen den Strom, so daß ich erst nach einer Stunde aus dem Red River in den Salt Fork lenkte. Als ich in der Nähe des Dorfes angekommen war, ruderte ich mich an das Ufer und band das Kanoe, welches ich mit einem Riemen versehen hatte, an einen Baum.

Ich sah wieder, wie gestern, die Feuer brennen, die Männer an denselben sitzen und die Frauen geschäftig hin und her laufen. Ich hatte geglaubt, daß das Dorf heut scharf bewacht sein werde, fand aber, daß dies nicht der Fall war. Die Kiowas hatten die Fährte der Apachen gefunden und ihnen Krieger nachgesandt, glaubten sich also in Sicherheit.

Tangua saß auch heut vor seinem Zelte, hatte aber nur die zwei jüngeren Söhne bei sich. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte düster in das Feuer. Ich befand mich heut auf dem linken Ufer des Salt Fork, an welchem das Dorf lag, schlich mich im rechten Winkel von dem Flusse fort und dann hinter den Zelten hinauf, bis dasjenige des Häuptlings vor mir lag. Ich hatte Glück, denn es war kein Mensch in der Nähe, der mich hätte entdecken können. Da legte ich mich auf den Boden nieder und kroch nach der hinteren Seite des Zeltes. Dort angekommen, hörte ich den tiefen, monotonen Klagegesang des Häuptlings; er trauerte in dieser indianischen Weise um den Verlust seines Lieblingssohnes. Nun kroch ich um das Zelt, nach der andern Seite, richtete mich auf und stand plötzlich neben dem Häuptling.

»Warum singt Tangua die Töne der Klage?« fragte ich. »Ein tapferer Krieger soll doch keinen Laut der Klage hören lassen; das Jammern ist nur für die alten Squaws.«

Es läßt sich gar nicht beschreiben, wie mein Erscheinen ihn erschreckte. Er wollte sprechen, brachte aber kein Wort heraus; er wollte aufspringen, mußte aber seiner verletzten Kniee wegen sitzen bleiben. Er starrte mich mit weit aufgerissenen Augen wie ein Gespenst an und stammelte endlich:

»Old Old Shat Shat uff, uff, uff! wie kommst wo bist Ihr seid noch da nicht fort?«

»Wie du siehst, ich bin noch da. Ich bin gekommen, weil ich mit dir zu reden habe.«

»Old Shatterhand!« brachte er endlich meinen Namen ganz heraus.

Als seine beiden Knaben ihn hörten, flohen sie in das Zelt.

»Old Shatterhand!« wiederholte er, noch immer unter dem Eindrucke des Schreckens; dann jedoch nahm sein Gesicht den Ausdruck der Wut an und er schrie, gegen die anderen Zelte gerichtet, irgend einen Befehl, den ich nicht verstand, weil er sich seines Dialektes bediente; doch kam mein Name dabei vor.

Einen Augenblick später gab es im Dorfe ein Wutgeheul, daß ich glaubte, die Erde zittere unter meinen Füßen, und was an Kriegern anwesend war, kam mit geschwungener Waffe auf uns zugerannt. Da zog ich mein Messer und schrie Tangua in das Ohr:

»Soll Pida erstochen werden? Er schickt mich zu dir!«

Er verstand meine Worte trotz des Geheules seiner Leute und erhob die eine Hand. Eine Bewegung derselben genügte, und es trat Stille ein; aber die Kiowas umringten uns. Wenn es nach den Blicken ging, mit welchen sie mich verschlingen zu wollen schienen, so kam ich nicht lebendig von hier fort. Ich setzte mich zu Tangua nieder, sah ihm ruhig in das vor Erstaunen über meine Kühnheit starre Gesicht und sagte:

»Es herrscht Todfeindschaft zwischen mir und Tangua; ich bin nicht schuld daran, habe aber auch nichts dagegen; mir ist es sehr gleich, ob ich mit meinen Freunden einen seiner Krieger oder seinen ganzen Stamm verderben soll. Ob ich mich vor ihm fürchte, mag er daraus ersehen, daß ich mich jetzt mitten in sein Dorf begeben habe, um mit ihm zu reden. Wir wollen es kurz machen: Pida befindet sich in unseren Händen und wird an einem Baume aufgehängt, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit zurückgekehrt bin.«

Kein Wort, keine Bewegung der rundum stehenden Roten, von denen ich viele erkannte, verriet den Eindruck, welchen meine Worte machten. Die Augen des Häuptlings funkelten vor Wut darüber, daß er mir, ohne das Leben seines Sohnes zu gefährden, nichts anhaben konnte. Er stieß zwischen knirschenden Zähnen die Frage hervor:

»Wie wie ist er in eure Gewalt geraten?«

»Ich war gestern dort an der Insel, als er mit Sam Hawkens sprach, und habe ihn niedergeschlagen und mitgenommen.«

»Uff! Old Shatterhand ist der Liebling des bösen Geistes, der ihn abermals beschützt hat. Wo befindet sich mein Sohn?«

»An einem sicheren Orte, den du jetzt nicht erfahren wirst; er mag ihn dir später selber sagen. Aus diesen meinen letzten Worten wirst du ersehen, daß ich nicht die Absicht habe, Pida zu töten. Wir haben auch noch einen andern Kiowa bei uns, den wir gefangen nahmen; ich zog ihn aus dem Dorngebüsch hervor, in welchem er uns belauschte. Er soll mit deinem Sohne frei sein, wenn du mir Sam Hawkens dafür gibst.«

»Uff! Du sollst ihn haben. Bring nur erst Pida und den andern Kiowakrieger!«

»Bringen? Fällt mir nicht ein! Ich kenne Tangua und weiß, daß ihm nicht zu trauen ist. Ich gebe zwei für einen, bin also außerordentlich billig und gütig gegen euch. Dafür muß ich fordern, daß ihr euch jeder Hinterlist enthaltet.«

»Beweise mir vorher, daß Pida wirklich bei euch ist!«

»Beweisen? Was fällt dir ein! Ich sage es, und so ist es wahr. Old Shatterhand ist kein Tangua. Laß mich Sam Hawkens sehen! Er wird nicht mehr unten auf der Insel sein, wo ihr ihn nicht mehr für sicher haltet. Ich muß mit ihm reden.«

»Was willst du reden?«

»Ich will aus seinem Munde wissen, wie es ihm bei euch ergangen ist. Danach wird sich das weitere richten.«

»Ich muß mich da vorher mit meinen ältesten Kriegern beraten. Entferne dich bis zum nächsten Zelte; dann wirst du erfahren, was wir zu tun gedenken.«

»Gut! Aber macht es kurz, denn wenn ihr mich aufhaltet und ich nicht zur bestimmten Zeit zurückgekehrt bin, wird Pida aufgehängt.«

Aufgehängt zu werden, ist der schmachvollste Tod für einen Roten. Man kann sich denken, wie wütend Tangua war! Ich ging zum nächsten Zelte und setzte mich dort nieder, natürlich auch da grad so von Kriegern umringt wie vorher. Tangua rief seine alten Leute zu sich und beriet sich mit ihnen. Es brannte in jedem auf mich gerichteten Auge ein Feuer, welches nur aus Rücksicht auf Pida nicht verderblich wurde. Dabei bemerkte ich freilich auch, daß meine Furchtlosigkeit allgemein imponierte.

Nach einiger Zeit schickte der Häuptling einen Roten fort; dieser verschwand in einem Zelte und brachte dann meinen kleinen Sam aus demselben geführt. Ich sprang auf und ging ihm entgegen. Als er mich erblickte, rief er jubelnd:

»Heigh-day, Old Shatterhand! Habe es ja gesagt, daß Ihr unbedingt kommen würdet! Wollt wohl Euern alten Sam wieder haben?«

Er hielt mir die gefesselten Hände entgegen, um mich zu begrüßen.

»Ja,« antwortete ich ihm, »das Greenhorn ist gekommen, um euch das Zeugnis zu geben, daß Ihr der größte Meister im Anschleichen seid, wie Ihr bewiesen habt. Man mag Euch sagen, was man will, Ihr rennt doch immer nach der verkehrten Seite!«

»Macht mir Eure Vorwürfe später, mein heißgeliebter Sir, und sagt mir lieber, ob meine Mary noch vorhanden ist.«

»Sie ist bei uns.«

»Und die Liddy?«

»Der Schießprügel? Den haben wir auch gerettet.«

»Dann ist ja alles, alles gut, wenn ich mich nicht irre. Kommt, laßt uns machen, daß wir von hier fortkommen! Es ist beinahe langweilig hier.«

»Geduld, Geduld, bester Sam! Ihr tut ja, als ob es gar nichts auf sich hätte und das reine Kinderspiel wäre, hierher zu kommen und Euch loszumachen.«

»Das ist es auch, Kinderspiel, aber nur für Euch. Möchte wissen, was Ihr nicht fertig brächtet. Würdet mich sogar vom Monde herunterholen, wenn ich mich hinauf verlaufen hätte hihihihi!«

»Lacht nur immer! Ich merke daraus, daß es Euch nicht allzu schlecht ergangen ist.«

»Schlecht? Was fällt Euch ein! Gut habe ich es gehabt, außerordentlich gut! Jeder Kiowa hat mich wie sein eigenes Kind geliebt; ich bin vor lauter Liebkosungen, Herzen und Küssen gar nicht zu Verstand gekommen; wie eine Braut haben sie mich gefüttert, und wenn ich schlafen wollte, brauchte ich mich gar nicht erst niederzulegen, denn ich lag überhaupt stets auf dem Rücken.«

»Hat man Euch ausgebeutelt?«

»Allerdings. Die Taschen sind mir leer gemacht worden.«

»Werdet alles wiederbekommen, falls es noch da ist. Die Beratung scheint zu Ende zu sein.«

Ich erklärte dem Häuptlinge, daß ich nun nicht mehr länger warten dürfe, wenn sein Sohn am Leben bleiben solle, und es begann nun eine zwar kurze, aber außerordentlich energische Verhandlung, aus welcher ich als Sieger hervorging, weil ich nicht im geringsten nachgab und der Häuptling Angst um seinen Sohn hatte. Die Schlußbestimmung war, daß vier bewaffnete Krieger in zwei Kanoes mich und Sam begleiten und unsere beiden Gefangenen in Empfang nehmen sollten. Für den Fall, daß uns noch mehrere Kiowas heimlich folgen sollten, drohte ich mit Pidas Tode.

Es war eigentlich viel von mir verlangt, mir Sam mitzugeben; ich konnte doch den vier uns begleitenden Indianern ein Schnippchen schlagen; aber man glaubte meinen Worten und hat Old Shatterhand auch später stets geglaubt. Wohin wir rudern würden, das sagte ich natürlich nicht. Als dem kleinen Sam die Hände entfesselt worden waren, warf er die kurzen Arme in die Luft und rief:

»Frei, wieder frei! Das werde ich Euch nie vergessen, Sir! Und werde auch nie wieder nach links hinaufrennen, wenn Eure gesegneten Beine nach rechts hinunterlaufen.«

Als wir uns zum Gehen anschickten, gab es hier und dort ein zorniges Gemurmel. Die Indsmen ärgerten sich doch gewaltig, daß sie den Gefangenen und sogar mich fortlassen mußten, und Tangua zischte mir noch zu:

»Bis zur Rückkehr meines Sohnes bist du sicher; dann aber wird der ganze Stamm hinter dir her sein und dich verfolgen. Wir werden deine Spur finden und dich ergreifen, und wenn du durch die Luft davonreiten solltest!«

Ich hielt es nicht für nötig, auf diese bissige Drohung eine Antwort zu geben, und führte Sam und die vier Kiowas nach dem Flusse, wo wir je zwei und zwei, ich natürlich mit Sam, in ein Kanoe stiegen. Von dem Augenblicke an, wo wir vom Ufer stießen, folgte uns ein Geheul, bis wir so weit fort waren, daß wir es nicht mehr hören konnten.

Während ich steuerte, mußte ich Sam erzählen, was seit seiner Gefangennahme geschehen war. Er bedauerte es, daß Winnetou sich hatte von uns trennen müssen, beklagte es aber auch nicht allzu sehr, weil er sich vor den Vorwürfen des Apachen gefürchtet hatte.

Wir landeten trotz der Dunkelheit glücklich an der Insel und wurden von Dick Stone und Will Parker jubelnd in Empfang genommen. Sie waren sich erst nach meiner Entfernung der Größe meines Wagnisses recht bewußt geworden.

Wir lieferten die beiden Gefangenen ab, die uns kein Wort des Abschiedes sagten, und warteten, bis wir die Ruderschläge der zurückkehrenden Kanoes nicht mehr hörten; dann stiegen wir auf unsere Pferde und lenkten sie nach der linken Seite des Flusses hinüber. Es galt, in dieser Nacht einen tüchtigen Ritt zu tun, und da war es gut, daß Sam die Gegend leidlich kannte. Er richtete sich auf seiner Mary im Sattel auf, erhob die Faust, nach rückwärts drohend, und sagte:

»Jetzt stecken sie da droben die Köpfe und die Schädel zusammen, um zu beraten, wie sie uns wieder in ihre Vorderfüße bekommen. Sollen sich wundern! Sam Hawkens ist nicht wieder so dumm, in einem Loche stecken zu bleiben, aus welchem ihn ein Greenhorn herausziehen muß. Mich fängt kein Kiowa wieder, wenn ich mich nicht irre!«

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