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Windschiefe Gestalten

Adam Karrillon: Windschiefe Gestalten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleWindschiefe Gestalten
publisherFriedrich Gutsch Verlag
printrunZweite Auflage
year1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
projectid2eb1c99d
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Urban der Stammler

Pfarrerssohn und Pfarrerstochter hatten ihn im einträchtigen Zusammenarbeiten hergestellt. War's da ein Wunder, wenn er in der Wiege schon einem Pfarrer, ja über das hinaus einem Konsistorialrat ähnlich sah? Urban hatte man ihn getauft, weil man ihn von den Bauernbuben unterscheiden und dem Verständnis zu Gemüte führen wollte, daß er kein Plebejer werden solle, sondern das eben, was sein Name sagte, ein urbaner, feiner Mensch, der sich an der Tafel eines Fürsten sogar die Zähne stochern könne.

Vorläufig war der kleine Weltbürger klug genug, keine der auf ihn gegründeten Hoffnungen zu enttäuschen, durch vorlautes Wesen etwa. Er baute nur äußerlich an dem Tempel der Gelehrsamkeit, der aus ihm gemacht werden sollte, und verriet sehr spät erst durch lallende Worte, daß auch in seinem Innern etwas vor sich gehe. So kurz auch diese seine erste verbale Geistesoffenbarung war, und so abgerissen und sinnlos die Worte, von den Eltern wurden sie wie die Laute eines Orakels hingenommen und symbolisch als glückverheißend gedeutet.

Als Urban erst einmal zur Schule ging, wurden seine Sprechversuche von den Mitschülern mit Gelächter und von seinem Lehrer mit staunender Verwunderung hingenommen. Es stellte sich heraus, daß der redegewaltigen Pfarrersgeneration ausnahmsweise ein Stotterer zugeteilt worden war. Hätten Vater und Mutter sich von diesem Schicksalswinke bestimmen lassen, so wäre über einen ehrsamen Sattler hinweg den vereinigten Staaten von Europa vielleicht ein Präsident beschert gewesen; allein diesen Entwicklungsgang ließ der elterliche Ehrgeiz nicht zu. Urban mußte an die altsprachlichen Grammatiken heran, und wenn er sich auch daran die Zunge abgebrochen hätte. Aus eigenem Antrieb ahmte er noch den Demosthenes nach, nahm Kirschensteine in den Mund und suchte sich, neben den Automobilen herlaufend, dem Chauffeur verständlich zu machen. Sprechkünstler nahmen den Gymnasiasten in die Lehre, und mehr als ein Scharlatan und Hypnotiseur versuchte an ihm seine Wunderkräfte. Es half alles nichts, Urban war und blieb ein Stotterer.

Inzwischen hatte er sich bei guten schriftlichen Arbeiten durchs Lyzeum hindurchgestottert und bezog die Universität. Einer Heilung seines Leidens nicht mehr ganz vertrauend, hatte der Bruder Studio vorsichtshalber zwei Eisen ins Feuer gelegt. Er studierte Theologie und Philologie gleichzeitig, ersteres aus innerem Antrieb und das zweite, um noch einen Pfeil zu haben, der sich aus seine Armbrust legen ließ, wenn der erste nutzlos abgeschossen war. Als Urban bei einem Landgeistlichen seine erste Kandidatenrede hielt, ging's in der Kirche zu, wie vor einem Kasperletheater. »Vernehmt die Worte,« hatte er sagen wollen, aber er war über das V nicht hinweggekommen, obwohl er den Mund verzog, an den Lippen kaute, die Nase unter den Backen beerdigte, die Augen schluckte und seine Zuhörer mit einem Speichelregen taufte. Eine allgemeine Heiterkeit war im Gotteshause entstanden, und um Ärgernis zu vermeiden, hatte der Pastor Loci aus dem Pfarrstuhl heraus dem Organisten ein Zeichen gegeben, daß er die Orgel in Gang bringen möge. Als der Probekandidat die Kirche verließ, hörte er einen Schulbuben zum andern sagen: »Du, wenn der Wurstel am Sonntag wiederkommen sollte, versäum die Kirch nicht, einen Groschen ist die Gaudi wert, und kannst sie für einen Hosenknopf haben, den du in den Klingelbeutel wirft.«

Am heutigen Sonntag hatte der Pfarrherr vergeblich eine wohlwollende Rezension vorbereitet. Seine Frau hatte umsonst gekocht, und eine Pfarrerstochter hatte sich mit Absichten auf den Probekandidaten nutzlos herausgeputzt. Urban hatte in der Leute Fremdenzimmer den Talar über den Kopf gezogen und war durch ein Gartenpförtchen hinaus vom Orte seiner Niederlage heimgeflogen. Hus auf seinem Scheiterhaufen war nicht so gründlich ausgeräuchert worden, wie der Theologe in ihm.

Den zweiten Schuß nach der Scheibe einer Lebensstellung hin wagte der junge Mann nun mit dem Pfeile der Philologie. Es gelang ihm, eine Stelle als Lehramtsassessor zu ergattern. Er wurde in der untersten Klasse als Repetitor angestellt, und zwar mit dem überraschenden Erfolg, daß nach Verlauf von einem Monat die ganze Sexta stotterte, mitsamt dem Schuldiener und dem Bäckerjungen, der im Hofe die Zehnuhrbrötchen verkaufte. Da demnächst ein Besuch der obersten Schulbehörde aus der Residenz zu erwarten war, so befürchtete man eine Verschleppung der Seuche und entließ kurzerhand den zukünftigen Demosthenes. –

Urban sah sich in bezug auf seine Zukunftsaussichten schwer getäuscht, aber er war nicht mutlos. Er bemühte sich in einer fränkischen Universitätsstadt um die Stelle eines Lagerhausverwalters, die nur wenig Beredsamkeit erforderte, allerdings auch keine Kenntnisse der alten Sprachen. Und doch war es nicht nutzlos gewesen, daß Urban diese erlernt hatte. Alte Freundschaften von der Schule her hatten ihn mit einer studentischen Korporation in Verbindung gebracht, als deren geistreicher Kneipzeitungsredakteur er bald eine hervorragende Rolle spielte.

Samstags bringt er seine Sachen,
Freitags pflegt er sie zu machen –

hatte jemand dem »Ulk« nachgedichtet, und mit diesen Worten wurde er auf der Wurstonenkneipe zweimal die Woche heiter empfangen und angeheitert entlassen. So waren die Samstage gewissermaßen die Zäsur geworden in dem stets gleichmäßigen Rhythmus von Fässerrollen und Kistenstürzen im Leben des Stotterers.

Trotz dieser Abwechslung war über Urbans Gemüt eine Wolke von Schwermut hingezogen. Der Winter war vor der Tür, der Ofen wollte nicht brennen, und die Strümpfe hatten Löcher. War's zu verwundern, wenn der Vereinsamte die Absicht äußerte, daß er sich in den Ehestand stürzen möchte? Ein Agent hatte von der tragischen Entschlossenheit Kunde erhalten und war mit einem Heiratsantrag an den Stammler herangetreten. Alle äußeren Verhältnisse stimmten wunderbar. Die Dame war nicht mehr so jung, reich, schön und nur mit einem Hunde belastet. Es wäre also nur darauf angekommen, daß Urban ihr gefallen hätte bei einer gelegentlichen Konfrontation. »Der Gott, der Bub und Mädchen schuf«, zusammen mit dem Agenten wußten diese herzustellen, aber sie führte nicht zu dem erwünschten Resultat. Gegen den Bewerber an sich wäre nichts einzuwenden gewesen, wenn er nur das verwünschte Stottern nicht an sich gehabt hätte. Aber gerade an diesem Tage stammelte der Heiratskandidat noch viel heftiger, als es vormals der Probekandidat getan hatte. Das Fräulein entsetzte sich über die Fratzen, die er dabei schnitt, und entließ den Bewerber und Agenten mit nur allzudeutlichen Zeichen ihrer Ungnade.

Der abgewiesene Freier setzte sich zu Hause neben den kalten Ofen hin und pfefferte mitsamt seiner Galle seinen ganzen Ärger in Dutzende von Epigrammen hinein, die er den Wurstonen als Christbescherung zu liefern hatte, denn das Christfest war nah. Schon war die Spessartfichte mit Rollmöpsen, Tabaksbeuteln, Bockwürsten und Fastenbrezeln verziert. Es brauchten nur noch Kerzen angesteckt zu werden, und der Weihnachtszauber war wieder einmal in der verräucherten Studentenkneipe. Auch Urban war da mit seinen gereimten Gastgeschenken. Man trank sich in die Feststimmung hinein, stieß mit den Gläsern an und sang Lieder, die bald mehr, bald minder durch ihren Inhalt dem Feste Rechnung trugen. Zu guter Letzt fing man an, den Baum astweise mit dem, was gerade dranhing, zu verauktionieren. Bei diesem Geschäfte kamen dann so nach und nach die Xenien ans Lampenlicht, die von Urban verfaßt, aber seither unter Wursthäuten und Katzenpapier versteckt waren. Manch guter Vers wurde vorgelesen. Man trank seinem Verfasser zu, bis dieser Wetterbeständige endlich so gegen Mitternacht einen ziemlichen Rausch hatte. Nun hätte er gerne eine Rede gehalten, wenn ein Mädchen dagewesen wäre; geschwommen, wenn er Wasser um sich gehabt hätte. Kurzum, er wollte unter allen Umständen etwas Unsinniges tun, und deshalb packte er den entlasteten Weihnachtsbaum mitsamt dem bretternen Untergestell und stahl sich damit aus der Kneipe hinaus in eine tunnelartige Straße hinein. Wäre ihm niemand begegnet, so hätte der Torso von Weihnachtsbaum am nächsten Tage seine Stube gewärmt. So aber schlich sich im Halbdunkel ein blauschwarzer Polizist an ihm vorbei, der ihn mit mißtrauischen Blicken musterte. Das ärgerte unsern Freund, und im Nu hatte er sich eine Methode ausgedacht, wie er den Polizisten ärgern könne, ohne sich strafbar zu machen. So ließ er denn versuchsweise einmal den Christbaumtorso aufs Pflaster fallen. Genau wie er's gewünscht hatte, fiel das Ding mit dem hölzernen Stützbrett platt auf die Straße. Es gab einen Knall, als ob in einem Weinkeller ein brennendes Spiritusfaß geplatzt wäre, und die windschiefen Giebel der engen Gasse neigten sich nach vornen und schienen nachsehen zu wollen, ob denn da niemand wäre, der dem Unfug steuere.

Überflüssige Mühe. Schon war der Polyp an Urban herangetreten und hatte ihn mit einem seiner Fangarme umschlungen. Wohl hätte der muskelstarke Angegriffene durch ein Schütteln seines Körpers sich befreien können, aber er tat es nicht. Es war ihm der Gedanke gekommen, daß er mit dem schlechtbestelltesten, was an ihm war, wie der Tintenfisch sich wehren könne. Er wollte einmal sein Stottern als Waffe gebrauchen. »Wa–was wollen Sie nur von mir, Ve–Verehrtester? Bins denn e–etwa ich, der hier ru–uhestörenden Lärm verursacht? Ka–kann ich dafür, wenn die Schwe–ere die Körper nach unten zieht? Mir war aus der Vi–visage der Zwicker gefallen, und da hat die Stange da na–achgewollt. A–aber, daß Sie I–Ihre Pflicht tun müssen, ist ja selbstverständlich. Doch i–ich bitte Sie darum, be–beruhigen Sie sich damit. Wa–was einmal war, wird nicht wieder vo–vorkommen.«

Der Beamte ließ sich in der Tat von Urbans bescheidenem Wesen imponieren, und mit Rücksicht auf dessen Sprachfehler stahl sich sogar ein leises Mitleid in seine Nachtwächterseele hinein. Er ließ seinen Gefangenen los, empfahl diesem noch eine gewisse Vorsicht an im Tragen solch widerspenstiger Gegenstände und ging seiner Wege.

Der Stotterer sah ihm über die Schulter nach. Kaum daß der Polizist um die nächste Ecke verschwunden war, so knallte das, was einmal Christbaum war, zum zweiten Male auf die Erde nieder. Diesmal öffneten sich Kammerfenster in dem verschlafenen Gäßchen, und statt des einen, kamen gleich zwei Schergen der Gerechtigkeit auf den Ruhestörer los. So gut Urban nun auch stottern mochte, alles Mitleid war von den Polizisten weggeblasen, von der Straße, vielleicht sogar von der ganzen Stadt. Es half nichts, der Frevler mochte noch so unartikulierte Laute ausstoßen, er wurde mitgezogen, hingezerrt, hinaufgestoßen zum Polizeigebäude hin. Dieses war ein weitläufiger Bau, der hinter einer hohen Torüberwölbung rechtwinklig in einem Hofe stand, einem Kloster ähnlich, und aus einem solchen vielleicht auch hervorgegangen. Da derer, die hineinwollten, nur wenige waren, so hatte man den Glockenzug hochgehängt, und der eine der Polizisten mußte sich strecken, um ihn zu erreichen. Urban bekam einen Arm frei, und nun sauste abermals der Christbaum auf die Erde nieder und weckte ein jahrhundertaltes Echo in den weitgesprengten Gängen des düsteren Baues. Ein Rabe kam geflatschert, schrie zornig auf und hackte mit dem Schnabel nach des Eingebrachten Stiefeln. Das gehörte so als Selbstverständlichkeit zu den Gepflogenheiten dieser gefiederten Polizeistelle. Als aber Urban sich bückte und seinen Baumstamm wieder an sich nahm, da machte der Schwarzrock, daß er auf die einzige Laterne kam, die den Hof beleuchtete und über dem Haupteingang angebracht war, der nach den Kanzleien hinleitete.

Urban gab sich den Anschein, als ob er der produktiven Kehrseite des Tieres nicht recht traue, erhob die Augen nach oben und machte, so schnell er nur konnte, einen Schritt über die Türschwelle.

Klatsch, da lag seine Last abermals, und zwar auf den feuchten Sandsteinplatten eines überwölbten Korridors. Zu gleicher Zeit aber sprang eine Tür auf, ein Lichtstrahl drang heraus, und in diesem zeigte sich mit einem Gänsekiel zwischen den Zähnen das struppige Pinschergesicht eines bajuvarischen Polizeikommissärs.

»Was zum Teufel geht hier vor?« schrie der in seiner Nachtruhe Gestörte. »Bringt ihr den heiligen Christoph mit seiner Stange hier herein? Wo habt ihr denn das Jesuskind gelassen? Nehmt den Menschen da den Mastbaum ab, bevor er damit das Kreuzgewölbe durchstößt!«

»Entschuldigen Sie,« stotterte der Häftling los und gab sich Mühe, noch seine Augenbrauen bis zum Munde herunterzuziehen, »o–ohne das Co–orpu–us, wollte sagen Corpus da–di–delicti – delicti i–ist die Schu–Schuldfrage ni–nicht zu beleuchten. Sie gestatten, daß ich eintre–trete und die Kleinigkeit zu den Akten lege.«

Mit diesen Worten war Urban Herr der Situation geworden. Er stand im Zimmer, plazierte seinen Christbaum über den Schreibtisch hin und konnte, wenn er nur wollte, in jedem Augenblick das Polizeigebäude in Flammen aufgehen lassen, wenn er nur aus Ungeschicklichkeit die Petroleumlampe auf den Boden warf. Dem Beamten erschien der Mensch wie der Elefant in einem Damenboudoir. Er brauchte sich ja nur zu regen, und es fiel der Verputz von den Wänden. Ein solches Untier, das überdies stotterte und vielleicht gar noch unzurechnungsfähig war, mußte er mit allen Mitteln loszuwerden suchen. Er raffte nun alle seine Liebenswürdigkeit zusammen und bat den Vorgeführten, seine Angelegenheit selber vorzutragen. Urban tat dies, und zwar so, daß er alle Schuld auf den Christbaum abwälzte. Er schilderte unter vielem Gesichterschneiden, wie dieser Ränkevolle ihn bald unter der Nase gekitzelt, bald in die Hände gestochen habe, so daß es stellenweise unmöglich gewesen wäre, ihn von Körperverletzungen abzuhalten. Daß seine Person darüber in Ungelegenheiten gekommen, das nahm er der Polizei weiter nicht übel, wenn sie sich nur entschließen könne, das ungefüge Holz einstweilen in sicherem Gewahrsam zu behalten.

Dem Kommissar war der Gänsekiel aus dem Munde gefallen, da er seine liebe Not hatte, das Dreinreden der Polizisten zu verhindern. Er war zum reinen Hampelmann der Höflichkeit geworden. »Wenn Euer Gnaden das Bureau zu einem Holzstall machen wollen? Wir unsrerseits sind natürlich einverstanden,« sagte er noch und begleitete seinen nächtlichen Besuch bis zur Haustürschwelle hin. Der Rabe auf seiner Laterne oben pickte mit dem harten Schnabel nach der Eisenstange des Trägerarmes und rief »Spitzbub!« von seinem Sitze herunter, als Urban durch das Tor der äußeren Mauer schritt.

Groß' Unrecht hatte der Vogel dem Stotterer nicht getan, als er ihm den Schimpfnamen nachrief. Zwar hatte der Beschimpfte aus dem Polizeikasten nichts mitgenommen, aber spitzbübisch war es ihm doch zu Mut. Er hatte nämlich eine geheime Freude darüber: erstens, daß es ihm gelungen, der Polizei ein Schnippchen zu schlagen, und zweitens deswegen, weil er noch ledig war. Ach, er wußte ja in diesem Augenblick noch nicht, daß, wie auf Fausten, das Verhängnis in Hundsgestalt auf ihn lauerte. Der Mond schien so hell in die einsamen Straßen herunter, die diese Nacht ihm und ihm ausschließlich gehörten. Der Teufel des Alkohols, der noch in seinen Adern spukte, bearbeitete ihn eben zu irgendeiner außerordentlichen Tat, zum Schilderabhängen, Holzversetzen, Haustürenzubinden, als an seinem linken Wadenbein ein Hund herumschnupperte. Urban sah den armen Schacher mitleidsvoll an und suchte aus ihm herauszuexaminieren, wie er heiße, wo beheimatet und in welcher Krankenkasse. Als alle diese gewiß vernünftigen Fragen nur mit einem leisen Winseln beantwortet wurden, überlegte sich Urban, daß er ein Tor sei, sein eigen Gehirn anzustrengen, wo es doch in deutschen Landen Polizeigehirne gibt, die über solche kitzlige Fragen Auskunft zu geben haben.

Er also frisch voran und auf das Polizeigebäude zu. Der Hund hinter ihm nach. Die Schelle schrillte über den Hof. Der Rabe krächzte hinter der Mauer. Die Pforte öffnete sich, und der Stotterer stand wieder einem Polizisten gegenüber.

»I–ich wü–wünsche, vor den Herrn Kommissar geführt zu werden.«

»Mit dem Hund zusammen?«

»Ge–gerade wegen dieser Kre–Kreatur.«

Schritte hallten durch den Korridor, eine Tür sprang auf, und der Mann mit der Gänsefeder im Munde saß da im Scheine der Petroleumlampe.

»Sie abermals,« sagte er verwundert: »Nicht wahr, Urban ist doch Ihr Name? Kommen Sie, um Ihren Balken abzuholen?«

»U–um alle Welt u–und sieben Dörfer ni–nicht. Ich brin–bringe abermals ein Lebewesen. Auf dem Heimweg hab ich einen Hund gefunden. Hätt' ich ihn mitgenommen, wa–war's Fundunterschlagung. Was tun in der Nacht, so denk ich mir und verfiel im Na–Nachsinnen auf die Polizei. Da hat der Vagabund ein wa–warmes Zimmer, rechne ich, und wird morgen wieder seinem Ei–Eigentümer zugestellt.«

»Soll alles geschehen, wie Sie verlangen, Herr Urban. Wünschen Sie nicht etwa noch eine schriftliche Bestätigung, daß Sie allhier einen Hund abgeliefert haben?«

»Ka–kann in keinem Falle etwas schaden,« gab der Stotterer zurück, nahm einen Zettel entgegen und ging unter vielen Verbeugungen von dem Kommissar hinweg.

Wieder auf der Straße, mit dem Hoftor im Rücken, wurde Urban von dem freventlichen Gedanken überfallen: »Paß auf! Sobald die da drinnen vermuten, daß du um die Ecke seiest, so werden sie dem Hund einen Tritt vor den Steiß geben und ihn auf die Straße befördern.« Er stellte sich nun so auf, daß er vom Polizeigebäude aus nicht erspäht werden konnte, während doch das ganze breite Tor vor seinen Blicken lag. Und was er vorausgesetzt hatte, das traf ein. Ein Spalt klaffte drüben – und in den Mondschein heraus flog unter einem jähen Aufschrei ein Hundekörper. Der Vierfüßler mußte nicht allzusanft aufs Pflaster gekommen sein, denn er suchte mit eingezogenem Schwanze winselnd das Weite.

Urban mit flinken Schritten hinter ihm her. Man kam auf die Domstraße und den Marktplatz, auf welch' letzterem noch einige Weidenkörbe standen. In einen derselben hatte sich der Hund verkrochen. Sein Versteck bot keinen Schutz. Er wurde hervorgezogen, an einen Strick gebunden, um neuerdings der Polizei vorgeführt zu werden. Auf dem Anmarsch hatte sich der Stotterer zurechtgedacht, wie er in beweglichen Worten dem Polizeibeamten schildern wolle, daß er auf dem Heimwege abermals einen Hund gefunden habe und wie er auch dieses Tier vertrauensvoll den sicheren Händen der Behörde übergebe, zur Beruhigung seines Gewissens und dann auch, um den Fortbestand des Staates zu sichern. Doch auch diesmal hatte der Probekandidat seine Rede vergeblich einstudiert. Als er vors Polizeigebäude kam, fand er nicht nur das Tor geschlossen, sondern auch den Schellenzug heruntergenommen. Urban schonte seine Fäuste nicht und pochte gewaltsam an den Planken herum. Ein Licht im zweiten Stockwerk wurde ausgedreht und der Rabe schrie aus Leibeskräften »Spitzbub«, – eine Menschenstimme aber ließ sich von nirgends her vernehmen.

»Wer hätt's nur glauben mögen, daß auch die Polizei etwas erlernen kann?« sagte Urban ohne zu stottern vor sich her, nahm den Hund und brachte ihn heimwärts nach seiner Wohnung.

Am andern Morgen sah er sich seinen Gast etwas näher an. Das Tier war schön, ein echter Foxterrier, dreifarbig und mit zitternden Härchen um die Schnauze herum. Seine Augen hatten etwas Lauerndes, fast so, als ob er eine Antwort auf die Frage erwartet hätte: »Und wenn ich nun nicht abgeholt werde, darf ich bei dir bleiben?«

Urban mochte den Hereingeschneiten gut leiden, fuhr ihm mit der Hand über die Ohren und sagte zu sich selber: »Zu einer Frau wirst du es nicht bringen. Behalte, was dir vom Himmel geschickt ist, und versuch's mit einem Hunde zusammen zu leben.«

So spazierte er denn einmal mit seinem neuen Genossen im Hause und auf dem Speicher herum. Der Terrier fuhr wie ein Blitz unter die alten Kisten hinunter, steckte in jedes Astloch seine Nase hinein und scharrte mit den Pfoten zwischen den Fässern.

»Den Ratten wird er das Leben verbittern,« überlegte sich Urban und fing an so langsam auszurechnen, was im Geschäfte herausgewirtschaftet werden könne, wenn die Salamiwürste unversehrt und die Krachmandeln ungeknackt bleiben sollten. Die Summe des ersparten Geldes war eine sehr respektable; allein der Hund war ja noch nicht unbestrittenes Eigentum seines jetzigen Inhabers. Er konnte dies aber werden, wenn einige Formalitäten erfüllt und das Tier dann nicht zurückgefordert war. Also, in dem Amtsverkündiger mußte unter der Schutzmarke »Zugelaufen!« ein Personalausweis für einen Hundestrolch veröffentlicht werden. Urban faßte die Urkunde so ab, daß der gläubige Zeitungsleser glauben mußte, ein Fischotter sei in eine Falle gegangen und werde gegen Entgelt in den Faßlagern der Firma »Rund und Bündig« gezeigt werden. Selbstverständlich, daß niemand kam, der nach einem Terrier gefragt hätte. Schon war eine Woche, ja ein Monat ins Land gegangen, und Lora hatte sich an diesen seinen neuen Namen, an seinen Herrn und an die Hauskatze gewöhnt. Die Kost seiner Herrschaft befriedigte den Hund, und er selber so wenig wie der Stotterer Urban dachten noch daran, daß es zu einer Änderung der bestehenden Rechtsverhältnisse kommen könne.

Da geschah eines Tages doch, was man seither für unmöglich gehalten hatte. Herr Urban hatte an einem Sommerabend seinen Promenadenrock angezogen, um nach einem Biergarten vor die Stadt hinauszupilgern. Lora war während dieses Geschäftes um ihn herum gesprungen und hatte es mit Bellen, Winseln und Pfotenaufheben fertig gebracht, daß er mitdurfte. Als Herr und Hund eben zum Tore hinaus wollten, kam dem ersteren der Gedanke, Lora käme auf dem Gange vor die Stadt ins Angesicht von vielen Menschen, und man könne sie wiedererkennen und zurückfordern. Der Vorsicht halber schnitt Urban aus einer steifen Türvorlage ein Mäntelchen und hängte es dem Köter über den Rücken. So zu einer Schildkröte herausmaskiert, hielt er ihn gesichert gegen jeden Besitzanspruch, von welcher Seite er nun auch kommen mochte.

Zu Anfang des Spazierganges verlief alles nach Wunsch, nur daß die Katzen vor der neuartigen zoologischen Erscheinung krumme Buckel machten und die Kindsmädchen ihre Schützlinge in die Kinderwagen hineinretteten. Je näher man indes dem Biergarten kam, um so dichter wurde der Pilgerstrom, so zwar, daß Lora zeitweise vor lauter Menschenbeinen nicht zu sehen war. Sobald aber Urban pfiff oder »Lora« rief, war er doch immer wieder dort, wo er hingehörte, nämlich hinter den Absätzen seines Herrn.

Da plötzlich, als man eben in den Wirtschaftsgarten trat, schien das undankbare Geschöpf alle Wohltaten vergessen zu haben, womit man es überhäuft hatte. Wie der Engerling die Larve hinter sich läßt, so war Lora aus seinem Mäntelchen herausgesprungen und hüpfte nun an einer Dame hoch, ohne irgendwie auf deren Kleid oder Sonnenschirm Rücksicht zu nehmen. Nein, es war schon nicht mehr schön, wie er die Gute zurichtete, zumal da unmittelbar vor deren Füßen der Kellnerin ein Hammelragout in den Sand gefallen war. Und doch, die Dame schien ihrer Kleider gar nicht zu achten. Eine schier überirdische Glückseligkeit strahlte aus ihren verklärten Augen, und als ihre Lippen den Namen Dora nannten, da war's, als ob die reine unverlorene Paradieseswonne einem neuen Gottesgarten als klarer Silberstrom entfließe. Urban merkte allerdings, daß da etwas flüssig geworden war, was er für fest gehalten hatte, und er schrie aus Leibeskräften »Lora«. Aber wie ein Zephyrsäuseln tönte ein »Dora« wieder an sein Ohr, und nun war in dem tragischen Konflikt der Pflichten dem armen Vierfüßler jede Vernunft abhanden gekommen. Wie von der Tarantel gestochen, sauste er über Soleierkörbe, Monatsrettiche und Maßkrüge hinweg zwischen »Lora« und »Dora« hin und her. Einen stelzbeinigen Orgelmann hatte der Terrier schon über den Haufen gerannt und einen Brezelbuben überfallen, als sich der Wirt mit einer Hundspeitsche nahte. Angesichts dessen, was nun kommen mußte, verzichtete der Hund einstweilen auf die Zärtlichkeiten von hüben und drüben und legte sich außerhalb des Biergartens wie eine Sphinx geheimnisvoll auf einen Backsteinhaufen.

Urban seinerseits warf verlegene Blicke nach der Dame hinüber, die mit seinem Hunde irgendwie in Beziehungen gestanden haben mochte. Kannte er die übrigens nicht? Himmel und Wetter, da fiel ihm eben ein, war das denn nicht die gleiche, bei der er sich einen Korb geholt hatte? Was hatte ihr denn an ihm nicht gefallen? Sein Stottern war's gewesen, etwas rein äußerliches, und nun stellte es sich heraus, daß sie durch ein einziges Seelenband, durch die gemeinsame Liebe zu einem Hunde miteinander verbunden waren. Urban mußte wieder und wieder nach der Dame hinschauen. Sie gefiel ihm heute schon beinah. Ihr Auge hatte nicht mehr das Stolzverächtliche von dazumal. Etwas Bittendes drang wie feuchter Perlenglanz zwischen den Lidrändern durch und schien fragen zu wollen, um welche Summe der Hund wieder zu erwerben wäre. Mehr noch, ein innerer Drang hatte sie mehrere Male schon vom Stuhle gehoben. Sie hatte offenbar die Absicht, sich näher an Urban heranzumachen, traute aber dem Wetter nicht in der Erinnerung an alte Rücksichtslosigkeiten. Es war offensichtlich, sie litt, litt unter Selbstvorwürfen, und zwar um so mehr, je heftiger auf seinem Backsteinhaufen der Hund winselte und in seiner Not zu flehen schien, daß man seinem Hundeherzen die schwere Entscheidung für ein Hüben und Drüben ersparen möge, indem man sich aussöhnte und schließlich als eine glückliche Dreieinigkeit vom Biergarten wegginge. Keine Frage, der Wille zu einer Annäherung war da. Wenn doch nur irgend etwas sich ereignen wollte, was die Körper zueinander brächte, so dachte man auf beiden Seiten, als wie gerufen ein Windstoß kam und der Dame Taschentuch mitnahm, während sie eben noch an ihrem Kleide herumputzte. Im Nu hatten Urban und sein Hund sich über die kostbare Reliquie hergemacht. Vor dem Eingang zu einem Schweinestall ward der Ausreißer zum Stehen gebracht, ob durch Urbans Hände oder das Hundegebiß, muß unentschieden bleiben. Sicher aber ist, daß der Stotterer die willkommene Gelegenheit ergriff, um in wohlgesetzter Rede das verlorene Pfand zurückzugeben und die Frage anzuschneiden, ob er nicht verantwortlich wäre für allen Schaden, den der unleidliche Köter sehr zum Leidwesen seines Herrn angerichtet habe.

»Er hat Ihr Kleid ruiniert, Ihren Schirm beschmutzt,« sagte Urban, ohne im geringsten zu stottern.

»Zur Strafe dafür werde ich den Übeltäter mit nach Hause nehmen,« entgegnete die Dame.

»Und würden derart einen Einsamen ganz zum Eremiten machen. Könnten Sie so grausam sein?«

»Gewiß, einem Menschen gegenüber, der eigensinnig genug ist, ein Wort nicht noch einmal zu sagen, weil er's schon einmal gesagt hat. Wie wäre es denn, mein Verehrtester, wenn wir zukünftig gemeinsam an der Hundesteuer zahlten?«

Was soll ich nun des Ferneren noch meinen Witz verschleudern? Es gingen die drei zusammen nach der Stadt zurück. Es ist anzunehmen, daß der Terrier seiner Natur nach gebellt und Urban etwas gestammelt haben wird, was ihm übrigens an zuständiger Stelle nicht übel genommen wurde, denn wer hört nicht gern ein Stammeln bei einer Liebeserklärung? Unsere Freundin war nicht anders wie ihre Schwestern, und wenn derart alle Menschen geartet gewesen wären, so hätte auch einmal ein Stotterer im Kirchenregiment das Wort geführt. So führte er es bald darauf in einem bescheidenen Haushalt; denn er hatte Gnade gefunden vor einer Tür, die vor nicht langer Zeit mit sieben Siegeln für ihn noch verschlossen war.

Ausgeschlossen, daß ich einem meiner Leser grollen würde, wenn er es mir zum Vorwurf machte, daß der Gesinnungswechsel unserer Heldin psychologisch nicht genügend begründet sei. Aber ich bitte, doch bedenken zu wollen, daß er eines Hundes wegen vor sich gegangen ist, daß Urbans Braut sechs Jahre älter geworden, um eine bombensichere Erbschaft gekommen war und ein neues Gebiß brauchte.

 

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