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Gutenberg > Heinrich Heine >

William Ratcliff

Heinrich Heine: William Ratcliff - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSämtliche Werke II
authorHeinrich Heine
year1969
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05347-2
titleWilliam Ratcliff
pages903-904
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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Die Vorigen ohne Willie.

Ratcliff lächelnd:
Wie meint Ihr das?

Tom:
Fromm, christlich soll er werden;
Kein solcher Galgenstrick, wie ich, sein Vater.

Ratcliff spöttisch:
Ihr seid so schlimm noch nicht.

Tom:
Jetzt freilich bin ich
Ein zahmes Tier, und zapfe Bier, ein Wirt.
Und weil mein Häuschen hübsch versteckt im Wald liegt,
Beherberg ich nur große Herrn wie Ihr,
Die gerne das Inkognito behaupten,
Am Tage schlafen und des Abends ausgehn.
Ich gebe Tagsquartier statt Nachtquartier.
Ja einst mondsüchtelte ich auch, und schwärmte

Macht eine Fingerbewegung.

In fremde Häuser und in fremde Taschen.
Doch nie hab ich's so toll gemacht wie diese.

Er zeigt nach den Schlafenden.

Seht diesen Fuchskopf. Das ist ein Genie!
Der hat ein angeborenes Gelüste
Nach fremden Taschentüchern. Stiehlt wie 'n Rabe.
Ei, seht, wie er im Schlafe hastig fingert!
Er stiehlt sogar im Traum. Seht nur er schmunzelt.
Der Lange dort, mit magern Heuschreckbeinen,
War einst ein Schneider; mauste anfangs Läppchen,
Bald aber Lappen, endlich Stücke Tuch.
Mit Not ist er dem Hängen einst entronnen
Seitdem hat er das Zucken in den Beinen.
Seht, wie er zappelt! Oh, ich wett, er träumt
Von einer Leiter, wie der Vater Jakob.
Doch seht mal dort den alten, dicken Robin,
Wie er so ruhig liegt, und schnarcht, und ach!
Der hat schon zehn Mordtaten auf der Seele.
Ja, wenn er noch katholisch wär, wie wir,
Und absolvieren könnt! Er ist ein Ketzer,
Und nach dem Hängen muß er dort noch brennen.

Ratcliff Er ist immer unruhig im Zimmer auf und ab gegangen, und sieht beständig nach der Uhr:
Glaubt's nicht, der alte Robin wird nicht brennen.
Dort oben gibt es eine andre Jury
Als hier in Großbritannien. Robin ist
Ein Mann; und einen Mann ergreift der Zorn,
Wenn er betrachtet wie die Pfennigseelen,
Die Buben, oft im Überflusse schwelgen,
In Samt und Seide schimmern, Austern schlürfen,
Sich in Champagner baden, in dem Bette
Des Doktor Graham ihre Kurzweil treiben,
In goldnen Wagen durch die Straßen rasseln,
Und stolz herabsehn auf den Hungerleider,
Der, mit dem letzten Hemde unterm Arm,
Langsam und seufzend nach dem Leihhaus wandert.

Bitter lachend.

O seht mir doch die klugen, satten Leute,
Wie sie mit einem Walle von Gesetzen,
Sich wohlverwahret gegen allen Andrang
Der schreiend überläst'gen Hungerleider!
Weh dem, der diesen Wall durchbricht!
Bereit sind Richter, Henker, Stricke, Galgen –
Je nun! manchmal gibt's Leut, die das nicht scheun.

Tom:
So dacht ich auch, und teilte ein die Menschen
In zwei Nationen, die sich wild bekriegen;
Nämlich in Satte und in Hungerleider.
Weil ich zu letzterer Partei gehörte,
So mußt ich mit den Satten oft mich balgen.
Doch hab ich eingesehn, der Kampf ist ungleich,
Und zieh allmählich mich zurück vom Handwerk.
Ich bin es müd: unstet herumzustreichen,
Niemand ins Aug zu schaun, das Licht zu fliehn,
An jedem Galgen, im Vorbeigehn, ängstlich
Hinaufzuschaun ob ich nicht selbst dran hänge,
Und nur zu träumen von Botany-Bay,
Vom Zuchthaus und vom ew'gen Wollespinnen.

Wahrhaftig, das ist nur ein Hundeleben!
Man wird durch Busch und Feld gehetzt wie 'n Wild,
In jedem Baume sieht man einen Häscher,
Und sitzt man auch in still verborgner Kammer,
Erschrickt man wenn die Tür sich öffnet –

Lesley tritt hastig ein. Ratcliff stürzt ihm entgegen. Tom fährt erschrocken zurück mit dem Ausruf »Jesus!«

Lesley:
Er kömmt! Er kömmt!

Ratcliff:
Er kömmt? Wohlan so gilt's.

Tom ängstlich:
Wer kömmt? Seit ein'ger Zeit bin ich so schreckhaft –

Lesley zu Tom:
Beruh'ge dich, und laß uns jetzt allein.

Tom mit pfiffiger Miene:
Ha! ich versteh, Ihr habt jetzt was zu teilen.

Er geht ab.

Die Vorigen ohne Tom.

Ratcliff:
Er kömmt? So will ich gehn.

Er greift nach Hut und Degen.

Lesley hält ihn zurück:
Ho! ho! so geht's nicht.
Erst muß es dunkler sein. Man paßt dir auf.
MacGregors Knechte lauern. Wie du aussiehst
Weiß jedes Kind; man hat dich gut beschrieben.
Wahrhaftig sag mir mal, was soll der Spaß?
Du suchst Gefahr, Gefahr, die dir nicht nützt.
Geh mit zurück nach London; bist dort sicher.
Du solltest meiden diese schlimme Gegend.
Man weiß es daß du Macdonald und Duncan
So abgemurkst.

Ratcliff, mit trotziger Würde:
Nicht abgemurkst. Im Zweikampf
Fiel Macdonald und Duncan. Ehrlich focht ich;
Und auch mit Douglas will ich ehrlich fechten.

Lesley:
Erleichtre dir's. Verstehst ja Italienisch.

Macht eine Banditenbewegung.

Doch sprich, wo trat dir Douglas in den Weg?
Was tat er dir? Woher dein Groll, dein Haß?

Ratcliff:
Ich sah ihn nie; ich sprach ihn nie; er tat
Mir niemals was zuleid; ich haß ihn nicht.

Lesley:
Und doch willst du sein Lebenslicht auslöschen?
Bist du verrückt? Bin ich verrückt? daß ich
Behülflich bin zu solchem Tollhausstreich!

Ratcliff:
Weh, dir, wenn du begriffest solche Dinge!
Weh deinem Hirnfuttral, es müßte bersten,
Und Wahnsinn würde gucken aus den Ritzen!
Wie eine Eierschale würde bersten
Dein armer Kopf, und wär er so geräumig
Als wie die Kuppel der Sankt-Paulus-Kirche.

Lesley fühlt sich ironisch ängstlich den Kopf:
Du machst mich bang; o schweige lieber still!

Ratcliff:
Glaub nicht ich sei ein weicher Mondscheinheld,
Ein Bilderjäger, der vom eignen Windhund,
Von Phantasie, durch Nacht und Höll gehetzt wird,
Ein magenkrank schwindsüchtelnder Poet,
Der mit den Sternen Unzucht treibt, der Leibschmerz
Vor Rührung kriegt, wenn Nachtigallen trillern,
Der sich aus Seufzern eine Leiter baut,
Und endlich mit dem Strick verschlungner Reime
Sich aufhängt an der Säule seines Ruhms.

Lesley:
Das könnt ich selbst im Notfall wohl beschwören.

Ratcliff:
Und doch gesteh ich – spaßhaft mag's dir klingen –
Es gibt entsetzlich seltsame Gewalten,
Die mich beherrschen; dunkle Mächte gibt's,
Die meinen Willen lenken, die mich treiben
Zu jeder Tat, die meinen Arm regieren,
Und die schon in der Kindheit mich umschauert.

Als Knabe schon, wenn ich alleine spielte,
Gewahrt ich oft zwei neblichte Gestalten,
Die weit ausstreckten ihre Nebelarme,
Sehnsüchtig sich in Lieb umfangen wollten,
Und doch nicht konnten, und sich schmerzlich ansahn!
Wie luftig und verschwimmend sie auch schienen,
Bemerkt ich dennoch auf dem einen Antlitz
Die stolzverzerrten Züge eines Mannes,
Und auf dem andern milde Frauenschönheit.
Oft sah ich auch im Traum die beiden Bilder,
Und schaute dann noch deutlicher die Züge;
Mit Wehmut sah mich an der Nebelmann,
Mit Liebe sah mich an das Nebelweib. –
Doch als ich auf die hohe Schule kam,
Zu Edinburgh, sah ich die Bilder seltner,
Und in dem Strudel des Studentenlebens
Verschwammen meine bleichen Traumgesichte.
Da brachte mich auf einer Ferienreise
Zufall hierher, und nach MacGregors Schloß.

Maria sah ich dort! Mein Herz durchzuckte
Ein rascher Blitz, bei ihrem ersten Anblick.
Es waren ja des Nebelweibes Züge,
Die schönen, stillen, liebefrommen Züge,
Die mich so oft im Traume angelächelt!
Nur war Mariens Wange nicht so bleich
Nur war Mariens Auge nicht so starr.
Die Wange blühte und das Auge blitzte;
Der Himmel hatte allen Liebeszauber
Auf dieses holde Bild herabgegossen;
Die Hochgebenedeite selber war
Gewiß nicht schöner als die Namensschwester;
Und von der Liebe Sehnsuchtweh ergriffen,
Streckt ich die Arme aus sie zu umfangen –

Pause.

Ich weiß nicht wie es kam, im nahen Spiegel
Sah ich mich selbst – Ich war der Nebelmann,
Der nach dem Nebelweib die Arme ausgestreckt!

War's eitel Traum? War's Phantasieentrug?
Maria sah mich an so mild, so freundlich,
So liebend, so verheißend! Aug in Auge
Und Seel in Seele tauchten wir. O Gott!

Das dunkle Urgeheimnis meines Lebens
War plötzlich mir erschlossen, und verständlich
War mir der Sang der Vögel, und die Sprache
Der Blumen, und der Liebesgruß der Sterne,
Der Hauch des Zephyrs und des Baches Murmeln,
Und meiner eignen Brust geheimes Seufzen!
Wie Kinder jauchzten wir, und spielten wir.
Wir suchten uns, und fanden uns im Garten.
Sie gab mir Blumen, Myrten, Locken, Küsse;
Die Küsse gab ich doppelt ihr zurück.
Und endlich sank ich hin vor ihr aufs Knie,
Und bat: O sprich, Maria, liebst du mich?

Versinkt in Träumerei.

Lesley:
Da hätt ich dich doch sehen mögen, Ratcliff,
Die starken Fäuste bittend fromm gefaltet,
Das funkelnd wilde Aug sehnsüchtig schmachtend,
Und zärtlich sanft die Stimm, die auf der Landstraß
Dem reichen Lord so schrecklich ins Gehör schallt.

Ratcliff wild ausbrechend:
Verfluchte Schlang! Mit seltsam scheuen Blicken,
Und Widerwillen fast, sah sie mich an,
Und höhnisch knickend sprach sie frostig: Nein!
Noch hör ich's lachen unter mir: Nein! nein!
Noch hör ich's seufzen über mir: Nein! nein!
Und klirrend schlagen zu des Himmels Pforte!

Lesley:
Das war ja ganz infam und niederträchtig.

Ratcliff:
MacGregors Schloß verließ ich, und ich reiste
Von dort nach London; im Gewühl der Hauptstadt
Dacht ich des Herzens Qual zu übertäuben.
Ich war mein eigner Herr, denn meine Eltern
Verlor ich früh, noch eh ich sie gekannt hab.
Schlecht, schlecht gelang mir der Betäubungsplan.
Portwein, Champagner, alles wollt nicht fruchten;
Nach jedem Glase ward mein Herz betrübter.
Blondinen und Brünetten, keine konnt
Forttändeln und fortlächeln meinen Schmerz.
Sogar beim Pharo fand ich keine Ruh.
Marias Aug schwamm auf dem grünen Tische;
Marias Hand bog mir die Parolis;
Und in dem Bild der eckigen Coeur-Dame
Sah ich Marias himmelschöne Züge!
Maria war's, kein dünnes Kartenblatt;
Maria war's, ich fühlte ihren Atem;
Sie winkte: ja! sie nickte: ja! – va banque! –
Zum Teufel war mein Geld, die Liebe blieb.

Lesley lacht:
Ha! ha! da zogst du aus dem Stall dein Rößlein,
Schwangst dich hinauf, wie's Schottlands Rittern ziemt
Und wie die Ahnen lebtest du vom Stegreif.
Die Liebe ist dir jetzt gewiß vergangen;
Man wird schon nüchtern, wenn man oft des Nachts
Durch Wind und Wetter reitet, und beim Galgen
Vorbeikömmt, und dort gute Freunde sieht,
Die pendulartig mit den Beinen grüßen.

Ratcliff:
Öl kam ins Feuer. Wilder nur entbrannte
In mir die wilde Sehnsucht nach Marien.
In England ward's mir oft zu eng; nach Schottland
Zog's mich mit unsichtbaren Eisenarmen.
Nur in Mariens Nähe schlaf ich ruhig,
Und atm ich frei, und ist mir nicht so ängstlich,
Und ist mir wohl – denn höre mein Geheimnis.

Geschworen hab ich bei dem Wort des Herrn,
Und bei der Macht des Himmels und der Hölle,
Und hab mit grausem Fluch den Schwur besiegelt –
»Von dieser Hand soll fallen der Vermeßne,
Der's wagt Marien bräutlich zu umfangen.«
Die Stimm in meiner Brust sprach diesen Schwur,
Und blindlings dien ich jener dunklen Macht,
Die mit mir kämpft, wenn ich Mariens Freiern
Am Schwarzenstein ein Rosenbett bereite.

Lesley:
Jetzt erst versteh ich dich; doch bill'g ich nichts.

Ratcliff:
Bill'g ich's denn selbst? Nur jene Stimme hier,
Die fremde Stimm, die sich hier eingenistet,
Sagt: ja; nur jene Bilder nicken Beifall,
Die ich im Traume seh – Aufschreiend. Jesus Maria!
Dort! dort! siehst du? dort, dort! Die Nebelmenschen!

Es ist dunkel geworden. Man sieht zwei neblichte Gestalten über die Bühne schwanken und verschwinden. – Die im Hintergrunde liegenden Räuber und Gauner, durch Ratcliffs Schrei aus dem Schlafe geweckt, springen auf mit dem Ausrufe:

»Was gibt's? Was gibt's?«

Lesley:
Bist du des Teufels Ratcliff?
Ich sehe nichts.

Mehrere:
Was sieht er? Sieht er Häscher?

Lesley:
Nein! just das Gegenteil, denn Geister sieht er.

Alle lachen.

Robin verdrießlich:
God damn! man hat auch keine Ruh am Tag.

Ratcliff:
Es dunkelt; ich will gehn.

Lesley:
Ich gehe mit.

Ratcliff:
Das leid ich nicht.

Lesley:
Nur bis zum Schwarzenstein;
Vielleicht stehn Wachen dort.

Ratcliff:
Die Angst treibt sie
Schon weg; dort ist es nicht geheur des Nachts.

Lesley:
Lebt wohl, ihr Herrn!

Ratcliff:
Lebt wohl!

Alle:
Gott segne euch.

Ratcliff und Lesley gehn ab.

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