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Gutenberg > Heinrich Heine >

William Ratcliff

Heinrich Heine: William Ratcliff - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSämtliche Werke II
authorHeinrich Heine
year1969
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05347-2
titleWilliam Ratcliff
pages903-904
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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Zimmer in MacGregors Schloß.

Margarethe kauert bewegungslos in einer Ecke.
MacGregor. Maria. Douglas.

MacGregor er legt Douglas' und Marias Hände ineinander:
Ihr seid jetzt Mann und Weib. Wie eure Hände
Vereinigt sind, so sollen auch die Herzen,
In Leid und Freud, vereinigt sein auf immer.
Zwei mächt'ge Sakramente, das der Kirche
Und das der Liebe, haben euch verbunden;
Ein Doppelsegen ruht auf euren Häuptern;
Und auch den Vatersegen leg ich drauf.

Er legt segnend seine Hände auf beider Haupt.

Douglas:
Mit Stolz, Mylord, nenn ich Euch heute: Vater.

MacGregor:
Mit noch weit größerm Stolz nenn ich Euch: Sohn.

Sie umarmen sich.

Margarethe singt im abgebrochenen Wahnsinntone:
»Was ist von Blut dein Schwert so rot?
Edward, Edward?«

Douglas erschrocken auffahrend und nach Margarethe schauend:
Um Gott, Mylord, welch gläsern geller Laut?
Es fängt zu singen an, das stumme Bild –

MacGregor mit erzwungenem Lächeln:
Stört Euch nicht dran. Es ist die tolle Margreth,
Gehört zum Schloß. Sie leidet an der Starrsucht,
Seit Jahr und Tag. Mit stieren Augen liegt sie
Gekauert, manch unheimlich lange Stunde;
Und dann und wann, wie 'n Stein der sprechen kann,
Bewegungslos, quäkt sie ein altes Lied –

Douglas:
Warum behaltet Ihr im Schloß solch Schrecknis?

MacGregor leise zu ihm:
Still, still. Sie hört jedwedes Wort; – schon lange
Hätt ich sie fortgeschafft – doch darf ich nicht.

Maria:
Laßt ruhn die arme, gute Margarethe.
Erzählt mir lieber etwas Neues, Douglas.
Wie sieht's in London aus? Bei uns in Schottland,
Erfährt man nichts.

Douglas:
Noch ist's das alte Treiben.
Man rennt, und fährt, und jagt, straßauf straßab.
Man schläft des Tags, und macht zum Tag die Nacht.
Vauxhall und Routs und Picknicks drängen sich;
Und Drurilane und Coventgarden locken.
Die Oper rauscht. Pfundnoten wechselt man
Für Musiknoten ein. God save the king
Wird mitgebrüllt. Die Patrioten liegen
In dunkeln Schenken und politisieren,
Und subskribieren, wetten, fluchen, gähnen,
Und saufen auf das Wohl des Vaterlands.
Roastbeef und Pudding dampft, der Porter schäumt,
Und sein Rezept schreibt lächelnd der Quacksalber.
Die Taschendiebe drängen. Gauner quälen
Mit ihrer Höflichkeit. Der Bettler quält
Mit seinem Jammeranblick und Gewimmer.
Vor allem quält die unbequeme Tracht,
Der enge Wespenrock, das steife Halsband,
Und gar der babylonisch hohe Turmhut.

MacGregor:
Da lob ich mir mein Plaid und meine Mütze.
Ihr tatet gut, daß Ihr die Narrenkleider
Vom Leib geworfen habt. Ein Douglas muß
Im Äußern auch ein Schotte sein, und heute
Lacht mir das Herz im Leib, wenn ich Euch schaue,
Euch alle, in der lieben Schottentracht.

Maria:
Erzählt mir was von Eurer Reise, Douglas.

Douglas:
Zu Wagen fuhr ich bis an Schottlands Grenze.
Das ging mir viel zu langsam. In Old-Jedburgh
Nahm ich ein Pferd. Ich gab dem Tier die Sporn.
Mich selber aber spornte Liebessehnsucht.
Ich dachte nur an Euch, Marie, und pfeilschnell,
Durch Busch und Berg und Feld, trug mich mein Roß.
Im Wald bei Invernes wär mir's bald schlecht
Bekommen, daß ich in Gedanken ritt.
Piff! Paff! erweckten mich aus meinen Träumen
Die Kugeln, die mir um die Ohren pfiffen.
Drei Straßenräuber stürzten auf mich ein.
Ein Kampf begann. Es regneten die Hiebe.
Ich wehrte mich der Haut; doch unterliegen
Hätt ich wohl müssen – O weh! Marie erbleicht,
Und wankt, und sinkt –

Margarethe springt hastig auf, und hält die in Ohnmacht fallende Maria in ihren Armen.

Margarethe: O weh! mein rotes Püppchen
Ist kreideblaß, und kalt wie Stein. O weh!

Halb singend, halb sprechend und Maria streichelnd.

Püppchen klein, Püppchen mein,
Schließe auf die Äugelein!
Püppchen fein, du mußt sein
Nicht so kalt wie Marmelstein.
Rosenschein, will ich streun
Auf die weißen Wängelein.« –

MacGregor:
Halt ein, verrücktes Weib, mit Wahnsinnsprüchen
Betörst du ihr noch mehr das kranke Haupt –

Margarethe mit dem Finger drohend:
Du? du? willst schelten? Wasch dir erst die Hände,
Die roten Hände; du befleckst mit Blut
Klein Püppchens weißes Hochzeitkleid. Geh fort.
Ich rat dir gut.

MacGregor ängstlich:
Die tolle Alte faselt! –

Margarethe singend:

»Püppchen klein, Püppchen mein,
Schließe auf die Äugelein!«

Maria. Sie erwacht aus ihrer Ohnmacht und lehnt sich an Margarethe:
Erzählt nur weiter wie es ging. Ich höre.

Douglas:
Es tut mir leid – was ich erzählt – doch hört:
Ein andrer Reiter sprengte rasch herbei,
Fiel jenen Räubern plötzlich in den Rücken,
Und hieb drauflos mit Kraft. Ich selbst bekam
Jetzt neuen Mut und freies Spiel. Wir schlugen
Die Hunde in die Flucht. Ich wollte danken
Dem edlen Retter. Aber dieser rief:
»Ich habe keine Zeit« und jagte weiter.

Maria lächelnd:
Ach, Gott sei Dank! Ihr habt mich sehr geängstigt.
Jetzt bin ich wieder wohl. Margrethe führ mich.
Freundinnen warten meiner in dem Saal.

Margarethe ängstlich zu MacGregor:
Du, sei nicht bös. Die arme Margreth ist
Nicht immer toll.

MacGregor:
Geht nur, wir folgen gleich.

Maria und Margarethe gehen ab.

MacGregor. Douglas.

Douglas:
Ich staune, ist Marie so krankhaft reizbar?
Sie ist so ängstlich heute; sie erbleicht
Und zittert bei dem leisesten Geräusche –

MacGregor:
Douglas! ich will und darf's Euch nicht verhehlen
Was heut so sehr Mariens Seele ängstigt.
Verzeiht daß ich's Euch früher nicht eröffnet.
Tollkühn ist Euer Mut, und die Gefahr,
Die ich mit Klugheit von Euch abgewendet,
Hättet Ihr selber rastlos aufgesucht;
Fort hätt es Euch getrieben ihn zu zücht'gen,
Den Frevler, der Mariens Ruhe störte.

Douglas:
Wer darf Mariens Ruh gefährden, sprecht?

MacGregor:
Hört ruhig an die traurige Geschichte.
Sechs Jahre sind es jetzt, da kehrte ein
Bei uns ins Schloß ein fahrender Student
Aus Edinburgh, mit Namen William Ratcliff.
Den Vater hatt ich einst gekannt, recht gut,
Recht gut, recht gut, er hieß Sir Edward Ratcliff.
Gastfreundlich nahm ich also auf den Sohn,
Und gab ihm Speis und Obdach, vierzehn Tage.
Er sah Marie, und sah ihr in die Augen,
Und sah dort viel zu tief, begann zu seufzen,
Zu schmachten und zu ächzen – bis Maria
Ihm rund erklärte: daß er lästig sei.
Die Liebe packt' er in den Korb und ging. –
Zwei Jahre drauf kam Philipp Macdonald,
Der Earl von Ais, warb um Mariens Hand,
Und warb mit gutem Glück, und nach sechs Monden
Stand am Altare, hochzeitlich geschmückt,
Die holde Braut – der Bräut'gam aber fehlte.
Wir suchten überall, in allen Zimmern,
Im Hof, im Stall, im Garten – Ach! da fand man
Am Schwarzenstein den Leichnam Macdonalds.

Douglas:
Wer war der Mörder?

MacGregor:
Lange war vergeblich
All unser Forschen – da gestand Maria
Daß sie den Mörder kenne, und erzählte:
In jener Nacht, die auf den Mordtag folgte,
Sei William Ratcliff in ihr Schlafgemach
Plötzlich getreten, habe lachend ihr
Die Hand gezeigt, noch rot vom Blut des Bräut'gams,
Und habe Macdonalds Verlobungsring
Ihr dargereicht mit zierlicher Verbeugung.

Douglas:
Verruchtheit! Welcher Hohn! Was tatet Ihr?

MacGregor:
Ich ließ den Leichnam Macdonalds beisetzen
In seines eignen Schlosses Ahnengruft,
Und an der Stätte wo der Mord geschah,
Pflanzt ich ein Kreuz, zum ewigen Gedächtnis.
Den Mörder Ratcliff suchte ich vergebens.
Man hatte ihn zuletzt gesehn in London,
Wo er, nach seiner Mutter Tod, sein Erbteil
In Saus und Braus verpraßte, und nachher
Von Spiel und Borg, und gar, wie ein'ge sagen,
Vom ritterlichen Straßenraube lebte.
Verstrichen waren seit der Zeit zwei Jahre,
Und Mord und Mörder waren fast vergessen,
Da kam hierher in unser Schloß Lord Duncan,
Hielt bei mir an um meiner Tochter Hand.
Ich will'gte ein und mir gelang es auch
Marias Jawort einem Mann zu schaffen,
Der aus dem Stamm der Schottenkön'ge sproßt.
Doch wehe uns! Bald stand am Hochaltar,
Festlich geschmückt, die heimlich bange Braut –
Und Duncan lag am Schwarzenstein erschlagen

Douglas:
Entsetzlich!

MacGregor:
Auf! steigt auf zu Roß! rief ich
Den Knechten, und wir jagten und wir suchten,
In Busch und Feld, in Wäldern und in Klüften,
Drei Tage lang, jedoch umsonst, wir fanden
Die Spur des Mörders nirgends.
Ach! und dennoch,
Dieselbe Nacht von jenem Schreckenstag,
Schlich William Ratcliff in Mariens Kammer,
Verhöhnte sie, und gab ihr zierlich grüßend
Des Bräutigams Verlobungsring zurück.

Douglas:
Bei Gott! der Mensch ist kühn! den möcht ich treffen.

MacGregor:
Er war's gewiß, den Ihr schon habt getroffen,
Im Wald bei Invernes. Nur wundr ich mich
Daß keiner meiner Späher ihn gesehn; –
Denn, Graf, ich hab dafür gesorgt, daß ich
Nicht Euren Namen auch zu setzen brauche
Auf das Gedächtniskreuz am Schwarzenstein.

Er geht ab.

Douglas allein:
Aus Klugheit hat's MacGregor mir verschwiegen
Bis nach der Trauung. Oh, das ist ein Fuchs!
Doch messen möcht ich mich mit jenem Trotzkopf,
Der finster grollend stets Marien ängstigt.
Mir soll er nicht den Ring vom Finger ziehen,
Denn wo mein Finger ist, ist auch die Hand.
Ich liebe nicht Marien, und ich bin
Auch nicht geliebt von ihr. Die Konvenienz
Hat unsern heut'gen Ehebund geschlossen.
Doch herzlich gut bin ich dem sanften Mädchen.
Ich möcht von Dornen ihre Pfade säubern –


Lesley, im Mantel gehüllt und sich vorsichtig umsehend, tritt herein.
Douglas. Lesley.

Lesley:
Seid Ihr Graf Douglas?

Douglas:
Ja ich bin's, was wollt Ihr?

Lesley Ergibt ihm einen Brief:
So ist an Euch dies niedliche Billett.

Douglas Er hat den Brief gelesen:
Ja, ja! Sag ihm ich komm. Am Schwarzenstein!

Beide gehn ab.

Diebesherberge. Im Hintergrunde liegen schlafende Menschen. Ein Heiligenbild hängt an der Wand. Die Wanduhr pickt. Abenddämmerung.

William Ratcliff sitzt brütend in einer Ecke des Zimmers. In der andern Ecke sitzt Tom der Wirt und hält sein Söhnchen Willie zwischen den Knien.

Tom leise:
Willie, kannst du das Vaterunser sagen?

Willie lachend und laut:
Wie 'n Donnerwetter.

Tom:
Sprich nur nicht so laut,
Du weckst mir ja die müden Leute auf.

Willie:
Nun soll's jetzt losgehn?

Tom:
Ja, doch nicht zu rasch.

Willie schnell: »Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Gib uns unser täglich Brot immerdar. Und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen die uns schuldig sind. Und führe uns nicht – Stottert. führe uns nicht – führe uns nicht –«

Tom: Siehst du? du stotterst. »Führe uns nicht in Versuchung«; Fang wieder an von vorn.

Willie sieht immer nach William Ratcliff und spricht ängstlich und unsicher: »Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Gib uns unser täglich Brot immerdar. Und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen die uns schuldig sind. Und führe uns nicht – Stottert. führe uns nicht – führe uns nicht –«

Tom ärgerlich:
»In Versuchung!«

Willie weinend:
Lieber Vater, sonst ging mir's
Vom Maul wie Wasser. Aber der dort sitzt –

Er zeigt auf William Ratcliff.

Der sieht mich immer an mit schlimmen Augen.

Tom:
Heut abend, Willie, kriegst du keine Fische, Drohend:
Und stiehlst du sie mir wieder aus dem Kasten –

Willie weinend und im Vaterunsertone:
»Führe uns nicht in Versuchung!«

Ratcliff:
Laßt nur den Buben gehn. Auch ich hab nie
Im Kopf behalten können diese Stelle. Schmerzlich:
»Führe uns nicht in Versuchung!«

Tom:
Auch tät mir's leid wenn einst der Bube würde
Wie Ihr und diese dort. Zeigt nach den Schlafenden. Jetzt geh nur, Willie.

Willie abgehend und weinerlich vor sich hinmurmelnd:
»Führe uns nicht in Versuchung!«

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