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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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21
William Lovell an Rosa

Rom.

Was sagen Sie nun zu Andreas grausamen Erklärungen? Ich kann manche Stellen gar nicht aus dem Gedächtnisse verlieren. – Wie freute ich mich, als mir eine Woche nach seinem Tode diese Papiere überreicht wurden! Ich hoffte nun noch eine Art von Beruhigung zu finden, und eben nun war alles vorüber.

Hab ich mein ganzes Leben nicht verschleudert, um diesem entsetzlichen Menschen zu gefallen, um ihm näherzukommen? War sein Umgang, die Hoffnung auf seinen Betrug nicht die letzte meines Lebens? Doch, das habe ich Ihnen ja oft genug in meinen Briefen gesagt.

Ich mag gar nicht mehr klagen, denn selbst dazu ist die Kraft in mir erloschen. Bianca ist gestorben, ich besuchte sie einige Tage vor ihrem Tode. Sie gestand mir, daß sie schon seit lange etwas auf dem Herzen habe, das sie mir entdecken müsse. Sie sagte mir, daß sie durch Andrea, oder eigentlich Waterloo, bewegt worden sei, auf einer Maskerade mich zu erschrecken, und die Rolle der Rosaline zu spielen. Ich betrachtete sie genauer, und erschrak, als ich wirklich eine auffallende Ähnlichkeit entdeckte; ich konnte es aber immer noch nicht begreifen, daß ich mich so hätte können hintergehen lassen; um mich völlig zu überzeugen, schminkte sie sich daher etwas, färbte die Augenbraunen dunkler, kämmte die Haare in die Stirn hinein, und schlug um den Kopf ein lockeres seidnes Tuch. Ich schrie laut auf, als sie so wieder zu mir hineintrat; geradeso trug sich Rosaline, und ich weiß jetzt, warum ich mich neulich so innerlich entsetzte, als ich Bianca besuchte. Biancas matter Blick machte, daß ich sie in einzelnen Sekunden für Rosalinens Geist hielt: in der Finsternis und im Wagen war mein Erschrecken damals noch viel heftiger, weil mich die Gestalt noch mehr überraschte. – Bianca sagte mir nun, daß sie mich schon vor meiner Abreise aus Italien gern gesprochen hätte, aber ich sei auf ihre dringende Bitte nicht zu ihr gekommen, sonst hätte sie mir wahrscheinlich schon damals den ganzen Vorfall erzählt. – An manchen Zufälligkeiten hängt oft ein wichtiger Teil unsers Lebens! Ich erinnere mich jetzt dieses Billetts, und auch, daß ich aus Trägheit nicht zu ihr ging.

Ich habe mir oft im stillen eingebildet, daß Rosaline noch lebe, und daß ich sie gewiß einmal wiedersehen würde. Dieser Gedanke, so seltsam es auch klingen mag, hat mich heimlich in manchen Stunden beruhigt; ich glaubte selbst, daß das Wesen, das im Wagen neben mir gesessen hatte, die wirkliche Rosaline gewesen sei – und nun ist mir auch diese Hoffnung genommen.

Ich darf wohl kaum noch fragen, wie es denn eigentlich mit der Erscheinung zusammenhängt, von der Sie mir einmal schrieben? –

Bianca wird heute begraben. Ich habe sie gesehn. Laura hat sie mit Blumen aufgeputzt, und die Leiche sieht wieder Rosalinen so ähnlich, daß mir ein Schauder durch alle Gebeine ging. Ich habe schon oft in den Kirchen vor den mit Gold, Blumen und Bändern geschmückten Reliquien gezittert: die Skelette mit den Kränzen und ihren entblößten Schädeln, das flimmernde Gold und die einzelnen Blumen, die um die leeren Augenhöhlen wanken, der gläserne Schrank, alles schien mir dann so seltsam und rätselhaft zusammengestellt, mich erschreckte hernach auch in den vollen blonden Locken der Blumenkranz. Und so lag Bianca vor mir.

Laura saß daneben und weinte. Sie nennt die Gestorbene unaufhörlich ein gutes, liebes Mädchen, und putzt sich so ihren Schmerz auf, und idealisiert sich selbst und ihren Zustand. Es ist gut, wenn es die Menschen noch können, denn es ist nötig, sich selber etwas vorzulügen; in mir ist die Kraft und der Wille dazu erloschen.

 

22
Rosa an William Lovell

Tivoli.

Lieber Freund, Andreas Papiere haben mich vielleicht ebenso gedemütigt, wie Sie dadurch niedergeschlagen sind. Ich kann mir Ihren Zustand denken, ich fühle mit Ihnen.

Sie sollten mich nicht an jenen Brief erinnern, in dem ich Ihnen von Andreas wunderbaren Doppelheit sagte; ich schäme mich, sooft ich daran denke. Nicht, daß die ganze Sache eine zu Andreas Besten erfundene Lüge gewesen wäre, sondern weil ich mich damals von diesem Menschen ganz wie ein Kind behandeln ließ, so daß ich mir gleichsam auf seinen Befehl tausend Dinge einbildete und sie fest glaubte. Er fand es für gut, mich noch früher als Sie zu verblenden, weil er allen Menschen nur bis auf einen gewissen Punkt traute; er wollte mich nicht ganz zu seinem eigentlichen Vertrauten machen, weil es denn doch immer in meiner Willkür stand, ihn zu verraten: dies machte er mir unmöglich, denn es war ihm nicht genug, daß ich ihm verbunden war. Ich war zwar über seinen Charakter ungewiß, er kam mir aber doch nie so nahe, daß ich irgendeine bestimmte Idee über ihn hätte bekommen können: seine Klugheit bestand hauptsächlich darin, daß er alle Gelegenheiten vermied, um näher gekannt zu werden, er verlor sich darum so gern in allgemeine Gedanken und große Tiraden, um die Aufmerksamkeit zuweilen von sich selber abzulenken.

Er erhielt mich hier in Tivoli, als er mich besuchte, in einer steten Spannung, alle unsre Gespräche drehten sich um die wunderbare Welt, und es kostete ihm wenig, meine Phantasie zu erhitzen, denn Sie wissen es selbst, in welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besaß. Ich konnte den Wunsch in mir nicht unterdrücken, recht wunderbare Erfahrungen zu machen, und wenn man diesen Wunsch lebhaft hat, so kömmt man in Gefahr, diese seltsamen Erfahrungen auch wirklich anzutreffen. Die Phantasie ist für jeden Eindruck empfänglicher, und der Verstand ist bereit, sich unterdrücken zu lassen. Das Schlimmste dabei aber ist eine gewisse dunkle, gefährliche Eitelkeit, die uns mit der Phantasie im Bunde leicht für das Gewöhnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt, damit wir nur nicht vergebens hoffen dürfen. So erging es mir in jener Nacht. Andrea ging zur Stadt zurück, und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten und Gedanken, die er mir mitgeteilt hatte, ich verirrte mich, und meine Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu. Endlich traf ich auf jene Menschen. Der eine, der mich bis ans Tor brachte, hatte ein etwas seltsames Gesicht, allein erst nachher, als ich Andrea schon wiedergefunden hatte, fiel es mir ein, daß jener ihm entfernt ähnlich sehe, ja vielleicht dacht ich nur, daß es interessant wäre, wenn er ihm ähnlich gesehn hätte. So stellte meine Phantasie das Bild zusammen, und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst, und entsetzte mich davor. Auf die Art entstand jener Brief, und ich war dabei selbst von allem überzeugt, was ich niederschrieb. – Die Phantasie hintergeht uns im gewöhnlichen Leben oft auf eine ähnliche Art, indem sie uns ihre Gedichte für Wahrheit unterschiebt, am ersten aber dann, wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben. Die Lügen, die wir uns selbst vorsagen, sind ebenso unverzeihlich, als die, womit wir andre hintergehen.

 

23
William Lovell an Rosa

Rom.

Wie wahr ist Ihr Brief, und wie schlimm ist's, daß es mit dem Menschen so bestellt ist, daß er wahr ist! – O wenn ich doch meine verlornen Jahre von der Zeit zurückkaufen könnte! Ich sehe jetzt erst ein, was ich bin und was ich sein könnte. Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt, das Fremdartige, Fernliegende zu meinem Eigentume zu machen, und über dieser Bemühung habe ich mich selbst verloren. Es war nicht meine Bestimmung, die Menschen kennenzulernen und sie zu meistern, ich ging über ein Studium zugrunde, das die höheren Geister nur noch mehr erhebt. Ich hätte mich daran gewöhnen sollen, auch in Torheiten und Albernheiten das Gute zu finden, nicht scharf zu tadeln und zu verachten, sondern mich selbst zu bessern.

War es mir wohl in meiner Verworfenheit vergönnt, so über die Menschen zu sprechen? – O Amalie! dein heiliger Name macht, daß ich Tränen vergieße. Hätte mich Dein schützender Genius nie verlassen! – Wie glücklich hätt ich werden können!

Was ist alles Grübeln und Träumen, was alle Freigeisterei? Luxus und Verschwendung, bei denen der arme menschliche Geist am Ende darben muß. – Ich könnte jetzt in ein Kloster gehn, ich könnte mich in eine Einsiedelei vergraben.

 

24
Rosa an William Lovell

Tivoli.

Lieber Lovell, Sie sollen einsehn, daß sowohl Andrea als Sie sich in mir geirrt haben. Ich denke mein Vermögen nicht zu verschwenden, sondern auf eine angenehme Weise zu genießen, und zwar in Ihrer Gesellschaft. Sie stehn jetzt einsam und verlassen in der Welt; kommen Sie zu mir nach Tivoli, hier ist Raum für uns beide, und in einer schönen Einsamkeit wird Ihr kranker Geist vielleicht etwas wiederhergestellt. Denken Sie nicht mehr an meinen unmenschlichen Brief, den Sie in Paris erhielten, damals war ich gezwungen, so zu schreiben, weil Andrea noch lebte, jetzt aber kann ich nach meinem eignen, bessern Willen handeln.

Wir sind durch Andrea klüger gemacht, und so mag denn seine trübe, hyperphysische Weisheit fahren! Wir wollen das Leben sanft genießen. Ich habe eine rechte Sehnsucht nach Ihnen, kommen Sie ja recht bald. Ich habe hier schon alles für Ihren Aufenthalt eingerichtet. Sie sollen jetzt erfahren, wie sehr ich Ihr Freund gewesen bin, seit ich Sie kenne, und wie sehr mich oft die Rolle gedemütigt hat, die ich an Ihrer Seite spielen mußte. –

 

25
William Lovell an Rosa

Rom.

Ja, Rosa, ich nehme Ihren Vorschlag an, ich komme zu Ihnen, aber nicht um von neuem ein wildes und unstetes Leben zu beginnen, sondern mich ganz einer dunkeln, träumevollen Einsamkeit zu überlassen. – Was ich an den Menschen verbrochen habe, will ich durch Sorgfalt an Blumen und Bäumen wieder abbüßen. Wie ein schwacher Regenbogen in Gewitterwolken, so steigt die Aussicht meines künftigen Lebens empor: ich glaube, ich könnte dort manches vergessen, und in einem tiefern Traume meine vorigen unruhigen Träume begraben. Es ist mir, als könnte ich mich freuen, als würde ich wieder wohl und gesund werden. – –

Ja, ich komme bald zu Dir, lieber Rosa. Warum sollt es nicht möglich sein, daß die quälenden Geister endlich wieder von mir wichen und ich freier atmete?

Mein ganzes Leben habe ich wie einen Toten zur Erde bestattet, und auf dem Grabmal will ich meine heißesten Tränen, meine innigste Reue, eine süße und schmerzliche Buße zum Opfer bringen. Schwer hab ich mich an Lieb und Freundschaft versündigt, in der Erinnerung, in der Sühne, in der Vergangenheit will ich leben, und so geht vielleicht in meinem Herzen ein wehmütiger Nachsommer mit scheinender Freundlichkeit auf. Fühl ich es ja doch, daß ich noch lieben kann, mein erstorbenes Innre beherbergt noch Strahlen der Ewigkeit, die wieder durchbrechen wollen; so will ich mich aus der Ferne mit Eduard, mit Amalien, Rosalinen und mir selbst zu versöhnen suchen. Bin ich reiner geworden, darf ich auch zum Ewigen selbst, zur unvergänglichen Liebe meine Hoffnung wieder erheben. Stieße er mich in den tiefsten Abgrund, so soll doch mein Sehnen, mein Liebeverlangen zu ihm hinaufreichen; diese Wurzel meiner Seele kann und wird er mir nicht nehmen, und so werden meine Schmerzen selber einen Blumenkelch von Glück ausblühen. So will ich sterben, und Du auch wirst mich lieben, und ich werde Dein Freund sein. Gebessert, geweiht, gereinigt treten wir dann vor den Thron des Richters. – –

O ich muß eilen, zu Ihnen zu kommen, sonst ist alles vergebens. Karl Wilmont ist hier in Rom; ich glaube, er hat mich gesehn. – Ich komme so schnell als möglich.

 

26
Karl Wilmont an Mortimer

Neapel.

Es ist geschehen: wir sind beide zur Ruhe, er und ich. Von Lovell ist die Rede. Ich fand ihn in Rom; er erschrak, als er mich erblickte, und suchte sich seit der Zeit vor mir zu verbergen. – Ich gab acht auf ihn, und traf ihn am folgenden Morgen ganz früh auf der Straße. Er konnte mir nun nicht entrinnen; er mußte mir folgen.

Ich hatte zwei Pistolen bei mir; er war still und in sich verschlossen. Wir gingen durch die Porta Capena und von da durch die Ruinen. Er schien fast außer sich zu sein, denn er sprach für sich verwirrte Reden. Wir kamen vor einem kleinen Hause vorbei, er stand lange still und sah in das Fenster hinein, bis ich ungeduldig wurde und ihn weitertrieb. Er sah auf, brach aus einem kleinen nebenliegenden Garten eine Malve ab, und rief mit Verwunderung aus: die Malven blühen schon wieder! – Dann heftete er die Blume auf seine Brust und sagte, daß ich nun sein Herz nicht verfehlen könne.

Wir waren jetzt von der Landstraße entfernt genug. Wir maßen unsre Plätze; er nahm ein Pistol. Nachdem er sich noch einigemal umgesehen hatte, drückte er los und verfehlte mich: ich schoß, und die Blume und seine Brust waren zerschmettert. – Ich eilte nach Neapel.

Und jetzt bin ich mit mir unzufrieden. Es ist mir unbegreiflich, wie das rohe Gefühl der Rache mich so bezaubern konnte, daß er mich nicht rührte. Konnt ich ihm nicht dies ärmliche Leben lassen, da er außer diesem vielleicht nichts besessen hat? – Was ist mir und Emilien damit geholfen, daß er die Luft nicht mehr einatmet? –

Adieu! – Ich fahre von hier nach Amerika. Der Krieg lockt mich dahin; es wird in der englischen Armee wohl eine Stelle für einen Lebenssatten übrig sein, der sich dann wenigstens noch einbilden kann, zum Besten seines Vaterlandes zu sterben. – Grüße meine Schwester und Eduard.

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