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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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15
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Meine Betty hat mir eine Tochter geboren, die wir Amalie genannt haben. Das Leben tut sich bei mir immer enger zusammen, ich habe alle Reisen und alle meine jugendlichen Plane aufgegeben, jedem glänzenden Glücke entsagt, aber eben dadurch eröffnet sich mir eine immer hellere Ebene, die Aussicht der Zukunft wird lichter und erfreulicher. Unglück und Schmerz sind wie ein heftiger Regen, der zwar die Pflanzen niederschlägt, sie aber nachher nur desto frischer wieder aufrichtet: so ist es auch vielleicht mit mir und mit meinen Empfindungen gewesen. Lovells Schicksal wird mir immer wie ein Gewicht in meiner Seele liegen und so die Spannung derselben erhalten. Ich habe von ihm viel gelernt, ich habe gesehn, wie leicht bloßer Eigensinn und die Sucht, etwas Besonderes zu sein, den Menschen viel weiter locken können, als er anfangs gedacht hat, ich bin dadurch gegen die Unglücklichen toleranter geworden, die wir oft zu schnell und zu strenge Bösewichter nennen, da wir ihnen nur den Namen der Toren beilegen sollten.

Wir müssen irgendein Mittel ausfinden, lieber Mortimer, um uns öfter zu sehn; wie wär es, wenn Sie das nahgelegene Waterhall von mir zu einem billigen Preise kauften und Ihr Roger Place einem andern überließen? Dann wären wir ganz nahe Nachbarn, dann könnte ich Sie recht genießen. Je mehr ich darüber nachdenke, je fester wird der Gedanke bei mir, so daß es mir sehr wehe tun würde, wenn er Ihnen mißfiele. Ich habe das Gut in einen bessern Stand setzen lassen, der Garten, der sonst ganz verwildert war, ist wieder eingerichtet, die Gegend um Waterhall ist bei weitem schöner und interessanter, als die um Roger Place: kurz, Sie sehn wohl ein, ich möchte Sie gerne überreden. Antworten Sie, lieber Freund, was Sie über meinen Vorschlag denken.

 

16
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Ich wünsche Ihnen Glück und zwar recht von Herzen. Wir können jetzt ein recht schönes Parallelleben führen, und so langsam und unvermerkt in das Alter hineinkriechen. Es gibt eine Periode im Leben, in der der Mensch plötzlich alt und reif wird; bei manchen Menschen bleibt diese Periode freilich ganz aus, sie bleiben immer nur Subalternen in der großen Armee, ihnen ist es nie vergönnt, den Plan und die Absicht des Ganzen zu übersehn, sondern sie müssen sich unter elenden Mutmaßungen und lächerlichen Hypothesen abquälen; sie werden immer fortgetrieben, ohne daß sie wissen, wohin sie kommen: ich glaube, daß wir beide uns freier umsehn können und jetzt in den Zufällen selbst das Notwendige entdecken, die Rechenschaft von ihnen zu fordern verstehn, warum sie so und nicht anders eintreten. Insofern die Kunst, glücklich zu sein, die Kunst ist, zu leben, insofern besitzen wir diese Kunst.

Sie haben doch auch den Vorsatz, sich bei Ihrem Kinde nicht auf eine sogenannte gute oder feine Erziehung einzulassen, keine von den jetzigen Moden mitzumachen, die schon die Kinderseelen im achten Jahre mit Eitelkeit füllen und sie durch diese verderben. Ich habe beschlossen, meinen Georg ganz einfach aufwachsen zu lassen, ich hoffe, er soll auf die Art am ersten ein guter und einfacher Mensch werden; Kinder merken nichts leichter, als wenn sie mit einer gewissen Wichtigkeit behandelt werden; dies ist die Ursache, warum viele sich schon früh selbst sehr wichtig vorkommen, jede Art von Affektation wird dadurch bei ihnen erzeugt, sie halten sich für Genies und außerordentliche Menschen, und denken nie daran, sich und der Welt Beweise davon zu geben. Ich bin überzeugt, daß Lovell von seinem Vater mit zu vieler Sorgfalt erzogen wurde, und daß dies die erste Quelle seiner Torheit und seines Unglücks war. Die Liebe der Eltern artet gar zu leicht in etwas aus, das keine Liebe mehr ist, sondern an lächerliche Ziererei und Weichlichkeit grenzt, besonders wenn sie nur ein einziges Kind haben: dies soll dann mit allen Vortrefflichkeiten überladen werden, es darf sich nicht der kleinsten Zugluft des gemeineren Lebens aussetzen, die doch so oft dazu dient, unsern Geist abzuhärten und ihn männlich zu machen, und daher kömmt es denn, daß wir an diesen Sonntagsgeschöpfen meistenteils so wenig Energie und Kraft bemerken; ein Mensch, der Geschwister hat, ist schon deswegen glücklicher. Ich wurde offenbar nur deswegen besser als meine gestorbenen Brüder, weil mich meine Eltern vernachlässigten, ja fast verachteten; sie glaubten, ihre Sorgfalt sei an mir doch verloren, und daher gaben sie mir die Erlaubnis, mich selbst erziehn zu dürfen: ich erzog mich freilich durch Ungezogenheiten, aber immer noch besser, als ganz verzogen zu werden. Ich ward häufiger gedemütigt, als meine Brüder, und eben dadurch stolzer; ein gewisser Stolz ist die Feder, die den Menschen in den Gang bringt, die den Wunsch in ihm erzeugt, von keinen fremden Meinungen und Gesichtern abzuhängen, und die ihm die Kraft gibt, diesen Wunsch sich selber zu erfüllen.

Wenn wir nun alt sind, erleben wir vielleicht die Freude, daß unsre Kinder sich verheiraten. Doch, ich will mir das nicht in den Kopf setzen, wenn diese Kinder nicht selbst auf den Gedanken kommen sollten, wenn sie nämlich die Zeit erleben, in der der Mensch sich verlieben muß. Man sollte überhaupt keine Plane für die Zukunft machen, am wenigsten solche, deren Ausführung nicht von uns selber abhängt. – Ich bemerke aber, daß ich, seit ich Vater geworden bin, unaufhörlich in Sentenzen spreche; eine Sache, die ich sonst nie an einem andern Menschen leiden konnte, denn es ist im Grunde nichts weiter, als die Sucht, sich selbst immer in kleine Stücke zu zersägen und beständig Proben von unsrer Vortrefflichkeit herumzureichen: unsern Geist in vielen Silhouetten abzuzeichnen und diese dann aus dem Fenster an die Vorübergehenden auszuteilen. Dies ist die Schwäche, wodurch manche Menschen so unausstehlich werden, als ein moralischer Schriftsteller im Umgange nur sein kann, der uns immer seine längstvergessenen Bücher repetiert.

Jetzt will ich auf Ihren Vorschlag kommen. Der Gedanke ist mir gewiß ebenso erfreulich, als er Ihnen nur immer sein kann; denn ich wäre beinahe schon bei dem Verkaufe von Waterhall so unverschämt gewesen, Sie zu überbieten, doch es ist besser, daß es nicht geschehn ist, denn ich kann es jetzt auf eine ehrlichere Art bekommen. Roger Place kann ich gerade jetzt unter sehr vorteilhaften Bedingungen verkaufen, und alles vereinigt sich, um mich zu bewegen, nach Waterhall zu ziehn. Amalie hat sich zwar an den hiesigen Aufenthalt sehr gewöhnt und sie liebt ihn gewiß außerordentlich, indessen hat sie mir doch schon ihre Einwilligung gegeben: sie freut sich ebenfalls sehr, Ihrer liebenswürdigen Gattin näher zu kommen. – Kurz, ich reise morgen ab, um Sie zu besuchen, Waterhall zu sehn, und mich mit Ihnen über die Bedingungen zu vereinigen: ich denke aber daran, daß ich eben deswegen diesen Brief hier abbrechen kann.

 

17
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone

Waterhall.

Gnädiger Herr,

Der Garten wäre nun hier in so weit fertig und es fehlt im Grunde nichts weiter, als daß ich noch auf den Befehl warte, nach Bondly zurückzureisen. Ich hätte selbst im Anfange nicht gedacht, daß man aus der hiesigen Wildnis noch so viel zu machen imstande sei: doch Gottes Segen und fleißige Arbeit kann beinahe Wunderwerke hervorbringen, das bin ich hier gewahr geworden. Wie würde sich die alte gnädige verstorbene Frau wundern, wenn sie jetzt wieder aus dem Grabe auferstehn sollte! Sie würde gar nicht glauben wollen, daß es dasselbe Gut sei, und sie würde es sogar schlechter finden als vorher, denn darin kenne ich sie, sie war, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, ein wenig eigensinnig, wie es denn im Grunde alle alten Frauen sind, besonders aber die vornehmen: sie haben dann nur noch an dem Befehlen in der Welt ihre Freude.

Ich bin ordentlich neugierig, Ew. Gnaden und den Garten in Bondly wiederzusehn. Es mag sich unterdessen manches auf Ew. Gnaden Befehl verändert haben. Das Erdreich hier in Waterhall ist beinahe besser, als auf unserm Gute, weil es tiefer liegt, das Wasser in der Nähe macht es frischer. Das Obst, das hier gezogen wird, ist offenbar schöner, als das unsrige, ich habe es selber gegessen, und kann daher recht gut darüber urteilen. – Ich empfehle mich Ihnen, gnädiger Herr, mit der ergebensten Bitte, mich nun bald nach Hause kommen zu lassen.

Thomas.

 

18
Ralph Blackstone an Thomas

Bondly.

Es ist mir sehr lieb zu hören, lieber Thomas, daß Er in Waterhall fertig ist, Er kann sich also aus diesem Grunde zur Abreise nur immer fertigmachen. Hier hat sich indessen mancherlei zugetragen, was wohl große und beträchtliche Veränderungen nach sich ziehen dürfte. Vor allen Dingen muß ich Ihm nur melden, daß ich jetzt Großvater bin, und mein Kopf mit allerhand wichtigen Gedanken angefüllt ist. Es ist eine junge Tochter, die meine Betty zur Welt gebracht hat, und ich überlege eben jetzt immer, wie man sie wohl am besten erziehn könnte. Das wendet meine Gedanken nun von dem Garten und von den Baumschulen gänzlich ab, denn eine junge menschliche Seele ist ein zarterer und besserer Baum, der den Menschen näher angeht. Ich habe meine Tochter, wie die ganze Welt sagt, sehr gut erzogen, ich werde daher auch wohl noch imstande sein, einen kleinen Enkel zu erziehn. Alles dies hat mich bewogen, einen Entschluß zu fassen, der Ihm, Thomas, gewiß sehr lieb sein wird: ich will Ihm nämlich künftig ganz allein die Einrichtung und Bearbeitung des Gartens überlassen, ich behalte mir nur die Jagd vor, um dort so zu schalten und zu walten, so wie es mir gutdünkt. Auch habe ich noch einen andern Plan entworfen, nämlich den, die hiesigen Fischteiche zu verbessern: wir müssen oft Fische aus fernen Gegenden kommen lassen, und das ist sehr unangenehm, sie haben dann bei weitem nicht ihren guten und natürlichen Geschmack; dem Übel muß auf irgendeine Art abgeholfen werden, und ich weiß es auch schon, wie ich mich dazu anstellen will. Vielleicht weiß Er mir einen tüchtigen Mann vorzuschlagen, der unter meiner Aufsicht die Besorgung über sich nehmen könnte. – Komm Er jetzt übrigens nur nach Bondly, oder vielmehr bleibe Er nur da, bis wir Ihn abholen, denn wir alle werden hinreisen und Herr Mortimer noch obendrein mit uns, denn unter uns gesagt, ich habe ein Vögelchen singen hören, daß Herr Mortimer das ganze Gut Waterhall gekauft hat; doch, das bleibt in den ersten drei Tagen noch unter uns, bis es ihm abgetreten wird, welches sehr bald geschehen soll. Es ist uns um eine gute Gesellschaft in der Nähe zu tun, und dazu ist Herr Mortimer ganz ohne Zweifel ein sehr tüchtiger Mann. – Wegen Seiner Verdienste, lieber Thomas, soll Er auch Zulage bekommen, und wenn Er es wünscht, eine ganze stille und ruhige Pension genießen, denn Er ist schon alt, muß Er wissen, und wenn Ihm der Garten nicht gar zu sehr am Herzen liegt, so mag Er nun nur die ganze Arbeit wegwerfen. – Lebe Er recht wohl, bis wir uns persönlich wiedersehn; mein Schwiegersohn läßt grüßen.

 

19
William Lovell an Rosa

Rom.

Nun ist es entschieden. – Es fehlt nichts weiter. – Ich kann mich nun hinlegen und sterben, denn alles, alles ist vorüber. – Lesen Sie das beigelegte Paket, es ist von Andrea, es ist sein Testament, in dem er mich unbarmherzig verstößt, in dem er nichts von mir wissen will. – Es ist wahrscheinlich dasselbe, woran er noch in seiner Krankheit schrieb, als ich ihn besuchte. –

Kann ich noch etwas sagen, oder auch nur denken? – O Gott, ich bin aus dem Reiche der Schöpfung hinausgeworfen. – Lesen Sie und fühlen Sie dann, wenn es möglich ist, wie jedes Wort mich zermalmt hat. – Ach, Rosa! – Es ist, als wenn ich zuweilen über mich selber lachen und spotten könnte. – Weinen kann ich nicht, und doch würde es mir wohltun: – ach, jetzt ist alles einerlei.

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