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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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9
Francesco an Adriano

Rom.

Recht so, Adriano! Sie glauben nicht, in welche lustige Stimmung mich Ihr Brief versetzt hat. Es ist, als seh ich uns beide schon verheiratet, die Bräutigamswochen überstanden, und dann als gesetzte und wohlkonditionierte Ehemänner. Wir schließen den Roman unsers Lebens mit dieser alltäglichen, aber stets interessanten Entwickelung. – Ich glaube, Sie haben bei Ihrem Briefe eine Ahndung von meinem Zustande gehabt. Ich habe hier nämlich ein Frauenzimmer kennengelernt – ein Frauenzimmer – verlangen Sie keine Beschreibung von mir, denn die ist mir viel zu umständlich, aber wenn ich Ihnen sage, daß ich sie interessant finde, so hoffe ich, ich habe Ihnen damit alles gesagt. Man kann mir von einem Frauenzimmer alles mögliche erzählen, ein guter Freund kann mir ihre Schönheit, ihren Verstand, ihren Witz, ja sogar ihren Reichtum loben, ohne daß ich auf den Gedanken fallen werde, der gute Freund möchte sich vielleicht verheiraten: sobald er mir aber von einem Frauenzimmer sagt, es sei interessant, so faß ich ihn genauer ins Auge, ich betrachte alle seine Züge, um zu bemerken, in welcher Rücksicht er sich nachher als Ehemann verändern wird.

Hab ich mir nun nicht schon seit meinem sechszehnten Jahre eine Menge von vortrefflichen Bemerkungen über die Frauenzimmer gemacht? Ich versichre Sie, wenn ich in irgendeiner Sache scharfsinnig bin, so ist es in den Beobachtungen, die ich Ihnen über die Weiber mitteilen könnte. Wenn ich manchmal alles für mich allein überlegte, so war ich hinlänglich überzeugt, nicht nur, daß mich keine mehr hintergehn würde, sondern daß auch nie irgendein weibliches Geschöpf eine große Gewalt über mich haben könnte. Die Probe nachher hat aber nie mit dem ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen. Ich habe schon tausend Ausnahmen von meinen Regeln gemacht, ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher wieder eingesehn, daß meine Regel doch dauerhafter sei, als ich vermutet hatte. Lieber Adriano, ich habe wunderbare Erfahrungen über meine Erfahrungen gemacht, ich habe endlich nach einem mühseligen Studium eingesehn, daß ich ein Narr bin. Das Wort ist leicht ausgesprochen, aber Sie werden es nicht glauben wollen, wenn ich Ihnen sage, daß ich zwanzig Jahre daran studiert habe, um die ganze tiefe Bedeutung dieses kleinen einsilbigen Wortes einzusehn.

 

10
William Lovell an Rosa

Rom.

So bin ich denn wieder in Rom! Es ist Nacht; mit dem Untergange der Sonne kam ich an. Ich stieg die breite Treppe hinauf, und sahe noch in der letzten Glut die Peterskirche und das Vatikan brennen, dann war unter mir in der Straße Dampf und Nebel, Schatten wandelnd und wüstes Getöse. Ich konnte es nicht unterlassen, ich ging hinab zu den mir so bekannten Plätzen, über die Strada de' Condotti zum Korso. Da kamen mir die alten Gesichter entgegen, dieselben Bettler, dasselbe Geschrei. So näherte ich mich durch die Kreuzstraßen dem Pantheon. Auch hier das Getöse der Käufer und Verkäufer, und im Hintergrund der erhaben ruhige Schatten, die edle Halle. Ich trete hinein unter wenige Betende. Die Dämmerung des Rundes, die hohe Größe redeten erhabene Sprache. Ich weile, und der Vollmond tritt über die Öffnung der Kuppel, so wie damals, als ich in Rom angekommen war. Mein Herz war voll, weinend eile ich zum Coliseum, ich werfe mich nieder und versuche zu beten. Umsonst, aller Spott voriger Zeit kömmt mir aus Altären und Ruinen entgegen, und geht mit dem Schauder Hand in Hand. Ja, meine Jugend, mein Leben ist verloren. Das rief mir auch mit den donnernden Wogen in der Mitternacht die Fontana Trevi zu. So möcht ich mich in Tränen ergießen können, wie diese Brunnen weinen und schluchzen. – Ich möchte fast noch Andrea besuchen. Wie harr ich auf den ersten Klang seiner Worte! wie wohl wird sein ernstes Gesicht meinem wunden Herzen tun! – O Andrea! – er kann es nicht wissen, wie sehr ich ihn liebe, er würde mir's nicht glauben, wenn ich's ihm sagte. In ihm liegt jetzt alles versammelt, was mir sonst teuer und schätzenswürdig war. – Wie ungeduldig werd ich den morgenden Tag erwarten! – Kommen Sie, Rosa, eilen Sie, ich beschwöre Sie; noch nie hat ein Freund den Freund mit der Ungeduld erwartet, mit der ich Sie hieherwünsche.

 

11
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich weiß nicht, was ich denken, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie kommen nicht, Rosa, und seit drei Tagen wünsch ich Andrea zu sprechen und er läßt mich immer zurückweisen. Er sei krank, läßt er mir sagen. Was soll ich beginnen? Oh, schreckliche Gedanken, vernichtende Gedanken steigen in meiner Seele auf. Warum muß er mich zurückweisen? –

Bianca habe ich gesehn, sie ist bleich und abgefallen, die Schwindsucht nimmt ihre Kräfte hinweg. Ihr Anblick hat mich erschreckt, denn er brachte ein sonderbares Bild in meinen Kopf, ich kann mich aber nicht erinnern, welches. Francesco ist kalt und zurückgezogen. Alle übrigen, die ich sonst häufig bei Andrea sah, tun, als kennten sie mich nicht. – O Himmel! welche Ursache kann es geben, daß Andrea mich nicht sprechen will! Soll dies der Schlußstein meines trüben Lebens werden? So schal und nüchtern sollte sich nun alles endigen? – O nein, es ist nicht möglich, er wird mich endlich vor sich lassen, und geschähe es auch nur, um meines Andringens loszuwerden. Ich weiß jetzt keinen meiner Sinne recht zu gebrauchen, fast ohne Bewußtsein geh ich umher. – Erbarmen Sie sich, Rosa, und kommen Sie zu mir nach Rom, dann wird alles gut werden, dann wollen wir beide Andrea mit Bitten bestürmen: kommen Sie ja.

 

12
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich kann Ihnen kaum schreiben. – Warum sind Sie nicht gekommen, oder warum haben Sie mir wenigstens nicht geantwortet? – Ach, wozu diese Fragen?

Ich habe Andrea gesprochen. Mit Zittern ging ich gestern wieder hin; man sagte mir, ich könne hineintreten. Nur in wenigen Momenten meines Lebens bin ich von einer Freude so ganz und gar durchdrungen gewesen, so sehr durch ein plötzliches, unerwartetes Entzücken überrascht. – O wie teuer, wie unaussprechlich teuer hab ich die kurze Freude bezahlen müssen!

Ich trat in Andreas Zimmer. Er lag auf einem Ruhebette und schrieb; er hob die Augen bei meinem Eintritte nicht empor. Er war sehr eingefallen, sein ganzes Gesicht war nur ein Skelett von seinem ehemaligen, die Augen brannten heftiger als je. Ich wagte es nicht, mich zu regen, ich vergaß, daß ich sonst vertraut mit ihm gewesen war, ich stand in ehrerbietiger Entfernung. Endlich bemerkte er mich, oder er hörte vielmehr nur auf zu schreiben. – O Rosa, mit welchem Blicke durchbohrte er mich! Es war, als wenn sich meine Seele in mir furchtsam zusammenkrümmte, so entsetzlich ward ich von diesem durchschneidenden Blicke getroffen.

»Nun, Lovell?« fragte er mit einer matten Stimme.

Ich wußte nichts zu antworten; ich fing an zu zittern. Alles, was ich je gedacht hatte, ging in raschen verwirrten Zügen durch meinen Kopf. Ich wußte mich nicht zu fassen.

»Was willst du?« fragte er mit einer eisigen Winterkälte, mit einem verdammlichen, schändlichen Tone, als wenn er mich necken und unsrer ehemaligen Vertraulichkeit spotten wollte.

Ich konnte mich nicht länger halten: ich mußte laut weinen. »Andrea!« rief ich, aber er konnte nur mein Schluchzen hören, so sehr erstickte der Ton in sich selber.

»Du weinst?« fragte er lächelnd.

»Soll ich das nicht?« rief ich aus; »bin ich nicht ganz elend?« –

»Elend?« – Und – o Rosa! hören Sie's, fühlen Sie's, wenn es eine andre Menschenbrust, so wie ich, fühlen kann – o Rosa, nun fing er an so laut und so gräßlich zu lachen, daß es mir durch Mark und Bein drang, daß sich mir die Haare aufrichteten. – Hab ich mich wohl schon je in der Welt so fremd gefühlt, als in diesem Augenblicke?

Ich wußte nicht, ob ich rasete, ob Andrea wahnsinnig sei; er lachte noch immer fort, und so eifrig, als wenn er mit diesem Lachen der Menschheit den Kauf aufkündigen wollte. – Mein Entsetzen war ihm ein Spaß, meine tödliche Todesblässe ein lustiges Spiel.

Wie ich zur Türe wieder hinausgekommen bin, weiß ich jetzt nicht, aber ich stand plötzlich draußen, dann war ich auf der Straße und fremde Menschengesichter rannten vor mir vorüber, und alle waren mir lieber und verwandter, als Andreas Blick.

Wo ist nun alles hin, was ich hoffte und wünschte? Zukunft und Vergangenheit sind erloschen und die Spuren von beiden gleich unsichtbar. – Kann ich jetzt etwas anders tun, als sterben? – Doch, auch dazu gehört Ruhe.

 

13
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Daß Sie glücklich, daß Sie zufrieden sind, erfahre ich aus jedem Ihrer Briefe; dasselbe muß ich Ihnen antworten, wenn ich aufrichtig sein will, und daß nur der glücklich sein kann, der vom Leben nicht zu große Erwartungen hegt, und in seinen Forderungen davon und in seinen Vorstellungen von sich bescheiden ist. Dies letztere werden Sie mir vielleicht nur zum Teil zugeben wollen, aber wer hat doch schon etwas Rechtes gefunden, der recht weit ausholte? Nur der arme Sünder soll recht in sich gehn, um sich zu bessern: der Stolze, auf sein Genie Vermessene, der sich recht in sein Gemüt vertiefen will, um die Größe seiner Schätze kennenzulernen, kommt immer verunglückt und bettelarm zurück. Also, mein Freund, bekenne ich mich hiermit zu dem großen, vielfach verachteten Orden der Mittelmäßigen, der Ruhigen, der Dürftigen. Im Mäßigsein, im Resignieren liegt jenes, was die Enthusiasten nicht Glück nennen wollen, und dem ich doch keinen andern Namen zu geben weiß. Das Schwelgen an den Kräften des Gemütes ist die unerlaubteste aller Verschwendungen, die schlimmste aller Verderbtheiten. Freilich wohl ist nun alles was ich erlebt und erfahren habe, ein Negatives; und wenn ich mich manchmal vor den Spiegel stelle und zu mir sage: da siehst du nun den vortrefflichen Herrn Mortimer, der so viele Länder gesehn und Menschen gekannt, der so manches Kluge gedacht und gelernt hat – so muß ich über mein Bild im Spiegel und über mich selber lachen. Ich erinnere mich dann der unzählichen Entwürfe und Vorsätze, der so schön berechneten Plane für mein Leben, der mannigfachen Bemerkungen, die ich über den Menschen in meiner Seele niedergeschrieben und wieder ausgestrichen habe. Unser Leben ist nichts, als ein ewiger Kampf der neuen Eindrücke mit der eigentümlichen Bildung unsers Geistes: wir glauben oft, daß unser Charakter auf immer eine neue Wendung nimmt, und plötzlich sind wir dann wieder ebenso, wie wir ehedem waren. Ich habe mich über alle Heiraten lustig gemacht, bis ich selbst heiratete; nun glaubte ich, gäbe es nichts Ernsthafteres in der Welt, und jetzt wäre es mir doch wieder möglich, in die unschuldigen Scherze mit einzustimmen. Es gibt eine Urverfassung in uns selbst, die nichts zerstören kann, sie wird plötzlich wieder dasein, ohne daß wir es selbst begreifen können, wie wir uns so schnell in einen alten fast vergessenen Menschen wieder haben umändern können. Daß wir aber mit einem gewissen neuen und bessern Verstande zu dieser alten Verfassung zurückkehren, glaube ich selbst, denn sonst müßte man bei diesem zirkelmäßigen Leben in Verzweiflung fallen; aber so liegt in diesem Wiederkehren ein großer Trost, der, daß wir uns innerlich nie aus den Augen verlieren können, soviel wir uns auch manchmal äußerlich bemühen, es zu tun.

 

14
William Lovell an Rosa

Rom.

So ist es denn nun aus? völlig aus? – Ich weiß mich noch immer nicht zu fassen. Ich möchte laut schreien und klagen, ich möchte es in die ganze weite Natur hineinheulen, wie elend ich bin. – O wie unbeschreiblich nüchtern und armselig endigt sich alles, was mich einst in so hohe Begeisterung setzte, was mir eine so selige Zukunft aufschloß. – O eine wilde, blinde Wut ergreift mich, wenn ich daran denke, wenn ich mir alles und jeden Umstand von neuem in die Seele zurückrufe: eine Raserei erschöpft nicht alles, was ich fühle, es gibt keine Äußerung dafür, die menschliche Natur könnte sie nicht aushalten, so wie ich meinen Schmerz und Verlust darstellen müßte.

Und warum das? werden Sie fragen. – Ach, Rosa, bei Ihnen ist es bloße Neugier, die so fragt. – Sie sind ein glücklicher Mensch. Ich kann mein Unglück an den Gefühlen keines andern Wesens ermessen. – So hören Sie dann: – Andrea ist tot. –

Ich sah ihn sterben. – Nie habe ich einen Menschen in seiner letzten Stunde so gesehn. Er lachte und verwünschte dann sich und die Welt; er schien selbst den Tod und seine Zuckungen als ein lächerliches Possenspiel anzusehn, das keine Aufmerksamkeit verdiente: er verbarg und unterdrückte sein Zittern, er schien die Angst des Todes zu besiegen. – Über mein zerrißnes Herz, über meine zermalmte Glückseligkeit lachte er immer wieder von neuem und sagte, das alles käme mir nur so vor, weil ich ein Narr sei. Dann stöhnte er wieder dazwischen, und nannte den Namen Gottes mit bebenden Lippen, und schlug dann wieder ein helles Gelächter auf. Ich konnte mich am Ende nicht mehr finden, wo ich war, in einem Wahnsinnstaumel war ich von der Erde und aus mir selber hinausgerückt, ich konnte zuletzt mit kaltem, starrem Auge die Todeszuckungen Andreas betrachten, sein pochendes Herz, seine schwer arbeitende Brust. – Als wenn ein fremdes, unbekanntes Wesen in ihm hämmerte und zum Tageslichte herauswollte, so lag er mit seinen Krämpfen vor mir da, und ich lachte am Ende selbst über die seltsamen Verzerrungen seines alten Gesichts. – Und nun war er tot. – Kein Atemzug, kein Pulsschlag mehr in ihm: es graute mir nicht, ich entsetzte mich nicht vor dem Leichnam, und doch stürzte ich mit bebendem Knie zum Zimmer hinaus.

Und nun fühlte ich's mit aller Gewalt des ganzen schrecklichen Gefühls – daß nun alles aus sei – keine Wiederkehr einer Empfindung, kein Zittern und Zagen, sondern alles eine dumpfe, nüchterne Gewißheit; alles in ein jämmerliches Grab hineingesunken, was einst mein war und mein werden sollte. – Fühlen Sie's, Rosa? – Nein, es ist nicht möglich.

O ich könnte – – ach, was? – wahnsinnig werden! sterben! – sonst seh ich nichts. – Ich drohe mir selber, um vor mir selber zu zittern, ich fühle mich bis in mein innerstes Wesen hinein vernichtet, bis in die letzte Tiefe meiner Gedanken zerstört.

Wollen Sie mich besuchen? – Sie werden es nicht tun, weil ich Sie nicht unterhalten kann. – Ich weiß nicht mehr, was ich empfinden soll: alles in der Welt kömmt mir gleich armselig vor, und so ist es auch. Aber warum es gerade so kommen mußte? So, wie ich es am wenigsten erwartete? –

O Rosa, wie herzerhebend müßte jetzt das Gefühl sein, sich als einen recht großen Bösewicht zu kennen; sich selbst zu fürchten und zu achten: dies Glück war mir nicht gegönnt. –

Wollen wir in Gesellschaft sterben?

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