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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Zehntes Buch

1796

1
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

In einigen Wochen komme ich zu Ihnen, und dann will ich mit eigenen Augen die Verwandlungen in Bondly betrachten, die ich bis jetzt nur aus Beschreibungen kenne. Ihr Schwiegervater hat mir in mehreren Briefen davon geschrieben, und alles hat meine Neugierde äußerst rege gemacht. Durch gewisse Torheiten kann mich ein Mensch sehr zu seinem Vorteile einnehmen. Ich mag die Eitelkeit nicht so grimmig anfeinden, die den Menschen oft aufrecht hält, wenn ihn alles übrige verläßt; sie ist eine gutmütige Torheit, die ihn über alle seine übrigen Torheiten tröstet, sie ist der Wundarzt in der Welt des Menschen, und der Mensch leidet gewiß am meisten, wenn dieser sein Chirurgus krank darniederliegt; wenn ihn die Eitelkeit verläßt, oder er seine Eitelkeit verachtet, so durchlebt er die unglücklichsten Stunden seiner Existenz. Wenn sich nun ein Mann irgendein Spielzeug aussucht und sehr ernsthaft damit umgeht, soll man ihn denn deswegen tadeln? Im Grunde sind überhaupt die Menschen gut, man sollte sich nicht anmaßen, über die feinen Nuancen und Schattierungen ein Urteil zu sprechen, denn indem mir die eine Torheit anklebt, muß ich notwendig eine andre falsch beurteilen, und durch Torheit sind doch Menschen den Menschen verwandt, man sollte daher nicht immer selbst so viel von den Familienfehlern sprechen. –

 

2
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone

Waterhall.

Wohlgeborner Herr!

Ich habe die Ehre Ihnen zu melden, daß ich mit den Einrichtungen des hiesigen Gartens, so zu sagen, über Hals und Kopf beschäftigt bin. Es bringt mir viele Mühe, aber ich denke immer, es soll mir auch einige Ehre bringen, und damit gebe ich mich denn über die Mühe zufrieden. Dieselben werden wissen, daß wir in dieser Welt fast gar nichts ohne Mühe haben, und obgleich die gemeinen Leute immer zu behaupten pflegen, umsonst sei der Tod, so müssen sich doch die meisten ganz außerordentlich bemühen, ja fast quälen, ehe sie nur ans eigentliche Sterben kommen; ich meine nämlich die letzten Züge, in denen man immer zu liegen pflegt; mit dem letzten Atemholen müssen wir das bequeme Luftholen für unser ganzes Leben bezahlen.

Der Garten hier ist in einige Unordnung geraten; ich muß Ew. Wohlgeboren die Ehre haben zu versichern, daß ich hier sonst schon einmal Gärtner gewesen bin und noch jeden Busch und jeden Steg kenne; aber damals hatte ich keine freie Hand, denn die gnädige Besitzerin hatte, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, nicht sehr viel Geschmack, es war ihr nur darum zu tun, daß der Garten grün sei, und damit war dann alles gut und fertig. Dieselben aber werden wohl einsehn, daß das noch lange keinen Garten ausmacht, und wir beide wissen es am besten, was wir in Bondly für Arbeit gehabt haben, und gewiß noch haben werden. Seit unsere Eltern aus dem Paradiese getrieben sind und auf die Erde ein Fluch gelegt wurde, hängt sie ganz außerordentlich nach dem Verwildern hin; nun muß der Mensch immer dagegen streiten und arbeiten, um nur alles in der gehörigen Ordnung zu halten; und so sind die Gärten entstanden. Die Gartenkunst ist gewiß eine große Kunst, und ich höre, daß man jetzt auch ordentliche gedruckte Bücher darüber hat, und das verdient sie auch ganz ohne Zweifel. Ew. Gnaden schätzen auch die Kunst nach ihren Würden und lassen sich sogar selbst mit der Arbeit ein, das muntert denn unsereinen auf, alle seine Kräfte daran zu wagen. Ich wünschte nur, ich wäre erst hier mit allem fertig, um nach unserm Bondly zurückkommen zu können. – Ich empfehle mich Ihrer fernern gnädigen Freundschaft und habe die Ehre mich zu nennen

Ew. Wohlgeboren
ergebenster Freund und Diener
Thomas.

3
Bianca an Laura

Es wird mit jedem Tage schlimmer, liebe Laura; es will mir nichts mehr einen rechten Zeitvertreib machen, sondern alles kömmt mir ganz gemein und verächtlich vor. Ist es nicht genug, daß ich krank bin? Muß mir auch das noch zustoßen? Und kein Mensch bekümmert sich um mich, ich bin mir selber ganz überlassen; wär es ein Wunder, wenn ich jetzt melancholisch würde? – Sie besuchen mich auch fast gar nicht; ist Ihre Freundschaft nur für die frohen und gesunden Tage? Ach, wenn sie mich erst werden begraben haben, werden Sie es gewiß bereuen, und dann ist es zu spät; bedenken Sie das, liebe Laura. Sie sind freilich jetzt gesund und noch ziemlich jung, aber die Zeit wird auch vorübergehn, und dann werden Sie sich ebenso wie ich nach einer Freundin umsehn. Glauben Sie mir, liebes Kind, die Einsamkeit ist unsereinem fürchterlich, man erinnert sich an tausend Sachen, die man schon längst vergessen zu haben glaubte. – Genau genommen, Laura, haben wir nicht recht gelebt; doch, das steht nun nicht mehr zu ändern.

 

4
Laura an Bianca

Wie ich es gleich befürchtete, liebste Freundin, Sie sind viel zu ängstlich, das verdirbt jedermann die Laune, der Sie besucht, und ich muß Ihnen aufrichtig gestehn, daß man Sie eben darum ungern besucht, denn die menschliche Natur hat einen Widerwillen gegen alle Traurigkeit und Finsternis; alles in der Welt kömmt einem dann gleich so klein und unbedeutend vor, und auf diese Art nutzt sich am Ende das Leben so wie ein Kleid ab. Sie nehmen auch alles gar zu genau, liebe Bianca; wer wollte es im Leben genau nehmen? Sind nicht Priester und Prälaten bei uns gewesen und haben sich mit uns gefreut? Auf sie fällt größere Schuld, als auf uns selbst, denn sie haben uns in unserm Lebenswandel bestärkt. Beichten Sie, liebste Freundin, und sein Sie dann außer Sorgen; gegen alles ist Hülfe, nur nicht gegen den Tod, und diesen werden Sie durch Ihre Traurigkeit beschleunigen. Wenn ich Sie öfter besuchen soll, müssen Sie durchaus lustig sein. Sie sagen mir, ich werde alt werden. Ich fange wirklich selbst an, so etwas zu merken. Es ist eine schlimme Sache mit der Zeit, die immer so unmerklich weiterrückt, und die, wenn man sich dann umsieht, einen ungeheuern Weg zurückgelegt hat. Man muß aber an so etwas gar nicht denken, das ist mein Grundsatz, Bianca; es gibt ja noch tausend andre Dinge in der Welt, die unsern Verstand und unsre Phantasie beschäftigen können. Leben Sie recht wohl, und vergessen Sie nicht wieder, was ich Ihnen gesagt habe.

 

5
William Lovell an Rosa

Padua.

Ich komme bald, Rosa, sehr bald, ich brauche nur noch eine kleine Frist, um auf dem Wege manches zu erfahren, was ich schon seit lange gerne wissen möchte. Ich sagte es schon neulich, daß es nichts Wunderbares gibt und daß sich alles um mich her vereinigt, um mich an Seltsamkeiten zu gewöhnen.

Ich streifte gestern abends durch die Gassen der Stadt, der Mondschein und die kühle Luft lockten mich heraus. Ich wollte mich einmal wieder im Taumel der Phantasie vergessen, wie ich mich denn jetzt zuweilen mit Vorsatz in einen gewissen poetischen Rausch versetze, um alle Gegenstände anders zu sehn und zu fühlen. Einzelne Mädchen streiften in den einsamen Gassen umher, und es währte nicht lange, so folgte ich einer nach ihrer abgelegenen Wohnung. Warum mich diese gerade und keine andre anzog, weiß ich nicht zu sagen.

Als in der Stube ein Licht angezündet war, sah ich ein entstelltes schmutziges Geschöpf vor mir, mit triefenden Augen, von mittlerer Größe, und, wie alle ihres Gelichters, mit einem schamlosen Betragen. Als wir uns genauer betrachteten, schrie sie laut auf, und ich erinnerte mich ihrer Züge dunkel. Sie befreite mich bald von meiner Ungewißheit und nannte mir ihren Namen. Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich erfuhr, daß es niemand anders, als die kleine Blondine war, die Sie von Paris mitgenommen hatten, die unter dem Namen Ferdinand Sie begleitete.

Sie wußte jetzt nicht recht, wie sie sich mit mir nehmen sollte; sie fing an, auf die unverschämteste Weise in der Stube umherzuschwärmen, freche Lieder zu singen und mich dann in ihre Arme zu schließen; ich blieb ernsthaft, und plötzlich brachen ihre Tränen, wie ein lange zurückgehaltener Strom, hervor, sie warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und schluchzte laut. Ich war ungewiß, ob ich bleiben sollte; ihre Stellung rührte mich, sie hatte das Gesicht mit den Händen verdeckt, es schien, als wollte sie sich aus Scham in die Mauern hineindrängen. Ich ging endlich zu ihr und richtete sie auf; sie wandte ihr Gesicht ab, sie konnte vor Zittern und heftigem Weinen sich nicht aufrecht erhalten und sank in einen kleinen Sessel. Wie von gewaltigen Krämpfen ward sie hin und her geworfen; nach diesem heftigen Sturme erlebte sie endlich einen Stillstand aller Empfindungen, und sie sah mich nun mit einem unbeschreiblich beruhigten Gesichte an.

Ich mußte weinen, alle Erinnerungen, alle Empfindungen drangen so lange auf mich ein, bis ich meiner Schwäche freien Lauf ließ. Dadurch schien sie getröstet und aufgerichtet zu werden. Wir sprachen nun miteinander, die Erhitzung hatte ihr Gesicht angenehmer gemacht, sie sah nicht mehr so verzerrt aus.

Ich glaube, ich habe Ihnen schon ehemals erzählt, daß sie mich einst in Rom in einem Billette vor Ihrer Gesellschaft gewarnt habe, sie sagte mir jetzt die Ursache davon, sie habe einst durch einen Zufall gehört, daß Sie irgendeinen Plan auf mich hätten, der mir schädlich sein könnte. Doch diese Kinderei ist längst vergessen und ich hörte kaum darnach hin, als sie mir von neuem davon erzählte. Es kommt mir jetzt lächerlich vor, daß mich jenes kleine Billett und jener Argwohn damals so sehr erschreckten. Es ist im Laufe des Lebens etwas Läppisches, sich immer für verfolgt zu halten, die Menschen nicht zu verstehn, und sich auch keine Mühe zu geben, sie kennenzulernen, sondern statt dessen sie bloß zu fürchten. Sie hatten den Plan mich klüger zu machen, und es ist nachher auch geschehn; freilich mag das wohl etwas Unerlaubtes sein, etwas, das die meisten Menschen fürchten, und dem sie aus dem Wege gehn. Klüger zu werden ist das größte Verbrechen, das man sich in der Welt nur immer erlauben kann, dadurch empört man alle Menschen gegen sich, es heißt die Ordnung der Dinge umstoßen und sich gegen die Gesetze der Natur auflehnen, nach denen der Mensch mit jedem Jahre mehr zusammenschrumpfen und in eine immer engere Einfalt hineinkriechen muß. Die sich von dieser Notwendigkeit losmachen, werden daher von allen übrigen Bürgern dieser Erde verfolgt, die auf Recht und Ordnung halten.

Als wir uns beide etwas getröstet und beruhigt hatten, fragte ich sie um ihre Geschichte, die mir in diesem Augenblick unendlich interessant war. Es waren ihr aus einem ehemaligen Leben so viele schöne Fragmente von Unschuld übriggeblieben, daß ich mich innig sehnte zu hören, wie sie gerade so tief und immer tiefer gesunken sei. Sie sah mich lange mit einem aufmerksamen Blicke an, dann sagte sie, daß sie meine Neugier befriedigen wolle.

Ich bin noch jetzt gerührt, und ich will versuchen, Ihnen die eigenen Worte des Mädchens herzusetzen, soviel ich mich noch ihrer erinnern kann.

Ich bin, fing sie an, in einer Vorstadt von Paris geboren. Das erste, was ich von der menschlichen Sprache verstand, war, daß ich keine Mutter mehr hatte; die erste Empfindung, die ich kennenlernte, war der Hunger. Mein alter Vater saß, das ist meine frühste Erinnerung, vor meinem Bette und weinte, indem er eine Laute in den Händen hielt, auf der er ein wunderbares Lied spielte. Als ich nur sprechen konnte, suchte er mich mit diesem Instrumente bekannt zu machen und mir die Kunst, es zu spielen und mit Gesang zu begleiten, beizubringen, soviel es in seiner Gewalt stand. Alle meine Erinnerungen aus der Kindheit ruhen auf Lautentönen aus, alle meine Empfindungen, mein ganzes Leben ist aus diesen Tönen herausgeflossen; sie umschließen wie ein unübersehliches, melodisches Meer die Grenze meiner Erinnerung und meiner Kindheit. Fromme Ahndungen und Gefühle schweben leise von dort herüber und ziehn langsam meinem Herzen vorbei, es ist, als wenn mich einer ruft, dessen Stimme ich nicht kenne, den ich nicht verstehe. – Ach! wenn ich jetzt manchmal in der tiefen einsamen Nacht Lautentöne höre – zuweilen dieselben Lieder, die ich sonst spielte – o Lovell, mein Herz wollen diese Töne aus mir herausreißen. –

Als ich etwas größer geworden war, mußte ich meinen Vater auf seinen Wanderungen durch die Stadt und in den nahgelegenen Gärten begleiten. Noch oft spät in der Nacht zogen wir durch die Straßen, indem mein Vater die Laute spielte und ich dazu sang, und bei manchen Stellen eine kleine Handpauke schlug. Wir erhielten auf die Art ein mageres Almosen, das wir am folgenden Tage verzehrten. Mein Vater fürchtete sich vor Gespenstern, und sah oft in den Ecken etwas stehn, vor dem er sich innig entsetzte; er teilte mir diese unbekannte und unbegreifliche Furcht mit. Bei Tage saßen wir oft unter einer großen und lärmenden Gesellschaft von gemeinen Leuten, und ließen unsre Lieder hören; das Getümmel, die Verschwendung, Unmäßigkeit und die wenige Aufmerksamkeit auf uns rührte mich außerordentlich; mein Vater tröstete mich dann und sagte mir, daß dies so die Weise der Menschen sei, daß daraus das menschliche Leben bestehe. – O wie lebhaft und schmerzlich fällt mir heute alles, alles wieder ein, was ich immer zu vergessen suchte.

Ein paar arme Mädchen gesellten sich zu mir und manchmal waren wir jugendlich lustig, und es kam mir dann ordentlich vor, als gehörte ich auch mit zur Welt, ich war dann in mir selber dreister. – Wenn ich aber wieder unter die andern Menschen trat, so schlug mich jeder gute Anzug nieder, jede vorbeifahrende Kutsche beschämte mich, und ich verachtete mich selbst ebenso, wie mich alle übrigen Menschen verachteten. – Die mutwilligen Gespräche der Mädchen versetzten mich dann wieder in einen gewissen Rausch, den ich selbst in der Freude nur als eine Trunkenheit ansah und in denselben Augenblicken recht gut wußte, daß ich zu einer nüchternen Selbstverachtung, zu einer elenden, kriechenden Geistesdemütigung wieder erwachen würde. – Ich verachtete aber meine Freundinnen ganz von Herzen, ja ich weinte über sie, als ich bald nachher von meinem Vater hörte, daß sie sich in ein schlechtes Haus als gemeine Dirnen hingegeben hätten. – Wer hätte mir damals sagen können – oh, und doch ist es gar nicht wunderbar, es ist so begreiflich – ach! Lovell, der Mensch ist in sich nichts wert.

Unser Unglück wurde noch vergrößert; von innigem Grame, von vielen vergossenen Tränen ward mein Vater blind. Ich war ihm jetzt ganz unentbehrlich; ich war jetzt sein einziger Trost. Ich tat ihm alle Dienste gern und willig, ich liebte ihn nur um so mehr, je unglücklicher er war. Meine Phantasie hatte jetzt, bei der gänzlichen Unterdrückung von außen, einen hohen Schwung genommen, ich war innerlich zufrieden, und ersetzte mir durch erhabene Träume den Verlust der wirklichen Welt.

Spät in der Nacht las ich oft noch die Schilderung großer Menschen, in den Erzählungen von Richardson; mich erquickte die Welt voll erhabener Geister, die mich dann umgab, und ich war überzeugt, daß die Menschen mich nur nicht genug kennten, um sich mit mir auszusöhnen. Dann war ich über alles Ungemach getröstet, dann war ich über alle Leiden beruhigt, die mich einst noch treffen könnten. Welchen Eindruck machten aber dann wieder die gemeinen Gesichter auf mich, von denen ich durch meinen Gesang ein Almosen erbetteln mußte: ihre plumpen Späße, ihre groben Zweideutigkeiten, die ich ertragen mußte. Ich war gezwungen, einer kleinen Münze wegen jede Demütigung zu erleiden.

Ach, Lovell, was mögen Sie von mir denken, daß ich jetzt noch so sprechen kann? – Nicht wahr, Sie möchten lächeln? Die Zeit geht grausam mit dem armen Menschen um; erst stellt sie ihn als ein schönes und liebenswürdiges Kunstwerk hin, und dann arbeitet sie so lange an ihm, bis er endlich selbst eine Satire auf seinen ehemaligen Zustand wird.

Jetzt kam eine Zeit, die ich nie vergessen werde, die mir immer ein Rätsel bleiben wird. So widrig mir anfangs die elenden Witzeleien, die unausstehlichen Liebkosungen dieser gemeinen Menschen gewesen waren, so gewöhnte ich mich doch am Ende daran, ja sie gefielen mir sogar. Ich horchte während dem Singen auf ihren unzüchtigen Witz, und wiederholte mir in Gedanken die Einfälle, die ich gehört hatte. Mein Blut war in einer beständigen Erhitzung, ich lebte wie in einer unaufhörlichen Trunkenheit. Meine Bücher waren mir jetzt zuwider, sie kamen mir lächerlich vor: die schöne Natur zog meine Blicke und meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich, sie kam mir vor wie eine strenge, langweilige Sittenpredigerin. Meine Phantasie ward in gemeinen und unangenehmen Bildern einheimisch, alle meine ehemaligen Vorstellungen erschienen mir albern und unwürdig. – Zuweilen war es dann wieder, als wenn ich aus meinem Schlafe erwachte; dann erinnerte ich mich meiner vorigen schönen Empfindungen, ich bekam dann einen Abscheu vor mir selber, mein Leben kam mir in diesen Augenblicken wüste und dunkel vor, ich beschloß, mich zu meinem sonstigen Zustande zurückzuretten – aber dann trat es mir wieder wie ein steiler Berg entgegen, mein gemeiner Sinn ergötzte sich wider meinen Willen an schändlichen Vorstellungen, und das schöne Land der kindlichen Unschuld lag wieder weit zurück und wie von einem schwarzen Nebel verfinstert. Um diese Zeit sah mich Rosa, ich gefiel ihm, er kam mir entgegen und ich machte die andre Hälfte des Weges, er lehrte mich das Laster kennen, und ohne Besinnung, ohne einen Gedanken verließ ich meinen armen, unglücklichen, blinden Vater, und folgte ihm. – Ach, er wird nun wohl schon gestorben sein; aber ich bin bestraft, sein Fluch ist mir nachgefolgt. – – –

Sie hielt hier ein und weinte von neuem. Ich erinnerte mich jetzt eines alten blinden Bettlers, den ich in Paris gekannt und der mir selbst einmal von einer undankbaren, entlaufenen Tochter erzählt hatte. Er ist ganz ohne Zweifel derselbe. An manchen Tagen war er wahnsinnig und sang wilde und prophetische Lieder, indem er dazu auf seiner Laute phantasierte: dann liefen ihm die Jungen in den Gassen nach, um ihn zu verspotten.

Sie hatte sich jetzt wieder erholt und fuhr in ihrer Erzählung fort:

Es erwachte jetzt ein ganz neues Leben in mir, ich sah mich zum ersten Male geschätzt und geliebt, in guten Kleidern, vertraut mit einem Menschen, den ich noch vor wenigen Tagen als ein fremdartiges Wesen, als einen Gott verehrt hatte. Ich kaufte jetzt alle Zuversicht, allen Genuß zurück, die ich bis dahin entbehrt hatte. Meine Munterkeit wurde zur Frechheit, denn ich hielt mich für eines der vorzüglichsten Geschöpfe in der Welt, ich hatte den Unterschied unter den Menschen nie gelernt, ich kannte jetzt nur die reichern und ärmern, mir fehlte jetzt zu einem angenehmen Leben nichts, und ich verachtete alle Menschen, die nicht so gut leben konnten wie ich. – In diesem Zustande sah ich Sie, Lovell, und ein Gefühl, wie ich noch nie gekannt hatte, bemächtigte sich meiner. Es war die Liebe, die mir bis dahin fremd geblieben war. Ohne zu wissen, was ich tat, rettete ich Ihr Leben bei jenem Überfalle der Räuber. Meine Zuneigung wuchs mit jedem Tage, aber ich bemerkte, daß Rosa eifersüchtig wurde. Von jetzt lebt ich ein schweres Leben, denn alle meine Empfindungen lagen im Kampfe miteinander, meine Gefühle waren so rein und schön, und eben durch sie erhielt ich einen Aufschluß über meine eigene Verächtlichkeit. – Sie wissen, wie ich Sie bat, zu mir zu kommen; Rosa überraschte uns. Seit der Zeit war ich ihm zuwider, ja er haßte mich endlich und überließ mich meinem Schicksale. – Ich konnte von Ihnen damals nichts weiter erfahren, als daß Sie mit einer gewissen Rosaline lebten: als ich dies hörte, wagte ich es nicht, zu Ihnen zu kommen, ich fürchtete mich auch vor Rosa. – Es fanden sich einige Menschen, die mich einer nach dem andern unterhielten, denn ich war einmal an diese Lebensart gewöhnt und hatte viele Bedürfnisse. – Ich sank immer tiefer, ich verließ Rom und zog von einer Stadt zur andern – und nun, Lovell – Reue im Herzen, ohne Geld, mit den gemeinsten Geschöpfen verschwistert, krank – – –

Sie konnte nicht weitersprechen. Ich war erschüttert, ich gab ihr alles Geld, das ich bei mir hatte, und verließ sie. – Ich will sie heute besuchen und sie mit mehrerem Gelde versorgen, damit sie wenigstens ihre Gesundheit wiederherstellen kann.

Sie hätten sie nicht so ganz verlassen sollen, Sie haben nicht recht getan. – Doch, habe ich an Rosalinen nicht noch schlimmer gefrevelt?

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