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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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27
William Lovell an Rosa

Aus den piemontesischen Bergen.

»Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals.« Hierhin und dorthin werd ich gestoßen; wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle Hände. – Ich weiß noch nicht, wie Sie diesen Brief erhalten werden, aber ich muß mich zerstreuen, ich muß mich beschäftigen, und darum schreibe ich Ihnen. – Ich bin nun hier in einer ganz neuen Situation, ich kann nicht fort und möchte doch nicht gerne bleiben: doch, ich will Ihnen ruhig erzählen, wie ich hiehergekommen bin.

Ich reisete mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus; mein Herz war ziemlich leicht, mein Gemüt zuweilen heiter gestimmt, die ganze Welt kam mir vor wie eine große Räuberhöhle, in der alles gemeinschaftliches Gut ist, und wo jedermann so viel an sich reißt, als er bekommen kann; kaum besitzt er es, so wird es ihm von neuem entrissen, um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genusse zu dienen. Ich vergab Burton, ich vergab mir selbst, denn jedermann tut nur, was er vermöge seiner Bestimmung tun muß; wir sind von Natur eigennützig, und durch diese Einrichtung der Natur Räuber, die sich dessen, wonach sie gelüstet, mit Gewalt oder mit Schlauheit zu bemächtigen suchen. Dies ist der Grundsatz der Politik im Großen und Kleinen, es gibt keine andre Philosophie wie diese, und es kann keine andre geben, denn jedes System nähert sich dieser Klugheit mehr oder weniger, sie ist mehr oder weniger darin versteckt, alle Spitzfindigkeiten des Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus. Warum sollen wir also nicht gleich lieber den einfachen Satz annehmen, vor dem jedermann zurückzuschrecken affektiert, und an den doch jeder glaubt?

Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden, das heißt eigentlich, ich betrachte die Ideen kälter, die ich bis jetzt nur ahndete, und deren dunkles Vorgefühl mich in eine Art von Erschütterung setzte. Ich habe jene Gutmütigkeit abgelegt, die mich vor andern oft so lächerlich und mich selbst so unruhig machte. Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen Geduld. Stundenlang konnte ich einem zuhören, der sich für einen unglücklichen oder verfolgten Tugendhaften hielt, ohne eine Miene zu verziehen. Welche Unverschämtheit besitzen diese Menschen, alle ihre Lehrsätze, alle ihre niedrige Heuchelei einem Wesen vorzutragen, das vor ihnen steht und an dem sie doch einen Kopf gewahr werden! Kann man sie besser bestrafen, als wenn man ihnen zeigt, wie sehr man sie verachtet, wenn man sie dadurch bewegt, sich selbst auf eine Stunde zu verachten? Ich tat es jetzt, und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter verschrieen: jene jämmerlichen Wesen sprachen mir das menschliche Gefühl ab, weil ich mit ihren kläglichen, zusammengeflickten Leiden nicht sympathisieren wollte. Bosheit ist nichts, als ein Wort; es gibt keine Bosheit; diesen Satz will ich gegen die ganze Welt verteidigen.

Aber ich wollte Ihnen ja meine Geschichte erzählen. Von Chambery machte ich die Reise zu Pferde. Es war ein wunderbarer Weg, und ich verirrte mich, ich hatte die große Straße ganz verlassen und befand mich nun auf Nebenwegen, die bald ausgingen, bald dahin zurückzukehren schienen, woher ich kam. Ich fand nur einzelne Hütten, in denen ich einkehren konnte, und die Kohlenbrenner oder Holzhauer, die ich dort traf, wußten den Weg selber nicht, den ich suchte. An einem Morgen, als ich einen steilen Hügel hinaufritt, befiel mich eine seltsame Beklemmung so gewaltig, als wenn sie mein Herz zerdrücken wollte; alles um mich her war mir plötzlich so bekannt, keine dunkle, sondern eine ganz deutliche Erinnerung trat mir entgegen, daß ich an diesem Platze schon gewesen sei. Ein wüster Rauch lag auf den fernen Bergen, und eine grauenvolle Dämmerung machte die tiefen Abgründe noch furchtbarer. Mit gewaltigem Schrecken ergriff mich das Gefühl der Einsamkeit, es war, als wenn mich die Gebirge umher mit entsetzlichen Tönen anredeten; ich ward scheu, als ich die großen und wilden Wolkenmassen so frech am Himmel über mir hängen sah. Ich hielt mein Pferd an, um über meinen eigenen Zustand nachzusinnen: jetzt brach ein Sonnenstrahl herein und ich erkannte plötzlich mich und die Gegend. – Es war dieselbe, Rosa, Sie werden sich ihrer noch erinnern, in der ich von Räubern angefallen wurde, als ich mit Ihnen zuerst nach Italien reiste: es war derselbe Ort, an welchem mich Ihre verkleidete Geliebte so tapfer verteidigte. Die Spitzen der fernen Bergen hoben sich wieder, wie damals, golden aus dem Nebel heraus, das tiefe Tal flimmerte in tausend bunten Sonnenstreifen: ein Wagen fuhr den großen Weg mühsam den Berg herauf. – Ich bildete mir ein, daß Sie mit Balder darin säßen, Willy vorne auf dem Bock: ich sah genauer hin und es war mir sogar, als könnte ich die Gesichtszüge des alten Willy erkennen. Ich folgte dem Wagen mit den Augen und konnte mich immer noch nicht von meinen Träumereien losreißen, als ein Schuß, der mein Pferd zu Boden streckte, mich aus meiner Betäubung aufriß. Vier Menschen stürzten aus dem Gebüsche auf mich zu: alles war mir wie ein wiederholtes Possenspiel und ich sah mich kalt nach dem blonden Ferdinand um, daß er mir mit seinem Hirschfänger zu Hülfe eilen solle. Aber er kam nicht, er war nicht da, und ich gab mich ohne Gegenwehr gefangen; ich übergab den Räubern selbst alles Geld, das ich bei mir hatte: sie schienen über meine Kaltblütigkeit erstaunt. – Man schleppte mich auf geheimen Wegen zu ihrer Wohnung. Ich wußte immer noch nichts von mir selbst, nicht aus Verzweiflung, sondern weil ich ungewiß war, ob ich schliefe, oder wachte; ich glaubte, ich dürfte mir nur recht ernsthaft Mühe geben, aufzuwachen, und es würde auch geschehen, das heißt, ich würde sterben.

Als ich einige Stunden so zugebracht hatte, schlug mir ein ansehnlicher Mann vor, ein Mitglied ihrer Gesellschaft zu werden. Sie erraten es vielleicht, Rosa, daß ich ohne alles Bedenken diesen Vorschlag annahm. Dieser lächerlich wunderbare Umstand fehlte meinem Leben noch bis jetzt, er schloß sich so herrlich an alles Vorhergehende, er bestärkte mich so in meinem Traume, ich war so überzeugt, daß ich hier sein müsse und nicht anderswo sein könne, daß ich den Räubern, als sie mich kaum gefragt hatten, schon mein Jawort gab. – Und sagen Sie selbst, was kann unser Leben anders sein, als ein leeres groteskes Traumbild? Wir halten es immer für etwas so Ernsthaftes, und es ist eine plumpe, unzusammenhängende Farce, der nüchterne, verdorbene Abhub einer alten, bessern Existenz, eine Kinderkomödie ex tempore, eine schlechte Nachäffung eines eigentlichen Lebens.

Jetzt sitze ich nun hier in einer tiefen Einsamkeit, denn alle meine Gefährten sind ausgegangen. Der Wind pfeift durch die gewundenen Felsen, die Zweige knarren laut, und die tote Stille wiederholt jeden Schall. Nichts als Felsen, Bäume und ferne Gebirge sieht mein Auge, das Geschrei des Wildes tönt durch die feierliche Ruhe. Einzelne Wolken ziehn schwer durch die Gebirge; der Sonnenschein geht und kömmt wieder. – Warum sitz ich nun hier und denke und schreibe an Sie? – Was soll ich hier? – Und doch kann ich noch nicht fort: die Räuber haben aus meinem Äußern geschlossen, ich könnte ein tüchtiges Mitglied ihrer Bande werden, und darum wollen sie mich behalten. Aus einem verdorbenen Menschen wird vielleicht noch ein ganz guter Räuber. Zum Menschen bin ich verdorben, das heißt, daß ich für einen Menschen jetzt viel zu gut bin: man muß seinen Verstand und seine Gefühle nur bis auf einen gewissen Punkt aufklären, tausend Dinge muß man blindlings und auf gut Glück annehmen, um ein Mensch zu bleiben. – Leben Sie wohl, ich will in diesem Briefe bei Gelegenheit fortfahren, ob ich gleich noch nicht einsehe, auf welche Art Sie ihn bekommen sollen.

 

Es ist Nacht, und ich muß jetzt schreiben, weil ich meine Gesellschafter nicht gerne diesen Brief sehen lassen möchte. Ich habe eigentlich nichts zu schreiben, aber ich bin nicht ruhig genug, um einzuschlafen. Es liegen einige erbeutete französische Tragödien da, die mich aber anekeln: ich ärgre mich, daß ich nichts von Shakespeare hier habe, der mein Gefühl vielleicht noch mehr empörte, um es zu beruhigen.

Ich komme mir hier in der dunkeln einsamen Hütte wie ein vertriebener Weiser vor, der die Welt und ihre Albernheiten verlassen hat. Wenn ich mir einen solchen Eremiten recht lebendig vorstelle, so wird mir gleich recht verständig zumute. Balder sollte jetzt mit mir diese Wüste bewohnen, ich würde jetzt recht leicht mit ihm sympathisieren.

Ich möchte scherzen, um die Schauer von mir zu entfernen, die mich umgeben. Der Wind rauscht einsam über die Wälder daher, und die Sterne stehn wehmütig über Bäumen und Felsen: Mondschein schimmert herüber und dichte Schatten fallen von den Bergen herunter. Ich strecke in Gedanken die Hand aus, um der Hand eines Freundes zu begegnen, vorzüglich sehn ich mich nach dem alten ehrlichen Willy: ich bilde mir ein, er sitzt neben mir und ich führe ein tiefsinniges Gespräch mit ihm. Es ist, als wollten wohlbekannte Stimmen aus der Wand herausreden, und ich entsetze mich vor jedem Schalle. Wirft das Licht nicht seltsame Schatten gegen die Mauer? Wer kann wissen, was ein Schatten ist und was er zu bedeuten hat? – Schläfrige Nachtschmetterlinge sind zum offnen Fenster hereingeschlüpft, und wüst und träge summen sie jetzt durch das Gemach: in immer engeren Kreisen treiben sie sich um die Flamme des Lichtes, um sich zu versengen und zu sterben. Ein Zweig des Baumes klatscht gegen mein Fenster, er fährt auf und nieder und verdeckt mir bald die Sterne, bald zeigt er sie mir im bläulicht grünen Luftraume. Ich weiß nicht, warum mich alles erschreckt, warum der Himmel mit seinen Sternen so wehmütig über mir steht. – In der Einsamkeit liegt eine Bangigkeit, die unsre ganze Seele zusammenzieht; wir entsetzen uns vor der großen, ungeheuren Natur, wenn kein Sonnenschein die große Szene beleuchtet und unsern Blick und unsre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Partien richtet, sondern die Finsternis alles zu einem unübersehlichen Chaos vereinigt. Dann gehen wir völlig im wilden, ungeheuern Meere unter, wo Wogen sich auf Wogen wälzen und alles gestaltlos und ohne Regel durcheinanderflutet. Nirgends kann man sich festhalten; unsre Welt sieht dann aus wie eine ehemalige Erde, die soeben in der Zertrümmerung begriffen ist – und wir werden unbemerkt mit verschlungen.

Ich wünsche in Rom zu sein und Andrea zu sehn und zu sprechen. – Das Leben hier mißfällt mir seiner Einförmigkeit wegen, mein Geist muß jetzt einen andern Schwung nehmen, oder ich gebe mich selbst verloren. Eine größere Seele muß mich jetzt beschützen, oder ein Elend, wie es vielleicht noch keinem Menschen zuteil ward, ist mein Los. –

Wer ist das, der unter unsern Wipfeln hinweggeht? so scheinen mir die Bäume nachzurufen: jede Wolke und jeder Berg macht eine drohende Gebärde – ach, und die Menschen um mich her! sie demütigen mich am meisten. Auf eine betrübte Art sind sie sich selbst genug, ihre Trägheit und einen jämmerlichen Leichtsinn halten sie für Stärke der Seele; sie bemerken die Leere in ihrem Geiste nicht, die Anlage im Verstande, die ohne die mindeste Vollendung liegenblieb. Sie sind nichts als redende Bilder, die den Menschen und mich verachten, weil sie sich selbst nicht achten können.

Sie sprechen oft viel von einem Rudolpho und Pietro, die sich immer durch ihre Bravheit ausgezeichnet hätten, und die bei einem Überfalle umgekommen wären. Sie wissen es nicht, Rosa, daß sie durch mich und durch Ihren Ferdinand umkamen; sie würden mich sogleich ermorden, wenn ich es ihnen entdeckte. – Ich habe ihre Leichensteine besuchen müssen, die ihnen die ganze Gesellschaft gesetzt hat; sie dienen diesen Menschen zur Kirche. –

Warum könnt ich nicht nächstens Rosalinen, oder meinen Vater wiederfinden? – In dieser seltsamen Welt ist nichts unmöglich. –

Der Morgen bricht an, der Mondschein wird bleicher, ich will mich niederlegen, um noch einige Stunden zu schlafen. – Jetzt habe ich vor dem Schaudern Ruhe: die Gespensterzeit ist vorüber. – Sie lachen vielleicht, Rosa – leben Sie wohl.

 

Ich durchsuche heute meine Brieftasche und finde noch ein altes, uraltes Blatt darin; es ist ein Gedicht, das ich einst auf Amaliens Geburtstag machte. Das Papier ist schon gelb und abgerieben, die Worte kaum noch zu lesen: darin lag ihre Silhouette, die ich im Garten in Bondly an einem schönen Nachmittage schnitt. Mein ganzes Herz hat sich bei diesen Entdeckungen umgewandt. Alles Ehemalige, Längstverflossene und Längstvergessene kömmt mir zurück, ich sehe sie vor mir stehn, ich höre die Bäume im Garten von Bondly rauschen, die ganze Landschaft zaubert sich vor meine Augen hin. – Ich will Ihnen die Phantasie hiehersetzen, die mich so innig gerührt hat.

Erster Genius
Wo find ich wohl den Bruder?
Schwärmt er im Regenbogen?
Schwebt er auf jener Wolke?
Bald müssen wir uns finden,
Die Sonne sinkt schon unter.
Zweiter Genius
Hier bring ich Tau von Blumen,
Den Duft von jungen Rosen,
Und aus der Abendröte
Die kleinen goldnen Punkte;
Nun laß uns fürder eilen
Und holden Abendschimmer
Ihr auf die Wangen streuen,
Den Mund ihr röter färben,
Mit lichter Ätherbläue
Die sanften Augen tränken,
Und in die blonden Locken
Die goldnen Lichter streuen,
Die wir vom Regenbogen,
Vom Abendschein erbeutet.
Beide    
Wir schweben auf Blumen,
Wir tanzen auf Wolken
    Vorüber dem Mond.

Es leuchten uns freundlich
Zum nächtlichen Tanze
    Die Stern' und der Mond.

Dann sammeln wir Blumen,
Dann suchen wir Kräuter,
    Von uns nur gekannt,

Und kehren zum Schutze
Der glücklichsten Menschen
    Vom Wandern zurück.

Der Dichter
Schützende Genien, wenn ihr zu ihr flieget
Und die Schönste mit neuer Schönheit schmücket,
O so hört noch, höret die fromme Bitte:
Nehmet die Seufzer, nehmt die schönsten Tränen,
Tragt das treueste Herz als Gabe zu ihr,
Dann ach! wird sie meiner gewiß gedenken! –

Diese Verse sind schlecht und die ganze Idee ist gesucht, aber ich schrieb es damals mit der wärmsten Empfindung nieder; meine Spannung erlaubte mir es nicht, mich in die Schranken einer natürlichen und einfachen Empfindung zu halten. Jedes Wort dieses Gedichts bringt mir tausend süße und schmerzliche Erinnerungen zurück, die Vergangenheit zieht mir schadenfroh durch das Herz, noch schöner vielleicht, als sie damals war. –

Seid mir gegrüßt, ihr frohen goldnen Jahre,
Sosehr ihr auch mein Herz mit Wehmut füllt!
Ach! damals! damals! – immer strebt mein Geist zurück
In jenes schöne Land, das einst die Heimat war.
Das goldne, tiefgesenkte Abendrot,
Des Mondes zarter Schimmer, der Gesang
Der Nachtigallen, jede Schönheit gab
Mir freundlich stillen Gruß, es labte sich
Mein Geist an allen wechselnden Gestalten
Und sah im Spiegel frischer Phantasie
Die Schönheit schöner: Willig fand die Anmut
Zum Ungeheuren sich, und alles band sich stets
In reine Harmonie zusammen. – Doch
Entschwunden ist die Zeit, das ehrne Alter
Des Mannes trat in alle seine Rechte.
Mich kennt kein zartes, kindliches Gefühl,
Zerrissen alle Harmonie, das Chaos
Verwirrter Zweifel streckt sich vor mir aus.
Von jäher Felsenspitze schau ich schwindelnd
In schwarze, wüste, wildzerrißne Klüfte.
Ein wilder Reigen dreht sich gräßlich unten,
Ein freches Hohngelächter schallt herauf,
Und bleiche Fackeln zittern hin und her.
Dämonen, fürchterliche Larven feiern
Mit raschem Schwung ein nächtlich Lustgelage.
Wer ist der schwarze Riese unter ihnen? –
Er nennt sich Tod und streckt den bleichen Arm
Nach mir herauf! – Hinweg du Gräßlicher! –
Was rührt sich in den Bäumen? – Ist's mein Vater?
Er will zu mir! er kömmt mit Rosalinen
Und langsam geht Pietro hinter ihm,
Auch Willys Kopf streckt sich aus feuchtem Grabe! –
Hinweg! – ich kenn euch nicht! – zur Höll hinab!! –
Doch laut und immer lauter rauscht die Waldung,
Es braust das Meer und schilt mit allen Wogen –
Und in mir klopft ein ängstlich feiges Herz. –
Ihr alle richtet mich? verdammt mich alle? –
Du selbst bist gegen dich? – O Tor, laß ja
Den Geist in dir, den frechen Dämon nie
Gebändigt werden! Laß das Schicksal zürnen,
Laß Lieb und Freundschaft zu Verrätern werden,
Laß alles treulos von dir fallen: ha! was kümmern
Dich Luftgestalten? – sei dir selbst genug!

Was meinen Sie? – Wenn ich über mich selbst ein Trauerspiel machte, müßte sich da diese Tirade nicht am Schlusse des vierten Akts ganz gut ausnehmen?

Die Räuber verachten mich von Herzen, weil sie sehen, daß ich zu ihrem Gewerbe ganz unbrauchbar bin. Sie gehen aus und lassen mich meistenteils zurück, um die Wohnungen zu bewachen.

Einer von ihnen ist erschossen. Ich bin zuweilen der Zeuge der niederschlagendsten Szenen, ich möchte mir oft selber entfliehen. – Ich bin wieder allein und schwarze Gewitterwolken bedecken den ganzen Horizont. – Wie wüste und verlassen ist alles um mich her! – Der Blitz zuckt durch den schwarzen Wolkenvorhang und ein Donnerschlag läuft krachend durch die Gebürge. Ein wildes Gebrause von Regen und Hagel stürzt herab, alle Bäume wanken bis in ihre Wurzeln –

Ich erinnere mich meines Aufenthaltes in Paris. – Wie ist es möglich, daß manche Menschen, die ich dort kannte, noch den Wunsch nach dem Leben haben können? – Von allem, was das Leben teuer und angenehm macht, waren sie entblößt, sie mußten sich unter Schimpf und Verfolgung von einem Tage zum andern hinüberbetteln, sie wurden von Not und Mangel erdrückt, und dennoch sahen sie dem näherschreitenden Tode mit einer bleichen Wange entgegen. – Ich kann es nicht begreifen und würde es in einer Erzählung nicht glauben.

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