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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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18
William Lovell an Rosa

Paris.

Und sollt ich den letzten Pfennig wagen und verlieren, so muß ich weiterspielen, und entweder nichts übrigbehalten, oder meinen Verlust wiedergewinnen! Rund ist das Rad der Glücksgöttin, und sie ist blind. Ich will es mit dem Zufalle und mit allen Teufeln aufnehmen; bleiben Sie mir doch, bleibt mir doch Andrea übrig. Was ist Furcht und Vorsicht? – Schwache Stützen des Schwachen! – Ich kann auch ohne ihre Hülfe auskommen, und es ist bis jetzt geschehn. Trinken, trinken will ich, bis sich alle Zufälle nach meinem tollen Willen bequemen, und wenn alles schiefgeht, je nun, so darf ich ja nur an Sie schreiben, und die Summen Goldes kommen auf meinen Wink zu mir herübergeflogen. Nicht wahr, da kann ich der übrigen jämmerlichen Menschen lachen?

Tod und Hölle! Ich habe von je im stillen vermutet, daß Andrea große Schätze besitzt, und ich bin ja doch, wie Sie wissen werden, sein bester Freund! Mir wird er's ja nicht fehlen lassen, wenn es so weit kommen sollte, oder ich würde ihn öffentlich für einen Schurken erklären! Öffentlich, verstehn Sie mich wohl, das will viel sagen.

Ich bin schon darauf aus gewesen, die dunkeln heimlichen Regeln in den Hasardspielen ausfindig zu machen, es liegt gewiß alles nur an Kleinigkeiten, allein ich kann es nicht deutlich herauskriegen. Je nun, mag's laufen! Ich will einmal mit Andrea darüber sprechen.

Ich freue mich darauf, daß ich ihn wiedersehe. Er soll mir Geister zitieren, bis mir der Verstand vergeht; das soll ein lustiges Leben werden. Mit einer Wette habe ich zwei Bouteillen Champagner gewonnen und die sind nun fast leer; ich muß jetzt so armselig wetten, sehn Sie, weil ich, unter uns gesagt, nicht mehr viel Geld übrighabe. So geht's in der Welt! –

Was machen Sie jetzt? Ich habe seit lange nichts von Ihnen gehört. Wie kömmt das? Sie sind im Briefschreiben noch saumseliger als ich, das ist ein großer Fehler von einem Menschen, der ein guter Freund sein will. – Apropos von guten Freunden! Ich glaube, ich habe keinen einzigen mehr in Paris, seit die Leute merken, daß ich kein Geld mehr habe: das ist eine magnetische Kraft des Metalls, die man bis jetzt noch nicht bemerkt hat; die Naturgeschichte könnte dadurch eine große Verbesserung erleiden. Denn was die Leute oft Liebe, Instinkt, Sympathie, häusliches Glück nennen – was ist es oft anders, als die Attraktion des gemünzten Metalles?

Ich muß fort. Man wartet beim Spieltische auf mich. Es wäre doch viel, wenn man das Glück nicht zwingen könnte. Sterben will ich eher, als verlieren: die Leute nennen es Aberglauben, wenn man manches beim Spiele beobachtet, aber ich habe mir eine Menge von Sachen ausgedacht, die gewiß helfen, und die kein Aberglaube sind. – Was nennen wir denn Aberglauben? Haben wir eine andre Weisheit? Eine ohne Aberglauben? Am Ende ist es ein Aberglaube, daß ich existiere; ein Satz, den ich so auf gut Glück annehme, weil es mir so vorkömmt. Aber wer ist jenes Ich, dem es so vorkömmt? – Die Frage kann mir keiner beantworten, und das wäre doch wahrhaftig äußerst notwendig.

Leben Sie wohl, Rosa, und schicken Sie mir bei Gelegenheit etwas Geld; denn wenn ich auch gewinne, es kann nie schaden, wenn man Geld hat, das werden Sie hoffentlich auch zugeben. – Was machen unsre übrigen Freunde? Ich kann mir denken, wie sich Andrea nach mir sehnt; trösten Sie ihn, denn ich werde bald zurückkommen.

 

19
Betty an Amalie

Bondly.

O liebste, liebste Freundin! Ich kann Ihnen noch immer nicht beschreiben, wie mir zumute ist. – Wir haben Sie recht hieher gewünscht und Ihre Kränklichkeit recht bedauert; bei der Hochzeit nämlich. Mein Vater hat mir freilich wohl gesagt, ich soll mich in meinem Glücke nicht übernehmen, aber das läßt sich leicht sagen und schwer tun. Ich weiß immer noch nicht, wie mir zumute ist, ich ziehe mich manchmal am Arme, um zu erwachen. Wenn ich im Garten oder im Dorfe spazierengehe, so grüßen mich alle Leute sehr freundlich, und betrachten mich als ihre Herrschaft; Eduard darf ich bei seinem Vornamen und ihn Du nennen, denselben Menschen, den ich bis jetzt nur aus der Ferne, wie eine Gottheit, angebetet habe. Mein Vater ist fröhlich und hat einigemal vor Rührung geweint, mit seinen schwachen Augen kannte er mich gestern in den neuen Kleidern selbst nicht – ach, liebste Freundin, kann man wohl dem Himmel für eine solche Veränderung genug danken? Gewiß nicht. Wenn doch meine Mutter noch lebte und alle diese Herrlichkeiten sähe! Die ist nun im Kummer und Elend gestorben, und jetzt könnte ich sie so schön trösten. Aber es hat nicht sein sollen, und es ist, so wie es ist, schon Glück genug. – Wer hätte das damals gedacht, als Sie mich und meinen Vater mit so himmlischer Güte in unsrer Armut unterstützten? Oh, und Eduard ist ein himmlischer Mensch; er läßt es mich gar nicht fühlen, daß ich ohne ihn nichts war, er spricht mit mir, als wenn ich sein Glück gemacht hätte. So gute Menschen, wie ihn, gibt es gewiß nicht viele. – Sie hätten nur hier den Aufwand bei der Hochzeit sehen sollen; nun, Herr Mortimer kann Ihnen ja erzählen, ob es nicht kostbar war. – Besuchen Sie uns doch sobald Sie können. –

 

20
Betty an Amalie

Bondly.

Wie freue ich mich, Sie wiederzusehn und Ihnen hier alles zu zeigen! Ich getraue mich oft noch gar nicht, zu tun, als wenn ich hier zu Hause wäre. Geben Sie mir einen Rat, wie ich mir immer die Liebe Eduards erhalten kann, auf welche Art ich sein Wohlwollen und seine Zuneigung verdienen soll. Er tut mir alles zu Gefallen, wenn er nur irgend glaubt, daß es mir Vergnügen machen könnte, er ist so gut, daß ich mich immer schäme, daß ich nicht besser bin: aber ich will das zusammengezogen von ihm lernen. Mein Vater läßt sich Ihnen recht sehr empfehlen; der alte Mann beschäftigt sich jetzt vorzüglich mit dem Gartenbau und mit der Jagd; die Jagd ist ihm etwas recht Neues, und er trifft ordentlich noch, so schwach auch seine Augen sind. Es wird jetzt überhaupt vielleicht mit seinen Augen besser, da er fröhlicher lebt und sich nicht mehr so zu grämen braucht, wie sonst. – Leben Sie wohl, liebste Freundin, und spotten Sie nicht über meine Briefe.

 

21
William Lovell an Rosa

Paris.

Lieber Rosa, ich habe nun mein Vermögen völlig, durchaus verloren. Ich erinnere mich dunkel meines neulichen Briefes und seines Inhalts; verzeihen Sie mir, er mag enthalten, was er will, denn ich schrieb ihn in einer Stimmung, in der ich mich selbst nicht kannte. Es geschieht zuweilen, daß wir gegen unsern Willen etwas sagen oder tun, was der Freund immer als völlig ungeschehen ansehn muß. Ich weiß nicht, wie ich zu Ihnen nach Italien kommen soll: ich bereue jetzt meinen Wahnsinn, und verachte mich eben dieser Reue wegen. Hätt ich jetzt nur die Hälfte, nur das Viertel von jenen Summen zurück, die ich in England als Dummkopf an Dummköpfe verschenkte! Gegen mich ist keiner so großmütig gewesen, die übrigen Menschen sind klüger, und halten ihren Gewinst für ihr förmliches Eigentum. Oh, in welcher Welt ist man gezwungen zu leben! Alles zieht sich von mir zurück, meine vertrautesten Freunde kennen mich nicht mehr, wenn sie mir auf der Straße begegnen, und noch vor kurzem waren sie lauter Höflichkeit, lauter Demut. Im Grunde ist das menschliche Geschlecht und vor allem der kultivierte Teil desselben eine große Herde von Kannibalen. Im gewöhnlichen Umgange sieht man Verbeugungen gegeneinander, die höchste Aufmerksamkeit, daß keiner den andern verletze, oder auf irgendeine Art beleidige, man tut als würde man durch Hochachtung, durch Blicke und Komplimente beglückt – oh, und wenn diese Menschen dadurch reich werden könnten, sie zerrissen denselben Gegenstand lebendig mit den Händen, ja mit den Zähnen. – Es hat hier Kerls gegeben, die mir eine entfallene Feder, eine kleine Münze mit der größten Ehrerbietung wieder reichten, zehn beeiferten sich um die Wette, mir den Dienst zu tun, und jetzt würden alle zehn mir keinen Taler geben, und wenn sie mich dadurch von dem Verhungern retten könnten. – Noch nie, als jetzt, habe ich den Druck der Armut gefühlt und ihre Leiden sind fürchterlich; man kann leicht die Menschen verachten, wenn sie sich mit ihrer Verehrung zu uns drängen, aber jetzt wird es mir schwer. Ich wage es kaum, den Reichen ins Gesicht zu sehn, ich habe eine sklavische Ehrfurcht vor den Vornehmen, und es ist mir, als gehörte ich gar nicht in die Welt hinein, als wäre es nur eine vergönnte Gnade, daß ich die Luft einatme und lebe; ich fühle mich in der niedrigsten Abhängigkeit. – Dulden Sie es nicht, lieber Rosa, daß Ihr Freund auf diese Art leidet, machen Sie es mir möglich, daß ich Sie und Italien wiedersehe. Sollte es nötig sein, so entdecken Sie Andrea meine Lage, und er wird keinen Augenblick zaudern oder sich bedenken. Sollt ich hier noch länger bleiben müssen? Schon leb ich unter den niedern Volksklassen und esse in den Wirtshäusern in der Gesellschaft von gemeinen Leuten, die jetzt auf ihre Art ebenso höflich gegen mich sind, wie noch vor kurzem die Reichen; wenn ich nun auch das wenige Geld ausgegeben habe, so werden sie mich ebenfalls verachten und laufen lassen. Jede Bezeugung der Höflichkeit kränkt mich jetzt innig, weil sie mich an meine Lage erinnert. – Retten Sie mich, Freund, und ohne Zögern, ich beschwöre Sie! Sie haben von meiner Verlegenheit keinen Begriff. Jene Summen, die wir ehedem der armseligen Bianca und Laura gaben, wären jetzt große Schätze für mich; ich beneide manchem Bettler das, was ich ihm in bessern Zeiten gab, ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht vor dem Gelde empfunden. – Denken Sie sich das hinzu, was Ihnen ein Freund sagen könnte, um Sie zu bewegen: – doch, ich vergesse, mit wem ich spreche; ich weiß ja, daß ich zu Rosa rede, alle meine Besorgnisse sind unnütz; die gemeinen Menschen leben nur hier. – Es reut mich jetzt lebhaft, daß ich nicht schon früher abgereist bin, allein bin ich darum um so besser dran? – Leben Sie wohl, ich sehe mit Sehnsucht einer Antwort entgegen.

 

22
Rosa an William Lovell

Rom.

Ihre Briefe, lieber William, haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt. Ich halte es für den betrübtesten Anblick, wenn ein Freund, der unser Herz so nahe angeht, sich und seine Vorsätze so sehr aus den Augen verliert. Ihre Briefe sind alle ein Beweis eines gewissen zerrütteten Zustandes, der Sie verhindert, sich selbst in Ihrer Gewalt zu haben. Mit Freuden würde ich Sie aus Ihrer unangenehmen Lage ziehn, wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stände, aber ich weiß nicht, ob Sie es nie bemerkt haben, als Sie hier waren, (wenn es nicht ist, so muß ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehn) daß ich in der allergrößten Abhängigkeit von Andrea lebe. Er sucht mich selbst immer in einer gewissen Verlegenheit zu erhalten, aus Ursachen, die ich freilich nicht begreifen kann. Er ist eigensinnig, sosehr er mir auch meistenteils gewogen scheint, und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges, oder nur Auffallendes gegen seine Einwilligung tun. Ich habe ihn seit lange nicht gesehn, sosehr ich ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht habe; es war mir daher unmöglich, ihm Ihre Lage zu entdecken, und ich kann mich auch nicht verbürgen, ob er etwas oder viel für Sie zu tun imstande wäre, da ich ihm schon zur Last falle, da er Sie immer für reich gehalten hat, und da es vielleicht der Fall ist, daß Sie seine Aufträge nicht auf die glücklichste Art ausgerichtet haben. Doch wie ich Ihnen sage, alles dies kann ich nicht beurteilen, und ich hoffe, daß er sich ganz zu Ihrem Besten erklären wird, sobald ich ihn spreche.

Mich wundert nur, und es ist mir unbegreiflich, wie Sie so gänzlich unvorsichtig handeln konnten. Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht belustigt zu haben, und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht widerstehn. Sie verachten die Menschen, und dennoch haben Sie recht darnach gestrebt, sich von ihnen abhängig zu machen, weil Sie das Drückende der Abhängigkeit noch nie empfunden haben. Warum rissen Sie sich nicht aus Ihren langweiligen Zirkeln los und kamen früher zurück? Sie hätten mir, Ihrem Freunde, dadurch die Unannehmlichkeit erspart, Ihnen eine so dringende Bitte abschlagen zu müssen. Überhaupt, um aufrichtig zu reden, wie konnte der verständige Lovell in den Irrtum jener gemeinen Menschen verfallen, die morgen auf mein Eigentum Anspruch machen, weil ich gestern mit ihnen in Gesellschaft lustig gewesen bin. Das ist eben das Kennzeichen der rohern Menschen, die nicht eine Stunde vertraulich sein können, ohne auf den Gedanken zu kommen, zu borgen, sie setzen dadurch sich und den andern in eine fatale Situation. Die feinern Menschen werden immer suchen nebeneinander, statt einer durch den andern, zu leben; sie werden jeden andern Dienst eher als die Unterstützung durch das Eigentum verlangen, denn auf jeden Fall muß der andre sich derangieren, er muß sich Bequemlichkeiten versagen, die ihm vielleicht zu Bedürfnissen geworden sind. – Doch alles das, lieber Lovell, sagt ich nicht im Bezuge auf Sie, denn könnt ich Ihnen helfen, so würde ich es sogleich, ohne weitere Einleitung, tun, denn es ist mir eben ein Beweis von der Größe Ihrer Verlegenheit, daß Sie alle diese Vorstellungen beiseite gesetzt haben; aber um so mehr bedaure ich es auch, daß ich nicht imstande bin, Ihnen zu helfen. – Leben Sie recht wohl indes, und suchen Sie bald zu uns zu kommen; ich will mit Andrea Ihretwegen sprechen, sobald ich ihn finde.

 

23
William Lovell an Rosa

Paris.

Es ist gut, Rosa, alles was Sie mir da schreiben, und doch auch wieder nicht gut. Sie haben recht, und doch kann ich es nicht glauben; am Ende ist alles einerlei. Nur Vorwürfe hätten Sie mir nicht machen sollen. In der Gesellschaft muß man vergessen, daß man unter Menschen lebt; und ich will es auch vergessen. O der schönen, der teuren Freundschaft! Doch lassen Sie es gut sein, Rosa, ich will nicht weiter daran denken. – Ich war ein Tor, auf Hülfe zu hoffen, das sehe ich jetzt sehr deutlich ein, vergessen Sie es auch, und rechnen Sie es zu meinen übrigen Torheiten, die Sie so oft bemitleidet haben.

Und was will ich denn auch mehr? Lebe ich nicht hier noch ebenso, wie sonst? Was kann man mehr verlangen, als zu leben? Ich bin jetzt mit dem Elende der unglücklichsten Geschöpfe vertraut, keine Menschenklasse ist mir nun mehr fremd; ich habe viel erfahren und gelernt. – Ich wohne jetzt unter Bettlern und lebe in ihrer Gesellschaft, ich sehe es, wie sich die Menschheit im niedrigsten Auswurfe zeigt, wie alle Anlagen, alle Niederträchtigkeiten hier in ihrer schönsten Blüte prangen: es zerreißt mir oft das Herz, wenn ich den Anblick des Jammers genau betrachte, wie sie von allen Bedürfnissen entblößt sind und ihre Sinnlichkeit sie beherrscht, wie sie gierig verschlingen, was sie zusammengebettelt haben, und ohne Tränen für ihr eignes Elend sind; wie sie sich verleumden und gegenseitig verachten, wie es unter ihnen selbst Prahler und Verschwender gibt.

Neulich lag ich im Sonnenschein in der Ecke eines freien Platzes. Ein altes zerlumptes Weib kam und führte ihren blinden Sohn an der Hand; sie setzten sich nicht weit von mir nieder. – Mutter, fing der Blinde an, es brennt mir so auf den Augen, die Sonne scheint gewiß, wie du immer sagst. – Ja, sagte die Mutter, liebes Kind, setze dich hier nieder und ruhe aus. – Er hob langsam den Kopf in die Höhe, als wenn er den Himmel und seinen Sonnenschein suchen wollte.

Die Alte kramte nun jetzt ihre Beute aus. Brot mit Stücken rohen Fleisches, einige kleine Würste, Kuchen, alles lag vermischt in einem schmutzigen leinenen Sacke; sie biß oft von den einzelnen Stücken mit großer Gier etwas ab; dann gab sie dem Sohne einen Kuchen, und befahl ihm, hierzubleiben und ihre Rückkehr abzuwarten.

Der Junge betastete den Kuchen mit allen Zeichen der Freude und des Wohlbehagens: er drehte den Kopf oft nach der Sonne, als wenn er sich gewaltig anstrengte, um endlich einmal zu sehn. Ein anderer Bettelbube schlich sich indessen näher, hob plötzlich den Kuchen von der Erde auf, und lief schnell davon. Der Blinde suchte nun seine Nahrung, auf die er sich gefreuet hatte, und fand sie nicht; schwermütig senkte er den Kopf nieder, und wie an alle Leiden gewöhnt und auf alle mögliche Unglücksfälle vorbereitet, legte er sich hin und schlief ein. Sein Schlaf war wie ein Ausruhn in einer bessern Welt. – Ich schlich mich davon, um nicht, wenn die Mutter zurückkäme, für den Dieb angesehn zu werden.

Dies ist das Bild der Menschheit! Oh, wie ist meine Phantasie mit Schmutz und ekelhaften Bildern angefüllt! – Wie oft leid ich hier in der größten Versammlung der Menschen heimlichen Hunger, und keiner weiß es und keiner fragt darnach. – O Amalie, wenn Du es wüßtest, gewiß, Du würdest mir helfen. – Doch nein, nein, auch Du gehörst den Menschen an; Du würdest Dir eine Bequemlichkeit versagen müssen, die Dir vielleicht zum Bedürfnisse geworden ist. – Ich würde Dich nicht darum bitten, wenn ich Dich auch vor dem Lager meines Elends vorübergehen sähe. – Es soll aber anders werden! Es muß sich ändern! Es gibt keine Liebe und ich kann bei dieser keine Hülfe suchen; ich muß mir durch mich selber helfen. Ist es nicht schändlich, daß ich hier liege und in meiner Trägheit jede Gelegenheit vorbeischlüpfen lasse? – Es ist endlich Zeit, daß ich mich zusammenraffe. Sie werden mich nicht tadeln, Rosa, und Sie haben auch kein Recht dazu. – Leben Sie wohl, bis Sie einen bessern Brief von mir erhalten.

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