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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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10
Adriano an Rosa

Florenz.

Sie irren, Rosa, wenn Sie vielleicht glaubten, daß Ihre Spötterei mich aufbringen würde, noch mehr aber, wenn Sie der Meinung waren, mich dadurch zu überzeugen. Ich mag und kann Ihnen hier meine Gründe nicht weitläuftig auseinandersetzen, warum ich jetzt noch nicht nach Rom zurückkehren werde. Ich wünschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben, den ich übersehn kann, von dem ich weiß, wohin er mich führt. Ich mag lieber nicht weit kommen, als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fußsteige vertrauen.

Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lächerlich dünken – aber mag's! Es ist vielleicht notwendig, daß manche Menschen uns verachten, damit uns andre wieder schätzen. – Ich besitze freilich nicht jene Fähigkeit, jede Meinung sogleich zu verstehn und in ihr zu Hause zu sein, ich bin ungelenk genug, manches für Unsinn zu halten, weil ich es nicht begreifen kann, aber verzeihen Sie mir meine Schwäche so wie ich Ihre Größe bewundre. – Ich spotte jetzt nicht, Rosa, sondern es ist mein völliger Ernst; ich habe über mich selbst nachgedacht und gefunden, daß alle meine Schwächen mit meinen bessern Seiten zusammenhängen, wie es vielleicht bei jedem Menschen ist: die gewaltsamen Änderungen sind auf jeden Fall immer ein sehr mißliches Unternehmen, es gibt keine so geschickte Hand, die mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte. Lassen Sie mich darum lieber so, wie ich bin, Sie möchten mich sonst ganz verderben.

Auch daß ich dies fürchte, ist eins von den Vorurteilen, die Sie verlachen. Aber, lieber Freund, entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen, und sehn Sie dann, was Ihnen übrigbleibt. Die Sucht, ganz als freier Mensch zu handeln, führt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen, oder dem Wahnsinne entgegen. Ich will lieber manches glauben, um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen. Sagen Sie mir aufrichtig, ob es auf Ihrem Wege möglich ist?

Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen, denn sie führt doch zu nichts.

 

11
Bianca an Laura

Rom.

Besuchen Sie mich doch, liebste Freundin, ich habe den ganzen Tag geweint. Der Arzt hat mir heute morgen endlich angekündigt, daß ich die Schwindsucht habe. Ich weiß vor Betrübnis nicht zu bleiben. – Ich habe gebeichtet, allein ich bin nur wenig getröstet; kommen Sie und heitern Sie mich durch einige lustige Erzählungen auf.

Wen haben Sie denn jetzt zum erklärten Liebhaber? O erzählen Sie mir doch von ihm recht viele Torheiten, damit mir die Welt nur wieder etwas lustig vorkömmt. – Ob denn die Schwindsucht immer so gefährlich sein mag, als man sagt? – Ach, liebe Freundin, der Gedanke an den Tod ist sehr bitter. – Wenn Sie nicht kommen, weiß ich nicht, wie ich den Abend zubringen soll. Ich werde dann wieder weinen und beten. – Aber kommen Sie ja, ich beschwöre Sie.

 

12
Laura an Bianca

Ich kann Sie heute unmöglich besuchen, aber morgen. Alle unsre Bekanntschaften haben mich verlassen und ich habe eine Zeitlang recht einsam gelebt; aber seit gestern habe ich wieder einen guten Freund angetroffen. – Mit Ihrer Krankheit wird es mit der Zeit wohl besser werden, Sie müssen nur nicht die Hoffnung verlieren, denn die Hoffnung ist die beste Arznei. – Wenn Sie aber wirklich die Schwindsucht hätten, so könnte diese Krankheit für andre leicht ansteckend sein: wenigstens sagt man es so. Aber ich will doch morgen zu Ihnen kommen, nur müssen Sie auch hübsch heiter und lustig sein, denn wenn ich jemand sehe, der weint, so werde ich gleich mit betrübt, und nichts in der Welt fällt mir so zur Last, als die Betrübnis. Man sollte nie betrübt sein, wenn man es möglich machen könnte, es ist so nicht viel an dieser Welt, und wir müssen sie uns also nicht noch mutwillig verbittern. Der junge Lovell hat mir sonst mit seinem sauren Gesichte manche böse Stunde gemacht und ich weiß nicht, warum mir an einem Manne die Ernsthaftigkeit noch fataler ist als an einem Frauenzimmer. – Schicken Sie mir doch etwas von Ihrer Schminke, die meinige ist zu Ende und ich kann noch keine neue bekommen. Es ist doch wirklich unangenehm, daß die Haut davon so gelb wird, ich bemerke das seit drei Wochen: auf jedem Topfe steht, daß die Schminke unschädlich sei, und doch ist es dann nicht wahr, wenn man es untersucht. – Was haben Sie für einen Arzt? – Armes Kind, ich kann mir Ihre Betrübnis recht denken und Sie haben auch Ursache dazu; aber Sie müssen sich dennoch trösten, denn das Klagen und Weinen macht es nur schlimmer. Wenn Sie ausgehn dürfen, so kommen Sie heute vor abends zu mir.

 

13
William Lovell an Rosa

Paris.

Ich weiß nicht, warum ich immer noch hier bin. Ich sollte endlich zurückkehren. Es ist unbegreifliche Trägheit von mir, daß ich noch nicht in Rom bin. Wie kann man so ganz von aller Kraft, von aller innern Stärke verlassen sein!

Mein Glück im Spiele hat aufgehört und doch bin ich an den Tisch wie festgezaubert. Wenn ich Karten sehe, läuft mein Blut lebendiger, und ich träume nur von glücklichen oder unglücklichen Spielen. Ich verstehe jetzt, was man unter der Leidenschaft des Spiels sagen will. Ich habe schon ansehnlich verloren, das Geld, was ich aus England mitbrachte und einen großen Teil von Burtons Wechseln: ich ärgre mich darüber nicht, aber über die platte Freude der jämmerlichen Menschen, die von mir gewinnen. Sie halten das blinde Glück für einen Vorzug, der ihnen eigentümlich ist, sie verachten mich, indem ich verliere. Ich lerne jetzt zuerst den Wert des Geldes empfinden, und kann doch nicht zurück, wenn ich die verdammten Bilder sehe. – Raten Sie mir, was ich tun soll. Und weiß ich nicht alles im voraus, was Sie sagen werden? Oh, es ist um toll zu werden, daß man so närrisch ist!

Der Begriff von Zeit ist mir jetzt fürchterlich. Wenn ich einen Tag vor mir habe, ohne zu wissen, was ich mit ihm anfangen soll – oh, und dann den Blick über die leere Wüste von langweiligen Wochen hinaus! Und wieder eine Stunde nach der andern von der Zeit zu betteln, sich vor dem Gedanken des Todes zu entsetzen! Wie elend ist der Mensch, daß er sterben muß, und wie höchst unglückselig müßte er sein, wenn er ewig lebte! Wie toll und unsinnig ist unser Leben durch diese unaufhörlichen Widersprüche!

Wie verächtlich ist alles um mich her, durch unsre Sinnlichkeit, die uns unerbittlich an Nichtswürdigkeiten fesselt. Alles, was Freude, Schönheit, Genuß und Witz heißt, bezieht sich unmittelbar auf die gröbste Sinnlichkeit; das Menschengeschlecht ermüdet nicht bei denselben frostigen Späßen, die Phantasie bekömmt keinen Ekel vor sich selber. Oh, mir zittert oft das Herz, wenn ich die Menschen um mich her lachen sehe, wenn ich junge Leute betrachte, die sich in ihrer Verächtlichkeit so glücklich fühlen. Kein Gedanke hebt dies Geschlecht über seine jämmerliche Eingeschränktheit hinaus. Ach, wenn ich dann aus ihrer Gesellschaft unter den freien Himmel trete, und die ewige Schar der unendlichen Welten über meinem Haupte funkeln, wenn ich mich mit Schwindeln in die Millionen dieser Erden verliere und andre und noch höhere ahnde, wenn ich den Mond betrachte und Städte, Berge und Wälder auf seiner Scheibe entdecken möchte – und ich komme dann zu mir und zur gewöhnlichen Heimat meiner Gedanken zurück! Karten, Würfel und unzüchtige Gespräche. Die Seele leugnet sich selbst ihre Schwingen ab und wohnt mit Wohlbehagen in einem schmutzigen Kerker, weil der Äther und die Sonne und jede freie und glänzende Bahn eine strenge Rechenschaft von ihr fordert.

O Rosa! Wie oft erwachen jetzt kindliche Gefühle in meiner Brust, die wie unvermutete, längstvergessene Freunde bei mir einkehren und den Hauch des ehemaligen Frühlings mit sich bringen. Bilder von Gegenden, die mich sonst schwermütig entzückten, kommen in mein Gemüt und machen mich von neuem melancholisch: es reichen süße Stimmen über alle Abgründe zu mir herüber und nennen sehnsuchtsvoll und anlockend meinen Namen. Ach, wie unaussprechlich unglücklich macht mich alles! – Und dann kehre ich zu den Karten und zu meinen gemeinen Gesellschaftern zurück.

Oft, wenn ich mich in wüste Träume verliere und die Erde mit allen ihren Schätzen wie ausgebrannte Schlacken vor mir lieget, geht Amaliens Name wie die erste Blume nach dem Winter in meinem Herzen auf. Wie von vorüberfliegenden Engeln werd ich dann begrüßt, wie Morgenrot umgibt es mich, das mühsam nach mir hinüberklimmt. Dann möcht ich die unendlichen Gefilde des Himmels vergessen und zur Erde, wie zu einer lieben Hütte zurückkehren. – Ach, meine Träume sind mehr wert, als die Wirklichkeit! Und mußt ich erst die Wirklichkeit so kennenlernen, um auf diese Art träumen zu können?

 

14
Karl Wilmont an Mortimer

Paris.

Ich habe keine Ruhe und kann ihn auch nicht finden. Es ist mir oft, als triebe es mich in ein Haus hinein, daß er dort sein müsse, und wenn ich hineintrete, ist er doch nicht da. Eine unbeschreibliche Ungeduld quält mich Tag und Nacht, ich träume nur von ihm, und oft glaub ich am Morgen, daß er zu mir in das Zimmer trete. Ich laufe an öffentlichen Örtern herum, ohne zu sehn und zu hören. Dann empört sich meine Wut in mir von neuem und eine gänzliche Erschlaffung aller Kräfte folgt dieser Anspannung.

Ach, wie kömmt mir das Leben vor? Von Torheiten wird es zusammengehalten, damit es nicht zerfällt; je älter und schwächer der Mensch wird, je mehrere dieser Narrheiten fallen ihm aus, und der Tod besteht am Ende darin, daß die letzte Torheit aus dem Menschen springt und so dem Geiste Platz macht; und so sterbe ich vielleicht, wenn ich meine Rache ganz aufgebe. Denn was will ich denn damit, oder was kann sie mir helfen? Man möchte zuweilen alles nur für Scherz halten.

Ich verzweifle an mir selber; ich wünschte, dies klägliche Leben wäre erst zu Ende, damit mir besser und ruhiger würde. – Und doch muß ich ihn suchen und finden, dann werde ich sterben! –

 

15
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Was sagen Sie, lieber Freund, wenn ich ganz offenherzig gegen Sie werde? – Doch weiß ich nicht schon Ihre Meinung im voraus? Und es kann sein, daß eben dies die Ursache ist, warum ich noch frage.

Ich sehe den alten Ralph und seine Tochter täglich; Betty hat sich meines Herzens bemächtigt, ich kann es mir selber nicht ableugnen, mein Blut fließt wieder froher durch die Adern, die Welt und das Leben sind mir wieder lieb. Wenn ich ihr nun meine Hand gebe, und ich dann ein stilles und glückliches Leben mit ihr führe; – kann ich mehr und anders wünschen? Das Bild Ihres häuslichen Glücks hat mich zuerst auf diesen Wunsch geführt. – Ich mag nichts weiter hinzusetzen; leben Sie wohl!

 

16
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Was kann ich Ihnen sagen? – Erwarten Sie keine langweiligen Späße von mir, denn ich betrachte jetzt manche Dinge in der Welt recht ernsthaft; ich ließ es mir wohl ehedem zuschulden kommen, über manche Arten des menschlichen Glücks zu spotten, aber die Zeiten sind jetzt vorüber. – Heiraten Sie das Mädchen und kümmern Sie sich um die ganze übrige Welt nicht; so lautet mein Rat. Es freut mich, daß die Menschen dadurch glücklich werden, die ich damals so innig bemitleidete, als ich sie zum ersten Male sah.

Mein kleiner Georg ist frisch und gesund. Amalie läßt grüßen.

 

17
Ralph Blackstone an Eduard Burton

Dieselben haben mir gestern Ihre gütige Meinung eröffnet, und ich will nun nach der bewilligten Bedenkzeit meine Antwort auf Dero gütigen Antrag sagen. Sie erhalten sie hiemit schriftlich, wie wir ausgemacht hatten. Ich kann über die Ehre und über den gütigen Vorschlag nichts sagen, ich kann nichts dagegen einwenden, mein Herr Baron, als daß wir es nicht verdienen. – Doch das Glück verdient der Mensch nie, und habe ich doch auch mein bisheriges Unglück nicht verdient. – Ich bin, indem ich schreibe, gerührt bis zu Tränen, meine Augen tun mir weh und das Schreiben wird mir ungemein sauer, denn ich habe seit lange keine Feder in die Hand genommen. Mag es denn also geschehn wie der Himmel will; meine Tochter betet Sie an, noch aber weiß sie keine Silbe von dem Plane. Sie wird vor Freude aus den Wolken fallen, sie wird sich in ihrem Glücke nicht zu finden wissen. Doch, das lernt sich bald, leichter als Elend, die menschliche Natur neigt mehr zum Glücke hin, und das ist auch natürlich. Ich bin aber selbst wie im Traume, denn ich flehte freilich wohl oft zu Gott um Lindrung meines Elends, aber doch nicht um so viel Freude und Ehre; dergleichen freche Gedanken sind mir nie in den Sinn gekommen. Ich glaube, daß manche Menschen schon auf dieser Welt zu Engeln werden, und zu solchen Menschen gehören Sie ganz gewiß und ohne Zweifel: solche Menschen muß es geben, damit man an Gott und an seine Barmherzigkeit glaubt. – Nehmen Sie meine Schreiberei nicht übel, mein Herr, in der Jugend wußte ich eine Büchse gut loszuschießen, aber mich nicht in Worten gut auszudrücken, und Sie wissen, wie es geht, im Alter holt man so etwas nur selten nach: aber Sie nehmen wohl den guten Willen für die Tat, und ich wünschte wirklich von Herzen, es stünde hier eine recht feine und zierliche Antwort, die Hand und Fuß hätte, wie man zu sagen pflegt, und Lebensart verriete und in lauter ehrerbietigen Ausdrücken abgefaßt wäre. Es ist mir aber nicht gegeben, und ich nenne mich auf meine einfältige Art

Ihren ergebensten Freund und Diener,
Ralph Blackstone.
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