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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Neuntes Buch

1796

1
Adriano an Francesco

Florenz.

Schon seit ich von Rom entfernt bin, wollte ich Ihnen schreiben, ja ich wollte Sie schon vor meiner Abreise einmal mündlich sprechen, allein eine gewisse Blödigkeit hielt mich immer davon zurück. Ich bin wirklich darin unglücklich, daß ich meinem Verstande den übrigen Menschen gegenüber zu wenig zutraue, ich muß erst in einen gewissen Enthusiasmus gebracht werden, und dann traue ich meinen Überzeugungen vielleicht wieder zu viel: wenn ich also bis jetzt gegen Sie zurückhaltend war, so schieben Sie es allein auf diese Unentschlossenheit, auf kein Mißtrauen, das ich wahrlich gegen Sie am wenigsten kenne.

Andrea hat mir geschrieben, und sein Brief ist ein Beweis seines Unwillens darüber, daß ich Rom verlassen habe; und dennoch, was kann ihm an mir liegen, da er andre Freunde hat, mit denen er öfter und lieber umgeht?

Seit einem Jahre kenne ich Sie und Andrea, und ich hielt im Anfange Andreas Bekanntschaft für das höchste Glück meines Lebens. Er gab meinem Geiste eine gewisse enthusiastische Richtung, die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Meine Seele ward durch ihn für mündig erklärt, und sie erschrak im ersten Augenblicke über das große Vermögen, das ihr jetzt plötzlich zu Gebote stand, und eben dieses Erschrecken war die Ursache, daß ich es viel zu hoch anschlug; ich hatte viel gewonnen, aber doch noch nicht die Kunst, mich selbst zu beobachten und richtig zu schätzen. Andrea nahm mir Vorurteile und Irrtümer; ich hatte vieles bis dahin angenommen, ohne je darüber gedacht zu haben, meine eigene Seele war mir gleichsam fremd geblieben, ich hatte das große Feld des Denkens nicht gekannt, und auch keine Sehnsucht nach dieser Bekanntschaft gefühlt. Andrea lehrte mich die große Kunst, alles auf mich selbst zu beziehn und so die ganze Natur meinem Innern näherzurücken. Wie hab ich diesen Mann damals verehrt! mit welcher Liebe habe ich in der ersten Zeit an ihm gehangen!

Nicht, daß ich ihn nicht noch jetzt achtete, aber meine ehemalige Liebe hat er verloren. Er hat oft über mich gespottet, daß ich mit meinem Verstande immer nur gradeaus will, und alle Gedanken rechts und links am Wege liegenlasse, er hat mir immer eine gewisse Einfalt zugesprochen, und ich weiß, daß mich sein Scherz nie erbittert hat, denn er hatte vollkommen recht: es fehlt meinem Geiste jene Fähigkeit gänzlich, durch das ganze Gebiet verwandter Gedanken zu streifen, eine Überzeugung zu finden, und gegenüber den Zweifel dazu zu suchen, alle Kombinationen zu ahnden und sie dann mit dem Scharfsinne wirklich zu entdecken, mit den Analogien zu spielen, und die entfernteste kühn mit der ersten zu verbinden; mein Blick ist beschränkt, die Natur hat mir wie einem Zugpferde die Augen zu beiden Seiten bedeckt, und ich kann immer nur die gebahnte Straße vor mir sehen. Dränge mein Blick in die ungeheuren Abgründe der Zweifelsucht, die neben meinem Wege liegen, und sähe er seitwärts die unübersteiglichen Gebirge, so würde ich vielleicht scheu werden, und mein wilder Geist über unebene Wege mit mir davonrennen, um sich in die Abgründe zu stürzen.

Ich fand daher die Zweifelsucht, als die erste Veranlassung des Denkens sehr ehrwürdig, aber ich erschrak vor dem Gedanken immer nur zweifeln zu können, keine Wahrheit, keine Überzeugung aus dem großen Chaos der kämpfenden Gedanken zu erringen. Wenn der Geist zweifeln muß und sich auf dieses Bedürfnis die wahre Verehrung des Skeptizismus gründet, so verlangt eben dieser Geist auch endlich einen Ruhepunkt, eine Überzeugung, und ich kann also darauf auch die Notwendigkeit der Überzeugungen gründen.

Sollten wir denn auch die trostvolle Aussicht haben, unser Leben hindurch zu denken, Gedanken gegen Gedanken und Zweifel gegen Zweifel unaufhörlich abzuwägen, indes die Waage ewig in einem ermüdenden Gleichgewichte steht? Sollte unser Geist nur immer die Reihe von Gedanken wie bunte Bilder mustern, ohne sich selbst in einem einzigen zu erkennen?

Als die Zeit vorüber war, in der mich meine Eitelkeit vorzüglich an Andrea knüpfte, glaubte ich doch in ihm selbst eine gewisse Unvollendung zu entdecken, die Sucht, mehr durch seine Gedanken zu glänzen und zu erschrecken, als die Wahrheit und das letzte Bedürfnis der Seele zu suchen. Er verachtet die übrigen Menschen so wie sich selbst, ihm ist daher nichts in seinem Innern ehrwürdig, er spielt mit den Menschen nur so wie mit seinen Gedanken, er ist nichts als ein gefährlicher philosophischer Scharlatan, bei dem ein witziger Einfall und ein scharfsinniger und großer Gedanke einerlei ist, der sich selbst bis auf den Grund zu kennen glaubt, indem er nur seine Fähigkeiten und Anlagen bemerkt hat. Er ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Skizze zu einer kolossalischen Figur, aber die Vollendung, die Verteilung des Lichtes und Schattens fehlt ihm gänzlich.

Ich glaube, daß Sie mich kennen und daß Sie es mir zutrauen, wie gern ich mich unter den größern Fähigkeiten einer höhern Seele beuge; ich werde mich nie darüber wundern, wenn ein Freund eine Gefälligkeit von mir und Nachsicht gegen seine Meinungen verlangt, denn es werden sich Gelegenheiten finden, wo ich von ihm dasselbe fordre; – aber welcher Freund wird den andern tyrannisieren wollen, wie es Andrea unaufhörlich tat? Hielt er uns nicht alle wie ein Heer von Dienern, die auf alles schwören mußten, was er sagte, die bestimmt waren, ihm in den wunderlichsten und seltsamsten Grillen nachzugeben? Ja, ist es Ihnen nie eingefallen, daß er uns nicht vielleicht zu noch schlimmeren Absichten gemißbraucht hat? – O gewiß, nur waren Sie zu gutmütig, den Argwohn in sich deutlich werden zu lassen und meine Zurückhaltung veranlaßte die Ihrige.

Wozu waren jene seltsamen nächtlichen Versammlungen, in denen er uns in eine gewaltsame Spannung zu versetzen suchte? Ich war Tor genug, einigemal dort mit Heftigkeit zu deklamieren, um von einer Schar von Dummköpfen bewundert zu werden, die bei Andrea in der verächtlichsten Knechtschaft stehen. – Aus welchen Ursachen kettete Andrea den jungen Lovell so fest an sich? Wozu jene Gaukeleien und Erscheinungen, von denen Sie doch so wenig wie ich werden hintergangen sein, und die den jungen Engländer fast wahnsinnig machten? Ich stand seitwärts und zum ersten Male schlich ein verachtender Widerwille gegen Andrea in mein Herz. – Wozu Lovells geheimnisvolle Abreise? – Was will er mit diesem jungen Menschen, und warum muß er uns als mittelbare Maschinen brauchen, seine Plane, seien sie auch welche sie wollen, durchzusetzen? –

Alle diese Gedanken fielen mir schon seit lange ein, aber ich traute mir selber nicht. Ich hatte Andrea sonst so sehr verehrt, daß ich es für wahrscheinlicher hielt, daß ich seine Größe nicht begreifen könne, als daß er nicht ganz groß sein sollte: aber seit ich hier in einem ruhigern Leben und unter einfachern und einfältigern Menschen bin, kömmt mir alles von Rom aus so seltsam wie ein Traum vor. Andrea erscheint mir in einem andern Lichte und alles, was sonst in mir nur ferne, leise Ahndung war, ist nun zur Gewißheit geworden. Aus diesem Grunde werde ich nicht nach Rom zurückkehren, um mich nach und nach dem Andrea und seinen Gesellschaftern fremd zu machen; denn mögen Sie es Einfalt nennen oder wie Sie wollen, ich habe jetzt vor ihm und seinen Meinungen eine gewisse Scheu; ich möchte mein Herz und meinen Verstand beruhigen, und er würde alles anwenden, um beides zu zerstören. Ich könnte leicht durch neue Wendungen zu einer vielleicht noch schlimmern Verehrung hingerissen werden, wer weiß, welche Schwächen er noch in mir entdeckte, die er zu seinem Vorteile nützen könnte! – Freilich ist es etwas Törichtes, sich vor sich selber und vor etwas, das man noch nicht kennt, zu fürchten, aber vieles Törichte ist sehr menschlich, das fühl ich und vielleicht eben darum gut, und deswegen will ich nach diesem Gefühle handeln. Ich bin nicht leichtsinnig genug, um ein Rosa, und nicht Enthusiast genug, um ein Lovell zu werden, und beide sind vielleicht schon sehr unglücklich.

Sagen Sie mir über meinen Brief Ihre aufrichtige Meinung.

 

2
Francesco an Adriano

Rom.

Mich freut das Zutrauen, das Sie in Ihrem Briefe zeigen, ich kann Ihnen nichts weiter darauf antworten, als daß ich glaube, Sie haben recht, und daß ich sogar darauf schwören wollte, daß Sie recht haben. – Sie kennen mich sehr gut, wenn Sie meinen, daß ich im stillen ebenso wie Sie über Andrea gedacht habe, aber ich gestand mir selbst nicht, wie ich dachte, es war mir grade so wie einem, der sich selbst gern eine Krankheit ableugnen möchte, um sich nur eine langweilige, mühselige Kur zu ersparen. Nun ich aber die erste Medizin genommen habe, kann ich unmöglich wieder zurücktreten, ohne alles zu verderben.

So wie man sich an alles in der Welt gewöhnt, so hatte ich mich auch daran gewöhnt, unsern Andrea zu bewundern; ich schob dabei immer die Schuld auf mich, wenn mir mancherlei an ihm seltsam und abenteuerlich vorkam. – Man kann wirklich annehmen, daß wir, so wie Andrea und alle Menschen, in einem gewissen Grade wahnsinnig oder toll sind, wir glauben es aber nur von denen, bei denen diese Tollheit eine solche Konsistenz erhalten hat, daß sie zur sichtbaren Einheit wird und daß man sie als ein seltsames Kunstwerk betrachten kann. Aber jedermann hat irgend etwas an sich, das wahrhaftig nicht im mindesten mit seinem ordinären, sogenannten Verstande zusammenhängt. Ich habe Leute gesehen, die Geschmack hatten und die abgeschmacktesten verschimmelten Scharteken mit einem solchen Eifer zusammenkauften, als wenn es ihre Lieblingsschriftsteller gewesen wären; andere, die philosophische Schriften über alles rühmten und von einigen behaupteten, daß man sie nicht oft genug lesen könne, die sie aber nie lasen; Freigeister gibt es, die vor ihrem Schatten zittern, Abergläubische, die so handeln, als wenn kein Gott wäre. Es ist als wenn dieser Kampf von ungleichartigem Wesen in uns das hervorbrächte, was wir einen gewöhnlichen Menschen nennen; wer von dieser Komposition abweicht, auf der einen oder andern Seite ausschweift und alle Tollheit oder allen Verstand in sich erstickt, der ist einer von jenen ungewöhnlichen Menschen, die wir wohl anstaunen, aber nicht begreifen können, einer von jenen schrecklichen Magiern, die wir in Felsenschlüften, oder in Tollhäusern besuchen; wir übrigen stehn am Kreuzwege zwischen einem Heiligen und einem Wahnsinnigen. – So macht ich mir im Andrea jenes Närrische zum Menschlichen, und fand ihn darum nur um so liebenswürdiger, es war das, was seine Glorie verdunkelte, die wahre Narrenkappe, an der man den Menschen von den Tieren und den Engeln unterscheiden kann.

Andrea gab dem kalten, einfachen Menschen sehr viele Blößen. Er geht mit seinen sogenannten Freunden auf eine seltsame Art um, er scheint selbst mutwillig das von sich zu entfernen, was man Zutrauen und Wohlwollen nennt, um es dann doch auf einem andern mühseligern Wege wiederzusuchen; er ließ uns in Zweifel, ob wir seine Geistererscheinungen für Spaß oder Ernst nehmen sollten, aber alles dies schrieb ich auf die Rechnung der schon oft erwähnten Tollheit, die mich nach und nach ansteckte, so daß sie mir am Ende gar nicht mehr seltsam vorkam, sosehr sie mir auch im Anfange aufgefallen war. – Jetzt aber bin ich ganz und gar Ihrer Meinung, ich ahnde Plane und Maschinerien, und dies wird mich bewegen, mich ebenfalls von Andrea zurückzuziehn. – Wenn es nur möglich ist! Ich bin zu bequem, um große Schritte zu tun und die kleinen dienen bei einem solchen Menschen nur dazu, uns ihm wieder näherzubringen. – Wir sollten an Rosa schreiben, vielleicht daß er uns die besten Winke geben könnte, da er immer mit Andrea am vertrautesten gewesen ist.

Lovell ist mir immer als ein Narr vorgekommen, aber seine Narrheit ist eine tragische, und das tut mir um so mehr leid, da ich ihm gut bin.

 

3
Francesco an Adriano

Rom.

Ich bin Ihrem Rate gefolgt und ich finde, daß selbst Unbequemlichkeiten bei weitem nicht so unbequem sind, als man sich im Anfange vorstellt. Andrea hat mein verändertes Betragen bemerkt, aber er scheint keine besondre Teilnahme darüber zu äußern. Es ist wirklich gut, daß Sie mich in Ihrem neulichen Briefe auf alles aufmerksam gemacht haben. Warum sollen wir denn nicht auf unsre eigne Hand vernünftig sein dürfen, und immer nur auf die Bestätigung dieses Andrea warten? Darf er denn nur unserm Kopfe das Privilegium erteilen, zu denken? – Ich könnte es niemals übers Herz bringen, irgendeinen Menschen auf eine ähnliche Art zu beherrschen; ich würde mich vor mir selber schämen.

Hat denn nicht jede Schule und jede Sekte etwas sehr Verächtliches? Muß jeder Stifter und jedes Oberhaupt einem Bärenführer gleichen, der seine Untergebenen zu gewissen Künsten abrichtet, die sie nach seinem Belieben wiederholen? Warum soll ich nun nicht so denken dürfen, wie mir der Kopf gewachsen ist? –

Ich habe an Rosa geschrieben und ich bin auf die Antwort begierig.

 

4
Rosa an Francesco

Tivoli.

Sie haben mir durch Ihren Brief sehr weh getan, lieber Francesco. Soll ich Ihnen sagen, daß Sie recht haben, soll ich den Versuch machen, Ihnen das Gegenteil zu beweisen? Beides wag ich nicht. Schon seit lange bin ich von allen Seiten mit Irrtümern und Zweifeln umgeben; ich kann keinen Schritt vor und keinen zurück tun, ohne zu straucheln. Wie glücklich sind Sie und Adriano, da Sie sich so ungebunden fühlen, da Sie überzeugt zu sein glauben!

Sie können sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen. In einer Ungewißheit, daß ich darüber würfeln möchte, wie ich von Andrea denken soll, bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen, bald von einem niedrigen Argwohn angelockt – mir bewußt, wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel ich ihm zu danken habe – o Francesco, es wäre um wahnsinnig zu werden, wenn man diesen Gedanken nachhängen wollte. Was habe ich je gedacht, was nicht ursprünglich aus Andreas Kopfe gekommen wäre? Ich fühle und bekenne meine Schwäche. Sollte ich ihn aufgeben, so würde ich mit ihm alles dahingeben, was mich zusammenhält, ich habe so vieles getan, um ihm nahezukommen, und alles sollte nun vergeblich sein!

Und dann ist es unmöglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber glauben Sie mir, es ist unmöglich. Wenn der Mensch wüßte, zu welchen Folgen ihn ein ganz gleichgültig scheinender Schritt führen könnte, er würde es nicht wagen, den Fuß aus der Stelle zu setzen.

Am wenigsten kann ich mir jene Lügen vergeben, die ich mir selber vorsagte; in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das Gewöhnliche auf eine seltsame Weise. Diese Übertreibung drückt mein Herz schwer nieder, ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann, daß Andrea nicht in einem hohen Grade Verehrung verdiene; wenn wir ihn auch nicht begreifen können, so berechtigt uns das noch gar nicht, ihn gänzlich zu verwerfen.

Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiß, ob ich den Brief abschicken sollte. Mögen Sie ihn indes nehmen, wie Sie wollen, bei einem billigdenkenden Manne wird er mich entschuldigen.

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