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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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31
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Wie hat mich die Einlage Ihres Briefes von neuem gerührt! Es ist keine Emilie mehr hier, an die ich sie, wie wohl sonst geschah, hätte abgeben können. Und noch immer keine Nachrichten von meiner Schwester? – Wilmont ist umhergestrichen und wiedergekommen; er hat nichts von ihr erfahren können. Er will jetzt von neuem umherreisen; ich fürchte für seine Gesundheit. – Sie haben eine Unglückliche getroffen, die Sie anfangs für meine Schwester gehalten haben, und auch Wilmont hat mir von mehrern erzählt, die ihn oft auf die Vermutung brachten, daß es wohl die arme Emilie sein könnte. Sehn Sie, Mortimer, wie viele Menschen noch außer uns leiden. – Wenn ich doch nur in diesem Gedanken einigen Trost finden könnte!

Das Gefühl der Einsamkeit quält mich fast zu Tode, alle Zimmer sind mir zu eng, die Luft im Garten ist mir nicht frei genug. Unaufhörlich träume ich von Emilien; es gibt nichts Schrecklichers, als geliebte Menschen unglücklich zu wissen, der Zweifel nur ist vielleicht noch schrecklicher, ob sie gut sind. Mich vernichtet dies doppelte Gefühl.

Ich wünsche es oft innig, krank zu werden, und so zu sterben, denn es ist ja doch niemand, der über mich weinen würde. – Ich suche den Armen wohlzutun, aber was ist das dagegen, wenn ich Emilien wohltun, wenn ich den unglücklichen Lovell wieder zu meinem Freunde machen könnte? – Jedes Almosen, das ich gebe, jede Linderung, die ich verschaffe, ist nur ein kleiner Abtrag von meiner großen Schuld.

Ich war vor einiger Zeit schwach genug, daß ich Emilien und Lovelln an dunkeln Stellen meines Gartens Denkmäler errichten wollte; ich vergaß über diese kindische Spielerei meinen Schmerz während eines halben Tages, aber da ich wieder einige ihrer Kleidungsstücke sah, da ich meinen Schreibtisch öffnete, und mir etwas Geschriebenes von ihr in die Hände fiel, o da kam der Jammer von neuem über meine Seele, und ich empfand es, daß mein armes, zerrissenes Herz keiner Denkmäler brauche, um zu trauern. Es ist betrübt, daß wir alles gern putzen und verschönern mögen und oft über den Putz und die Zufälligkeiten die Sache selbst vergessen. – Dein bloßer Name, Emilie, ruft alles in meine Seele zurück; alle Erinnerungen ehemaliger Freude, jede Liebkosung von Dir, jeden Scherz, die Spiele der Kinderjahre – ach Mortimer, ich möchte manchmal verzweifeln, wenn es mir so ganz frisch wieder einfällt, daß alles nun wirklich vorüber ist, daß es nicht ängstliche Einbildung von mir, sondern daß es wirklich ist. – O ich glaube, daß ich nicht genug leiden, daß ich nicht laut genug klagen kann.

Könnt ich doch die Vergangenheit zurückrufen! O ihre zärtlichste Liebe sollte mir nun gewiß nicht entgehen, sie sollte jetzt gewiß nicht vor mir fliehen! – Aus übelverstandener Männlichkeit, mit einem schlecht angebrachten Ernste war ich von je zu kalt gegen sie: ich fühlte oft die schönste brüderliche Liebe, die wärmste Zuneigung gegen sie, daß ich hätte an ihre Brust sinken mögen und sie umarmen und küssen, als wäre sie eben von einer schweren Krankheit genesen, oder als wäre sie von einer langen Reise zurückgekommen. Aber dann überraschte mich wieder die kleinliche Furcht, für affektiert oder sonderbar zu gelten, und ich blieb in dem gewöhnlichen Tone des Umgangs; ich war oft gegen ihre herzlichen Äußerungen zurückstoßend, und das hat sie mir am Ende fremd gemacht; sie hat mir ihre Gefühle nicht zugetraut und aus Verdruß und Schmerz hat sie ein näher verwandtes Herz suchen wollen. – Auch gegen Lovell war ich immer zu kalt, ich fühlte seine Übertreibung in der Freundschaft, und um nicht in denselben Fehler zu fallen, war ich frostig. – O die Menschen wissen es gar nicht, sie können es nicht wissen, wie sehr ich sie liebe – und darum möcht ich sie wieder hier haben, um ihnen alles zu sagen und mich zu erkennen zu geben, um wie ein Verirrter die Heimat wiederzufinden. – Aber, ach! der Rückweg ist mir verschlossen; ich bin in meinen gegenwärtigen Gefühlen eingekerkert und sie werden meine Heimat bleiben.

 

32
William Lovell an Rosa

Southampton.

Sie erhalten jetzt aus England meinen letzten Brief, denn in einigen Tagen will ich abreisen. Ich habe meinen Mut wieder, den ich neulich ganz verloren hatte; ich bin wandelbarer wie Proteus oder ein Chamäleon, das gebe ich Ihnen gern zu. – Die Nichtswürdigkeit des ganzen Menschengeschlechts hat mich von neuem getröstet, ich gebe mich über mich selbst zufrieden, weil ich so sein muß und nicht anders sein kann.

Die Betrübnis ist so gut eine Trunkenheit, wie die Freude, beide verfliegen, und um so früher, je heftiger sie sind: im Augenblicke des Affekts aber will man nur schwer daran glauben, und dies ist auch sehr gut, denn sonst würden wir nur immer ein träges phlegmatisches Dasein schleppen, das nicht aus der Stelle will; alle Leidenschaften werden wie muntre Pferde angespannt, um die schwerfällige Masse über Hügel und Berge, durch Täler und Ströme, immerzu und unaufhaltsam fortzureißen: wohin? – daran denkt man nur, wenn man wieder Schritt vor Schritt weiterschleicht.

Ich sehne mich jetzt oft nach der Einsamkeit, denn ich bin mit den Menschen zu bekannt, als daß sie noch Interesse für mich haben könnten. Sie täuschen mich nicht mehr, und alles Vergnügen an diesem Schauspiele ist dahin, es erscheint mir fade und abgeschmackt. Die Menschen sind weit besser dran, die sich und ihre sogenannten Brüder noch gar nicht kennen, denn ihnen sieht das Leben bunt und angenehm aus, sie trauen jedem und werden von jedem betrogen; eine Überraschung folgt dicht auf die andere, und sie bleiben in einer beständigen Verwickelung, in einem unaufhörlichen Erstaunen. – Aber jetzt lächle ich und drücke die Hand, ich mache Gebärden, wie man es verlangt, und sammle andre von andern ein und doch bin ich dabei nicht beschäftigt. Ich schwöre, wie die übrigen, auf tausend Sachen, und weiß nicht, wovon die Rede ist, ich bejahe und verneine und bin dieser und dann wieder jener, eine Kugel, die sich nach allen Seiten wenden kann – aber wie langweilig, wie zuwider ist mir nun auch jedes Gesicht! Keiner erreget meine Aufmerksamkeit, weil ich ihn bis auf seinen kleinsten Gedanken auswendig weiß.

Ich sprach in einem meiner Briefe über die Weiber – aber o Himmel! – was sind denn die Männer? – Wenn ich die Menschen achten müßte, so würde ich mir doch nur die Weiber auswählen, denn dies unbeholfene, linkische, aufgeblasene und kriechende Tier, das wir Mann nennen – o ich kenne nichts Verächtlichers, als diese widersprechende Mischung von Verstand und Narrheit, Festigkeit und veränderlichem Wesen. – In der Jugend hängen die Männer von den Blicken, von dem Lächeln der Weiber ab: sie suchen zu gefallen und formen sich nach hingeworfenen Winken, sie halten sich für die Herren der Welt und lassen sich einer Nichtswürdigkeit wegen tyrannisieren. Ihre kühnsten Wünsche, ihre frechsten Plane sind nur Lakaien und nachtretendes Gefolge der sinnlichen Begierde. – Der stupide Bauer schätzt sich glücklich, wenn der vorbeifahrende Minister seinem Gruße dankt, er glaubt einfältig, es sei ihm nur allein geschehn, und er unterläßt nicht, es der ganzen Dorfschaft zu erzählen: und der Minister sieht dreimal öfter in den Spiegel, wenn ihn ein Mädchen angelächelt hat, das ihn bis dahin kalt betrachtete. – Nach jedem Betruge glaubt der Mann, das sei nun auch das letzte Weib, das ihn hintergangen habe: er hält am folgenden Tage eine andere für vollständig tugendhaft, er schwört darauf, alle übrigen wären nichts wert gewesen, aber diese nur, diese sei ordentlich für ihn geboren, dann ist er auf jeden Blick eifersüchtig, dann fängt er jedes ausgesprochene Wort auf, damit es ja kein anders Ohr, als das seinige, beglücke. – Ein ewiger, rastloser Kampf, beständige Disharmonie, alle Kräfte und Anlagen widersprechen sich, er will herrschen, und ist Sklave, er will lieben und haßt, Blicke lenken ihn gegen seinen Willen, er verachtet die Eitelkeit und ist selbst eitel – er – o er verdient wahrlich am Ende nicht, daß man sich die Mühe gibt, über ihn zu sprechen! –

Wenn nun das Blut langsamer durch die Adern fließt, dann treten die Leidenschaften nach und nach in den Hintergrund zurück. Das Hirngespinst des Stolzes besetzt den Thron allein. Vorher konnte der Mann nur von Weibern regiert werden, jetzt aber von jedermann. Kinder haben ihn in den Händen und werfen sich ihn abwechselnd, wie ein Spielzeug, zu. Wer ihm schmeichelt, ist sein Freund, und selbst wenn er das Grobe, das Unzusammenhängende in der Schmeichelei bemerkt, so beleidigt sie ihn doch nicht, er läßt sich freiwillig fangen, er glaubt selbst an alle Vortrefflichkeiten, die ihm der unverschämteste Poet in einem Geburtstagsgedichte beilegt. Er ist eine Blume, die von allen Insekten ausgesogen wird, er denkt über sich selbst nie mehr nach, sondern hat sich völlig unter fremden Urteilen gebeugt, er kennt sich selbst nur vom Hörensagen, und meint, andre Leute hätten für unsre Vorzüge und Fehler ein schärferes Auge, als wir selbst. Der größte Dummkopf kann dann diese Maschine zu seinem Vorteile regieren, und der klügere Mensch wird die ganze Welt nur für eine große Fabrik ansehn, in der diese Maschinen hingestellt sind, und die er zu seinem Vorteile in den Gang bringen muß.

Ich will fort, und zu Ihnen zurückkehren, ich brenne vor Begierde, von Andrea mehr zu erfahren und zu lernen; je mehr ich diese Welt hasse und verachte, je mehr fühle ich mich zu jener überirdischen hingezogen, die mir Andrea aufschließen will. Diese Bekanntschaft ist die letzte frohe Aussicht, die ich habe.

 

33
Emilie Burton an Mortimer

C.... bei Nottingham.

Sie werden erstaunen, indem Sie diesen Brief eröffnen; Sie werden vielleicht unwillig, wenn Sie die Unterschrift sehen, aber der Freundschaft wegen, die Sie für meinen Bruder haben, würdigen Sie mich, meine Worte anzuhören. – Mein unglücklicher Irrtum wird Ihnen schon bekannt sein, verschonen Sie mich mit der Erzählung, wie ich elend ward. O teurer Freund, (wenn ich Sie so nennen darf) wüßten Sie, wieviel ich gelitten habe, Sie würden mir gern vergeben.

Ich scheue mich an meinen Bruder zu schreiben, ich schäme und fürchte mich ihn zu sehn; ich habe ihn zu sehr beleidigt. Seine Liebe würde mir weh tun. Ich verließ ihn in einer Trunkenheit, in einer Raserei, ich wußte nicht, was ich tat. Ich folgte einem Unwürdigen, dem ich mein ganzes Herz gegeben hatte. – Ich bildete mir mancherlei ein; ach, schon auf dem Wege, schon eine Stunde nachher, als ich das Haus verlassen hatte, erwacht ich; der glänzende Irrtum, die Täuschung, die Eigenliebe, alles verschwand; ich sah ein, daß Lovell mich nicht liebte, ach! und ich entdeckte in meinem eigenen Herzen, daß es ihn nie geliebt hatte. Ich sah meine Verächtlichkeit ein, die erzwungene Spannung einer hochfliegenden Phantasie, die Sucht etwas Eigenes und Besonderes zu empfinden – oh, wie ich mich seit der Zeit verachtet und gehaßt habe! – Aber ich habe hinlänglich dafür gelitten. – O teureste, teureste Amalie, vergib mir, daß ich mich immer über Dich erhaben fühlte, daß ich Dein Betragen und Deine Gefühle unaufhörlich meisterte. – O Gott! wie groß, wie heilig erscheinst Du mir jetzt in Deinem einfältigen Wandel!

Ich kann die Feder kaum halten – ich fühle mich sehr schwach. – Er hat mich verlassen, unter fremden Menschen lieg ich hier ohne Hülfe, krank auf dem Totenbette, das fühl ich; der Gram, die Verzweiflung, sie haben die Kraft meines Lebens hinweggenommen. Oh, er hätte mich doch nicht so verlassen sollen, das hatt ich doch nicht um ihn verdient!

Warum verließ ich jenes ruhige, schöne Glück, das bei mir wohnte? Liebe und Wohlwollen, die mich von allen Seiten umgaben? – Ach! mein Bruder! wenn er mir nur vergeben hat! wenn er nur keine Träne um seine unwürdige Schwester vergießt! – Doch wünscht ich ihn zu sehn, ihn um Vergebung zu bitten: ach, ich würde seinen Anblick nicht aushalten können.

Erbarmen Sie sich meiner und besuchen Sie mich; helfen Sie mir; vergelten Sie den armen Leuten hier, was sie an mir getan haben. –

O Amalie! liebste Freundin! – wenn ich Ihr Angesicht noch einmal sehen könnte! –

Ich kann nicht weiter. –

 

34
Mortimer an Eduard Burton

Nottingham.

O Freund, sein Sie ein Mann, bezähmen Sie Ihren Gram. – Ihre Schwester ist nicht mehr. Ich fand sie bloß, um sie sterben zu sehn.

Meine Augen sind noch immer von Tränen naß, ob ich gleich fast nie geweint habe; aber diese Szenen haben mich durch und durch erschüttert und alle Standhaftigkeit in mir umgeworfen. Sie nannte Ihren Namen oft, sie wünschte Sie herbei, sie läßt Sie durch mich um Verzeihung bitten. – Wilmont war gerade bei mir, als der Brief ankam, er ritt mit mir hieher. – Als sie ihn sah, wandte sie mit der größten Betrübnis ihr Gesicht abwärts. Karl sah fürchterlich aus. Er starrte mit seinen Augen immer gerade vorwärts – sie schluchzte – ein großer Krampf drückte an ihrem matten Herzen.

Trösten Sie sich; und doch kann ich Ihnen nichts zu Ihrem Troste sagen: ich bedarf selbst eines tröstenden Freundes.

O Lovell! wie viele Seufzer und Tränen brennen auf Deiner Seele!

Leben Sie wohl, ich kann nichts weiter hinzufügen. –

 

35
Karl Wilmont an Eduard Burton

Nottingham.

So ist es denn aus, völlig aus! – Alle Hoffnungen sind tot! – Ach Emilie! Emilie! – O könnt ich Dir folgen! – Aber bald; erst muß ich aber den Niederträchtigen aufsuchen und strafen. Er kann nicht mehr in England sein, ich will fort und ihn finden. – Dann, Emilie, sehn wir uns wieder. – Sie nannte seinen Namen, noch ehe sie starb; es war ein Feldgeschrei zur Rache! –

Leben Sie wohl, Freund! Trösten Sie sich, ich will nicht getröstet sein. – Mortimer nannte meinen neulichen Brief unmenschlich und er hat recht, ich bin kein Mensch mehr, ich mag es nicht sein; ein Dämon der Rache bin ich, der jetzt durch die Welt zieht, die Strafe, die den Verbrecher aufsucht. –

 

36
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Ich kann mich kaum überwinden, Ihnen einige Worte zu schreiben. Meine Hände zittern, Tränengüsse haben meine Augen verdunkelt. – O Gott! ich habe sie nicht noch einmal gesehn! – Sie hat sich in der Stunde des Todes nicht an mich gewandt. – Siehst du, Eduard, so wirst du geliebt! – Ach, was kann ich sagen? – Ich kann nur schluchzen und jammern! – Mußte es so mit Emilien endigen? – Und durch Lovell, durch Lovell mußte mir dieser Jammer zubereitet werden? – O Emilie! hättest Du mir vertraut, früher vertraut, so hätte ja noch alles können gut werden! – Aber nun – wüst und tot ist alles; keine Aussicht, keine Hoffnung!

Der Kirchhof sieht mir so schön und freundlich aus; ich wünschte dort zu ruhen. –

Ach Willy! Du tatest recht, daß Du starbest. – Was gibt es hier für Freuden? –

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