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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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11
Emilie Burton an William Lovell

Ich halte es für meine Pflicht, Sie zu beruhigen; – doch nein, das Wort ist zu kalt und ängstlich. – Ich bin es meinem klopfenden Herzen schuldig: ich kann nicht anders, wenn ich auch wollte. Aber ich will nun so und nicht anders. – Können Sie einen größern Beweis fordern, als daß ich Ihnen schreibe, daß ich Ihr Geheimnis verschweige, daß ich gern und geheim mit Ihnen spreche? – Ach, könnten Sie alle die Tränen sehn, die ich Ihrentwillen vergieße, Sie würden nicht länger zweifeln.

Und darf ich denn mehr tun? – Hab ich nicht schon zu viel getan? – O unglücklicher Lovell, Sie haben Ihre Emilie vielleicht mit unglücklich gemacht; Sie haben vielleicht den schwarzen Samen in diesem friedlichen Hause ausgestreut – und dann – was soll ich dann tun? Was soll ich dann sagen? –

O beruhigen Sie sich und lesen Sie nicht alle Worte zu ernsthaft und aufmerksam. – Mir ist, als wenn mein Herz in mir springen wollte, ich kann kaum mehr Atem schöpfen. –

 

12
William Lovell an Emilie Burton

Und ich soll nicht seufzen und klagen? Nicht trauern und verzweifeln? – Mehr hat Emilie getan als sie durfte? – O dann wird es sie auch gereuen, dann – o dreimal unglücklicher Lovell – dann ist auch kein Herz auf der weiten Erde, das für dich schlüge! – Ach nein, denn das einzige, das übrig war, bereut es, daß es gewagt hat, dich zu bemitleiden! –

 

13
Emilie Burton an William Lovell

Ich fürchtete Ihre Klagen und Ihren betränten Blick, das war's, warum ich Sie heute gern vermeiden wollte. Gott! Und nun Ihr Gespräch im Garten! – O ich fühle noch das Erstarren in allen meinen Adern. – O Lovell, Sie haben mich heut viel dulden lassen, ich sagte es, Sie machen mich zur Gefährtin Ihres Unglücks.

 

14
William Lovell an Emilie Burton

O würden Sie die Gefährtin meines Unglücks! Wie schnell würde der arme Lovell der frohste und glücklichste unter den Menschen werden! – Aber nein, Sie haben sich ganz deutlich von mir zurückgezogen; – o warum hofft ich denn auch noch auf Freuden? – Bin ich nicht langsam zum höchsten Elende gereift, und nun sollte sich plötzlich alles umwandeln? – – Nein, ich will fort, fort ohne Trost und Abschied, über niemand soll mein Elend kommen; besser daß ich vergehe! –

O daß ich nie hiehergekommen wäre! – Daß ich nie die letzte Blume gefunden hätte, die ein höhnischer Fuß zertritt! – Leben Sie wohl! – Wohin soll ich mich wenden? – Wohin? – Der Tod wohnt in allen Weltgegenden, für ein Grab ist die Erde noch allenthalben gut genug!

 

15
William Lovell an Rosa

Bondly.

O Rosa! was, was sind die Menschen? – Eduard besitzt ganz ruhig meine Güter, ohne daß ihm sein zartes Gewissen einen Vorwurf darüber macht. Hat er sie doch in einem rechtmäßigen Prozesse gewonnen. – Um diese Menschen sollte man sich härmen? – Man sollte fürchten ihnen Unrecht zu tun? –

Doch ich wollte Ihnen meine Lage schildern, ich wollte Ihnen von Emilien erzählen.

Ich stellte mich als ein verarmter Kranker, der Gärtner sprach von mir mit Burton, und dieser ließ mich in das Schloß bringen, mir ein Zimmer anweisen, und mich mit Essen und Trinken versorgen. Emilie kannte ich schon etwas aus vorigen Zeiten, und ich beschloß mit ihr einen Versuch zu machen. Ich konnte darauf rechnen, daß sie vorzüglich neugierig war, wer ich sein möchte, ich suchte daher ihre Aufmerksamkeit noch mehr auf mein stilles, melancholisches Wesen zu richten. Es gelang mir. Ihr Bruder war an einem Tage abwesend, und ich sehe sie allein nach dem Garten gehen und sich in ihre Lieblingslaube setzen. Sie hat sich wirklich sehr verschönert, seitdem ich sie nicht gesehen habe; ihr Wuchs ist sehr graziös, und ihr Auge klug und sanft.

Sie hat einen gewissen Verstand, den sie besonders an sich schätzt; sie hat viele Bücher gelesen, und manches darüber gedacht, daher ist sie im Leben ihrer Sache immer sehr gewiß, sie meinet, daß es keine kritische Fälle gebe, in denen man zweifeln könne, wie man sich zu betragen habe. Ich brauche Ihnen, Rosa, wohl nicht zu sagen, daß diese Geschöpfe grade am leichtesten zu gewinnen sind, daß sie selber jedem Plane entgegenlaufen, und eben durch ihre Weisheit einfältiger sind als die Dümmeren.

Ich ging trübsinnig in dem Gange auf und ab, der an ihre Laube stieß, und sie bemerkte mich sehr bald. Sie konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken, sondern stand auf und trat mir näher. Unser Gespräch nahm eine sehr schwermütige Wendung, und ich sagte vieles über die Welt und über die Menschen, was ich wirklich so meinte: meine Rolle ward mir also dadurch um vieles leichter. Ich bemerkte, daß sie weinen mußte, und als sie auf die stärkste Art gerührt war, entdeckte ich ihr, wer ich sei.

Ich konnte auf ihrem Gesichte bemerken, daß die wunderbarsten Empfindungen schnell in ihrem Innern wechselten. Sie war auf eine solche Überraschung, auf den Schmerz, der darin lag, nicht vorbereitet; um sie völlig zu verwirren, suchte ich sie daher noch einmal, und am kräftigsten zu überraschen.

Ich warf mich plötzlich zu ihren Füßen nieder, und gestand ihr, daß zu dieser Verkleidung, zu meinem Aufenthalt im Schlosse, mich allein eine heftige Liebe zu ihr vermocht habe; dies solle mein letzter Versuch sein, ob es irgendein menschliches Herz gebe, das sich meiner noch annehme, um mich mit dem Leben und dem Schicksale wieder auszusöhnen. Sie war schön, und wie in einem Schauspiele spielte ich meine Rolle, auf eine wunderbare Weise begeistert, fort; es gelang mir alles, was ich sagte, ich sprach mit Feuer und doch ohne Affektation. – Sie stand unbeweglich vor mir, und wußte immer noch nicht, wie sie alles in ihrem Kopfe reimen sollte.

Haben Sie mich nicht gehört, schönste Emilie? rief ich aus.

Sie fuhr auf, und gab eine unverständliche Antwort; ich erhob mich, und setzte meine Klagen fort. Sie erweichte sich sehr für mich und mein Unglück traf ihr Herz. Ich klagte über Amalien und ihren Bruder, über die ganze Welt, die mich von sich gestoßen habe; ich nahm meine Zuflucht zu ihrem weichen und zärtlichen Herzen, und schwur, daß sie mich nicht verwerfen könne, sondern daß sie mitleidiger sein würde als die übrige Welt.

Nie, Rosa, habe ich so gut gesprochen, und nie so tief empfunden. Es war als wenn sich mein ganzes Herz in mir eröffnete, und ich mußte über mich selbst erstaunen. Ach was ist Wahrheit und Überzeugung im Menschen! Ich war jetzt von allem überzeugt, was ich da sagte, ich war schwermütig und in sie verliebt, ich hätte mich wirklich in diesem Augenblicke ermorden können. Oh! man rede mir doch künftig nicht von Menschen, die sich verstellen. Was ist die Aufrichtigkeit in uns?

Emiliens Rührung ward immer heftiger, und sie legte am Ende ihre Hand in die meinige; sie hatte meinen Worten geglaubt, und ihr Herz neigte sich mir unwiderstehlich entgegen. Sie sagte mir: daß sie mich trösten wolle, wenn sie mich trösten könne, daß sie mich gern für mein Unglück entschädigen wolle, wenn es in ihrer Gewalt stehe. Die ganze Szene schloß sich in der Manier, wie sie angefangen hatte.

Jetzt suchte ich sie nun immer mit den Augen: wenn es möglich war, sprach ich sie allein im Garten, da wir aber oft gehindert wurden, suchte ich ihr ein kleines Billet zuzustecken. – Es ward beantwortet, wie ich gar nicht gehofft hatte; nun hatte ich die deutlichsten Proben ihrer Liebe. Das Briefschreiben ging fort, und meine Schwermut machte, daß ich ihr nie weniger interessant erschien.

Gestern war sie ganz allein im Garten, ihr Bruder war ausgeritten, um jemand in der Nachbarschaft zu besuchen. Es war gegen Abend, und ich suchte sie auf. Wir gingen auf und ab, und unser Gespräch ward immer hitziger und verwickelter; wir kamen zur Laube zurück, der Mond schien, und wir setzten uns auf die Rasenbank nieder.

Sie war sehr weich gestimmt, und ich bemerkte die Tränen deutlich, die heimlich aus ihren Augen tröpfelten; rasch umarmte ich sie, und küßte ihre Tränen weg, dann fielen meine Lippen auf ihren zarten Mund. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte, sie war völlig in meiner Gewalt, davon war ich innig überzeugt. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und fing laut an zu weinen, dann umarmte sie mich freiwillig, und drückte einen herzlichen Kuß auf meine Lippen. – Ich liebte sie heftig in dieser Minute, ich drückte sie an meine Brust, und unsere Seufzer begegneten sich. Ungewiß war alles umher und in mir, ich wußte nicht, ob ich Amalien, oder sie, oder Rosalinen in den Armen hielt; der ganze Sturm meiner Sinnlichkeit wachte in mir auf, und entzündete sie zugleich.

Als sie wieder ihrer Sinne mächtig wurde, wußte sie nicht, ob sie mir Vorwürfe machen, oder ob sie weinen sollte. Ich tröstete sie durch Küsse, wir gingen stumm Hand in Hand aus dem Garten, am Eingange küßte ich sie noch einmal, dann ging sie fort.

Ich ging im Mondlicht durch die dichtbelaubten Gänge; jetzt fiel mir ein, daß sie mit dem jungen Wilmont so gut wie verlobt sei. Ich wußte nicht, sollte ich lachen, oder heiße, brennende Tränen vergießen: mein Mund zog sich zum höhnischen Lächeln, und große Tränen fielen aus meinen Augen.

Ist das der Mensch, und der edlere Mensch? – Was mag sie jetzt denken, wenn sie überlegt, wohin sie von ihrer regen Empfindsamkeit geführt ist?

Ich könnte meine Eitelkeit sehr nähren und mir einbilden, sie liebe mich ganz unbeschreiblich, und nur diese grenzenlose Liebe habe den Fall ihrer Tugend verursacht. Aber die Schwäche des Menschen allein hat sie dorthin getrieben. Und wenn sie mich auch liebte, wie könnt ich eitel darauf werden? – Denn was ist Liebe? – Ein vorübergehendes dunkles Gefühl, und ein Wort. – Sie liebt vielleicht auf einige Tage den Begriff des Unglücklichen in mir, und haßt mich, wenn sie mich näher kennenlernt. –

Burton bringt mich auf, sooft ich ihn nur sehe; schon mehr als einmal war ich im Begriffe, mich ihm zu entdecken, um meiner Hitze nur freien Lauf zu lassen, aber bald, bald muß ich ihn für das strafen, was er gegen mich verbrochen hat.

Leben Sie wohl! Da ich diesen Brief jetzt nicht gut fortschicken kann, so will ich ihn so lange liegen lassen, bis Sie ihn zugleich mit einem zweiten erhalten.

 

16
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Wie soll ich diesen Brief anfangen, mein Freund, wie soll ich ihn endigen? Noch nie bin ich auf diese Art erschüttert gewesen, noch nie so sehr aller meiner Besinnung beraubt. Ich sitze hier einsam auf meinem Zimmer und weine, und bin noch immer erstarrt. – Daß ich das erleben mußte! – Haben Sie Geduld mit mir, ich kann mich noch immer nicht trösten.

Seit einigen Tagen hatte ich einen armen Kranken in meinem Hause aufgenommen, der mich durch einen meiner Leute um eine Freistätte auf einige Tage bitten ließ. Man beschrieb ihn mir als so schwermütig und unglücklich, daß ich mich lebhaft für ihn interessierte.

Ich ließ mir heute am Morgen, wie gewöhnlich, ein Glas Wein vom Bedienten bringen, er stellte es hin, und ich wollte eben zu frühstücken anfangen, als der alte Willy plötzlich bleich und mit weinenden Augen hereinstürzte und mich beschwur, den Wein nicht anzurühren; ich wußte nicht, was ich sagen sollte; und Willy stand immer noch wie in einer Begeisterung vor mir.

Ich fragte ihn endlich: was ihm fehle; ich glaubte, er sei wahnsinnig geworden: er wollte nicht bestimmter antworten, er zitterte am ganzen Körper, er stammelte und vermochte nicht ein Wort deutlich hervorzubringen. – In den Wein ist etwas hineingeschüttet! rief er endlich laut. – Ich weiß selbst nicht, wie mich die Verwirrung darauf brachte, daß ich ihn fragte: ob er es getan habe? Aber sein Zittern, seine Angst, seine bleiche Gestalt schienen mir ein solches Geständnis vorzubereiten. – Da weinte der alte Mann, und schluchzte laut, sein Gemüt ward durch diesen Argwohn noch verwirrter; ehe ich es bemerkte, faßte er zitternd das Glas, und trank es aus.

Seine Kräfte verließen ihn, er sank in einen Stuhl; ich rief um Hülfe, und es währte nicht lange, so offenbarten sich die Wirkungen des Giftes. Er war fast ohne Besinnung, und wollte doch noch immer nicht sprechen; sein Bruder warf sich auf ihn, und bedeckte ihn mit Tränen und Küssen, alle weinten und drangen in ihn, daß er reden sollte. Ich konnte bei diesem Anblicke meine Tränen nicht zurückhalten, ich konnte nicht begreifen, wie sich das Rätsel auflösen würde. Wie von einer hohen Angst gedrückt, rief er nun plötzlich den Namen Lovell aus. Ach! und der Ton schnitt durch mein Herz, er sagte seinem Bruder ein paar Worte heimlich – alle erstarrten – jener fremde verstellte Kranke – niemand anders als Lovell war es – er hatte den Wein vergiftet.

Was ich in dieser Minute empfand, kann ich nicht beschreiben. Wie dürftig ich mich plötzlich fühlte, daß ich ein Mensch war! Ach, Mortimer, es gibt Stunden im Leben, deren Hefen selbst das höchste Glück nicht aus dem Herzen wieder wegspülen kann, das fühle ich jetzt innig. Mein ganzes künftiges Leben ist durch diesen Augenblick krank geworden; ein Pfeil ist in meine Brust gedrungen, den ich nicht wieder werde herausziehen können, ohne zu verbluten.

Es war schrecklich, wie dem alten Willy jetzt seine zu rasche Tat gereute, wie er dann weinte und schluchzte, weil er den Namen seines Herrn genannt hatte, und wie er wieder nicht leben wollte, wie er sich freuete, daß er sterben müßte, weil sein Lovell die Bahn der Tugend so ganz verlassen habe. Dann phantasierte er wieder und war mit seinen Gedanken weit weg, und kam nur wieder zu sich, um über Lovell von neuem zu weinen.

Wie wenn ich aus einem Traume erwacht wäre, so stand ich unter ihnen, ich konnte jetzt nicht an die Menschheit, nicht an die Freundschaft glauben. – Ach! und mein Kopf schwindelt noch jetzt.

Endlich verlangte der sterbende Willy seinen Herrn noch einmal zu sprechen. Man holte ihn. Alles im Zimmer ging mit mir herum. Ich sah wie Willy niedersank, sich auf seine Hand beugte und sie küßte – er war es – ich erkannte ihn und taumelte aus dem Zimmer.

Wie schwer mein Herz in mir pochte! – Mir ward leichter, als die Tränen endlich ausbrachen. – Aber ganz leicht wird mir nie wieder werden.

Willy ist gestorben. –

Ich habe die Vorhänge heruntergelassen, denn das Licht beleidigt meine Augen. – Mein Kopf schmerzt heftig. – Ich fühle ein inniges Mitleiden mit mir selber – und doch möchte ich mich hassen und verabscheuen.

Ist es denn möglich: daß dies aus dem Menschen werden kann? – O Freund! ich möchte sterben. In einzelnen Sekunden fühle ich eine selige Ruhe durch mein Herz gehen, und dies habe ich schon einigemal für den Anfang des Todesschlafes gehalten. – –

Aber ich muß mich ermannen. – Ich muß den ganzen Vorfall meiner schwachen reizbaren Schwester zu verbergen suchen; ich muß für Lovells Sicherheit bedacht sein! – Wo werde ich den Mut hernehmen, nur die Augen aufzuschlagen? – Aber es muß sein. –

Leben Sie recht wohl, lieber Freund. – Was ist so plötzlich aus mir und meinem Hause geworden!

Ach! die arme Amalia! – Es ist wohl am besten, Sie verschweigen ihr alles; wie soll ihr Herz das ertragen, da schon das meinige bricht? –

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