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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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12
Mortimer an Karl Wilmont

London 4. Jun.

Wenn ich gerade aufgelegt wäre, über die wunderbaren Wege der Vorsehung Betrachtungen anzustellen, so hätt ich heut dazu die schönste Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts ist so seltsam, keine Linie läuft in den wunderbarsten Verschränkungen so schief und krumm, um in sich selbst zurückzukehren, als es so oft die Begebenheiten und Vorfälle in dieser Welt tun. – Den Schilling den ich heut meinem Bedienten gebe, erhalt ich morgen vielleicht vom Lord Parton zurück, um ihn einem Bettler zu schenken. – Du bist begierig, welch Resultat endlich aus diesem Wirwarr folgen soll; nun so höre denn und erstaune. – (Erstaunst Du nicht, so gesteh ich, daß Du selbst ein erstaunenswürdiges Wesen bist.)

Wer hätte Dir wohl damals ins Ohr geraunt, als Du Deinen neulichen Brief an mich schriebst, in welchem von William Lovell die Rede war, daß Du an den achtbaren Gouverneur dieses hoffnungsvollen Eleven schriebest? Um ernsthaft zu sprechen: ich reise mit William nach Italien und Frankreich und kehre dann als ein zweimal gereister Mann in mein sehnsuchtsvolles Vaterland zurück, um auch hier mein Licht glänzen zu lassen. – Ich sehe die Gegenden noch einmal, die mich schon einst entzückten. Ich habe hier nichts zu tun, ich versäume nichts, Lovell ist leidlicher, ja angenehmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und darum hab ich das Anerbieten seines Vaters angenommen.

William ist, soviel ich gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft bemerken konnte, nicht ganz mit mir zufrieden, ich bin ihm zu froh, zu wenig das, was er ernsthaft nennt. Wer von uns beiden nun den andern aus seinen Verschanzungen zuerst treiben wird, ist die große Frage. In einer Woche ungefähr reisen wir. Ich will mir alle mögliche Mühe geben, meinen Freund aus ihm zu machen.

Mein alter Onkel hätte beinahe geweint, als ich ihm die Nachricht meiner Abreise brachte; er ist mir mehr gewogen als ich dachte, er hat es mir so gut wie versprochen, mich zum Erben einzusetzen, wenn er während meiner Abwesenheit sterben sollte. –

Könnt ich über Bondly reisen, so würde die Reise noch eine Annehmlichkeit mehr für mich haben, aber einige Leute, die Fait von der Geographie machen, wollen behaupten, es läge ganz auf der entgegengesetzten Seite.

Deine Schwester ist allerdings ein vortreffliches Mädchen, ausgenommen darin, daß sie gewiß Lovell liebt – doch vielleicht wird er unter der Anführung eines gescheiten Mannes anders, das heißt, nach meiner Überzeugung: besser.

Worüber ich mich verwundre, ist, daß man mich für so gelehrt hält, um mit Nutzen der Begleiter eines jungen Mannes zu sein, der nicht ohne Kenntnisse ist – der alte Lovell aber ist ein vernünftiger Mann, der weiß, was meistenteils hinter der gewöhnlichen Ernsthaftigkeit steckt; vielleicht hat auch eben meine Heiterkeit seine Wahl auf mich fallen lassen, da er mit der zu reizbaren Empfindsamkeit und Schwärmerei seines Sohnes nicht ganz zufrieden ist. –

Und wenn nun auch bald viele Meilen zwischen uns liegen, so bin ich auch im wärmeren Klima, zwar nicht wärmer, aber ebenso warm als itzt, Dein Freund, und wenn ich nicht auf dem Kanal untergehe, so erhältst Du aus Frankreich einen Brief von

Deinem Mortimer.

 

13
Willy an seinen Bruder Thomas in Waterhall

Weiß nicht, lieber Bruder, von wo aus ich Dir schreiben soll, aber ohne daß die Schuld davon an mir liegt: denn ich bin hier ganz nahe bei London, aber doch nicht in London, so daß ich lieber gar kein Datum dabeischreiben will, um Dich nicht konfus zu machen, weil ich weiß, daß Du Dich nicht gut aus den Ortschaften und Ländereien herausfinden kannst, wenn sie eine Meile von dem Garten in Waterhall liegen – und London, oder das Landhaus hier nahe bei London, ist nicht so nahe an Waterhall, als Du glaubst, ob es freilich wohl ganz nahe an London liegt, so daß man die Glocken kann schlagen hören, wenn sie gerade nicht unrichtig gehn, wie denn das wohl in so einer großen Stadt bisweilen der Fall ist, wo selten alles ganz richtig geht: es macht die Menge.

Der Herr William ist so ein guter Herr, als nur ein Bedienter verlangen kann, wenn er nicht selbst der Herr werden will. – Er sagte, er hätte mich mehr aus alter Freundschaft mitgenommen, als wie einen Bedienten; nun ist er freilich nicht ganz so alt, als ich, aber so alt er auch immer sein mag, so bin ich doch wirklich von der Geburt an sein Freund gewesen. Du weißt, Tom, was ich meinen will, daß ich ihn nämlich schon vor der Geburt gekannt habe, als ich schon lange vorher beim alten Herrn Lovell als ein Bedienter gestanden habe.

Du glaubst übrigens nicht, Thomas, wie viel Menschen es auf der Welt gibt; den Mann wollt ich sehn, der die Leute so zählen könnte, die ich unterwegs alle Augenblicke gefunden habe. – Der Vikar Winter hat doch recht, so wie in allen Sachen, die er in der Kirche ausruft, es sind viele Menschen auf der Welt. Dafür ist die Welt aber auch so ziemlich groß, das hab ich nun auch gesehn, denn wie wollten sie sonst auch alle Platz darauf finden, wenn nicht neue Einrichtungen gemacht würden. Bis dahin bin ich

Dein getreuer Bruder Willy.

Weil sich hier gerade das so vortrefflich paßte: bis dahin bin ich u. s. w. so hatte ich mich dadurch verführen lassen, daß der Brief hier aufhören sollte, ich hatte Dir aber noch manches sagen wollen, unter andern, daß wir nächstens abreisen; es komme, wie es geh, ich schreibe Dir manchmal, der gute Herr William hat mir erlaubt, sooft ich Dir etwas zu sagen habe, meine Sachen in seinen Brief mit einzulegen, so kostet es mir und Dir nichts und ich habe nicht die Mühe, Deine Aufschrift zu machen, und Du brauchst sie auch nicht zu lesen, sondern Du weißt dann gleich auswendig, daß jeder Brief, den Du von mir geschickt kriegst, an Dich gerichtet ist. – Ferner Dein ewiger Bruder

Willy.

 

14
William Lovell an Eduard Burton

Dover.

London liegt hinter mir mit allem seinem Glücke, Frankreich vor mir! – Ich komme soeben von den erhabenen Klippen zurück, deren Schilderung wir beide so oft in dem gigantesken Werke des unsterblichen Shakespeare bewundert haben. – Mir war's, als könnt ich in die Zukunft hineinsehn, als wären die Schleier eben im Begriffe herunterzufallen, die sonst vor diesem Schauplatze hängen – die See rauschte tief unter mir und wogte und schlug ohnmächtig an die unerschütterlichen Klippengestade, Wolken standen aus dem Meere auf und schritten durch das ruhige Blau der unübersehbaren Wölbung – ohne fröhlich zu sein, ohne Traurigkeit sah ich in die unendliche Natur hinaus – der Wind blies über die See hin, die Dornblumen am Felsen zitterten, ich stand ruhig. Das Wogen der Flut rauschte leise herauf – tausend Sonnen tanzten in dem wiegenden Meeresspiegel – ja Freund, der Mensch hält gewiß selbst die Zügel seines Schicksals, er regiere sie weise, und er ist glücklich; läßt er sie aber mutlos fahren, so ergreift sie ein ergrimmter Dämon und jagt ihn wutfrohlockend in das furchtbare, schwarze Tal hinab, wo alle Geburten des Unglücks auf ihn lauern. – Darum wollen wir Männer sein, Eduard, und ohne Zagen unser Schicksal regieren, auch wenn tausendfaches Unglück den Wagen in den Abgrund zu schleudern droht.

 

15
William Lovell an Amalie Wilmont

Dover.

Mit Tränen sieht mein Auge rückwärts, das Ihrige blickt mir weinend nach. – Aber nein, kein Zweifel, kein Zagen soll in unsrer Brust entstehn, ich will mutig hoffen. – O ja, Amalie, Ordnung, Harmonie ist das große Grundgesetz aller unendlichen Naturen, sie ist das Wesen, der Urstoff des Glücks, die erste bewegende Kraft – auch wir werden von den Speichen des großen Rades ergriffen, wir sind Kinder der Natur und haben Anspruch an ihre Gesetze. Und gäb es für mich ein Glück ohne Amalien? – Leben Sie wohl – die Segel schwellen, die Winde rufen zur Abfahrt – leben Sie wohl! – Ihr Bild soll der Schutzgeist sein, der mich begleitet, in dem Augenblicke, da Sie mich vergessen, bin ich allen Gefahren preisgegeben, bis dahin fühle ich die Stärke eines Gottes in meinem Herzen.

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