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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Achtes Buch

1795

1
William Lovell an Rosa

Dover.

Es ist nicht anders, ich stehe wirklich hier, und sehe nach den weißen, schroffen Klippen hinauf. Ich bin endlich wieder zurückgekommen, und alles vorige liegt hinter mir; es ist nicht anders, und konnte vielleicht nicht anders werden.

Ich danke dem Andrea unaufhörlich, daß ich jetzt in den widerwärtigsten Situationen mit einer großen Kälte in das Leben sehen kann. Die Verächtlichkeit der Welt liegt in ihrer größten Betrübnis vor mir; ich stoße sie nur um so geringschätzender von mir, je wunderbarer ich mir selbst erscheine. Durch meine Ahndungen und seltsamen Gefühle, hat er mich vom Dasein einer fremden Geisterwelt überzeugt, ich habe eigenmächtig meinen Zweifeln ein Ziel gesetzt, und ich freue mich jetzt innig, daß ich auf irgendeine Art mit unbegreiflichen Wesen zusammenhänge, und künftig mit ihnen in eine noch vertrautere Bekanntschaft treten werde. Unaufhörlich begleitet mich diese Überzeugung, und alle Gegenstände umher erscheinen mir nur als leere Formen, als wesenlose Dinge. Ich errege oft jene geheimen unbegreiflichen Gefühle in mir, in der Nacht, oder in der Einsamkeit, jene seltsamen schauernden Ahndungen, die uns unwiderstehlich wunderbaren Mächten entgegendrängen.

Alle betrübten Stunden, die ich hier in England erleben werde, stehen gleichsam noch hinter den Kulissen und warten nur auf ihr Stichwort, um schnell hervorzutreten, ich muß in meiner Rolle fortfahren, und vor keinem plötzlichen Auftritt erschrecken.

Der nördliche Himmel hier, mit seinen großen und tiefhängenden Wolken, macht einen seltsamen Eindruck auf mich, nachdem ich mich in so langer Zeit in Italien verwöhnt habe. Die Umrisse der Berge und Wälder bilden sich so hart und widrig in dieser rauhen Luft, ich fühle schon jetzt ein Heimweh nach Italiens lauem Himmel, nach Ihnen und Andrea und meinen übrigen Freunden.

 

2
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Wir haben nun endlich unser gewöhnliches Leben wieder angefangen, nachdem wir von Ihrem schönen Landsitze zurückgekehrt sind, und die Zeit fließt uns eben und ohne widrige Abschnitte vorüber. Viele Menschen irren darinnen sehr, wenn sie streben, recht viele frohe und glänzende Epochen in ihren Lebenslauf zu bringen, denn jede dieser Epochen zieht mehrere Tage nach sich, die durch ihre Nüchternheit unsere Seele leer und melancholisch machen; je einförmiger und ruhiger die Zeit vorüberfließt, um so mehr genießt man seines Lebens. Wir beide, lieber Freund, haben uns in diesen Genuß eingelernt, und ich hasse jetzt das Planmachen, wodurch man immer in einer fernen Zukunft lebt, unsinnigerweise die Gegenwart verschleudert, und sich im Leben gleichsam übereilt, um nur desto früher zu jenem Ziele zu kommen, das man sich aufgesteckt hat.

Gestern kam der alte Willy matt und atemlos hier an, um seinen Bruder Thomas zu besuchen. Er war die letzten Meilen, so alt er auch ist, zu Fuß gelaufen, um seinen Bruder nur desto früher zu sehen. Der alte Mann hat sich eingebildet, er müsse jetzt sterben, und darum will er noch vorher von Thomas Abschied nehmen. Die Ermüdung, so wie sein Aberglaube haben es wirklich dahin gebracht, daß er krank geworden ist. Er hat mich innig durch seine Liebe gegen seinen Bruder gerührt, den seine eingebildete Klugheit hindert, dieselbe Liebe zurückzugeben. Willy spricht viel vom Lovell, und mit einer außerordentlichen Inbrunst; mir standen die Tränen in den Augen, als ich ihm zuhörte. Meine ganze Seele streckt sich in mir aus, sooft ich diesen Namen nennen höre, es ist jedesmal, als wollte man mir einen Vorwurf damit machen, weil er nicht mehr mein Freund ist. – Und konnt ich anders handeln? – Tat ich nicht alles, um mir seine Liebe aufzubewahren? – Aber er hat sein Herz verspielt, und kann mich nicht mehr lieben.

Leben Sie wohl, und ersetzen Sie mir durch Ihre Freundschaft den Verlust der seinigen.

 

3
Thomas an den Herrn Fenton, Gärtner in Kensea

Bondly.

Sie werden es verzeihen, wertgeschätzter Herr und Kollege, wenn mein Bruder vielleicht einige Tage länger ausbleibt, als er sich anfangs vorgesetzt hatte, und Sie indessen die Aufsicht des ganzen Gutes besorgen müssen, denn er ist hier krank geworden, so daß er wohl so bald noch nicht wird zurückreisen können. Er ist ein klein wenig närrisch der alte Mann, und das werden Sie ebensogut wissen als ich. Alte Leute haben, wie man zu sagen pflegt, ihre wunderlichen Launen, und mein Bruder hat sie gewissermaßen im vollsten Grade.

Er hat mir viel von Ihrem Garten erzählt, und es tut mir recht sehr leid, daß Sie mit dem wilden Werke so viele Mühwaltung vorzunehmen haben. Ich habe jetzt Gottlob! einen Gönner an meinem Herrn, der die Kunst schätzt und viel an die Vortrefflichkeit des Gartens wendet. Ein solcher Gönner fehlt Ihnen freilich, und doch ist er gewissermaßen unentbehrlich, um etwas Großes zustande zu bringen, denn ohne Geld, und ohne die nötigen Arbeiten läßt sich in dieser Welt nur wenig ausrichten.

Mein Bruder glaubt, daß er hier wird sterben müssen, denn er ist noch so sehr von der alten Welt, und wenn ihm etwas träumt, so glaubt er auch immer, daß es eintreffen muß, was denn die vernünftigen Leute mit Recht einen Aberglauben nennen können, denn er weiß wirklich nicht viel von einer bessern Aufklärung, wie man zu sagen pflegt. – Ich denke aber wohl, daß er in einigen Tagen sowohl gesunder, als auch vernünftiger werden wird. Gott gebe seinen Segen dazu, damit er bald wieder an seine Geschäfte gehen könne!

Verzeihen Sie übrigens, wertgeschätzter Herr und Kollege, daß ich mir die Freiheit genommen habe, Ihnen mit meinem schlechten Briefe beschwerlich zu fallen; da aber mein Bruder noch bis dato die Feder nicht führen kann, so habe ich solches für meine Pflicht gehalten. – Ich wünsche eine fortdauernde Gesundheit und langes Leben, und nenne mich

Ihr
wertschätzender Freund Thomas,
Gärtner in Bondly.

4
William Lovell an Rosa

London.

Ich treibe mich jetzt wie ein abgerissener Zweig in den Fluten und Wirbeln des wühlenden Lebens auf und ab. Ohne Ruhe bin ich bald hier, bald dort, bald in einem gemeinen Wirtshause, unter den niedrigsten, aber originellsten Menschen, bald in einer Gesellschaft von Spielern, bald auf den öffentlichen Spaziergängen, bald in den vollgedrängten Theatern.

In manchen Stunden verlier ich mich selber. Sagen Sie mir, Rosa, ob meine innere Ahndungen recht haben. Mein Vater, Pietro und Rosaline starben durch mich, Amalie ist durch mich vielleicht unglücklich geworden; wer weiß, wie manches Auge meinetwegen naß ist, von dem ich nichts weiß, und dem ich mittelbar und unbekannt Schmerzen übersendet habe. – Ich kann manchmal alles vergessen, was ich vormals darüber dachte, und eine heiße Röte breitet sich dann von innen heraus über meine Wangen. – Und doch – wie wenig sind alle diese Menschen wert! Wen unter ihnen kann man bedauern? Von wem sollen wir uns in unserm Wege zurückhalten lassen? – Ich richte mich durch jene hohe Ahndungen und wunderbaren Gefühle wieder auf, deren die übrigen Menschen entbehren müssen.

So wenige Menschen mich hier auch kennen, so hüte ich mich doch sehr, erkannt zu werden. Neulich sprach ich einen Bekannten des jungen Valois, der mit der Blainville hierhergereist war; dieser Valois hat sich erschossen, aber von der Komtesse wußte er mir keine Nachricht zu geben.

Manche Straßen hier reden mich mit einer wunderbaren Sprache an, vorzüglich die, in denen Amalie wohnt. Ich bin schon mehrmals ihrem Hause vorübergegangen; aber weder am Fenster noch auf irgendeiner Promenade habe ich sie gesehen. Auch noch keine Nachrichten habe ich von ihr erhalten können, aber sie muß hier in London sein. – Gestern war ich im Theater. Es wurde Macbeth gegeben, und ich war mit einer echten Jugendempfindung in die Darstellung vertieft. Im letzten Akte zog ein Gesicht in einer Loge meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, denn es glich Amalien vollkommen. Ich vergaß das Stück, und suchte mir nur die Erinnerung ihrer recht gegenwärtig zu machen, um sie mit diesem Bilde zu vergleichen.

Ich war noch immer verwirrt und in tiefen Gedanken, als das Stück schon geschlossen war. Ich drängte mich mit den andern hinaus, und erwartete an der Treppe die Herunterkommenden. Viele Gesichter liefen durcheinander, und meine Augen wurden müde sie zu bemerken, um dasjenige, was ich erwartete, herauszufinden. Endlich erschien die Dame, die ich für Amalien hielt, und in einem Augenblicke schoß mir die Überzeugung durch den Kopf, daß sie es auch wirklich sei. – Und bei Gott sie war es! – Hundert Menschen liefen mir vor und wieder zurück, es war mir unmöglich, näher zu kommen. Man stieß und drängte mich, und ich stieß und drängte ebenfalls, und die Gestalt war verschwunden. Meine Augen fanden sie nachher nicht wieder.

Es muß Amalia gewesen sein, es ist nicht anders möglich. Ihre Schleppe und der Saum ihres Kleides war mir in dem Momente heilig, als ich ihm nachzufolgen strebte. Ich haßte die Menschen recht innig, die mich durch ihr wildes widriges Gedränge hinderten, ihr zu folgen.

 

5
William Lovell an Rosa

Bondly.

So bin ich denn endlich wieder hier, hier, wo der Frühling meines Lebens zu blühen anfing. Jede Hecke und jeder Teich erinnert mich an meine damaligen Empfindungen.

Hier war's, wo Melodieen aus jedem Baumwipfel sumseten; hier hing der Morgenhimmel voll goldener Hoffnungen; jeder Ton in der Natur klang mir Gesang, und ich ging unter einem ewigen lautrauschenden Konzerte. – Und was ist nun aus allem dem geworden? – Und was war es auch, das ich hoffte? – Jugendlich und unbesonnen kannt ich mich selbst nicht, und wußte nicht, was ich von mir und der Welt verlangte.

Ich saß wieder in demselben Zimmer des Wirtshauses, in dem ich damals einen traurigen Brief an Eduard Burton schrieb, wohl gar, wenn ich nicht irre, Verse machte. Es ist eine niedrige unangenehme Stube, und mir würde jetzt kein poetischer Gedanke dort einfallen. Die Gegend umher, die mir im Mondschein damals so romantisch vorkam, ist nichts als ein weiter grüner Heideplatz, mit einigen Bäumen, in der Ferne sieht man Wald.

Auch die Stelle im Walde habe ich wiedergekannt, auf der ich damals von Amalien Abschied nahm, als sie von Bondly nach London reiste. Alle diese Plätze sind stumm geworden, ich finde sie widerwärtig und armselig, da sie mir damals so teuer, so überaus teuer waren. Manchmal ist es, als liefe noch durch die Gebüsche säuselnd eine der lieblichen Erinnerungen, aber sie können nicht zu mir, sie treten scheu vor mir zurück.

Verkleidet bin ich schon einigemal im Garten hier in Bondly auf und ab gegangen. Hier hatten alle Empfindungen, alle Erinnerungen in den grünen Lauben, auf den schönen Rasenstellen, unter den dichten Zweigen der Alleen geschlafen; sie wachten auf, als mein Fuß den Garten betrat, und kamen mir alle stürmend entgegen. Alle haben mich begrüßt, und jeder Baum scheint mich zu fragen: wo ich so lange geblieben sei? Ach Rosa! die Tränen stiegen mir in die Augen, und ich konnte keine Antwort geben.

Ach! ich bin ein Träumer – ich möchte sagen: Die leblose Natur hat inniger an mir gehangen, als je die Menschen. –

Lange stand ich vor der Linde still, in der ich meinen und Amaliens Namen eingrub. Nur wenig haben sich die Züge durch den Wachstum des Baumes verändert. – Wie vieles nahm ich mir damals vor, als ich diese Züge langsam und bedächtlich dem Baume einschnitt! –

Vieles im Garten ist geändert, und seit dem Tode des alten Burton mit mehrerem Geschmacke angelegt. – Aber alle Veränderungen hier haben mir wehe getan. Ich wollte manche der alten Anlagen besuchen, und fand eine neuere, bessere. Der Gärtner ist ein Bruder von meinem Willy.

Willy selbst ist hier zum Besuche, und ich erschrak, als ich ihm gestern plötzlich begegnete, aber er hat mich nicht erkannt.

Ich habe mich nach allen Sachen genau erkundiget, und darauf einen Plan gegründet, um in das Haus zu kommen. Daß ich nicht erkannt werde, dafür will ich schon sorgen, und diese Schwierigkeit ist im Grunde die unbedeutendste.

Wie schwach ist der Mensch! – Seit wie lange glaubte ich nun schon, über alle diese Eindrücke erhaben zu sein, und doch haben sie mich nun mit neuer Gewalt angefallen, und dann lach ich wieder über mich, und finde mich selbst kindisch.

 

6
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Ich schicke Ihnen hier das Manuskript Ihres Vaters zurück, das ich mit großer Aufmerksamkeit gelesen habe. Wie viele Wege gibt es in unserm Verstande, die den Menschen so leicht auf eine falsche Bahn bringen können! Die Sucht über uns selbst zu grübeln, liegt in uns, und doch lernen wir beim aufmerksamsten Studium nichts, und alles Einfache und Gute verliert sich aus uns bei diesen Betrachtungen. Der Mensch gewöhnt sich dabei gar zu leicht, sich nur als ein spekulierendes Wesen anzusehen, und mit eben den Augen die übrigen Geschöpfe zu betrachten. – Ich sage Ihnen für Ihr Zutrauen vielen Dank; solche Aufsätze sind Wegweiser und Leuchttürme für andere Menschen.

In mir ist wieder die Sucht aufgewacht, eine kleine Reise zu machen, und wenn ich durch nichts gehindert werde, will ich auch diese Neigung nächstens befriedigen. Dann besuche ich zugleich Sie und Ihre liebenswürdige Schwester. – Amalia ist auf ein paar Tage in der Stadt gewesen, um ihre Eltern und ihren fleißigen Bruder zu besuchen. – In einigen Monaten hoffe ich Vater zu sein, und ich bin neugierig, wie mich diese neue Würde kleiden wird.

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