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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Bald nachher geschrieben.

Immer ist es mir zuwider gewesen, wenn ich den Namen Cromwell nennen höre, oder ihn lese, um das Muster eines schlechten und ausgearteten Menschen aufzustellen, denn es wird mir fast bei keinem Charakter so leicht und natürlich, mich in ihn hineinzudenken, und so für mich alle seine seltsamen Widersprüche aufzulösen. Alle die Laster, die man ihm gewöhnlich vorwirft, sind es nur deswegen, weil die Menschen nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Seele in Gedanken mit einem andern Charakter zu bekleiden; sie sind zu sehr in sich selbst eingesperrt, und dies macht ihren Blick beschränkt. Vielleicht daß die Unterschiede überhaupt aufhörten, wenn sich die Menschen die Mühe gäben, den Erscheinungen näherzutreten, die ihnen in der Ferne ganz anders geformt zu sein scheinen.

Cromwell war vielleicht der reinste und eifrigste Schwärmer, als er sich im Anfange zur Partei der Puritaner schlug. Wider sein Erwarten fand er, daß es leichter sei, die Menschen unter seinen Geist zu beugen, als er im Anfange gedacht hatte. Er durchdrang mit seinem scharfen Blicke die Gemüter aller derer, die ihn umgaben, er bemerkte es, auf welchen Armseligkeiten meistenteils das Ansehen beruhte, das er unter seinen Freunden hatte, und er schämte sich vor sich selber, und verachtete die Menschen. Seine Schwärmerei und sein Enthusiasmus waren es vorzüglich, die die Menge an ihn band, denn der Schwärmer zieht einen weiten Feuerkreis um sich her, und selbst in die kälteren Menschen gehen Funken über, daß sie sich unwillkürlich mit Liebe und Wohlwollen zu ihrem Anführer drängen. Er sah ein, daß er in einzelnen Stunden, wenn ihn jener glückliche Enthusiasmus verließ, diesen auf eine erzwungene und halb gewaltsame Art ersetzen müsse, und er erstaunte, da er fand, daß die Begeisterung sich auf die Art, sogar wider ihren Willen, vom Himmel ziehen lasse. Denn im Menschen liegt ein seltsamer und fast unbegreiflicher Vorrat von Gefühlen, dicht neben der Ahndung liegt die Empfindung und die Idee, die wir ahndeten; der Lügner kann auf seine eigene Erfindungen schwören, ohne einen Meineid zu tun, denn er kann in diesem Augenblicke völlig davon überzeugt sein. Die wunderbarste Geistererscheinung kann vor mir stehen, und doch nur von meiner Phantasie hervorgebracht sein. – Auf die Art mußte der große Mann bald zweifelhaft werden, was in ihm wahr, was falsch, was Erdichtung, was Überzeugung sei; er mußte sich in manchen Stunden für nichts als einen gemeinen Betrüger, in andern wieder für ein auserwähltes Rüstzeug des Himmels halten. Wie durcheinander mußte sich bei ihm alles das verwirren, was die gewöhnlichen Menschen ihre Moralität nennen! Kann man nun wohl dieselben Forderungen an ihn machen, die man an jene tut? –

Das Glück folgte ihm auf seinen Fußstapfen, und welcher Sterbliche kann sich wohl von der Schwachheit losreißen, den glücklichsten Erfolg seiner kühnsten Plane nicht für den wahren Orakelspruch der Natur und der Gottheit zu halten? Fast jeder Unglückliche zweifelt an seinem Werte, er hält nur gar zu oft sein Unglück für seine Strafe. So glaubt der Sieger im Glück seinen Lohn zu finden, seine Bestätigung von oben her. Vom Erfolge begünstiget, schrieb er neue Zirkel in seine Plane, und alles erfüllte sich immer auf die wunderbarste Weise. Durch ein unruhiges tatenreiches und glückgekröntes Leben, sah er sich plötzlich wie durch einen muntern Traum an die Spitze des Staats gestellt, und sein ganzes voriges Leben war nur Zubereitung und Gerüst zu diesem großen Momente.

An ihm war die Wohlfahrt seiner Partei gekettet; und was war natürlicher und einem Menschen verzeihlicher, als daß er jetzt seine Persönlichkeit mit seiner Sache verwechselte? Er glaubte für seine Partei zu kämpfen, wenn er nur noch für seine eigene Sicherheit stritt, und aus dem Wege räumte, was ihn in seinem Gange hindern könnte. Er mußte sich gleich groß und gleich wunderbar vorkommen, er mochte sich nun als einen Liebling des Himmels betrachten, oder als einen Helden, der alles durch seine eigene Kraft gewonnen und in Besitz genommen hatte, ja, diese beiden Gedanken mußten sich in seinem Kopfe beinahe begegnen. Er vertraute sich jetzt mehr als jemals, und trauete den Menschen, die ihn umgaben, noch weniger als vordem. Fortuna hatte ihre volle Urne gleichsam in seinen Schoß geschüttet, und er glaubte nun das Glück selbst zu sein; sein Stolz und seine Eigenliebe, die Bewundrung seiner selbst ist daher ebenso denkbar als verzeihlich.

Er konnte gegen seine Freunde nicht dankbar sein, denn er glaubte durch eigne Kraft alles errungen zu haben, er konnte sie nicht achten, da er sie nicht kannte. Ihre Verehrung seiner aber, so wenig Autorität sie auch für ihn hätte haben sollen, trug er doch gern und ganz zu seinen Verdiensten über, denn denen Menschen, die uns loben, übertragen wir gern die Beurteilung unsers Werts; ja wir glauben oft, daß diejenigen ihn am besten zu schätzen wissen, die selbst am meisten ohne Verdienste sind. Die größte Inkonsequenz der Menschen, die Gegend, in der vielleicht in jeder Seele die meisten Verächtlichkeiten liegen, ist das Gebiet der Eitelkeit. Jede andre Schwäche ist unzugänglich, oder man muß wenigstens fein und behutsam die Brücke hinüberschlagen, um das Ufer nicht selbst einzureißen; aber die Eitelkeit verträgt selbst die Behandlung der rauhesten Hände.

Ich will mir heute ernsthaft vornehmen, nie daran zu glauben, wenn man meinen Gang, meine Häuser, meinen Scharfsinn, oder meine Gesichtsbildung lobt, und wer weiß, ob ich nicht darauf falle, mir einzubilden, daß in meinem Garten die besten Blumen stehen, und daß hier dann ein elender Schmeichler seine volle Ernte findet! Der Himmel ist vielleicht so grausam mir in den Kopf zu setzen, ich hätte mehr Geschmack als andere Menschen. – Oh! statt memento mori sollte man in seine Taschenuhr setzen lassen: Hüte dich vor der Eitelkeit!

Cromwell war so glücklich viele wirkliche Freunde zu finden, ob er gleich keinen liebte; er konnte sie zu Aufopferungen auffordern, und keiner wagte es, ihn um ähnliche Opfer zu mahnen, da ihn keiner in seiner Gewalt hatte. Alle fürchteten ihn, und er wußte, wie weit er jene nicht zu fürchten hatte; er war daher nicht tollkühn. Er hatte es empfunden, wie fein die Grenzen im Menschen zwischen Empfindungen sind, die wir Extreme nennen, weil wir sie uns wie den Nord- und Südpol gegenüber denken: aber zwischen gut und böse, zwischen Freund und Feind, dem Pietisten und Gotteslästerer, dem Patrioten und dem Landesverräter liegt nur eine Sekunde. Cromwell wußte dies, und setzte seine Freunde daher in keine Spannung gegen sich.

Je mehr ich seinen Charakter überdenke, je menschlicher finde ich ihn; nur daß er ein großer Mensch, ein leuchtendes Meteor war. Wer ihn ein Ungeheuer nennt, hat nie über ihn, oder über sich selber nachgedacht.

Er hatte das Unglück, einen einfältigen Sohn zu haben.

 

Drei Jahre nachher.

Die Menschen sind Narren, denn obgleich einer den andern betrügt, so nehmen sie doch nichts so sehr übel, als daß sie betrogen werden, besonders wenn man sie auf eine andre Art hintergeht, als sie die übrigen Menschen täuschen. Lovell ist mein unversöhnlicher Feind, wenn er erfährt, daß ich mit daran arbeiten half, ihm seine zärtliche Braut zu entführen, und er würde es nie zur Entschuldigung dienen lassen, daß Waterloo auch mein Freund und sogar mein Oheim sei. – Aber da der ganze Plan doch verunglückt ist, so denke ich mich auf jeden Fall wieder mit ihm zu versöhnen.

Aber Waterloo, ob er gleich mein Oheim ist, ob er gleich älter ist als vierzig Jahre, ob er gleich schon große Reisen gemacht hat, ist dennoch ein weit größerer Narr, als der jugendliche Lovell. Er glaubt alles zu haben, indem er Witz hat, er meint die Menschen genug zu kennen, wenn er nur weiß, wodurch er sie zum Lachen bewegen kann, er wäre vielleicht ein guter Komödiendichter geworden, aber zum Umgange mit Menschen ist er verdorben. – Er beklagt sich über mich, daß ich ihn hintergangen habe, ob ich gleich mit ihm an demselben Plane gearbeitet habe. Aber die besten und amüsantesten Coups müßten offenbar ganz unterbleiben, wenn es nicht erlaubt sein sollte, daß ein Schelm den andern hintergeht. Er macht mir Vorwürfe, daß ich nun der einzige bin, der bei dem ganzen Handel etwas gewonnen hat; aber das war ja eben der Bewegungsgrund, warum ich mich einmengte, weil ich die Gewißheit hatte, daß ich auf jeden Fall gewinnen müsse. – Wenn ich hintergangen wäre, ich würde mich nie beklagen, sondern mich nur zu rächen suchen.

Waterloo ist abgereist, und wie ich eben höre, gestorben. Er ist vielleicht töricht genug gewesen, sich selbst umzubringen.

 

In meinem vierundzwanzigsten Jahre.

Ich hoffe, es soll mir gelingen, die Tochter der reichen Lady Sackville zur Frau zu bekommen. Die Mutter spielt die Aufgeklärte und die Tochter ist ziemlich empfindsam und pietistisch. Die Mutter spottet über die Tochter, die Tochter zuckt die Achseln über ihre irreligiöse Mutter. Beiden muß ich beitreten, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wie platt sind doch alle die Komödien, in denen eine ähnliche Situation dargestellt wird! Eine Karikatur treibt sich zwischen allen mit schlecht erfundenen Lügen herum, um am Ende an allen seinen Spöttern zu scheitern. Ich finde es ebenso leicht als sicher, sich als Mittelsperson zwischen widersprechende Charaktere einzuschieben, denn man muß sich jedem nur unter gewissen Bedingungen nähern, die so gestellt sind, daß jener glaubt, es komme nur auf eine nähere Bekanntschaft, auf ein vertraulicheres Gespräch an, um auch diese Bedingungen wegzuschaffen. Die Mutter glaubt, ich spiele nur aus Liebe zu ihrer Tochter den Religiösen und um diese nachher von ihren Irrtümern zurückzubringen; die Tochter ist überzeugt, nur aus großer Liebe zu ihr finde ich die Mutter erträglich. Man darf nur ernsthaft vor sich selber heucheln, so ist die Heuchelei das leichteste Handwerk auf der Erde. Alle unsere Gespräche in der Welt, unser Umgang, unsre Freundschaftsbezeugungen, unsre Vergnügungen, alles ist nur Heuchelei, folglich kommt es mir als gar nichts Schwieriges, ja nicht einmal als etwas Neues vor, hier eine Art von Rolle zu spielen, um eine reiche Frau zu bekommen.

Ich bin schon so glücklich gewesen, einige Liebhaber zu verdrängen, und wenn ich an den Tod oder an andere betrübte Gegenstände in der Gesellschaft meiner Geliebten denke, so wird es mir ganz leicht, eine melancholische Miene zu machen, und empfindsame Sachen zu sagen. – Oft verschiebe ich viele ernsthafte Betrachtungen, die sich mir aufdrängen, bis ich dorthin komme, und Tochter und Mutter sind immer mit mir zufrieden, und ich kann auf die Art noch Zeit in meinen Geschäften sparen. Diese Sparsamkeit kömmt mir jetzt selber lächerlich vor, aber genug, daß es mir bequem ist.

Ich will dieses Buch aufbewahren, um mir im Alter das Vergnügen zu machen, es wieder durchzulesen. Man kann dann nur eine richtige Vorstellung von sich selber haben, wenn man solche Proben von den ehemaligen Kleidern zurückbehält. Aus diesem Grunde würde ich fast in jeder Woche etwas niederschreiben, wenn ich nicht zu träge wäre.

Warum sollt ich nicht auf eine recht gute Art den empfindsamen Verliebten spielen können, da es viele Dichter gibt, die sich poetisch irgendeine Liebschaft ersinnen, um poetische und herzrührende Verse darüber zu machen? Meine Rolle ist bei weitem leichter, da ich doch einen wirklichen Gegenstand, und noch überdies mit einem reichen Vermögen ausgestattet, vor mir habe.

 

In meinem fünfundvierzigsten Jahre geschrieben.

Eine sonderbare Empfindung befällt mich, da ich dies alte, staubige Buch wieder in die Hände nehme und durchblättere. Ich kehre aus der Welt und zur Ruhe zurück, und finde hier die skizzierte Geschichte meiner Jugendideen. Manches finde ich noch wahr, und ohne daß ich es wußte, habe ich mir während meines geschäftigen Lebens den hier beschriebenen Charakter Cromwells zum Muster gewählt. Gefiel mir dieser Charakter, weil verwandte Züge in mir lagen; oder entwickelten sich diese, weil ich das Bildnis dieses Menschen immer mit Wohlgefallen betrachtet hatte? – Doch diese Spitzfindigkeit zerfällt in sich selber.

In der Welt hat mir der Zufall den verhaßten Lovell stets gegenübergestellt, er kreuzte durch alle meine Plane und unaufhörlich mußt ich mit ihm kämpfen. Er war gleichsam das aufgestellte Ziel, an dem ich meinen Verstand und Scharfsinn üben mußte.

Meine Gemahlin ist tot und nur in den letzten Jahren war ich so glücklich, einen Sohn und eine Tochter von ihr zu bekommen. Ihr ist jetzt wohl, denn sie fühlte sich immer unglücklich. Sie gehörte zu den Menschen, die sich durch abgeschmackte Erwartungen den Genuß ihres Lebens selber verbittern. Man sollte es schon in den Schulen lernen, was man von der Welt und den Menschen fordern kann, um sich und andre nachher nicht zu peinigen. Ich war keiner von den Menschen, wie sie ihr einige Dichter geschildert hatten; diese luftigen, bestandlosen Wesen hatte sie ihrer Phantasie fest imprimiert, und an diese Schimären maß sie alle wirkliche Menschen, die ihr aufstießen. Daß sich die Menschen aus diesem wirklichen prosaischen Leben so gern einen bunten, schön illuminierten Traum machen wollen, und sich dann wundern, wenn es unter den Rosen Dornen gibt, wenn die Gebilde umher ihnen nicht so antworten, wie sie es mit ihrem träumenden Sinne vermutet hatten! – Wer kann es mit diesen Narren aushalten?

Man gebe mir den abgefeimtesten Schurken, den Menschen, der in einem Atem zehn Lügen sagt, den Eiteln, der hoch von seinem eigenen Werte aufgeblasen ist, den rohen, ungebildeten Menschen, dem die gemeinste Lebensart fehlt, und ich will mit allen fertig werden, nur nicht mit dem, der allenthalben die reine Bruderliebe erwartet, der mit den Menschen, wie mit Blumen oder Nachtigallen, umgehen will.

 

Nach einem Jahre.

Mein Sohn Eduard fängt an, mir in einem hohen Grade zu mißfallen. Er wird altklug, ehe er noch Verstand genug hat, um listig zu sein. Solche frühreife Tugend ist gewöhnlich nichts, als ein Gefühl des Unvermögens, eine Empfindsamkeit, die späterhin zur völligen Schwachheit wird.

Emilie ist halb das Bild ihrer Mutter, und halb eine Kopie nach ihrem Bruder. Ich hoffe, beide werden noch richtigere Ideen über das Leben gewinnen. Stolz darf man nicht auf sich sein, denn das erzeugt eine Menge empfindsamer Torheiten, aber man muß sich schätzen, um sich nicht unter die übrigen Menschen zu erniedrigen, um ihnen nicht dadurch unmittelbar Gelegenheit zu geben, daß sie Vorteile über uns gewinnen.

 

Nach mehrern Jahren.

Mein Sohn wird mit jedem Tage ein größerer Tor und er läßt es mich sogar merken, daß er mich und meine Grundsätze nicht achtet. Er schließt sich mit Innigkeit an jedes übertriebene und unnatürliche Gefühl. Es schmerzt ihn nicht, daß er sich dadurch von meinem Herzen entfernt, denn er ist unter Luftgestalten einheimisch.

Die Erfahrungen, die mir aus dem Gewühle der Welt hiehergefolgt sind, haben mich nun völlig beruhigt. Ich habe es deutlich erfahren, in wie hohem Grade die Menschen verächtlich sind. Alle meine jugendlichen Vermutungen haben sich erfüllt, und es war heilsam, daß ich so ausgerüstet unter die boshafte Schar trat. Argwohn ist die Wünschelrute, die allenthalben richtig zeigt, man irrt sich in keinem Menschen, wenn man gegen jeden mißtrauisch ist, denn selbst die Einfältigsten haben Minuten der Erleuchtung, in denen sie uns Schaden zufügen.

Wenn man mit Leuten umgeht, die aus Unwissenheit, oder weil sie selbst keinen Grund davon anzugeben wissen, rechtschaffen sind, so muß man ihre Tugend nie auf die Probe stellen, wenn sie uns dadurch nützlich bleiben sollen; denn in dem Augenblicke, in welchem sie darüber nachdenken, werden sie verwandelt, und wenn sie auch ihre Ehrlichkeit noch aus dem gegenwärtigen Gedränge bringen, so kann man sich im nächstfolgenden zweifelhaften Falle niemals auf sie verlassen. – Wie viel ist aber die Ehrlichkeit wert, wenn sie nur darin besteht, daß der Mensch gar nicht weiß, daß man ihm diesen Vorzug beilegt? Selbst der Pöbel hat diese Armseligkeit der Tugend bemerkt und ein Sprichwort darüber gemacht, daß der ein Dieb bleibt, der nur einmal gestohlen hat. – Scheint es nicht, als wenn es völlig etwas Physisches wäre, was wir im Menschen immer zum Geistigen erheben wollen, daß sich die Erscheinung durch eine einzige Umwälzung in einem einzigen Momente verlieren kann?

Ich bin darum nur wenig hintergangen, weil ich den Betrug immer als möglich voraussetzte.

 

Ich fühle mich sehr matt, und meine Gedanken werden schwach und unstet. Dies unnütze Buch ist mit mir alt geworden, es läuft zu Ende, so wie vielleicht mein Leben. Alles hat für mich heut dunkle und melancholische Umrisse; Lovell ist vor einem Monate gestorben und ich bin nicht viel älter, als er.

Ich habe nur schlecht geschlafen, und ihn bleich und abgefallen beständig in meinen abgerissenen Träumen gesehn. Sein Andenken verfolgt mich noch nach seinem Tode und mattet meine Kräfte ab.

 

Ich bin wieder gesund gewesen und dachte, es würde nun jahrelang so bleiben, und doch bin ich von neuem krank geworden. Eine seltsame Wehmütigkeit hat mich ergriffen. Der Mensch hängt mit allen seinen Empfindungen bloß von seinem Körper ab.

Sollte ich Dir doch vielleicht Unrecht getan haben, alter Lovell? – Warum richtet sich mein Gedanke so unaufhörlich nach Dir hin, wie die Magnetnadel nach Norden? – Ich habe Dir vergeben, vergib Du mir auch, unsre Spiele und Kämpfe sind jetzt geendigt.

 

Ich fühle mich freundlicher nach meinem Sohne und nach allen Menschen hingezogen. – Wer weiß, in welchem gesundern Teile meines Körpers meine vorige Empfindung lag, wer weiß, aus welchem umgeänderten meine jetzige entspringt.

 

Das Leben und alles darin ist nichts, alles ist verächtlich, und selbst, daß man die Verächtlichkeit bemerkt – – –

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