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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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16
Willy an seinen Bruder Thomas

Kensea.

Lieber Bruder!

Ich habe Dich also doch nun wirklich endlich gesehen, und ich bin nun wieder umgekehrt, und sitze und denke hier in Kensea wieder an Dich, wo ich nach dem Willen meines lieben verstorbenen Herrn als ein Verwalter bleiben soll, bis mein Herr William aus Italien zurückkömmt. Wie ist die Zeit und das menschliche Leben doch so gar flüchtig! Es ist nicht anders, als wenn wir nur solche Bilder wären, die auf den Schießplätzen den Schützen oft vorbeigezogen werden, man sieht sie kaum, so sind sie auch schon wieder weg.

Hier leb ich nun recht ruhig und von der ganzen Welt abgesondert. Ich denke oft an den guten alten Herrn Lovell, der nun auch gestorben ist, und an alles, was ich so zeit meines Lebens erfahren habe. Ich bin innerlich recht zur Ruhe gekommen und es ist mir, als wenn ich mich immerfort im stillen grämte. Das ist nun hier dasselbe Haus, in das ich als ein junger Bursche so munter und flink eintrat und mir alles in der Welt so herrlich und wie angeputzt vorkam; ich dachte immer: Ei, Willy, Du bist jung, wie vieles Glück kann Dir noch begegnen, nur frisch und munter! Ich schrieb Dir damals auch einen langen und recht übermütigen Brief, denn ich bildete mir auf die blanken Tressen auf meinem Rocke nicht wenig ein; es war mir mein Blut so warm, daß ich ordentlich glaubte, die ganze Welt sei nur mir zu Gefallen erschaffen. – Und nun, lieber Bruder, wenn ich daran denke, wie manche schwere Krankheit ich seitdem überstanden habe, wie oft es Dir so recht schlecht gegangen ist, daß ich herzlich weinen mußte, was alles der gute Herr Lovell gelitten hat, wie wir uns beide nur im Grunde wenig gesehn haben, wie ich mit der Herrschaft bald hier und bald da gewohnt habe, und wie ich nun als ein alter abgelebter Mann wieder über dieselbe Schwelle schritt, über die ich als ein junger Bursche sprang – o lieber Bruder, so kann ich Dir gar nicht sagen, wie seltsam mir dabei zumute wird. Ich möchte sagen, ich hätte mich damals bloß in einen jungen Menschen verkleidet, oder mich nur jung angestellt, so unnatürlich kömmt es mir von damals vor. Herr Mortimer und seine Frau ist einmal hier durchgefahren und er hat mich bei der Gelegenheit besucht. Er ist munter und gesund und dabei recht freundlich gegen mich.

Ich gehe fleißig in die Kirche und halte mich jetzt mit meinen Gedanken mehr zu Gott, als jemals. Alles übrige ist doch nur eitel und vergänglich.

Der Garten hier ist gegen ehemals recht verwildert und ich kann ihn mit dem Gärtner unmöglich wieder recht in Ordnung bringen; das liebe Unkraut hat sich allenthalben eingeschlichen und tiefe Wurzel gefaßt; wir tun beide, was wir können, aber es will immer nichts fruchten.

Bleib ja gesund, lieber Bruder, daß wir uns vor unserm Tode noch einmal sehn können; endlich muß es doch ans Sterben gehn, da hilft kein Widerstreben, und dann wollen wir sanft und geruhig in dem Herrn entschlafen.

 

17
Thomas an seinen Bruder Willy

Bondly.

Deine Briefe, lieber Willy, sind mir jetzt immer gar zu fromm. Es ist freilich wohl wahr, daß man sich in Deinem Alter von dem Irdischen etwas abziehen kann, und man tut ganz recht und wohl daran, aber alles Ding, Willy, hat auch sein Maß und Ziel. Wir sind in der Welt, um zu arbeiten, und etwas zu tun, und dazu möchte man alle Courage verlieren, wenn man immer nur an die Vergänglichkeit der Dinge denken wollte; darum bilde ich mir manchmal ein, daß manches, was ich tue und verfertige, ewig dauern würde, und mir ist ganz wohl dabei zumute.

Was Du mir von Deinem Garten schreibst, will ich gar gern glauben, weil Du und der Gärtner vielleicht nicht mit dem Dinge umzugehen wissen. Auch gehören zu solchem Werke viele Arbeiter und Gartenknechte, wie Du wohl auch hier an meinem Garten in Bondly wirst gesehn haben; die Natur hängt einmal nach dem Verwildern hin, und darum muß man Tag und Nacht dagegen arbeiten.

Der alte Herr Burton ist recht gefährlich krank und ich glaube, daß er schon zum Grabe reif ist. Die Untertanen sind alle vergnügt, und seine Kinder sind die einzigen, die ich weinen sehe. Es ist ihre Pflicht als Kinder, sonst hat er von den andern nicht leicht eine Träne verdient; er bekehrt sich vielleicht noch in seinen letzten Stunden, welches ich von Herzen wünschen will. Auf den Sohn hoffen wir aber alle recht mit Sehnsucht, und ich denke, es soll denn auch mit meinem Garten hier ein ander Ansehn gewinnen. Ich habe mit allen meinen Herrschaften bisher immer Unglück gehabt; die alte Dame in Waterhall ließ den Garten fast ganz verwildern, und der alte Herr Burton hat gar keinen recht guten Geschmack, und man darf ihm nichts einmal dagegen sagen, sonst wird er noch obendrein böse. So alt ich bin, so höre ich es doch gerne, wenn fremde Herrschaften den Garten und den Fleiß des Gärtners loben, und der Sohn, der junge Herr, hat auch schon manchmal mit mir darüber gesprochen. Man soll den hiesigen Garten gewiß weit und breit loben, die Leute sollen weit hieher reisen, um ihn zu sehn. Siehst Du, Willy, noch in meinen alten Tagen denke ich Ehre einzulegen, ich tue nicht so verzagt wie Du. Lebe wohl und bleibe nur gesund.

 

18
Andrea Cosimo an William Lovell

Rom.

Ist denn Dein umherschweifendes, unruhiges Gemüt nun endlich zur Ruhe gebracht? Deine wilden Zweifel sind aufgelöst und Du wirst Dich und die Welt wieder unbefangener betrachten können. Ich habe alles für Dich getan, was ich tun konnte.

 

19
William Lovell an Andrea Cosimo

Ich danke Dir, daß Du mich endlich aus den verworrenen Labyrinthen wieder zum Lichte des Tages geführt hast, denn meine Seele erlag. Aber jetzt ordnet sich alles Unstete und Umherschweifende in meinem Gemüte wie an Fäden, die alle in einem Mittelpunkte zusammentreffen. Du hast mich von der Wirklichkeit einer wunderbaren Welt überzeugt und alles hat sich in mir zufriedengegeben, alle Ideen und Empfindungen nehmen wieder ihre natürliche Stelle ein und die Harmonie mit mir selbst ist hergestellt.

 

20
Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Ich habe seit lange, teurer Freund, keine Nachrichten von Ihnen erhalten, und ich gerate fast in die Besorgnis, daß Sie ebenfalls krank sind. Mit Ihrem Vater hat es sich wahrscheinlich nicht gebessert, denn sonst würden Sie mir wohl einige Nachricht davon gegeben haben.

Ich fühle mich in der Einförmigkeit des Landlebens noch immer sehr glücklich; es scheinen mir lauter Mißverständnisse zu sein, wenn die Menschen so emsig nach ihrem Glücke suchen; selten denkt man sich bei dem Worte Glück etwas Deutliches, und die Wandrer gehn nun oft auf wunderbaren Wegen um das Ziel herum. Amalia ist ebenso froh und gesund, als ich bin, und ich möchte sagen, daß sie mit jedem Tage heiterer wird.

Ich habe mich jetzt daran gewöhnt, eine eigene Haushaltung zu führen, und ich und meine Frau haben uns noch nie gestritten, ein paar recht freundschaftliche Zänkereien abgerechnet, die über ein häßliches Weib entstanden, die Amalia aus zu großer Gutherzigkeit in ihre Dienste genommen hat. Dies Wesen hat ganz das Ansehen einer verzauberten Fee, wenigstens habe ich noch in keinem Märchen eine Beschreibung von einer häßlichern gefunden; ihre Physiognomie ist mir im höchsten Grade zuwider, es ist nicht meine Schuld, wenn ich sie zugleich für boshaft halten muß.

Leben Sie recht wohl und antworten Sie mir bald.

 

21
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Ich konnte Ihnen bisher nicht schreiben, teurer Freund, weil die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage zunahm, mich zu sehr beschäftigte und zerstreute. Sie ahnden es vielleicht aus diesem Anfange, daß er nicht mehr ist, und diese Nachricht war es, die der Inhalt meines Briefes werden sollte. Ja, Mortimer, er hat endlich alle Schmerzen, die ihn folterten, überstanden, und auch ich bin nun ruhiger. Seine Seele schied schwer von ihrem Körper, der sie doch nicht mehr zurückhalten konnte; ich kann es nicht unterlassen, ihn stets von neuem zu beweinen, wenn es mir wieder lebhaft einfällt, daß er nicht mehr ist. Er war in seinen letzten Stunden sehr freundlich und zärtlich gegen mich; er hätte sich mit der ganzen Welt so gern versöhnt, und sprach oft mit vieler Rührung von Lovell, seinem gestorbenen Feinde. – Vor seinem Tode hat er noch viele Papiere verbrannt, die er mit nassen Augen betrachtete.

Leben Sie recht wohl und glücklich; ich werde Sie auf einige Tage besuchen, um mich zu zerstreuen. Morgen ist das Begräbnis.

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