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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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9
Mortimer an Karl Wilmont

London.

Warum ich Dir so lange nicht geschrieben habe? Du solltest Dich doch schon daran gewöhnt haben, daß es in dieser Sterblichkeit eine Menge von Vorfällen, Wirkungen, Handlungen, und Unterlassungen ohne Ursache gibt. – Es gibt Leute, die bei einem Allegro weinen können, oder die beim schmelzendsten Adagio einen unwiderstehlichen Beruf zum Tanzen fühlen, wer wird hier nach den Ursachen fragen? Ebenso habe ich zu gewissen Zeiten Perioden von Trägheit, wo mir jede Feder zuwider ist, wo mich ein Billet, was ich schreiben soll, in Schrecken setzen kann; ich bin aber noch nie darauf gefallen, tiefsinnige philosophische Betrachtungen darüber anzustellen, ob die Seele oder der Körper daran schuld sei, von welchen Mittelideen und Kombinationen diese Sache abhängen möge.

Wir wollen also ganz davon abbrechen, erwarte keine Entschuldigungen, denn ich habe keine, ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten, denn ich weiß, Du hast es nicht übelgenommen; nur soviel will ich Dir zur Entschädigung sagen, daß diese Trägheit mit zu jenen Eigenschaften gehört, die ich mir mit der Zeit abgewöhnen will.

Deine Mutmaßung ist übrigens nicht ganz unrichtig, daß ich, wenn Du es durchaus so nennen willst, ernsthafter geworden bin. Mit Dir verließ uns der Geist unsrer lustigen Gesellschaften, und man darf nur etwas aufrichtig gegen sich selbst sein, so liegt so etwas Oberflächliches in dieser sogenannten genußreichen Art zu leben, eine Nüchternheit, in der ich mir oft die Langeweile des Tantalus recht lebhaft habe denken können. Ich habe mich itzt darum aus dieser Gesellschaft mehr zurückgezogen, ich bin mehr allein und – Du wirst vielleicht lachen – ich habe oft wieder angefangen zu studieren und mich dessen zu erinnern, was ich auf meinen Reisen gelernt habe.

Halte mich aber nicht für einen so schwachen Menschen, der aus einer Anwandlung von Langeweile sich gleich über Hals und Kopf in eine so steinharte Ernsthaftigkeit wirft, daß ihn die Hunde auf der Straße anbellen; denke nur etwa nicht, daß ich itzt mit einem essigherben Gesichte dasitze und wunder wie sehr meinen Geist zu beschäftigen glaube, indem ich mit philosophischem Anstande gähne und grübelnd eine Prise Tabak zwischen den Fingern zerreibe. Halte mich nicht für ein Wesen, das sich seine Zeit verdirbt, indem es sich tausend unnütze Geschäfte macht und sich selbst zur Bewunderung über die Menge seiner Arbeiten zwingt – nein Karl, ich bin noch immer der unbefangene Mortimer, der noch ebenso gern lacht, als zuvor, und der nichts sehnlicher wünscht, als einmal mit Dir ein herzliches Duett lachen zu können. O ich möchte meine Dinte in schwarze Klagelieder ergießen, oder die erste beste Stelle aus Youngs Nachtgedanken abschreiben, um es Dir recht fühlbar zu machen, wie sehr Du mir fehlst.

Wenn das alles wahr ist, was Du mir von William Lovell schreibst, so steht es schlimm mit ihm; es tut mir jedesmal weh, wenn ich einen jungen Menschen sehe, der sich selbst um die Freuden seines Daseins bringt. – Gibt es etwas Abgeschmackteres, als zu seufzen, zu weinen und alle Freuden der Welt aus einer Metapher in die andere zu jagen – und zwar, wie äußerst sinnreich und vernünftig! – weil ein andres Wesen nicht auch jammert und klagt – und zwar darüber, weil ich es tue. – Denn wahrlich, ich habe schon Liebhaber gesehn, die so geliebt wurden, daß nur noch ein Gran gefehlt hätte, und es wäre ihnen selber zur Last gefallen – die aber beständig die unglücklichsten Geschöpfe in der Welt waren; denn ihr Mädchen war ihnen lachend entgegengekommen, und sie hatten sie sich gerade weinend gedacht, weil sie einen Abschied auf zwei ewig lange Stunden nehmen sollten, um eine große Reise in die nächste Gasse zu ihrem Onkel zu tun, der ihnen einen Wechsel auszahlen wollte. – Es sind Schauspieler, die sich einen ellenhohen Kothurn angeschnallt haben, der nur dazu dient, sie in jedem Augenblicke fallen zu machen; sie sind unendlich über alle fade Sinnlichkeit erhaben, und sitzen da und können sich tagelang von ihrer Geliebten über die Farbe eines Bandes unterrichten lassen; der Schoßhund ihres Mädchens ist ihnen mehr wert, als ein halbes Menschengeschlecht, sie schwärmen in allen Regionen der Phantasie umher, um endlich doch dahin zurückzukommen, wo sie sich wieder in die Reihe der übrigen sterblichen Menschen finden; denn, ich hoff es zur Ehre der Menschheit, daß von diesen Mondsüchtigen noch keiner die Ansprüche gemacht hat, seine Geliebte ohne Augen zu sehn und ohne Ohren zu hören, wenn sie auch vergessen haben, daß die Sinne zu dem Hause, das sie bewohnen, die erste Etage ausmachen – am Ende sind sie oben dem Winde ausgesetzt, und sie ziehen wieder herunter.

Merkutio hat recht, wenn er sagt, das fadeste Gespräch hätte mehr Sinn, als das Selbstpeinigen dieser verlornen Söhne der Natur, die sich von Trebern nähren, und diese in einem beklagenswürdigen Wahnsinne für Ambrosia halten.

Deine Schwester hab ich heut schon besucht, sie ist schön und scheint ebenso verständig, außer – daß sie traurig war und gewiß um Lovell – es tut mir leid um sie. –

Es wäre übrigens wohl möglich, daß Du Dich in Deiner Einsamkeit ganz ernsthaft verliebtest. Dein Auge sieht keinen andern Gegenstand, der Dich zerstreuen könnte, und die Gewohnheit ist auch hierin die zweite Natur. Diese allmächtige Gottheit macht ja sogar, daß so mancher mit seiner Frau zufrieden ist, die er außerdem gegen einen Star austauschen würde. Dazu ist Emilie, die Schwester Deines Freundes Burton, schön und liebenswürdig, und liebt, wie alle jungen Mädchen, die hohen Spannungen des Gemütes, es ist daher keinem Zweifel unterworfen, daß Deine Stimmung die ihrige erschaffen kann, oder umgekehrt.

Ich erwarte also nächstens einen Brief voller Seufzer und mit einer Träne gesiegelt; bis dahin bin ich Dein treuer Freund

Mortimer.

 

10
William Lovell an Eduard Burton

London.

Ich bin auf dem Landhause meines Vaters, nahe bei London, ich sehe die Türme der Stadt, die Amalie bewohnt, ich höre ihre Glocken aus der Ferne – oh, das Herz schlägt mir ängstlich und ungestüm, daß ich sie so nahe bei mir weiß und sie noch nicht gesehen habe – ja, ich muß sie heut noch sprechen.

Mein Vater war ungemein fröhlich, da er mich wiedersah, seine Freude hatte einen Anstrich von Melancholie, die mich gerührt hat, er sah bleich und krank aus, er umarmte mich mit einer Herzlichkeit, in der ich ihn noch nie gesehn habe, er findet überhaupt sein Glück in dem meinigen und in der Zukunft, die er mir ebnen will; er sprach so manches von Verbindungen, die er meinetwegen suchen würde; er schien mir ankündigen zu wollen, wie sehr er einst meine Verheiratung mit der einzigen Tochter und Erbin des Lord Bentink wünschen würde – wer weiß, wie viel Unglück mir noch die trübe Zukunft aufbewahrt. – Ich überlasse mich zuweilen mit einer unbegreiflichen Trägheit der Zeit, daß sie den Knäuel auseinander wickele, der mir zu verworren scheint.

Von Dir hab ich also nun auf lange Abschied genommen? – Bald werden sich Städte und Meere zwischen uns werfen, bald wird ein Brief von Dir zu mir Wochen auf seiner Reise brauchen. – Den Abend vor meiner Abreise von Bondly ging ich noch einmal durch die mir so bekannten Gärten, ich nahm von jedem Orte Abschied, der mir durch die Zeit, oder irgendeine Erinnerung wert geworden war. Aus den Wipfeln fiel eine schwere Ahndung auf mich herab, daß ich nie dort wieder wandeln würde, oder im Verluste aller dieser großen Gefühle, die den Geist in die Unendlichkeit drängen und uns aus unsrer eigenen Natur herausheben.

Wenn ich nun einst wiederkehrte, den Busen mit den schönsten Gefühlen angefüllt, mein Geist genährt mit den Erfahrungen der Vorwelt und eigenen Beobachtungen, wenn ich nun bemüht gewesen wäre, die Schönheiten der ganzen Natur in mich zu saugen, um dann ein fades, alltägliches Leben zu führen, von der Langeweile gequält, von allen meinen großen Ahndungen verlassen; – wie ein Gefangener, der seinen Ketten entspringt, im hohen Taumel durch den sonnbeglänzten Wald schwärmt – und dann zurückgeführt, von neuem an die kalte gefühllose Mauer geschmiedet wird. –

Doch, ich sehe Dich lächeln – nun wohl, ich gebiete meiner Phantasie, und diese schwarzen Gestalten sinken mit ihrem nächtlichen Dunkel vom Tuche herab, und ein liebliches Morgenrot dämmert empor – da hebt sich nun die ganze Landschaft majestätisch und schön aus dem chaotischen Nebel empor, wie von der Hand eines Gottes angerührt steht die Natur in ihrer reizendsten Schöne da und die Phantasie verliert sich in den Gebirgen, den Grenzen des Horizontes. – Schon ist die Natur geschäftig, in fernen Landen alle meine Ideale zu realisieren, schon seh ich jede Landschaft wirklich, die ich einst als Gemälde bewunderte oder von der ich in einer Beschreibung entzückt ward, die Kunstwerke des großen Menschenalters stehn vor mir, die die grausame Hand der unerbittlichen Zeit selbst nicht zu zernichten wagte, um nicht die glänzendste Periode der Weltgeschichte auszulöschen. –

Oh, wenn Amalie mich liebte! – Eduard, ja, ich werde sie heut noch sehn!

 

11
William Lovell an Eduard Burton

London.

Eduard, o freue Dich mit mir, Freund mit Deiner brüderlichen Seele, alle Zweifel sind gehoben, alle Rätsel aufgelöst – Amalie liebt mich! – Dieses neue Bewußtsein hat mich aus allen kleinen armseligen Gefühlen zum hohen Genusse eines Gottes emporgerissen, ich bin zu Empfindungen gereift, von denen mir auch keine Ahndung etwas sagte, ich stehe in einer Welt, wo der gütige Schöpfer Freude und Wonne aus jedem Zweige blühen und über jeden Hügel glänzen läßt. – Alles was ich sehe, was ich höre, – alles was lebt ist vom Hauche der Liebe – vom Hauche Gottes beseelt.

Wie unter mir alles zusammenschrumpft, was ich einst für groß und wichtig hielt! Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf.

Wie gleichgültig und öde kam noch gestern die ganze Welt meinem Blicke entgegen; alles ist heut mein Freund, alles lächelt mich liebevoll an. – Eduard – wie soll ich Dir die Empfindung beschreiben, als ich nun die Straße betrat, in der sie wohnt – als ich vor ihrem Hause stand – es war schon Abend, ein blasser Schimmer des Mondes brach durch graue Wolken – mein Herz klopfte hörbar, als ich dem Bedienten meinen Namen sagte und die Treppen hinaufstieg. – Sie war allein, ich trat in das Zimmer. – Himmel! war es nicht, als käme mir ein Engel entgegen, um mich im Paradiese zu bewillkommnen, wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft an, in der sie atmete – ich weiß nicht, was ich ihr sagte, ich weiß nicht, was sie antwortete, aber meinen Namen sprach sie einigemal mit einer unaussprechlichen Süßigkeit. – Wir setzten uns, ich war in einer wehmütigen freudigen Stimmung – sie sprach von der glücklichen Aussicht einer so schönen Reise – ich hatte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten – o Himmel, wie gütig sie zu mir sprach, wie jeder Ton im Innersten meiner Seele widerklang, jede Silbe foderte mich auf, mich dieser holdseligen Güte zu entdecken – ich sank an ihren Busen und stammelte ihr das Bekenntnis meiner Liebe.

Ich war auf alles gefaßt, aber nicht auf diese Milde eines glänzenden Engels, mit der sie mich schweigend noch fester an ihren Busen drückte. – Ich zweifelte in diesem Augenblicke an meinem Dasein, an meinem Bewußtsein – an allem. Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht.

Unsre Lippen begegneten sich, ihr Mund brannte auf dem meinigen – mein Herz ging auf vom ersten Sonnenstrahle getroffen – wie Blumen taten sich alle meine Sinne auf, den Glanz in sich zu saugen, der so freundlich auf sie herabstrahlte. Ich drückte sie inniger an meine Brust, ich fühlte im Klopfen ihres Herzens das Unendliche, Unaussprechliche, das sich in diesem Moment mit meinem ewigen Geiste vermählte, und das wir Menschen stammelnd Liebe nennen.

Eduard! ich soll ihr schreiben, sie will mir antworten! – Oh, sie ist ein Engel! Sie würde ihr Leben opfern, mich glücklich zu machen!

Ich bleibe noch länger als eine Woche bei meinen Eltern. Ich werde sie noch oft sehn; mir ist seit gestern, als dürfte nur dies das Geschäft meines Lebens sein. – Ich habe auch den Mann kennen lernen, der mich auf meinen Reisen begleiten soll, er heißt Mortimer. – Mein Freund wird er schwerlich werden können, er hat eine gewisse kalte beißende Laune, die mich von ihm gestoßen hat. – Er soll viel wissen – er hat diese Reise schon einmal gemacht, er ist älter als ich; alles dies zusammengenommen hat meinen Vater bewogen, ihn zu meinem Begleiter auszuwählen. Er scheint sehr unterhaltend zu sein – aber ich liebe nicht diese Art von Charakteren, das Satirische in ihm gefällt mir nicht, diese Erhebung über die andern Menschen, diese Bitterkeit führt leicht zur Menschenfeindschaft – ich liebe die meisten, möchte sie gern alle lieben und mag über keinen spotten; – jeder bewache seine eigne Schwäche.

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