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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Sechstes Buch

1795

1
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich war durch unser gestriges Gespräch außerordentlich erhitzt, und ging wie berauscht nach Hause. Es waren so viele der fernsten Erinnerungen in mir geweckt, die noch immer in wiederholten Gängen durch meinen Busen zogen. Es ist manchmal, als wollte sich das Rätsel in uns selber aufschließen, als sollten wir plötzlich die Anwendung aller unsrer Empfindungen und seltsamen Erfahrungen kennenlernen. Die Nacht umgab mich mit hundertfachen Schauern, der monderhellte durchsichtige Himmel wölbte sich wie ein Kristall über mir, und spiegelte die seltsamsten Empfindungen wie Schatten in diese Welt hinein. – Rosalinens wehmütige Gestalt war mit unter den bunten Schatten, sie ging neben mir, und verlor sich im krausen Dunkel jedes Baums, und stand im hellen Mondscheine wieder da: wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt, hing die ganze Natur um mich her. Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise dargestellt, ich ahndete eine Menge von trüben und fröhlichen Empfindungen gleichsam im voraus.

Es fällt mir oft ein, warum ich gerade so und nicht anders empfinde, und warum ich vorzüglich auf diese Frage geführt bin, die mir gewiß in keiner andern Seelenstimmung beifallen würde. Die Vorstellung unserer Individualität ist die seltsamste, die uns überraschen kann.

Ich bin äußerst begierig, um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen, von dem wir fast täglich gesprochen haben. Ich kann mir sehr gut einen Menschen vorstellen, der eine unumschränkte Gewalt über alle Gemüter hat, die ihn umgeben; aber es muß das interessanteste Studium sein, einen solchen näher kennenzulernen, selbst zu fühlen, auf welche Art er an unsern Ideen und Gefühlen reißt, und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben, indem wir lernen, wie er auf uns wirkt, und er begreift, wie er auf uns wirken kann. Ich wünsche seine Bekanntschaft, und fürchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung. Sie haben gewiß viel zu freundschaftlich das Wort geführt, und er findet mich vielleicht einfältig und abgeschmackt, denn sosehr ich auch eine Zeitlang die höhere Achtung vor allen Menschen hatte, so war es mir doch leichter, mit ihnen umzugehn, und mein Benehmen freier, als jetzt, da ich die meisten verachte. Wenn ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe, bin ich leicht in Verlegenheit, ich fühle mich so entfernt von ihm, die fremde Art, dieselben Gedanken, die ich habe, zwar auch zu denken, aber in seinen Begriffen anders zu ordnen, macht mich verwirrt, und durch die Bemühung, mich ihm recht verständlich zu machen und näherzubringen, werd ich immer weiter von ihm entfernt, vorzüglich aber, wenn ich noch obenein bemerke, daß er sich nach mir bequemen will. – Ich wollte, man könnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen, so wie man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten, allgemeinen Ideen verstehen kann. –

 

2
Rosa an William Lovell

Ihre Besorgnisse, lieber Freund, sind ungegründet; der Mann, von dem wir gesprochen haben, gehört nicht zu jenen verständigen Leuten, die mit dem Fragmente ihrer Vernunft so ungeschickt umgehn, es so linkisch handhaben und widerwärtig regieren, daß man von ihrer Aufklärung keinen Genuß empfängt, sondern nur Verworrenheit der Begriffe, und Resultate, die fremd und unpassend unter den eigenen Mobilien unsers Gehirnes stehen. Diesem Manne wird es leicht, sich alle Gedanken, selbst die entferntesten, zu vergegenwärtigen, und sie zu seinen eigenen zu machen; für ihn gibt es keine fremde Seele, und darum behandelt er keine mit der Verachtung, die wir so oft an andern sogenannten verständigen Menschen, mit so tiefem innerlichen Widerstreben gewahr werden. Wenn ich Ihnen sage, daß er Sie vielleicht schon besser kennt, als Sie glauben, so ist dadurch wahrscheinlich alle Ihre Furcht gehoben, und damit Ihre Bekanntschaft nicht beim ersten Male jene steife, widerwärtige Art erhalte, mit der man nach hergebrachten Formeln, wie in einem Spiele, sich seltsam genug die gegenseitige Vertraulichkeit abgewinnen will, so sollen Sie ihn auf einem Spaziergange treffen, wenn Sie heut abend nach Sonnenuntergange die Ruinen vor dem Kapenischen Tore besuchen.

 

3
William Lovell an Rosa

O Freund, welche seltsame Nacht hab ich gehabt! – Wie verhüllte Spiegel hing es in meinem Innern; heut ist der Vorhang hinuntergezogen, und ich erblicke mich selbst in veränderter Gestalt, und tausend sonderbare Gegenstände um mich her.

Ich kann immer noch nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen; ich weiß noch immer nicht, was ich denke oder schreibe; ich liege noch wie in einem Traume, und hefte mein Auge auf das Papier und die hingeschriebenen Worte, um zu erwachen.

Ein andermal, morgen, will ich Ihnen erzählen, wenn ich etwas beruhigter bin. Ich werfe mich ins Bette, um mich vor dem Grauen zu verbergen, das mir nachschleicht.

 

4
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich habe zu Ihnen geschickt, und vom Boten leider vernehmen müssen, daß Sie schon wieder nach Tivoli abgereist sind, ich hätte Sie so gern gesprochen und Ihren Rat und Beistand erbeten.

Ich habe in dieser Nacht nur wenig geschlafen, und bin im Schlafe von unangenehmen Träumen verfolgt. Ach Freund, ich kann Ihnen unmöglich sagen, was ich alles empfunden und gelitten habe, mir ist, als wenn sich vom gestrigen Abende eine Epoche durch mein ganzes künftiges Leben ausstrecken würde; viele Ahndungen sind mir nähergetreten, und tausend ungewisse Zweifel haben sich inniger mit meiner Natur verbunden.

Ich ging vor das Kapenische Tor. Der letzte Schimmer der Abendröte glänzte in dem durchsichtigen Moose, das zwischen den Gebäuden hängt, alles umher vereinigte sich zu großen Massen, und die Schatten kamen immer größer von Osten her; ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den Ruinen, und dachte an meinen Vater und Rosalinen, und an jene Zeit, als diese Trümmern hier stattliche Landhäuser waren. – O ich bin heut ruhig genug, um Ihnen alles weitläuftig zu beschreiben, das helle Morgenlicht glänzt über mein Papier, und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische Fiktion.

Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist? Die Gegenwart ist nur ein Traum, die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem Traume, die Zukunft eine Schattenwelt, deren wir uns einst auch nur mit Mühe erinnern werden.

In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht, keine Lautentöne erklangen durch die Nacht, keine Schatten bewegten sich auf dem grünen Rasen. Ich konnte es nicht unterlassen, dicht zum verlassenen Hause hinzugehn, und meine Arme, wie in Gedanken, nach dem verödeten Gebäude auszustrecken: ich konnte es nicht begreifen, warum die Hütte jetzt unbewohnt war; alles in meinen Erinnerungen war so ungewiß und doch so quälend, ich trat schnell vom Hause hinweg, und die Welt lag so dürr und ausgestorben da, ich hörte Menschenschritte, die dumpf und unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten, Vögel mit ziehenden Gesängen und rauschende Bäume, alles, alles umher, wie mühsam zusammengebracht, um die Totenstille zu unterbrechen. Jeder Ton hatte seinen Klang verloren, der uns entzückt und begeistert, jeder Gegenstand die Bedeutung, die ihm unsre erhitzte Phantasie beilegt. Die Berge standen fern hinauf wie Totenhügel, das ganze Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswürdig vor, wie sie alle mit den Füßen schon in ihren Gräbern wandeln, und immer tiefer und tiefer untersinken, nach Hülfe schreien, und kläglich die Hände ausstrecken, aber kein Vorübergehender sie hört und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt. Keine Dämmerung und Morgenröte wollte sich an meinem Horizonte emporringen, unermüdet lag die melancholische Nacht mit ihren Flügeln über mir; ach und ich konnte nicht weinen und schluchzen, ich konnte meinen heißen dürren Jammer nicht in Tränen und Töne auflösen, kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in meinem Herzen auf, um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben, keine goldene Täuschung kam meinen müden Sinnen zu Hülfe; ich fühlte mich wie in einem Gefängnisse unter Millionen Elenden verriegelt, dürr und kalt die Mauern um uns her, ach ich glaubte nicht der einzig Verstoßene zu sein, und konnte mich darum nicht trösten.

Ich hatte vergessen, wen ich erwartete, als mir eine schreckliche, ach nur zu bekannte Gestalt näher trat. Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in sichtbarer Bildung auf mich zu, und ich entsetzte mich innig. – Was soll ich hier von kindischen Träumereien reden, an die ich selbst nicht glauben kann, warum soll ich mich wie ein Knabe gebärden, wenn mich ein seltsamer oder auch nicht seltsamer Zufall überrascht? – Aber es mag sein, mir ist als habe mein Vater schon diesen wundervollen Andrea gekannt, den ich nun zum dritten Male mit innigem Entsetzen und in immer nähern Beziehungen auf mich gesehen habe.

Ich weiß nicht, was ich gesprochen haben mag, ich weiß ebensowenig, was jener sagte, und was mich umgab. Wie wenn alle meine seltsamsten Träume wirklich würden, wie wenn ich jetzt zum eigentlichsten Leben erwachen wollte, wie wenn die ganze Natur mich plötzlich festhielte, und jeder Baum und jeder Stern mit geheimnisvollen Winken auf mich hindeutete; wie wenn sich jedes Rätsel von der Kette, die es lange zurückhielt, losreißen wollte – so Rosa – o ich habe keine Worte für dies Gefühl – so wie einem Verbrecher, der sich plötzlich in seinen widersprechenden Lügen gefangen fühlt, und dem nun das Wort im Munde erstarrt – so war mir in meinem Innern.

Im innersten Grausen sprach ich beherzt, ja frech, so wie im Rausche; der Alte schien verwundert. Ich sagte tausend Dinge, die ich nie gedacht habe, und die ich auch nur in diesen Augenblicken zur Hälfte dachte; ich war mir meiner selbst nur dunkel und ungewiß bewußt, und es stand kein fremder Mann vor mir; ich sprach nur zu mir selber, und wie Wolken, Lichter und Schatten flatterten Gedanken durch meinen Kopf, wie wunderbare Töne von fremden ziehenden Vögeln erscholl es in meinem Innern, wie Mondschein, mit dem der Glanz der Morgenröte kämpft, und beide ihre strahlenden Gewebe durcheinanderspinnen, so seltsam erleuchtet war mein Gemüt.

Wir gingen auf und ab, und ich hörte ihn sprechen wie einen fernen Wasserfall, wie rätselhafte Donner, die beim Sonnenschein aus der Ferne den gewölbten Himmel hinaufklimmen. – Wir verließen die Ruinen und ich folgte ihm schweigend nach seiner Wohnung.

Ein blasses Licht erhellte sein altes, abgezehrtes Gesicht, in dem jede Falte und jeder Zug eine andere Sprache redeten. Wie wenn sich plötzlich der wohlbekannte Bruder an der Seite des Bruders in einen alten Mann umwandelt, so müßte jener die Empfindungen haben, die mich peinigten. Er ward mir so bekannt und blieb mir doch so fremd, ich mußte ihn lieben und hassen, o ich hätt ihn erwürgen mögen, um nur des Kampfes, um nur der Zweifel loszuwerden. – Und ich kannte ihn dennoch, und sein Bild war von Jugend auf tief meiner Phantasie eingeprägt!

Es ist ein mühsames Geschäft zu leben, unaufhörliche Zweifel und Furcht, Pein und Angst, das ganze Heer der Erinnerungen, alle jagen uns durch furchtbare Waldlabyrinthe, wo wir in jedem dunklen Gange, in jeder neuen Krümmung ein seltsames und grauenvolles Unding erwarten; wir haben nicht Zeit zu überlegen, nicht Zeit, vor uns zu sehn, nicht Atem, um zu klagen – bis wir niederstürzen, und alle Furchtbarkeiten zugleich über uns herfallen, und das ereilte Wild zerfleischen. Bis man erwacht, heißen unsre Phantasieen Träume, bis dahin unser Dasein Leben.

Ich trat ans Fenster. Ein kleiner Rasenplatz und Rosalinens Hütte gerade vor mir; ich sah in dem kleinen Garten deutlich die wankenden Malven stehn, und der Mond stieg jetzt dunkelrot herauf, und sah zuerst in ihr Fenster hinein, und fand sie nicht. – Der Alte muß mich hier oft gesehn haben, wie ein Geist hat er mich umgeben, ich schämte mich nicht vor ihm, sondern sah ihm nur um so unbefangener ins Auge. Dann flog ich mit meinen Gedanken zu Rosalinen hinüber, und ich sah sie sitzen, und stumm und zwecklos in die Saiten der Laute schlagen, ich tröstete sie über ihren Tod, und sah ein bitteres Lächeln auf ihrem Gesichte; dann hört ich mich von meinem Vater rufen, mit denselben Tönen, mit denen er mich in der Kindheit zu sich lockte, ich hörte den großen Hund, den treusten Freund meiner Knabenjahre, bellen – und alles verschwand dann, und ich saß dem alten freundlich melancholischen Andrea und seinem grübelnden Auge gegenüber. –

Und jetzt sitz ich hier und bin einsam, und sehe ihn doch im nebenstehenden Stuhle sitzen. Ich werde ihn wiedersehn und werde anders fühlen, und er wird vergehen, so wie ich, und keiner wird unsrer denken. –

 

5
Bianca an Lovell

Rom.

Ist es Dir denn möglich, mich so ganz zu vergessen? Unsere munteren Gesellschaften haben an Dir ihre Seele verloren, und jede Freude ist stumm und sitzt verlassen im Winkel. Denkst Du gar nicht mehr an unsere heiligen Bacchanale zurück und an die stürmende Fröhlichkeit, die uns so wild und göttergleich begeistert? Sind Dir Deine schwermütige Träumereien und Dein leeres Nachsinnen lieber als das Mädchen, das Dich so innig liebt. – Schenke uns wenigstens den heutigen Abend, den wir allen Scherzen gewidmet haben und laß mich durch ein paar Worte, die Du mit dem Boten zurückschicken kannst, Deinen Entschluß erfahren. –

Bianca.

Ich komme.

W. Lovell.

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