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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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10
William Lovell an Rosa

Rom.

Es müßte nichts Schöners sein, als sich selbst recht genau kennenzulernen, und, lieber Freund, wenn man sich recht fleißig beobachtet, warum sollte es der Mensch nicht auch hierin zu einer gewissen mechanischen Fertigkeit bringen können, wie in so manchen andern Sachen, die uns doch so durchaus geistig vorkommen? so daß wir am Ende eine Festigkeit des Blickes erhalten, der die ungewissen, flatternden Gestalten fest und stehend werden läßt? Mir sind wenigstens seit einiger Zeit tausend Sachen aus den fernsten Jahren, aus den verworrensten Gemütsstimmungen eingefallen, an die ich bisher entweder gar nicht dachte, oder sie mir doch nicht so deutlich auseinandersetzen konnte. Man steigt vielleicht immer höher, alles erscheint dann immer mehr als Zufälligkeit, was wir jetzt als unser Wesen betrachten, bis wir uns unserm eigentlichen Selbst immer mehr nähern, je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren. – Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne, da ist es manchmal, als schwingt sich mir etwas im Herzen empor, ein Gefühl, das mich überrascht und erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem Gedächtnis, wie mit einer Hand darnach, um es mir selber aufzubewahren. Aber sonderbar, Rosa, es ist in mir, und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder, so daß ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehn mir zu Gebot, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber dies ist ein Gefühl, das feiner und geistiger ist, als alles übrige; aber was ist es und woher kömmt es und wohin geht es, wenn es nicht mehr in mir bleibt? – Sollten diese Zustände vielleicht ebenso in uns sein, wie das Sonnenlicht in einer gläsernen Flasche, das kömmt und geht, so wie die Wolken ziehn?

Wie mag es überhaupt wohl um unsre Willkür stehen? Wer weiß, was es ist, was uns regelt und regiert, welcher Geist, der außer uns wohnt, und nur allmächtig und unwiderstehlich in uns hineingreift. Aus meinen Kinderjahren fallen mir manche Tage ein, wo ich unaufhörlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken mußte, wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den gräßlichsten Flüchen lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich unwiderstehlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen legte, bloß um es nicht zu tun – nun Rosa, damals war ich gewiß unschuldig und unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch – was war es denn nun, das mich trieb, und mit gräßlicher Hand in meinem Herzen wühlte? – Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen, und doch gewährte mir dieser Zustand wieder innige Wollust. –

O wir sollten überhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehn, und das lernen, was wir so gern verlernen, und es dann mit nichtiger Eitelkeit die Ausbildung unserer Seele nennen. Es ist, als wenn noch ein flüchtiger Schein einer früheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte, wie der Widerschein eines Glanzes, bedeutend und doch rätselhaft; wie Töne klingt es herüber, durch die der Wind fährt, die einzeln schallen, und in denen man doch Zusammenhang wahrnimmt.

Als Kind träumt ich einst, die ganze Welt ginge unter, und aus allen den ungeheuren Massen schmolzen einzelne Töne heraus, die sich nun durch den leeren Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten, und sich verschlangen, und bunt durcheinanderwühlten. Bald versank der helle Ton in den tiefern, und dann erklang ein wunderbares Gemisch; bald spaltete sich ein dumpfer tiefer Klang, wie ein Farbenstrahl in viele helle Streifen, die wie Sonnenblitze hochklingend ausfuhren, und wieder in den mütterlichen Ton zurückfielen. Ich hörte das wunderbarste Konzert, das mich in der ungeheuren Leere mit Schwindel erfüllte, so daß ich bald nichts mehr hörte, und in einen tiefen bewußtlosen Schlaf versank.

Ich weiß, daß dies für die meisten Menschen Unsinn ist, aber vielleicht ließe sich in dieser Ahndung der Wahrheit (denn das sind gewiß immer diese Spiele der Phantasie) ein sehr tiefer Sinn erforschen, wenn meine Beobachtung ebenso fein wäre, als der Sinn, der diese Erscheinung hervorbrachte, wenn ich nicht von den Armen des Irdischen zu fest gehalten würde, und sich immer wieder neue Bilder zwischen mein Auge und den beobachtenden Gegenstand schöben: kurz, wenn ich mich in einer ebenso glücklichen Himmelsverklärung, in einem ähnlichen Traume kommentieren könnte.

 

11
Karl Wilmont an Emilie Burton

Roger Place.

Erschrecken Sie nicht, ums Himmels willen nicht, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief eröffnen und die Unterschrift gewahr werden; lesen Sie ihn lieber zu Ende, und tun Sie, als wüßten Sie nicht von wem er käme; o erstaunen Sie wenigstens so sehr, daß Sie in Gedanken immer weiterlesen, und sich nur beim Schlusse von Ihrer Verwunderung erholen können. Hören Sie mich wider Ihren Willen, so wie ich wider meinen Willen unaufhörlich an Sie denken muß. – Und doch – was werde ich Ihnen nun sagen? – Meine Feder und mein Kopf stockt; ich hatte keine Ruhe, ich wurde hin- und hergetrieben, und eine unbekannte Gewalt mahnte mich, an Sie zu schreiben – nun gut, und hier sitze ich, und weiß wahrhaftig nicht eine Silbe, nachdem ich den Anfang niedergeschrieben habe. –

Meine Gedanken wandern von Osten nach Westen und von Süden nach Norden, und gehn nach allen Richtungen, und kommen aus allen Richtungen, wie die Ameisen in den Stock meines Kopfes zurück, und alle schleppen so schwer und mühsam, ich denke wunder welche neue Systeme und Erfindungen, welche unendliche Rechnungen und Auflösungen von algebraischen Rätseln sie mit sich führen – und wenn ich sie nun am Eingange mustere, so schleppt sich dieser mit Ihrem Bilde, dieser mit einem lahmen Sonette, jener mit einem künstlichen Seufzer, dieser mit einer Anekdote, die Sie irgendeinmal erzählt haben – ach, und können Sie mir etwas Schöners bringen? Ich lege alles auf den Winter und die teure Zeit hin, und denke mich in der Einsamkeit daran zu erquicken. Ach, eine bittersüße Erquickung!

Ich möchte manchmal alle Leute, die das Unglück und unsre verdammten Verhältnisse erfunden haben, zum Henker wünschen! Müssen wir denn in dieser öden lumpigen Welt noch so tun, als wenn wir wunder wie viel gewonnen hätten, wenn man uns die schwarzen Brandstellen zeigt, an denen vorher so herrliche Bäume standen? Es ist jetzt in der ganzen Welt ein unglückliches Jahr, ein Mißwachs an Glück, das Unkraut, das zwar auch Blüten hat, hat den Weizen verdrängt – und keiner von den Arbeitern will es merken, und wenn einer hie und da über die herrliche Ernte die Achseln zuckt, so wird er noch obendrein für einen Felddieb erklärt, und mit Hunden gehetzt und mit Verwünschungen verfolgt.

Ich reiste von London hieher, um ruhiger zu werden, und ich bin nun unzufriedener, als je. O Emilie, verzeihen Sie den rauhen Ton meines Briefes, verzeihen Sie den ganzen Brief, ach verzeihen Sie mir, daß ich so unbeschreiblich an Ihnen hange. –

Wir sprechen täglich von Ihnen und von Ihrem lieben Bruder, wir ersetzen uns durch häufige Erzählungen von Ihnen Ihre Gegenwart, so gut wir es können: aber ich denke leider nur desto öfter an Sie, je mehr von Ihnen gesprochen wird, um so mehr fühl ich Ihre Entfernung. –

Wir pflanzen und säen im Garten, und haben alle eine glückliche Hand. Meine Schwester wird hier ganz zur Bäuerin, und lebt in ihren Stauden und Blumen, und pflegt jede mit einer mütterlichen Sorgfalt; ich suche indes von einem Ende des Gartens zum andern, im Felde und im benachbarten Walde ein Etwas, das ich selbst nicht kenne; ich strebe Sie zu vergessen, und mich Ihrer recht lebhaft zu erinnern.

Es wird Abend, und mein Trübsinn nimmt zu, je mehr die Sonne hinuntergeht: o noch eine Bitte, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben, so würdigen Sie mich einer kleinen Antwort, wenn es auch nur einige Worte sind, die Sie meiner Schwester einlegen, damit ich doch so stolz sein kann, daß ich etwas von Ihrer Hand besitze, das einzig und allein an mich gerichtet ist.

Ich siegle schnell und schicke den Brief fort.

 

12
Emilie Burton an Karl Wilmont

Bondly.

Ich fühle es zwar recht gut, daß ich nicht schreiben sollte, allein es ist derselbe Fall, wie mit Ihnen, ich tu es wider meinen Willen. Lieber, seltsamer Freund, warum machen Sie sich mutwillig Ihr Leben so unruhig und freudenleer? Wenn ich Sie überführen könnte, daß Sie unrecht haben, so sollte mich ein sehr langer Brief gar nicht gereuen, aber ich glaube, daß Sie sich selbst alles ebenso gut und noch besser sagen, was ich Ihnen sagen könnte, daher ist meine Weisheit überflüssig. Es ist zwar schon eine alte Bemerkung, daß die Menschen nie so sind, wie sie sein sollten und könnten; allein versuchen Sie es einmal, diese Bemerkung durch Ihre Handlungen zu widerlegen, und Sie werden finden, daß es weit leichter ist, als man gemeiniglich glaubt. Wenn ich mündlich mit ihnen sprach, waren Sie oft gutmütig genug, mir recht zu geben und zu tun, als hielten Sie sich für überzeugt, aber ich wette, daß Sie jetzt, indem ich Sie nicht sehe, die Achseln über mich zucken. – So sind die Männer, ihre Freundschaft ist Galanterie, und diese Galanterie verbietet ihnen, offenherzig zu sein, weil sie uns für so töricht und schwach halten, daß wir nur Schmeicheleien und Komplimente ertragen können. –

Mein Vater ist sehr schwach, und ich bin sehr um ihn besorgt: dieser Kummer hat mir alle gute Laune geraubt.

Sehn Sie, wie freigebig ich bin! Sie verlangten nur einige Worte, und ich schicke Ihnen einen ganzen Brief, der noch überdies moralischen Inhalts ist. – Grüßen Sie Ihre liebe Schwester, und leben Sie recht wohl.

 

13
Willy an seinen Bruder Thomas

Paris.

Lieber Bruder, mir kömmt nun unser liebes England schon ganz nahe vor, so weit es mir auch bei meiner ersten Reise war. Ich bin jetzt schon wieder in Paris, und meine übrige Reise ist mir nur noch wie ein Traum. Ach, lieber Bruder, es war mir alles recht sonderbar, als ich wieder durch dieselben Gegenden und Steingebirge reiste, durch die ich mit meinem Herrn Lovell gefahren bin; oft war ich so in Gedanken, daß ich meinte, ich reise noch mit ihm, und dann war ich so zutraulich und behende mit dem Franzosen, wie mit meinesgleichen. Ich wurde recht betrübt, wenn ich dann beim hellen Scheine der Lichter das fremde Gesicht sah, und ich hatte dann ein ordentliches Heimweh nach meinem Herrn, wenn er mich auch nicht mehr liebt.

Sei nicht böse über mich, lieber Bruder, wenn ich mich so gar sehr darauf freue, Dich wiederzusehn; ich kann es ebensowenig leiden, wie Du, wenn alte Leute sich wie die Kinder gebärden, es ist auch gar nicht mein Fall, und ich mache immer nur so viel unnützes Geschwätz, weil ich zu dem Rechten, was ich Dir sagen will, die Worte nicht finden kann. Es ist doch mit dem Menschen eine kuriose Einrichtung! Ich kann überhaupt mit dem Sprechen und Schreiben noch immer nicht recht ins reine kommen, es laufen mir immer tausend Worte aus dem Munde heraus, die ich nicht haben wollte, und das sind die unnützen Worte, die ich so wenig wie ein andrer Mensch gebrauchen kann, die echten und gediegenen aber sitzen mir inwendig fest, und wollen sich nicht losarbeiten. Noch närrischer ist es, daß ich manchmal wohl auch so einen recht vernünftigen Brocken herausbringen könnte, aber dann ist mir, als wenn ich mich ordentlich schämte, so gescheit wie andre Menschen zu sein, und ich rede denn lieber dumm, um nur die Last wieder loszuwerden. Ich glaube, Thomas, es gibt mehr solche Leute, wie ich bin, und die Anzahl der Dummen ist nicht so groß, als man gewöhnlich glaubt; drum hab ich auch immer einen ordentlichen Respekt vor jedem einfältigen Menschen, weil ich immer meine, er trägt unter seinem schlechten Überrocke ein kostbares Unterfutter.

Wenn ich erst zu Hause bin, und Dich besuche, will ich Dir sehr viel von meiner Reise erzählen. Das ist denn doch am Ende meine ganze Freude, die ich in der langen Zeit gehabt habe.

Hier in Paris bin ich ordentlich wie zu Hause, so bekannt ist mir noch alles, und alles ist noch gerade so, wie damals, als ich hier war. Es ist eine närrische Gotteswelt, in der wir leben, und sie könnte gewiß besser sein, wenn alle Menschen sich nur für Arbeiter in dem Weinberge hielten; aber alle wollen essen, und viele tun doch gar nichts, sondern verderben noch im Gegenteile die Reben, und stören andre Menschen in der Arbeit; und das soll denn heißen, daß sie den ganzen Weinberg regieren und in Ordnung halten.

Je mehr die Menschen nach obenhin klettern, je mehr vergessen sie, daß sie auch nur Menschen sind, sie kennen dann ihre armen Brüder nicht mehr, und Gott nicht mehr. Die Gottesfurcht wohnt überhaupt nur bei den armen und geringen Leuten, die haben sie als ein ordentliches Privilegium und wie ein Schmerzengeld, weil sie viel irdische Übel zu leiden haben; sie dürfen sich auch in ihrem Stande der Furcht des Herrn nicht schämen; sie ist ihr einziger Hausrat und bestes Einkommen. – Ich denke an alle die Sachen, weil ich Dir schon damals schrieb, lieber Bruder, daß es mir hier nicht gefalle. Jetzt geh ich nun in keine Komödie, aber es tut mir auch gar nicht leid. Wenn die Leute, die da so mit Bequemlichkeit über eine Prinzessin weinen, die ihren Galan nicht heiraten soll, nur wüßten, wie viel und größeres Elend es in der Welt gibt. Aber darum wollen sie sich nicht bekümmern, und es rührt keinen, weil die armen Menschen nicht so geputzt sind, und sich nicht mit so schönen Reden aussteuern können.

Gott segne Dich und erhalte Dich gesund, denn in einigen Wochen bin ich bei Dir!

Willy, Dein Bruder.

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