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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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7
Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Ich beneide Ihnen Ihr ruhiges, anspruchloses Glück, und wünschte, ich könnte ein Zeuge davon sein, aber die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage bedenklicher wird, vernichtet alle ähnliche Pläne und Entwürfe. Sein mürrisches Wesen, mit seiner Schwachheit verbunden, der Groll, den er auf die ganze Welt geworfen hat, verderben mir alle Laune; indessen trag ich diese Schwäche des Alters gern, und sehe alles nur als eine notwendige Äußerung seiner Krankheit an. – Aber dann hat mir noch ein Brief von Lovell so alle Munterkeit, alle Energie des Herzens genommen, daß ich mich recht innig bedrängt fühle, von tausend Empfindungen angefallen, die ich bisher gar nicht kannte. Ich bemerke jetzt zuerst einen ungeheuren Irrtum, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat, der jetzt zum ersten Male in seiner ganzen Gräßlichkeit auf mich zutritt; ich fühle es, daß ich bisher einsam gelebt habe, und meinen Schatten für meinen Freund hielt, und ihn liebte; sind wir denn alle nicht vor dieser Selbsttäuschung gesichert, daß wir unsere Empfindungen in andre übertragen, und so uns nur selbst aus ihnen herauslesen? – Ich lege Ihnen Lovells Brief bei; bis jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen, ich sah im Geiste alle den jugendlichen Leichtsinn, gepaart mit der Reue und einer innern Langeweile, wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug, und mir noch poetischer schrieb, um sich selbst zu betäuben; ich sah jede Miene und Gebärde, und nahm darum nicht alles ganz so ernsthaft, wie es auf dem Papiere stand. Aber plötzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden, er hat gleichsam die ganze Larve abgenommen, und erscheint nun in seiner natürlichen Gestalt: dieser Menschenhaß, diese Verachtung seiner selbst, o sagen Sie, würden Sie zu einem solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden können? Diesen Brief kann ich unmöglich beantworten, und wozu auch die Antwort, da ich es innig fühle, daß er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat? Eine Frau, die ihren Mann geliebt hat, kann den Scheidebrief nicht mit einer tiefern Rührung betrachten, als mit der ich diesen Brief ansehe. – Ich bin voller Schmerzen und Unruhe; leben Sie recht wohl; den besten Gruß an Ihre Gattin.

 

8
William Lovell an Rosa

Rom.

Sie haben recht, Rosa, daß uns das Ungewöhnliche und Seltsame sehr oft näher liegt, als wir gemeiniglich glauben, ja, daß es oft mit dem Gewöhnlichen ganz dasselbe ist, nur daß es sich hier in einer andern Beziehung zeigt, als dort. Ich habe soeben den Brief Balders vor mir, und vergleiche ihn mit einigen Ideen meines Vaters, die er kurz vor seinem Tode niederschrieb, und ich finde, daß beide dasselbe nur mit andern Worten sagen, daß ich alles selbst schon außerordentlich oft gedacht, nur niemals ausgedrückt habe. Die verschiedenartigsten Meinungen der Menschen, zwischen denen ungeheure Klüfte befestigt scheinen, vereinigen sich wieder im Gefühle, die Worte, die äußern Kleider der Seele, sind es nur, die sie verschieden erscheinen lassen. Unsre kühnsten Gedanken, unsre frechsten Zweifel, die alles vertilgen, und gleichsam durch eine ungeheure Leere streifen, durch ein Land, das sie selbst entvölkert haben, beugen sich wieder unter einem Gefühle, das die verlaßne Wüste anbaut. Die verschiedenen Gedankensysteme der Menschen sind nur zufällige Kunstwerke, die jeder sich so oder so aufbaut, und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt, je nachdem es ihm gutdünkt. So wie dieser die Tragödie, jener die Komödie liebt, ein andrer das lyrische, ein andrer das didaktische Gedicht; so macht sich der eine die stoische, der andre die epikurische Philosophie zu eigen: aber alles sind nur die Außenwerke des Menschen, das Gefühl ist er selbst, das Gefühl ist die Seele, der Geist, die Philosophie der Buchstabe dieses Geistes; tote Zeichenschrift, wenn der Mensch sich nicht am Ende über alle Philosophie und Systeme, selbst über das System der Systemlosigkeit erhebt. Dieses Gefühl stößt so Zweifel als Gewißheit um, es sucht und bedarf keiner Worte, sondern befriedigt sich in sich selbst, und der Mensch, der auf diesen Punkt gekommen ist, kehrt zu irgendeinem Glauben zurück, denn Glaube und Gefühl ist eins: so wird selbst der wildeste Freigeist am Ende religiös, ja er kann selbst das werden, was die Menschen gewöhnlich einen Schwärmer nennen, und wobei sich die meisten, die das Wort aussprechen, nichts denken. Irgendein Glaube drängt sich der Seele auf, bei allen Menschen ein und ebenderselbe, nur erscheint er verschieden, weil ihn die grobe, unbeholfene Sprache entstellt. – Und wenn es kein Gefühl in uns geben kann, das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist, das nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert, so läßt sich aus dem Hange zum Wunderbaren gewiß weit mehr folgern, als man bisher getan hat. Das Bewußtsein unsrer Seele und der tiefe innige Wunsch nach Unsterblichkeit, das Gefühl, das uns in ferne unbekannte Regionen hinüberdrängt, so daß wir uns eine Nichtexistenz gar nicht denken können, diese Gefühle sprechen am lautesten und innigsten für das Dasein der Seele, so wie für ihre Fortdauer. – Aber wenn ich nun diesen überzeugendsten von allen Beweisen auch auf die Existenz der Gespenster, auf das Dasein von ungeheuren Wundern und Schrecklichkeiten anwenden wollte? Und lasse ich ihn hier fallen, so fällt er dort von selbst. – Und was nennen wir denn Wunder? Die Menschen bezeichnen damit bloß das Ungewöhnliche, nicht das an sich Wunderbare, denn in manchen Stunden könnt ich mich vor einem Baume, einem Tiere, ja vor mir selbst innerlich entsetzen. – Wer sind die fremden Gestalten, die mich umgeben und so bekannt mit mir tun? Mein Auge hat sich von meiner Kindheit an sie gewöhnt, und mein Sinn sich vertraulich an ihre Formen geschmiegt; aber wenn ich diese Bekanntschaft aufhebe, und sie mir als neu und zum ersten Male gefunden vorstelle? – O und wer bin ich selbst? – Wer ist das Wesen, das aus mir heraus spricht? Wer das Unbegreifliche, das die Glieder meines Körpers regiert? Oft kommt mir mein Arm, wie der eines Fremden entgegen; ich erschrak neulich heftig, als ich über eine Sache denken wollte, und plötzlich meine kalte Hand an meiner heißen Stirn fühlte. – Ich erinnre mich aus meiner Kindheit, daß uns die weite Natur mit ihren Bergen in der Ferne, mit dem hohen gewölbten blauen Himmel, mit den tausend belebten Gegenständen wie mit einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der Natur unserm Geiste vorüber, und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an, die wankenden Bäume sprechen in verständlichen Tönen zu uns, und es ist, als wollte sich das ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt; wir wagen es nicht den großen Moment abzuwarten, sondern entfliehn, ohne hinter uns zu sehen, und halten uns an einer von den tausend Kindereien fest, die uns in den gewöhnlichen Stunden interessieren. – Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmächtig fällt mein Geist zu Boden, und die Gewöhnlichkeit kehrt an ihre Stelle zurück. In uns selber sind wir gefangen und mit Ketten zurückgehalten; der Tod zerreißt vielleicht die Fesseln, und die Seele des Menschen wird geboren. –

Aber sagen Sie mir, Rosa, warum mir sonst diese Gedanken fernblieben, ob sie gleich in mir lagen? Warum ich Balders Worte damals nicht verstand, ob sie ihm gleich im stillen mein Geist nachsprach, so wie er sie schon lange vor ihm so gesprochen hatte? Warum sind wir uns selbst oft so fremd, und das Nächste in uns so fern? Wir sehn oft in uns hinein, wie durch ein künstlich verkleinerndes Glas, das die Hand, die ich mir vorhalte, tausendmal kleiner macht, und wie auf hundert Fuß von mir entrückt. –

 

9
Rosa an William Lovell

Rom.

Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten, lieber Freund, daß Sie mit meiner Antwort zufrieden sein werden. Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im Menschen wie zwei Zirkel herum, die sich in einem Punkte berühren, an diesem wissen wir nicht zu unterscheiden, was Idee und Gefühl ist, und wir halten uns dann für vollendet. Die Zirkel drehn sich weiter, und wir glauben uns dann wieder verständiger, weil wir beides zu sondern wissen. Der Mensch ist sich selbst so rätselhaft, daß er entweder gar nicht über sich nachdenken, oder aus diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muß: wer in der Mitte stehenbleibt, fühlt sich unbefriedigt und unglücklich. – Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen nach, und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinthe, je mehr ich nachsinne. So viel ist gewiß, daß wir gewöhnlich viel zu sehr den gegenwärtigen Moment vor Augen haben, und darüber unser ganzes voriges Leben außer acht lassen; die gegenwärtige Empfindung verschlingt alle früheren, und die jetzige Idee macht, daß uns alle vorhergehenden nicht mehr als Ideen, sondern als kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen. Daher leugnen wir uns so oft unsre innerste Überzeugung ab; und so wie der Mörder den noch halbbelebten Leichnam ängstlich mit Erde bedeckt, so verscharren wir mutwillig Empfindungen, die sich in uns zum Bewußtsein emporarbeiten wollen. – Oh, wenn wir doch Teleskope erfinden könnten, um in das tiefe Firmament unsrer Seele zu schauen, die Milchstraße der Ahndungen zu beobachten, die nie unserm eigentlichen Geiste näherrücken, sondern wie Nebelflor die Sonne in uns verdunkeln, ohne daß man sagen kann: jetzt geschieht es!

Die Träume sind vielleicht unsre höchste Philosophie, die Schlüsse der Schwärmer sind für uns deswegen vielleicht unverständlich und lückenvoll, weil wir es nicht begreifen, wie in ihnen Vernunft und Gefühl vereinigt ist. So kömmt mir das jetzt ehrwürdig vor, was ich noch vor einem halben Jahre belachte, und ich möchte jetzt manchmal über das lächeln, was mir damals so wichtig erschien. – Es ist nichts in uns Festes, lieber William, mit unsrer veränderten Nahrung werden wir andere Menschen; je nachdem unser Blut schnell oder langsam fließt, sind wir ernsthaft oder lustig; sollten alle diese Erscheinungen von gar keinem Gesetze in oder außer uns abhängen, wie wenig Wert hätten dann die jedesmaligen Resultate! – Doch oft scheint das äußerlich Zufall, was eine lange berechnete innerliche Notwendigkeit war; und so gleicht der Mensch vielleicht den Trauerspielen Ihres Shakespeare, wo, wie Sie mir selber gesagt haben, der Schluß so oft von einem plötzlich eintretenden Vorfalle abzuhängen scheint, da er doch schon in den ersten Versen des Stücks, in allen Kombinationen gegründet liegt, und daher notwendig war.

Wir übersehn immer nur die Stelle unsers Lebens, auf der wir stehn, und alle unsre Gedanken, Empfindungen und Handlungen sind nur auf dieser Stelle einheimisch, jeder steht anders, alle Gesinnungen brechen sich in verschiedenen Richtungen, und laufen nur für den geradeaus, in dem sie sind; daher wollen wir, wenn wir nichts anders sein können, nachsichtig sein, und nicht den Nachbar beurteilen und tadeln, der uns von unserm Standpunkte vielleicht in einer seltsamen Verkürzung erscheint. –

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